Wann gibt es Aprikosen?

Heute abend habe ich mal wieder im Garten gearbeitet. Die heiße Sonne und das widerspenstige Unkraut trieben mir den Schweiß ins Gesicht.

Es erinnerte mich an meine Zeit in Palästina, an Zelt der Völker, den palästinensisch-christlichen Bauernhof, auf dem ich ein Jahr lebte und arbeitete.
Es war eine schöne Erinnerung. An Freundschaften, die immer noch halten, an Erfahrungen, die mich geprägt haben und an Arbeit, die etwas gebracht hat, die ich als Arbeit für den Frieden verstanden habe.

Gerade eben, als ich gerade schlafen gehen wollte, wurde ich wieder an Zelt der Völker erinnert.

Das Tal vorher und nachher (Bild von electronic intifada)

Bilder von einem Ort, den ich sofort wiedererkannte, obwohl er bis zur Unkenntlichkeit umgewühlt wurde. In diesem Tal habe ich im Schweiße meines Angesichts Unkraut gehackt, Bäume beschnitten und endlich die süßesten Trauben, Äpfel und Aprikosen geerntet.

Gerade die Aprikosen waren schwierig. Es war beinahe unmöglich einen guten Zeitpunkt zur Ernte abzupassen, so schnell werden sie überreif. Davon inspiriert lautet ein arabisches Sprichwort für etwas Unvorhersagbares, vielleicht Unmögliches:
Bukra fil mishmish – Morgen gibt es Aprikosen

Die israelische Armee hat beschlossen, dass hier keine Aprikosen mehr wachsen sollen, dass sie illegal sind und evakuiert werden müssen.

Mit Bulldozern wurde diese wachsende, lebendige Hoffnung auf Frieden niedergerissen und zerstört. Diese Bäume waren eine Bedrohung für die Siedlungen in der Nähe und für das unterdrückende System der Besatzung und deshalb mussten sie „evakuiert“ werden.

Wie evakuiert man Bäume?

Man kann einen Baum nicht aus der Erde nehmen und erwarten, dass er weiterlebt.
Die Bilder der Zerstörung entlarven die bürokratisch-humanitäre Sprache als Farce.

valley6 valley5

 

 

 

 

 

valley2 valley1
Ich habe die Arbeit bei Zelt der Völker immer als Friedensarbeit gesehen. Jeder Baum, den wir pflanzten und pflegten war ein Schritt zum Erhalt des Landes und letztlich zum Frieden zwischen allen, die dort leben.

Bei aller Zerstörung, die ich an anderen Orten gesehen habe, war ich mir sicher, dass Zelt der Völker sicher sei, bei all den Touristen und Freiwilligen, die jeden Tag dort waren und all den Zeitungsartikeln, die schon darüber geschrieben wurden, bei dem Gerichtsprozess, der nun schon seit Jahrzehnten geführt wird.

Diese Sicherheit ist nun dahin. Zelt der Völker ist trotz aller investierter Arbeit und aller internationalen Unterstützung weiterhin unter der willkürlichen Gewalt der Besatzung, die in ihrem Bestreben, Sicherheit für den „jüdischen Staat“ zu schaffen, immer und immer wieder gegen die Tora verstößt:

„Wenn du eine Stadt lange Zeit belagerst, um sie durch Kampf gegen sie zu erobern so sollt du nicht ihre Bäume vernichten, indem du die Axt gegen sie schwingst, denn von ihnen isst du, und du sollst sie nicht fällen, denn sind etwa die Bäume des Feldes Menschen, dass sie vor dir in die Belagerung kämen?“ Deuteronomium 20,19

Die triumphale Sicherheit ist der Zerstörung gewichen und es wird morgen keine Aprikosen geben.
Was tun in dieser Situation? Daoud schreibt, dass sie eine Beschwerde beim Gericht eingelegt haben und wir uns bereit halten sollen, für etwaige Aktionen.

Das wird die Bäume nicht wieder zurückbringen, sie sind ausgerissen und werden keine Frucht mehr tragen. Aber neue können gepflanzt werden, die Hoffnung kann auferstehen.
Lasst uns dazu beitragen und wachsam sein. Wenn die Nassers es wünschen, sollten wir sie durch Briefe, Petitionen an die Machthaber unterstützen.

Aber zunächst müssen wir den Schmerz aushalten, und können den Gott nur bitten: Herr, erbarme dich. In der Hoffnung, dass die nervige Witwe am Ende selbst vom ungerechten Richter, der weder Menschen noch Gott fürchtet noch Recht bekommt, weil so viele Menschen darauf pochen.
An diesem Tag werden alle Bewohner des Landes Aprikosen essen.

Hier ist Daouds Brief (von der Facebookseite Tent of Nations)

Today [Montag, 19.5.14] at 08.00, Israeli bulldozers came to the fertile valley of the farm where we planted fruit trees 10 years ago, and destroyed the terraces and all our trees there. More than 1500 apricot and apple trees as well as grape plants were smashed and destroyed.

We informed our lawyer who is preparing the papers for appeal. Please be prepared to respond. We will need your support as you inform friends, churches and representatives when action is needed. Please wait for the moment and we will soon let you know about next steps and actions.

Thank you so much for all your support and solidarity.

Blessings and Salaam,
Daoud

Ein Artikel dazu auf electronic intifada
Und auf Mondoweiss

Langweilige Planungsmittel zerstören Existenzen

Im Erdkundeunterricht haben wir mal Bebauungspläne besprochen – es war das langweiligste Thema im langweiligsten Fach, das ich je besucht habe.

Bis ich feststellte, dass unter Besatzung diese Bebauungspläne heißen, dass ein Palästinenser kein Haus bauen darf, ein Siedler an derselben Stelle aber schon.

Wer das Pech hat in Zone C zu leben, hat nicht nur keinen Rechtsschutz vor Siedlerangriffen, ja die illegale Besatzungsmacht ist auch noch dafür zuständig wenn man ein Haus bauen will, oder es erweitern will, oder einfach nur an das Wassernetz angeschlossen werden möchte. Und der Beamte, der einem einen solchen Antrag genehmigen muss, ist oft ein Siedler, der seine arabischen Nachbarn eigentlich gerne los wäre. Aber selbst wenn der zuständige Beamte ein netter Mensch ist, das Problem ist systematisch: Land, das Palästinensern gehört ist von der Zonierung für „landwitschaftliche Nutzung“ ausgewiesen. Dort darf also auch nicht gebaut werden, auch kein Kuhstall. Egal, ob auf dem Land eigentlich Menschen wohnen, oder für die Landwirschaft bestimmte Strukturen gebraucht werden, wie eine Zisterne, oder Unterstände.

Der Plan hat immer recht, und wer trotzdem baut, bekommt eben einen Abrissbefehl.

