unerzählte Geschichten

Ich habe lange nichts mehr geschrieben.

Mal wollte ich nicht über etwas schreiben, mal wusste ich nicht wie, mal gab es kein Internet, dann keine Zeit.

All diese unerzählten Geschichten bleiben bei mir und viele werden erzählt werden. Vielleicht nicht hier, vielleicht nicht allen, aber ich tue mein Bestes, sie nicht dem Vergessen anheim fallen zu lassen.

Denn wenn im Wald ein Baum umfällt, und niemand davon erzählt, ist der Baum zwar gefallen, aber niemand wird sich an ihn erinnern.

Lektionen vom Ölbaum

Olivenbäume sind das Merkmal Palästinas, schon seit biblischen Zeiten als die Leviten Oliven als eine der sieben Früchte des gelobten Lands zurückbrachten. Der Ölbaum, seine Früchte und das daraus gewonnene Öl tauchen immer wieder in der Bibel auf, was auf die lange Tradition seiner Nutzung hinweist. In Getsemaneh in Jerusalem gibt es Olivenbäume, die zur Zeit Christi schon dort wuchsen, und im palästinensischen Dorf Al Wallajah soll es sogar noch einige Jahrhunderte ältere Bäume geben.

Der Olivenbaum ist eine in Palästina einheimische Pflanze, die sich über Jahrtausende auf den kargen Regen und die brennende Hitze eingestellt hat, und durch ihr langsames Wachstum ein schier unsterbliches Alter erreicht.

Ich schrieb an anderer Stelle schon über die unglaubliche Widerstandsfähigkeit der Bäume, die sogar das Fällen überleben können und einfach aus dem Stumpf zu neuem Leben erstehen, weil das Wurzelnetzwerk intakt geblieben ist. Das hat auch die Israelische Besatzungsarmee gemerkt und ist dazu übergegangen, Bäume mit Caterpillar-Bulldozern auszureißen.

Wie schon in der Bibel spielt der Olivenbaum in der eingeborenen palästinensischen Kultur eine große Rolle: Menschen erinnern sich teilweise an den Namen der Menschen, die den hundert Jahre alten Baum gepflanzt haben, die Zeit der Ernte war früher ein Familien-, oder sogar Dorffest, wobei sich hier mittlerweile auch die Modernisierung bemerkbar macht und in meiner Erfahrung kaum noch alle Familienmitglieder daran teilnehmen.

Bei diesen tiefen Wurzeln im Bewusstsein der Menschen ist es logisch, dass Daoud gerne den Ölbaum als Beispiel für effektiven und nachhaltigen sozialen Wandel benutzt. Ich möchte im Folgenden seine Punkte in eigenen Worten wiedergeben und dem manches hinzufügen:

Der Ölbaum hat tiefe Wurzeln, die es ihm ermöglichen den langen und heißen Sommer zu überleben. Ebenso brauchen Initiativen, die effektiv sein wollen, ein tiefes Reservoir an Energie haben, um die vielen Anfechtungen zu überleben.

Der Baum wächst sehr langsam und hat ein weitaus größeres Wurzelnetzwerk als der oberirdische „Baum“. So können wirkungsvolle Initiativen oft auch sehr bescheiden und machtlos wirken, weil sie an ihrer Unterstützung in der Gemeinschaft arbeiten müssen. Graswurzelorganisation ist der Schlüssel zu tatsächlicher Gesellschaftstransformation, während der Versuch radikale Politik durch staatliche Reformen ohne Rückhalt in der Bevölkerung fast immer zum Scheitern verurteilt ist. So wie der Ölbaum erst nach sieben bis zehn Jahren Früchte trägt braucht horizontales Organisieren eine lange Zeit, bevor erste Auswirkungen sichtbar werden.

Die ersten zwei Sommer muss man den Baum regelmäßig bewässern, sonst stirbt er, danach kommt er komplett alleine aus, weil die Wurzeln tief genug sind. Ebenso brauchen auch viele Initiativen eine Starthilfe finanzieller oder anderer Art, bevor sie anfangen können zu arbeiten. Es ist aber unbedingt notwendig von dieser Starthilfe nicht abhängig zu werden, sondern sie als „Hilfe zur Selbsthilfe“ zu verstehen und sie dann irgendwann auch schlichtweg abzulehnen.

