Gebt mir die Zeit zurück!

Heute hat mir meine Schule sechs Stunden Lebenszeit geraubt.

Die ersten drei Schulstunden kam die Fachlehrerin nicht. Dann hatten wir eine Stunde Reliunterricht, was aus zwei Versen und einem Monolog über selbige bestand. Danach eine Stunde Bibliothek, was ein Synomym für „Wir wissen nicht, wie wir euch beschäfigen sollen, aber ihr müsst trotzdem in der Schule sein“ ist und schließlich drei Stunden Physik/Chemie, die so genutzt wurden, dass alle Hefte eingesammelt wurden und die Lehrerin sie alle begutachtete und unterschrieb – 120 Minuten lang!

Ich versuchte Gespräche zu führen, aber es gelang nicht. Ich wollte die Sekunden zählen, die vergingen, aber bei 124 gab ich auf. Ich versuchte es zu genießen, da ich mich lange nicht mehr so sehr langweilen werde können, aber ich konnte dem nichts Positives abgewinnen. Schlafen konnte ich nicht, weil es zu laut war und wachen wollte ich nicht, weil ich dann die schreckliche Wirklichkeit betrachten müsste:

Ich war der einzige Nichtfatalist im Raum und verzweifelte an meinem Schicksal.

Schweinegrippeüberlebender

*Ironie an*

Überlebender der Schweinegrippe

Neueste Erkenntnisse zeigen: diejenigen, die die Schweinegrippe überleben tragen schwere Nachwirkungen davon.

Einige offizielle Stellen warnen vor der Schweinegrippe und bitten die Infizierten nie mehr das Haus zu verlassen.

*Ironie aus*

Ist das angesichts von Toten aufgrund dieser Krankheit jetzt unlustig? Pietätlos? Makaber?

Bääh

Manchmal zweifle ich an der Vollkommenheit der Schöpfung.

Mein Blasenfuß

So zum Beispiel heute als ich herausfand, was die ekligen Blasen an meinen Füßen wirklich waren: Brutplätze für Tunga penetrans – gemeinhin auch Sandflöhe genannt. Das Weibchen legt seine Eier in die Haut, wo sie dann vom Männchen befruchtet werden – also bin ich Stundenhotel und Krippe in einem.

Anscheinend habe ich die mir zugezogen, als ich einem alten Mann aus der Nachbarschaft Essen gebracht habe.

Robert hatte die große Freude sie mir aus dem Fuß zu pulen, während ich jammerte und versuchte an angenehmere Dinge zu denken – wie zum Beispiel nicht mit einer Pinzette im Fuß herumgestochert zu kriegen, während Joel, Martin und Ana mich fragen, ob es weh tut.

JA, das hat es.

Es bleibt abzuwarten, ob alles rauskam, oder ich weiterhin Flohkindergarten bin.

Milch und Steine

In siegestrunkener Stimmung kamen wir aus dem Stadion heraus und besangen den Tod Cerros.

Die Straßenhändler standen bei ihren Thermoboxen gefüllt mit Brahma (eine Biersorte) und riefen: „Milch! Milch!“, weil sie keine Ausschenkgenehmigung haben und die Polizisten standen ungerührt daneben.

Wir zogen durch die Straßen und ich musste zusammen mit seiner Freundin den Paraguayer zurückhalten, wenn ein Cerrista vorbeikam – Warum sind sie eigentlich so aggressiv, vor allem wo sie doch gewonnen haben?! Im Bus schließlich waren zum Glück keine Fans der Gegenseite, sondern nur Gewinner und diese taten ihre Freude allen kund, indem sie laut sangen und dazu gegen das Dach des Busses schlugen.

Ich versuchte weiter die Fanatiker zu beruhigen, wenn sie einen rot-blauen Fanatiker sahen, als mein paraguayischer Freund rief: „Der hat einen Stein!“

Alle duckten sich außer ihm selbst, Glas klirrte und er hielt sich den Kopf.

Es war ein 10 cm langer, flacher Stein – die älteste Waffe der Menschheit.

Zum Glück blutete es nicht…

Aber den Zusammenhang zwischen seiner verbalen und der im Stein manifestierten Gewalt wollten meine Begleiter nicht erkennen.