So können Söhne nicht heiraten, weil sie dazu ein eigenes Haus brauchen, Landwirtschaft wird unrentabel oder unmöglich, Familien werden wiederholt obdachlos gemacht.

Und schließlich ziehen sie weg. In die immer voller werdenden Städte, oder nach Jordanien, das nach Ansicht rechter israelischer Politiker ja sowieso alle Araber hinsollen. Ganz ohne schlechte Presse für Israel, eine stille Vertreibung.

Und wenn ein Stück Land enteignet wurde, ist aus der „landwirtschaftlichen Fläche“ auf einmal ein „Siedlungsgebiet“ geworden, auf dem munter die Reihenhäuser der Siedlungen gebaut werden und sich Siedler darüber beschweren, dass ihr „natürliches Wachstum“ eingeschränkt wird.

Ein ganz langweiliges bürokratisches Planungsmittel eben.

 

Wem gehört das Land?

Die Geschichte des Fleckens Land zwischen Mittelmeer und Jordan ist alt und verworren; in der Vorlesung „Geschichte Israels“ sagte Professor Oehming „Israel hat das Privileg, von allen großen Kulturen der Menschheitsgeschichte beherrscht worden zu sein.“

Ich halte das für ein sehr zweifelhaftes Privileg, weil es für die Bewohner des Landes beinhaltet von allen großen Kulturen der Menschheitsgeschichte überfallen zu werden, ins Exil und Sklaverei gebracht zu werden, vergewaltigt zu werden und neue Götter annehmen zu müssen. Das haben die „großen Kulturen“ eben so an sich.

Weltreiche kamen und gingen, mal hielten sie sich für ein paar Jahrzehnte, wie die Kreuzritter, die Osmanen herrschten fast vierhundert Jahre, aber sie alle hinterließen ihre Spuren. In den Gebäuden, die teilweise heute noch stehen, aber auch in den Gesichtern der Menschen, und in ihren Bräuchen. In Nahalin, dem Dorf unter uns gab es rothaarige Jungen mit Sommersprossen, und in Jerusalem lebt seit hunderten von Jahren eine Gruppe von ürsprünglich sudanesischen Söldnern. In der Altstadt gibt es ein armenisches Viertel und die Kopten haben ihre Lehmhütten auf die Grabeskirche gebaut, weil ihnen sonst kein Platz zugestanden worden war. Hebron ist berühmt für seine Glasproduktion; das Wissen um das Glasblasen wurde von sephardischen Juden dorthin gebracht, die vor der spanischen Inquisition flohen.

Was ich sagen will, ist folgendes: Weltreiche kamen und gingen, aber Menschen in ihrem Gefolge kamen und blieben. Und vermischten sich mit denen, die vor ihnen da waren. Das Land war nämlich auch nie leer. Es haben dort immer Menschen gelebt, keine Vertreibung hat alle Menschen vertrieben und es gab nie nur eine homogene Gruppe zwischen Mittelmeer und Jordan. So sagen manche auch, dass der Mehrheit der Hebräer nach der Bar-Kochba Revolte nicht ins Exil geschickt wurde, sondern blieb und später unter islamischer Herrschaft zum Islam konvertierte. Schließlich musste man dann weniger Steuern zahlen.

(Die Vertreter dieser Thesen sind normalerweise sehr weit rechts im israelischen Spektrum und auch in der Beschreibung dieses Videos auf Youtube steht:
This gives Palestinians a even more reason to recognize the Hebrew Jewish State of Israel and to convert to Judaism if they want and return back to their true nation. I’m sure their Hebrew ancestors would be glad to see this.

Als ob die Palästinenser an dem Problem Schuld wären und als ob Israel sie annähme, wenn sie konvertierten.)

Und dann waren da noch die Christen, die Nachkommen der ersten Jünger, die Samariter und Drusen, und eben all die anderen die inzwischen dazu gekommen sind: Nachkommen römischer Soldaten, Kreuzritterbastarde, Strafkolonien des osmanischen Reiches, und so weiter.

Wer also hat einen Anspruch auf das Land zwischen Mittelmeer und Jordan? Die Juden, weil ihre Vorfahren vor 2000 Jahren mal dort lebten? Aber was ist dann mit den Juden, die das Land mehr liebten, als die Religion und zurückblieben. Kann ein Nachfahre der Kreuzritter auch seinen Anspruch geltend machen?

Zugegeben, der Zionismus macht einen doppelten Anspruch auf Palästina: Als das Land ihrer Vorfahren und als sichere Heimat vor Verfolgung und Diskriminierung. Aber was ist mit palästinensischen Flüchtlingen, deren Vorfahren gerade mal vor zwei Generationen im Land lebten und teilweise noch leben? Sie werden in Gaza von Israel bombardiert, und leben unter ihren arabischen „Brüdern“ als Bürger zweiter Klasse, die z.B. in Syrien massiv leiden.

Warum erhält ihr Anspruch kein Gehör?

Eine dauerhafte Lösung muss Gerechtigkeit zu ihrer Grundlage haben und dafür muss dieses Land für alle offen sein, die dort leben und leben wollen. Ich kenne keine Nachfahren der Kreuzritter, der in Deutschland sitzt und nur ins Heilige Land auswandern will, die Parteien heute werden zusammengefasst unter Palästinensern und Israelis. Beides sind Identitäten, die durch diesen Konflikt geformt und verhärtet sind; sie sind aber nicht in Stein gemeißelt. Vor 1948 zählte man zu Palästinensern auch Juden, gerade die, die vor den Zionisten gekommen waren. Und wie schon erwähnt führen auch viele muslimische, oder christliche Palästinenser sich auf die Hebräer zurück, die Vorfahren der Juden.

Ob sich ein dauerhafter Friede einstellen kann, ist noch nicht abzusehen, im Moment scheint es mir wichtiger sicherzustellen, dass es in hundert Jahren überhaupt noch Palästinenser zwischen Mittelmeer und Jordan gibt, und nicht nur kleine Reservate von kolonisierten Ureinwohnern.

Das Tikkun des gewöhnlichen Anstands

(Als ich den letzten Artikel schrieb, war ich sehr wütend und aufgewühlt von den Ereignissen in Palästina, die ich in dem Artikel beschrieb. Gleichzeitig war ich auch viel stärker als jetzt noch in der ersten Phase der Wiederanpassung und ein Teil der Frustration, die sich meinem Schreiben Weg brach, war darin begründet, dass ich mich hier fremd und ohnmächtig fühle. Noch ohnmächtiger in Palästina, weil ich nicht weiß, wie Solidarität hier aussehen kann.

Jedenfalls habe ich seitdem noch einmal über die Ereignisse nachgedacht und bin auf eine zweite Betrachtungsweise gestoßen, die ich für ebenfalls wichtig halte.)

