„Es geht darum, die Mächte selbst zu verwandeln“

(Dieser Artikel ist auch in aktuellen „Die Brücke“ (Nr. 5/2014) erschienen)

Mit der Finanzkrise ist die Systemkritik wieder populär geworden und so wird in Zeitungen, Stammtischen und auch in vielen Gemeinden wieder über das Weltwirtschaftssystem und andere überindividuelle Zusammenhänge, in denen Menschen stecken, geredet.
Im Gespräch über Wirtschaft, Gesellschaft und Politik kommt man schnell in ein Dilemma. Unsere Theologie ist oft auf Personen fixiert, die Zusammenhänge aber sind systemisch. Dabei gibt es zwei Auswege, entweder werden gesellschaftliche Konflikte naiv personalisiert und Schuld tragen nur die Politiker und Firmenbosse, oder man übernimmt die säkulare Sicht der Soziologie, ohne diese einer theologischen Prüfung zu unterziehen.

Dabei hat die biblische Tradition Einiges über „Mächte und Gewalten“ zu sagen.
Das Problem ist, dass diese mythologische Sprache für viele Menschen heutzutage, die von der Aufklärung geprägt sind, keine Wirklichkeit mehr beschreibt. Statt herauszufinden, was mit solchen Begriffen gemeint sein könnte, haben manche Theologinnen und Theologen sie für obsolet erklärt und behauptet, nur das „existentielle Daseinsverhältnis“, das in den Texten zum Ausdruck kommt, sei entscheidend. Diese Sichtweise spielt dem Individualismus in die Hände.
Richtig verstanden kann die biblische Rede von Engeln, Dämonen und Mächten und Gewalten dagegen zu einer tieferen Analyse gesellschaftlicher Kräfte führen als es die materialistische Soziologie vermag. Diese redet z.B. von einer „Firmenkultur“, in der die Werte einer Firma zum Ausdruck kommen und in Ritualen eingeübt werden, sodass sich auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit dieser identifizieren. Sie zeigt sich schon in der Architektur des Gebäudes und schließlich auch in den Entscheidungen, die vom Vorstand getroffen werden.
Diese Firmenkultur ist dabei nicht nur eine Erfindung, um die Angestellten zu motivieren, sie ist real und eine spirituelle Herausforderung.

Dies ist eine der Hauptthesen Walter Winks, der zunächst am Union und dann am Auburn Theological Seminary in New York Professor für Biblische Exegese war. Außerdem war er als Aktivist in verschieden gewaltfreien Bewegungen von der Bürgerrechtsbewegung in den USA zur Antiapartheidskampagne in Südafrika beteiligt. Sein Engagement kam aus dem Glauben und die Erfahrungen im gewaltfreien Kampf gegen Unterdrückung und Unrecht inspirierten sein theologisches Denken immer wieder. In Nordamerika (und der englischsprachigen Welt) ist Walter Wink mit seiner „Powers-Trilogie“ „Naming the Powers“, „Unmasking the Powers“ und „Engaging the Powers“ in der christlichen Friedensbewegung und darüber hinaus bekannt.
2014 ist nun endlich die kurze Zusammenfassung dieser Trilogie unter dem Titel „Verwandlung der Mächte“ in deutscher Übersetzung erschienen.
Dabei haben die Übersetzer gute Arbeit geleistet und das nicht nur im Text selbst.
So informiert das Vorwort über Winks Leben und theologisches Werk und zeigt ihr Interesse an einer breiten Rezeption in Deutschland.
Sehr hilfreich sind die zahlreichen Fußnoten, die die Übersetzer zusätzlich zu Winks spärlichen Fußnoten gesetzt haben, in denen sie kulturell schwierige Anspielungen erklären, oder Winks mittlerweile immerhin 15 Jahre alten Text in Bezug zu neuerer Forschung stellen.

