Abschiedsgedanken

Viele wissen irgendwie schon, dass ich in die USA gehen will, aber es gibt wohl sehr unterschiedliche Wissensstände, weshalb ich die Gelegenheit nutzen wollte, hier was zu schreiben (um dann voraussichtlich im persönlichen Gespräch alles nochmal erklären zu müssen).

Ab 1. September werde ich in Elkhart am Anabaptist Mennonite Biblical Seminary einen dreijährigen Master in Theologie machen. Das war schon lange ein Traum von mir, von dem ich nie sicher war, ob daraus mal mehr als ein Traum werden würde. Anfang dieses Jahres habe ich mich aber endlich getraut, zu fragen und fand überall offene Türen. Ich bin Gott dankbar, dass die Studienstiftung des deutschen Volkes fast das ganze Studium finanziert und die meisten Stolpersteine aus dem Weg geräumt sind.

Bis ich am 29. August nach Chicago fliege steht noch einiges an: Ich schließe mein Studium hier mit der Zwischenprüfung ab, die zwar eigentlich kein Bachelor ist, aber irgendwie funktioniert es zum Glück. Außerdem bin ich Mitte August bei der „Friedenszeit“ auf Lesbos. Auf dieser Freizeit des juwe und des Deutschen Mennonitischen Friedenskomittee wollen fragen, was es heißt, heute Friedenskirche zu sein und im Kontext der Abschottung Europas, dem Flüchtling Jesus nachzufolgen. Dieses Projekt ist schon lange in Arbeit und ich freue mich, daran beteiligt sein zu können, aber auch darauf muss ich mich noch vorbereiten. Und dann gibt es noch viele kleinere Sachen wie Visa und Umzug zu regeln.

Ich freue mich sehr auf das Studium in Elkhart. In vier Jahren Studium in Heidelberg habe ich viel gelernt, das mich wohl weiter prägen wird. Gleichzeitig bin ich gespannt auf neue Profs und Kommiliton*innen, auf Friedenstheologie und darauf, wie es ist, eben nicht mehr der einzige Mennonit zu sein – aber dafür vielleicht der einzige Europäer und Deutscher. Neue Kontexte bringen neue Fragen mit sich und werfen alte Gewissheiten und Frontstellungen über den Haufen. Darauf freue ich mich.

Notgedrungen denke ich zurzeit viel darüber nach, was ich mitnehmen möchte nach Nordamerika. Zwar habe ich fast 50 Kilogramm Freigepäck, aber Bücher sind schwer und Brettspiele klobig. Die Erfahrungen aber, die ich hier gemacht habe, nehme ich mit mir mit. Dabei denke ich besonders auch an die Gemeinde, in der ich aufgewachsen bin und getauft wurde und zuerst erfuhr, was es heißt mündiges Glied im Leib Christi zu sein. Diese Gemeinde, in der ich wachsen durfte, mich an Problemen abarbeiten konnte und stets Freiraum hatte, meine Worte zu suchen, auch wenn ich dafür aus dem Gottesdienst stürmen musste.

Ich plane nicht wirklich lange im Voraus. Mein Horizont ist zur Zeit dieses Studium und wer weiß was danach kommt. Ich denke zur Zeit oft an den Satz Bilbo Beutlins:

„Es ist eine gefährliche Sache Frodo, aus deiner Haustür hinauszugehen. Du betrittst die Straße und wenn du nicht auf deine Füße aufpasst, kann man nicht wissen, wohin sie dich tragen.“ Bilbo Beutlin

In diesem Sinne, ich hoffe wir sehen uns noch und auf Wiedersehen!

Raum schaffen und nehmen (Gemeinde und junge Erwachsene)

In diesem Text versuche ich die Erfahrungen aus dem Weltjugendgipfel für Gemeinden und das Verhältnis der Generationen fruchtbar zu machen. Der Text ist zuerst für die Herbsttagung des Jugendwerks Süddeutscher Mennonitengemeinden 2015 entstanden.
Mein ausführlicher Bericht findet sich hier: Bericht des Delegierten der AMG zum Jugendgipfel und zur Twentour.

Im Sommer 2015 bin ich als Delegierter der AMG für den Jugendgipfel mit elf anderen Mennos aus Deutschland und der Schweiz nach Harrisburg, USA gefahren und will kurz von ein paar Momenten beim Jugendgipfel erzählen, in denen für mich deutlich wurde, was Raum schaffen heißen kann.

Wenn ihr mehr zur Twentour hören wollt – schaut in unseren Blog, an dem sich fast alle Mitreisenden beteiligt haben.

Am Wochenende vor der Weltkonferenz gab es mit dem globalen Jugendgipfel einen eigenen Raum für junge Mennos. 700 Jugendliche aus sechs Kontinenten kamen im Messiah College zusammen, um in verschiedenen Sprachen Gott zu loben, Gleichaltrige aus aller Welt zu treffen und über die Gaben junger Menschen für die weltweite Kirche zu reden.

Es war begeisternd mit so vielen jungen Leuten zu sein, denen man nicht erklären muss, was Mennos sind, sondern sich darüber austauschen kann, was diese Identität für uns jeweils bedeutet. Dabei entdeckten wir in aller Vielfalt auch überraschende Gemeinsamkeiten.
Aber es war auch herausfordernd zu merken, wie unterschiedlich unsere Überzeugungen teilweise sind.

Marc Pasques, der Europäer im Vorbereitungsteam des Jugendgipfels, beschrieb seine größte Einsicht aus den sechs Jahren Vorbereitung als Frage:

Wie gehe ich damit um, wenn meine Geschwister sich zu etwas berufen fühlen, dass ich nicht nachvollziehen kann, ja sogar ablehne?

Diese Frage beschäftigt mich immer noch, aber der Jugendgipfel und die Weltkonferenz haben mir gezeigt, dass es tatsächlich möglich ist, wenn wir den Dialog suchen, unbequeme Fragen ansprechen, dem anderen wirklich zuhören und uns selbst verletzlich machen.

Ein Beispiel dafür waren die Gottesdienste beim Jugendgipfel. Die fünf Gottesdienste wurden von den Delegierten der einzelnen Kontinente gestaltet.
Das war ein Freiraum, um auszudrücken was wir als Kontinent den anderen mitgeben wollen
Im Europäischen Gottesdienst gab jede von uns Delegierten einen kurzen Input über ungewöhnliche Gaben, die auf uns zukommen und die wir durch unsere Reaktion in gewisser Weise erst zur Gabe machen.
Judit aus Spanien sprach z.B. über die Wirtschaftskrise als Gabe, in der ihre Gemeinde lernte, einander zu unterstützen und auch über die Gemeinde hinaus Menschen mit Brot für Körper, Hirn und Seele zu versorgen.

Aber die Gottesdienste waren auch eine Lektion darin, Spannung auszuhalten. Wo wir Europäer ohne drüber nachzudenken uns selbst ermächtigt hatten, zu predigen, wurden bei allen anderen Gottesdiensten Geschwister eingeladen zu predigen, die mindestens doppelt so alt wie der Durchschnitt der Teilnehmenden waren.
Nicht dass ich falsch verstanden werde, die Predigenden hatten uns etwas zu sagen – aber die Frage ist, ob ein Jugendgipfel der Ort ist, dies zu sagen. Weil egal was gesagt wird, auch eine andere Botschaft ankommt: Ihr könnt das noch nicht.

Wir Jungen hören so oft die Worte älterer Geschwister, die uns Weisheit mit auf den Weg geben.
Und hier war die Gelegenheit für Delegierte, die seit Jahren in ihren Jugendgruppen engagiert sind, einen lebendigen Glauben haben und uns viel zu sagen haben, selbst das Wort zu ergreifen!
Wie ermächtigend wäre es für Teilnehmende gewesen, die sich fragen von anderen jungen Leute die Bibel auszugelegt bekommen!
Bei der Weltkonferenz wurde mit den Antworten der jungen täuferischen SprecherInnen genau das vorgelebt – und es war für viele, nicht nur junge Leute der inspirierende Teil des Programms.