Soweit Daouds Vergleich. Während ich darüber nachdachte sind mir noch einige Dinge eingefallen:

Wir sind versucht den Baum als alleinstehend zu sehen und nicht in seinem Kontext als Teil eines Ökosystems aus Erde, anderen Pflanzen und Tieren. Tatsächlich sind die Wurzeln des Baumes wichtig, aber nicht um sich aus der unlebendigen Erde an Rohstoffen zu bedienen, sondern um mit Kleinstlebewesen zu handeln und Mineralien gegen Sauerstoff auszutauschen. Tausende Würmer, Insekten und andere Tiere auf der Suche nach Futter graben den Boden um den Baum herum um und hinterlassen wertvolle Nährstoffe in Form ihrer Exkremente. Gleichzeitig gibt es auch Schädlinge, die den Baum kaum am Leben lassen wollen, oder nur um ihn weiter auszubeuten. Andere Pflanzen, z.B. Gras können eine Gefahr sein, wenn der Baum noch jung ist und überwuchert werden könnte, aber sie verhindern auch, dass der Boden austrocknet und die Würmer den Ort verlassen. Sie beziehen ihre Nährstoffe aus anderen Bodenschichten und stören einen großen Baum nicht. Genauso leben auch wir in Zusammenhängen, in denen Solidarität die größten Erträge bringt und gegenseitige Hilfe lebensfördernd ist. Es ist nur unsere kapitalistisch-individualistische Weltsicht, die uns zum Schluss kommen lässt Wettbewerb erbringe immer die besten Erträge. Wir sollten versuchen die Nischen zu finden, in denen wir gemeinsam existieren können und einander fördern könnten. Dies ist besonders für Initiativen wichtig, die oft andere Zielsetzungen haben, und deswegen meinen, nicht zusammenarbeiten zu müssen, oder sogar können. Im Gegenteil, Vielfalt kann zu viel größerer Effektivität führen, auch wenn man nicht unbedingt in allem übereinstimmt.

Aufgrund des Wurzelnetzwerks und der gegenseitigen Hilfe der Organismen kann der Baum die langen Strapazen des Sommers überleben (der gleichzeitig enorme Energie in Form von Sonnenlicht bringt). Dennoch würde er ohne den Winter und den Regen schnell verdorren und sterben. Genauso brauchen wir auch bei dem größten und effizientesten Netzwerk den Wechsel zwischen Arbeit, Fest und Ruhe (oder Sommer, Ernte und Winter), neue Ressourcen und Orte und Zeiten an denen wir Kraft schöpfen können. Die biblische Sabbatordnung bietet dafür eine gute Grundlage und zusammen mit Jesu Kritik an der allzu literalistischen Auslegung der Pharisäer, ist sie ein hilfreiches Gegengift zu der protestantischen Arbeitsmoral, die leider viele Initiativen prägt.

Auch ein hunderte Jahre alter Baum mit tiefen, starken Wurzeln und vielen Früchten ist nicht sicher vor einem Siedler mit einer Motorsäge, oder den Bulldozern der israelischen Armee. Dank der Wurzeln wird der Baum zwar vieles überleben, aber er kann auch nicht auferstehen. Nichts desto trotz sind die Oliven, die einst in ihm hingen längst zu neuen Bäumen geworden.

Gute Organisation, Breites Netzwerken und ausreichend Ressourcen sind keine Garantie dafür, dass unsere Versuche die Gesellschaft zu verändern, nicht von den Mächtigen bekämpft und gestoppt werden. Ein gutes Netzwerk kann dann helfen, neue Sprossen um eine zerstörte Organisation sprießen zu lassen, aber vielleicht verliert es durch Propaganda sogar den Rückhalt in der Gemeinschaft. Dennoch wird all die Arbeit unerwartete Früchte getragen haben und noch tragen.

Wie Daoud in Abwandlung des Lutherzitats sagt: „Selbst wenn ich wüsste, das morgen die Welt untergeht, würde ich heute immer noch einen Olivenbaum pflanzen.“ Und das in Palästina, wo das Ende der Welt sowieso immer um die nächste Ecke scheint.

