Gaza und Hoffnung

Heute ist der zweite Tag des einseitigen israelischen Waffenstillstands.
Für einen mehr oder weniger einseitig dominierten Konflikt scheint es ein passendes Ende.

Ich habe Hoffnung, dass der Waffenstillstand hält, ein paar Wochen, Monate vielleicht ein paar Jahre. Hamas‘ Raketenspeicher sind anscheinend ziemlich geleert und ein großer Teil des Tunnelnetzwerks in der Nähe der Grenze zerstört. Israel hat zwar erst wieder die Zusage bekommen, neue Waffen zu erhalten, aber auch Israel muss sich erst wieder internationale Sympathie erkaufen, bevor wieder bombardiert werden kann.

Hoffnung auf einen wahren Frieden geben mir diese Politikern nicht.
Politikern, die nicht miteinander reden wollen, und Aufrufe zu Genozid nicht mal mehr kritisieren.
Aber es sind nicht nur die da oben, auch die Diskurse in der Bevölkerung auf beiden Seiten sind furchteinflößend. Während des Krieges wurde jede einzelne Friedensdemo in Israel von rechten Israelis angegriffen, Leute mussten ins Krankenhaus.
Ein Israeli aus Berlin sagte in einem Interview mit der taz:

In Israel gibt es seit etwa einem Monat sehr viele rechtsradikale Angriffe, es gibt eine richtige Pogromstimmung gegen linke Israelis und Araber. Meine Freunde dort haben Angst, überhaupt politisch aktiv zu sein. Die Mehrheit in Israel hasst die Linken sowieso, aber es war noch nie so gewalttätig wie jetzt. Natürlich mache ich mir auch Sorgen um meine Freunde und Familie, wenn Raketen in Israel einschlagen. Aber ich muss sagen, meine Freunde in Tel Aviv erleben gerade mehr Gewalt von Rechtsradikalen als durch Raketen.

 

In Gaza hat die erneute Gewalt viele Leute neu in die Arme der Hamas getrieben, die zuvor politisch bankrott war und sich nun als Widerstandskämpfer neue Sympathien erkauft.
Wie auch nicht, wenn PA-Präsident Abbas nur spät schüchterne Verlautbarungen erlässt?

Hoffnung geben mir die PalästinenserInnen, die weiter sich für den gewaltfreien Kampf einsetzen, die Antisemitismus kritisieren, und die prophetischen Stimmen am Rande der israelischen Gesellschaft, die sich mit ihnen solidarisieren.

Gestern war Tisha B’Av, der 9.Av, an dem Jüdinnen und Juden der Zerstörung des ersten und zweiten Tempels, der Vertreibung aus Spanien, der Shoa und der unzähligen anderen Schrecken in der jüdischen Geschichte gedenken.

Rabbi Arik Aschermann von den Rabbinern für Menschenrechte hat einen bewegenden Text dazu geschrieben:

Tonight we read the Book of Lamentations and mournfully sing Tisha B’Av kinot (dirges), recalling the death, and destruction of our two Temples (586 BCE and 70 CE) and the end of Jewish sovereignty.  Yet, we can close our eyes and  imagine that these words are anguished cries being screamed in Gaza. Close your eyes again. But, save for the Iron Dome, we might be hearing them  in Israel as well.   For my neighbors whose son was killed in Gaza, or for the families of Dror Khenein or Ouda Lafi al-Waj living in an unprotected Bedouin village,  it doesn’t really matter that there are over a thousand Gazans dead and “only” tens of Israelis.

Hoffnung gibt mir auch, dass es weiterhin Kinder in Gaza und Israel gibt, und dass manche von ihnen trotz dieser traumatischen Erfahrungen sich Frieden vorstellen können.

Bild von Ohad, 11 Jahre, Sderot

Bild von Ohad, 11 Jahre, Sderot

Diese Zeichnung ist bei einem Malworkshop der Organisation Hamabul – The Great Flood Collective entstanden, die mit Kindern und Jugendlichen durch Kunst politische und soziale Konflikte thematisieren. Während der letzten Wochen haben sie in Sderot, in der Nähe des Gaza-Streifens, eines der Hauptziele der Kassamraketen, einen Comic-Workshop gemacht.

Inmitten des Krieges kann ein Kind sich Frieden vorstellen und sieht, dass nur Zerstörung der Waffen und der trennenden Mauern diesen bringen kann (Ps 46).

Vielleicht kann dann auch ich hier im sicheren Bammental, untätig und unfähig etwas zu tun, hoffen.

Wann gibt es Aprikosen?

Heute abend habe ich mal wieder im Garten gearbeitet. Die heiße Sonne und das widerspenstige Unkraut trieben mir den Schweiß ins Gesicht.

Es erinnerte mich an meine Zeit in Palästina, an Zelt der Völker, den palästinensisch-christlichen Bauernhof, auf dem ich ein Jahr lebte und arbeitete.
Es war eine schöne Erinnerung. An Freundschaften, die immer noch halten, an Erfahrungen, die mich geprägt haben und an Arbeit, die etwas gebracht hat, die ich als Arbeit für den Frieden verstanden habe.

Gerade eben, als ich gerade schlafen gehen wollte, wurde ich wieder an Zelt der Völker erinnert.

Das Tal vorher und nachher (Bild von electronic intifada)

Bilder von einem Ort, den ich sofort wiedererkannte, obwohl er bis zur Unkenntlichkeit umgewühlt wurde. In diesem Tal habe ich im Schweiße meines Angesichts Unkraut gehackt, Bäume beschnitten und endlich die süßesten Trauben, Äpfel und Aprikosen geerntet.

Gerade die Aprikosen waren schwierig. Es war beinahe unmöglich einen guten Zeitpunkt zur Ernte abzupassen, so schnell werden sie überreif. Davon inspiriert lautet ein arabisches Sprichwort für etwas Unvorhersagbares, vielleicht Unmögliches:
Bukra fil mishmish – Morgen gibt es Aprikosen

Die israelische Armee hat beschlossen, dass hier keine Aprikosen mehr wachsen sollen, dass sie illegal sind und evakuiert werden müssen.

Mit Bulldozern wurde diese wachsende, lebendige Hoffnung auf Frieden niedergerissen und zerstört. Diese Bäume waren eine Bedrohung für die Siedlungen in der Nähe und für das unterdrückende System der Besatzung und deshalb mussten sie „evakuiert“ werden.