Als ich über den Mob jüdisch-israelischer Jugendlicher nachdachte, der am 17.8. zu Beginn des Shabbat einen palästinensischen Jugendlichen auf einem öffentlichen Platz in Westjerusalem zu Tode prügelten, und dann flüchteten, erfüllte mich Wut und Verzweiflung. Mit dem Zionsplatz verband ich schöne Erinnerungen von einem Abend voll langer Gespräche und der unerwarteten Freundlichkeit fremder Menschen – aber jetzt war diese Erinnerung von den Berichten über abscheuliche Gewalt überlagert worden.

Ich schrieb über meine Gefühle und Gedanken und das half mir diese Gefühle loszulassen. Aber das Ereignis ließ mich nicht los, ich begann nur über andere Aspekte des ganzen nachzudenken.

Über die Leute, die herumstanden und nichts taten. Angsthasen, wie sie in uns allen sitzen und, die man überall findet, auch in Münchner U-Bahnen. Die Wut mischte sich hier mit Scham, als ich an all die Situationen denken musste, in denen ich selbst nichts tat, im Angesicht von Gewalt, von Unterdrückung. Bei diesem Gedanken verweilte ich eine Weile, um mir klar zu machen, dass ich nicht besser bin, als die Angsthasen, langsam fing ich an zu zweifeln, ob ich besser war als die Täter.

Hätte ich, wäre ich in einem solchen Umfeld aufgewachsen, nicht vielleicht auch einen Hass auf Araber entwickelt, und wäre unter Gruppendruck zu Gewalttaten bereit gewesen?

Und doch gibt es in diesem Fall jemand, die unter ähnlichen Umständen stammt und doch ganz anders handelte: Bayta Houri-Yafin, eine israelische Jüdin, die Augenzeugin der Gewalt war, und als die Schläger flohen mutig in den Kreis ihrer Unterstützer trat und den arabischen Jugendlichen wiederbelebte. Er hatte schon keinen Puls mehr gehabt. (Deswegen schrieb ich oben, er sei zu Tode geprügelt worden. Er war tot, und wurde zurückgerissen) Während sie dies tat, kommentierten die Umstehenden, „er verdient es zu Sterben, er ist ja nur ein Araber“.

Manche haben gesagt, diese Frau hat unglaublichen Mut bewiesen, weil sie sich für diesen Menschen, der ihr Feind war, in Gefahr begab. In der Tat, sie hat das gezeigt, das wir in Deutschland „Zivilcourage“ nennen. Dennoch hat mich diese Aussage gestört.

Ist der junge Mann nicht friedlich die Jaffa Street entlang gelaufen? Was also machte ihn zum Feind? War es nicht letztlich nicht sein Verhalten, sondern nur seine Identität, die ihn zum „Feind“ machte?

Stellen wir uns vor, ein Mob jüdischer Israelis hätte auf einem belebten Platz einen jüdischen Israeli verprügelt, der friedlich die Straße entlang lief. Oder irgendein Mitglied einer Gruppe wird unter Zeugen von einer Menge an Menschen seiner Gruppe verprügelt. Würden wir nicht viel mehr Widerstand erwarten?

Man mag einwenden, dass auch in Deutschland solche Schlägereien passieren, und kaum Menschen eingreifen, und das stimmt. Ich würde nur behaupten, dass wir dennoch erwarten würden, jemand greife ein.

Hier aber sind die Feindbilder so stark, dass die Täter nicht nur keinen Widerstand erwartet, sie sind sogar angewidert von dem Gedanken, dass jemand aus ihrer Gruppe dem Feind helfen will.

Das Couragierte an Frau Houri-Yafins Reaktion ist nicht nur, dass sie ihrem Feind geholfen hat, sondern, dass sie sich weigerte, ihn als Feind zu sehen. Sie erwiderte ihm jenes anständige Verhalten, dass von allen innerhalb einer Gesellschaft zueinander erwartet wird. Damit widersetzte sie sich zuallererst dem entmenschlichten Bild, das ihre Gesellschaft von Palästinensern gezeichnet hat. Und dann handelte sie einfach anständig, wie wir es von allen erwarten.

Diese „gewöhnliche Anständigkeit“ beschrieb Emil Fackenheim, ein jüdischer Theologe, der sich fragte, wie die Welt nach dem Holocaust geheilt werden kann an Deutschen, die sich während des Holocaust ihren jüdischen Nachbarn anständig gegenüber verhielten und damit selbst Verfolgung riskierten. Mark Ellis, ein anderer jüdischer Theologe, der kritisch über die neue jüdische Identität seit der Begründung des Staates Israel nachdenkt, wendet dieses Konzept auf die Beziehung zwischen Israelis und Palästinensern an.

… Aber für Fackenheim kam das wichtigere Zeugnis von jenen Christen, die ohne einen noblen Grund das zeigten, was unter anderen Umständen als gewöhnlicher Anstand gälte: „In der Welt des Holocausts, machte der Anstand eines Unbeschnittenen, wenn er einem Juden entgegengebracht wurde, ihn zu einem Ausgestoßenem – so wie es die Juden selbst waren, und wenn er dafür sein Leben riskierte, oder gab, gab es nichts auf der Welt, das ihn aufrechthielt, außer sein gewöhnlicher Anstand selbst.“

… Man könnte die Behauptung des Gewöhnlichen ein Wunder nennen, also ein „ja“ zum Leben, das systematisch zerstört wird. …

Fackenheim überträgt diese Analyse nicht auf die Palästinenser und würde … dies sicherlich ablehnen. Man fragt sich, ob nicht … ein weiterer Bruch [wie der Bruch des Holocausts] zwischen Juden und Palästinensern vorgefallen ist, ein Bruch der auch Tikkun braucht (Tikkun – hebräisch für Heilung). … Könnte es nicht sein, dass unsere gegenwärtige Welt auch diesen gewöhnlichen Anstand braucht, damit der Bruch verheilen kann …?

Es könnte sein, dass die Juden, die Palästinenser umarmen, einfach das Tikkun von Juden und Christen aus dem Holocaust weiterführen und dadurch eine Zuunft für beide Völker möglich machen. Werden Palästinenser dereinst von den gerechten Juden schreiben, wie Fackenheim von den gerechten Unbeschnittenen schreibt?

Wenn es dereinst Frieden im Heiligen Land gibt, dann wird es wegen dem couragierten Handeln von Menschen wie Bayta Houri-Yafin sein, die einen ganz gewöhnlichen Anstand zeigen, denen die angeblich ihre Feinde sind.

Aber nicht nur wegen ihrem Handeln, sondern auch wegen denen, die davon erzählen, und all denen, die ihre Herzen verändern lassen und „hingehen und dasselbe tun“ (Lukas 10,37), wie Jesus schon den gewöhnlichen Anstand der Nächstenliebe weiter empfahl, der auch damals nicht weit verbreitet war.

