Video: Ein Siedler hilft palästinensischen Nachbarn, Baugenehmigungen zu kriegen

Da ich in den letzten Artikeln stark auf das Problem, das Siedler für einen Frieden in Palästina/Israel darstellen, eingegangen bin, will ich euch dieses Video nicht vorenthalten, in dem ein Siedler sich für seine Nachbarn einsetzt, um ihnen die sonst nicht bewilligten Baugenehmigungen zu beschaffen, und damit gewöhnliche Anständigkeit beweist, die mir Hoffnung gibt.

Nur um klarzustellen: Dieser Siedler ist in meiner Erfahrung überhaupt nicht repräsentativ für die Gruppe der Siedler. Aber genauso wenig sind die gewalttätigen Siedler aus Hebron repräsentativ. Viele Siedler wohnen in Siedlungen, weil es dort billiger ist, und ja, viele fühlen sich auch mit dem Land verbunden und würden nicht für Geld umziehen. Und natürlich verfügen sie über unverdiente Privilegien, aufgrund der militärischen Besatzung durch Israel. Auch Herr Cohen wird privilegiert behandelt.

Aber, er versucht seinen Nachbarn auch diese Behandlung zukommen zu lassen, und aus Privilegien für manche zu Rechten für alle zu machen – und deswegen gibt er mir Hoffnung.

Das ändert nichts daran, dass Siedlungen größtenteils auf gestohlenem privaten palästinensischen Land gebaut sind, sich von ihrer Umgebung abschotten und oft wenig zum Frieden beitragen, aber es zeigt, dass es nicht so sein muss.

Dass sie nicht vertrieben werden müssen, um „Frieden“ zu schaffen. Sondern, dass vielleicht gerade die Siedler eine entscheidende Rolle spielen werden, um einen gerechten Frieden zu schaffen.

Bloß zwei Fälle von rassistisch motivierter Gewalt gegen Palästinenser an einem Tag

Kaum bin ich wieder zurück, passieren einige schlimme Dinge an den Orten, die ich regelmäßig passierte.

Am Freitag hat ein Mob jüdischer Jugendlicher in Westjerusalem drei palästinensische Jugendliche zusammengeschlagen. Hier die Worte einer Augenzeugin:

Es ist spät am Abend und ich kann nicht schlafen. Meine Augen sind seit einigen Stunden voller Tränen und mein Magen dreht sich während ich denke, dass wir die Menschlichkeit verloren haben, das Angesicht Gottes in der Menschheit, und ich kann diesen Verlust nicht akzeptieren. Aber heute habe ich mit meinen eigenen Augen eine Lynchung gesehen, auf dem Zionplatz, im Zentrum Jerusalems. Ich kam mit den anderen Leuten von „Elem“ (Einer NGO die mit Risikokindern arbeitet) zum Zionsplatz, wie wir es immer zu dieser Uhrzeit tun, und knapp eine halbe Stunde später hörte ich wie Leute riefen „Ein Jude ist eine gute Seele, und ein Araber ist ein Hurensohn.“ und dutzende (!!) Jugendliche auf drei arabische Jugendliche, die ruhig auf der Ben Yehuda Straße liefen,  zurannten und sie anfingen zu Tode zu prügeln.

Als einer der Palästinenser zu Boden fiel, prügelten die Jugendlichen weiter auf seinen Kopf ein, er verlor das Bewusstsein, seine Augen rollten, sein Kopf lag schräg und begann zu zucken, und dann flohen die, die ihn gekickt hatten und die anderen bildeten einen Kreis [um die Palästinenser], und einige schrien immer noch mit Hass in ihren Augen…

 

Als zwei unserer Freiwilligen in den Kreis gingen und versuchten, ihn wiederzubeleben, sagten die Jugendlichen aufgebracht, dass wir einen Araber wiederbeleben würden, und als sie in unsere Nähe kamen und sahen, dass die anderen Freiwilligen alle geschockt waren, fragten sie warum wir so geschockt wären, „Er ist ein Araber“.