Godwins Gesetz in Israel und Palästina

„Mit zunehmender Länge einer Online-Diskussion nähert sich die Wahrscheinlichkeit für einen Vergleich mit Hitler oder den Nazis dem Wert Eins an.“

– Mike Godwin

Der obenstehende Satz ist die Definition von Godwins Gesetz, einem empirischen Gesetz der Internetkultur. Während es im Internet meist eine Weile dauert, bis ein Nazivergleich aufkommt, scheint diese Dauer hier in Israel und Palästina um einiges verkürzt zu sein.

Jetzt sind es gerade die Ultraorthodoxen, die behaupten, in Israel wie im Ghetto leben zu müssen..

Aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass fast alle, denen ich begegne, sehr schnell meinen, sagen zu müssen, dies oder jenes, sei „wie die Nazis“, „wie der Holocaust“, „wie Hitler“. Diese Aussagen kommen von Internationalen, die über die Not der Palästinenser sprechen, von Israelis, die über das Verhalten „der Araber“ ihnen gegenüber sprechen, und von Palästinensern, die ihrer Not Ausdruck verleihen wollen.

Diese schnellere Anwendung von Godwins Gesetz liegt an meiner Meinung nach an mehreren Faktoren:

  1. mangelndes Geschichtswissen: Das Wissen über die Shoa, deren Ausmaß, Ursachen und Folgen sind unter Palästinensern leider nicht ausgeprägt genug, auch unter Internationalen herrscht leider auch oft mangelndes Detailwissen, bei Israelis ist die Rezeption der Shoa stark ideologisch verfärbt (Shoa als Rechtfertigung des Zionismus).
    Auch fehlt oft das Wissen über andere passendere Vergleiche (Südafrika), bzw. die Einordnung der israelischen Besatzung und Kolonisierung in den größeren Kontext von Kolonisierung und Ausbeutung
  2. Normalisierung des Vergleichs: Die Shoa ist in Israel immer Teil des Diskurses und so werden Nazivergleiche sehr häufig verwendet. Dies bewirkt, dass der Vergleich kein extremes Mittel, sondern alltäglich wird (ähnliches gilt für Antisemitismusvorwürfe). Die Palästinenser auf der anderen Seite nehmen dies wahr und benutzen den Vergleich in der Hoffnung Aufmerksamkeit für ihr Leiden zu erhalten.
  3. Meine Nationalität: Nach Gesprächen mit anderen Internationalen, Deutschen und Nicht-deutschen habe ich festgestellt, dass gegenüber Deutschen öfter Situationen und Personen öfter mit dem sogenannten „3. Reich“ verglichen werden. Ich vermute, dass die vergleichende Person eine starke Reaktion bei Deutschen vermutet und meist auch erhält. Manche meiner deutschen Bekannten haben deswegen angefangen, ihre Nationalität zu leugnen und sich beispielsweise als Schweden auszugeben.

Diese Liste an Faktoren lässt bewusst die Frage außen vor, ob der Vergleich legitim ist. Eine Antwort darauf würde sehr lang ausfallen und ich würde allen, die es interessiert raten, hierher zu kommen und sich selbst ein Bild zu machen. Ich selbst habe in manchen Gesprächen Nazivergleiche gemacht und habe gleichzeitig andere dafür kritisiert.

Vielleicht ein andermal mehr dazu. Heute will ich nur allen hier in der Gegend einen Godwinpunkt verleihen.

Gratulation!

Manna, internationale „Hilfe“ und die ewige Besatzung

Vor einigen Tagen habe ich eine Dokumentation gesehen, die mich daran erinnert hat, dass ich schon länger einen Artikel über internationale Entwicklungshilfe in Palästina schreiben wollte.

Wer sich all die Schilder an neuen Gebäuden in der Westbank anschaut, könnte den Eindruck gewinnen, die gesamte Welt wäre einseitig auf der Seite der Palästinenser. Von den zu erwartenden arabischen Ländern über Deutschland und andere EU-Länder finanziert sogar die USA Infrastrukturprojekte und NGOs in den von Israel besetzten palästinensischen Gebieten.