Bloß zwei Fälle von rassistisch motivierter Gewalt gegen Palästinenser an einem Tag

Kaum bin ich wieder zurück, passieren einige schlimme Dinge an den Orten, die ich regelmäßig passierte.

Am Freitag hat ein Mob jüdischer Jugendlicher in Westjerusalem drei palästinensische Jugendliche zusammengeschlagen. Hier die Worte einer Augenzeugin:

Es ist spät am Abend und ich kann nicht schlafen. Meine Augen sind seit einigen Stunden voller Tränen und mein Magen dreht sich während ich denke, dass wir die Menschlichkeit verloren haben, das Angesicht Gottes in der Menschheit, und ich kann diesen Verlust nicht akzeptieren. Aber heute habe ich mit meinen eigenen Augen eine Lynchung gesehen, auf dem Zionplatz, im Zentrum Jerusalems. Ich kam mit den anderen Leuten von „Elem“ (Einer NGO die mit Risikokindern arbeitet) zum Zionsplatz, wie wir es immer zu dieser Uhrzeit tun, und knapp eine halbe Stunde später hörte ich wie Leute riefen „Ein Jude ist eine gute Seele, und ein Araber ist ein Hurensohn.“ und dutzende (!!) Jugendliche auf drei arabische Jugendliche, die ruhig auf der Ben Yehuda Straße liefen,  zurannten und sie anfingen zu Tode zu prügeln.

Als einer der Palästinenser zu Boden fiel, prügelten die Jugendlichen weiter auf seinen Kopf ein, er verlor das Bewusstsein, seine Augen rollten, sein Kopf lag schräg und begann zu zucken, und dann flohen die, die ihn gekickt hatten und die anderen bildeten einen Kreis [um die Palästinenser], und einige schrien immer noch mit Hass in ihren Augen…

 

Als zwei unserer Freiwilligen in den Kreis gingen und versuchten, ihn wiederzubeleben, sagten die Jugendlichen aufgebracht, dass wir einen Araber wiederbeleben würden, und als sie in unsere Nähe kamen und sahen, dass die anderen Freiwilligen alle geschockt waren, fragten sie warum wir so geschockt wären, „Er ist ein Araber“.

 

Als wir später wieder an die Stelle zurückkamen, war sie als Mordschauplatz markiert, und die Polizei war vor Ort mit einem Cousin des Opfers, der versuchte das Vorgefallene nachzuspielen, es standen auch zwei Jugendliche da, die nicht verstanden, warum wir dem Cousin des Opfers eine Flasche Wasser geben wollte, „Er ist ein Araber, die müssen doch nicht hier im Stadtzentrum rumlaufen, und sie verdienen das, so werden sie endlich Angst vor uns haben.“

15-18 jährige Kinder bringen ein Kind ihres eigenen Alters mit ihren eigenen Händen um. Mit ihren eigenen Händen. Kinder, deren Herzen unbewegt waren, als sie einen Jungen ihres eigenen Alters erschlugen, der sich auf dem Boden krümmte. Das Bild steht mir noch vor den Augen und ich kann ihre Stimmen immer noch hören und das Gefühl der Hilflosigkeit spüren, und die Frage: Was ist mit uns geschehen und was geschieht mit unseren Kindern? Und das Wichtigste: Können wir es noch ändern und wie?

 

Der junge Palästinenser ist immer noch in kritischem Zustand, während mittlerweile ein Jugendlicher im Zusammenhang mit dem Lynchmob verhaftet wurde. Nachdem es Spekulationen gab, die Palästinenser hätten die Jugendlichen in irgendeiner Form provoziert, oder angefangen hätten, lies die Zeugen verlauten:

“Ich sah mit meinen eigenen Augen, dass sie niemanden angriffen und hörte mit meinen eigenen Ohren, wie die Jugendlichen sagten sie suchten einen Araber zum Verprügeln”

 

Außerdem wurde ein palästinensisches Taxi auf dem Weg von Hebron nach Bethlehem ganz in der Nähe unserer Kreuzung von Siedler mit Molotovcocktails beworfen. Die Insassen, eine Familie aus Nahalin, dem Dorf neben Zelt der Völker, erlitt Brandwunden ersten bis dritten Grades. Sie wird in einem israelischen Krankenhaus behandelt.

Premierminister Netanyahu hat diesen Anschlag persönlich in einem Brief an Abbas verurteilt, wo er bei früheren Vorfällen von rassistisch motivierten Siedlerangriffen auf Palästinensische Leben und Besitz nur eine verurteilende Stellungnahme veröffentlichte, oder sie gar nicht kommentierte. Der Vizepremierminister nannte es immerhin einen „Terroranschlag“ Die Polizei ist auch zu der Siedlung aus der die Täter mutmaßlich kamen gefahren und hat den Jugendlichen gesagt, dass sie „beobachtet werden“. Wirklich harte Konsequenzen, die da gezogen werden für einen potentiell tödlichen Angriff, der sechs Menschen immerhin ins Krankenhaus gebracht hat.

Nur mal zum Vergleich, will ich darstellen, was mit einem palästinensischen Kind (Person unter 18 Jahren) passieren würde, die dasselbe getan hätte:

Innerhalb weniger Stunden wäre die Armee in das Dorf gekommen, und hätte zahllose Häuser umstellt und gestürmt. Durch ein Netzwerk an Informanten wüsste die Armee sofort, wer verantwortlich ist. Alle Personen, die auch nur irgendwie mit dem Verbrechen in Verbindung stünden, würden verhaftet, auf dem Weg ins Gefängnis höchstwahrscheinlich misshandelt, und im Gefängnis Praktiken wie Schlafentzug und Lärmbeschallung ausgesetzt, die international als Folter klassifiziert sind. Das Wohnhaus der Täter würde abgerissen, kein Mitglied der Familie erhielte mehr Arbeitsgenehmigungen für Israel, oder illegale Siedlungen, die die Haupteinkommensquelle der palästinensischen Bevölkerung darstellen.

Israelische Jugendliche werden verwarnt.

Und ich werde als Antisemit bezeichnet, wenn ich sage, dass ist Apartheid, zwei verschiedene Rechtssysteme und Anwendung für verschiedene Personengruppen im selben Territorium.

Was das wirkliche gruselige an diesen Ereignissen ist, ist dass sie weder Einzelfälle sind, noch von (nur verrückten) Einzelgängern begangen werden. Die Siedlerbewegung hat seit einigen Jahren die Praxis der „Preiszettel“ (price tag) entwickelt, was bedeutet, dass für jede vom israelischen Militär durchgeführte Räumung einer illegalen Siedlung, oder die Androhung einer solchen Operation, palästinensischer Besitz zerstört wird. Dies reichte bis jetzt von der Zerstörung von Olivenhainen bis zur Brandstiftung einer Moschee.

