It’s strange – A poem for MJ

It’s strange.
Since I heard about it Monday at noon,
from a friend who didn’t want
his friends to learn about it from social media,
I have been connecting with some other of his friends,
through social media, socializing these media,
by asking for numbers and calling people,
so we hear each others‘ voice
when I break the bad news.
Why does loss bring us together?

It’s strange,
The DRC government says
MJ has been kidnapped by “negative forces not yet identified”.
In his last report to the UN Security Council
kidnappings are mentioned 21 times.
It says most armed groups fundraise like this.
His group had found that
“certain members of the Congolese security forces had
also participated in kidnappings”.
War is messy like that.

It’s strange.
I don’t have many pictures.
Of MJ and me.
The only one’s I found, on social media,
are from his second to last time he was with us
in Bammental.
He said he needed a break from the DRC.
My dad probably has some.
And mom was always better at keeping in touch with MJ.

It’s strange.
I always knew that MJ was an important person in my life.
We called each other brothers.
He lived with us when I was a teenager,
and my hero.
He taught me how to play poker and Warcraft III,
and somewhere in between
to be humble and brave.
But our last facebook chat was August 2016.
when we had just missed another opportunity
to see each other.

It’s strange.
In Germany he was working with US soldiers wanting to get out
of the military that had ensnared them with empty promises
out of the senseless wars.
In the DRC he was working with Rwandan rebels wanting to get out
of the militia that had ensnared them with empty promises
out of the senseless wars.
One time, he jumped out of a window
when the military police was after him
This time I guess,
there was no window to jump out of.

It’s strange.
As we gather to pray
with words from Mountain States Mennonite Conference
I feel close to him.
But also this nagging realization,
that we cannot say the names of the four Congolese
who were also abducted.
Because no newspaper bothered researching and reporting their names.
Not even the DRC government.
Even in mourning, all lives are not equal.

It’s strange.
I believe and hold out hope
that MJ is alive
that he will be returned to us soon
and that he will dance at my wedding
this summer.
But if I believe and hold out hope,
why does it feel like
I am writing a eulogy?

It’s strange.
The MCC calendar I picked up,
for free at a local church,
has a picture from the Congo for the month of March.
Telling the story of
MCC‘ efforts to demilitarize Rwandan rebels in the DRC.
Of MJ’s work.

 

 

 

 

Von Lesbos bis Calais – wachsende Zäune und Gastfreundschaft, die Mauern niederreißt

In den letzten Jahren sind aufgrund alter und neuer Kriege, aufgrund des Klimawandels und ungerechter Wirtschaftsbeziehungen immer mehr Menschen aufgebrochen, um in Europa ein Leben in Sicherheit und Wohlstand zu finden. Während früher die Nachrichten von Ertrunkenen unangenehm waren, aber verdrängt werden konnten, kann spätestens seit dem letzten Sommer niemand mehr die Augen vor der Not der Menschen auf der Flucht verschließen und die Frage, „Was sollen wir tun?“ drängt sich allen auf.
Die Reaktionen sind vielfältig und in der medialen Repräsentation wechselhaft.
Im Sommer konnte man fast den Eindruck gewinnen, ganz Deutschland sagt „refugees welcome“, jetzt wirkt es, als ob es nur noch fremdenfeindliche Mobs gibt.
Die Wirklichkeit ist natürlich komplexer, aber doch ist es auch ein Ringen um Deutungsmacht.
Und die Macht der Deutung ist auch die Macht, die Zukunft zu formen.

Ich selbst beschäftigte mich seit 2014 intensiv mit der Situation von Flüchtlingen in Europa.
In dieser Zeit hat vieles sich verändert. Es sind neue Kriege dazu gekommen, rechtliche Rahmen wurden erneuert, ausgesetzt und wiedereingeführt, Europa hat sich verändert, und auch ich. In diesem Text, den ich ursprünglich für den London Catholic Worker geschrieben habe, versuche ich einen Teil der Geschichten zu erzählen.

Im Sommer des Jahres 2014 begannen die christlichen Friedensstifter-Teams (CPT) ein Projekt auf der griechischen Insel Lesbos um Flüchtlinge und solidarische Gruppen zu begleiten.
Da Lesbos nur zehn Kilometer vor der türkischen Küste liegt, wagen viele Flüchtlinge hier die Überfahrt und betreten hier zum ersten Mal europäischen Boden.
Seit im Sommer 2012 die ersten größeren Gruppen von Flüchtlingen auf Lesbos ankommen gründeten sich einheimische Gruppen wie etwa das “Dorf Aller Gemeinsam”, um die Neuankömmlinge willkommen zu heißen und sie zu beherbergen bis sie weiterreisen können.

Die dritte Lektion des Griechischunterrichts: Die Verb "sein" und "haben". Ich lerne auch noch einiges, da Neugriechisch nur wenig mit dem antiken Griechisch zu tun hat.

