Kämpfe den guten Kampf des Glaubens

Eine Art Glaube* – biblische Gedanken zu anarchistischer Sicherheitskritik

0. Vorbemerkung: Christlicher Anarchismus?

Wie soll das zusammen gehen? Gehört Ablehnung von Glauben nicht konstitutiv zu Anarchismus? Schließlich ist einer der bekanntesten anarchistischen Slogans doch „Kein Gott, kein Staat“ (Bakunin)

Michail Bakunin, oft als einer der „Gründerväter des Anarchismus“ beschrieben, schrieb:

 „Wenn Gott existiert, so ist er notwendigerweise ewig, souverän und ein absoluter Herr, und falls so ein Herr existiert, so ist der Mensch ein Sklave.“

Folglich lehnen viele Anarchisten Religion Glauben an Gott ab, da sie einen solchen Glauben in Analogie zu den Allmachtsphantasien des Staates und Markts sehen.

Aber genau an dieser Stelle sollten biblisch-orientierte Christen widersprechen.
Bakunins Logik mag zwar auf den Gott der Philosophen zutreffen (und zugegebenermaßen auf den Gott, den die Kirche seiner Zeit predigte), aber nicht auf den Gott der Bibel. JHWH ist ein Befreier, der mit den Menschen geht, auch dann wenn, diese sich gegen Gottes Vision entscheiden.

Ich möchte also nicht zu lange hier in der Begründung der Möglichkeit einer christlichen und zugleich anarchistischen oder herrschaftskritischen Perspektive verweilen, sondern direkt einige für diese Perspektive zentralen biblische Texte aufgreifen und fragen, was sie mit Sicherheit zu tun haben, da das ja eigentlich unser Thema ist.*

 

1. Kein König außer Gott!

Der Richter Samuel spricht: „Das wird des Königs Recht sein, der über euch herrschen wird:

Eure Söhne wird er nehmen für seinen Wagen und seine Gespanne, und dass sie vor seinem Wagen herlaufen, und zu Hauptleuten über Tausend und über Fünfzig, und dass sie ihm seinen Acker bearbeiten und seine Ernte einsammeln und dass sie seine Kriegswaffen machen und was zu seinen Wagen gehört.Eure Töchter aber wird er nehmen, dass sie Salben bereiten, kochen und backen. Eure besten Äcker und Weinberge und Ölgärten wird er nehmen und seinen Großen geben. Dazu von euren Kornfeldern und Weinbergen wird er den Zehnten nehmen und seinen Kämmerern und Großen geben. Und eure Knechte und Mägde und eure besten Rinder und eure Esel wird er nehmen und in seinen Dienst stellen. Von euren Herden wird er den Zehnten nehmen, und ihr müsst seine Knechte sein.“

1. Samuel 8:11-17

Dieser Text ist für anarchistische Christinnen und christliche Anarchisten in zweifacher Hinsicht interessant:
1. aufgrund seiner radikalen Kritik von Herrschaft als Unterdrückung, und
2. weil der größere Kontext der Geschichte ein radikal anderes Gottesbild zeichnet als es bspw. Bakunin tut. Zwar wird die Vorstellung von Gott als König im Text aufgegriffen, aber subversiv gegen die Einrichtung eines irdischen Königs. Noch viel wichtiger ist aber, dass JHWH sich auf den Wunsch des Volkes nach einem König einlässt, auch wenn dieser Wunsch gleichzeitig klar als Ablehnung Gottes benannt wird.

Interessanterweise geht es an dieser Geschichte auch zentral um Sicherheit. Die Israeliten, die bisher ohne zentrale Verwaltung ausgekommen sind, wollen einen König, um sicher zu sein vor den rüstungs-technologisch überlegenen Philister. Die spontane Führung der Richter soll zu einem Ende kommen, und Israel will einen König und eine professionelle Armee „wie alle anderen Völker.“

Hier wäre viel zu sagen, aber mindestens bleibt festzuhalten, dass hier eine Dynamik enthüllt wird, wie im Namen der „Sicherheit,“ Herrschaft und Machtkonzentration legitimiert wird.

