Native speaker

Kurzmitteilung

Heute sind zwei neue (deutsche) Freiwillige angekommen und haben die deutsche Mehrheit der Freiwilligen noch verstärkt: Im Moment sind wir sechs Deutsche und eine Engländerin. Als wir uns unterhielten, fragte einer der neuen die Britin, woher sie komme, worauf sie „from England“ antwortete. Er sagte: „It’s good to have native speakers around.“

Nun wundere ich mich, ob nicht Daher, zur Zeit der einzige Palästinenser auf dem Hof der „native speaker“ ist. Eine seltsame Situation hier auf dem Weinberg, wenn Freiwillige die Mehrheit sind und man zu weit entfernt ist, um täglich andere „native speakers“ zu treffen.

Am Donnerstag fängt inshallah unser Arabischkurs an. Vielleicht kann ich dann mehr in Kontakt mit den echten „native speakern“ treten.

Zweimal trampen, zwei Welten (Teil 2)

Dies ist der zweite Teil einer Anekdote. Teil eins ist hier.

Wir verlassen das Oktoberfest als es schon dunkel ist und müssen deshalb von Taybeh nach Ramallah und von Ramallah nach Bethlehem den doppelten Preis zahlen. Als wir um neun Uhr abends in Bethlehem sind, und verglichen mit einem Taxifahrer über den Preis gefeilscht haben, zeigen wir wieder mit dem Finger auf den Boden und siehe da ein Auto hält. Ein Mann um die dreißig und ein Junge um die 15. Beide sprechen kein Englisch. Wir machen ihnen einigermaßen klar, wo wir hin wollen, und unterhalten uns. Er sagt mir, dass das Bier, das ich in Taybeh gekauft habe haram ist und ich versuche ihm klarzumachen, dass das kein Problem ist, weil wir mesachi (Christen) sind und verhindere mit demselben Argument, das er meine Kollegin heiratet, aber plötzlich ruft der Fahrer einen Freund an, der Englisch kann und sagt ihm, dass er etwas übersetzen soll.

Der Freund fragt mich, wo wir hinwollen und ich sage: „Nahe bei Nahalin.“
-„Mein Freund will aber nicht nach Nahalin.“
„Kein Problem, er lässt uns bei Kilo Sabatasch (17) raus, wir laufen den Rest.“
– „Aber da sind die Juden, die bringen euch um!“
„Ich glaube, wir werden aufpassen, und das wird nicht passieren“
– „Oh. Wenn du dir da so sicher bist, vielleicht bist du gar kein Deutscher, vielleicht bist du ein Jude und gehst zu den Siedlern! Gib mir meinen Freund zurück!“
Äh… Ich weiß nicht, ob ich das gerne tun will, vielleicht sagst du dem ja, er soll mich gleich erschießen. Aber der Junge ist ja dabei, es wird schon nichts passieren.

Schlussendlich ist nichts passiert, und wir sind sicher beim 17. Kilometer rausgelassen worden.

Aber die Angst auf beiden Seiten vor den anderen beschäftigt mich noch immer.

Beiden, aber vor allem der Siedlerin hätte ich gerne gesagt,weil sie definitiv in der mächtigeren Position war, dass Angst ein schlechter Ratgeber ist. Wenn dieses Land jemals Frieden finden wird, dann wird das erst der Anfang eines langen und schmerzhaften Prozess des Abbauens von Vorurteilen sein.

Und vielleicht können Projekte wie Zelt der Völker auch jetzt schon damit beginnen, ohne die dringenderen Fragen der Gerechtigkeit für die Palästinenser zu vernachlässigen. Wenn statt lauter Deutschen die Siedler mal zu Besuch kämen, und die Leute aus Nahalin.

Ich werde weiter trampen, und die Geschichten der Leute anhören.