Griechischunterricht in Pikpa im Sommer 2014

Sie gründeten das offene Lager PIKPA auf einem leerstehenden Campingplatz, wo Flüchtlinge unterkommen können, bis sie ihre Papiere erhalten.
PIKPA ist sowohl praktische humanitäre Hilfe als auch eine provokative politische Alternative zu dem stacheldrahtbewehrten “First Reception Centre” in Moria: Es ist möglich, mit minimalen Ressourcen und ohne Gewalt Flüchtlinge unterbringen und zu registrieren, indem man sie einfach als Menschen mit Würde behandelt.
Die Überforderung angesichts so vieler ankommender Menschen zwingt die Verwaltung Lesbos PIKPA zu unterstützen, da ohne solche zivilgesellschaftliche die offiziellen Instanzen komplett überfordert wären. Diese Situation konnten die Aktivisten dazu nutzen, die Verwaltung zur Übernahme der Kosten für Essensversorgung und sanitäre Anlagen zu bewegen.
In Kalloni hauchten ein orthodoxer Mönch und eine paar atheistische Marxisten einem alten Kloster neues Leben ein, indem sie dort durchkommende Flüchtlinge speisten und sie pflegten.
Trotz der erdrückenden Last der Austeritätsgesetze, Arbeitslosigkeit und einer aufsteigenden extremen Rechten, entscheiden sich Einzelne und Gemeinschaften, den Fremden willkommen zu heißen und ihnen zur Seite zu stehen.
Als christlicher Friedensstifter fühle ich mich geehrt, sie zu unterstützen und unsere Erfahrungen in Begleitungsarbeit und Menschenrechtsbeobachtung einzubringen.

Diesen Februar verbrachte ich zwei Wochen in Calais.

IMG_7794

Dort haben etwa fünftausend Flüchtlinge auf dem Weg nach England sich auf einer ehemaligen Müllhalde eine zeitweise Bleibe geschaffen, nachdem die Polizei sie von den verstreuten kleineren Camps vertrieben hatte. Dieser Ort wird von vielen nur „the Jungle“ – „der Dschungel“ genannt.

Ich habe in dieser Zeit viel mit Menschen geredet; über den Dschungel, über ihre Heimat und ihre Hoffnung für die Zukunft. Aber vor allem wurde ich zum Essen eingeladen und zum Tee trinken. Wir haben zusammen gelacht, über kleine Absurditäten des Lebens und über Slapstickhumor.
Wäre ich länger geblieben, hätten wir wohl auch zusammen geweint, aber so blieb es dabei, dass jeder für sich weinte.

Warum sind diese Menschen nach Calais gekommen, warum leben sie unter diesen Bedingungen und riskieren weiter ihr Leben, um im Laderaum eines LKWs oder durch den Tunnel nach England zu kommen?

Sie hoffen, von dort nach England zu kommen, um dort Asyl zu beantragen. Ihre Beweggründe sind vielfältig, ich habe folgendes gehört: einige haben Familie in England, andere mussten aufgrund ihrer Zusammenarbeit mit dem britischen Militär aus ihrer Heimat fliehen, manche glauben aufgrund ihrer Englischkenntnisse schneller Anschluss zu finden, und ja es gibt auch die ein oder andere Illusion über das Leben in England.
Und Frankreich übernimmt kaum Verantwortung für Asylsuchende. Viele von ihnen sind obdachlos, und der Kälte und der Gewalt von Rassisten schutzlos ausgeliefert.

Hunderte Freiwillige aus England und ganz Europa verwandelten gemeinsam mit den BewohnerInnen den „Dschungel“ von einer reinen Hölle auf Erden zu einem Ort, der sowohl hässlich als auch wunderschön ist und an dem menschliche Grundbedürfnisse nach Nahrung, Wärme, Beziehung und Freiraum zumindest ansatzweise befriedigt werden können.

orthodoxe Kirche im Dschungel

Leider sind die Einheimischen nicht so stark involviert wie in Lesbos und viele Flüchtlinge haben aufgrund der Gewalt rechtsextremer Banden und der Polizei Angst davor, nach Calais zu gehen.
Dennoch bilden sich auch Beziehungen und es gibt Menschen, die verstehen, dass zwar “niemand Flüchtlinge im eigenen Garten haben will, aber die Flüchtlinge wollen auch nicht da sein – sie haben nur keine Wahl”, wie Bruder Johannes vom Mere Marie Skobtsov Catholic Worker Haus in Calais sagt.