El clasico, zum zweiten

Nach dem anstrengenden Samstag war am Sonntag auch noch das Clasico: Das Zusammentreffen von Olimpia und Cerro.

Also war ich wieder einmal im Stadion (das zweite Mal in Paraguay, das zweite Mal in meinem Leben).

Beim Tickets kaufen vom Straßenhändler hätten wir fast 80.000 Guarinies gespart: zwei Schwarzhändler rannten in unterschiedliche Richtungen mit meinem Geld weg, um es zu wechseln und gaben jedes Mal Wechselgeld. Aber sie kamen dahinter, umzingelten uns, und erlösten mich von meinen Gewissensbissen.

Im Stadion gings mal wieder fröhich ab, bei der Gegenseite nicht so: es gab eine riesige Schlägerei im Lager der Cerristas und die Polizei musste aufmarschieren, mit Helm und Schild.

Das 1:0 fiel für Olimpia in der ersten Halbzeit, während ich über meinen steifen Hals und Rückenschmerzen von gestern klagte; das Ausgleichstor bekam ich mit, aber beim Mitteilen der Nachricht an Robert via SMS, verpasste ich das gleich darauf folgende 2:1 von Olimpia!

Dieser Spielstand blieb bis zum Abpfiff, unser Lager war am Durchdrehen vor Freude.

Theokratie

Am Samstag war ich mit einem Freund aus der Gemeinde in Teocracia einer Metalgemeinde in Asunción.

Ein kleiner schwarz angestrichener Raum ist ihr Gottesdienstraum, vorne ein Bild: ein Krieger lässt seine Axt fallen und kniet vor zwei Händen, die einen siebenarmigen Leuchter halten, es fließt Blut herunter – man gab mir die Erklärung, es sei die Bekehrung. Aha.

Die Mehrheit der Besucher hat zumindest schulterlanges Haar und schwarze Kleidung. Um nicht aufzufallen, war ich mit meinem KORN-T-Shirt gekommen, weshalb mich ein schwarz gekleideter ansprach und mit mir über Jesus sprach, wie der sein Leben verändert hatte: Vorher war er auch KORN-Fan gewesen, aber jetzt sei er Fan von Jesus.

Er war ziemlich erstaunt als ich sagte, dass sei ich auch.

Dann fing der Gottesdienst an; sie sangen diesselben Lieder wie alle anderen, nur rockiger. Nach dem Gottesdienst war ein Konzert mit verschiedenen Gruppen aus Asunción; vierzig Leute waren da und es war laut. 😛
Auch wenn Theokratie von der Welt oft als Herrschaft des Klerus verstanden wird und Iran als Beispiel genannt wird, gefiel mir Teocracia – und die echte Theokratie als Anarchie der Menschen und Herrschaft Gottes.

Hier ihre Webseite.

Kommentiert!

Nachdem ich die Kommentare freigegeben hatte wurde ich von Werbung für Viagra und illegale Drogen überhäuft. Tausende von gelöschten SPAM später, installierte ich ein Captcha, das diese Kommentare auch effektiv abblockte, und jeden anderen Kommentar, da man dort einen „Security-Code“ eingeben sollte, den man nirgends sehen konnte.

Um dieses Problem zu beheben, deaktivierte ich das erste Captcha und installierte ein Neues. Das alte wollte aber nicht in den Ruhestand treten und man konnte weiterhin keine Kommentare mehr angeben.

Jetzt habe ich eine neue Version von wordpress installiert und alles funktioniert. Man muss nur zur Sicherheit eine kleine Rechenaufgabe lösen.

Warum können eigentlich Computer, also Rechner, die nicht auch lösen???

Nachfahre von Ältester Hübert

Auch ich bekam bei dem Mittagessen meine Geschichtsstunde:

Ein Vorfahr von mir war Ältester Hübert (nicht der älteste Hübert, sondern Ältester Hübert, ein Ältester ist so was wie ein Gemeinderat, er muss noch nicht mal alt sein oder männlich), der dafür ins Gefängnis kam, dass er eine Russin als Erwachsene getauft hatte, später kam dann heraus, dass er es gar nicht gewesen war, er hatte wohlweislich den Mund gehalten und war für jemand anderen ins Gefängnis gegangen. Mit dieser Tat wurde er dann zu einem der Gründer der Mennonitenbrüdergemeinden, einer unzähligen Untergruppe der Mennoniten, die heute eigentlich ziemlich dasselbe ist. Wer dem widerspricht möge doch bitte in einem Kommentar die Unterschiede darlegen.

