Ich weigere mich, zu danken

Heute habe ich es im Gottesdienst einfach nicht mehr ausgehalten.

Die letzten Tage haben wir alle die schrecklichen Nachrichten aus Japan verfolgt, zuerst das stärkste Erdbeben seit Beginn der Messungen mit dem Tsunami, die alleine schon mindestens zehntausend Tote gefordert haben. Dazu kommt noch die Atomkatastrophe, was genau passiert ist, weiß ja niemand, die Informationen sind lückenhaft und sich widersprechend, aber es hört sich ziemlich grauenhaft an.

Dazu kommen noch: der weiterhin sein Volk abschlachtende Irre Gaddaffi, dass ein Freund von mir in Irakisch-Kurdistan gewaltfreie Aktivisten begleitet, aber niemand darüber berichtet grausame Verhältnisse, an die wir uns leider schon viel zu lange gewöhnt haben, und ich schreibe nächste Woche Abitur, was mich zwar eigentlich nicht sonderlich nervös macht, aber eigentlich meine Aufmerksamkeit verdient hätte.

Heute morgen also schaute ich Nachrichten und war wieder erschüttert und verzweifelt in meiner Ohnmacht, dem was in Japan geschieht gegenüber, und auch in Sorge, ob sich die deutsche Atompolitik endlich ändern wird, oder wie viele Katastrophen wir noch brauchen, bis wir merken, dass Atomenergie gefährlich ist. Da wurde wieder von „Brückentechnologie“ geredet, „die wir für den Übergang brauchen“, aber kein Wort wurde darüber verloren, dieses Konzept auch ernst zu nehmen, und diejenigen, die mit der angeblichen Brücke Millionen machen, für die Schäden haften zu lassen und den Rest des Profits für die Weiterentwicklung alternativer Energien zu benutzen.

Da wurden diejenigen, die jetzt einen deutschen Politikwechsel fordern, als pietätslos dargestellt, weil sie alles gleich zu einer innenpolitischen Debatte machten, und keinen Respekt vor den Opfern zeigten.

Verzweifelt und Trost suchend kam ich also in den Gottesdienst – und wir sangen Loblieder. Eines nach dem anderen. Wofür wir eigentlich lobten wurde nie so richtig klar, auch nicht, wie man in dieser Situation überhaupt loben kann und nicht zunächst mal klagen muss. In einem Gebet wurde deutlich, dass die Gottesdienstleitende ebenfalls bestürzt war, aber in der Liturgie habe ich es kein bisschen gespürt.

Es wurde Psalm 91 gelesen, und es klang für mich wie purer Hohn:

Auch wenn tausend neben dir fallen, zehntausend rings um dich her, zu dir wird es nicht kommen. Du siehst es noch mit eigenen Augen, wie er es den Gottlosen heimzahlt.          Psalm 91, 7 und 8

Ist das unsere Antwort auf das Leid in der Welt??:

Zum Glück hat es uns nicht erwischt.

Natürlich bin ich froh, dass es mich nicht erwischt hat, und ich sollte Gott dafür danken, aber ich kann es nicht. Ich bin nicht der Psalmist, der der Gefahr ausgesetzt war und heilfroh ist davon zu kommen. Ich sehe nur die zehntausend und weigere mich zu danken.

Die Schwester, die den Gottesdienst leitete, hat diesen natürlich vor dem Unglück geplant und hat gar nicht gemerkt, wie sich Lieder und Texte unter anderen Umständen jetzt anhörten. Sie wollte aus tiefstem Herzen Gott danken. Aber ich konnte es nicht, und wollte es auch gar nicht können.

Nach drei Liedern bin ich einfach aufgestanden und gegangen, meine Mutter holte mich ein, verstand aber, was mich bewegte. Sie ging wieder in den Gottesdienst und ich ging spazieren. Im Wald klagte ich Gott an und trauerte um die Japaner.

Gott hält meine Anklage aus und er tröstet mich. Aber noch will ich nicht getröstet werden. Noch klingt getröstet zu sehr wie vertröstet. Vertröstet auf andere Zeiten, auf das Reich der Himmel, auf die Apokalypse, die sich manche Evangelikalen ja gerade in solchen Bildern, wie wir sie in Japan sehen, vorstellen.

Ich will, dass Gott mit mir rechtet. Dass wir miteinander ringen, die Frage nach Theodizee neu beantworten. Zufriedenstellend beantwortet wird sie wohl nie sein, Jesus selbst ruft am Kreuz „Eli, eli, lama sabachthani?“

Diese Katastrophe ist in den Beginn der Passionszeit gefallen, in der Christen sich auf das Leiden und Sterben ihres Erlösers einstimmen. Ich mag diese Zeit, denn es ist die Zeit im Kirchenjahr, in der wir uns des Leids um uns mehr als sonst bewusst werden, und aufgefordert werden, in die Nachfolge Christi zu treten, der gelitten hat, der ungerechten Menschen willen.

Aber selbst Nachfolge wird Naturkatastrophen nicht verhindern können.

Gab es im Paradies Erdbeben?

Nachtrag: Als ich weg war, sagte im Gottesdienst jemand sie könne auch nicht danken, und als das Schweigen gebrochen war, äußerten viele den Wunsch einfach zu schweigen. Der Gottesdienst wurde spontan verändert und man schwieg und klagte vor Gott.

Ich liebe meine Gemeinde dafür, dass dies möglich ist und die Schwester als sie darauf angesprochen wurde, das Problem erkannte und einwilligte alles über den Haufen zu schmeißen. Ich habe ihr auch eine Mail geschrieben und mein Verhalten erklärt. Ich denke, wir haben kein Problem mit einander.

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