Wie evakuiert man Bäume?

Man kann einen Baum nicht aus der Erde nehmen und erwarten, dass er weiterlebt.
Die Bilder der Zerstörung entlarven die bürokratisch-humanitäre Sprache als Farce.

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Ich habe die Arbeit bei Zelt der Völker immer als Friedensarbeit gesehen. Jeder Baum, den wir pflanzten und pflegten war ein Schritt zum Erhalt des Landes und letztlich zum Frieden zwischen allen, die dort leben.

Bei aller Zerstörung, die ich an anderen Orten gesehen habe, war ich mir sicher, dass Zelt der Völker sicher sei, bei all den Touristen und Freiwilligen, die jeden Tag dort waren und all den Zeitungsartikeln, die schon darüber geschrieben wurden, bei dem Gerichtsprozess, der nun schon seit Jahrzehnten geführt wird.

Diese Sicherheit ist nun dahin. Zelt der Völker ist trotz aller investierter Arbeit und aller internationalen Unterstützung weiterhin unter der willkürlichen Gewalt der Besatzung, die in ihrem Bestreben, Sicherheit für den „jüdischen Staat“ zu schaffen, immer und immer wieder gegen die Tora verstößt:

„Wenn du eine Stadt lange Zeit belagerst, um sie durch Kampf gegen sie zu erobern so sollt du nicht ihre Bäume vernichten, indem du die Axt gegen sie schwingst, denn von ihnen isst du, und du sollst sie nicht fällen, denn sind etwa die Bäume des Feldes Menschen, dass sie vor dir in die Belagerung kämen?“ Deuteronomium 20,19

Die triumphale Sicherheit ist der Zerstörung gewichen und es wird morgen keine Aprikosen geben.
Was tun in dieser Situation? Daoud schreibt, dass sie eine Beschwerde beim Gericht eingelegt haben und wir uns bereit halten sollen, für etwaige Aktionen.

Das wird die Bäume nicht wieder zurückbringen, sie sind ausgerissen und werden keine Frucht mehr tragen. Aber neue können gepflanzt werden, die Hoffnung kann auferstehen.
Lasst uns dazu beitragen und wachsam sein. Wenn die Nassers es wünschen, sollten wir sie durch Briefe, Petitionen an die Machthaber unterstützen.

Aber zunächst müssen wir den Schmerz aushalten, und können den Gott nur bitten: Herr, erbarme dich. In der Hoffnung, dass die nervige Witwe am Ende selbst vom ungerechten Richter, der weder Menschen noch Gott fürchtet noch Recht bekommt, weil so viele Menschen darauf pochen.
An diesem Tag werden alle Bewohner des Landes Aprikosen essen.

Hier ist Daouds Brief (von der Facebookseite Tent of Nations)

Today [Montag, 19.5.14] at 08.00, Israeli bulldozers came to the fertile valley of the farm where we planted fruit trees 10 years ago, and destroyed the terraces and all our trees there. More than 1500 apricot and apple trees as well as grape plants were smashed and destroyed.

We informed our lawyer who is preparing the papers for appeal. Please be prepared to respond. We will need your support as you inform friends, churches and representatives when action is needed. Please wait for the moment and we will soon let you know about next steps and actions.

Thank you so much for all your support and solidarity.

Blessings and Salaam,
Daoud

Ein Artikel dazu auf electronic intifada
Und auf Mondoweiss

Ährenraufen nach Ladenschluss

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Als Gott Israel aus der Sklaverei in Ägypten herausführt, murrt das Volk und will zurückkehren zu den Fleischtöpfen Ägyptens.

Wenn der Magen knurrt, wird die Sehnsucht nach Freiheit vom Hunger überwältigt und selbst die frische Erinnerung an die Unterdrückung verblasst gegenüber der Fata Morgana der Fleischtöpfe. Doch Gott versorgt sein Volk, nicht durch die Fleischtöpfe vorindustrieller Massentierhaltung, sondern Tag für Tag durch seine Schöpfung. Jeden Abend sendet er ihnen einen Schwarm Wachteln und am Morgen Manna, eine mythische Speise, die stets nur genau einen Tag genießbar ist.
Täglich neu sollen die befreiten Sklaven sich auf ihren Gott verlassen und lernen, dass er sie besser versorgt als das „Sklavenhaus Ägypten“.

In der Bibel finden wir viele Geschichten, die von Nahrungsmangel und der wundersamen Versorgung durch Gott handeln: Elia wird in der Wüste von Raben versorgt, sein Schüler Elischa versorgt eine arme Witwe durch ein wenig Öl und Mehl, die jeden Tag neu da sind. Jesus speist Tausende mit der kleinen Gabe eines Jungen.

Dazu gehören auch die Geschichten, die von der Versuchung handeln, sich für die Versorgung auf Weltreiche zu verlassen, die sich selbst vergötzen. Daniel und seine Freunde ernähren sich am babylonischen Hof vegetarisch, um nichts zu essen, das den imperialen Göttern geweiht ist. Jesus schlägt die Möglichkeit aus, Steine in Brot zu verwandeln und damit zu einem Imperator nach römischem Vorbild zu werden, der sich bei den Massen mit „Brot und Spielen“ beliebt macht. Stattdessen ermutigt er die Nachfolgegemeinschaft, von den Vögeln zu lernen, die nicht sähen und nicht pflügen und doch vom Schöpfergott ernährt werden.

Diese Geschichten genauer zu betrachten lohnt sich, wir können aber schon jetzt an ihnen ablesen: An unserem Essen entscheidet sich, auf welchen Gott wir vertrauen, oder anders gesagt: an was wir glauben. Vertrauen wir auf die Götzen der Weltreiche, ob sie nun Ägypten, Babylon oder Rom heißen oder Wall Street und DAX, die uns Sicherheit und Fleischtöpfe versprechen, in Wirklichkeit aber Menschen und Schöpfung vergiften und töten, oderaber auf den Schöpfergott, der uns täglich neu versorgt und genug für alle bereitstellt?

Die immer neue Entscheidung für das Vertrauen auf Gott kommt sowohl in der Bitte des Vaterunsers „Unser tägliches Brot gib uns heute“ wie auch im Teilen des Brots beim Abendmahl zum Ausdruck, die beide die Mitte des Gottesdienstes bilden.