Wink entwirft in zehn dicht geschriebenen, aber gut lesbaren Kapiteln eine Einführung ins biblische Verständnis der „Mächte“, das für moderne Menschen annehmbar ist ohne intellektuelle Opfer.
Im Handeln Jesu, der sich den Mächten mit kreativer Gewaltfreiheit entgegenstellt, sieht Wink ein Modell für die Kirche, das „Herrschaftssystem“, den Zusammenschluss aller Mächte, zu brechen und sie zu ihrer eigentlichen Aufgabe zurückzurufen.
Die Mächte sind nämlich zum Wohl der Menschheit geschaffen. Wie die Menschen jedoch sind sie gefallen und sollen auch, wie die Menschen erlöst werden.
Gewaltfreies Handeln ist die einzige Möglichkeit, das Herrschaftssystem zu brechen, da dessen eigene Spiritualität der „Mythos erlösender Gewalt“ ist. Obwohl er am Kreuz als Lüge entlarvt wurde, ist der Glaube an die Gewalt immer noch die populärste Religion unserer Welt – auch unter vielen, die das Herrschaftssystem abschaffen wollen.
Nur gewaltfreies Handeln in der Nachfolge Jesu kann den Mythos die Glaubhaftigkeit entziehen und damit das Herrschaftssystem destabilisieren.
Die neue Sicht auf Mächte und Gewalten führt auch zu einer neuen Betonung der Spiritualität und besonders des Gebets, da wir darin direkt mit der spirituellen Seite der Mächte ringen und uns der Macht Christi versichern können.

Als Exeget entfaltet Wink seine Quellen anhand biblischer Texte, in kritischer Auseinandersetzung mit theologischen Klassikern, aber auch mit Psychologie und Soziologie. Dabei argumentiert er überzeugend, aber nicht verbissen. Für einen Theologen zeigt er an manchen Punkten – z.B. in der Frage, ob die Mächte unabhängig von menschlichem Handeln existieren – erstaunliche Offenheit. Diese Offenheit ermöglicht Winks breite Rezeption; ich selbst kannte ihn zunächst von Aktivisten der christlichen Friedensstifterteams (CPT), und stieß dann bei einer Tagung des Emergent Forum Deutschland, einem Netzwerk an neuen Gemeindeformen interessierter Menschen, wieder auf ihn. Auch im Gespräch mit charismatisch geprägten Geschwistern sollte Winks Theologie der Mächte einen hilfreichen Beitrag zu einem für alle Seiten herausfordernden Gespräch leisten.
Dieses Buch verdient es, intensiv gelesen zu werden.

Wann gibt es Aprikosen?

Heute abend habe ich mal wieder im Garten gearbeitet. Die heiße Sonne und das widerspenstige Unkraut trieben mir den Schweiß ins Gesicht.

Es erinnerte mich an meine Zeit in Palästina, an Zelt der Völker, den palästinensisch-christlichen Bauernhof, auf dem ich ein Jahr lebte und arbeitete.
Es war eine schöne Erinnerung. An Freundschaften, die immer noch halten, an Erfahrungen, die mich geprägt haben und an Arbeit, die etwas gebracht hat, die ich als Arbeit für den Frieden verstanden habe.

Gerade eben, als ich gerade schlafen gehen wollte, wurde ich wieder an Zelt der Völker erinnert.

Das Tal vorher und nachher (Bild von electronic intifada)

Bilder von einem Ort, den ich sofort wiedererkannte, obwohl er bis zur Unkenntlichkeit umgewühlt wurde. In diesem Tal habe ich im Schweiße meines Angesichts Unkraut gehackt, Bäume beschnitten und endlich die süßesten Trauben, Äpfel und Aprikosen geerntet.

Gerade die Aprikosen waren schwierig. Es war beinahe unmöglich einen guten Zeitpunkt zur Ernte abzupassen, so schnell werden sie überreif. Davon inspiriert lautet ein arabisches Sprichwort für etwas Unvorhersagbares, vielleicht Unmögliches:
Bukra fil mishmish – Morgen gibt es Aprikosen

Die israelische Armee hat beschlossen, dass hier keine Aprikosen mehr wachsen sollen, dass sie illegal sind und evakuiert werden müssen.

Mit Bulldozern wurde diese wachsende, lebendige Hoffnung auf Frieden niedergerissen und zerstört. Diese Bäume waren eine Bedrohung für die Siedlungen in der Nähe und für das unterdrückende System der Besatzung und deshalb mussten sie „evakuiert“ werden.

Wie evakuiert man Bäume?

Man kann einen Baum nicht aus der Erde nehmen und erwarten, dass er weiterlebt.
Die Bilder der Zerstörung entlarven die bürokratisch-humanitäre Sprache als Farce.