Wie auch in anderen Gesellschaften werden solche extremen Fälle von rassistisch motivierter Gewalt öffentlich verurteilt und es wird schnell versucht, die Täter als „extrem“, „geisteskrank“, oder „Einzeltäter“ darzustellen. Eine andere Taktik ist es, den Vorfällen keine große Presse zu geben. Während die meisten israelischen Zeitungen beispielsweise über den Lynchmob berichteten, setzte es nur die linksgerichtete Haaretz auf die Titelseite, während die Jerusalem Post auch noch die klar einseitige Gewalt als „Schlägerei zwischen arabischen und jüdischen Jugendlichen“ bezeichnet.

Meine persönliche Erfahrung ist, dass es in Israel in vielen Kreisen erlaubt ist, sehr rassistische Dinge über Palästinenser zu sagen. Rassistisch motivierte Gewalt ist kein Einzelfall in Israel und in den besetzten Gebieten ist sie komplett institutionalisiert, was der wahre Grund ist, warum nur „extreme“ Siedlergruppen selbst zu Gewalt greifen. Die Menschen, die sich gegen Rassismus und für ein friedliches Zusammenleben mit gleichen Rechten einsetzen sind leider sehr wenige.

Natürlich ist auch unter Palästinensern offener Rassismus gegenüber Juden nicht selten, und die Stimmen, die ihn verdammen sind viel zu wenige, der Punkt auf den ich aber hinaus will, ist dieser:

Durch die vollendete Institutionalisierung des Rassismus in Israel und das groteske Machtungleichgewicht zwischen dem Staat Israel, mit seinen Militärsubventionen aus den USA und den Palästinensern, die dank des Friedensprozess nun auch noch einen von westlichen Geldern finanzierten „Polizei-Nichtstaat“ in Form der palästinensischen Autonomiebehörde gegen sich haben, täglich unter Besatzung leben und mehr und mehr Land an Siedlungen und junge Männer an die israelischen Gefängnisse verlieren, haben israelische Rassisten kaum etwas zu befürchten, wenn sie ihre Ansichten in die Tat umsetzen, während ein palästinensisches Kind ins Gefängnis kommt für die Anschuldigung einen Stein zu schmeißen.

Dieses Ungleichgewicht wird durch das desinteressierte Schweigen der westlichen Medien und die fortlaufende finanzielle und moralische Unterstützung Israels durch westliche Staaten, trotz leiser Proteste, nur befördert.

In diesem Klima des institutionalisierten Rassismus, Bewaffnung und weitgehender Straffreiheit der Siedler, zusammen mit täglicher scharfer Repression des legitimen palästinensischen Widerstands, sind solche widerlichen Akte rassistischer Gewalt kein Wunder und das eigentliche Wunder ist die weitgehende Friedfertigkeit der palästinensischen Bevölkerung.

Nachtrag: Sarah Thompson, die während meiner Zeit ein Jahr bei Sabeel arbeitete und im „Verwaltungsrat“ von Christian Peacemaker Teams sitzt hat eine Email rumgeschickt in der sie schreibt:

Nachdem ich ein Jahr in Ostjerusalem gelebt habe, glaube ich, dass in der zur Zeit derart politisch angespannten Situation und den Dynamiken in den jugendlichen Subkulturen in Israel/Palästina, Vorfälle wie die „Jerusalem Lynchung“ die in dem [Haaretz] Artikel [der in der Mail verlinkt war] beschrieben werden, öfter passieren würden, wenn die Christlichen Friedensstifter Teams (CPT) und andere Beobachtungsgruppen nicht in der Region wären. Eine Spende für CPTs Arbeit ist eine wertvolle und sinnvolle Reaktion auf dieses schreckliche Ereignis. CPTs unbewaffnete Präsenz verringt die tödliche Gewalt, sodass Friedensorganisationen und Gemeinschaften, die sich für gewaltfreien gesellschaftlichen Wandel einsetzen, mehr Zeit und Raum haben an den Graswurzeln hin zu einer gemeinsamen, und gesunden Zukunft zu arbeiten.

Meine ausführlicheren Gedanken über die Nichtkultivierungsbefehl

Nachdem ich vor ein paar Tagen Daouds Brief an seine UnterstützerInnen veröffentlicht habe, will ich euch auch noch ein paar meiner Gedanken dazu mitteilen.

Als wir die Zettel letzte Woche gefunden haben, hatten wir Glück, dass Daher sie überhaupt gesehen hat und sogar die Beamten, die sie auf den Boden legten, noch ansprechen konnte. Wir Freiwilligen aßen gerade zu Mittag als Daoud und Daher kamen und uns die Dokumente zeigten. Dann ging alles ganz schnell. Daoud wollte, dass die Originale zum Rechtsanwalt nach Ostjerusalem gebracht werden, wo er selbst aber ohne Genehmigung nicht hingehen durfte. Also musste ich mit dem Bus nach Bethlehem und dann nach Jerusalem fahren, wo ich mit Daouds Beschreibung das Büro des Anwalts fand, nur um herauszufinden, dass der Anwalt umgezogen war.. Mit der Hilfe einiger Nachbarn fand ich dann schließlich das neue Büro ungefähr einen halben Kilometer entfernt.

Der Anwalt kopierte die Originale, und ich erzählte ihm nochmal kurz, was vorgefallen war, dann fuhr ich wieder zurück zum Zelt der Völker.

Während ich in Jerusalem war, haben wir noch zwei Zettel gefunden und die Nachbarn verständigt, die nachgesehen haben und auch Nicht-kultivierungsbefehle gekriegt haben.

Seitdem ist die Stimmung ein wenig gedrückt, weil wir nicht einschätzen können, was dieser Schritt wirklich bedeutet – ist das einfach ein schwacher Versuch Land zu klauen, oder der Beginn einer groß angelegten Offensive, den Hügel doch noch zu enteignen?

Die Nassers haben sich entschieden, ihre internationalen Kontakte zu informieren und nur auf juristischem Weg Einspruch gegen die Entscheidung der israelischen Zivilverwaltung einzulegen. Falls es notwendig werden sollte, wird Daoud einen Aufruf zu Kampagnen und Petitionen starten – diese Zeit ist aber noch nicht jetzt!

Ich merke, wie mein eigener Aktionismus mich drängt, irgendetwas zu machen, aber ich teile Daouds Analyse, dass es strategisch zur Zeit einfach nicht sinnvoll ist, und finde alle, denen Dahers Weinberg wirklich am Herzen liegt, sollten den Wunsch seiner Besitzer respektieren.

Warum haben die israelischen Beamten uns die Dokumente nicht persönlich ausgehändigt, wie es in einem Rechtstaat üblich ist (fragte zum Beispiel meine treue Leserin Gela Böhne)?