Zweimal trampen, zwei Welten (Teil 1)

Sonntag morgen wollten wir zu dritt zum Gottesdienst in der Erlöserkirche in Jerusalem und waren, wie dass so ist, wenn drei Leute zusammen irgendwohin wollen, zu spät aufgebrochen. Weil man die Dauer der Fahrt nach Jerusalem kaum einschätzen kann, aber sicherheitshalber 90 Minuten einplanen sollte (für eine Strecke von knapp 20 Kilometern!) entschied ich für uns, dass wir trampen sollten. Also zeige ich mit dem Finger auf die Straße (so macht man das hier) und das erste Auto hält an.

Eine junge Frau mit Kind. Gelbes Nummernschild und sie kommt aus unserer Richtung, das heißt sie kommt aus Newe Daniel und ist eine Siedlerin.

Was soll’s, das heißt, für sie gibt es keinen Checkpoint und wir kommen schnell nach Jerusalem rein, weil wir auch nicht in Bethlehem umsteigen müssen. Wir steigen also ein und sitzen in ihrem Auto.

Normalerweise beginnt man jetzt ein Gespräch, aber über was rede ich mit ihr? Ich will ja in dem Auto sitzen bleiben und nicht gleich wieder rausfliegen. Man kann ja mal fragen, wo sie eigentlich hinfährt in Jerusalem. Nicht in die Altstadt. Mist, wir müssen also den Rest laufen. Wenigstens habe ich mal was gefragt.

Längeres Schweigen.

Sie fragt: „Was macht ihr hier?“
– Ja, hmm, was machen wir hier eigentlich? „Reisen“, antworte ich. (Immer eine sichere Antwort)
„Und wie gefällt euch das Land?“
– „Ein schönes Land, nur schade, dass die Leute nicht wirklich gut zusammenleben können.“ (Die unprovokativste Antwort, die mir einfällt).
„Habt ihr Europa nicht dasselbe Problem mit den Moslems?“
– „Eigentlich nicht“
„Werdet ihr aber bald haben, die kriegen nämlich so viele Kinder.“
-„Aha.“ (Kriegen das nicht auch die Orthodoxen?)
Sie zeigt auf die Apartheidsmauer, an der wir vorbeifahren.
„Die Mauer gibt es, weil sie sonst auf uns schießen.
Sie wollen keinen Frieden. Wir können nicht nach Bethlehem,
aber sie können hin, wo sie wollen“ (Da hab ich aber was anderes gehört)
-„Fühlen Sie sich bedroht durch die Palästinenser?“
„Ja, natürlich, letztens hat mich einer überholt und ich hatte Panik.
Wer weiß, ob der ein Terrorist ist und mich plötzlich rammt?“
-„Letzte Nacht habe ich auf einem der Hügel neben Newe Daniel geschlafen…“
„Ah, in Beitar Ilit?.“
-„Nein.“
„Rosh Tsurim?“
-„Nein. Bei einer christlich-palästinensischen Familie, direkt auf dem
Hügel neben Newe Daniel. Sie wollen Frieden und sind traurig, dass die
Leute aus Newe Daniel sie nie einfach so besuchen.“ (Also, ohne Waffen
 und ohne,dass sie was kaputt machen)
„Ah, die Christen sind anders.“ (Aha, und warum wird ihnen dann das
Leben genauso schwer gemacht?)

Die Fahrt ist zu Ende. Wir verabschieden uns höflich von ihr und kommen noch rechtzeitig zur Kirche.

Teil zwei folgt.

Oktoberfest in Taybeh

Manche Dinge tut man wohl nur, wenn man fremd in einem Land ist. Ein Oktoberfest besuchen, ist eines dieser Dinge.

Während ich mir noch nie überlegt hatte, zum bayerischen Oktoberfest zu gehen, war es gar keine Frage, dass ich zu diesem einzigartigen Ereignis in Taybeh, einem winzigen Dorf bei Ramallah gehen werde.

Einzigartig ist es auf mehrfache Weise. Zum einen ist es das einzige Oktoberfest in der Westbank. Was Sinn macht, schließlich gibt es in Taybeh auch die einzige Brauerei in der Palästina. Das Dorf ist außerdem das einzige verbliebene fast ausschließlich christliche Dorf in der Westbank, da viele christliche Palästinenser das Land verlassen haben.