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Ich habe die Arbeit bei Zelt der Völker immer als Friedensarbeit gesehen. Jeder Baum, den wir pflanzten und pflegten war ein Schritt zum Erhalt des Landes und letztlich zum Frieden zwischen allen, die dort leben.

Bei aller Zerstörung, die ich an anderen Orten gesehen habe, war ich mir sicher, dass Zelt der Völker sicher sei, bei all den Touristen und Freiwilligen, die jeden Tag dort waren und all den Zeitungsartikeln, die schon darüber geschrieben wurden, bei dem Gerichtsprozess, der nun schon seit Jahrzehnten geführt wird.

Diese Sicherheit ist nun dahin. Zelt der Völker ist trotz aller investierter Arbeit und aller internationalen Unterstützung weiterhin unter der willkürlichen Gewalt der Besatzung, die in ihrem Bestreben, Sicherheit für den „jüdischen Staat“ zu schaffen, immer und immer wieder gegen die Tora verstößt:

„Wenn du eine Stadt lange Zeit belagerst, um sie durch Kampf gegen sie zu erobern so sollt du nicht ihre Bäume vernichten, indem du die Axt gegen sie schwingst, denn von ihnen isst du, und du sollst sie nicht fällen, denn sind etwa die Bäume des Feldes Menschen, dass sie vor dir in die Belagerung kämen?“ Deuteronomium 20,19

Die triumphale Sicherheit ist der Zerstörung gewichen und es wird morgen keine Aprikosen geben.
Was tun in dieser Situation? Daoud schreibt, dass sie eine Beschwerde beim Gericht eingelegt haben und wir uns bereit halten sollen, für etwaige Aktionen.

Das wird die Bäume nicht wieder zurückbringen, sie sind ausgerissen und werden keine Frucht mehr tragen. Aber neue können gepflanzt werden, die Hoffnung kann auferstehen.
Lasst uns dazu beitragen und wachsam sein. Wenn die Nassers es wünschen, sollten wir sie durch Briefe, Petitionen an die Machthaber unterstützen.

Aber zunächst müssen wir den Schmerz aushalten, und können den Gott nur bitten: Herr, erbarme dich. In der Hoffnung, dass die nervige Witwe am Ende selbst vom ungerechten Richter, der weder Menschen noch Gott fürchtet noch Recht bekommt, weil so viele Menschen darauf pochen.
An diesem Tag werden alle Bewohner des Landes Aprikosen essen.

Hier ist Daouds Brief (von der Facebookseite Tent of Nations)

Today [Montag, 19.5.14] at 08.00, Israeli bulldozers came to the fertile valley of the farm where we planted fruit trees 10 years ago, and destroyed the terraces and all our trees there. More than 1500 apricot and apple trees as well as grape plants were smashed and destroyed.

We informed our lawyer who is preparing the papers for appeal. Please be prepared to respond. We will need your support as you inform friends, churches and representatives when action is needed. Please wait for the moment and we will soon let you know about next steps and actions.

Thank you so much for all your support and solidarity.

Blessings and Salaam,
Daoud

Ein Artikel dazu auf electronic intifada
Und auf Mondoweiss

KDV + Bild!

Begründung zur Kriegsdienstverweigerung

Eigentlich bin ich der Meinung, dass ich meine Weigerung, Kriegsdienst zu leisten, nicht begründen muss – ganz im Gegenteil – der Staat sollte mir beweisen, warum ich bereit sein sollte, eine Waffe in die Hand zu nehmen, andere Menschen zu verletzen und zu töten und selbst an Seele und Körper lebenslange Narben zu erhalten.

Da das Ganze so aber nicht läuft, werde ich im Folgenden meine Gründe liefern, warum ich dem Staat hier nicht zu Diensten sein kann und will.

Meine Eltern haben mir von klein auf gezeigt, dass Hass und Gewalt niemals zur dauerhaften Lösung eines Konflikts betragen, da nur Versöhnung und eine Herstellung gerechter Beziehungen dies bewerkstelligen können. Mein Vater war fünfundzwanzig Jahre im Deutschen Mennonitischen Friedenskomitee tätig und arbeitete in den Kriegsgebieten des Jugoslawienkriegs in Flüchtlingslagern, wohin er uns oft mitnahm, wodurch ich die Zerstörung durch Panzer, Gewehre und Bomber mit eigenen Augen sah, während wir in die menschenleeren Touristengebiete fuhren. Meine Mutter hat ein großes Herz für sozialbenachteiligte Menschen, die teilweise Opfer von Gewalt wurden, und auch strukturelle Gewalt seitens des Staates durch entwürdigende Sozialhilfeprozeduren und rassistische Asylgesetze erfahren haben.