 Nun hat sich seit den biblischen Zeiten einiges geändert, Traktoren haben in vielen Teilen der Welt Pflug und Ochsen ersetzt und in Europa streut kaum einer mehr Samen kreuz und quer über sein Feld. Dünger und gezüchtetes Saatgut bringen unglaubliche Erträge und haben dazu beigetragen, den Hunger durch Unterproduktion zu beenden. Doch an seine Stelle ist der Hunger trotz Überproduktion getreten. Die Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen gab 2013 wieder einmal bekannt, dass allein die weggeworfenen Lebensmittel der westlichen Welt ausreichen, um alle Hungernden zu speisen.

Durch die Zwänge der Globalisierung produzieren viele Länder des globalen Südens vor allem lukrative Produkte wie Kaffee, Bananen oder Soja (zur Viehhaltung) in Monokulturen, die mit den dafür notwendigen Pestiziden Land und Leute vergiften. Die Gewinne aus diesen Exporten kommen nur wenigen zu Gute und, da kaum eigentliche Lebensmittel produziert werden, sind die Menschen auf Lebensmittelimporte angewiesen, auf die auf dem Weltmarkt spekuliert wird, was die Preise in den letzten Jahren vervielfacht hat.
Auch in Deutschland gibt es Hunger, nach Angaben des Verbands deutscher Kinder- und Jugendärzte leiden eine halbe Million Kinder regelmäßig Hunger und erhalten nicht alle Nährstoffe, die sie benötigen.

Wie kann das sein, wo es im Supermarkt doch soviel Essen gibt?
Hier zeigt sich, dass der Kapitalismus im Überfluss künstlich Mangel erzeugen muss, um sich am Leben zu erhalten. Der Supermarkt führt Lebensmittel aus aller Welt mit dem Versprechen, dass es bei immer längeren Öffnungszeiten dennoch immer alles geben muss. In makellosem Zustand selbstredend.
Um dieses große Angebot mit den von der Wirklichkeit abgekoppelten ästhetischen Erwartungen der Kunden vereinbaren zu können, wird in jedem Schritt der Lieferkette vom Bauern über den Großhändler bis zum Laden stets aussortiert. Der Apfel mit den Druckstellen, die krumme Gurke, die Palette Orangen mit einer schimmligen Frucht.
Zu Hause geht dieses Verhalten weiter. Mindesthaltbarkeitsdaten, die keinerlei Bezug zum echten Verfallsdatum haben, bringen Menschen dazu, den gekauften Joghurt wegzuschmeißen und gleich zwei neue zu kaufen.

Das Wegwerfverhalten der Kunden bringt Lebensmittelherstellern und Supermärkten also Gewinne, während die Mehrkosten für die weggeworfenen Lebensmittel einfach auf den Preis eingerechnet werden. Je nach Lebensmittel beträgt dieser Anteil 30-50%. Jede weggeworfene Banane bleibt natürlich auch Teil der Nachfrage und hat schon zur Zerstörung der Erde beigetragen. Das Wegwerfverhalten steht nicht nur in der Verantwortung der Konsumenten, sondern ist erstens durch Werbung erlernt, und zweitens ist Mangel für den Kapitalismus überlebensnotwendig. Würde man all die übrig gebliebenen Lebensmittel verschenken, so würde ja niemand mehr einkaufen.
Es will scheinen, dass die Ethik des Kapitalismus der biblischen diametral entgegensteht. Wo das Gesetz des Mose Mundraub ausdrücklich erlaubt (Deut 23,25f) und die Nachlese verbietet, damit sozial ausgegrenzte Gruppen sich versorgen können (Deut 24,19ff), ist es in Deutschland illegal, Lebensmittel aus dem Müll zu retten. Im Neuen Testament streiten sich die Pharisäer mit Jesus darüber, an welchen Tagen man Ähren aus dem Feld abreißen darf – die Frage, ob es sich um Diebstahl handelt, war dabei undenkbar.

Erst im Kapitalismus sind Besitzverhältnisse so eindeutig heiliger geworden als Menschen.

Bei allem, was sich verändert hat, ist einiges gleich geblieben. Auch heute müssen alle Menschen essen. Und weiterhin entscheidet sich an unserem Essen, welchem Gott wir dienen. Wie könnte in dieser vermarkteten Welt ein Konsumverhalten aussehen, das im Sinne der biblischen Tradition Gemeinschaft stärkt, die Schöpfung bewahrt und sich täglich neu auf den Schöpfergott verlässt?
Die Unterstützung von fair und nachhaltig hergestellten Produkten ist in diesem Kontext sicherlich nützlich, noch wichtiger ist die Vermeidung langer Transportwege, eine ortsnahe Herkunft der Lebensmittel und eine den Jahreszeiten entsprechende Ernährung. Diese Ansätze beginnen bei der Wurzel des Problems und versuchen Lösungen zu schaffen. Aber sie haben einen großen Nachteil: Sie sind teuer und nicht jede/r kann es sich leisten, sein Gewissen rein zu kaufen, was sowieso nicht das Ziel sein kann.
Ich fange daher beim Ende der Produktionskette an, und biete keine Lösung, sondern versuche es mit einer prophetischen Praxis: Mülltauchen, Essen retten, Containern oder Dumpstern.

Nach Ladenschluss begeben wir uns auf Fahrrädern mit Seitentaschen und Taschenlampen zum Supermarkt und streben den Hintereingang an. Dort finden wir das, was kurz zuvor noch auf dem Tresen lag: Äpfel, Orangen, Karotten (in Bioqualität), Blumen, die in ein paar Tagen anfangen zu welken und Joghurt, dessen Mindesthaltbarkeitsdatum zwischen vorgestern und übermorgen liegt. Wir nehmen uns soviel wir brauchen und hinterlassen den Hof sauberer als zuvor. Zuhause wird das Obst gewaschen und verteilt, vielleicht kochen wir spontan etwas, oder verabreden uns für den nächsten Tag zum gemeinsamen Essen.