Die Regionalpräfektur hat angekündigt (und mittlerweile begonnen) das Camp zu räumen ohne tragfähige Alternativen zu bieten. Rechtlicher Einspruch gegen diese Maßnahme war erfolglos. Viele Flüchtlinge haben keinen Ort mehr, an den sie gehen können und leisten auf kreative Art Widerstand gegen die Zerstörung ihres neuen Zuhause.
Die Regierung hängt der Illusion an, dass die Menschen, die in Calais erneut ihre Heimat verlieren, einfach verschwinden werden. Und dass nächsten Sommer keine Neuankömmlinge kommen werden, die ebenso hoffen, nach England zu kommen.
In der angespannten Situation der Räumung kommt der friedlichen Präsenz von Menschen, die das Vorgehen der Polizei dokumentieren und bei Konflikten deeskalieren, eine wichtige Rolle zu.

In einer der Suppenküche traf ich Ibrahim, dem ich zuerst im Sommer 2014 auf Lesbos begegnet war. Es war eine seltsame Wiedersehen. Er freute sich mich wiederzusehen, und ich auch, aber gleichzeitig kämpfte ich mit den Tränen. Ibrahim ist nun seit zwei Jahren unterwegs, er hat Grenze nach Grenze überwunden, musste sein Leben in die Hände von Schmugglern legen und nun ist er auf die Hilfe von Freiwilligen wie mir angewiesen.
Nichtsdestotrotz ist es entschlossen, seinen Weg nach England zu finden.

Von Lesbos bis Calais, in ganz Europa stehen der Bewegung der Flüchtlinge höher werdende Zäune und Gewalt von FRONTEX, Polizei und faschistischen Bewegungen gegenüber. In Deutschland gab es im vergangenen Jahr über eintausend Angriffe auf Asylbewerberheime. Die extreme Rechte hat mit Pegida sowohl eine Bewegung, als auch in der AFD auch in Deutschland eine politische Macht errungen.
Gleichzeitig opfern zehntausende EuropäerInnen mit Papieren ihre Freizeit, um sich ehrenamtlich für Flüchtlinge einzubringen. Sie bringen den Neuankömmlingen die Landessprache bei, oder begleiten sie zu Amtsterminen oder zum Arzt. Die Freiwilligen auf Lesbos und in Calais sind lediglich die sichtbarsten Beispiele der Willkommenskultur, die parallel zum Aufstieg der extremen Rechten verläuft und mit ihr über die Deutungsmacht dieses historischen Moments ringt.

Für Menschen wie Ibrahim, für die kleinen Gemeinschaften, die Gastfreundschaft mit den Fremden üben und für uns selbst, muss die Willkommenskultur zu einer wirklichen politischen Kraft werden.

Als Gläubige erzählen wir davon, “dass einige ohne es zu wissen Engel aufgenommen haben”.
Wir glauben, dass wir selbst ein Pilgervolk sind und dass wir dem Auferstanden in den Geringsten begegnen. Wenn wir das ernst nehmen, wird es uns zur Gabe und Aufgabe, die Wirklichkeit der Gastfreundschaft in Wort und Tat zu bezeugen.

Gethsemaneh in Heidelberg

(Dieser Text ist des Versuch eines Midrasch – einer erzählerisch-aktualisierende Auslegung – der Passionsgeschichte, insbesondere die Gethsemane-Episode, in Markusevangelium 14,26-52 in Verbindung mit einer nächtlichen Mahnwache vom 23. auf den 24.3.2015 vor der Asylunterkunft in der Kirchheimer Hardtstraße. Es lohnt sich beides zusammen zu lesen. Wenn du bei solchen und ähnlichen Aktionen dabei sein willst, schreib mir: bennikrauss[at]gmx.net)

gethsemanehDiese Woche verbrachte ich eine Nacht vor einer Asylunterkunft in Heidelberg, um mit circa fünfzig Menschen die Praxis nächtlicher Abschiebungen ins Licht des Tages zu ziehen und notfalls eine Abschiebung gewaltfrei zu blockieren.
Aufgerufen wurde zu der Mahnwache, weil am folgenden Tag ein Flugzeug vom Baden Airpark nach Serbien und Mazedonien fliegen sollte, voll mit Menschen die gegen ihren Willen abgeschoben wurden. Diese Abschiebungen betreffen meist Roma, die immer noch Opfer rassistischer Angriffe und struktureller Diskriminierung werden.
Ausgerechnet am Jahrestag der Deportation der Sinti und Roma in Baden-Württemberg nach Auschwitz-Birkenau sollten Angehörige dieser Volksgruppen in Länder abgeschoben werden, wo ihnen der Zugang zu gleichen Rechten verwehrt wird.
Das Datum war wohl zufällig gewählt, offenbart aber die tödliche und andauernde Geschichte des Antiziganismus (der spezifischen Diskriminierung aufgrund der Zugehörigkeit zur Ethnie der Sinti und Roma) in Deutschland, die immer noch unbewusst ist.
Abschiebungen finden nachts statt und werden oft nicht angekündigt, was einen zusätzlichen psychischen Druck ausübt und viele krank macht.
Die tiefe Unmenschlichkeit dieser Praxis wollten wir nicht unkommentiert lassen, sondern anprangern und uns ihr entgegen stellen.