Zum Beispiel die Straße von Bethlehem nach Nahalin. Da die Israelis mit Felsen den Weg von Nahalin zur Route 60, die Hauptverbindung zwischen Jerusalem, Bethlehem und Hebron, blockiert haben, konnte man Nahalin (und Dahers Weinberg) nur noch zu Fuß erreichen, oder man arrangierte, dass auf der anderen Seite des Roadblocks ein zweites Auto stand, das einen mitnahm.

Die italienische und US-amerikanische Regierung haben nun in all ihrer Güte beschlossen, eine neue Straße von Bethlehem über Al Khader und Hussan (zwei andere palästinensische Dörfer) zu bauen. Diese führt an einer Stelle in einem Tunnel unter der Route 60 hindurch, ist bis jetzt nur eine Erdstraße und nimmt einen gewaltigen Umweg, sodass man nun viel länger nach Bethlehem braucht, als vorher. Die Straße wurde von palästinensischen Bauarbeitern unter Anleitung italienischer und amerikanischer Ingenieure gebaut, wodurch ein Teil des Geldes wieder in die Ursprungsländer geflossen ist. Der wichtigste Punkt ist allerdings dieser: Statt ihren Einfluss auf Israel auszunutzen und zu verlangen, dass der Roadblock entfernt und die alte Straße wieder freigegeben wird, haben sie sich zu Komplizen der Besatzung gemacht, indem sie ein Apartheidssystem von getrennten Straßen propagierten. Die neue Straße wird als Rechtfertigung seitens Israels benutzt, dass Palästinenser in Zukunft vielleicht gar nicht mehr auf der Route 60 fahren dürfen. Gleichzeitig können sich Italien und USA damit rühmen, nicht einseitig auf der Seite Israels zu stehen, da sie ja auch Projekte innerhalb der besetzten Gebiete finanzieren, die für eine etwaige Staatsgründung wichtig sind.

Tatsächlich machen sie die Zweistaatenlösung unmöglich, weil so die Apartheidspolitik ungehemmt weitergehen kann. (Außerdem sind die Gelder an die Palästiner lächerlich im Vergleich zu der Unterstützung der USA an Israel)

Ein zweites Beispiel aus meiner eigenen Erfahrung: Zu Beginn meiner Zeit auf Dahers Weinberg gab mir Daher kleine verschweißte Packungen mit Reis und komischen braunen Brocken, die ich den Tauben verfüttern sollte. Auf den Packungen war ein Etikett: Manna Pack von der Organisation Feed my Starving Children. Diese wohltätige christliche Organisation hat es sich zur Aufgabe gemacht, „Gottes Kinder die körperlich und geistlich hungrig sind, mit Nahrung zu versorgen. Zunächst einmal grenzt der Name „Manna Pack“ meiner Meinung nach an Blasphemie, da das Manna den Israeliten in der Wüste von Gott gegeben wurde und nicht von wohlmeinenden Christen, die von der Situation der verhungernden Kinder, denen sie helfen wollen, profitieren. Desweiteren denke ich, dass, auch wenn ich Tauben im Sinne Franz von Assisis als Geschwister und daher als Kinder Gottes bezeichnen würde, die Verfütterung von Manna Packs an Tauben den Zweck verfehlt. Das ich die Manna Packs den Tauben verfüttern sollte, sagt mir weiterhin, dass sie im Westjordanland von Menschen nicht benötigt werden, und billiger sind als Körner, die ich den Tauben sonst füttere. Es ist die ökonomisch sinnvollste Option.

So wird die palästinensische Wirtschaft zerstört, da es sich lohnt, internationale Hilfsgüter als Tierfutter zu nutzen, statt lokale Produkte. Ich möchte betonen, dass dies nicht die Schuld der Palästinenser ist, es ist die Schuld wohlmeinender Organisationen, die Notfallhilfe in Gebieten betreiben, wo diese nicht benötigt wird.

Solche Hilfe ist nicht Hilfe zur Selbsthilfe, sondern zerstört lokale Märkte, macht abhängig und ist damit Teil des Systems, dass die Besatzung aufrecht erhält. Würde die Besatzung enden, würde auch die internationale Hilfe enden, womit viele Menschen ihrer Einkommen, z.B. als NGO-Mitarbeiter, beraubt wären.

