Mein irisches Tagebuch

Es ist jetzt schon zwei Wochen her, das ich heimgekehrt bin, aber jetzt komme ich endlich dazu euch einige der unzähligen Höhepunkte (es war fast ein Höhepunktgebirge) meiner Studienfahrt, die ursprünglich nur Nordirland beinhalten sollte, zu berichten.

Montag, 12.4., 6:00Uhr, Bammental: Ich muss aufstehen, und bin obwohl ich meinen Koffer schon vorher gepackt habe, bin ich zu spät. Kommen trotzdem pünktlich in Heidelberg an, ein Bus fährt uns nach Frankfurt, nicht ohne dass zuvor der erst von vielen Sprüchen wie: „Benni, ist das dein Koffer, der da noch am Straßenrand steht?“ geäußert wurde. Da ich meinen Palästinenserschal vorsorglich im Koffer verstaut hatte und mein Name scheinbar noch nicht auf der „terrorverdächtig, weil mal Arabischschüler“-Liste steht, darf ich einchecken. Der Flug ist ruhig, im Dubliner Flughafen, bekomme ich auf Nachfrage einen Einreisestempel, leider ohne Wappen… Wir bekommen eine Touristeninfo über Nordirland ausgeteilt, in der viel über Belfast und das Land steht, die Troubles aber mit keinem Wort erwähnt werden – es fühlt sich seltsam an. Noch ein Bus, der uns nach Belfast fährt, der Linksverkehr irritiert mich, was noch den Rest der Studienfahrt so bleiben wird. Ankunft in Paddy’s Palace, einem zurecht billigen Hostel, sichere mir ein Hochbett, um mir nicht den Kopf anzustoßen. Der Rest des Tages ist gefüllt mit einem Stadtspaziergang und einem Pubbesuch.

Das erste Guinness ist magenbeunruhigend schwer, schließlich darf man ein Guinness erst trinken, wenn man ihn den Schaum sein Gesicht malen kann. Die Liveband im Robinson’s infiziert mich mit dem Ohrwurm der Studienfahrt: 500 miles.

Dienstag, 13.5., 8:00 Uhr (eigentlich 9:00 Uhr in Deutschland): Spätes Aufstehen – zwei Daumen hoch. Nach dem Frühstück machen wir eine Busrundfahrt und steigen an verschiedenen Plätzen aus, um die wundervollen Vorträge der anderen Studienfahrtteilnehmer anzuhören, die (teilweise)  komplett aus Wikipedia kopiert eigenständig vorbereitet waren. Während der Rundfahrt kommen wir das erste Mal durch die Belfaster Viertel, die eine weltweite traurige Berühmtheit durch die Troubles, wie die Zeit der Kämpfe zwischen loyalistischen (Leuten, die weiterhin mit Großbritannien verbunden sein wollten) und republikanischen (denjenigen, die zum Rest von Irland gehören wollten) paramilitärischen Gruppen und zeitweise der britischen Armee in den 1970ern bis 1998 genannt wird, erlangten.

Es war faszinierend und beängstigend zugleich, durch die Straßen zu fahren, wo noch vor wenig mehr als einem Jahrzehnt, Bürgerkriegsstimmung und gleichzeitig „Normalität“ herrschte. Noch krasser war, dass man im Stadtkern, gar nichts von der Auseinandersetzung sah, dort gab es noch nicht mal Wahlplakate der Sinn Fein oder der Unionisten (gemäßigte Loyalisten); nur Plakate des nordirischen FDP-Äquivalent, nach Aussage eines Busfahrers: „Those people only get voted by doctors and they’re are just nonsense“ – Ist es nicht überall das Gleiche?

Das zweite Guinness wird schon besser…

Mittwoch, 14.4: Heute kriegen wir eine Führung durch Falls Street, dem katholischen Arbeiterviertel Belfasts, von Seamus, der zehn Jahre für die Unabhängigkeit als IRA-Mitglied im Gefängnis saß und heute für eine von der EU-finanzierte Organisation namens Coisture arbeitet. Er erzählt mitreißend von der Unterdrückung, die die Katholiken hier in Falls und ganz Nordirland erlitten, vom Beginn der Troubles, von der „Vergewaltigung der Falls“, als die Armee das Viertel nach Waffen durchsuchte, von den Hungerstreiks, bei denen sich IRA-Aktivisten im Gefängnis zu Tode hungerten, um als politische Gefangene anerkannt zu werden, vom Towel und Dirty Strike, bei dem sie sich weigerten Sträflingsuniformen zu tragen, sich in Laken wickelten und sich nicht mehr wuschen, er rechtfertigt den gewaltsamen Widerstand gegen die britische Unterdrückung und ich verstehe ihn, auch wenn ich weiterhin glaube, dass Gewalt keine Probleme löst, wie man in Falls sehen kann.

