„Ich habe geplant, ein Abenteuer zu erleben“

Das einzige, was mir vor meinem Flug nach Tel Aviv Angst gemacht hat, waren nicht Selbstmordanschläge oder gewaltbereite Siedler. Das waren für mich Dinge, die zwar passieren könnten, aber doch mit sehr niedriger Wahrscheinlichkeit. Aus demselben Grund hatte ich auch keine Angst vor einem Flugzeugabsturz. Nein, ich hatte Angst vor etwas, dass auf jeden Fall auf mich zu kam: Vor den Fragen bei der Einreise und der Möglichkeit nicht ins Land gelassen zu werden.

Dafür hatte ich mir die Haare geschnitten, mich frisch rasiert, ein schickes Hemd angezogen und meinen Laptop samt Facebookprofil von im entferntesten israelkritischen Details bereinigt.

Vielleicht war alles nur Panikmache, aber eine meiner Mitfreiwilligen war schon einige Stunden am Flughafen festgehalten worden und ich hatte einiges Verräterisches im Gepäck: Arabischsprachkurse, Karten des Westjordanlandes, alles Dinge, die die Geschichte vom harmlosen Pilger, die ich mir zurecht gelegt hatte anzweifelbar machten.

Außerdem merkte ich immer mehr, dass ich ein Problem damit hatte, den Grenzbeamten ins Gesicht zu lügen. Sollte nicht mein ja ein ja sein und mein nein ein nein?

Mit all diesen Gedanken im Kopf verabschiedete ich mich von meinen Eltern am Frankfurter Flughafen und checkte ein. Die Sondersicherheitsuntersuchung in einem abgelegenen Gate überstand ich schon mal, aber da wurde auch nur das Handgepäck auf Sprengstoff untersucht, den ich nun wirklich nicht dabei hatte.

Im Flugzeug saß ich neben einem nach Deutschland emigrierten Israeli, mit dem ich mich mit Gott und die Welt unterhielt, aber den Palästinakonflikt erfolgreich umschiffte. Ihm erzählte ich als erstes die Halbwahrheit von meiner Pilgerreise; ich werde mir die meisten heiligen Stätten anschauen, aber das ist nicht der Grund, warum ich da bin.

Nach ungefähr vier Stunden landeten wir in Tel Aviv und ich war froh, mich nicht mehr mit diesem netten Menschen unterhalten zu müssen, weil ich Angst hatte, mich zu verplappern und jemand das Gespräch überhören würde und mich in Probleme bringen würde.

In der Schlange bei der Einreisekontrolle war vor mir eine Gruppe deutscher Pilger, die mich fragten, was ich in Israel vorhatte und denen ich mit einem schlechter werdenden Gewissen, meine Geschichte erzählte. Ich kann ja kaum direkt vor der Immigrationsstelle meine Geschichte platzen lassen!

Dann endlich war ich an der Reihe der Frau am Einreiseschalter meinen Pass abzugeben und meine Geschichte zu erzählen.

Was machen sie in Israel?

Eine Pilgerreise. Ich bin Christ und würde gerne sehen, wo Jesus gelebt hat

Wohin werden sie reisen?

Jerusalem, Bethlehem, Nazareth,…

Wieviel Geld haben sie bei sich?

100€

(sie schaut mich entsetzt an)

Ich habe noch 100€ auf dem Konto!

(sie schaut mich noch entsetzter an)

Wo werden sie schlafen?

In Jerusalem, werde ich dann sehen.

(entsetzter Blick) Ok, hier ist Ihr Stempel und geben Sie bitte der Dame dahinten diesen Zettel und Ihren Pass.

Ich gehe erleichtert zur Dame dahinten und wundere mich was, der Zettel bedeutet und warum ich einen grauen habe und alle anderen einen pinken. Die Dame behält meinen Pass und sagt ich solle neben ihr warten. Ich werde nervös. Dann kommt ein Sicherheitsmann und fragt mich dieselben Fragen. Ich antworte mit denselben Antworten. Ich werde immer nervöser, versuche aber ruhig und freundlich zu bleiben und vor allem, dieselben Antworten zu geben. Da kommt eine neue Frage:

„Ich verstehe das nicht. Sie sind zum ersten Mal von zu Hause weg und haben nichts geplant? Keine Unterkunft vorher gebucht, oder irgendetwas?“

Mmh. Gute Frage.

Ohne zu wissen, was ich gerade tue, bewegen sich meine Lippen und ich sage mit so viel Selbstbewusstsein, wie ich aufbringen kann: „Ich habe geplant ein Abenteuer zu haben.“

Er gibt mir meinen Pass, lächelt und sagt: „Viel Spaß bei Ihrem Abenteuer.“

Danke, dass werde ich haben. Und vielleicht sehen wir uns in einem Jahr wieder und ich bin wieder in Erklärungsnot.

Ein Gedanke zu „„Ich habe geplant, ein Abenteuer zu erleben“

  1. ich bin froh, dass die Landung gut geklappt hat. flugtechnisch und einreisemäßig. das abenteuer hat begonnen.

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