Es war ziemlich kalt und ich war angespannt und verunsichert, wie die Nacht verlaufen würde. In unregelmäßigen Abständen kamen Streifenwagen vorbei, aber zu einer Konfrontation kam es nicht.
Anscheinend war in Heidelberg in dieser Nacht keine Abschiebung geplant, aber wir blieben dennoch die ganze Nacht, um sicher zu gehen und unserer Solidarität Ausdruck zu verleihen.

Dabei hatte ich viel Zeit, zu beobachten und mein Denken und Fühlen vor Gott zu bringen.
In den Wochen vor Ostern habe ich immer wieder die Gethsemane-Episode gelesen und nun fand ich mich selbst in ihr wieder.

Mitten in der Nacht wurde Jesus verhaftet, um ja keinen Aufruhr zu erzeugen. Abschiebungen finden unter anderem aus diesem Grund meist um vier Uhr morgens statt. Während Jesus aber freiwillig ans Kreuz geht, um die gewaltfreie Liebe Gottes zu den Menschen in letzter Konsequenz zu leben, ist für die Menschen, die abgeschoben werden, ihr Kreuz kein selbstgewähltes, sondern wird ihnen aufgedrückt. Hier liegt der entscheidende Unterschied zwischen den Geschichten, der für mich auch die Blockade motiviert hatte.

„Meine Seele ist betrübt bis an den Tod; bleibt hier und wachet!“

Mit diesen Worten fleht Jesus seine Jüngerinnen und Jünger an, obwohl er schon angekündigt hat, dass sie ihn alle verlassen werden. In dieser Nacht braucht er ihre Solidarität, er kann diesen Weg alleine nicht weitergehen.
Die Jüngerinnen und Jünger aber schlafen immer wieder ein, und „wissen nicht, was sie ihm antworten sollten“
Sie verstehen Jesu Weg zum Kreuz immer noch nicht, sind erschöpft und verunsichert und können in dem Moment, in dem es darauf ankommt Jesus nicht zur Seite stehen. Als Jesus schließlich mitten in der Nacht verhaftet wird, fliehen sie und Petrus verleugnet seinen Freund und Lehrer, um sich selbst zu retten.

Gethsemane wurde in dieser Nacht für mich zu einem Gleichnis für die christliche Existenz in einer Welt, in der immer noch Unzählige durch Krieg, Fremdenhass und strukturelle Benachteiligung leiden und sterben. Im Umgang mit diesen „Geringsten“ (Mt 25) wird Jesus heute noch gekreuzigt, wenn zum Beispiel Flüchtlinge in ein angeblich „sicheres Herkunftsland“ abgeschoben werden, in dem ihnen als Angehörige einer diskriminierten Minderheit aber Obdachlosigkeit, Gewalt und Rechtslosigkeit drohen.

Jesus ruft uns aus diesen Menschen zu: „Bleibt hier und wachet!“ und genauso wie Jesus in Gethsemane brauchen sie unsere Solidarität in dieser schweren Stunde.
Wachsam zu sein heißt nicht, nie zu schlafen, sondern vor allem sich nicht einschläfern zu lassen vom verschleiernden Gerede unserer Ordnung, das mit Begriffen wie „Wirtschaftsflüchtling“ und „sicheres Herkunftsland“ gleichzeitig die Geringsten kriminalisiert und die eigene Gewalt verharmlost.
Zu Bleiben heißt, die Angst und den Schmerz zu teilen, den anderen darin auch auszuhalten.
In dieser Nacht hieß es, ganz wörtlich zu bleiben und zu wachen – im Angesicht von Polizei und möglicher juristischer Verfolgung. Niemand wurde verhaftet und die Chancen, dass etwas geschieht waren minimal, aber es war schon herausfordernd, mich überhaupt der Staatsgewalt in den Weg zu stellen. So was macht man ja nicht. Und wenn doch etwas passiert?

„Wachet und betet, dass ihr nicht in Versuchung fallt! Der Geist ist willig; aber das Fleisch ist schwach.“ (Mk 14,38)

All die eigenen Ängste, die einschläfernden Beruhigungsthesen und die Erschöpfung, die das Leben in Nachfolge mit sich bringt, kommen in dieser Nacht hoch. Sie drohen uns zu überwältigen, dass wir einschlafen oder die Flucht ergreifen. Jesus rechnet damit und weckt uns immer wieder auf. Und er verweist uns auf das Gebet, um nicht in Schlaf oder Panik zu versinken.
Im Gebet können wir Gott unsere Angst und unsere Perspektivlosigkeit anvertrauen. In Gott finden wir zur Ruhe, die unsere Sinne nicht benebelt, sondern uns klar sehen lässt. Nicht von unserer sondern von Gottes Perspektive.