Dazu kann ich nur sagen, dass auch wenn über die Rechtstaatlichkeit innerhalb Israels noch debattiert wird, die Palästinenser unbezweifelbar nicht in einem Rechtstaat leben. Sie leben seit 1967 unter militärischer Besatzung, die sie nach Militärrecht behandelt. In vielen Fällen haben Palästinenser mit internationaler Unterstützung und der Hilfe israelischer Menschenrechtsorganisationen geschafft, ihren Fall bis vor das oberste Gericht in Israel zu bringen, nur um dort Recht zu bekommen und dann dennoch nach Militärrecht kein Recht zu bekommen. So ähnlich sieht auch unsere Situation aus. Dazu kommt noch, dass nur wenige Palästinenser überhaupt eine solche Entscheidung – und die Art diese mitgeteilt zu bekommen – anfechten würden, da sie den Zettel vielleicht gar nicht innerhalb der 45-Tagefrist finden würden, die Hoffnung auf Gerechtigkeit schon lange aufgegeben haben, und auch nur sehr wenige über die finanziellen Mittel verfügen, um einen solchen Prozess zu führen (die Nassers waren von vornherein in einer priviligierteren Situation und haben sich trotzdem schon um mehr als 150 000$ verschuldet).

Dennoch entbehrt das Vorgehen Israels nicht einer gewissen Logik: Wenn das Land wirklich unbenutzt und leer ist, weswegen es ja enteignet wurde, dann gäbe es in gewisser Weise ja keinen rechtmäßigen Besitzer, dem man die Papiere übergeben könnte. Nur dadurch, dass der wahre Besitzer beim Arbeiten auf dem Land den Zettel findet, erweist er sich als wahrer Besitzer, der dann natürlich auch all die Grundstücksverträge und genug Geld hat, um einen solchen Prozess zu führen.

Dass man, um den Besitzer eines Grundstücks ausfindig zu machen, hier jedes Kind im benachbarten Dorf fragen könnte, spielt natürlich für diese Logik der Besatzer keine Rolle. Genauso wenig, wie dass außer den verrückten Christen hier niemand dauernd auf seinem Land arbeitet, einfach, weil Wein und Olivenbäume nicht jeden Tag Pflege brauchen. Die treuesten Landwirte schauen vielleicht jeden Monat auf ihrem Land vorbei.

Am Dienstag wurden die Zettel auf dem Land verteilt, zwei Tage später hat es angefangen zu regnen und erst drei Tage später aufgehört. Das hätten selbst die in Folie eingepackten Dokumente nicht überlebt…

Erste Gedanken zu bewegten Bildern

Wenn die Arbeit des Tages getan ist, die Sonne hinter den Hügeln im Mittelmeer versunken ist, schauen wir Freiwilligen meistens zusammen einen Film. Aufgrund eines vor kurzem verabschiedeten Abkommen zwischen Medienkartellen und unseren sogenannten „Volksvertretern“ darf ich über die Herkunft dieser Filme nichts genaueres sagen – jedenfalls haben wir keinen Mangel an Auswahl.

Schwieriger ist es jedoch, auf einen Geschmack zu kommen, aber nach längeren Diskussionen entscheiden wir uns normalerweise aufzuhören zu streiten und einfach den Film zu wählen, den die Person am Laptop schauen will. Ausschlaggebend für diese Entscheidung ist immer so etwas wie: „Ihr kennt DEN Film nicht? Den MÜSST ihr gesehen haben, das ist ’ne Bildungslücke.“

Die Erfahrung zeigt, dass dieses Argument sich für jede Art von Genre, ob Action, Drama, Liebesfilm, oder Zombiemassaker benutzen lässt. In der Tat haben wir auch schon alle diese Kategorien, sowie jegliche Überschneidungen abgedeckt. (Vielleicht wird es Zeit für eine andere Freizeitbeschäftigung..)

Jedenfalls habe ich in den letzten sechs Monaten sehr viele Filme gesehen. Gute – und weniger gute. Einige Beobachtungen drängten sich in der Zeit auf (die unter anderem durch ein Buch über Filme gucken geprägt wurden, dass ich mal gelesen hab):

  • erstaunlich wenige Filme schaffen es, die aristotelische Dramentheorie, zu überwinden: entweder,
    • der Held (meist der Held) findet eine Frau, verliebt sich in sie, kommt aber damit verbunden in einen Konflikt, dieser wird verdrängt, und nach anfänglichen Schwierigkeiten funktioniert alles, aber der Konflikt taucht unheilschwanger wieder auf, alles scheint zu Scheitern. Aber dann kommt der Deus ex Machina und löst die Probleme auf. Held darf die Heldin endlich küssen, und mit dem minutenlangen Herauszoomen aus der Nahaufnahme des Kusses in die Totale endet der Film. Jetzt wissen wir, der Film ist eine Komödie, es gibt noch Hoffnung und wir können fröhlich das Kino verlassen.
    • Der Held (immer noch meist der Held) steht in einem unauflösbaren Konflikt, der ihn einholt, gerade, weil er versucht – ihm zu entkommen, oder zu überwinden. Die Katastrophe geschieht, wie in der Komödie, aber kein Gott erscheint, um ihn zu erlösen, höchstens zu verdammen. Der Held stirbt (oder kommt an einen tabuisierten Ort, zum Beispiel ins Gefängnis). Wir trauern und befinden uns in einer Tragödie.
    • Ohne jede Katastrophe finden sich Held (immer noch) und seine Geliebte und dürfen sich behalten – wir sind in der Romanze, die sich fast nur noch bei Rosamunde Pilcher finden.
    • Die Form der Romanze wird als inhaltsleer entlarvt und karikiert. Die ersehnte Liebe vergeht, Langweile bleibt. Wir sind in der Farce, der ultimativen Dekonstruktion.

Fast jeder Film nimmt eines dieser Themen auf, Ausnahmen sind selten und meist nur Vermischungen verschiedener Kategorien durch die Verwendung mehrerer Protagonisten.