 

Als wir später wieder an die Stelle zurückkamen, war sie als Mordschauplatz markiert, und die Polizei war vor Ort mit einem Cousin des Opfers, der versuchte das Vorgefallene nachzuspielen, es standen auch zwei Jugendliche da, die nicht verstanden, warum wir dem Cousin des Opfers eine Flasche Wasser geben wollte, „Er ist ein Araber, die müssen doch nicht hier im Stadtzentrum rumlaufen, und sie verdienen das, so werden sie endlich Angst vor uns haben.“

15-18 jährige Kinder bringen ein Kind ihres eigenen Alters mit ihren eigenen Händen um. Mit ihren eigenen Händen. Kinder, deren Herzen unbewegt waren, als sie einen Jungen ihres eigenen Alters erschlugen, der sich auf dem Boden krümmte. Das Bild steht mir noch vor den Augen und ich kann ihre Stimmen immer noch hören und das Gefühl der Hilflosigkeit spüren, und die Frage: Was ist mit uns geschehen und was geschieht mit unseren Kindern? Und das Wichtigste: Können wir es noch ändern und wie?

 

Der junge Palästinenser ist immer noch in kritischem Zustand, während mittlerweile ein Jugendlicher im Zusammenhang mit dem Lynchmob verhaftet wurde. Nachdem es Spekulationen gab, die Palästinenser hätten die Jugendlichen in irgendeiner Form provoziert, oder angefangen hätten, lies die Zeugen verlauten:

“Ich sah mit meinen eigenen Augen, dass sie niemanden angriffen und hörte mit meinen eigenen Ohren, wie die Jugendlichen sagten sie suchten einen Araber zum Verprügeln”

 

Außerdem wurde ein palästinensisches Taxi auf dem Weg von Hebron nach Bethlehem ganz in der Nähe unserer Kreuzung von Siedler mit Molotovcocktails beworfen. Die Insassen, eine Familie aus Nahalin, dem Dorf neben Zelt der Völker, erlitt Brandwunden ersten bis dritten Grades. Sie wird in einem israelischen Krankenhaus behandelt.

Premierminister Netanyahu hat diesen Anschlag persönlich in einem Brief an Abbas verurteilt, wo er bei früheren Vorfällen von rassistisch motivierten Siedlerangriffen auf Palästinensische Leben und Besitz nur eine verurteilende Stellungnahme veröffentlichte, oder sie gar nicht kommentierte. Der Vizepremierminister nannte es immerhin einen „Terroranschlag“ Die Polizei ist auch zu der Siedlung aus der die Täter mutmaßlich kamen gefahren und hat den Jugendlichen gesagt, dass sie „beobachtet werden“. Wirklich harte Konsequenzen, die da gezogen werden für einen potentiell tödlichen Angriff, der sechs Menschen immerhin ins Krankenhaus gebracht hat.

Nur mal zum Vergleich, will ich darstellen, was mit einem palästinensischen Kind (Person unter 18 Jahren) passieren würde, die dasselbe getan hätte:

Innerhalb weniger Stunden wäre die Armee in das Dorf gekommen, und hätte zahllose Häuser umstellt und gestürmt. Durch ein Netzwerk an Informanten wüsste die Armee sofort, wer verantwortlich ist. Alle Personen, die auch nur irgendwie mit dem Verbrechen in Verbindung stünden, würden verhaftet, auf dem Weg ins Gefängnis höchstwahrscheinlich misshandelt, und im Gefängnis Praktiken wie Schlafentzug und Lärmbeschallung ausgesetzt, die international als Folter klassifiziert sind. Das Wohnhaus der Täter würde abgerissen, kein Mitglied der Familie erhielte mehr Arbeitsgenehmigungen für Israel, oder illegale Siedlungen, die die Haupteinkommensquelle der palästinensischen Bevölkerung darstellen.

Israelische Jugendliche werden verwarnt.