In der Gemeinschaft, in der ich mit meinen Eltern lebe, nehmen wir oft Gäste aus aller Herren Länder auf, die meinen Erfahrungshorizont enorm erweitert haben und es mir unmöglich machen, in fremden Menschen meine Feinde zu sehen.

Ich bin als Christ aufgewachsen und habe mich mit vierzehn Jahren entschieden, dass Jesus Christus meine einzige Autorität sein soll, woraufhin ich mich habe taufen lassen. In der gesamten Bibel wird von Gott als einem Gott der Befreiung, der auf der Seite der Armen und Unterdrückten steht, erzählt; einem Gott, der die rebellische Menschheit, die meint, selbst herrschen zu können und dabei sich selbst ermordet, trotz allem liebt und sich bemüht sie zurück zu gewinnen.

Im Neuen Testament wagt Gott den ultimativen Schritt, wird selbst Mensch und liefert sich unserer Gewalt aus, er, unser Schöpfer. Die Berichte von Jesu Leben sollten Christen ein Beispiel sein, wie sie leben sollen, am deutlichsten wird dies in der Bergpredigt (Matthäus 5-7), in der Jesus die Ausgegrenzten und Schwachen selig preist, und das Gesetz, das Mose von Gott erhalten hatte, zu Ende denkt.

Heißt es dort: „Du sollst nicht töten“ (2.Mose,20,13) – was für eine Kriegsdienstverweigerung schon ausreichen würde – so sagt Jesus „Selig sind die Friedensstifter, denn sie werden Gottes Kinder heißen“ (Matthäus, 5,9) und „Liebet eure Feinde“ (Matthäus, 6, 44) – was mir die Grundausbildung, in der die Befähigung zum Mord zentral ist, unmöglich macht.

Des Weiteren glaube ich, dass Gott der einzige Herr über Leben und Tod ist und selbst die Gewalt am Kreuz bezwungen hat. Somit kann ich dem Ruf zu den Waffen nur mit Ablehnung begegnen; stattdessen will ich versuchen, mich in Konflikten auf der ganzen Welt gewaltfrei auf die Seite der Ohnmächtigen zu stellen und mit meiner Liebe, die nur ein schwacher Abglanz der Liebe Gottes ist, Tätern und Opfern zu helfen versuchen, in eine gute Beziehung zurückzukehren.

Mit Schrecken stelle ich fest, dass die Bundesrepublik Deutschland, die 1949 unter dem Eindruck der Gräueltaten der Shoa und des verbrecherischen zweiten Weltkriegs gegründet wurde, und „Nie wieder Krieg“ gelobte, diesen Vorsatz über den NATO-Doppelpakt, die Wiedereinsetzung der Bundeswehr, samt Wehrpflicht, den Einsatz im Kosovo und nun in Einsätzen in aller Welt, ob am Horn von Afrika oder in Afghanistan, komplett fallengelassen hat, und namhafte Politiker wieder Angst machen vor Pazifisten und offen über das Erreichen wirtschaftspolitischer Ziele durch Militäreinsätze sprechen.

Ich muss vielleicht gar nicht mehr verweigern, da die Wehrpflicht bald ausgesetzt wird und die Bundeswehr damit eine Berufsarmee wird, die losgelöst vom Volk, schlagkräftig und effizient in aller Welt in umgangssprachlichen Kriegen umgangssprachlich töten und sterben kann. Dennoch will ich verweigern, da ich somit meine grundsätzliche Ablehnung des Militärs ausdrücke und gegen eine plötzliche Wiedereinführung der Wehrpflicht gewappnet bin.