Es ist keine moralische Schwäche, die die Jüngerinnen und Jünger einschlafen lässt, sondern die überwältigende Mischung aus Erschöpfung, Unsicherheit, was kommen wird und ein Unverständnis, wer Jesus ist. Ich kenne diese Mischung und erlebe sie immer wieder. Es ist erleichternd, dass Jesus ihnen ihren Schlaf nicht zum Vorwurf macht, aber er braucht dennoch ihren Beistand.
Wie können wir im entscheidenden Moment Menschen beistehen?

Jesus hat seine Jüngerinnen und Jünger auf die Situation vorbereitet, in dem er immer wieder sagte, dass er in Jerusalem ans Kreuz gehen wird. Wir sollten diese Worte bedenken, wenn wir Jesus nachfolgen wollen. In Rollenspielen können wir die Situationen, in die wir uns begeben, vorher üben, um zu erfahren, was alles passieren könnte und ausprobiert zu haben, wie es sich anfühlt und was wir in einer Situation tun könnten.
Gebet steht dieser Vorbereitung nicht entgegen, vielmehr sollte sie im „beten ohne Unterlass“ (1.Thess. 5,17) geschehen. Nur so können wir den vielen Versuchung widerstehen, die uns begegnen. Neben Müdigkeit und Apathie wäre es auch eine Versuchung, einfache Feindbilder aufzubauen statt unsere Aktionen so auszurichten, dass sie unsere Widersacher herausfordern und ihnen die Möglichkeit geben, sich zu solidarisieren. Gebet hilft uns, unsere Feinde zu lieben, weil wir sie nicht nur als Feinde sehen müssen und von dieser Erkenntnis her unser Handeln bestimmen lassen. Ein ungenannter Jünger fällt in diese Versuchung und zieht bei der Verhaftung sein Schwert und haut einem Polizisten ein Ohr ab (Mk 14,47).

Wir konnten dieser Versuchung widerstehen, weil wir klare Absprachen hatten und einander vertrauen konnten. Dieses Vertrauen galt unabhängig von unseren jeweiligen Gründen hier zu sein. Ich war aufgrund meines Glaubens an die gewaltfreien Liebe Gottes da, während andere andere Motivationen hatten. Einig waren wir uns, dass Menschen ein Recht auf gutes und sicheres Leben haben und die Abschiebepraxis einen Verstoß dagegen bildet, dem wir uns widersetzen müssen.
Dies war ein Bild gelebter Einheit in Vielfalt, von der auch Gemeinden etwas lernen könnten.

Zu Beginn des Artikels habe ich den klaren Unterschied zwischen Jesu freiwilligem Weg ans Kreuz und Abschiebungen benannt. Aber was wäre geschehen, wenn die Jüngerinnen und Jünger eine Sitzblockade gemacht hätten und Jesus bis zum Schluss nicht alleine gelassen hätten? Wahrscheinlich wären sie alle gekreuzigt worden, oder? Die Frage treibt mich um.

Diese Gedanken kamen mir in der Nacht vor der Asylunterkunft, während ich fror und ungewiss wartete was passieren würde. Irgendwann ging die Sonne auf und ich erinnerte mich: Jesus hat seinen Jüngerinnen und Jüngern gesagt, dass die Geschichte weiter gehen wird, obwohl sie ihn verlassen und verraten werden, auch wenn er hingerichtet werden wird.
„Wenn ich aber auferstanden bin, will ich vor euch hingehen nach Galiläa.“ (Mk 14,28)
In dieser Hoffnung ist es mir möglich, nicht einzuschlafen und wachsam zu bleiben, und in meinem Scheitern auf den Auferstandenen zu sehen, der bei uns ist und uns vorausgeht.

Fliegende Hunde

In Pikpa leben nicht nur Flüchtlinge, eine Aktivistin vom „Dorf Aller Gemeinsam“, die sich auch im lokalen Tierschutzverein engagiert, hat zeitweise auch ein paar herrenlose Hunde dort aufgenommen. Auf Lesbos gibt es überall streunende Hunde und Katzen, die den ganzen Tag nur in der Sonne liegen. In Pikpa liegen die Hunde auch nur rum und stehen gelegentlich auf, um sich zehn Meter weiter wieder hinzulegen.

Im Großen und GanzEin Selfie mit einem der Hunde in Pikpa, der einem Hund bei Zelt der Völker sehr ähnlich sieht.en versteht man sich, aber manchmal führt dieses Zusammenleben auch zu Konflikten, weil Hunde manchen Muslimen als unreine Tiere und nicht als Haustiere gelten.

Wie für die Flüchtlinge war der Aufenthalt in Pikpa für die Hunde nur übergangsweise geplant und die Aktivistin suchte nach neuen Frauchen oder Herrchen für sie.

An meinem letzten Tag erzählte mir dann jemand, die Hunde würden jetzt von einer Organisation nach Deutschland gebracht, weil sie dort jemand aufnehmen möchte.