 

2. Sicherheit für wen? Der Staat als Quelle von Gewalt und Unsicherheit

Wenn in universalen Tönen von Sicherheit gesprochen wird, lohnt es sich zu fragen: „Sicherheit für wen? Und auf wessen Kosten?“

Denn die soziale Position prägt die Perspektive und entscheidet, ob ein „Sicherheitszaun“ als Schutz vor Eindringlingen oder als Todesurteil interpretiert wird. Die Bibel ist eine Sammlung von Zeugnissen von Menschen, die größtenteils im Schatten der Macht lebten, und den Staat eher als Quelle von Gewalt und Unsicherheit erlebten.

Am deutlichsten wohl zu Beginn des Buches Exodus, wo die Sorge um nationale Sicherheit den Pharao dazu bringt, die Tötung aller neugeborenen israelitischen Jungs anzuordnen. Nur eine mutige direkte Aktion, oder Sabotage durch die Hebammen Shiphra und Puah, rettet das Leben Moses, der später das Volk aus der Sklaverei führen wird.

Der Staat garantiert hier also für die Protagonisten gerade keine Sicherheit, sondern bedroht ihr Leben im Namen der Sicherheit! Echte Sicherheit gibt es nur punktuell im konkreten Handeln mutiger Menschen und Kollektive, die sich gegen den Staat stellen.

So auch in der Weihnachtsgeschichte nach Matthäus. Jesu Sicherheit wird nicht durch den Staat geschützt, sondern gerade durch die Gewissensverweigerung der Sterndeuter, den Anti-König Jesus an Herodes zu verraten gewährleistet und durch die direkte Aktion seiner Eltern, die mit ihm nach Ägypten fliehen.

 

3. The Master’s Tools Will Never Dismantle the Master’s House (Audre Lorde)

Und [der Teufel] führte [Jesus] auf einen hohen Berg und zeigte ihm in einem Augenblick alle Reiche des Erdkreises. Und der Teufel sprach zu ihm: Dir will ich alle diese Macht und ihre Herrlichkeit geben; denn mir ist sie übergeben, und wem immer ich will, gebe ich sie. Wenn du nun vor mir anbeten willst, soll das alles dein sein. Und Jesus antwortete ihm und sprach: Es steht geschrieben: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, anbeten und ihm allein dienen.“

Lukas 3:5-9 / Matthäus 4:8-10

Hier gilt zunächst festzuhalten: Die Aussage des Teufels, er sei Herrscher der Welt wird vom Text nicht bestritten! Anderswo im Neuen Testament wird er auch als Fürst dieser Welt beschrieben. Dies ist im Kontext einer apokalyptischen Erwartung zu verstehen, dass widergöttliche Mächte jetzt das Sagen haben, aber bald nicht mehr.

Die Konsequenz für politisches Handeln im Hier und Jetzt ist eine starke Skepsis gegenüber den Möglichkeiten staatlichen Handelns Frieden, Gerechtigkeit oder auch Sicherheit (Frucht der beiden) zu schaffen. Oder wie die afro-amerikanische Feministin Audre Lorde sagte: „The Master’s Tools Will Never Dismantle the Master’s House“– die Herrschaftswerkzeuge können das Gebäude der Herrschaft nicht abbauen.

Aber nicht nur Skepsis, sondern auch eine notwendige Illoyalität und Ablehnung der Mächte steckt in diesem Text. Jesus zitiert die Schema Israel, das zentrale Glaubensbekenntnis seines Volkes: „Höre Israel JHWH ist dein Gott, JHWH allein.“
Dieser biblische Monotheismus ist also gerade nicht in Analogie zu weltlichen Herrschern zu verstehen (wie Bakunin dachte), sondern er ist ein kritisches Moment gegen jede Vergöttlichung des Staates oder anderer Ordnungen (Markt). Das Schema ist eine Loyalitätserklärung zu diesem Gott, die gleichzeitig eine Illoyalität gegenüber Staat, Volk, Markt und allen anderen Mächten und Gewalten bedeutet.

Dieser Eindruck wird noch verstärkt, wenn wir das Schema in Zusammenhang mit der „gefährlichen Erinnerung“ an den Auszug aus dem Sklavenhaus hören.

Zu diesem Auszug gehört auch das Gesetz der Freiheit, die Tora, zu welchem sich Israel als Gemeinschaft der Befreiten selbst verpflichtet und das eben nicht einer zentralen Gewalt, dem Staat, garantiert wird (sondern von der Gemeinschaft selbst, bzw. von Gott, der im Notfall für die „Witwen und Waisen“ eintritt.)