Am Übergang zur Shankill Road, dem protestantischen Arbeiterviertel, das von Falls durch meterhohe „peace lines getrennt ist, treffen wir unseren protestantischen Führer, der zehn Jahre für die Ulster Volunter Force im Gefängnis saß. Er und Seamus geben sich kurz die Hand, dann verschwindet Seamus so schnell er kann wieder nach Falls, ihm ist es immer noch deutlich unangenehm in Shankill zu sein. Unser neuer Führer redet viel davon, dass es ihnen ja auch nicht gut gegangen ist und wenn man die alten Häuser sieht, merkt man, dass hier schlicht und einfach zwei arme Schichten aufeinander gehetzt wurden. Davon, das Nordirland und Irland ja jetzt in der EU wären und man vorwärts sehen müsse. Er schafft es nicht uns seine Sicht der Dinge so nah wie Seamus zu bringen, dass ich seinen Namen vergessen habe, sagt auch schon genug aus.

Der Tag, reich an Eindrücken, endet mit einem von meinen Zimmergenossen gekochten Colcannon und dazu Guinness oder wahlweise Cider.

Donnerstag, 15.4.: Einen ganz Tag (fast) nichts politisches, sondern einfach nur die Landschaft genießen. Wir überqueren eine Brücke in schwindelerregender Höhe, sehen den Giant’s Causeway, eine einst von Riesen erbaute Landbrücke zwischen Schottland und Irland, die leider auch von Riesen zerstört wurde. Das Zertifikat fürs Überqueren der Brücke werde ich in meinen Lebenslauf einfügen und auch, dass ich im Atlantischen Ozean geschwommen bin, wodurch mein Herz den Rest des Tages seltsam schnell geschlagen hat. Die irische Landschaft ist unglaublich schön und es tut gut einen Tag lang ein einfacher Tourist zu sein und die ganzen politischen Zusammenhänge zu ignorieren.

Mittlerweile beschäftigen uns in der Gruppe auch ganz andere Dinge. Der Vulkan mit dem unaussprechlichen Namen ist ausgebrochen und wie es aussieht kommen wir nicht mehr nach Hause. Während wir Schüler sich freuen über die verlängerte Studienfahrt, versuchen unsere Lehrer herauszufinden, welche Möglichkeiten es gibt, doch noch irgendwie nach Hause zu kommen.

Guinness schmeckt mittlerweile richtig gut.

Freitag, 16.4: Der Bus fährt uns nach Stroke City – die Schrägstrich-Stadt. Dieser Name wurde von Journalisten geprägt, die den Vorwurf der Einseitigkeit umgehen wollten. Denn eigentlich heißt sie je nach politischer Gesinnung Derry oder Londonderry. Hier verschlossen einst die Apprentice Boys den katholischen Zurückeroberern das Stadttor, sodass Nordirland protestantisch blieb, und hier fand am 30. Januar 1972 ein gewaltfreier Bürgerrechtsmarsch sein blutiges Ende als britische Paratroopers, eine Art Elitesoldaten, das Feuer auf die Demonstranten eröffnete und 13 Menschen erschossen, die meisten davon in den Rücken, als sie gerade flüchteten.

Hier, im katholischen Arbeiterviertel, Bogside, treffen wir Bob Kelly, der hier schon sein ganzes Leben lang wohnt und als Kind und Jugendlicher die Troubles und Bloody Sunday erlebt hat. Er und zwei Freunde haben diese Erlebnisse in Gemälden verarbeitet, Gemälde, die auf Häuserwände gemalt wurden. Derry ist für diese Murals mittlerweile weltberühmt, aber Bob und seine Freunde kriegen keine Unterstützung von der Stadt oder von der Regierung nur von den Leuten von Bogside kriegen sie ein wenig Geld für die Farben. Die drei nennen sich die Bogside Artists und sind während der Sommermonate eigentlich immer in ihre Gallerie zu finden, die für alle offen ist.