Schon seit ich in Palästina angekommen bin, kam mit fast allen Internationalen, die ich getroffen habe, das Gespräch irgendwann auf das Oktoberfest, das im mehrheitlich trockenen moslemischen Palästina ein Mythos für westliche Freiwillige geworden ist. Würde ich also in ein überteuertes Trinkgelage für Westler kommen, mit Blasmusik und Lederhosen?

Ja und nein.

Ich habe diesen Typen hier getroffen, aber er war wirklich der einzige mit Lederhosen und Lebkuchenherz, was dieses Outfit wieder ziemlich cool gemacht hat.

Die meisten Besucher waren wahrscheinlich Internationale, aber es waren überraschend viele Palästinenser dort, und ich habe sogar ein paar Frauen mit dem moslemischen hijab gesehen, die vielleicht das alkoholfreie Taybeh mit dem grünen Etikett trinken wollten – grün ist die Farbe des Propheten – oder einfach die Touris anschauen wollten. Insgesamt waren es vielleicht ein paar hundert Leute, wobei es am Samstag voller gewesen sein soll. Das Programm war größtenteils auf arabisch und sehr laut, und trotz der kühlenden Sonnensegeln war es zu heiß, um viel zu trinken, weswegen wir uns schnell in einen benachbarten Garten verzogen, Wasserpfeife rauchten, und dann die Altstadt Taybehs, sowie die Brauerei erkundeten.

Die Brauerei wurde 1995 gegründet und verkauft sich vor allem im Westjordanland und in Israel, ungefähr 10% der Produktion werden exportiert. Wer die Möglichkeit hat, etwas von diesen 10% abzubekommen, sollte sie nutzen, denn Taybeh wird nach dem deutschen Reinheitsgebot gebraut und ist wirklich ein gutes Bier, es gibt ein Helles, ein Dunkles und ein Alkoholfreies. Leider müssen sie außer dem Wasser alle Zutaten (sogar die Flaschen!) aus Europa importieren, was mich sehr überrascht und ein wenig enttäuscht hat.

Oft werden die Zutaten, sowie die fertigen Biere an Checkpoints aufgehalten, was die Preise verzerrt, die eigentlich billiger sein könnten, aber immer noch (für mich) erschwinglich sind (in der Brauerei 1,20€ die Flasche).

Dieses Jahr war das Oktoberfest tatsächlich im Oktober (1.& 2. Oktober), wegen des späten Ramadans, normalerweise wird es zwischen Ramadan und Jom Kippur im September festgelegt (wie das richtige Oktoberfest).

Wer im Spätsommer in Palästina ist, Bier mag und keine Angst vor Internationalen hat,  dem würde ich das Oktoberfest in Taybeh empfehlen, denn es gibt wohl keinen Ort, wo diese drei Dinge sonst zusammenfallen, und dazu noch in einer so absurden Situation.

Hier gibt es einen Film über die Taybehbrauerei

Vortrag von Daoud Nassar in Kirchheim

Mein Chef ist zur Zeit auf einer Vortragsreise durch Europa und wird heute 4.10. in Heidelberg, 19:30 Uhr in ev. Blumhardtgemeinde in HD-Kirchheim, „Palästina/Nahost-Initiative Heidelberg“ über das Projekt Zelt der Völker und die Geschichte seiner Familie und des Landes, auf dem sie leben, erzählen.

Ich bin leider ein wenig spät dran, aber vielleicht schafft es ja noch jemand..

Ansonsten wird er noch hier Vorträge halten:

Mi, 5.10., 19 Uhr, Karl-Rahner-Haus Katholische Hochschulgemeinde (KHG), Hirschstr. 103, 76137 Karlsruhe
http://www.khg-karlsruhe.de

Fr, 7.10. Straubing, 19.30 Uhr

zitiert von: http://cptreise2011.wordpress.com/2011/09/16/tourdaten-daoud-nassar/

Siedlerangriff?

