Kämpfe den guten Kampf des Glaubens

Jesus weint und du darfst es auch

Meine Predigt zu Palmsonntag, 5.4.2020

Als Jesus sich der Stadt näherte und sie vor sich liegen sah, weinte er über sie:
»Wenn doch auch du heute erkannt hättest, was dir Frieden bringt! (Lukas 19:41)

Ich war siebzehn Jahre alt, als am Freitag, den 11. März 2011 ein Tsunami die Küste Japans traf. Der Tsunami allein tötete mehr als fünfzehntausend Menschen. Dazu kam ein kritischer Fehler des Atomreaktors in Fukushima infolge des Tsunami, der die nach Tschernobyl größte Nuklearkatastrophe der Welt auslöste. Die radioaktive Strahlung erschwerte die Rettungsarbeiten und führte zu mehr Toten, das Gebiet ist bis heute verseucht.

Ich erinnere mich genau an diesen Tag, weil er mich wie ein Stein traf. Ich verfolgte diese Nachrichten wie gebannt. Es berührte mich persönlich, und ich wusste nicht wohin mit diesen Gefühlen.

Am Sonntag gingen wir wie jede Woche in den Gottesdienst. Alles war wie sonst auch, als wäre nichts geschehen. Wir sangen Loblieder. Eines nach dem anderen. Die Schwester, die an diesem Sonntag die Leitung hatte, hatte den Gottesdienst am Donnerstag vorbereitet und nicht bedacht, dass die Texte plötzlich anders klangen.

Ich sehnte mich nach Orientierung, danach diese Gefühle mit anderen teilen zu können, und etwas zu hören, dass mir hilft zu verstehen was da in mir passiert. Aber wir sangen Loblieder. Eines nach dem anderen.

Als wir Psalm 91 lasen, zerbrach etwas in mir:

„Auch wenn tausend neben dir fallen, zehntausend rings um dich her, zu dir wird es nicht kommen. Du siehst es noch mit eigenen Augen, wie Gott es den Gottlosen heimzahlt.“

Ist das unsere Antwort auf das Leid in der Welt??: Zum Glück hat es uns nicht erwischt?!
Ich stand auf und verlies unser Gemeindehaus. Meine Mutter lief mir nach, verstand aber was bei mir los war und lies mich gehen. Ich verbrachte den Rest des Morgens im Wald in einer Mischung aus Rennen, Weinen, und Rumschreien.

(Der Fairness halber sollte ich sagen, dass meine Gemeinde dann doch spontan den Gottesdienst änderte und einfach zehn Minuten schwieg, und dann einen Klagepsalm las. Die nachträglich gute Reaktion meiner Gemeinde ist mit schuld, dass ich immer noch Christ bin. Hätten meine Gefühle dauerhaft keinen Raum in der Gemeinde gehabt, hätte ich mich über kurz oder lang irgendwann zumindest emotional verabschiedet.)

Für mich ist dieses Erlebnis zu einem zentralen Moment meiner Theologie geworden. Im Wald bin ich inmitten meiner Wut und Trauer, Gott begegnet, der mir im Gottesdienst so fern erschienen war. Gott hielt meine Gefühle aus. Nicht nur dass, ich spürte in meinen Tränen Gottes eigene Trauer um das Leiden in dieser Welt. Ich fühlte Gottes tiefte Sehnsucht danach, die Welt wieder heil zu machen, und Gottes Schmerz, dass wir Menschen uns dieser heilenden Kraft wieder und wieder verweigern.

Heute ist Palmsonntag. Wir erinnern uns an Jesu Einzug nach Jerusalem. Oft feiern wir dies als einen freudigen Anlass, das „Hosianna“ der Menge der dann umschlägt in das „Kreuzigt Ihn!“ des Karfreitag. Vielleicht brauchen auch, weil wir nach 40 Tagen Fastenzeit und vor der Dunkelheit der Karwoche nochmal ein Halleluja brauchen. Das ist auch gut und richtig so.

Aber dieses Jahr fühlt es sich, für mich zumindest, nicht richtig an.
Dieses Jahr bleibe ich hängen an einer Szene, die wir nur bei Lukas finden.
Direkt nach dem Einzug über Jerusalem erzählt Lukas, wie Jesus über Jerusalem weint. Jesus sieht wie diese Stadt kurz davor steht, sich selbst ins Unheil zu stürzen. Wie die Propheten vor ihm sieht er, dass eine Gesellschaft, die auf Ausbeutung der Schwächsten beruht, nicht lange bestehen kann.

Er ahnt, dass er trotz aller Anstrengungen nicht in der Lage sein wird, sie zur Umkehr, zur radikalen Neubesinnung darauf, was eigentlich wichtig ist, was Leben in Fülle fördert, zu rufen.