Bob führt uns durch die Bogside und erzählt von Bloody Sunday, von den täglichen Kämpfen, die sich zwischen Polizei und republikanischen Jugendlichen entwickelten und so zur Regel wurden, dass man zur Teatime pausierte. Er erklärt die Geschichten der Bilder, die Farbwahl, die persönlichen Randnotizen.

Er erzählt, das jedes Haus in der Bogside mindestens zweimal durchsucht wurde, wobei alles zerschlagen wurde. Erzählt wie Freunde von ihm unbeteiligt am Konflikt waren, aber irgendwie zwischen die Fronten gerieten und dafür mit dem Leben bezahlten. Immer wieder deutet er auf Gesichter in den Bildern und erklärt, woher er diese Menschen kannte. Beim Bild Petrol Bomber erzählt er uns von den Kindern, die Molotowcocktails bauten und dachten, sie könnten sich mit kaputten Gasmasken aus dem Zweiten Weltkrieg vor dem Tränengas schützen, die die Wirkung in Wirklichkeit nur erhöht haben.

Dann erzählt er uns von Free Derry, dem Viertel, das die Armee nicht mehr wagte zu betreten, weil sich die Katholiken organisiert hatten und von der Frau, die sie organisiert hatte: Bernadette Devlin McAliskey, die daraufhin jüngstes Parlamentsmitglied in der Geschichte wurde. Heute setzt sie sich für Immigranten ein.  Der Tod der Unschuld, wahrscheinlich mein Lieblingsbild. Es hat einige Veränderungen durch gemacht, früher war der Schmetterling nicht ausgemalt, das Kreuz dunkler und das Gewehr (nicht gut zu erkennen) noch ganz. Durch den Friedensprozess haben die Künstler diese Dinge dann in den heutigen Stand verändert.

Bob inspirierte mich sehr, da er für mich ein Zeugnis ist, wie man um Erinnerung bemüht sein kann, die die geschichtliche Wahrheit der Unterdrückung und Ungerechtigkeit benennt, und trotzdem die Hand ausstreckt zur Versöhnung. Ganz anders ist da das Museum of Free Derry, das von einem Angehörigen eines der Opfer von Bloody Sunday geleitet wird und der Ungerechtigkeit gedenkt, aber jeder Hoffnungsschimmer erstickt in dem muffigen Gebäude in dem die ganze Zeit der Livemitschnitt von der Demonstration läuft, wie am Anfang gesungen wird, und die Stimmung plötzlich umschlägt…

Wir sprechen in unserer Zimmergemeinschaft über unsere Gedanken zur Führung und dem Museum. Meine Kamera funktioniert plötzlich nicht mehr.

Am Abend feiern wir unseren „letzten“ Abend mit den Lehrern – über eine halbe Stunde länger als ursprünglich erlaubt :D..

Samstag, 17.4.: Wir fahren mit dem Bus nach Dublin und singen Karaoke. Wir haben mit Glück ein Hostel einer anderen Studienfahrt, die im Gegensatz zu uns, die wir nicht von Irland runterkommen, nicht reinkommen, erhalten. Das ist sehr viel schöner als Paddy’s Palace, aber dafür verwinkelter (Treppe hoch, laufen, Treppe runter, Treppe hoch…) und teurer.

Meine Zimmergenossen und ich sehen uns Dublin an, das viel schöner, aber dafür langweiliger ist als Belfast. Der Lonely Planet ist unser Reiseführer.. Ob wir nach Hause kommen ist unsicher

Sonntag, 18.4.: Ich besuche mit einem Mädchen aus meinem Lateinkurs die lateinische Messe in der Dubliner Pro-Cathedral, die Stimmung ist so feierlich und der Weihrauch riecht gut. Der Chor singt wunderschön und wir verstehen die lateinischen Teile besser als die englischen. Mal ist der Luftraum offen, Mal nicht…

Montag, 19.4.: Wir entwerfen in Gruppen Stadtrallys und lösen dann die einer anderen Gruppe. Teilweise fehlen ganze Hinweise, aber irgendwie kriegen wir es doch hin und haben dazwischen riesig viel Spaß. Wir werden Dienstag unsere Odyssee nach Hause beginnen und feiern noch Mal unseren letzten Tag, jetzt aber wirklich.