Und ich werde als Antisemit bezeichnet, wenn ich sage, dass ist Apartheid, zwei verschiedene Rechtssysteme und Anwendung für verschiedene Personengruppen im selben Territorium.

Was das wirkliche gruselige an diesen Ereignissen ist, ist dass sie weder Einzelfälle sind, noch von (nur verrückten) Einzelgängern begangen werden. Die Siedlerbewegung hat seit einigen Jahren die Praxis der „Preiszettel“ (price tag) entwickelt, was bedeutet, dass für jede vom israelischen Militär durchgeführte Räumung einer illegalen Siedlung, oder die Androhung einer solchen Operation, palästinensischer Besitz zerstört wird. Dies reichte bis jetzt von der Zerstörung von Olivenhainen bis zur Brandstiftung einer Moschee.

Wie auch in anderen Gesellschaften werden solche extremen Fälle von rassistisch motivierter Gewalt öffentlich verurteilt und es wird schnell versucht, die Täter als „extrem“, „geisteskrank“, oder „Einzeltäter“ darzustellen. Eine andere Taktik ist es, den Vorfällen keine große Presse zu geben. Während die meisten israelischen Zeitungen beispielsweise über den Lynchmob berichteten, setzte es nur die linksgerichtete Haaretz auf die Titelseite, während die Jerusalem Post auch noch die klar einseitige Gewalt als „Schlägerei zwischen arabischen und jüdischen Jugendlichen“ bezeichnet.

Meine persönliche Erfahrung ist, dass es in Israel in vielen Kreisen erlaubt ist, sehr rassistische Dinge über Palästinenser zu sagen. Rassistisch motivierte Gewalt ist kein Einzelfall in Israel und in den besetzten Gebieten ist sie komplett institutionalisiert, was der wahre Grund ist, warum nur „extreme“ Siedlergruppen selbst zu Gewalt greifen. Die Menschen, die sich gegen Rassismus und für ein friedliches Zusammenleben mit gleichen Rechten einsetzen sind leider sehr wenige.

Natürlich ist auch unter Palästinensern offener Rassismus gegenüber Juden nicht selten, und die Stimmen, die ihn verdammen sind viel zu wenige, der Punkt auf den ich aber hinaus will, ist dieser:

Durch die vollendete Institutionalisierung des Rassismus in Israel und das groteske Machtungleichgewicht zwischen dem Staat Israel, mit seinen Militärsubventionen aus den USA und den Palästinensern, die dank des Friedensprozess nun auch noch einen von westlichen Geldern finanzierten „Polizei-Nichtstaat“ in Form der palästinensischen Autonomiebehörde gegen sich haben, täglich unter Besatzung leben und mehr und mehr Land an Siedlungen und junge Männer an die israelischen Gefängnisse verlieren, haben israelische Rassisten kaum etwas zu befürchten, wenn sie ihre Ansichten in die Tat umsetzen, während ein palästinensisches Kind ins Gefängnis kommt für die Anschuldigung einen Stein zu schmeißen.

Dieses Ungleichgewicht wird durch das desinteressierte Schweigen der westlichen Medien und die fortlaufende finanzielle und moralische Unterstützung Israels durch westliche Staaten, trotz leiser Proteste, nur befördert.

In diesem Klima des institutionalisierten Rassismus, Bewaffnung und weitgehender Straffreiheit der Siedler, zusammen mit täglicher scharfer Repression des legitimen palästinensischen Widerstands, sind solche widerlichen Akte rassistischer Gewalt kein Wunder und das eigentliche Wunder ist die weitgehende Friedfertigkeit der palästinensischen Bevölkerung.