Ein weiterer Aspekt dieser Gelder ist auch, dass sie den Widerstand kontrollieren. Entscheiden sich die Palästinenser für einen Weg, der den Spendern nicht passt, so wird der Geldhahn zugedreht. Das beste Beispiel hierfür sind die demokratischen Wahlen im Gazastreifen, die die Hamas an die Macht brachten. Obwohl diese Wahlen von unabhängigen Beobachtern für zulässig erklärt wurden, stoppte die internationale  Gemeinschaft die Gelder und bestrafte die Bewohner des Gazastreifens für das Ausüben ihrer demokratischen Grundrechte.

Die vorhin erwähnte Dokumentation hat meine Bedenken gegen internationale Hilfe bestätigt und noch vergrößert. Sie geht in mehreren eindrücklichen Beispielen mit Aussagen palästinensischer WissenschaftlerInnen und Unternehmer auf die Rolle von internationalen Geldern in der Besatzung ein.
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Was heißt das für meinen Dienst hier? Ich nehme im Grunde genommen ebenfalls einem Palästinenser Arbeit weg. Meine unbezahlte Arbeit hier ermöglicht es, dass Zelt der Völker nicht rentabler werden muss, sondern weiterhin die Arbeitskraft abenteuerlustiger Deutscher ausbeuten kann. Das hört sich sehr hart an, und ich kriege hier ja auch einiges zurück an Atmosphäre und so, aber wirtschaftlich gesehen sind all diese Faktoren uninteressant. Was zählt ist Arbeitskraft und Bezahlung und das Verhältnis ist bei Freiwilligenarbeit einfach traumhaft. Fast so gut, wie Sklavenarbeit.

Andererseits denke ich, dass diese Analyse eher auf andere Projekte zutrifft, die tatsächlich die finanziellen Möglichkeiten hätte, jemanden anzustellen und zu bezahlen. Aber bei all den Freiwilligen, die es hier gibt, im Vergleich zu den Arbeitslosenzahlen, wundere ich mich, dass die Palästinenser uns immer noch so freundlich empfangen.

Phönix aus der Asche

Als ich im September die Verantwortung für die Animal Farm übernahm, sahen die Hühner ziemlich gerupft aus, hatten im Stall zu wenig Platz und standen Tag für Tag in ihrem eigenen, mittlerweile pappmascheeartigen Kot, weil ihr Gehege schon ewig nicht mehr sauber gemacht wurde.

In meiner Zeit hier habe ich

  • ihnen die Möglichkeit gegeben in einem sehr viel größeren Gebiet sich frei zu bewegen,
  • mehrere neue Stangen in dem Stall für sie installiert,
  • den Boden des Geheges herausgerissen und mit Erde erneuert
  • und eine Staubbox gebaut, die sie zum Reinigen des Gefieders verwenden sollen.

Auch wenn sie die Staubbox, so wie das Heu für ihre Nester noch nicht angenommen haben, und nur einige das größere Gehege erkunden, so benutzen sie doch die Stangen und scharren wieder in der Erde. Das Gefieder hat sich nach der Mauser wieder erneuert und wir haben nun farbenfrohe Hühner zwischen weiß und knallrot.

Nur Eier legten sie die ganze Zeit noch nicht.

Bis diese Woche. Am Dienstag hörte ich ein seltsames Gackern aus ihrem Stall und als ich nach sah, lag im Futtertrog der Ziegen ein kleines, gelbliches Ei!

Heute habe ich schon das zweite gefunden, diesmal im Futtertrog der Pferde.

Hoffentlich fängt damit die Eierproduktion erst an und wir können noch mehr haben – wer weiß vielleicht kann ich ihnen ja auch beibringen, nicht in die Futtertröge, sondern in die für sie präparierten Nester zu legen?

Nachtrag: Ich stelle gerade fest, dass ich bis jetzt überhaupt keine Bilder von den Hühner gemacht habe. Wahrscheinlich, weil ich sie zu deprimierend fand. Ich werde dann morgen ein paar Bilder machen und hier hochladen.