Was ist Mülltauchen mehr als ein bisschen Abenteuer und eine Möglichkeit, Geld zu sparen? Eine Lösung für die Probleme der Nahrungsmittelproduktion und -verteilung sicher nicht.
Aber es führt uns immer wieder das schiere Ausmaß an Verschwendung und die Künstlichkeit des Mangels vor Augen. Es senkt einerseits die Nachfrage, da ich alles, was ich ertaucht habe, nicht mehr kaufen muss und gibt mir gleichzeitig die Möglichkeit, mit dem gesparten Geld in faire, nachhaltige und regionale Produkte zu investieren, die ich mir sonst nicht leisten könnte.

Anders als im Ausüben einer herablassenden Wohltätigkeit, armen Menschen Essen zu geben, das ich selbst nicht essen möchte, essen MülltaucherInnen selbst das Ertauchte und solidarisieren sich mit denen, die keine anderen Möglichkeiten haben. Die schiere Masse an weggeworfenem Essen, das man retten könnte, zwingt zum Teilen, da es in Analogie zum biblischen Manna bald aufgebraucht werden muss. Immer neue, unvorhersehbare Kombinationen an Fundgemüse fördern kreative Rezepte und Gemeinschaft mit allen, die sich einladen lassen. In manchen Städten werden in „Volxküchen“ leckere vegane Mahlzeiten aus gerettetem Essen an öffentlichen Plätzen an alle verteilt, die kommen, egal ob reich, arm, nüchtern oder betrunken. Diese Aktionen sind ein prophetisches Zeugnis gegen die Wirtschaft des Todes und für eine andere Welt, die hereinbricht, wo wir teilen und uns darauf verlassen, dass der Schöpfergott uns versorgen wird.

Hier wird für mich auch der geistliche Aspekt des Mülltauchens deutlich:

Die Auseinandersetzung mit dem weggeschmissenen Essen führt mich gleichzeitig in den Dank und die Klage. Dank für das Essen, das ich finde, Klage darüber, dass es ungerecht produziert wurde und nun Menschen vorenthalten wird, die es mehr bräuchten als ich.
Die biblischen Geschichten überlagen sich: Im Müll der Konsumwüste finde ich täglich mehr als genug Manna. Gleichzeitig versuche ich, nicht vor dem babylonischen Supermarkt niederzufallen.

Dieser Artikel von mir wurde in der Ausgabe 2/14 mennonitischen Zeitschrift „Die Brücke“ veröffentlicht. Da ich nicht zum Schreiben komme, poste ich ihn hier, um den Blog zu beleben.

VSDSM – Vatikan sucht den Super-Messias

Nach DSDS, Germany’s next Topmodel und wie sie alle heißen, gibt es jetzt eine Castingshow für den Messias: „Casting Jesus“ heißt ein Kunstprojekt des Medienkünstlers Bernd Jankowski, indem er Juroren des Vatikans unter Schauspielern den besten Christusdarsteller aussuchen lässt. Dabei wurden auch die Aussagen der Juroren, einem Journalisten des Osservatore Romano, einem Kunstkritiker und einem Priester des Vatikans aufgenommen, die einen interessanten Einblick in deren Vorstellungen von Jesus bieten.

Ein verrücktes Gleichnis über die Castingmentalität, unsere Vorstellungen von Jesus und ein guter Einstieg über diese Dingeins Gespräch zu kommen?

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Das Tikkun des gewöhnlichen Anstands

(Als ich den letzten Artikel schrieb, war ich sehr wütend und aufgewühlt von den Ereignissen in Palästina, die ich in dem Artikel beschrieb. Gleichzeitig war ich auch viel stärker als jetzt noch in der ersten Phase der Wiederanpassung und ein Teil der Frustration, die sich meinem Schreiben Weg brach, war darin begründet, dass ich mich hier fremd und ohnmächtig fühle. Noch ohnmächtiger in Palästina, weil ich nicht weiß, wie Solidarität hier aussehen kann.

Jedenfalls habe ich seitdem noch einmal über die Ereignisse nachgedacht und bin auf eine zweite Betrachtungsweise gestoßen, die ich für ebenfalls wichtig halte.)

Als ich über den Mob jüdisch-israelischer Jugendlicher nachdachte, der am 17.8. zu Beginn des Shabbat einen palästinensischen Jugendlichen auf einem öffentlichen Platz in Westjerusalem zu Tode prügelten, und dann flüchteten, erfüllte mich Wut und Verzweiflung. Mit dem Zionsplatz verband ich schöne Erinnerungen von einem Abend voll langer Gespräche und der unerwarteten Freundlichkeit fremder Menschen – aber jetzt war diese Erinnerung von den Berichten über abscheuliche Gewalt überlagert worden.

Ich schrieb über meine Gefühle und Gedanken und das half mir diese Gefühle loszulassen. Aber das Ereignis ließ mich nicht los, ich begann nur über andere Aspekte des ganzen nachzudenken.

Über die Leute, die herumstanden und nichts taten. Angsthasen, wie sie in uns allen sitzen und, die man überall findet, auch in Münchner U-Bahnen. Die Wut mischte sich hier mit Scham, als ich an all die Situationen denken musste, in denen ich selbst nichts tat, im Angesicht von Gewalt, von Unterdrückung. Bei diesem Gedanken verweilte ich eine Weile, um mir klar zu machen, dass ich nicht besser bin, als die Angsthasen, langsam fing ich an zu zweifeln, ob ich besser war als die Täter.

Hätte ich, wäre ich in einem solchen Umfeld aufgewachsen, nicht vielleicht auch einen Hass auf Araber entwickelt, und wäre unter Gruppendruck zu Gewalttaten bereit gewesen?

Und doch gibt es in diesem Fall jemand, die unter ähnlichen Umständen stammt und doch ganz anders handelte: Bayta Houri-Yafin, eine israelische Jüdin, die Augenzeugin der Gewalt war, und als die Schläger flohen mutig in den Kreis ihrer Unterstützer trat und den arabischen Jugendlichen wiederbelebte. Er hatte schon keinen Puls mehr gehabt. (Deswegen schrieb ich oben, er sei zu Tode geprügelt worden. Er war tot, und wurde zurückgerissen) Während sie dies tat, kommentierten die Umstehenden, „er verdient es zu Sterben, er ist ja nur ein Araber“.

Manche haben gesagt, diese Frau hat unglaublichen Mut bewiesen, weil sie sich für diesen Menschen, der ihr Feind war, in Gefahr begab. In der Tat, sie hat das gezeigt, das wir in Deutschland „Zivilcourage“ nennen. Dennoch hat mich diese Aussage gestört.

