Ein letzter Brief

Liebe Oma,
heute beim Frühstück habe ich Papas Email gelesen und gehört, dass du nicht mehr bei uns bist. Obwohl Mama mir erzählt hatte, dass es dir in den letzten Tagen nicht gut ging, hat mich die Nachricht überrascht. Sie hat mich aus dem Gleichgewicht gebracht.
Ich glaube, dass es so gut ist, Ich glaube, du warst (wärst/bist?) dankbar, nicht mehr von deinem geschwächten Körper und den Wolken in deinem Kopf eingeschränkt zu sein.
Aber da sind trotzdem noch all diese Gefühle, mit denen ich nicht weiß wohin. In den letzten Jahren, besonders seit ich für mein Studium und die Liebe nach Nordamerika gezogen bin, schrieb ich dir ab und zu Briefe. Das war ein Weg, wie ich bei dir sein konnte, und wunderbarerweise hast du die Briefe immer wieder gelesen, oder dir vorlesen lassen, obwohl ich mir nicht sicher bin, ob du immer wusstest, wer dir da schrieb. Also hab ich beschlossen, dir einen letzten Brief zu schreiben.

Wusstest du das ich dieses Semester in einem Naturschutzgebiet lebe und lerne? Während ich dir schreibe, blicke ich auf einen See umgeben von Wildprärie auf der einen und Wald auf der anderen Seite. Grillen und Vögel singen und vor kurzem sah ich einen Schwarm Kanadagänse auf ihrem Weg in den Süden. Ich glaube es würde dir hier gefallen. Ich erinnere mich, wie sehr du deinen Garten liebtest und wie du dich gefreut hast, wenn eine Wildbiene aus dem Nest dass du für sie gebaut hast herauskam. Ich kann mich an keinen Ausflug mit dir erinnern, der nicht irgendwas mit Natur oder zumindest Pflanzen zu tun hatte, von Radfahrten zum Donnersberg oder zu einem Ausflug zur Landesgartenschau. Als du weniger mobil warst, lief immer eine Naturdoku im Fernsehen, wenn wir dich besuchten. Und ich weiß, wie schlimm es für dich war, als du dich nicht mehr um den Garten kümmern konntest.

Neben deiner Liebe für die Bewahrung der Schöpfung, denke ich sofort an deine Kuchen und Torten. Besonders die, die wir einfach „Omatorte“ nannten. Selbst als du sie nicht mehr backen konntest, und Ursula anfing sie zu backen, blieb es bei dem Namen, „Tantetorte“ klingt einfach nicht richtig. Abgesehen davon, dass es immer noch meine Lieblingstorte ist—wovon man wirklich nicht absehen sollte—bin ich beeindruckt, dass du so viel Energie in etwas stecktest, dass du als Diabetikerin selbst nicht genießen konntest. Die Omatorte bleibt für mich das klarste Bild deiner Liebe für deine Familie.

Ich bin dankbar für diese Erinnerungen, besonders weil die letzten paar Jahre mit dir schwer für mich waren. Ich wusste nicht, wie ich mit dir umgehen soll. Als du das erste Mal nicht wusstest wer ich war, zerbrach etwas in mir. Und statt mich der Angst in mir zu stellen, vermied ich dich einfach. Heute weiß ich, wieviel ich deshalb verpasst habe.

Denn es gab auch schöne und sogar lustige Momente mit dir. Gar nicht wenige, weil du dir bis zuletzt einen ganz eigenen Sinn für Humor bewahrt hast. Als ich heute die Wäsche aufhängte, musste ich daran denken, wie du aus Protest gegen die Windeln die du gegen die Inkontinenz tragen musstest, immer darauf bestandest, Unterwäsche zu tragen. Wie du überall in der Wohnung unter Kissen und in Schubladen Unterwäsche versteckt hattest, damit Hiltrud sie dir nicht wegnehmen konnte. Und wie du eines Tages, als die letzten deiner Unterhosen beschlagnahmt worden waren, einfach ein paar Unterhosen von der Wäscheleine einer Nachbarin nahmst und wie du als Hiltrud dich fragte, wo du die Unterwäsche herhattest mit breitem Grinsen sagtest: „Hab ich gestohlen!“

Später durfte ich erleben, wie du Rianna in dein Herz geschlossen hast, trotz ihrer komischen Haare. Leider konntest du nicht zur Hochzeit in Kanada kommen, aber an Weihnachten konnten wir zusammen Bilder anschauen, und du hast dich gefreut, auch wenn du nicht wusstest wer da jetzt geheiratet hat. Und ich bin dankbar, dass du Nikita, deinen ersten Urenkel und meinen ersten Neffen, treffen durftest, etwas worauf ich immer noch warte.

Ich bin traurig, dass ich dich nicht mehr habe sehen können und dass ich nicht zur Beerdigung kommen kann. Aber ich weiß, dass du ein volles Leben hattest und jetzt froh warst zu gehen. Ich weiß nicht, was du geglaubt hast, was nach dem Tod kommt, aber gestern, als ich noch nicht wusste, dass es dein letzter Tag auf Erden war, aß ich mit meinen Kommilitoninnen bei einem Professor zu Abend und wir lasen Gedichte. Bei einem Gedicht musste ich sofort an dich denken. Ich schicke es dir mit diesem Brief.

Hab dich lieb,
Dein Enkel Benni

The Summer Day by Mary Oliver
Who made the world?
Who made the swan, and the black bear?
Who made the grasshopper?
This grasshopper, I mean-
the one who has flung herself out of the grass,
the one who is eating sugar out of my hand,
who is moving her jaws back and forth instead of up and down-
who is gazing around with her enormous and complicated eyes.
Now she lifts her pale forearms and thoroughly washes her face.
Now she snaps her wings open, and floats away.

I don’t know exactly what a prayer is.
I do know how to pay attention, how to fall down
into the grass, how to kneel down in the grass,
how to be idle and blessed, how to stroll through the fields,
which is what I have been doing all day.
Tell me, what else should I have done?
Doesn’t everything die at last, and too soon?
Tell me, what is it you plan to do
with your one wild and precious life?

Der Sommertag von Mary Oliver (Übersetzung: Margrit Irgang)
Wer hat die Welt gemacht?
Wer hat den Schwan gemacht, den Schwarzbären?
Wer den Grashüpfer?
Diesen Grashüpfer, ich meine
den, der aus dem Gras gesprungen ist,
der Zucker aus meiner Hand frisst,
der seine Kauwerkzeuge vor und zurück bewegt statt auf und ab –
der umherblickt mit riesigen komplizierten Augen.
Jetzt hebt er seine blassen Unterarme und wäscht sich gründlich das Gesicht.
Jetzt öffnet er die Flügel und fliegt davon.
 
Ich weiß nicht, was genau ein Gebet ist.
Ich weiß, wie ich aufmerksam sein kann, wie ich
niederfallen und knien kann im Gras,
wie ich müßig und gesegnet sein kann und durch die Felder streifen,
was ich den ganzen Tag getan habe.
Sag mir, was sonst hätte ich tun sollen?
Stirbt nicht letztendlich alles, und zu früh?
Sag mir, was willst du tun
mit deinem einen wilden und kostbaren Leben?

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