Als ich das hörte, musste ich lachen.

Ich sitze in einem Flüchtlingslager, umgeben von Menschen, die alle nach Deutschland wollen aber nicht dürfen, und die Hunde werden jetzt nach Deutschland geflogen. Einer schlug vor, sich als Hund zu verkleiden und regelmäßig mit einem Deutschen spazieren zu gehen und auch Stöcke zu apportieren, wenn er dafür in Deutschland wohnen dürfte und Kost und Logis bekäme. Ein anderer fragte, ob er, wenn die Hunde in Deutschland wären, einen Antrag auf Familienzusammenführung stellen könnte. Schließlich hätte er sich hier um sie gekümmert und sei quasi ihr Herrchen geworden.

Ich finde Tierrechte wichtig, aber es steht schlecht um Menschenrechte, wenn Tiere besser versorgt werden als Menschen. Wahrscheinlich haben die meisten Flüchtlinge einfach nicht groß genuge Kulleraugen.

Diese Geschichte erinnert mich an die Geschichte, von Jesus und der Syrophönizierin:

Und er [Jesus] stand auf und ging von dort in das Gebiet von Tyrus. Und er ging in ein Haus und wollte es niemanden wissen lassen und konnte doch nicht verborgen bleiben, sondern alsbald hörte eine Frau von ihm, deren Töchterlein einen unreinen Geist hatte. Und sie kam und fiel nieder zu seinen Füßen – die Frau war aber eine Griechin aus Syrophönizien – und bat ihn, dass er den bösen Geist von ihrer Tochter austreibe.

Jesus aber sprach zu ihr: Lass zuvor die Kinder satt werden; es ist nicht recht, dass man den Kindern das Brot wegnehme und werfe es vor die Hunde.

Sie antwortete aber und sprach zu ihm: Ja, Herr; aber doch fressen die Hunde unter dem Tisch von den Krümeln der Kinder. Und er sprach zu ihr: Um dieses Wortes willen geh hin, der böse Geist ist von deiner Tochter ausgefahren. Und sie ging hin in ihr Haus und fand das Kind auf dem Bett liegen, und der böse Geist war ausgefahren.

Markus 7,24-30

In dieser Geschichte geht es nicht um Tierrechte, (ein Konzept, mit dem im ersten Jahrhundert niemand etwas anfangen hätte können) sondern gerade darum, dass Tiere in der Sicht der Gesellschaft unter Menschen stehen. Aber parallel ist die Identifizierung der „Unerwünschten“ mit den Hunden, die von diesen selbst übernommen wird, dabei aber geschickt verändert wird.
Ging es zuvor darum, anhand der allgemein akzeptierten Hierarchie von Tieren und Menschen eine Hierarchie von Menschen untereinander zu begründen, wird in der Annahme des Bildes der Wert darauf gelegt, dass die Bedürfnisse Aller Kreaturen gedeckt werden – selbst wenn sie als unerwünscht gelten.

Darum muss es gehen, dass dDieser Hund flog mit mir von Thessaloniki nach Stuttgart. Ich glaube nicht, dass dieser Transport wirklich artgerecht war.ie Bedürfnisse Aller Kreaturen gedeckt werden und wir einander als Chance begreifen nicht als Problem, dass es zu lösen gilt.
Dazu wäre es sinnvoll, wenn die Organisation, die die Hunde nach Deutschland bringt, auch für ein paar Flüchtlinge dasselbe möglich macht.

Selbst in der Krise ist Pikpa effizienter als das Migrationsregime

Nachdem der letzte Artikel die Überlastung zu Beginn der Woche dargestellt hat, sollte ich euch auf den neuesten Stand bringen.

Flüchtlinge warten darauf, photographiert und dann nach Moria gebracht zu werden.Nach dem Treffen mit dem Bürgermeister brachte die Küstenwache tatsächlich niemand mehr und die Polizei kam mehrmals täglich (und tagsüber statt mitten in der Nacht), um Leute nach Moria zu bringen. Sie überlegten sich sogar, wie sie den Prozess effektiver gestalten können und fingen an, Leute schon in Pikpa zu photographieren, um dann in Moria Ein Polizist photographiert einen Flüchtling, bevor er nach Moria gebracht wird.schneller das „white paper“ ausstellen zu können.
Wenn die Leute dann in den Bus steigen mussten, kannten die Polizisten sie schon und das ganze Rumschreien war unnötig.
(Unnötig war es natürlich vorher schon, aber diesmal brauchten nicht einmal die Polizisten es.)

 

 

Und Tee haben sie auch noch mitgebracht!

Ein Flüchtling besteigt einen Bus der Küstenwache, um nach Moria gebracht zu werden. Diese Busse werden meist total überladen.