Ist der junge Mann nicht friedlich die Jaffa Street entlang gelaufen? Was also machte ihn zum Feind? War es nicht letztlich nicht sein Verhalten, sondern nur seine Identität, die ihn zum „Feind“ machte?

Stellen wir uns vor, ein Mob jüdischer Israelis hätte auf einem belebten Platz einen jüdischen Israeli verprügelt, der friedlich die Straße entlang lief. Oder irgendein Mitglied einer Gruppe wird unter Zeugen von einer Menge an Menschen seiner Gruppe verprügelt. Würden wir nicht viel mehr Widerstand erwarten?

Man mag einwenden, dass auch in Deutschland solche Schlägereien passieren, und kaum Menschen eingreifen, und das stimmt. Ich würde nur behaupten, dass wir dennoch erwarten würden, jemand greife ein.

Hier aber sind die Feindbilder so stark, dass die Täter nicht nur keinen Widerstand erwartet, sie sind sogar angewidert von dem Gedanken, dass jemand aus ihrer Gruppe dem Feind helfen will.

Das Couragierte an Frau Houri-Yafins Reaktion ist nicht nur, dass sie ihrem Feind geholfen hat, sondern, dass sie sich weigerte, ihn als Feind zu sehen. Sie erwiderte ihm jenes anständige Verhalten, dass von allen innerhalb einer Gesellschaft zueinander erwartet wird. Damit widersetzte sie sich zuallererst dem entmenschlichten Bild, das ihre Gesellschaft von Palästinensern gezeichnet hat. Und dann handelte sie einfach anständig, wie wir es von allen erwarten.

Diese „gewöhnliche Anständigkeit“ beschrieb Emil Fackenheim, ein jüdischer Theologe, der sich fragte, wie die Welt nach dem Holocaust geheilt werden kann an Deutschen, die sich während des Holocaust ihren jüdischen Nachbarn anständig gegenüber verhielten und damit selbst Verfolgung riskierten. Mark Ellis, ein anderer jüdischer Theologe, der kritisch über die neue jüdische Identität seit der Begründung des Staates Israel nachdenkt, wendet dieses Konzept auf die Beziehung zwischen Israelis und Palästinensern an.

… Aber für Fackenheim kam das wichtigere Zeugnis von jenen Christen, die ohne einen noblen Grund das zeigten, was unter anderen Umständen als gewöhnlicher Anstand gälte: „In der Welt des Holocausts, machte der Anstand eines Unbeschnittenen, wenn er einem Juden entgegengebracht wurde, ihn zu einem Ausgestoßenem – so wie es die Juden selbst waren, und wenn er dafür sein Leben riskierte, oder gab, gab es nichts auf der Welt, das ihn aufrechthielt, außer sein gewöhnlicher Anstand selbst.“

… Man könnte die Behauptung des Gewöhnlichen ein Wunder nennen, also ein „ja“ zum Leben, das systematisch zerstört wird. …

Fackenheim überträgt diese Analyse nicht auf die Palästinenser und würde … dies sicherlich ablehnen. Man fragt sich, ob nicht … ein weiterer Bruch [wie der Bruch des Holocausts] zwischen Juden und Palästinensern vorgefallen ist, ein Bruch der auch Tikkun braucht (Tikkun – hebräisch für Heilung). … Könnte es nicht sein, dass unsere gegenwärtige Welt auch diesen gewöhnlichen Anstand braucht, damit der Bruch verheilen kann …?

Es könnte sein, dass die Juden, die Palästinenser umarmen, einfach das Tikkun von Juden und Christen aus dem Holocaust weiterführen und dadurch eine Zuunft für beide Völker möglich machen. Werden Palästinenser dereinst von den gerechten Juden schreiben, wie Fackenheim von den gerechten Unbeschnittenen schreibt?

Wenn es dereinst Frieden im Heiligen Land gibt, dann wird es wegen dem couragierten Handeln von Menschen wie Bayta Houri-Yafin sein, die einen ganz gewöhnlichen Anstand zeigen, denen die angeblich ihre Feinde sind.

Aber nicht nur wegen ihrem Handeln, sondern auch wegen denen, die davon erzählen, und all denen, die ihre Herzen verändern lassen und „hingehen und dasselbe tun“ (Lukas 10,37), wie Jesus schon den gewöhnlichen Anstand der Nächstenliebe weiter empfahl, der auch damals nicht weit verbreitet war.

Erste Gedanken zu bewegten Bildern

Wenn die Arbeit des Tages getan ist, die Sonne hinter den Hügeln im Mittelmeer versunken ist, schauen wir Freiwilligen meistens zusammen einen Film. Aufgrund eines vor kurzem verabschiedeten Abkommen zwischen Medienkartellen und unseren sogenannten „Volksvertretern“ darf ich über die Herkunft dieser Filme nichts genaueres sagen – jedenfalls haben wir keinen Mangel an Auswahl.

Schwieriger ist es jedoch, auf einen Geschmack zu kommen, aber nach längeren Diskussionen entscheiden wir uns normalerweise aufzuhören zu streiten und einfach den Film zu wählen, den die Person am Laptop schauen will. Ausschlaggebend für diese Entscheidung ist immer so etwas wie: „Ihr kennt DEN Film nicht? Den MÜSST ihr gesehen haben, das ist ’ne Bildungslücke.“

Die Erfahrung zeigt, dass dieses Argument sich für jede Art von Genre, ob Action, Drama, Liebesfilm, oder Zombiemassaker benutzen lässt. In der Tat haben wir auch schon alle diese Kategorien, sowie jegliche Überschneidungen abgedeckt. (Vielleicht wird es Zeit für eine andere Freizeitbeschäftigung..)