Dienstag, 20.4.: Viel zu früh stehen wir auf und besteigen die erste Fähre nach Holyhead, Wales. Es gibt ein riesiges Gerangel bei der Ankunft bis wir endlich unser Gepäck haben. Dann durch Wales und England nach Hull, wo wir die Nachtfähre nach Zebrugge nehmen. Auf der Fähre erleben wir überteuertes Essen, räuberische Wechselkurse, Playback-Livekünstler, und Glück und Pech im Spiel. Wir werden in den Schlaf geschaukelt.

Mittwoch, 21.4.: Mein Frühstück fällt den Schwankungen auf hoher See zum Opfer, aber zum Glück gibt es an Bord ja ein Buffet. Als wir in Belgien ankommen fahren wir sofort mit dem Bus weiter und kommen abends endlich in Bammental an. Wobei wir von mir aus auch noch ein paar Wochen auf der grünen Insel hätten bleiben können…

Flashmob-Flashback

Meine erste selbstorganisierte „Demo“ lief für den kurzen Vorlauf von drei Tagen (einem Schultag und Wochenende) ganz gut.

Fast hundert Leute bildeten eine menschliche Uhr auf der es „fünf vor zwölf“ war gegen den Klimawandel etwas zu tun.

Die Bilder sind schon an Avaaz geschickt, auf der ganzen Welt gab es über 2200 Veranstaltungen!

Der politische Effekt bleibt abzuwarten, Spaß hat es auf jeden Fall gemacht.

fünf vor zwölf! Wecker!!!

Komm zum Flashmob!

Diesen Montag (21. September), werden weltweit Aktionen abgehalten, um Politiker im Vorfeld des Kopenhagener Gipfel*, am 7. Dezember 2009, aufzuwecken!

Auf der ganzen Welt werden Menschen sich in Flashmobs zusammen finden, auf ihren Handys den Wecker auslösen (man kann auch andere Geräte, die eine Weckfunktion haben mitbringen; z.B. echte Wecker aller Art), Fotos machen, die dann bei Avaaz gesammelt werden und beim G20 Gipfel, der am 23. anfängt, und dann in Kopenhagen vorgelegt werden.

WIR MACHEN AUCH MIT!

AM MONTAG, DEN 21.9. UM 1 UHR, VOR DEM GYMNASIUM BAMMENTAL!

BRINGT HANDYS, WECKER, TROMMELN UND ALLES ANDERE WAS KRACH MACHT MIT, UM DIE POLITIK WACHZURÜTTELN!

VOR DER BUNDESTAGSWAHL, VOR G20, VOR KOPENHAGEN. EIN WECKRUF AUS BAMMENTAL UND DEM REST DER WELT!

SCHÜTZT DAS KLIMA! SCHAFFT SO NEUE JOBS! SORGT FÜR GERECHTIGKEIT!

Hier anmelden, oder einfach so kommen…

*Bei diesem Gipfel soll das Kyotoprotokoll durch ein neues Klimaschutzprotokoll ersetzt werden.

Der Klimawandel betrifft uns alle und wenn wir nichts unternehmen, wird in Kopenhagen wieder einmal ein schön klingendes, unverbindliches Abkommen unterschrieben und alles geht weiter wie bisher.

DAS NEUE ABKOMMEN MUSS SEIN:

EHRGEIZIG: Damit unser Planet für uns alle erhalten bleibt.

GERECHT: Für die ärmsten Länder, die den Klimawandel nicht verursacht haben, jedoch am stärksten betroffen sind.

VERBINDLICH: Mit Emissionszielen, die rechtskräftig überwacht und durchgesetzt werden können.

(Wieder) eingeschult

Nach dreimonatiger Generalpause und gut acht Monaten ohne deutsche Schule, ging es heute wieder los und zwar wie in der ersten Klasse.

Die Kursstufe begann zunächst einmal mit einem halbstündigen Vortrag über Fehlen im Unterricht – was sagt das über die vermutete Einstellung der Schüler seitens der Lehrer aus?