Natürlich haben sie damit versucht sich bei den Flüchtlingen und dem Dorf Aller Zusammen gut darzustellen.
Aber sollen sie nur. Was mich wirklich stört ist, dass sie nicht vorher auf die Idee gekommen sind, ein solches Prozedere einzuführen und dass sie wahrscheinlich in ein paar Tagen wieder zur alten Methode, mitten in der Nacht zu kommen und rumzuschreien, zurückkehren werden.

Volleyball am SonntagMittlerweile sind nur noch ungefähr hundert Leute in Pikpa untergebracht, die eigentliche Maximalkapazität. Es ist deutlich ruhiger, akustisch und atmosphärisch. Heute war ich kurz da und habe Volleyball gespielt.

Wie zu erwarten, war ich der schlechteste in der Runde.

 

Politisch hat der Bürgermeister anscheinend zurückgerudert. Nach vielen Artikeln von Mitgliedern des „Dorfs Aller Gemeinsam“ und wahrscheinlich auch Gesprächen mit Beamten, die verstehen, dass Pikpa notwendig ist, hat er versichert, dass er die Flüchtlinge unterstützen will. Aber genaueres gibt es noch nicht.
Jedenfalls wird Pikpa wohl nicht geschlossen.

Vorbereitungen für die PressekonferenzAm Freitag war ich bei einer Pressekonferenz, die die Mitglieder des „Dorfs Aller Gemeinsam“ in Pikpa abhielten. Ich gab ein kurzes Statement für CPT ab, warum wir Pikpa unterstützen und versuchte ansonsten mein Gesicht unter Kontrolle zu halten.
Es ist mir nicht immer gelungen.

 

Ich möchte diesen Moment nutzen, um Bilanz zu ziehen, wie Pikpa als offenes Lager mit dieser Krise umgegangen ist:

Zur Hochzeit waren circa sechshundert Menschen in Pikpa untergebracht, aber auch schon in den Tagen davor waren es ungefähr vierhundert. Damit waren 4-6mal soviel Menschen dort, wie vorgesehen.

Die Essensausgabe dauert bis zu zwei Stunden, weil garantiert werden musste, dass niemand zweimal nimmt. Es gab zu wenig Bettzeug und die Freiwilligen mussten nachts Menschen Decken wegnehmen, um sie denen zu geben, die auf dem Boden schliefen. Irgendwann brachte UNHCR 200 Schlafsäcke, aber selbst das war nicht genug (abgesehen davon, dass auch das eine Aufgabe der Behörden ist).

Hygiene wurde zu einem Riesenproblem. Seife ist rationiert, aber auch diese Ration muss ausgegeben werden. Die Toiletten und Duschen waren schon vorher ein Problem, aber jetzt mussten 600 Menschen die sechs Toiletten benutzen, von denen zwei verstopft und die übrigen auch nicht einwandfrei funktionierten. Außerdem war der Abwassertank eigentlich schon vor der Krise voll. Er floss also über – zum Glück nur in einem bestimmten Gebiet. Das vom Caterer gelieferte Essen kommt in Einweggeschirr. Die Mülltonnen waren sofort voll und irgendwann kümmern sich Menschen, die meinen morgen weiterzureisen einfach nicht mehr um den Müll, den sie hinterlassen.

Spannungen zwischen Volksgruppen entstanden, weil sich die Afghanen gegenüber den Syrern benachteiligt fühlten und die Somalis schon seit zwei Wochen da waren und nicht klar war, ob die Polizei sie überhaupt noch abholen würde.

Kein Mangel an Problemen also. Und nur eine Handvoll Freiwilliger, und einige Langzeitbewohner von denen nur drei fließend arabisch und zwei fließend persisch können, um sich um all diese Probleme zu kümmern.

Und dennoch gab es in dieser Zeit zwei kleine Schlägereien (wurde mir erzählt, ich war bei keiner dabei), niemand wurde ernsthaft verletzt oder gar getötet. Es brach keine Epidemie aus, und die Leute lächelten immer, wenn sie uns sahen.
Der Witz der Woche war „Sie [die Küstenwache] haben noch mehr gebracht“ und jedes Mal wenn sie tatsächlich kam, applaudierten die Leute.
Abgesehen von ein paar Ausnahmen teilten die Menschen, wenn man sie daran erinnerte und halfen auch sofort mit, wenn sie nur sahen, dass ich Müll sammelte.

Im First Reception Center Moria sind rund um die Uhr fünf bewaffnete PolizistInnen, die wenn nötig Verstärkung rufen können, ein Sozialarbeiter, mehrere ÄrztInnen und Rechtsanwälte und eine Kapazität von 150 Insassen, die nicht überschritten wird, weil man Leute lieber im Hafen schlafen lässt.
Trotzdem hören wir, dass es dort und in anderen offiziellen Einrichtungen regelmäßig zu Schlägereien unter Flüchtlingen und auch zu Aufständen gegen die Wachen kommt.