Jedenfalls habe ich in den letzten sechs Monaten sehr viele Filme gesehen. Gute – und weniger gute. Einige Beobachtungen drängten sich in der Zeit auf (die unter anderem durch ein Buch über Filme gucken geprägt wurden, dass ich mal gelesen hab):

  • erstaunlich wenige Filme schaffen es, die aristotelische Dramentheorie, zu überwinden: entweder,
    • der Held (meist der Held) findet eine Frau, verliebt sich in sie, kommt aber damit verbunden in einen Konflikt, dieser wird verdrängt, und nach anfänglichen Schwierigkeiten funktioniert alles, aber der Konflikt taucht unheilschwanger wieder auf, alles scheint zu Scheitern. Aber dann kommt der Deus ex Machina und löst die Probleme auf. Held darf die Heldin endlich küssen, und mit dem minutenlangen Herauszoomen aus der Nahaufnahme des Kusses in die Totale endet der Film. Jetzt wissen wir, der Film ist eine Komödie, es gibt noch Hoffnung und wir können fröhlich das Kino verlassen.
    • Der Held (immer noch meist der Held) steht in einem unauflösbaren Konflikt, der ihn einholt, gerade, weil er versucht – ihm zu entkommen, oder zu überwinden. Die Katastrophe geschieht, wie in der Komödie, aber kein Gott erscheint, um ihn zu erlösen, höchstens zu verdammen. Der Held stirbt (oder kommt an einen tabuisierten Ort, zum Beispiel ins Gefängnis). Wir trauern und befinden uns in einer Tragödie.
    • Ohne jede Katastrophe finden sich Held (immer noch) und seine Geliebte und dürfen sich behalten – wir sind in der Romanze, die sich fast nur noch bei Rosamunde Pilcher finden.
    • Die Form der Romanze wird als inhaltsleer entlarvt und karikiert. Die ersehnte Liebe vergeht, Langweile bleibt. Wir sind in der Farce, der ultimativen Dekonstruktion.

Fast jeder Film nimmt eines dieser Themen auf, Ausnahmen sind selten und meist nur Vermischungen verschiedener Kategorien durch die Verwendung mehrerer Protagonisten.

  • Wenn Filme sich nicht in privatistische Idealwelten ohne Gewalt und Ungerechtigkeit zurückziehen, so ist Gewalt die einzige effektive Lösung. Der Mythos der erlösenden Gewalt wird bestätigt und bestärkt. Mittlerweile zeigen zwar sogar ausgesprochene Actionfilme einige negative Konsequenzen von Gewalt. Das Leiden der Opfer, die Trauer der Hinterbliebenen und sogar die Probleme der Täter werden erstaunlich oft zumindest am Rande in neueren Actionfilmen gezeigt. Gleichzeitig wird verstärkt eine klare Unterscheidung zwischen illegitimer Gewalt der Bösen und der tragischen, aber legitimen und notwendigen Gewalt der Guten gemacht. Das bedeutet auch, dass Leiden und Tod der Bösen nicht hinterfragt wird, während der Tod eines Guten emotionalisiert und tragisch dargestellt wird und mehr Blutvergießen fordert. (Eine bemerkenswerte Ausnahme ist diese Szene aus Herr der Ringe: Die Zwei Türme).YouTube Preview Image
  • Der Erzbösewicht (ja, der) muss am Ende des Filmes immer sterben, oder zumindest hinter Gitter. Aus seiner Perspektive wäre der Kuss des Paares wohl eine Tragödie. Seine Existenz ist unvereinbar mit der Lösung des Konflikts. Versöhnung ist ausgeschlossen.
  • Ein winziger Bruchteil aller Spielfilme besteht den Becchel-Test. Dieser Test einer Feministin besteht aus drei Fragen: 1. Enthält der Film mindestens zwei Frauen mit Namen? 2. Reden diese zwei Frauen miteinander? 3. Über etwas anderes als einen Mann?Diese Fragen helfen uns, darüber nachzudenken, ob Frauen wirklich gleichberechtigt in diesen Filmen auftauchen (Die Antwort ist nein. Und es ist noch nicht mal irgendwo in der Nähe von einer Frauenquote von 40%). Der einzige Film der letzten Zeit, der den Test besteht ist Sister Act. Peinlich. (Dasselbe kann man mit anderen Randgruppen machen und auf noch deprimierendere Ergebnisse kommen. Wie viel Schwarze, Schwule, Alte, oder Kinder kommen in den meisten Filmen vor?)

Warum mache ich mir eigentlich so viele Gedanken über Spielfilme, die größtenteils flache und vorhersagbare Geschichten erzählen? Können wir uns nicht einfach den Film ansehen und entspannen? Muss man immer alles kritisieren und überinterpretieren?

Ich denke, Filme sind mehr als bloße Freizeitbeschäftigung. Seit Menschengedenken erzählen sich Menschen gegenseitig Geschichten. Und diese Geschichten sind nicht nur Freizeitbeschäftigung. Sie thematisieren die Fragen unserer Existenz, geben uns Bedeutung und Halt. Sie prägen und bestätigen unser Weltbild.

Als unsere Vorfahren sich um das Feuer versammelten und die Alten Geschichten erzählten, dann erklärten sie damit den Lauf der Welt, das Wesen der Dinge und den Sinn unseres Lebens. Manche dieser Geschichten sind uns erhalten, und die Bibliotheken, die mit ihren Interpretationen gefüllt sind, sind Zeugnis für ihre Wirkungsmacht. Durch Aufnahme, Auslegung, Weitergabe und Anpassung dieser Geschichten gewinnen sie an Bedeutung und werden Teil unserer Kultur.

Mit der Erfindung der Schrift wurde es möglich Geschichten zu kodifizieren und sie als endgültig zu erklären. Der Buchdruck machte es möglich diese Geschichten zu verbreiten und so die „Wahrheit“ vielen mitzuteilen, die ihre eigenen Geschichten dann aufhörten zu erzählen und die „wahre“ Geschichte erzählten. Massenkommunikationsmittel wie das Fernsehen ermöglichen es nun, allen vernetzten Personen die gleiche Geschichte zu erzählen. Diese zentralisierten Kommunikationsformen geben denjenigen, die sie kontrollieren, die Möglichkeit „die Wahrheit“ zu gestalten – wie wir zum Beispiel im Vorlauf des Irakkriegs sahen und jetzt wieder mit Iran.

Außerdem verwandeln wir uns mit fortschreitender Zentralisierung der Kommunikation immer mehr in Konsumenten. Wir hören auf uns gegenseitig Geschichten zu erzählen und setzen uns im Wohnzimmer vor den Fernseher (oder in der Höhle vor den Laptop).