ABER: Es war nicht mein Gottesdienst, sondern der der anderen und ich musste üben, ihre Vorbereitung wertzuschätzen und wirklich zuzuhören, was sie uns sagen wollten.
Und wenn ich hinhörte, bemerkte ich wunderschönes und ermächtigendes in den anderen Gottesdiensten. Z.B. wurde im asiatischen Gottesdienst am deutlichsten, was es heißt eine Friedenskirche zu sein, als wir Briefe an Sang-Min-Lee schrieben, der als Mennonit in Südkorea den Kriegsdienst verweigert hat und dafür 15 Monate im Gefängnis saß und mittlerweile freigelassen wurde. Dank sei Gott.

Den ganzen Jugendgipfel und die Weltkonferenz über redete ich mit Leuten über Menno-Sein in ihrem Kontext und erlebte es als große Gnade von ihnen zu lernen, mit ihnen zu klagen und mich zu freuen. Vor lauter interessanten Gesprächen kam ich während der Woche kaum zum Essen oder Schlafen.

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In den Delegiertensessions führten wir Gespräche zu Gaben, Teilen und Berufung in kontinentalen und interkontinentalen Gruppen.
Auch hier war Selbstorganisation gefragt. Wie kriegt man es hin, dass sich alle beteiligen können – trotz Sprachbarrieren, unterschiedlichen Arten zu kommunizieren und begrenzter Zeit?
Thaddäus der Tiger diente uns als „Redetiger“ und Moderator.

In der Vielfalt unserer Erfahrungen erlebten wir eine Dynamik sehr ähnlich.
Junge Leute sind begeistert und haben neue Ideen, die sie umsetzen wollen.
Leider werden sie von der Gemeinde, bzw. Den Älteren in der Gemeinde, die die Entscheidungen treffen oft nicht verstanden, als naiv abgetan oder diese fühlen sich sogar bedroht.
Eine Delegierte aus Südamerika erzählte, wie sie als Jugendliche die Vision hatten, raus zu den Straßenkids zu gehen, sie kennenzulernen und ein missionarisches Jugendangebot für sie zu beginnen. Aber die Ältesten hatten Angst um ihre Kinder, die dadurch in Kontakt mit Drogen und Gewalt kommen würden und verboten es.
Die Furcht ist natürlich berechtigt, aber die Ablehnung führte dazu, dass die Jugendliche sich selbst abgelehnt fühlten und einige kaum noch Bezug zu dieser Gemeinde haben.
Manche von ihnen verwirklichten ihren Traum in einer anderen Gemeinde und andere haben keinen Bezug mehr zu irgendeiner Gemeinde mehr.
Beides kennen wir auch hier in Deutschland auch wenn es bei uns meist subtiler abläuft.

Räume schaffen heißt für manche, Verantwortung und Kontrolle abzugeben. Vielleicht heißt das manchmal sogar, Platz zu machen, obwohl noch nicht klar ist, wer nachrücken wird. Manchmal habe ich den Eindruck, dass manches bei uns so gut läuft, dass junge Leute meinen, sie werden gar nicht gebraucht.
Für junge Leute in unseren Gemeinden ist es aber dran, Verantwortung zu übernehmen.
Damit Menschen Verantwortung übernehmen müssen sie zuerst einmal das Gefühl haben, wirklich Teil der Gemeinschaft zu sein – und nicht nur z.B. der Jugendgruppe.
Dieses Gefühl wächst da, wo man etwas eigenes einbringen und gestalten kann. Wo man das Gefühl hat, gehört, ja gebraucht zu werden, und mitentscheiden zu können.
Eigentlich sollten bei uns spätestens mit der Taufe alle gleichberechtigt mitreden dürfen – aber leider ist das eine der Dimensionen von Erwachsenentaufe, die oft übersehen wird.
Wie viele getaufte Jugendliche und junge Erwachsene kommen zu euren Gemeindeversammlungen und werden wirklich gehört?

Beim Jugendgipfel und bei der Weltkonferenz habe ich erlebt, wie ermächtigend es ist, wenn Raum für mich ist und ich diesen mitgestalten kann und soll. Und bei meinen Mitreisenden konnte ich dasselbe beobachten und sehen, wie in diesem Prozess auch der Raum für andere wächst. Das Wünsche ich mir auch für unsere Gemeinden.
Das Juwe ist hierfür ein gelungenes Beispiel: Hier findet sich die richtige Mischung an Schulung, Eigenverantwortung und Unterstützung, die junge Menschen ermächtigt. Gleichzeitig steht Jugendarbeit immer in Gefahr sich zu verselbstständigen und den Bezug zur intergenerationellen Gemeinde zu verlieren.
Denn von denen
Aber wieviele kommen zu Gemeindeversammlungen und werden dort gehört? Oder zu den theologischen Studientagen oder der Herbsttagung des Mennonitischen Friedenszentrums Berlin und des Deutschen Mennonitischen Friedenskommittees?
Das sind auch unsere Konferenzen und Netzwerke. Einerseits hoffe ich, dass Gemeinden als Ganzes ihren jungen Leuten Raum geben, ihnen zuhören und Verantwortung an sie abgeben – aber ich denke auch, dass wir Jungen uns oft selbst im Weg stehen.
Wir müssen unsere Stimmen erheben, wenn wir gehört werden wollen. Und wir müssen auftauchen, wenn wir einen Platz haben wollen.

Gleichzeitig sind Gemeinden in der Verantwortung, dies proaktiv zu gestalten. Allein schon, um den Generationenwechsel anzugehen. Das heißt auch, das Leute die Jahrzehnte gute Arbeit geleistet haben, lernen müssen, Abschied zu nehmen, andere zu ermutigen und den Platz wirklich freizumachen und die Spannung auszuhalten, dass manches anders wird.

Von Lesbos bis Calais – wachsende Zäune und Gastfreundschaft, die Mauern niederreißt

In den letzten Jahren sind aufgrund alter und neuer Kriege, aufgrund des Klimawandels und ungerechter Wirtschaftsbeziehungen immer mehr Menschen aufgebrochen, um in Europa ein Leben in Sicherheit und Wohlstand zu finden. Während früher die Nachrichten von Ertrunkenen unangenehm waren, aber verdrängt werden konnten, kann spätestens seit dem letzten Sommer niemand mehr die Augen vor der Not der Menschen auf der Flucht verschließen und die Frage, „Was sollen wir tun?“ drängt sich allen auf.
Die Reaktionen sind vielfältig und in der medialen Repräsentation wechselhaft.
Im Sommer konnte man fast den Eindruck gewinnen, ganz Deutschland sagt „refugees welcome“, jetzt wirkt es, als ob es nur noch fremdenfeindliche Mobs gibt.
Die Wirklichkeit ist natürlich komplexer, aber doch ist es auch ein Ringen um Deutungsmacht.
Und die Macht der Deutung ist auch die Macht, die Zukunft zu formen.

Ich selbst beschäftigte mich seit 2014 intensiv mit der Situation von Flüchtlingen in Europa.
In dieser Zeit hat vieles sich verändert. Es sind neue Kriege dazu gekommen, rechtliche Rahmen wurden erneuert, ausgesetzt und wiedereingeführt, Europa hat sich verändert, und auch ich. In diesem Text, den ich ursprünglich für den London Catholic Worker geschrieben habe, versuche ich einen Teil der Geschichten zu erzählen.

Im Sommer des Jahres 2014 begannen die christlichen Friedensstifter-Teams (CPT) ein Projekt auf der griechischen Insel Lesbos um Flüchtlinge und solidarische Gruppen zu begleiten.
Da Lesbos nur zehn Kilometer vor der türkischen Küste liegt, wagen viele Flüchtlinge hier die Überfahrt und betreten hier zum ersten Mal europäischen Boden.
Seit im Sommer 2012 die ersten größeren Gruppen von Flüchtlingen auf Lesbos ankommen gründeten sich einheimische Gruppen wie etwa das “Dorf Aller Gemeinsam”, um die Neuankömmlinge willkommen zu heißen und sie zu beherbergen bis sie weiterreisen können.