Diese Bezüge zur hebräischen Bibel sollten klarmachen, dass wir Jesus missverstehen, wenn wir ihn als Vertreter einer apolitischen Abkehr interpretieren, der folglich auch nichts Sinnvolles zu der konkreten Frage nach Sicherheit in dieser Welt beitragen könnte. Vielmehr ist der Ansatz Jesu konsistent mit dem Exodus Ansatz, der aus versklavenden Strukturen auszieht und neue befreiende Strukturen schafft, wo Menschen anders handeln können, als die Herren der Welt (Lukas 22:24-26). Nur handelt es sich hier nicht mehr um einen geographischen Exodus. Vielmehr geht Jesus zur Offensive über. Mit den Jüngerinnen und Jüngern gründet er eine Gemeinschaft von Menschen, die in diesem kosmos, dieser Ordnung leben, aber nicht von diesem Kosmos geprägt sind/ihm nicht loyal sind. Oder, wie es die Catholic Worker in Anlehnung an die anarchistische Gewerkschaft Industrial Workers of World sagen: „Wir bauen eine neue Welt innerhalb der Hülle der alten.“

 

4. Aber was ist dann mit der Sicherheit?

„Am Ende der Tage wird es geschehen: Der Berg mit dem Haus des Herrn steht fest gegründet als höchster der Berge; er überragt alle Hügel. Zu ihm strömen die Völker. Viele Nationen machen sich auf den Weg. Sie sagen: Kommt, wir ziehen hinauf zum Berg des Herrn und zum Haus des Gottes Jakobs. Er zeige uns seine Wege, auf seinen Pfaden wollen wir gehen. Denn von Zion kommt die Weisung, aus Jerusalem kommt das Wort des Herrn. Er spricht Recht im Streit vieler Völker, er weist mächtige Nationen zurecht [bis in die Ferne]. Dann schmieden sie Pflugscharen aus ihren Schwertern und Winzermesser aus ihren Lanzen. Man zieht nicht mehr das Schwert, Volk gegen Volk, und übt nicht mehr für den Krieg. Jeder sitzt unter seinem Weinstock und unter seinem Feigenbaum ohne Furcht.”

(Micha 4,1-4).

Micha beschreibt Sicherheit nicht als einen Zustand, sondern als verflochtene Prozesse der Entmilitarisierung, Demokratisierung der Wirtschaft durch Teilhabe aller an den Produktionsmitteln und ihrer Früchte, sowie ökologischer Suffizienz, also einer Haltung des Genugs. Diese Prozesse sind miteinander verbunden und geben Menschen, die Macht, ihr Leben selbst zu gestalten, zurück, weil sie auf Verteilung von Macht, statt ihrer Konzentration setzen.

Ähnlich auch im letzten Buch der Bibel, der Johannesoffenbarung, wo das neue Jerusalem offene Tore hat und Gold und Edelsteine nicht mehr den Reichtum weniger bestimmen, sondern in Straßen und Gebäuden als Gemeingut behandelt werden. Und auch die ökologische Dimension ist erfasst im Sinne einer umfassenden wiederherstellenden Ökologie (die Blätter des Baumes, der für die Heilung der Nationen ist.)

Die soziale Strategie deckt sich dabei mit klassisch anarchistischen Prinzipien:

  1. Direkte Aktion: ob Speisung der 5000 oder Sabotage des Kindermords, um das gute zu tun, muss man nicht auf alle Warten oder bei den Mächtigen um Erlaubnis bitten, sondern es einfach tun.
  2. Freie Assoziation: Im Bund befreiter Sklaven oder in der Ekklesia derer, die Jesus nachfolgen, die politische Basis ist eine Gemeinschaft der Willigen.
  3. Gegenseitige Hilfe: Ob das freiwillige Teilen der Gemeinde in Apostelgeschichte 2, Paulus‘ Kollekte für Jerusalem, oder die Jubeljahr-Ordnung, gegenseitige Hilfe ist eine materieller und spiritueller Praxis, die sowohl überlebensnotwendig ist als auch eine wirkmächtige Form die Zukunft Gottes bruchstückhaft vorwegzunehmen.