Weitere Höhepunkte des Schultages waren:

– das ich meinen Seminarkurs nicht belegen kann, den anderen nicht mag und somit ins mündliche Abitur muss

– das wir (der Lateinkurs) in Sinsheim Latein haben; was eigentlich klar war und deshalb erstmal ein paar Freistunden hatten

– vor den Fenstern des Chemiesaals slacklinen, was alle Schüler ablenkte die Lehrkraft herzlich wenig störte

– pyromanische Vorstellungsrunde im Deutschunterricht

Die Oberstufe verspricht spannend zu werden und vor allem entspannt, da ich zweimal die Woche erst zur dritten Stunde zur Schule muss und immer lange Freistunden habe. Außerdem muss ich den 13.Klässlern noch das Passwort für den Oberstufencomputer entlocken!

Letztester Schultag

Am Mittwoch hatte ich meinen ersten und letzten Schultag in Deutschland für die nächsten sechs Wochen. Ich bekam sogar ein Zeugnis und seltsamerweise einen Buchpreis „als Anerkennung meiner Leistungen im vergangenen Schuljahr“ – ich nehme das als Honorar für Blogschreiben ohne Sinn und Ende.
Es war seltsam all die Klassenkameraden zu treffen, von ihren Erlebnissen in Berlin zu hören und ihnen beim Erzählen von Paraguay Tereré anzubieten – der größtenteils abgelehnt wurde.

Kritik der reinen Langeweile

Heute ging ich ein letztes Mal zu dem Ort, an dem ich in den letzten Monaten, die meiste meiner wachen – und ein wenig schlafende – Zeit verbracht habe: Centro Educativo Ñandejara.

Ich wollte einen Beweis für die dort verschwendete verbrachte Zeit in Form eines Dokumentes mit Unterschrift, Stempeln und wer weiß wenn ich Glück hätte auch wächsernen Siegeln.

Leider war sie noch damit beschäftigt, als ich kam, und so konnte ich ihr nur mein Abschiedsgeschenk geben: Die Kritik der reinen Langeweile. Lächelnd nahm sie diese entgegen und ich erklärte ihr die Anspielung auf Kant, um nicht von vornherein die Gunst zu verlieren.

Wir unterhielten uns dann noch ein bisschen über die Probleme an der Schule, was ich hier gelernt habe, meine Haare, und einen Streit, der in meiner Ex-Klasse tobt.

Meinen Beweis bekam ich aber nicht und so muss ich in der nächsten Zeit dann nochmal kommen, um das Kapitel Ñandejara zu schließen.

Schule aus!

Nach fast viermonatiger Tortur war gestern mein letzter Schultag.

Frisch geduscht und mit Kamera bewaffnet kam ich in Ñandejara an. Wie jeden Freitag versammelten sich die oberen Klassen zum Flaggen hissen und während wir warteten, bemerkte ich, dass ich die Batterien für die Kamera vergessen hatte. Während ich noch versuchte von Klassenkameraden einen Ersatz auszuleihen, bemerkte ich eine Klassenkameradin, die auf der Tribüne verschwörerisch mit einer Lehrerin tuschelte und dabei immer wieder zu mir schaute.

Wenig später wusste ich, was sie getuschelt hatten: Ich wurde nach vorne gerufen, sollte ein paar Worte sagen, was ich nutzte, um meinen Mitschülern die Schuld daran zu geben, dass ich nicht wie erwartet fröhlich über das Ende meiner Zeit in Ñandejara war, und schließlich beteten sie noch für mich und meine Reise.

Dann ging es in den fast normalen Unterrichtsalltag, aber jeder Lehrer wollte noch einige letzte Worte an mich richten. Den ganzen Tag über signierten Schüler und Lehrer meine Schuluniform, bis man keinen freien Platz mehr finden konnte, weshalb mein vierjähriger Gastbruder kurzer Hand in zehn Zentimeter großen Lettern über die anderen Unterschriften schrieb. Die Lösung eines Mitschülers sah dagegen so aus, einfach auf meinen Nacken und meine Arme auszuweichen…

Meine Klasse hatte eine Torte organisiert; aber bevor wir sie anschneiden durften, musste ich ein Bonbon, das hineingesteckt war, mit dem Hand herausfischen – angeblich eine paraguayische Tradition. Naiv, wie ich nun mal bin, tat ich wie mir geheißen und gerade als ich es versuchte drückte man meinen Kopf hinein, die ganze Nase versank in Tortenschaum.