Vorgestern ist hier etwas sehr seltsames passiert, das mir einige interessante Dinge über die Lage hier offenbart hat. Leider war ich nicht selbst dabei und kann euch die Geschichte nur weitererzählen, wie ich sie gehört habe, aber es ist wirklich so passiert:

Zwei weibliche Freiwillige pflückten am Rand des Grundstücks seltsame Zwergäpfel als sie einen Mann mit einem Esel sahen, der auf den Olivenbäumen des Nachbarn herumsprang, an ihnen zerrte und sein Bestes gab, sie zu zerstören. Bei genauerem Hinsehen erkannten sie, dass sein Gesicht grün angemalt war.

Sie riefen ihm zu er solle aufhören und kamen auf ihn zu. Plötzlich hatte er einen Stein in der Hand rief: „What?! What do you want?“ Und dann noch einiges auf arabisch.Nach einer Weile ging er aber weg.

Sie riefen Daher, meinen Chef, und ich musste die Pferde von der Weide holen, damit sie nicht geklaut werden können.

Zum Verständnis der Situation sollte man noch wissen, dass es schon mehrmals vorgekommen ist, dass Siedler hier bei uns und in der ganzen Westbank Olivenbäume zerstört haben, die für viele palästinensische Familien die wirtschaftliche Grundlage sind und teilweise hunderte Jahre alt sind.

Als wir also beim Mittagessen und die Geschichte erzählt wird, lautet sie schon so: „Ein Siedler hat Olivenbäume zerstört. Das Gesicht hat er sich grün angemalt, um nicht erkannt zu werden, und das Arabisch war wahrscheinlich hebräisch (kann ja eh keiner unterscheiden), oder schon arabisch, aber Schimpfwörter.

Später kommt der Mann wieder (ohne Esel) und beschuldigt uns, wir hätten seinen Esel geklaut. Daher wird gerufen und unterhält sich auf arabisch mit dem Mann (erstaunlich für einen Siedler so gut arabisch zu können). Er macht ihm klar, dass wir den Esel nicht haben und ruft den Besitzer des Nachbargrundstücks an, um ihn zu informieren, was bei ihm eigentlich los ist.

Der Besitzer klärt uns auf. Der Mann ist Palästinenser und der Exmann der Tochter des Nachbarn. Er war anscheinend wütend auf die Familie seiner Exfrau und hat das ganze deswegen gemacht.

Keine Politik, nur eine Familientragödie.

Ich frage mich, wie oft das hier so ist. Das etwas wegen der Besatzung sofort als politisch motiviert verstanden werden. Im März wurde eine Siedlerfamilie in ihrem Haus ermordet. Wahrscheinlich war es ein Palästinenser, aber palästinensische Medien berichteten, es wäre ein Thailänder gewesen, der für die Familie gearbeitet hat und dem sie noch einiges Geld schuldete.

Egal, wer es war, niemand hat sich zu der Tat bekannt, warum ist es also so sicher, dass es eine politische Motivation war? In anderen Ländern bringen sich Leute auch grausam um und da sind es nur Verrückte, hier sind es alles gleich politisch motivierte Leute.

Ich will nicht behaupten, dass alle Siedlerangriffe und Terroranschläge nur die Taten von Geisteskranken sind. Sie haben klare politische Ziele, und der Konflikt gibt gerade gewaltbereiten Menschen eine Rechtfertigung für ihr Verhalten. Psychisch gestörte Menschen werden durch den Hassdiskurs auch instrumentalisiert, wie zum Beispiel in diesem Fall die Al Quds Brigade gesagt hat, sie wären es zwar nicht gewesen, aber es wäre trotzdem richtig.

Vielleicht gibt es hier in Palästina und Israel auch ganz viel Normalität, die trotz des Konflikts existiert und vom Konflikt beeinflusst wird.

Wo bin ich hier eigentlich?

Anmerkung: Dieser Artikel ist eine Einführung. Ich hoffe noch detaillierte Erklärungen und Bemerkungen zu den einzelnen Aspekten der Arbeit zu verfassen und hier zu verlinken.