Nachtrag: Sarah Thompson, die während meiner Zeit ein Jahr bei Sabeel arbeitete und im „Verwaltungsrat“ von Christian Peacemaker Teams sitzt hat eine Email rumgeschickt in der sie schreibt:

Nachdem ich ein Jahr in Ostjerusalem gelebt habe, glaube ich, dass in der zur Zeit derart politisch angespannten Situation und den Dynamiken in den jugendlichen Subkulturen in Israel/Palästina, Vorfälle wie die „Jerusalem Lynchung“ die in dem [Haaretz] Artikel [der in der Mail verlinkt war] beschrieben werden, öfter passieren würden, wenn die Christlichen Friedensstifter Teams (CPT) und andere Beobachtungsgruppen nicht in der Region wären. Eine Spende für CPTs Arbeit ist eine wertvolle und sinnvolle Reaktion auf dieses schreckliche Ereignis. CPTs unbewaffnete Präsenz verringt die tödliche Gewalt, sodass Friedensorganisationen und Gemeinschaften, die sich für gewaltfreien gesellschaftlichen Wandel einsetzen, mehr Zeit und Raum haben an den Graswurzeln hin zu einer gemeinsamen, und gesunden Zukunft zu arbeiten.

Wer sind diese Besucher?

Vorgestern hat die Olivenernte angefangen und wir erwarteten zusätzlich zu den üblichen Tourigruppen noch einige internationale Erntehelfer, weswegen ich mich nicht wunderte, als ich eine Gruppe mit großen Wanderrucksäcken und einem insgesamt sehr touristischem Aussehen von weitem sah.
Ich war beschäftigt, hörte mit meinem MP3-Player Musik und war mir sicher, dass sich jemand anderes darum kümmern würde. Wenn es die neuen Freiwilligen waren, würde ich mich später noch vorstellen können.
Später stand ich gerade bei der Animalfarm und sah wie sich einer von ihnen über den Zaun, der das Freiwilligenareal umgibt, lehnte. Er sah aus, als suchte er die Toilette. Ich rief: „Can I help you?“ und kam auf ihn zu, aber da sah ich, dass Daher mit der Tourigruppe, die er gerade führte, auf ihn zu kam. Ich wandte mich also wieder meinen Aufgaben zu und steckte die Stöpsel wieder in die Ohren.

Ein wenig später stand die von Daher geführte Truppe ein wenig verloren ohne Daher vor dem Freiwilligenareal, die Leute mit den Wanderrucksäcken waren nicht zu sehen und die anderen (mir bekannten) Freiwilligen standen aufgeregt beieinander und diskutierten. Ich stellte mich dazu und erfuhr, dass die „neuen Freiwilligen“ gar keine Freiwilligen und auch keine Touris waren, sondern Juden (sie trugen Kippas),

  • die einen mit Maschinengewehr bewaffneten Führer hatten (was mir nie aufgefallen war, da ich nicht wirklich hingesehen hatte),
  • auf unser Gelände gekommen waren ohne das Tor zu benutzen – ein Stacheldrahtzaun mit 10x20cm großen Löchern begrenzt das ganze Gelände, es ist ziemlich klar, dass das ganze hier ein Privatgrundstück ist
  • kein Wort mit uns sprachen, außer das der Führer (der mit der M16) einen anderen Freiwilligen fragte, ob er das Pferd reiten dürfe (!)

Daher bat sie höflich, aber sehr bestimmt das Gelände zu verlassen und konnte aber auch nicht herausfinden, woher sie eigentlich kamen.

Im Moment kursieren unter uns zwei Theorien über die Herkunft der Besucher:

  1. es waren Siedler, die sich als Wanderer verkleidet haben, um nicht aufzufallen. Sie wollten uns Angst einjagen (ist gelungen) und ihren Anspruch auf das Land bestärken.
  2. es waren jüdische Wanderer auf dem Patriachs‘ Way, einem Wanderweg zwischen Hebron und Jerusalem. Sie fühlten sich in dem ihnen von Gott versprochenen Land nicht sicher und hatten deswegen einen schwer bewaffneten Führer dabei. Weil sie sich so unsicher fühlten, beschlossen sie auf ein Privatgrundstück einzudringen und nicht mit den Bewohnern und dem Eigentümer zu reden.