Vor zweieinhalb Wochen war noch alles ruhig…

Noch vor zweieinhalb Wochen war ich auf dem Tahrirplatz und in der besetzten Straße vor dem Kabinett. Die Stimmung war ruhig und fröhlich, Menschen saßen, sangen, und diskutierten. Kunst wurde erstellt, der Platz quillt über vor Graffiti, die von der lebendigen Subkultur Kairos zeugen.

Ein Freund, den ich aus Deutschland kenne, stellte mich einigen Aktivisten vor und sie erzählten mir davon, wie sie anfingen zum Tahrirplatz zu gehen, wie das erste Mal Tränengas und Gummigeschosse geschossen wurden, wie erleichtert sie waren, als das Militär sich auf ihre Seite schlug und von der Enttäuschung, als es das Feuer auf sie eröffnete.
Ein Aktivist erzählte mir, dass er schon lange vor der Revolution involviert war und einige Tage vor den ersten Massendemos den Glauben an den Wandel verloren hatte. Er erwartete nichts mehr von Demos und Aktionen.
Jetzt ist er wieder erfüllt von Hoffnung, ohne die Probleme außer Acht zu lassen. Er sah drei Feinde der Revolution:
Das Militär zusammen mit der alten Elite, die Islamisten und die neue bürgerliche Elite der liberalen Aktivisten.
Während ich in Kairo war, wurde die erste Runde der Parlamentswahlen abgehalten. Die vorläufigen Ergebnisse brachten die Moslembrüder, die für einen konservativen Islam mit fundamentalistischem Einschlag stehen, auf den ersten Platz, zweite waren die wirklich schaurigen Salafis und die liberalen waren auf dem dritten Platz.

 

 

Jetzt schießt das Militär wieder auf Demonstranten vor dem Kabinett und auf dem Tahrirplatz. Zehn Menschen sind bis jetzt anscheinend gestorben und zahlreiche verletzt. Das Militär hat sogar Doktoren verhaftet und Arzneien in einem der mobilen Krankenhäuser nahe des Platzes verbrannt.

Meinen Freunden geht es anscheinend gut.

Viel ist noch unklar in Ägypten, Mubarak ist weg, aber ob das Volk sich wieder versklaven, oder zwischen Christen und Moslems, reichen und armen, Männern und Frauen spalten lässt, das lässt sich noch nicht mit Sicherheit sagen.
Die Menschen, denen ich in Kairo begegnet bin, lassen mich hoffen, auf ein Ägypten, in dem kein Pharao mehr über ein Land von Sklaven herrscht.

nächtlicher Begleitspaziergang

Auch in Deutschland musste ich in der Dunkelheit schon manche Dame zum nächsten öffentlichen Verkehrsmittel eskortieren, weil das eben höflich ist und man ja nicht weiß, was auf dem Weg alles lauern könnte.

Aber eigentlich weiß man schon, was da lauern könnte. Oder zumindest, was nicht da lauern könnte. Es wäre zum Beispiel höchst unwahrscheinlich, einem vollgepanzerten Armeejeep zu begegnen, mit schwer bewaffneten Soldaten drin, die sich die ganze Nacht da einen abfrieren, weil sie keine Möglichkeit hatten, legal den Kriegsdienst zu verweigern und ihr Staat es zulässt und fördert, dass seine Staatsbürger Kolonien in besetztem Gebiet errichten, die sie als Soldaten jetzt schützen müssen – was bedeutet, dass sie in diesem Jeep sitzen und Leuten Angst einjagen müssen.

Zurück zur Geschichte: Heute hatten wir zum ersten Mal eine Arabischstunde mit unserer palästinensischen Lehrerin Ann (Name geändert). Nach der Stunde wollte sie das Service nach Bethlehem erwischen um dann nach Jerusalem zu fahren. Es war schon dunkel. Das war ein Problem, weil ich mich schon gar nicht mehr erinnern kann, wie oft mir die Geschichte erzählt wurde, wie ein Volontär mal nachts auf dem Weg zur Straße fast von den Soldaten über den Haufen geschossen wurde, weil sie ihn nicht als Ausländer erkannt hatten.