  • Wenn Filme sich nicht in privatistische Idealwelten ohne Gewalt und Ungerechtigkeit zurückziehen, so ist Gewalt die einzige effektive Lösung. Der Mythos der erlösenden Gewalt wird bestätigt und bestärkt. Mittlerweile zeigen zwar sogar ausgesprochene Actionfilme einige negative Konsequenzen von Gewalt. Das Leiden der Opfer, die Trauer der Hinterbliebenen und sogar die Probleme der Täter werden erstaunlich oft zumindest am Rande in neueren Actionfilmen gezeigt. Gleichzeitig wird verstärkt eine klare Unterscheidung zwischen illegitimer Gewalt der Bösen und der tragischen, aber legitimen und notwendigen Gewalt der Guten gemacht. Das bedeutet auch, dass Leiden und Tod der Bösen nicht hinterfragt wird, während der Tod eines Guten emotionalisiert und tragisch dargestellt wird und mehr Blutvergießen fordert. (Eine bemerkenswerte Ausnahme ist diese Szene aus Herr der Ringe: Die Zwei Türme).YouTube Preview Image
  • Der Erzbösewicht (ja, der) muss am Ende des Filmes immer sterben, oder zumindest hinter Gitter. Aus seiner Perspektive wäre der Kuss des Paares wohl eine Tragödie. Seine Existenz ist unvereinbar mit der Lösung des Konflikts. Versöhnung ist ausgeschlossen.
  • Ein winziger Bruchteil aller Spielfilme besteht den Becchel-Test. Dieser Test einer Feministin besteht aus drei Fragen: 1. Enthält der Film mindestens zwei Frauen mit Namen? 2. Reden diese zwei Frauen miteinander? 3. Über etwas anderes als einen Mann?Diese Fragen helfen uns, darüber nachzudenken, ob Frauen wirklich gleichberechtigt in diesen Filmen auftauchen (Die Antwort ist nein. Und es ist noch nicht mal irgendwo in der Nähe von einer Frauenquote von 40%). Der einzige Film der letzten Zeit, der den Test besteht ist Sister Act. Peinlich. (Dasselbe kann man mit anderen Randgruppen machen und auf noch deprimierendere Ergebnisse kommen. Wie viel Schwarze, Schwule, Alte, oder Kinder kommen in den meisten Filmen vor?)

Warum mache ich mir eigentlich so viele Gedanken über Spielfilme, die größtenteils flache und vorhersagbare Geschichten erzählen? Können wir uns nicht einfach den Film ansehen und entspannen? Muss man immer alles kritisieren und überinterpretieren?

Ich denke, Filme sind mehr als bloße Freizeitbeschäftigung. Seit Menschengedenken erzählen sich Menschen gegenseitig Geschichten. Und diese Geschichten sind nicht nur Freizeitbeschäftigung. Sie thematisieren die Fragen unserer Existenz, geben uns Bedeutung und Halt. Sie prägen und bestätigen unser Weltbild.

Als unsere Vorfahren sich um das Feuer versammelten und die Alten Geschichten erzählten, dann erklärten sie damit den Lauf der Welt, das Wesen der Dinge und den Sinn unseres Lebens. Manche dieser Geschichten sind uns erhalten, und die Bibliotheken, die mit ihren Interpretationen gefüllt sind, sind Zeugnis für ihre Wirkungsmacht. Durch Aufnahme, Auslegung, Weitergabe und Anpassung dieser Geschichten gewinnen sie an Bedeutung und werden Teil unserer Kultur.

Mit der Erfindung der Schrift wurde es möglich Geschichten zu kodifizieren und sie als endgültig zu erklären. Der Buchdruck machte es möglich diese Geschichten zu verbreiten und so die „Wahrheit“ vielen mitzuteilen, die ihre eigenen Geschichten dann aufhörten zu erzählen und die „wahre“ Geschichte erzählten. Massenkommunikationsmittel wie das Fernsehen ermöglichen es nun, allen vernetzten Personen die gleiche Geschichte zu erzählen. Diese zentralisierten Kommunikationsformen geben denjenigen, die sie kontrollieren, die Möglichkeit „die Wahrheit“ zu gestalten – wie wir zum Beispiel im Vorlauf des Irakkriegs sahen und jetzt wieder mit Iran.

Außerdem verwandeln wir uns mit fortschreitender Zentralisierung der Kommunikation immer mehr in Konsumenten. Wir hören auf uns gegenseitig Geschichten zu erzählen und setzen uns im Wohnzimmer vor den Fernseher (oder in der Höhle vor den Laptop).

Oft wird die Freiheit des Internets beschworen, indem jede/r Kultur schaffen kann und weitergeben kann. Zum einen ist diese Freiheit doch eher mau, zum Beispiel schränkt mich das Format dieses Blogs ein und um es zu ändern muss ich mich einer Kunstsprache unterwerfen. Noch größer ist Uniformität der Individualität auf Facebook, wo ich meine Persönlichkeit in gleichgroßen Bildern und Statusmeldungen, die ich am besten mit Markennamen und ähnlichem spicke, darstellen darf. Gleichzeitig arbeiten die Kräfte der Zentralisierung mit aller Kraft daran, diese Freiheit zu zerstören. SOPA (Stop Online Piracy Act) und ACTA (Anti Counterfeit Trade Agreement) sind nur die letzten in einer Reihe von Versuchen das Internet einzuschränken und in seinem Wesen endgültig zu einem Mittel der Propaganda zu machen (Erinnert sich noch jemand an den Bundestrojaner?).

Zurück zu den Filmen. Wenn Geschichten wirklich unser Weltbild prägen und bestätigen, können sie es dann auch infrage stellen? Und was ist mit Bewusstmachung?

Ich denke, wir sollten Filme ernster nehmen, und sie kritisieren. Wenn wir Gewalt ablehnen, aber kritiklos jubeln, wenn der Bösewicht am Ende des Films erschossen wird, glauben wir dann nicht immer noch an die erlösende Kraft der Gewalt? Wenn wir für Gleichberechtigung sind und doch nicht bemerken, dass immer nur weiße 30-Jährige Männer in den Filmen auftauchen, was heißt das für unseren eigenen Rassismus, Sexismus, Ageismus?

Gleichzeitig sollten wir ernst nehmen, wie wichtig vielen Menschen Filme sind und, dass diese sie unbewusst internalisieren. Oft werden diese Menschen Kritiker als Korinthenkacker und Spaßverderber wahrnehmen. Ich denke, es ist wichtig anzuerkennen, dass Filme die Weltsicht stark prägen und eine Erschütterung dieses Glaubens in die Verteidigung zwingt. Man sollte also behutsam vorgehen und zuerst den Balken im eigenen Auge sehen.

Außerdem lohnt es sich nach ungewöhnlichen Geschichten Ausschau zu halten – ein Ratgeber dazu kann Vic Thiessens englischsprachiger Filmblog sein. Und zu guter letzt sollte man sich auch nicht die Laune ganz von der Kritik verderben lassen, einfach nur im Hinterkopf behalten.

Ich werde in Zukunft ab und zu Analysen von Filmen oder Szenen hier veröffentlichen.

Die heiligen Unschuldigen

Heute ist nach dem orthodoxen Kirchenjahr der Gedenktag an die „Heiligen Unschuldigen“, die Kinder, die König Herodes laut Matthäus 2,16-18 aus Furcht vor dem neugeborenen König der Juden umbringen lies. Das es für diese schreckliche Tat keine historischen Belege gibt, ändert nichts an ihrer Bedeutung für die Geschichte die Matthäus erzählt.