Ich sollte mich vielleicht ein wenig eingehender mit meiner Familiengeschichte befassen, ich weiß gar nichts, aber ich bin ja auch nicht im Hübertbuch (man beachte den Preis!), dass die meine Verwandschaft mütterlicherseits schön beleuchtet.

Benno Ohneschuld

Dieses Wochenende war ich zum ersten Mal in der Concordia in Asunción, der einzigen deutschsprachigen Mennogemeinde in Asunción. Der Gottesdienst war so deutsch, dass ich zwischendurch vergaß, dass ich in Paraguay war: diesselben Lieder, das Gesangbuch war in Deutschland gedruckt, der ganze Gottesdienst war auf deutsch. Ich schwanke immer noch das Erlebnis zu bewerten: Heimaturlaub oder Einblick in eine Parallelgesellschaft?

Nach dem Gottesdienst war ich bei meines der Familie der Emailfreundin meines Vaters zum Mittagessen eingeladen. Ich war schon einmal dagewesen und freute mich sehr ihre Gastfreundschaft annehmen zu können. Zu meinen Ehren gab es Borscht, ein russisches Essen, das während der Zeit im Zarenreich ins mennonitische Kochbuch einging; ich kenne all die mennonitischen Speisen nicht und so war es für mich wieder etwas ganz Neues.

Beim Essen lernte ich auch den Mann kennen, dessen lateinische Doktorarbeit ich schon bewundert hatte als ich in noch gar nicht kannte. Er sprach mich die ganze Zeit mit Benno an, nach ein paar zögerlichen Versuchen, darzulegen, dass ich sonst Benni, Benjamin, Ben, oder hier auch Benja (spanisch ausgesprochen) gerufen wurde, nahm ich meinen neuen Namen an und sogleich erfuhr ich auch den Grund warum ich für ihn so hieß:

Er: Dein Vater war ja einer von den Studenten.

Ich: Ja.

Er: Bist du dann vielleicht nach diesem Benno Ohneschuld benannt?

Ich: Den kenne ich ehrlich gesagt nicht.

Er: Na, dieser Benno Ohneschuld, dieser Student, der da erschossen wurde!

Ich: Ach so, Benno Ohnesorg. Das weiß ich gar nicht so genau… noch nie drüber nachgedacht.

Daraufhin mussten wir den erwachsenen Kindern, die in deutscher Geschichte nicht so bewandert waren, erklären wer Benno Ohnesorg war, dass er auf einer Demo gegen den Schah (Wer war denn der Schah?) von einem Polizisten namens Kurras erschossen wurde, so die Studentenrevolte radikalisiert wurde und dass vor kurzem entdeckt wurde, dass dieser bürgerliche Kurras ein Stasiagent war, weshalb die Frage im raum steht, welchem Herrn er denn nun gedient hat.

Benno Ohneschuld – Das Opferlamm der 68er?

und

Bin ich nach ihm benannt?

Brrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr!!!

Es ist kalt geworden, hier in Paraguay. Es sind Temperaturen wie in Deutschland in einem milden Herbst. Hört sich ja gar nicht so schlimm an, Temperaturen von 10°C-15°C sind ja mit Pullover und vielleicht einer Jacke auszuhalten.

Denkste.

Nur gibt es in Paraguay keine isolierten Häuser, von Heizungen kann ich in bitterkalten Nächten träumen. Morgens gehe ich mit mindestens drei Kleidungsschichten zur Schule, sitze zitternd im Klassenzimmer – was die einzige Bewegung ist, um mich aufzuwärmen –  und meine Kollegen wundern sich, dass ich friere, wo ich doch aus dem hohen Norden komme.

Im hohen Norden ist jetzt Sommer und trotzdem haben sie manchmal Heizungen an!