Aber die Dame musste nach Hause und es gab wohl keinen anderen Weg, als dass wir drei Jungs mit hellen Taschenlampen sie zur Bushaltestelle zu begleiten.

Wird schon nichts passieren, nicht jeden Tag ist da ein Jeep.

Nicht jeden Tag – aber heute. Und ich hab keinen Ausweis dabei.

Einfach ruhig weiterlaufen. Ann ist sich nicht ganz sicher, ob sie zur Haltestelle will, entscheidet sich dann aber doch, dass wir weiterlaufen sollen. Wir diskutieren, ob helle Taschenlampen schlecht (sie sehen uns) oder gut (aber sie sehen, dass wir keine Waffen haben, oder palästinensische Jugendlichen sind) sind. Entscheiden uns, dass sie gut sind und lassen sie an. Mittlerweile haben die Soldaten die Leuchtsirene ihres Wagens ausgeschaltet und auf einmal auch die Lichter.

Wir passieren den Steinhaufen, den das Militär „aus Sicherheitsgründen“ aufgeschüttet hat und wegen dem hier keine Autos mehr fahren. Der Jeep kommt langsam auf uns zu. Das Fenster wird runter gelassen.

Soldat: Was macht ihr hier?
Ich: Wir kommen von Zelt der Völker da oben und bringen diese Frau zur Haltestelle.
Ann: Ich bin aus Jerusalem und die anderen aus Deutschland.
Soldat: Was macht ihr da auf dem Berg.
Ich: Wir arbeiten da.
Soldat (verwirrt): Ok.
Ich: Bis dann, wir gehen weiter.

Wir gehen tatsächlich weiter, und sie haben noch nicht mal unsere Ausweise sehen wollen! Wir bringen Ann zur Haltestelle, es gibt noch Services, sogar noch eins als sie das erste verpasst, weil sie sich so herzlich von uns verabschiedet. Sie scheint echt erleichtert zu sein, dass wir sie begleitet haben.

Der Rückweg ist ohne Probleme. Ich drehe mich noch einmal zu den Soldaten um und habe Mitleid. Mir ist auch kalt, aber ich gehe gleich in meine Höhle und mach den Ofen an. Die müssen noch weiter da sitzen und frieren, und wenn ein Palästinenser vorbeikommt, wer weiß, ob sie dann auch so freundlich sind, wie zu uns Ausländern.

Glasflaschenmauern

Hier noch ein Beispiel einer anderen Müllbautechnik, die ich Glasflaschenmauern genannt habe:

Ausprobieren konnte ich diese Technik, da die Wand einer unserer Komposttoiletten (Artikel kommt noch), kaputt war.

Technik: Man stapelt die Flaschen quer übereinander, der Flaschenhals liegt dabei auf der Außenseite der Struktur.

Die Flaschen sind mit einer Mischung aus Erde, Ziegenkot und Heu verbunden, diese Bauweise erlaubt es dem Licht das Klo zu erhellen, verhindert aber einen Einblick in die Privatsphäre während dem Verrichten des Geschäfts.

Hier sieht man das ganze nochmal von hinten.

Der Biomörtel ist jetzt schon fast ganz trocken und die Wand steht noch. Ich hoffe, sie als Muster benutzen zu können, um mehr in dieser Bauform bauen zu können.

Wenn ich über den Müll laufe, sehe ich immer mehr Ideen, die nur auf ihre Verwirklichung warten.

Das Glasflaschenmauern habe ich übrigens nicht selbst erfunden, sondern bei Bustan Qaraaqa zuerst gesehen, einem Permakulturbauernhof in Beit Sahour, der auch noch mit einem Artikel gewürdigt werden soll.

In den Wolken

Die letzten Tage hat es in Palästina fast konstant geregnet. Teilweise mussten wir schon Wasser von den Zisternen umpumpen, damit die kleineren nicht überlaufen!

Alle Bauern der Welt sind vom Regen abhängig, aber unsere Situation ist verschärft, da wir keine natürlichen Wasserquellen in unserer Nähe haben und aufgrund der israelischen Besatzung keinen Zugang zum Wassernetz haben. Trinkwasser müssen wir bis jetzt weiterhin kaufen und in gelben Wassertanks auf den Weinberg fahren – die Anschaffung eines Trinkwasserfilters ist ein Projekt für den Sommer.