Kaum ist Jesus ein paar Tage alt, da hat der römisch eingesetzte Marionettenkönig Herodes schon so viel Angst vor ihm, dass er einfach alle Kinder in Bethlehem unter zwei Jahren umbringen lässt. Er will sichergehen, dass sein Rivale auch wirklich ausgeschaltet wird. Ein Engel warnt Josef und er und seine Familie fliehen ausgerechnet nach Ägypten, woher Gott einst ihre Vorfahren aus der Sklaverei befreit. Der Sohn Gottes wird ein Flüchtling. Doch ich will bei den Heiligen Unschuldigen verweilen. Bei diesen Kindern, die nichts verbrochen hatten. Die der Machtgier eines Despoten im Wege standen. Es ist wie damals der Pharao, der Angst vor dem demographischen Wachstum seiner Sklaven hatte, nur damals leisteten die Hebammen zivilen Ungehorsam. Hier griff niemand ein. Matthäus berichtet uns nicht davon, dass die Soldaten Gewissensbisse hatten und die Kinder nur scheinbar umbrachten, Tyrannenmord begingen, oder den Befehl einfach verweigerten und die Strafe dafür in Kauf nahmen.

Die Welt, in die Jesus kommt, ist düster und gewalttätig.

Aber auch Gott greift nicht ein. Der Engel kommt nur zu Josef, nicht zu all den Eltern der anderen Kinder. Nur das liebe Jesuskind wird gerettet, dabei hätten doch auch die anderen Eltern nach Ägypten fliehen können! Gott hätte nur Gabriel sagen müssen, dass er auf dem Weg auch noch den anderen Familien Bescheid sagen soll! Ist das die Rache, dafür, dass kein Platz in der Herberge war? Was ist mit dem Hirtenkind, der Sohn eines der Hirten, dem die Engel erschienen waren und der Jesus an Weihnachten anbetete? Hätte nicht dieses Kind es verdient, zu leben?

All diese Fragen bleibt der Text uns schuldig und so ist der Tag der Heiligen Unschuldigen ein Tag der Erinnerung an all die Massaker, die an unschuldigen Kindern im Namen von Sicherheit und Macht verübt werden. Ob in Gaza, Norwegen, oder sonstwo auf der Welt.

unterseeische Verhandlungsfähigkeit

Heute – ich bin ein wenig hinterher mit den Nachrichten – lese ich davon, dass Israel einen 6. (!) Delphin (was ein Euphemismus für ein atomwaffenfähiges Kriegs-U-Boot) von Deutschland kaufen wollte, alles schon geregelt war, aber die Bundesregierung jetzt Bedenken wegen des „erneuten“ (als ob er jemals aufgehört hätte) Siedlungsbau in Ostjerusalem hegt.

Sie wollen also den Delphin nicht verkaufen.

Oh, nein, doch nicht, sie wollen ihn verkaufen, nur wollen sie Israel nicht 138 Millionen € geben, um es zu kaufen. Eine Art Rabatt also. Mmh. Wenigstens gut für unsere ach so angeschlagene Wirtschaft und unseren Haushalt. So ein paar Millionen weniger kann man ja vertragen, wenn man dafür was direkt in den Staatshaushalt kriegt. So eine Ubootwerft wird ja Staatseigentum sein.

Oh, nein, doch nicht. Sie ist Privateigentum. Eine Firma, die atomwaffenfähige Uboote verkauft, ist Privateigentum und hat schon mehrmals direkt Millionen vom deutschen Staat gekriegt, damit Israel sich ein neues Uboot leisten kann. Denn alles, was diese Region mehr braucht, sind Waffen.

Ich wüsste gerne, wie viel Steuern die Howaldtswerke Deutsche Werft zahlt.

Der Skandal ist also zusammen gefasst, dass Deutschland überlegt, sich zu weigern, Israel ein sechtes atomwaffenfähiges Unboot praktisch zu schenken, in einer Zeit, wo Israel öffentlich über einen Erstschlag auf Iran nachdenkt, und dabei der privaten Waffenindustrie, die kaum Steuern bezahlt, auch noch hundert Millionen € zu schenken.

Ein wirklicher Grund stolz auf Deutschland zu sein.

Die schlimmste Gotteslästerung bis jetzt

Zufällig ist mir heute eine Ausgabe von „Israel heute“, einem Magazin messianischer Juden, die sich zur Aufgabe gesetzt haben, „auch das zu bringen, was andere weglassen“, unter die Nase gekommen.

Die Artikel sind – wenig überraschend – zionistisch, und strengen sich an, eine theologische Rechtfertigung der israelischen Politik zu sein.

Da Theologie mich interessiert und ich die Perspektive der „anderen“ kennen will, blaettere ich also darin herum und stoße auf einen kurzen Artikel mit dem Titel „Wie sah Jeschua aus“. Eine Reflektion über das Aussehen des „echten“ Jesus und wie er heutzutage dargestellt wird. Die Grundthese unterstütze ich erstaunlicherweise: Jesus war nicht nett, sondern revolutionär und erschütterte das politische und religiöse System in den Grundfesten. Von dort aus nimmt der Artikel aber einige fatale Wendungen. Ich habe versucht den Artikel im Internet zu finden, aber man muss Abonnent sein. Hier also einige Zitate (meine Gedanken in fetten Buchstaben):

Doch die Evangelien beschreiben die irdische Person Jesu eher rustikal, was zu seinem revolutionären Auftreten passt … (Ich mag wohin dies geht) Seine Jünger waren Partisanen .. So ist es nicht verwunderlich, dass seine Jünger Zeloten (stimmt) … waren … und Petrus bei der Festnahme zum Schwert griff (aber Jesus verbot es ihm und heilte den Wachmann, der ihn fest nahm!)

Der Artikel endet schliesslich mit den Worten:

In Wahrheit aber passt er [Jesus] mehr in Haganah (zionistische paramilitärische Untergrundorganisation) als in den Vatikan. (Ich schmeiße die Zeitschrift auf den Boden und trample auf ihr rum)

WOW! Ich kann gar nicht sagen, wie wütend ich bin! Jesus in eine Terrorgruppe zu stecken. Hat Jesus nicht gesagt: „Liebet eure Feinde?“ Wie liebte die Haganah denn ihre Feinde? Indem sie Brücken in die Luft jagte?

Notiz: Bei den Nachforschungen habe ich festgestellt, dass die ich die Haganah mit Irgun verwechselt habe. Während Irgun die Massaker verübte, war die Haganah eher die Mainstreamterrorgruppe der vor-israelischen Zionisten. Sie verübten aber ebenfalls Anschläge und töteten Palästinenser. Sie wurde zusammen mit Irgun in die israelische Armee überführt. Die israelische Armee heißt bis heute auf Hebräisch „Tzva Haganah le-Yisraʾel“.