Die dritte Lektion des Griechischunterrichts: Die Verb "sein" und "haben". Ich lerne auch noch einiges, da Neugriechisch nur wenig mit dem antiken Griechisch zu tun hat.

Griechischunterricht in Pikpa im Sommer 2014

Sie gründeten das offene Lager PIKPA auf einem leerstehenden Campingplatz, wo Flüchtlinge unterkommen können, bis sie ihre Papiere erhalten.
PIKPA ist sowohl praktische humanitäre Hilfe als auch eine provokative politische Alternative zu dem stacheldrahtbewehrten “First Reception Centre” in Moria: Es ist möglich, mit minimalen Ressourcen und ohne Gewalt Flüchtlinge unterbringen und zu registrieren, indem man sie einfach als Menschen mit Würde behandelt.
Die Überforderung angesichts so vieler ankommender Menschen zwingt die Verwaltung Lesbos PIKPA zu unterstützen, da ohne solche zivilgesellschaftliche die offiziellen Instanzen komplett überfordert wären. Diese Situation konnten die Aktivisten dazu nutzen, die Verwaltung zur Übernahme der Kosten für Essensversorgung und sanitäre Anlagen zu bewegen.
In Kalloni hauchten ein orthodoxer Mönch und eine paar atheistische Marxisten einem alten Kloster neues Leben ein, indem sie dort durchkommende Flüchtlinge speisten und sie pflegten.
Trotz der erdrückenden Last der Austeritätsgesetze, Arbeitslosigkeit und einer aufsteigenden extremen Rechten, entscheiden sich Einzelne und Gemeinschaften, den Fremden willkommen zu heißen und ihnen zur Seite zu stehen.
Als christlicher Friedensstifter fühle ich mich geehrt, sie zu unterstützen und unsere Erfahrungen in Begleitungsarbeit und Menschenrechtsbeobachtung einzubringen.

Diesen Februar verbrachte ich zwei Wochen in Calais.

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Dort haben etwa fünftausend Flüchtlinge auf dem Weg nach England sich auf einer ehemaligen Müllhalde eine zeitweise Bleibe geschaffen, nachdem die Polizei sie von den verstreuten kleineren Camps vertrieben hatte. Dieser Ort wird von vielen nur „the Jungle“ – „der Dschungel“ genannt.

Ich habe in dieser Zeit viel mit Menschen geredet; über den Dschungel, über ihre Heimat und ihre Hoffnung für die Zukunft. Aber vor allem wurde ich zum Essen eingeladen und zum Tee trinken. Wir haben zusammen gelacht, über kleine Absurditäten des Lebens und über Slapstickhumor.
Wäre ich länger geblieben, hätten wir wohl auch zusammen geweint, aber so blieb es dabei, dass jeder für sich weinte.

Warum sind diese Menschen nach Calais gekommen, warum leben sie unter diesen Bedingungen und riskieren weiter ihr Leben, um im Laderaum eines LKWs oder durch den Tunnel nach England zu kommen?

Sie hoffen, von dort nach England zu kommen, um dort Asyl zu beantragen. Ihre Beweggründe sind vielfältig, ich habe folgendes gehört: einige haben Familie in England, andere mussten aufgrund ihrer Zusammenarbeit mit dem britischen Militär aus ihrer Heimat fliehen, manche glauben aufgrund ihrer Englischkenntnisse schneller Anschluss zu finden, und ja es gibt auch die ein oder andere Illusion über das Leben in England.
Und Frankreich übernimmt kaum Verantwortung für Asylsuchende. Viele von ihnen sind obdachlos, und der Kälte und der Gewalt von Rassisten schutzlos ausgeliefert.

Hunderte Freiwillige aus England und ganz Europa verwandelten gemeinsam mit den BewohnerInnen den „Dschungel“ von einer reinen Hölle auf Erden zu einem Ort, der sowohl hässlich als auch wunderschön ist und an dem menschliche Grundbedürfnisse nach Nahrung, Wärme, Beziehung und Freiraum zumindest ansatzweise befriedigt werden können.

orthodoxe Kirche im Dschungel

Leider sind die Einheimischen nicht so stark involviert wie in Lesbos und viele Flüchtlinge haben aufgrund der Gewalt rechtsextremer Banden und der Polizei Angst davor, nach Calais zu gehen.
Dennoch bilden sich auch Beziehungen und es gibt Menschen, die verstehen, dass zwar “niemand Flüchtlinge im eigenen Garten haben will, aber die Flüchtlinge wollen auch nicht da sein – sie haben nur keine Wahl”, wie Bruder Johannes vom Mere Marie Skobtsov Catholic Worker Haus in Calais sagt.

Die Regionalpräfektur hat angekündigt (und mittlerweile begonnen) das Camp zu räumen ohne tragfähige Alternativen zu bieten. Rechtlicher Einspruch gegen diese Maßnahme war erfolglos. Viele Flüchtlinge haben keinen Ort mehr, an den sie gehen können und leisten auf kreative Art Widerstand gegen die Zerstörung ihres neuen Zuhause.
Die Regierung hängt der Illusion an, dass die Menschen, die in Calais erneut ihre Heimat verlieren, einfach verschwinden werden. Und dass nächsten Sommer keine Neuankömmlinge kommen werden, die ebenso hoffen, nach England zu kommen.
In der angespannten Situation der Räumung kommt der friedlichen Präsenz von Menschen, die das Vorgehen der Polizei dokumentieren und bei Konflikten deeskalieren, eine wichtige Rolle zu.

In einer der Suppenküche traf ich Ibrahim, dem ich zuerst im Sommer 2014 auf Lesbos begegnet war. Es war eine seltsame Wiedersehen. Er freute sich mich wiederzusehen, und ich auch, aber gleichzeitig kämpfte ich mit den Tränen. Ibrahim ist nun seit zwei Jahren unterwegs, er hat Grenze nach Grenze überwunden, musste sein Leben in die Hände von Schmugglern legen und nun ist er auf die Hilfe von Freiwilligen wie mir angewiesen.
Nichtsdestotrotz ist es entschlossen, seinen Weg nach England zu finden.

Von Lesbos bis Calais, in ganz Europa stehen der Bewegung der Flüchtlinge höher werdende Zäune und Gewalt von FRONTEX, Polizei und faschistischen Bewegungen gegenüber. In Deutschland gab es im vergangenen Jahr über eintausend Angriffe auf Asylbewerberheime. Die extreme Rechte hat mit Pegida sowohl eine Bewegung, als auch in der AFD auch in Deutschland eine politische Macht errungen.
Gleichzeitig opfern zehntausende EuropäerInnen mit Papieren ihre Freizeit, um sich ehrenamtlich für Flüchtlinge einzubringen. Sie bringen den Neuankömmlingen die Landessprache bei, oder begleiten sie zu Amtsterminen oder zum Arzt. Die Freiwilligen auf Lesbos und in Calais sind lediglich die sichtbarsten Beispiele der Willkommenskultur, die parallel zum Aufstieg der extremen Rechten verläuft und mit ihr über die Deutungsmacht dieses historischen Moments ringt.

Für Menschen wie Ibrahim, für die kleinen Gemeinschaften, die Gastfreundschaft mit den Fremden üben und für uns selbst, muss die Willkommenskultur zu einer wirklichen politischen Kraft werden.

Als Gläubige erzählen wir davon, “dass einige ohne es zu wissen Engel aufgenommen haben”.
Wir glauben, dass wir selbst ein Pilgervolk sind und dass wir dem Auferstanden in den Geringsten begegnen. Wenn wir das ernst nehmen, wird es uns zur Gabe und Aufgabe, die Wirklichkeit der Gastfreundschaft in Wort und Tat zu bezeugen.