Zum Glück hatte ich morgens noch die Nase gewaschen und so konnten wir denn Rest dann noch essen, wobei der massenhaft vorhandene Schaum viele Gesichter verzierte.

Um halb sechs war der Schultag schließlich zu Ende, wir machten ein Klassenfoto und nach einem kleinen Abenteuer war ich stolzer Besitzer von 140 an diesem Tag geschossenen Fotos.

Ich verabschiedete mich von allen und ließ mir Emailadressen geben, um wenigstens virtuell Kontakt halten zu können.

Es ist schon seltsam, da gehe ich jeden Tag zur Schule und werde vor Langeweile fast verrückt und doch bin ich ein wenig traurig nicht mehr dort hinzugehen.

Aber am Montag muss ich nochmal hin, wenn auch nicht in den Unterricht – ich muss meine Bescheinigung abholen, dass ich all die Zeit „regelmäßig die Schule besucht habe“.

Und jetzt habe ich 11 Wochen frei, unterbrochen nur vom ersten und letzten Schultag in der Klasse 11c.

Noch ein Wort an alle Neider: Selbst mit dieser langen freien Zeit hole ich nicht all die Ferienzeit und Feiertagszeit von euch ein, ganz zu schweigen von der Zeit, die ich mehr Unterricht hatte als ihr.

Und wozu geht man denn ins Ausland, wenn nicht um frei zu haben?!

Gebt mir die Zeit zurück!

Heute hat mir meine Schule sechs Stunden Lebenszeit geraubt.

Die ersten drei Schulstunden kam die Fachlehrerin nicht. Dann hatten wir eine Stunde Reliunterricht, was aus zwei Versen und einem Monolog über selbige bestand. Danach eine Stunde Bibliothek, was ein Synomym für „Wir wissen nicht, wie wir euch beschäfigen sollen, aber ihr müsst trotzdem in der Schule sein“ ist und schließlich drei Stunden Physik/Chemie, die so genutzt wurden, dass alle Hefte eingesammelt wurden und die Lehrerin sie alle begutachtete und unterschrieb – 120 Minuten lang!

Ich versuchte Gespräche zu führen, aber es gelang nicht. Ich wollte die Sekunden zählen, die vergingen, aber bei 124 gab ich auf. Ich versuchte es zu genießen, da ich mich lange nicht mehr so sehr langweilen werde können, aber ich konnte dem nichts Positives abgewinnen. Schlafen konnte ich nicht, weil es zu laut war und wachen wollte ich nicht, weil ich dann die schreckliche Wirklichkeit betrachten müsste:

Ich war der einzige Nichtfatalist im Raum und verzweifelte an meinem Schicksal.

Brrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr!!!

Es ist kalt geworden, hier in Paraguay. Es sind Temperaturen wie in Deutschland in einem milden Herbst. Hört sich ja gar nicht so schlimm an, Temperaturen von 10°C-15°C sind ja mit Pullover und vielleicht einer Jacke auszuhalten.

Denkste.

Nur gibt es in Paraguay keine isolierten Häuser, von Heizungen kann ich in bitterkalten Nächten träumen. Morgens gehe ich mit mindestens drei Kleidungsschichten zur Schule, sitze zitternd im Klassenzimmer – was die einzige Bewegung ist, um mich aufzuwärmen –  und meine Kollegen wundern sich, dass ich friere, wo ich doch aus dem hohen Norden komme.

Im hohen Norden ist jetzt Sommer und trotzdem haben sie manchmal Heizungen an!

Dummheit und Bosheit

„Dummheit ist ein gefährlicherer Feind des Guten als Bosheit.“ – Dietrich Bonhoeffer.

Da hat er Recht, der Dieter. Ich hoffe meinen Feind, den Lehrer, von dem ihr schon so viel gehört habt, weiter zu lieben, auch wenn er dumm, wie Bohnenstroh ist und aufgrund eben dieser Dummheit noch nicht mal merkt, wieviel Schaden er anrichtet.

Der ganze Text findet sich hier. Ich muss Bonhöffer aber natürlich bei der Stelle,

… es (das Böse) läßt sich notfalls mit Gewalt verhindern …

widersprechen. Den Gewalt ist ebenso nur das Mittel des Bösen, der es erkennt und dennoch tut, oder des Dummen, der es nicht erkennt, dass Gewalt böse ist.