Oft wird die Freiheit des Internets beschworen, indem jede/r Kultur schaffen kann und weitergeben kann. Zum einen ist diese Freiheit doch eher mau, zum Beispiel schränkt mich das Format dieses Blogs ein und um es zu ändern muss ich mich einer Kunstsprache unterwerfen. Noch größer ist Uniformität der Individualität auf Facebook, wo ich meine Persönlichkeit in gleichgroßen Bildern und Statusmeldungen, die ich am besten mit Markennamen und ähnlichem spicke, darstellen darf. Gleichzeitig arbeiten die Kräfte der Zentralisierung mit aller Kraft daran, diese Freiheit zu zerstören. SOPA (Stop Online Piracy Act) und ACTA (Anti Counterfeit Trade Agreement) sind nur die letzten in einer Reihe von Versuchen das Internet einzuschränken und in seinem Wesen endgültig zu einem Mittel der Propaganda zu machen (Erinnert sich noch jemand an den Bundestrojaner?).

Zurück zu den Filmen. Wenn Geschichten wirklich unser Weltbild prägen und bestätigen, können sie es dann auch infrage stellen? Und was ist mit Bewusstmachung?

Ich denke, wir sollten Filme ernster nehmen, und sie kritisieren. Wenn wir Gewalt ablehnen, aber kritiklos jubeln, wenn der Bösewicht am Ende des Films erschossen wird, glauben wir dann nicht immer noch an die erlösende Kraft der Gewalt? Wenn wir für Gleichberechtigung sind und doch nicht bemerken, dass immer nur weiße 30-Jährige Männer in den Filmen auftauchen, was heißt das für unseren eigenen Rassismus, Sexismus, Ageismus?

Gleichzeitig sollten wir ernst nehmen, wie wichtig vielen Menschen Filme sind und, dass diese sie unbewusst internalisieren. Oft werden diese Menschen Kritiker als Korinthenkacker und Spaßverderber wahrnehmen. Ich denke, es ist wichtig anzuerkennen, dass Filme die Weltsicht stark prägen und eine Erschütterung dieses Glaubens in die Verteidigung zwingt. Man sollte also behutsam vorgehen und zuerst den Balken im eigenen Auge sehen.

Außerdem lohnt es sich nach ungewöhnlichen Geschichten Ausschau zu halten – ein Ratgeber dazu kann Vic Thiessens englischsprachiger Filmblog sein. Und zu guter letzt sollte man sich auch nicht die Laune ganz von der Kritik verderben lassen, einfach nur im Hinterkopf behalten.

Ich werde in Zukunft ab und zu Analysen von Filmen oder Szenen hier veröffentlichen.

Lernt von den Lilien

Lernt von den Lilien, die auf dem Feld wachsen: Sie arbeiten nicht und spinnen nicht. Doch ich sage euch: Selbst Salomon war in all seiner Pracht nicht gekleidet wie eine von ihnen. Wenn aber Gott das Gas so prächtig kleidet, das heute auf dem Feld steht und morgen ins Feuer geworfen wird, wieviel mehr dann euch, ihr Kleingläubigen?“ Matthäus 6,28-30

Auch wenn ich hier auf dem Weinberg fast den ganzen Tag draußen bin, muss ich doch immer wieder innehalten, von meiner Arbeit bewusst eine Pause annehmen und die Schöpfung bewundern. Besonders gefallen mir die Wildblumen, die mit dem Regen aus der Erde schießen und ihre Schönheit nur dem aufmerksamen Beobachter offenbaren.

Jemand formulierte es so: Die judäische Wildnis (von Bethlehem bis Hebron) scheint vielen Besuchern grau und eintönig. Aber man muss das Auto verlassen und die Landschaft zu Fuß erkunden, um die farbenfrohe Wirklichkeit zu entdecken. Dann werden die braunen Hügel bunt von unzähligen Blumen und die Olivenbäume sind nicht mehr grau, sondern tiefgrün.

 

Nach, oder während des Regens, wenn die Wolkendecke und der Nebel aufreißen und der Staub von den Pflanzen weggewaschen ist, sind die Farben kräftig und klar, was sie noch schöner aussehen lässt.

Vielleicht ist es gerade die Kargheit dieses Lands, in dem Regen nur ein paar Monate im Jahr fällt, die die einzelnen Blumen ihre besondere Schönheit verleiht. Wie der Schmuck einer armen, vom Schicksal gezeichneten Frau.

Und manchmal, wenn ich eine Blume betrachte und zur Ruhe komme, dann kommen mir Jesu Worte in den Sinn und ich kann meine Sorgen loslassen. Was heute noch zu tun ist, was ich studieren soll, wann dieser Flecken Land Frieden finden wird.

Die heiligen Unschuldigen

Heute ist nach dem orthodoxen Kirchenjahr der Gedenktag an die „Heiligen Unschuldigen“, die Kinder, die König Herodes laut Matthäus 2,16-18 aus Furcht vor dem neugeborenen König der Juden umbringen lies. Das es für diese schreckliche Tat keine historischen Belege gibt, ändert nichts an ihrer Bedeutung für die Geschichte die Matthäus erzählt.

Kaum ist Jesus ein paar Tage alt, da hat der römisch eingesetzte Marionettenkönig Herodes schon so viel Angst vor ihm, dass er einfach alle Kinder in Bethlehem unter zwei Jahren umbringen lässt. Er will sichergehen, dass sein Rivale auch wirklich ausgeschaltet wird. Ein Engel warnt Josef und er und seine Familie fliehen ausgerechnet nach Ägypten, woher Gott einst ihre Vorfahren aus der Sklaverei befreit. Der Sohn Gottes wird ein Flüchtling. Doch ich will bei den Heiligen Unschuldigen verweilen. Bei diesen Kindern, die nichts verbrochen hatten. Die der Machtgier eines Despoten im Wege standen. Es ist wie damals der Pharao, der Angst vor dem demographischen Wachstum seiner Sklaven hatte, nur damals leisteten die Hebammen zivilen Ungehorsam. Hier griff niemand ein. Matthäus berichtet uns nicht davon, dass die Soldaten Gewissensbisse hatten und die Kinder nur scheinbar umbrachten, Tyrannenmord begingen, oder den Befehl einfach verweigerten und die Strafe dafür in Kauf nahmen.

Die Welt, in die Jesus kommt, ist düster und gewalttätig.