Glaube aus Trotz

Heute ist der erste Jahrestag des Genozids an den Jesiden durch Kämpfer des sogenannten „Islamischen Staats“.
Vor knapp einem Jahr habe ich in Lesbos diesen Artikel geschrieben, der im schweizerisch-mennonitischen Magazin „Perspektive“ in der Kolumne „Warum ich (noch) Christ bin“ geschrieben. Heute musste ich wieder an ihn denken, konnte immer noch dazu stehen und wollte ihn dann hier veröffentlichen.

Apologetik, die Verteidigung oder Begründung des christlichen Glauben hat mich nie besonders interessiert.
Ab und an treffe ich jemanden, der mit meinem Glauben überhaupt nichts anfangen kann und fast beleidigt ist, dass nach der Aufklärung und dem christlichen Kolonialismus irgendjemand immer noch Christ sein könnte und tatsächlich betet, zum Gottesdienst geht und Bibel liest.
In dieser Konstellation führt das Gespräch oft ins Leere, da mein Gesprächspartner kein Interesse daran hat, sich mit mir auseinanderzusetzen und in jeder Rechtfertigung des Glaubens nur einen Missionsversuch und damit Bestätigung seines Bildes sehen würde. Da verwirre ich lieber meine Gesprächspartner und sage, dass ich auch nicht an den Gott glaube, den sie beschreiben. Meine Freunde, die auch nichts mit Glauben anfangen können, fragen übrigens anders und hier kann ein Gespräch durchaus für beide bereichernd sein.

Abgesehen von dieser taktischen Schwierigkeit sehe ich aber ein grundlegendes Problem: Glaube ist für mich kein logisch begründbares System, sondern eine Perspektive, die mir geschenkt wird.

Statt ein hermetisches logisches System aufzubauen, wird in Gott in der Bibel immer wieder als ein Gott beschrieben, der in das Schicksal der Menschen eingreift und dabei ihre Vorstellungen über den Haufen wirft.

Fühlen sich die Reichen sicher in ihrem Kult, sagt Gott, dass er den Kult nicht riechen kann.
Denkt Israel, dass Gott nur für sie da ist, sagt Gott, dass er alle erwählt hat.
Erkennen sie ihre Schuld und meinen, es sich endgültig verdorben zu haben, nimmt Gott sich ihrer an und verzeiht alles.
Und dann schließlich wird Gott Mensch, der sich auch noch von den Menschen umbringen lässt.
Was ein Irrsinn!

Paulus betont immer wieder, was für ein Skandal es ist, dass Jesus am Kreuz stirbt.

„Denn die Juden fordern Zeichen und die Griechen fragen nach Weisheit, wir aber predigen den gekreuzigten Christus, den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit; denen aber, die berufen sind, Juden und Griechen, predigen wir Christus als Gottes Kraft und Gottes Weisheit. Denn die Torheit Gottes ist weiser, als die Menschen sind, und die Schwachheit Gottes ist stärker, als die Menschen sind.“ (1.Korinther 1,23)

Apologetik aber macht aus dem Skandal ein harmonisches System, in das schließlich sogar Gott hinein passt.
Darin gibt es auch noch eine Antwort auf das Leiden und Ungerechtigkeit in dieser Welt – als ob diese irgendjemand helfen würde. In der Bibel aber kritisiert Gott Hiobs Freunde, die genau das versuchen und gibt schließlich Hiob recht, der stur eine Antwort von Gott selbst fordert. Jesus gibt keine Antwort auf das Leiden, sondern heilt Menschen und befreit sie von den Kräften, die sie gefangen halten. Aber er liefert sich dem Leiden aus. Er lebt mit den Leidenden und stirbt unter Verbrechern.
Der Kreuzestod Jesu war und ist ein Skandal und keine Theologie sollte ihn so darlegen, dass er selbstverständlich wird.
Die Auferstehung macht auch nicht so einfach Sinn, denn es stehen einfach keine Leute von den Toten auf.
Wenn das so wäre, machte es ja gar keinen Sinn mehr sie umzubringen.
Dennoch glauben wir, dass Christus auferstanden ist und wir auch auferstehen werden.

Genau hier liegt meines Erachtens der Punkt. Glaube an den gekreuzigten und auferstandenen Christus macht keinen Sinn. Zumindest nicht in dieser Wirklichkeit, in der Menschen getötet werden und nicht wieder aufstehen.
Christlicher Glaube ist also ein Widerspruch gegen das, was allgemein als alternativlose Wirklichkeit gilt. Ich glaube aus Trotz, weil ich mich nicht mit all dem abfinden kann, was so offensichtlich schief läuft in dieser Welt. Ein Trotz, der sich allen Versuchen, das Leiden und Unrecht zu rechtfertigen entgegenstellt und widerspricht. Ein Trotz auch der sich mit einem bequemen Leben auf dem Rücken von anderen nicht zufrieden geben kann, sondern weiter fordert, dass es ein gutes Leben für alle geben muss.

Eine Freundin schlug vor, von „Hoffnung“ zu reden.
Dieser Begriff wird biblisch verwendet, ist positiv und erinnert nicht so an Teenager.
Ich würde gerne von Hoffnung reden, aber manchmal reicht es nur zum Trotz. Dann brauche ich Andere, die mich erinnern, dass die andere Welt schon da ist und wir in sie hineinleben können.
Im Gottesdienst meiner Wut Luft zu machen und vom einem Bruder zu hören, wie er durch die Woche kommt und all diese Dinge vor Gott zu bringen, macht es dann wieder möglich, nicht nur zu trotzen, sondern auch zu hoffen.

Eine kleine Anekdote aus dem PTS

Gestern (Dienstag) lief ich an der Pinnwand im PTS vorbei und sah, dass jemand auf das Plakat zu den Inspirationen am Abend geschrieben hatte: „Auch die Einbrecherbanden?“
Eine rhetorische Frage, die anscheinend implizieren sollte, „Einbrecherbanden“ seien egal.
Das „egal“ bezieht sich auf dem Plakat auf geflüchtete Menschen, weshalb mit dem Graffiti wohl gemeint ist, die „Einbrecherbanden“ rekrutierten sich aus dieser Menschengruppe.

Die Formulierung auf dem Plakat ist wohl auch ein Wortspiel auf den bekannten Slogan „Kein Mensch ist illegal“, wogegen sich der Autor (die Autorin) wohl positionieren wollte.
In seinem (oder ihrem) Kopf bestand da wohl ein Zusammenhang, wonach Menschen aufgrund ihrer Handlungen ihr Wesen veränderten und damit auch ihren intrinsischen Wert verlierten und daher „egal“ (oder per Implikation „illegal“ würden).
Wie man als TheologiestudentIn auf so einen Gedanken kommen kann, ist schwer nachvollziehbar.

Ich wunderte mich ein wenig, war aber in Eile und ging weiter.

Heute (Mittwoch) lief ich wieder an dem Plakat vorbei.
Es hatte sich in der Zwischenzeit verändert.

Jemand hatte den ersten Kommentar abgerissen und damit seine/ihre Meinung zu diesem Kommentar geäußert. Diese damnatio memoriae erwies sich aber nicht als erfolgreich (weswegen sie meist auch nur bei Toten angewendet wird). Neben dem neuen Loch fand sich ein neuer Kommentar in derselben Handschrift: „Angst vor der Wahrheit?“.

Wieder dieser fragende Impetus, der sich herausfordernd und kritisch gibt. Man fragt sich, ob es noch andere rhetorische Mittel gibt.

Auch dieses Mal konnte ich nicht am Plakat verweilen, ich musste weiter zum Seminar. Aber die Frage ließ mich nicht los. Habe ich etwa Angst vor der Wahrheit?
Sind die geflüchteten Menschen eigentlich nur auf unserem Reichtum aus und bilden „Einbrecherbanden“ und nehmen sich den ganz praktisch?
Ist es nur naives Gutmenschentum, diese „Wahrheit“ nicht anzunehmen, auszublenden und vor ihrer Sichtbarmachung „Angst“ zu haben?