Leider sind auch unsere Höhlen teilweise zu Zisternen geworden, weswegen wir immer am Abend einige Eimer Wasser aus ihnen schöpfen. Ansonsten ist es dort aber schön warm.

Auf unserem Hügel sind wir meistens schon in den Wolken, was uns eine wunderschöne Sicht beschert

 

– und leider die Einsicht, dass Herr May sich geirrt hat und auch hier die Freiheit nicht grenzenlos ist, und all die Sorgen darunter verborgen bleiben. Auch in den Wolken ist die Westbank besetzt.

Aber der Regen, der auf Gerechte und Ungerechte fällt, ermöglicht es den Nassars und anderen Bauern wie ihnen, der Besatzung Widerstand zu leisten.

 

Nächtliche Bauarbeiten

Vorgestern abend waren nach Einbruch der Dunkelheit plötzlich Bulldozer der israelischen Armee am Roadblock und bewegten Steine und Erde hin und her. Wir waren sehr nervös, was sie wohl taten, da es zu dunkel war, um wirklich zu sehen was sie taten.

Machen sie den Roadblock größer, oder räumen sie ihn weg, um womöglich zu uns zu kommen?

Mit unseren Kameras gingen wir an den Rand unseres Geländes, um aus immer noch mehr als 200 Meter Entfernung zu sehen, was die Soldaten vorhatten. Sie schütteten Erde auf, soviel war klar. Zum einen war dies eine gute Sache, wir mussten uns keine Gedanken machen, was wir mit Soldaten auf unserem Grundstück anfangen, aber auf der anderen Seite war ich traurig, dass es noch einen Roadblock gibt, verwundert, was ein 3. (!) Roadblock bewirken soll, und frustriert, dass wir nicht wussten, was wir dagegen tun sollten.

Nach einer Weile verschwanden die Soldaten, nur um nochmal kurz wieder zu kommen, als wir beim Essen waren.

Der Rest der Nacht war ereignislos. Heute hab ich es geschafft, zum Roadblock zu gehen. Die Armee hat eine zweite Straße ins Tal gesperrt, über die man Felder sowie unsere Apfelbäume und einen großen Teil unserer Weinstöcke erreichen konnte. Jetzt muss man laufen. Soweit ich weiß, gibt es keine andere befahrbare Straße ins Tal.

Straßensperren oder Roadblocks sind zusammen mit Checkpoints, Apartheid im Straßenverkehr und der „Sicherheitsmauer“ Teil der israelischen Besatzungspolitik, die die Bewegungsfreiheit der Palästinenser einschränken, um ihnen das Leben schwer zu machen, wodurch es für sie attraktiver erscheint auszuwandern.

Früher konnte man von Nahalin auf die Route 60 fahren, die zwischen Jerusalem und Hebron verkehrt. Man war in 10 Minuten in Bethlehem. Jetzt muss man entweder bis zum Roadblock laufen und ein Taxi nehmen, oder man fährt ca. eine halbe Stunde über eine neuem verwinkelte Straße für Palästinenser, die einmal unter der Siedlerstraße hindurchführt.

Ich nehme meistens den Fußweg zur Route 60 und dann das Sammeltaxi. Wenn ich nach dem Wochenende zu Zelt der Völker zurückkomme, treffe ich oft junge Männer aus Nahalin, die in Hebron studieren. Alle, die ich bis jetzt getroffen habe und die gut genug Englisch konnten, dass wir uns mehr unterhalten konnten als: „Welcome, welcome“ träumen davon, auszuwandern.

In ein reiches arabisches Land, wie Saudi-Arabien.

Es scheint lächerlich, dass jetzt noch ein Roadblock unser Grundtück abtrennt, aber jetzt können wir für die nächste Traubenernte vielleicht nicht mehr ins Tal fahren.

Daher sagte, vielleicht sei es eine Strafe, weil so viele Touris hier waren. Am Tag nach dem neuen Roadblock kamen zwei ganze Touribusse voll mit Holländern und Amis. Das nenne ich Timing.