Ich selbst tendiere zur zweiten Version, weil ich nicht glaube, dass die Siedler sich verkleiden würden und diese absurde Anekdote genau zu den anderen seltsamen Sachen passt, die ich hier schon erlebt habe.

Es ist schade, dass sie nicht unbewaffnet gekommen sind und an der Tür um Eintritt gebeten haben. Dahers Maxime zu Gastfreundschaft lautet nämlich: „You leave guns outside, you welcome to drink tea here.“

Zweimal trampen, zwei Welten (Teil 1)

Sonntag morgen wollten wir zu dritt zum Gottesdienst in der Erlöserkirche in Jerusalem und waren, wie dass so ist, wenn drei Leute zusammen irgendwohin wollen, zu spät aufgebrochen. Weil man die Dauer der Fahrt nach Jerusalem kaum einschätzen kann, aber sicherheitshalber 90 Minuten einplanen sollte (für eine Strecke von knapp 20 Kilometern!) entschied ich für uns, dass wir trampen sollten. Also zeige ich mit dem Finger auf die Straße (so macht man das hier) und das erste Auto hält an.

Eine junge Frau mit Kind. Gelbes Nummernschild und sie kommt aus unserer Richtung, das heißt sie kommt aus Newe Daniel und ist eine Siedlerin.

Was soll’s, das heißt, für sie gibt es keinen Checkpoint und wir kommen schnell nach Jerusalem rein, weil wir auch nicht in Bethlehem umsteigen müssen. Wir steigen also ein und sitzen in ihrem Auto.

Normalerweise beginnt man jetzt ein Gespräch, aber über was rede ich mit ihr? Ich will ja in dem Auto sitzen bleiben und nicht gleich wieder rausfliegen. Man kann ja mal fragen, wo sie eigentlich hinfährt in Jerusalem. Nicht in die Altstadt. Mist, wir müssen also den Rest laufen. Wenigstens habe ich mal was gefragt.

Längeres Schweigen.

Sie fragt: „Was macht ihr hier?“
– Ja, hmm, was machen wir hier eigentlich? „Reisen“, antworte ich. (Immer eine sichere Antwort)
„Und wie gefällt euch das Land?“
– „Ein schönes Land, nur schade, dass die Leute nicht wirklich gut zusammenleben können.“ (Die unprovokativste Antwort, die mir einfällt).
„Habt ihr Europa nicht dasselbe Problem mit den Moslems?“
– „Eigentlich nicht“
„Werdet ihr aber bald haben, die kriegen nämlich so viele Kinder.“
-„Aha.“ (Kriegen das nicht auch die Orthodoxen?)
Sie zeigt auf die Apartheidsmauer, an der wir vorbeifahren.
„Die Mauer gibt es, weil sie sonst auf uns schießen.
Sie wollen keinen Frieden. Wir können nicht nach Bethlehem,
aber sie können hin, wo sie wollen“ (Da hab ich aber was anderes gehört)
-„Fühlen Sie sich bedroht durch die Palästinenser?“
„Ja, natürlich, letztens hat mich einer überholt und ich hatte Panik.
Wer weiß, ob der ein Terrorist ist und mich plötzlich rammt?“
-„Letzte Nacht habe ich auf einem der Hügel neben Newe Daniel geschlafen…“
„Ah, in Beitar Ilit?.“
-„Nein.“
„Rosh Tsurim?“
-„Nein. Bei einer christlich-palästinensischen Familie, direkt auf dem
Hügel neben Newe Daniel. Sie wollen Frieden und sind traurig, dass die
Leute aus Newe Daniel sie nie einfach so besuchen.“ (Also, ohne Waffen
 und ohne,dass sie was kaputt machen)
„Ah, die Christen sind anders.“ (Aha, und warum wird ihnen dann das
Leben genauso schwer gemacht?)