Halt, Stopp!

Es ist doch gar nicht wahr. Die Frage ist nicht wahr, ihre Implikate sind Lügen.
Einerseits haben sie höchstens eine sehr lose Beziehung zu empirisch verifizierbaren Daten, geben sich aber in einer Form (Frage!) die sich dieser Überprüfung entzieht.
Wichtiger ist aber, dass sie von keiner Wahrheit ausgehen, insbesondere keiner die theologisch als Wahrheit zu bewerten wäre.

Bevor ich hier noch weiter schreibe – ich bin mal wieder in Eile – erzähle ich die Geschcihte kurz zu Ende. Statt den Kommentar abzureißen und damit eigenmächtig zu entscheiden, was man lesen darf und was nicht, habe ich einen eigenen Kommentar in einer Sprechblase dazugehängt.

Außerdem hängen da jetzt noch ganz viele Sprechblasen.
Vielleicht wollen sich ja noch andere an einer stillen Diskussion beteiligen und solche Thesen nicht einfach unkommentiert stehen lassen.

Ich werde alle paar Tage mal wieder vorbeigehen und die Wand dokumentieren, vielleicht kriegen wir ja unseren eigenen (politischeren) „virale Philotür„.

Und vielleicht kommen ja mehr Leute zu der Inspiration am Abend, diesen Sonntag 28.6., 19 Uhr in der Peterskirche.

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Entwurf:
Theologisch (in meinem Verständnis) als Wahrheit qualifiziert zu werden, was von Jesus Christus zeugt. In ihm hat die Wahrheit selbst Gestalt angenommen und wir haben sie verworfen. Die Wahrheit wurde von Menschen gekreuzigt und lies sich doch nicht zum Schweigen bringen. Diese Wahrheit war selbst zur Flucht gezwungen und wendete sich allen Ausgeschlossenen zu.
„So ihr bleiben werdet an meiner Rede, so seid ihr meine rechten Jünger, und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.“ Joh. 8

Jesus wird heute noch gekreuzigt

(Bitte entschuldigt die Inkohärenz dieses Textes, ich hatte keine Zeit meine Gedanken vor Ostern noch wirklich zu sortieren)

Bei meinem letzten Text wurde ich gefragt, was ich meine, wenn ich sage: „Im Umgang mit diesen ‚Geringsten‘ (Mt 25) wird Jesus heute noch gekreuzigt, …“.

Dieses Foto zeigt eine eindrückliche Form einer heutigen Kreuzigung – ein Flüchtling dessen Gliedmaßen von Polizisten unter Kontrolle gebracht werden, als er versucht den Grenzzaun bei Melilla zu überwinden, um nach Europa zu kommen.

Diese Parallele wird zum Beispiel beim seit Jahren stattfindenden Kreuzweg für die Rechte der Flüchtlinge in Hamburg (und anderswo!) gezogen, den die Basisgemeinschaft „Brot und Rosen“ mit vielen anderen kirchlichen und säkularen AkteurInnen organisiert.
In den USA verbinden Schwarze ChristInnen und ihre UnterstützerInnen den tödlichen Rassismus in Polizei und Gesellschaft mit der Passionsgeschichte Christi und organisieren eine „Holy Week of Resistance“, in der biblische Texte und liturgischen Feiern in der Öffentlichkeit für Protest mobilisiert und kreativ gedeutet werden.

Was für ein Verständnis des Kreuzes zeigt sich hier?
Das Kreuz wird hier vor dem Hintergrund heutiger Ungerechtigkeiten und Leiden gedeutet. Jesu Tod am Kreuz wird hier nicht metaphysisch als freiwilliges Opfer Gottes für sein blutrünstiges Selbst verstanden, wie in der Satisfaktionstheorie von Anselm v. Canterbury.
Stattdessen wird das Kreuz in seinem historischen Hintergrund als politische Strafe für Aufständische und entlaufene Sklaven verstanden. Etwas das Entwürdigten, die zurücksprechen angetan wird, um sie zum Schweigen zu bringen.
Das Kreuz war eine öffentliche Hinrichtung, um ein Exempel zu statuieren und Furcht und Schrecken (Terror) in den Herzen der Beherrschten wach zu halten.
Nichts anderes.
Diese Staatsgewalt ist es, die wir in dem Bild sehen und die schwarze Menschen in den USA ermordet.

Sie muss an die Öffentlichkeit gezerrt werden, nur dann können die Mächte und Gewalten entlarvt und entmachtet werden. Aber auch diese Gedanken kommen den Jüngerinnen und Jüngern nicht an Karfreitag sondern erst im Rückblick von Ostern her.

Wo ist dann das Heil?
Nicht am Kreuz, zumindest nicht nur dort sondern nur im Zusammenspiel von Kreuz und Auferstehung.
Die Auferstehung ist Gottes Bestätigung dieses Jesus von Nazareth, dieses Menschen, den alle verstoßen hatten und dessen Freunde ihn im Stich gelassen hatten. Ohne die Auferstehung wäre das Kreuz sinnlos – ein weiterer Beweis der Macht der Mächtigen und nicht erwähnenswert in ihren Geschichtsbüchern (tatsächlich berichtete ja auch kein antiker Historiker über Jesus und seinen Tod)

Aber die Auferstehung macht das Kreuz nicht ungeschehen.

Es ist der Gekreuzigte, den Gott auferweckt, und den die Jünger und alle ChristInnen nach ihnen als höchste Offenbarung von Gottes Wesen („Gottes Sohn“) bekennen.
Dieser vom mächtigsten Land der Welt mit zwei Terroristen Hingerichtete ist der Ausdruck von Gottes Liebe, und irgendwie hat er in seiner Hinrichtung auch noch die Mächte der Welt entlarvt und besiegt.

Das ist der Skandal des Kreuzes (1. Kor,1,18-25), der Juden und Heiden unverständlich war und sich auch den Jüngerinnen und Jüngern nicht einfach so erschloss. Nur eine 2000-jährige Kirchengeschichte, die größtenteils vom Versuch das Kreuz für die Mächtigen harmlos zu machen beherrscht war, macht es heute möglich, Kreuze als Schmuck um den Hals zu legen, das Leiden Christi zu als Gottes Willen zu verherrlichen und gleichzeitig weiter Menschen auszuschließen und zu unterdrücken.

Das Kreuz war nicht Gottes ewiger Plan, um seine Blutgier zu befriedigen. Die Menschen waren es die Gottes Liebe, die sich ihnen in Jesus zeigte, nicht aushalten konnten. Um Jesus ans Kreuz zu bringen, verbündeten sich jüdische religiöse Eliten mit den verhassten römischen Besatzern und dem Marionettenkönig Herodes. Die Massen liefen der Propaganda folgend hinterher und alle waren beteiligt an der Hinrichtung des einen, der lebte, so wie Gott es sich vorstellt.
Von allen verlassen und verspottet starb er und mit ihm die Hoffnung, dass eine andere Welt möglich sei.
Die Geschichte geht weiter, und wir lernen, dass der Tod nicht das letzte Wort hat.

Ich habe selbst die Auferstehung ins Spiel gebracht, was natürlich wichtig ist.
Aber manchmal wäre es gut, in der Zwischenzeit ein wenig zu verweilen..

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Postskript: Diese Auslegung des islamischen Gelehrten Omid Safi finde ich sehr passend.

