Vor zweieinhalb Wochen war noch alles ruhig…

Noch vor zweieinhalb Wochen war ich auf dem Tahrirplatz und in der besetzten Straße vor dem Kabinett. Die Stimmung war ruhig und fröhlich, Menschen saßen, sangen, und diskutierten. Kunst wurde erstellt, der Platz quillt über vor Graffiti, die von der lebendigen Subkultur Kairos zeugen.

Ein Freund, den ich aus Deutschland kenne, stellte mich einigen Aktivisten vor und sie erzählten mir davon, wie sie anfingen zum Tahrirplatz zu gehen, wie das erste Mal Tränengas und Gummigeschosse geschossen wurden, wie erleichtert sie waren, als das Militär sich auf ihre Seite schlug und von der Enttäuschung, als es das Feuer auf sie eröffnete.
Ein Aktivist erzählte mir, dass er schon lange vor der Revolution involviert war und einige Tage vor den ersten Massendemos den Glauben an den Wandel verloren hatte. Er erwartete nichts mehr von Demos und Aktionen.
Jetzt ist er wieder erfüllt von Hoffnung, ohne die Probleme außer Acht zu lassen. Er sah drei Feinde der Revolution:
Das Militär zusammen mit der alten Elite, die Islamisten und die neue bürgerliche Elite der liberalen Aktivisten.
Während ich in Kairo war, wurde die erste Runde der Parlamentswahlen abgehalten. Die vorläufigen Ergebnisse brachten die Moslembrüder, die für einen konservativen Islam mit fundamentalistischem Einschlag stehen, auf den ersten Platz, zweite waren die wirklich schaurigen Salafis und die liberalen waren auf dem dritten Platz.

 

 

Jetzt schießt das Militär wieder auf Demonstranten vor dem Kabinett und auf dem Tahrirplatz. Zehn Menschen sind bis jetzt anscheinend gestorben und zahlreiche verletzt. Das Militär hat sogar Doktoren verhaftet und Arzneien in einem der mobilen Krankenhäuser nahe des Platzes verbrannt.

Meinen Freunden geht es anscheinend gut.

Viel ist noch unklar in Ägypten, Mubarak ist weg, aber ob das Volk sich wieder versklaven, oder zwischen Christen und Moslems, reichen und armen, Männern und Frauen spalten lässt, das lässt sich noch nicht mit Sicherheit sagen.
Die Menschen, denen ich in Kairo begegnet bin, lassen mich hoffen, auf ein Ägypten, in dem kein Pharao mehr über ein Land von Sklaven herrscht.

Zahnbürstenrevolution

Heute war ich beim Kieferorthopäden und habe eine Zahnbürste geschenkt gekriegt. Ich fand das ziemlich seltsam und dachte während die Kieferorthopädin mit ihren Fingern in meinem Mund war über Zahnbürsten nach – hauptsächlich um mich davon abzulenken, dass es ebenso seltsam ist, dass diese Frau, zugegebenermaßen mit großer Sorgfalt, in meinem Mund Metallstücke befestigt.
Als ich so dalag, auf diesem bequemen Zahnarztstuhl, kroch mir ein Ohrwurm in den Gehörgang und er hat mich seitdem nicht mehr losgelassen: Kennt ihr die Geschichte vom kleinen Johnny? – ein Lied das ich früher immer mit meinem Vater gesungen habe.
Es geht um den kleinen Johnny, dem Martin Luther King sagt er soll beim protestieren seine Zahnbürste dabei haben, denn wenn man ins Gefängnis kommt, muss man alles abgeben außer seiner Zahnbürste und deshalb ist die Zahnbürste ein Zeichen, das man bereit ist ins Gefängnis zu gehen.
Der Refrain geht mir nicht mehr aus dem Kopf:
„Hast du deine Zahnbürste dabei? Du wirst sie noch gebrauchen. Man sperrt heut noch viele Menschen ein, die gegen Unrecht sind.“

Mich haben zwei Sachen überrascht: Auf der einen Seite, dass ich mich überhaupt daran erinnere, weil ich nur ganz wenige Erinnerung aus meiner Kindheit habe, aber was mich viel mehr erstaunt hat, war radikale Botschaft, die dieses Lied hat:
Setz‘ dich für Gerechtigkeit ein und sei bereit dafür in den Knast zu gehen.
Für ein Kinderlied (und auch für ein Lied allgemein) ziemlich krass.
Im Endeffekt ist das Lied eine Neuformulierung dessen, was Jesus in Mk 8:34 sagt: (Lutherübersetzung): „Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“
Im römischen Reich mussten politische Umstürzler, die zum Kreuzestod verurteilt wurden, ihr Kreuz meist selbst bis zum Hinrichtungsort tragen. Sein Kreuz auf sich nehmen, dass heißt nicht irgendeine Bürde auf sich nehmen, wie zumindest ich früher immer angenommen habe. Es heißt nicht, nimm diese Gebote auf dich und dann kommst du in den Himmel. Darum geht es hier gar nicht. Es ist bloß meine seltsame Lesart, von der ich nicht weiß, wer sie mir beigebracht hat, wenn es um Glauben geht immer, gleich an den Himmel zu denken.
Es geht darum revolutionär zu leben, sonst bräuchte man kein Kreuz, sich der unausweichlichen Reaktion des Systems dann aber nicht zu entziehen, sondern sogar sein eigenes Kreuz mit zu bringen. Zu sagen: „Tötet mich doch, dieser Kampf war es wert. Ihr könnt nur meinen Körper töten, doch mein Zeichen wird mich überdauern und ich werde in Gottes Reich leben, dem ihr euch weigert unterzuordnen.“ – Ok, hier hat es doch wieder was mit dem Himmel zu tun…
Für mich ist es jeden Tag neu ein Kampf mein Kreuz oder wahlweise meine Zahnbürste auf mich zu nehmen, ein Kampf, den ich oft aufgebe, bevor er begonnen hat. Auch wenn, oder gerade weil, es sich gut anfühlt den Staat und die Schule zu kritisieren und in der Schule der radikale Typ zu sein, den alle nur Dschiises nennen und der sich jedes Mal neu darüber aufregt und zu jeder Meinung eine Gegenposition bezieht, sind meine radikalen Aktivitäten an diesem Punkt zu Ende – bis auf das gelegentliche Übersetzen für CPT Deutschland, oder MCN…

Das Lied formuliert diese Aussagen in einer Art, die Kinder verstehen können, aber es vereinfacht das Thema nicht. Es wird vielleicht sogar krasser, weil es Kinder verstehen können. Ich würde das Lied gerne mal im Kindergottesdienst singen, aber ich habe das Gefühl noch nicht würdig dafür zu sein. Ich muss erst noch eine lange Zeit meine Zahnbürste mit mir herumtragen.