Diese Strategie ist durchsetzt mit einer Vision der Zukunft, die jetzt schon in die Gegenwart wirkt. Dabei vermischen sich utopische und pragmatische Elemente zu einer realistischen Perspektive, die nicht im Ist-Zustand gefangen bleibt: „Das Reich Gottes ist mitten unter euch“ und „kommt auf euch zu.“

Sicherheit ist biblisch verstanden eine Zielorientierung, oder theologisch, ein eschatologischer Horizont. Wir richten uns darauf aus, aber erkennen erst im Gehen, wie weit wir noch davon entfernt sind. Dies Verständnisses von Sicherheit schützt einerseits davor, Frieden und Gerechtigkeit (die natürlich auch Zielorientierungen sind) einer vermeintlich erreichbaren Sicherheit unterzuordnen.

Andererseits zeigt er auch realistisch auf, dass Sicherheit im Sinne einer friedensfördernden herrschaftlosen Ordnung ist kein Zustand, den es einmal zu erreichen gilt, und dann lediglich zu halten. Sicherheit wird gefährdet durch Ungleichheit und Konzentration von Macht, daher gilt es immer wieder neu anzufangen. Dies wird auch deutlich in der Erinnerung an den Exodus im Passahfest, das jeder feiern soll, als sei er selbst dabei gewesen, oder auch im Rhythmus von Sabbat- und Jubeljahr, die immer neu die Konzentration von Reichtum und Macht unterbrechen.

 

 

*: Der Titel dieses Textes stammt aus David Graebers fantastischem Text Fragments of an Anarchist Anthropology, in dem er unter anderem darstellt, dass Anarchismus eigentlich keine neue Theorie ist, sondern eine historische Konstante, „eine Art Glauben,“ der unwahrscheinlicherweise auch trotz aller Widerstände in Quellen belegt ist.
Meine Behauptung ist, dass die Bibel eine wahrer Schatz solcher Perspektiven ist. Hier das Zitat in voller Länge:

„Die sogenannten „Gründerväter“ [des Anarchismus] glaubten selbst nicht, irgendetwas besonders neues erfunden zu haben. Die grundlegenden Prinzipien des Anarchismus – Selbstorganisation, freie Vereinigung, gegenseitige Hilfe–beschreiben menschliche Verhaltensweisen, von denen sie annahmen, dass sie seit Anbeginn der Menschheit vorhanden waren. Genauso ist es mit der Ablehnung des Staats und aller Formen struktureller Gewalt, Ungleichheit, oder Herrschaft (Anarchismus bedeutet wörtlich „ohne Herrscher“). Selbst die Annahme, dass alle diese Formen von Unterdrückung irgendetwas miteinander zu tun haben und sich gegenseitig verstärken, hielten sie nicht für neu.
Nichts davon wurde als eine bahnbrechende neue Erkenntnis betrachtet. Und tatsächlich war es keine neue Erkenntnis: Wir finden überall in der Geschichte Zeugnisse von Menschen, die so oder ähnlich argumentiert haben. Und dies, obwohl … solche Überzeugungen fast immer und fast überall es eher schwer hatten, aufgeschrieben und aufbewahrt zu werden.
Es geht also [bei Anarchismus] weniger um eine theoretische Schule, als eher um eine Haltung, man könnte fast sagen einen Glauben: Die Ablehnung bestimmter Formen sozialer Organisation, die Zuversicht, dass bestimmte andere Sozialformen besser wären, um eine lebenswerte Gesellschaft zu schaffen, und der Glaube, dass eine solche Gesellschaft tatsächlich existieren könnte.

David Graeber, Fragments of an Anarchist Anthropology, S.3f

 

 

Quellen / weitere Ressourcen:

Nekeisha Alayna Alexis: Embracing God and Rejecting Masters

Mark van Steenwyk, That Holy Anarchist. Reflections on Christianity & Anarchism, 2012

David Graeber, Fragments of an Anarchist Anthropology

Jesusradicals.com

Jacques Ellul: Anarchy and Christianity. Trans. Geoffrey W. Bromiley. Grand Rapids: Eerdmans, 1991. Wipf & Stock, 2011.

Sebastian Kalicha (Hg.) 2013, Christlicher Anarchismus, Facetten einer libertären Strömung

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