Gethsemaneh in Heidelberg

(Dieser Text ist des Versuch eines Midrasch – einer erzählerisch-aktualisierende Auslegung – der Passionsgeschichte, insbesondere die Gethsemane-Episode, in Markusevangelium 14,26-52 in Verbindung mit einer nächtlichen Mahnwache vom 23. auf den 24.3.2015 vor der Asylunterkunft in der Kirchheimer Hardtstraße. Es lohnt sich beides zusammen zu lesen. Wenn du bei solchen und ähnlichen Aktionen dabei sein willst, schreib mir: bennikrauss[at]gmx.net)

gethsemanehDiese Woche verbrachte ich eine Nacht vor einer Asylunterkunft in Heidelberg, um mit circa fünfzig Menschen die Praxis nächtlicher Abschiebungen ins Licht des Tages zu ziehen und notfalls eine Abschiebung gewaltfrei zu blockieren.
Aufgerufen wurde zu der Mahnwache, weil am folgenden Tag ein Flugzeug vom Baden Airpark nach Serbien und Mazedonien fliegen sollte, voll mit Menschen die gegen ihren Willen abgeschoben wurden. Diese Abschiebungen betreffen meist Roma, die immer noch Opfer rassistischer Angriffe und struktureller Diskriminierung werden.
Ausgerechnet am Jahrestag der Deportation der Sinti und Roma in Baden-Württemberg nach Auschwitz-Birkenau sollten Angehörige dieser Volksgruppen in Länder abgeschoben werden, wo ihnen der Zugang zu gleichen Rechten verwehrt wird.
Das Datum war wohl zufällig gewählt, offenbart aber die tödliche und andauernde Geschichte des Antiziganismus (der spezifischen Diskriminierung aufgrund der Zugehörigkeit zur Ethnie der Sinti und Roma) in Deutschland, die immer noch unbewusst ist.
Abschiebungen finden nachts statt und werden oft nicht angekündigt, was einen zusätzlichen psychischen Druck ausübt und viele krank macht.
Die tiefe Unmenschlichkeit dieser Praxis wollten wir nicht unkommentiert lassen, sondern anprangern und uns ihr entgegen stellen.

Es war ziemlich kalt und ich war angespannt und verunsichert, wie die Nacht verlaufen würde. In unregelmäßigen Abständen kamen Streifenwagen vorbei, aber zu einer Konfrontation kam es nicht.
Anscheinend war in Heidelberg in dieser Nacht keine Abschiebung geplant, aber wir blieben dennoch die ganze Nacht, um sicher zu gehen und unserer Solidarität Ausdruck zu verleihen.

Dabei hatte ich viel Zeit, zu beobachten und mein Denken und Fühlen vor Gott zu bringen.
In den Wochen vor Ostern habe ich immer wieder die Gethsemane-Episode gelesen und nun fand ich mich selbst in ihr wieder.

Mitten in der Nacht wurde Jesus verhaftet, um ja keinen Aufruhr zu erzeugen. Abschiebungen finden unter anderem aus diesem Grund meist um vier Uhr morgens statt. Während Jesus aber freiwillig ans Kreuz geht, um die gewaltfreie Liebe Gottes zu den Menschen in letzter Konsequenz zu leben, ist für die Menschen, die abgeschoben werden, ihr Kreuz kein selbstgewähltes, sondern wird ihnen aufgedrückt. Hier liegt der entscheidende Unterschied zwischen den Geschichten, der für mich auch die Blockade motiviert hatte.

„Meine Seele ist betrübt bis an den Tod; bleibt hier und wachet!“

Mit diesen Worten fleht Jesus seine Jüngerinnen und Jünger an, obwohl er schon angekündigt hat, dass sie ihn alle verlassen werden. In dieser Nacht braucht er ihre Solidarität, er kann diesen Weg alleine nicht weitergehen.
Die Jüngerinnen und Jünger aber schlafen immer wieder ein, und „wissen nicht, was sie ihm antworten sollten“
Sie verstehen Jesu Weg zum Kreuz immer noch nicht, sind erschöpft und verunsichert und können in dem Moment, in dem es darauf ankommt Jesus nicht zur Seite stehen. Als Jesus schließlich mitten in der Nacht verhaftet wird, fliehen sie und Petrus verleugnet seinen Freund und Lehrer, um sich selbst zu retten.

Gethsemane wurde in dieser Nacht für mich zu einem Gleichnis für die christliche Existenz in einer Welt, in der immer noch Unzählige durch Krieg, Fremdenhass und strukturelle Benachteiligung leiden und sterben. Im Umgang mit diesen „Geringsten“ (Mt 25) wird Jesus heute noch gekreuzigt, wenn zum Beispiel Flüchtlinge in ein angeblich „sicheres Herkunftsland“ abgeschoben werden, in dem ihnen als Angehörige einer diskriminierten Minderheit aber Obdachlosigkeit, Gewalt und Rechtslosigkeit drohen.

Jesus ruft uns aus diesen Menschen zu: „Bleibt hier und wachet!“ und genauso wie Jesus in Gethsemane brauchen sie unsere Solidarität in dieser schweren Stunde.
Wachsam zu sein heißt nicht, nie zu schlafen, sondern vor allem sich nicht einschläfern zu lassen vom verschleiernden Gerede unserer Ordnung, das mit Begriffen wie „Wirtschaftsflüchtling“ und „sicheres Herkunftsland“ gleichzeitig die Geringsten kriminalisiert und die eigene Gewalt verharmlost.
Zu Bleiben heißt, die Angst und den Schmerz zu teilen, den anderen darin auch auszuhalten.
In dieser Nacht hieß es, ganz wörtlich zu bleiben und zu wachen – im Angesicht von Polizei und möglicher juristischer Verfolgung. Niemand wurde verhaftet und die Chancen, dass etwas geschieht waren minimal, aber es war schon herausfordernd, mich überhaupt der Staatsgewalt in den Weg zu stellen. So was macht man ja nicht. Und wenn doch etwas passiert?

„Wachet und betet, dass ihr nicht in Versuchung fallt! Der Geist ist willig; aber das Fleisch ist schwach.“ (Mk 14,38)

All die eigenen Ängste, die einschläfernden Beruhigungsthesen und die Erschöpfung, die das Leben in Nachfolge mit sich bringt, kommen in dieser Nacht hoch. Sie drohen uns zu überwältigen, dass wir einschlafen oder die Flucht ergreifen. Jesus rechnet damit und weckt uns immer wieder auf. Und er verweist uns auf das Gebet, um nicht in Schlaf oder Panik zu versinken.
Im Gebet können wir Gott unsere Angst und unsere Perspektivlosigkeit anvertrauen. In Gott finden wir zur Ruhe, die unsere Sinne nicht benebelt, sondern uns klar sehen lässt. Nicht von unserer sondern von Gottes Perspektive.

Es ist keine moralische Schwäche, die die Jüngerinnen und Jünger einschlafen lässt, sondern die überwältigende Mischung aus Erschöpfung, Unsicherheit, was kommen wird und ein Unverständnis, wer Jesus ist. Ich kenne diese Mischung und erlebe sie immer wieder. Es ist erleichternd, dass Jesus ihnen ihren Schlaf nicht zum Vorwurf macht, aber er braucht dennoch ihren Beistand.
Wie können wir im entscheidenden Moment Menschen beistehen?

Jesus hat seine Jüngerinnen und Jünger auf die Situation vorbereitet, in dem er immer wieder sagte, dass er in Jerusalem ans Kreuz gehen wird. Wir sollten diese Worte bedenken, wenn wir Jesus nachfolgen wollen. In Rollenspielen können wir die Situationen, in die wir uns begeben, vorher üben, um zu erfahren, was alles passieren könnte und ausprobiert zu haben, wie es sich anfühlt und was wir in einer Situation tun könnten.
Gebet steht dieser Vorbereitung nicht entgegen, vielmehr sollte sie im „beten ohne Unterlass“ (1.Thess. 5,17) geschehen. Nur so können wir den vielen Versuchung widerstehen, die uns begegnen. Neben Müdigkeit und Apathie wäre es auch eine Versuchung, einfache Feindbilder aufzubauen statt unsere Aktionen so auszurichten, dass sie unsere Widersacher herausfordern und ihnen die Möglichkeit geben, sich zu solidarisieren. Gebet hilft uns, unsere Feinde zu lieben, weil wir sie nicht nur als Feinde sehen müssen und von dieser Erkenntnis her unser Handeln bestimmen lassen. Ein ungenannter Jünger fällt in diese Versuchung und zieht bei der Verhaftung sein Schwert und haut einem Polizisten ein Ohr ab (Mk 14,47).