Die Fahrt ist zu Ende. Wir verabschieden uns höflich von ihr und kommen noch rechtzeitig zur Kirche.

Teil zwei folgt.

Siedlerangriff?

Vorgestern ist hier etwas sehr seltsames passiert, das mir einige interessante Dinge über die Lage hier offenbart hat. Leider war ich nicht selbst dabei und kann euch die Geschichte nur weitererzählen, wie ich sie gehört habe, aber es ist wirklich so passiert:

Zwei weibliche Freiwillige pflückten am Rand des Grundstücks seltsame Zwergäpfel als sie einen Mann mit einem Esel sahen, der auf den Olivenbäumen des Nachbarn herumsprang, an ihnen zerrte und sein Bestes gab, sie zu zerstören. Bei genauerem Hinsehen erkannten sie, dass sein Gesicht grün angemalt war.

Sie riefen ihm zu er solle aufhören und kamen auf ihn zu. Plötzlich hatte er einen Stein in der Hand rief: „What?! What do you want?“ Und dann noch einiges auf arabisch.Nach einer Weile ging er aber weg.

Sie riefen Daher, meinen Chef, und ich musste die Pferde von der Weide holen, damit sie nicht geklaut werden können.

Zum Verständnis der Situation sollte man noch wissen, dass es schon mehrmals vorgekommen ist, dass Siedler hier bei uns und in der ganzen Westbank Olivenbäume zerstört haben, die für viele palästinensische Familien die wirtschaftliche Grundlage sind und teilweise hunderte Jahre alt sind.

Als wir also beim Mittagessen und die Geschichte erzählt wird, lautet sie schon so: „Ein Siedler hat Olivenbäume zerstört. Das Gesicht hat er sich grün angemalt, um nicht erkannt zu werden, und das Arabisch war wahrscheinlich hebräisch (kann ja eh keiner unterscheiden), oder schon arabisch, aber Schimpfwörter.

Später kommt der Mann wieder (ohne Esel) und beschuldigt uns, wir hätten seinen Esel geklaut. Daher wird gerufen und unterhält sich auf arabisch mit dem Mann (erstaunlich für einen Siedler so gut arabisch zu können). Er macht ihm klar, dass wir den Esel nicht haben und ruft den Besitzer des Nachbargrundstücks an, um ihn zu informieren, was bei ihm eigentlich los ist.

Der Besitzer klärt uns auf. Der Mann ist Palästinenser und der Exmann der Tochter des Nachbarn. Er war anscheinend wütend auf die Familie seiner Exfrau und hat das ganze deswegen gemacht.

Keine Politik, nur eine Familientragödie.

Ich frage mich, wie oft das hier so ist. Das etwas wegen der Besatzung sofort als politisch motiviert verstanden werden. Im März wurde eine Siedlerfamilie in ihrem Haus ermordet. Wahrscheinlich war es ein Palästinenser, aber palästinensische Medien berichteten, es wäre ein Thailänder gewesen, der für die Familie gearbeitet hat und dem sie noch einiges Geld schuldete.

Egal, wer es war, niemand hat sich zu der Tat bekannt, warum ist es also so sicher, dass es eine politische Motivation war? In anderen Ländern bringen sich Leute auch grausam um und da sind es nur Verrückte, hier sind es alles gleich politisch motivierte Leute.

Ich will nicht behaupten, dass alle Siedlerangriffe und Terroranschläge nur die Taten von Geisteskranken sind. Sie haben klare politische Ziele, und der Konflikt gibt gerade gewaltbereiten Menschen eine Rechtfertigung für ihr Verhalten. Psychisch gestörte Menschen werden durch den Hassdiskurs auch instrumentalisiert, wie zum Beispiel in diesem Fall die Al Quds Brigade gesagt hat, sie wären es zwar nicht gewesen, aber es wäre trotzdem richtig.

Vielleicht gibt es hier in Palästina und Israel auch ganz viel Normalität, die trotz des Konflikts existiert und vom Konflikt beeinflusst wird.