Aber auch Gott greift nicht ein. Der Engel kommt nur zu Josef, nicht zu all den Eltern der anderen Kinder. Nur das liebe Jesuskind wird gerettet, dabei hätten doch auch die anderen Eltern nach Ägypten fliehen können! Gott hätte nur Gabriel sagen müssen, dass er auf dem Weg auch noch den anderen Familien Bescheid sagen soll! Ist das die Rache, dafür, dass kein Platz in der Herberge war? Was ist mit dem Hirtenkind, der Sohn eines der Hirten, dem die Engel erschienen waren und der Jesus an Weihnachten anbetete? Hätte nicht dieses Kind es verdient, zu leben?

All diese Fragen bleibt der Text uns schuldig und so ist der Tag der Heiligen Unschuldigen ein Tag der Erinnerung an all die Massaker, die an unschuldigen Kindern im Namen von Sicherheit und Macht verübt werden. Ob in Gaza, Norwegen, oder sonstwo auf der Welt.

O Heiland, reiß die Himmel auf

Dieses Adventslied habe ich die letzten Wochen öfters während der Arbeit gesungen. Es hat zwar nicht geholfen adventliche Gefühle in mir zu wecken, aber es fasziniert mich trotzdem:

O Heiland, reiß die Himmel auf,
herab, herab vom Himmel lauf.
Reiß ab vom Himmel Tor und Tür,
reiß ab, wo Schloß und Riegel für!

 

O Gott, ein’ Tau vom Himmel gieß,
im Tau herab, o Heiland, fließ!
Ihr Wolken, brecht und regnet aus
den König über Jakobs Haus.

 

O Erd’, schlag aus, schlag aus, o Erd’,
daß Berg und Tal grün alles werd’!
O Erd’, herfür dies Blümlein bring,
o Heiland, aus der Erden spring!

 

Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt,
darauf sie all’ ihr’ Hoffnung stellt?
O komm, ach komm vom höchsten Saal,
komm, tröst uns hier im Jammertal!

 

O klare Sonn’, du schöner Stern,
dich wollten wir anschauen gern.
O Sonn’, geh auf, ohn’ deinen Schein
in Finsternis wir alle sein!

 

Hier leiden wir die größte Not,
vor Augen steht der ewig’ Tod:
Ach komm, führ uns mit starker Hand
vom Elend zu dem Vaterland!

 

Da wollen wir all’ danken dir,
unserem Erlöser, für und für.
Da wollen wir all’ loben dich
je allzeit immer und ewiglich!

 

Die tiefe Sehnsucht nach der Ankunft des Messias, die aus dem Text spricht, drückt aus, wie ich mich fühle. Bei all der Abwesenheit des Reiches Gottes, die ich hier erlebe, bete ich oft einfach nur dafür, dass Jesus wiederkommt und das ewige Hochzeitmahl beginnen kann.

Die Ankunft des Messias wird im Lied mit dem Wirken der Natur beschrieben: Regen, das Wachstum der Pflanzen. Hier auf Dahers Weinberg erlebe ich die Natur direkter, als jemals zuvor. Seit ein paar Wochen hat es schon nicht mehr geregnet und all die Bäume, die wir gepflanzt haben müssen von uns per Hand bewässert werden. Die Bitte um Regen ergänzt mein Gebet.

Spee schrieb dieses Lied während der Hexenverbrennungen, einer schrecklichen Zeit, in der Christen Frauen verbrannten, weil sie selbstbestimmt leben wollten. Eine Zeit, wo das Reich Gottes unendlich weit weg schien. Das gibt uns eine Idee, worum es im Advent geht: Nicht um Plätzchen, Krippen, Tannenbäume, oder Geschenke kaufen (Schock!)

Es ist eine Zeit des Sehnen um das Kommen des Reiches Gottes. Ein Flehen, das Gott Gerechtigkeit schafft. Das die Engel auf ewiglich singen: „Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden“.

Und es ist eine Zeit, Gott den Weg zu bereiten. Ebnen wir Gott die Bahn, reißen wir die Mauern der Trennung und Ausbeutung ein, machen wir Platz für die Ausgestoßenen in unseren Häusern. Machen wir dem Friedensreich Platz in unseren Herzen und Häusern.

Selig sind die Sanftmütigen

Ein Auszug aus einer Predigt von Mitri Raheb während der Sabeel Konferenz „Das Imperium herausfordern: Gott, Treue und Widerstand“:

„Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen…“ Matthäus 5,5

Wenn wir über diesen Vers nachdenlen, scheint es, dass Jesus sich darin geirrt hat, dass die Sanftmütigen das Land besitzen werden. Die militärische Besatzung kontrolliert nicht nur das Land, sondern auch die Rohstoffe, das Wasser und die Infrastruktur. Alles wird vom Imperium beherrscht…

Dennoch … habe ich nach langem Ringen mit dem Text gelernt, ihn nicht nur aus der Perspektive der letzten sechzig Jahre zu lesen, sondern die letzten 3000 Jahre in Betracht zu ziehen.

Seht! Wir haben eine lange Geschichte mit Imperien. Es gibt kein einziges regionales Imperium, das unser Land nicht besetzt hat. … Doch erinnert euch – welches dieser Imperien bestand für immer? Kein einziges von ihnen, denn sie alle kamen und blieben 50, 100, 200, oder 400 Jahre, und dann waren sie alle vom Winde verweht. …

Imperien kommen und gehen, aber wer bleibt auf dem Land? Die Armen bleiben. Selbst jetzt emigrieren diejenigen aus dem Land, die erfolgreich sind und werden Teil des Imperiums. Diejenigen, die hochgebildet sind, gehen und suchen Arbeit im Imperium. Wer bleibt im Land? Die Sanftmütigen bleiben. Imperien kommen und gehen; die Sanftmütigen besitzen das Land. …

In dem Moment, als Jesus diese Worte sprach, verlor das Imperium seine Macht über uns. Das ist genau das, was wir heute in der arabischen Welt erleben. Millionen junger Menschen haben ihre Angst vor ihrem Imperium verloren; sie verstehen, dasss das Imperium nicht für immer bleiben wird. Wir können uns der Mauer nähern und anfangen, sie zu zerstören, weil sie eines Tages fallen wird. Gott wird es nicht alleine tun. Er wird es nur mit uns tun.

Pastor Mitri Raheb ist Pastor der Lutheranischen Weihnachtskirche in Bethlehem, Präsident von Diyar, einer der Autoren des Kairos Palästina Dokuments und Autor des Buches Ich bin ein palästinensischer Christ“

Übersetzung von mir