Wir konnten dieser Versuchung widerstehen, weil wir klare Absprachen hatten und einander vertrauen konnten. Dieses Vertrauen galt unabhängig von unseren jeweiligen Gründen hier zu sein. Ich war aufgrund meines Glaubens an die gewaltfreien Liebe Gottes da, während andere andere Motivationen hatten. Einig waren wir uns, dass Menschen ein Recht auf gutes und sicheres Leben haben und die Abschiebepraxis einen Verstoß dagegen bildet, dem wir uns widersetzen müssen.
Dies war ein Bild gelebter Einheit in Vielfalt, von der auch Gemeinden etwas lernen könnten.

Zu Beginn des Artikels habe ich den klaren Unterschied zwischen Jesu freiwilligem Weg ans Kreuz und Abschiebungen benannt. Aber was wäre geschehen, wenn die Jüngerinnen und Jünger eine Sitzblockade gemacht hätten und Jesus bis zum Schluss nicht alleine gelassen hätten? Wahrscheinlich wären sie alle gekreuzigt worden, oder? Die Frage treibt mich um.

Diese Gedanken kamen mir in der Nacht vor der Asylunterkunft, während ich fror und ungewiss wartete was passieren würde. Irgendwann ging die Sonne auf und ich erinnerte mich: Jesus hat seinen Jüngerinnen und Jüngern gesagt, dass die Geschichte weiter gehen wird, obwohl sie ihn verlassen und verraten werden, auch wenn er hingerichtet werden wird.
„Wenn ich aber auferstanden bin, will ich vor euch hingehen nach Galiläa.“ (Mk 14,28)
In dieser Hoffnung ist es mir möglich, nicht einzuschlafen und wachsam zu bleiben, und in meinem Scheitern auf den Auferstandenen zu sehen, der bei uns ist und uns vorausgeht.

Martin Luther Kings „Jenseits von Vietnam“ ist aktueller denn je

Heute abend erzähle ich bei der SMD Heidelberg über Friedenstheologie, Gewaltfreiheit und ob das alles wirklich funktionieren kann.
Statt meiner Notizen zu Walter Winks Auslegung der Bergpredigt1, zu Gene Sharps Analyse von Macht2 und ein paar Geschichten von Christian Peacemaker Teams bin ich versucht, anlässlich des Martin Luther King Day in den USA einfach diesen Zusammenschnitt seiner (wesentlich längeren) Predigt „Beyond Vietnam“ vom 4.4.1967 abzuspielen3

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Diese Rede gilt vielen als MLKs weitsichtigste und radikalste Predigt und sie enthält viele Aspekte, die in Diskussionen um Gewaltfreiheit und Antimilitarismus vorkommen sollten.
Wer MLK jenseits von „Das war doch dieser Träumer“ kennenlernen will, sollte sie anhören:

Die Adressaten sind wir selbst, nicht die Anderen (ob Kommunisten oder Muslime), es geht um unser Verhalten, unsere Involviertheit. Der Prophet kritisiert sein Volk, weil er es liebt:
I come to this platform tonight to make a passionate plea to my beloved nation. This speech is not addressed to Hanoi or to the National Liberation Front. It is not addressed to China or to Russia.

Tonight, however, I wish not to speak with Hanoi and the National Liberation Front, but rather to my fellow Americans.

Verbindungen zwischen Krieg, Armut und Rassismus:
There is at the outset a very obvious and almost facile connection between the war in Vietnam and the struggle I, and others, have been waging in America. A few years ago there was a shining moment in that struggle. It seemed as if there was a real promise of hope for the poor — both black and white — through the poverty program. There were experiments, hopes, new beginnings. Then came the buildup in Vietnam, and I watched this program broken and eviscerated, as if it were some idle political plaything of a society gone mad on war, and I knew that America would never invest the necessary funds or energies in rehabilitation of its poor so long as adventures like Vietnam continued to draw men and skills and money like some demonic destructive suction tube. So, I was increasingly compelled to see the war as an enemy of the poor and to attack it as such.

Perhaps a more tragic recognition of reality took place when it became clear to me that the war was doing far more than devastating the hopes of the poor at home. It was sending their sons and their brothers and their husbands to fight and to die in extraordinarily high proportions relative to the rest of the population. We were taking the black young men who had been crippled by our society and sending them eight thousand miles away to guarantee liberties in Southeast Asia which they had not found in southwest Georgia and East Harlem. And so we have been repeatedly faced with the cruel irony of watching Negro and white boys on TV screens as they kill and die together for a nation that has been unable to seat them together in the same schools. And so we watch them in brutal solidarity burning the huts of a poor village, but we realize that they would hardly live on the same block in Chicago. I could not be silent in the face of such cruel manipulation of the poor.

Diskussion staatlicher Gewalt und Widerstand dagegen:

My third reason moves to an even deeper level of awareness, for it grows out of my experience in the ghettoes of the North over the last three years — especially the last three summers. As I have walked among the desperate, rejected, and angry young men, I have told them that Molotov cocktails and rifles would not solve their problems. I have tried to offer them my deepest compassion while maintaining my conviction that social change comes most meaningfully through nonviolent action. But they ask — and rightly so — what about Vietnam? They ask if our own nation wasn’t using massive doses of violence to solve its problems, to bring about the changes it wanted. Their questions hit home, and I knew that I could never again raise my voice against the violence of the oppressed in the ghettos without having first spoken clearly to the greatest purveyor of violence in the world today — my own government. For the sake of those boys, for the sake of this government, for the sake of the hundreds of thousands trembling under our violence, I cannot be silent.

Systemisch-strukturelle Gewalt (und ihre ideologische Legitimation) als Grundlage physischer Gewalt:

It is with such activity in mind that the words of the late John F. Kennedy come back to haunt us. Five years ago he said, „Those who make peaceful revolution impossible will make violent revolution inevitable.“ Increasingly, by choice or by accident, this is the role our nation has taken, the role of those who make peaceful revolution impossible by refusing to give up the privileges and the pleasures that come from the immense profits of overseas investments. I am convinced that if we are to get on the right side of the world revolution, we as a nation must undergo a radical revolution of values. We must rapidly begin…we must rapidly begin the shift from a thing-oriented society to a person-oriented society. When machines and computers, profit motives and property rights, are considered more important than people, the giant triplets of racism, extreme materialism, and militarism are incapable of being conquered.

Gottes liebendes Gericht als Grundlage christlichen Gewaltverzichts:
And don’t let anybody make you think that God chose America as his divine, messianic force to be a sort of policeman of the whole world. God has a way of standing before the nations with judgment, and it seems that I can hear God saying to America, „You’re too arrogant! And if you don’t change your ways, I will rise up and break the backbone of your power, and I’ll place it in the hands of a nation that doesn’t even know my name. Be still and know that I’m God.“

  1. Ermächtigung zu kreativem gewaltfreiem Handeln, dass Täter und Opfer aus ihren Rollen wirft
  2. Macht ist letztlich freiwillige Unterwerfung, die auf den Dimensionen von Autorität, Humankapital, Fähigkeiten, Gehorsam, materiellem Kapital und Sanktionen beruht. Gewaltfreier Widerstand zielt darauf diese Dimensionen zu delegitimieren und einen groß genugen Teil der Bevölkerung dazu zu bewegen, den Machthabern ihren Gehorsam zu verweigern
  3. Ich habe verschiedene Versionen der ganzen Rede gelesen, er scheint im April 1967 mehrmals ähnliche Reden gehalten zu haben.