Die Wegbeschreibung zum Zelt der Völker von Jerusalem aus lautet so:

Nimm den Bus nach Bethlehem bis zu einem Punkt namens Bab Askhak. Dort steigst du in ein Sammeltaxi (servis) nach Hebron und sagst, dass du bei „Kilo sabatasch“ aussteigen willst.

Kilo sabatasch ist aber nicht die arabische Version von Zelt der Völker; es heißt „Kilometer siebzehn“ und gemeint ist der Meilenstein 17 zwischen Bethlehem und Hebron. Man könnte auch Newe Daniel sagen, der Name der größten Siedlung neben uns, aber dann würde man wahrscheinlich nicht mitgenommen werden.

Dort angekommen musst du den Erdpfad entlang laufen, über den Steinhaufen, den das israelische Militär als Straßensperre aufgeschüttet hat und weiter, bis du zu einem großen Tor kommst. Dann rufst du Daher an und er macht dir auf.

Was also ist dieser Ort, der so schwer zu erreichen ist?

Ein Hügel im Westjordanland, 17 Kilometer von Bethlehem entfernt, nahe dem palästinensischen Dorf Nahalin, bewirtschaftet von einer palästinensisch-christlichen Familie, die das Land, dass ihr Vorfahr Daher Nassar Anfang des 20. Jahrhunderts unter den Osmanen gekauft hat, nicht verlieren wollen.

Auf den umliegenden Hügeln gibt es vier nach dem Völkerrecht illegale israelische Siedlungen: Newe Daniel, El’azar, Rosh Tsurim und Beitar Ilit, die alle zum Siedlungsblock Gush Etzion gehören. Da diese Siedlungen gerne noch größer wären und keine Palästinenser als Nachbarn haben wollen, wurde das Land der Nassars 1991 zu Staatsland Israels erklärt, obwohl sie legitime Besitzurkunden aus der Zeit der osmanischen, englischen, jordanischen und sogar israelischen Besatzung hatten. Seit dem führen sie einen Rechtstreit mit dem israelischen Militär, der nun schon ein paar Jahre beim obersten israelischen Gericht stockt und bereits 140.000$ gekostet hat.

Aber die Nassars nicht nur wollen nicht nur ihr Land behalten, sie wollen, dass es Teil der Lösung des Konflikts wird, zu einem Ort, wo Menschen den Frieden lernen und nicht den Krieg.

Daher gründeten sie im Jahr 2000 das Projekt „Zelt der Völker“, und luden internationale Freiwillige ein, um ihnen beim Ernten zu helfen, sowie bei einer Kinderfreizeit für palästinensische Kinder, hauptsächlich aus Bethlehem, wo der größte Teil der Familie hauptsächlich lebt. Jedes Jahr gibt es mehrere Erntecamps und eine Kinderfreizeit.

Das Land ist immer noch mit einer Räumung bedroht, außer zwei Häusern, die vor dem Beginn der Besatzung 1967 gebaut wurden, sind alle Strukturen wie die Klohäuschen, die Zisternen, die ausgebauten Höhlen und sogar die Zelte, in denen Gäste schlafen illegal und haben teilweise schon Abrissbefehle erhalten, die aber im Moment durch eine einstweilige Verfügung ausgesetzt sind.

Währenddessen werden weiterhin neue Häuser in den Siedlungen gebaut und damit Fakten geschaffen. Und deshalb schaffen die Nassars mit Unterstützung von Freiwilligen wie mir ebenfalls Fakten, indem sie Bäume pflanzen, Zisternen ausheben und das Land so gut wie möglich nutzen.

Wir haben keinen Anschluss ans Wasser- und Stromnetz. Unser Wasser kommt von den Zisternen, oder wird gekauft. Früher gab es hier nur einige Stunden am Tag durch einen Generator Strom, aber letztes Jahr haben die Grünhelme hier eine Solaranlage eingerichtet, die 5 Megawatt produziert, den Ventilator in unserer Höhle betreibt und dafür sorgt, dass ich kein schlechtes Gewissen habe, meinen freien Tag mit bloggen zu verbringen.