Er schaut seinen Ängsten ins Auge und lässt seinen Emotionen freien Lauf. Jesus Christus, Gott selbst, weint wie ein Häufchen Elend. Wer sich jetzt noch fragt, ob Gott in Jesus wirklich ganz und gar Mensch geworden ist, hat nicht aufgepasst. Wieviel mehr Mensch kann man denn noch werden?

Das gilt auch umgekehrt: Jesus zeigt uns, was es heißt, wahrhaft Mensch zu sein. Gefühle, nicht nur die angenehmen, gehören zum Menschsein dazu. Sie machen das Leben lebenswert, wie euch jeder, der mit einer Depression lebt, in der man nichts mehr fühlt, bestätigen kann.

Erlauben wir uns, so menschlich zu werden wie Jesus? Erlauben wir es uns, zu weinen?
Erlauben wir es uns, in dieser Zeit nicht alle Projekte zu verwirklichen, von denen wir dachten, wir kriegen sie jetzt hin? Erlauben wir uns, einfach erschöpft zu sein, weil es anstrengend ist, wenn sich innerhalb von einigen Wochen die Welt komplett verändert? Erlauben wir uns, uns einsam zu fühlen und wahrzunehmen, wie wichtig der körperliche Kontakt mit anderen ist, den auch Zoom nicht ersetzen kann?

Ich muss ehrlich sagen, dass ich bisher noch nicht geweint habe. Es ist einfach noch nicht passiert. Das ist ok so. Aber ich hoffe, dass wenn es passiert, (vielleicht auch gerade in dieser Predigt) ich mir die Zeit dafür nehme, die Emotion zu fühlen. So wie Jesus es uns in diesem Text vorlebt. Und nicht nur hier. Im Johannesevangelium weint Jesus um seinen Freund Lazarus. Alle Evangelien erzählen, wie Jesus im Garten Gethsemane mit seiner Situation und mit dem Vater rang und seine Gefühle nicht versteckte.

Ich wünsche uns, dass wir gerade in dieser Karwoche, in der wir Jesu letzte Woche nacherleben, wagen, zu unseren Gefühlen zu stehen und sie auszuhalten. Vielleicht sind auch positive dabei. Es ist Frühling und es ist normal und gut, sich über Sonne und Blumen zu freuen.

Aber wenn du merkst, wie dein Herz schwer wird, wenn du die Nachrichten hörst, dann denk daran, Jesu Herz ist ebenfalls schwer. Wenn Sorgen dich nachts wachhalten, um Eltern, Kinder, oder Bekannte, die zur Risikogruppe gehören, dann sei gewiss, dass Jesus diese Sorgen nicht fremd sind.

Jesu anderer Name ist Immanuel, Gott mit uns. Gott geht mit uns durch dieses finstere Tal. Und nicht nur mit uns, sondern auch mit allen Krankenpflegern und Ärztinnen, allen Verkäufern im Supermarkt und allen, die sich jetzt sorgen, ob ihr Geschäft diese Krise überlebt.

Jesus wischt seine Traurigkeit nicht zur Seite, sondern weint. Und darin erfährt er die Stärke Gottes, die er braucht, um es durch diese Woche zu schaffen. Ja, die Woche endet mit Ostern. Am Ende siegt nicht der Tod, sondern Jesus, das wahre Leben in aller Fülle.

Aber selbst Jesus kann die Zeit nicht vorspulen. Der Weg zu Ostern geht immer durch das Kreuz.

Es kann gut sein, dass uns noch sehr viel Leid bevorsteht. Vielleicht nicht in Deutschland, vielleicht nicht in meiner Familie, aber weltweit werden noch sehr viele Menschen sterben. Und auch in Deutschland sind wir noch nicht über das Schlimmste hinweg. Wir stehen dieses Jahr vor unserer eigenen Karwoche, und es ist unklar, wie lange sie dauern wird.
Wenn wir handlungsfähig bleiben wollen, müssen wir uns darin üben, unsere Gefühle, besonders auch die schweren, zuzulassen. Sie sind Boten, die uns etwas sagen möchten.

In Psalm 126 heißt es „Die mit Tränen säen, werden mit Jubel ernten.“ Wenn wir acht geben, was sich in unserer Seele rührt, dann werden wir überrascht sein, wie uns Gott gebrauchen wird, um anderen gerade in dieser Zeit ein Segen zu sein.

Amen.

Ein Kommentar

  1. Benni?

    It’s Erica from Goshen–I think this is you. I was reading a post from Radical Discipleship and saw a comment with your name and found your blog. If it’s not who I think it is, well thank you for the sermon. I’ve read it twice.The second time this morning to my father who has been struggling in his body and mind. The first time I read alone in my room and I really resonated with your forest story. Learning that God cries with us was one of the most important turns in my theology. It’s one of the things that keeps me tied to faith.

    This second time I could feel the message coming through in a different way–I know it was about the virus, but it also hit differently with my dad’s cancer. His life changed so quickly from that, but he’s not good at accepting that. He’s in pain and still went to work this morning, but I’m grateful I could read it to him. It let us be still together for a moment. Danke

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.