Mit den Worten Martin von Tours, des Patrons der Soldaten und Kriegsdienstverweigerer: „Ich kann nicht für den Kaiser kämpfen, denn ich bin ein Soldat Christi.“

Zahnbürstenrevolution

Heute war ich beim Kieferorthopäden und habe eine Zahnbürste geschenkt gekriegt. Ich fand das ziemlich seltsam und dachte während die Kieferorthopädin mit ihren Fingern in meinem Mund war über Zahnbürsten nach – hauptsächlich um mich davon abzulenken, dass es ebenso seltsam ist, dass diese Frau, zugegebenermaßen mit großer Sorgfalt, in meinem Mund Metallstücke befestigt.
Als ich so dalag, auf diesem bequemen Zahnarztstuhl, kroch mir ein Ohrwurm in den Gehörgang und er hat mich seitdem nicht mehr losgelassen: Kennt ihr die Geschichte vom kleinen Johnny? – ein Lied das ich früher immer mit meinem Vater gesungen habe.
Es geht um den kleinen Johnny, dem Martin Luther King sagt er soll beim protestieren seine Zahnbürste dabei haben, denn wenn man ins Gefängnis kommt, muss man alles abgeben außer seiner Zahnbürste und deshalb ist die Zahnbürste ein Zeichen, das man bereit ist ins Gefängnis zu gehen.
Der Refrain geht mir nicht mehr aus dem Kopf:
„Hast du deine Zahnbürste dabei? Du wirst sie noch gebrauchen. Man sperrt heut noch viele Menschen ein, die gegen Unrecht sind.“

Mich haben zwei Sachen überrascht: Auf der einen Seite, dass ich mich überhaupt daran erinnere, weil ich nur ganz wenige Erinnerung aus meiner Kindheit habe, aber was mich viel mehr erstaunt hat, war radikale Botschaft, die dieses Lied hat:
Setz‘ dich für Gerechtigkeit ein und sei bereit dafür in den Knast zu gehen.
Für ein Kinderlied (und auch für ein Lied allgemein) ziemlich krass.
Im Endeffekt ist das Lied eine Neuformulierung dessen, was Jesus in Mk 8:34 sagt: (Lutherübersetzung): „Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“
Im römischen Reich mussten politische Umstürzler, die zum Kreuzestod verurteilt wurden, ihr Kreuz meist selbst bis zum Hinrichtungsort tragen. Sein Kreuz auf sich nehmen, dass heißt nicht irgendeine Bürde auf sich nehmen, wie zumindest ich früher immer angenommen habe. Es heißt nicht, nimm diese Gebote auf dich und dann kommst du in den Himmel. Darum geht es hier gar nicht. Es ist bloß meine seltsame Lesart, von der ich nicht weiß, wer sie mir beigebracht hat, wenn es um Glauben geht immer, gleich an den Himmel zu denken.
Es geht darum revolutionär zu leben, sonst bräuchte man kein Kreuz, sich der unausweichlichen Reaktion des Systems dann aber nicht zu entziehen, sondern sogar sein eigenes Kreuz mit zu bringen. Zu sagen: „Tötet mich doch, dieser Kampf war es wert. Ihr könnt nur meinen Körper töten, doch mein Zeichen wird mich überdauern und ich werde in Gottes Reich leben, dem ihr euch weigert unterzuordnen.“ – Ok, hier hat es doch wieder was mit dem Himmel zu tun…
Für mich ist es jeden Tag neu ein Kampf mein Kreuz oder wahlweise meine Zahnbürste auf mich zu nehmen, ein Kampf, den ich oft aufgebe, bevor er begonnen hat. Auch wenn, oder gerade weil, es sich gut anfühlt den Staat und die Schule zu kritisieren und in der Schule der radikale Typ zu sein, den alle nur Dschiises nennen und der sich jedes Mal neu darüber aufregt und zu jeder Meinung eine Gegenposition bezieht, sind meine radikalen Aktivitäten an diesem Punkt zu Ende – bis auf das gelegentliche Übersetzen für CPT Deutschland, oder MCN…

Das Lied formuliert diese Aussagen in einer Art, die Kinder verstehen können, aber es vereinfacht das Thema nicht. Es wird vielleicht sogar krasser, weil es Kinder verstehen können. Ich würde das Lied gerne mal im Kindergottesdienst singen, aber ich habe das Gefühl noch nicht würdig dafür zu sein. Ich muss erst noch eine lange Zeit meine Zahnbürste mit mir herumtragen.