Gleichzeitig versuchen wir die Umwelt zu schonen und dieses Bewusstsein auch in der palästinensischen Gesellschaft zu stärken, wo normalerweise Müll verbrannt wird, oder vor unserer Haustür abgelagert wird. In der Gesellschaft wird die Umweltfrage mit dem Hinweis auf die Besatzung wie auch viele andere dringende Probleme hinten angestellt, aber wir glauben, dass dies nicht so einfach geht und Widerstand gegen die Besatzung auch heißt, sich nicht komplett von ihr bestimmen zu lassen in seinem Engagement.

Was mache ich hier eigentlich den lieben langen Tag?

Nach fast einem Monat kann ich vielleicht ein bisschen besser sagen, was ich hier eigentlich mache.

Meine romantische Vorstellung von einem grünen Hügel und einer Herde von Ziegen, die friedlich grasen musste ich mittlerweile ein wenig anpassen. Übrig geblieben ist das: ein grüner Hügel und einer Herde von Ziegen, die friedlich grasen.

Als Spezialbeauftragter für die Animal Farm kümmere ich mich um die schon erwähnten drei Ziegen, die sechs Hunde, die zwei Pferde, sowie die ungezählten Hühner und Tauben. Ich muss also morgens früher aufstehen, die Pferde und Ziegen aus ihrer Höhle rauslassen und alle Tiere füttern und tränken. Später werden die Pferde auf die Weide geführt und ich mache mich daran, auszumisten, Ziegenfutter aufzutreiben, oder etwas zu bauen.

Seit ich hier bin, habe ich einen Unterstand für die Pferde gebaut, eine Tür repariert, und eine Hundehütte  fast fertig gestellt. Außerdem sortiere ich meine Werkzeuge in einem kaputten blauen VW-Bus und versuche insgesamt ein wenig Ordnung in mein Areal zu bekommen.

Ansonsten helfe ich natürlich auch bei anderen Tätigkeiten mit, wie ernten, bewässern, putzen, etc.

Ein Kurzzeitfreiwilliger hat eine provisorische Kläranlage gebaut, die ich noch ausbauen will. Um Fachwissen wird gebeten..

Der erste Regen

In der Nacht von gestern auf heute gab es den ersten Regen der Saison. Zirka fünf Minuten leichter Nieselregen.

Woher ich das so genau weiß?

Ich schlafe zur Zeit auf dem Dach eines Hauses, weil es nie regnet und meine Höhle noch etwas feucht ist. Fünf Minuten waren genug, dass ich vom Regen aufwachen, mein Bett ins Büro räumen und ein zweites Mal aufs Dach gehen konnte, um zu sehen, dass ich nichts vergessen hatte, und stattdessen zu bemerken, dass der Regen bereits aufgehört hatte.

Zur Sicherheit habe ich dann weiterhin im Büro geschlafen; die Höhle war zu weit weg. Den Tag über hat es noch ein paar Mal minutenweise geregnet und aber zumindest habe ich meine Regenjacke eingeweiht.

Mengenangaben

Heute mal keine hohe Politik, sondern ein kurzer Bericht, was ich alles herum geschleppt, ausgeräumt und ausgerissen habe:

  • 5 Schubkarren voll Taubenmist (der Taubenstall wurde nach unbestimmter Zeit zum ersten Mal ausgemistet. Das Brecheisen, das den getrockneten Hühnerschiss gestern entfernte, brauchte ich heute aber nicht)
  • 3 Schubkarren anderer Mist (2 Pferde und 3 Ziegen, produzieren täglich einiges an Mist)
  • 1 Schubkarre von den Ziegen abgenagte Äste
  • 1 Schubkarre neues Ziegenfutter (Weinblätter und Unkraut)
  • 1 VW-Bus voller Werkzeuge und Krimskrams
  • darunter: 1 Schubkarre kaputter Hacken, die ich dann irgendwann reparieren darf
  • 8 5-Liter Eimer für die Pferde (das andere Wasser zähle ich nicht)