Weihnachtsgedanken

(Heiligabend feiern wir immer „mit den Hirten auf dem Feld“ zwischen Bammental und Mauer. Hier ist meine kurze Andacht, die starke Impulse aus Arnes Texten zu Pegida enthalten..)

„Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde.“ So beginnt die Weihnachtsgeschichte im Lukasevangelium nach der Übersetzung von Martin Luther.
Wie oft haben wir diese Geschichten schon gehört?
Trotz sinkender Kirchenbesuche ist die biblische Weihnachtsgeschichte an vielen Stellen in Deutschland genauso Teil des heimeligen Weihnachtsgefühls wie ein geschmückter Baum und das alljährliche Weihnachtsessen.
Dieses Zusammensein mit der Familie und die Besinnlichkeit ist schön und gut, aber sie hat – wie wir gerade dieser Tage wieder sehen – eine dunkle Rückseite:
Der Ausschluss von allem, was nicht in diese Heimeligkeit passt, weil es fremd und anders ist.
Außerdem hat sie nichts zu tun mit dem Ereignis, das wir heute feiern:
Dass Jesus geboren wurde, dass Gott selbst in einem Stall in Bethlehem, einer Provinzstadt im Nahen Osten unter militärischer Besatzung als hilfloses Baby geboren wurde und damit wie jeder andere Mensch zur Welt gekommen ist.

An Weihnachten suchen Fremde Zuflucht und werden nicht aufgenommen – nur am Rand der Stadt werden sie geduldet.
Die einzigen, die sich der jungen Familie annehmen, sind Hirten, die selbst draußen frieren.
Andersgläubige aus einem anderen Kulturraum kommen und bringen dem neugeborenen Kind Geschenke,während die Eingesessenen keinen Platz haben und der König sogar eine Gefährdung seiner Stellung in dem Kind sieht.

Wir haben ihre Geschichten heute gehört und gehört mit welchen Gedanken und Erwartungen sie sich vielleicht auf den Weg gemacht haben.
Da war Hoffnung und Vertrauen, aber auch viel Angst und Ungewissheit in dem Gespräch zwischen Maria und Josef. Da war die Frage, ob man dem Engel trauen kann und was passiert, wenn das alles wirklich wahr ist. Und die Weisen aus dem Morgenland fragten sich, wo dieser König denn geboren werden kann, wenn nicht in einem Palast. Sie haben keine Antworten auf ihre Fragen, aber sie machen sich trotzdem auf den Weg.
Ob sie an der Krippe Antworten finden?
Vielleicht finden sie viel eher etwas Verwirrendes und völlig Fremdes.
Sie finden: „Ein Kind, in Windeln gewickelt in einer Futterkrippe liegend“
Und doch ist etwas an diesem Kind, dass sie sich niederwerfen und sich ihm anvertrauen.
Die Sozialverlierer, genauso wie die Akademiker aus der Ferne. Ist es vielleicht die Hilflosigkeit dieses Kindes und das Wissen, dass hier Gott besonders nahe ist, ja dass hier Gott ist?

An Weihnachten macht sich Gott auf den Weg zu uns und zwar ohne wenn und aber.
Gott wird heimatlos und bittet darum, als Gast in seiner Welt aufgenommen zu werden.

Weihnachten zu feiern heißt, diesem Gott Raum zu geben in uns selbst.
Damit einher geht aber auch Raum für Fremdes und für Fremde zu machen, in unseren Kirchen und Gruppen aber auch in unserer Gesellschaft, denn Jesus spricht: „Ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen.“

Weihnachten ist kein Heimatfest eines „christlichen Abendlands“, sondern eine Erinnerung an die Heimatlosigkeit vieler Menschen und ja, auch Gottes Heimatlosigkeit in einer Welt, die tausende zu Flüchtlingen macht.

In dieser Welt der Heimatlosigkeit ist die gute Nachricht, die wir heute feiern:
Gott hat sich auf den Weg zu uns gemacht und geht nun mit uns. In der Weggemeinschaft mit Gott sind wir selbst unterwegs in unsere wirkliche Heimat, in der niemand mehr heimatlos ist.
Wir müssen uns nicht fürchten, denn Gott geht mit uns und so können wir den Weg teilen mit allen, die uns begegnen.
Amen.

Mennos in zwei Sätzen

Wenn ich mir den Namen hätte aussuchen können, hießen wir Willemsiten

Ich lese gerade den aktuellen Rundbrief des Juwe, des Jugendwerks der Süddeutschen MennonitInnen und stoße auf eine herausfordernde Frage von der Kinderreferentin Gerda Landes:

Wie würdest du einem Schulkind in 1-2 Sätzen erklären,
wer wir Mennos sind? Was können wir unseren
Kindern mit auf den Weg geben, wenn sie in
der Schule gefragt werden: „Menno… was?“

Mennos erklären!
Und dann auch nur in einem bis zwei Sätzen!
Und für Schulkinder!

Wie kann man denn Mennos, bei denen jede Gemeinde vollständige Lehrautonomie hat und keine Leitung, wie z.B. Bischöfe anerkennt, und keine Bekenntnisse, definieren?!
Wo doch noch nicht mal dass mit den keinen Bischöfen stimmt, weil manche dann doch welche haben!

Geschichte, der wir uns verpflichtet fühlen, bindet uns zusammen (mit allen guten und schlechten Folgen), genauso wie die daraus abgeleiteten Prinzipien von hermeneutischer Gemeinschaft, Feindesliebe und Glaubenstaufe (um mal drei herauszunehmen).
Aber was, die dann bedeuten ist ja wieder umstritten.
Und auch der Streit bindet uns zusammen.

Die, mit denen man noch streitet, sind einem nicht egal.

Aber das sind mehr als zwei Sätze und auch nicht unbedingt kindgerecht.

Es liegt wohl auch an meinem „Sitz im Leben“:
Ich werde dauernd gefragt, was Mennos sind – von Theologiestudierenden, von denen man eigentlich mehr erwarten könnte. Denen gegenüber verweigere ich eine so kurze Antwort, aber für Schulkindern ist mein üblicher Vortrag wohl ein bisschen zu viel.

Wenn ich versuche, es zu mich so kurz zu fassen, gibt es zwei Versuchungen:

  • Auszuweichen und zu sagen, dass eigentlich alle Christen doch das Gleiche glauben.
    (was ja auch stimmt, nur muss man dann erklären, warum wir trotzdem Mennos sind und nicht einfach Christen.
  • Oder man wird polemisch und sagt etwas, dass man in Anwesenheit von Geschwistern aus anderen Konfessionen nicht sagen würde
    (Und manchmal geht es mir auch so, dass ich Mennonit bin, weil ich nicht zu einer der großen Kirchen gehöre und die anderen Freikirchen auch nicht leiden kann
    – besonders am Reformationstag)..

Diesen Versuchungen will ich ausweichen und in ökumenischer Verbundenheit und doch auf die Unterschiede eingehend in kindgerecht erklären, was für mich mennonitisch Sein ausmacht.

Also ich versuch’s. Zwei Sätze:

Mennos sind Menschen, die zusammen mit anderen versuchen, wie Jesus Menschen zu lieben, weil Gott sie zuerst geliebt hat.
Sie heißen Mennos nach Menno Simons, der vor etwas weniger als 500 Jahren mit vielen anderen gesagt hat, dass Jesus Menschen lieben auch ohne Gewalt geht und man sich freiwillig dafür entscheiden darf und nicht als Baby getauft werden soll.

Zwei lange Sätze mit zu vielen Nebensätzen.

Aber es sind zwei Sätze.

Der dritte Satz wäre:
Andere haben sie so genannt und irgendwann haben sie es dann angenommen – wie ein Schimpfname, der zum Spitznamen wird, weil du dich nicht entwürdigen lässt.

Wenn mehr Interesse besteht, würde ich den Kindern Geschichten von Menno und anderen Täuferinnen und Täufern erzählen.
Zum Beispiel aus Cornelia Lehnes tollem Buch „Friede sei mit euch!“