Klingt fast so, als ob Leute sich besser benehmen, wenn man sie sich frei bewegen lässt und menschlich mit ihnen umgeht, als wenn man sie einsperrt und anschreit. Ohne dass sie irgendjemanden verletzt hätten, oder etwas schlechtes getan hätten, außer eine imaginäre Linie zu übertreten ohne Erlaubnis, weil es für sie keine Möglichkeit gab, die Erlaubnis zu erhalten und sie vor Krieg und Folter fliehen.

Griechenland und die gesamte EU könnte eine Menge Geld sparen, wenn man wenigstens an den Ankunftsorten in der EU, Lesbos, Lampedusa, Ceuta und Melilla, wo sowieso kaum eine/r bleiben will, offene Lager einrichtet.

Und nebenbei wäre es auch sehr viel menschlicher.

Pikpa kollabiert an der Verantwortungslosigkeit der Behörden

Die letzten Tage war ich sehr beschäftigt und kam leider nicht zum Bloggen.
Ab und zu war es möglich die neuesten Entwicklungen auf der Facebookseite von Christian Peacemaker Teams Europe festzuhalten, aber für viele Dinge ist es schwer überhaupt Worte zu finden. Ich versuche hier die Entwicklungen der letzten Tage zu skizzieren.

In der ersten Woche schrieb ich einen Artikel über Pikpa, zu dem Zeitpunkt waren dort vielleicht 150 Menschen untergebracht, was bereits eine Überlastung darstellte, da das Willkommenszentrum für 80-100 Leute ausgerichtet ist. Aber durch die unermüdliche Arbeit der Freiwilligen vom „Dorf Aller Zusammen“ konnten alle Menschen mehr oder weniger gut versorgt werden.
Dann gab es ein technisches Problem mit der Machine, die die Fingerabdrücke macht, und die Polizei nahm keine Leute mehr mit nach Moria, da es mit 150 Leuten voll sei. Gleichzeitig brachte die Küstenwache weiterhin alle Neuankömmlinge nach Pikpa, das bereits überladen war. Weil die Polizei einfach niemanden aufnahm, musste Pikpa einspringen, weil die Menschen sonst auf den Straßen oder im Hafen geschlafen hätten.
Fast eine Woche lang nahm die Polizei niemand mit und als sie dann wieder anfingen, fuhren sie im alten Tempo fort und brachten sogar noch Leute nach Pikpa, die die Fähre verpasst hatten.

Am Montag kamen zweihundert neue Flüchtlinge an und es waren auf einmal sechshundert Flüchtlinge in Pikpa – sechsmal so viel, wie sie maximal aufnehmen konnten.
DSC00994

Die Küstenwache organisierte Essen für alle, aber sonst nichts. Keine Decken, keine medizinische Versorgung, nicht einmal die Müllabfuhr kam öfter vorbei.

Es entstanden Konflikte unter den verschiedenen Flüchtlingsgruppen, da manche sich benachteiligt fühlten, weil z.B. SyrerInnen schneller abgeholt wurden, während einige somalische Flüchtlinge schon seit Wochen warteten.

EssenschlangeSchließlich bat das „Dorf Aller Gemeinsam“ den neuen Bürgermeister Spyros Galenos um ein Treffen, um die Lage zu schildern und zu verlangen, dass die Behörden mehr Verantwortung übernehmen.
Sie hatten nicht viel Hoffnung, denn obwohl die Politik auf Pikpa und die Freiwilligen vom „Dorf Aller Gemeinsam“ angewiesen ist, haben sie deren Arbeit nie anerkannt, geschweige denn unterstützt. Der neue Bürgermeister hatte im Vorfeld gesagt, er werde das Willkommenszentrum in Pikpa schließen und es wieder als Sommerfreizeitlager eröffnen lassen. Der Chef der Küstenwache hatte sie sogar als „Hausbesetzer“ bezeichnet und behauptet, Flüchtlinge kämen nach Lesbos, weil sie hier so gut aufgenommen würden. Gleichzeitig haben die Autoritäten all ihre Probleme auf Pikpa abgewälzt, da es weit ab von den Augen der Öffentlichkeit ist und sie wussten, dass die Freiwilligen sich um die Flüchtlinge kümmern.

Das Treffen, an dem wir als CPT teilnahmen, machte dann aber einen ganz anderen Eindruck. Bürgermeister Galenos hörte sich an, was die Freiwilligen vom Dorf aller gemeinsam zu sagen hatten und versprach Unterstützung. Man einigte sich, dass Pikpa vorübergehend keine Flüchtlinge mehr aufnehmen würde, bis es geleert sei und dass die Küstenwache die Menschen direkt nach Moria bringen solle, um Druck aufzubauen.
Nach dem Treffen besuchte er Pikpa und äußerte sich erstaunt darüber, dass die Flüchtlinge so „ruhig und fröhlich“ seien, trotz der überfüllten Lage.

DSC00999Er posierte in vielen Fotos und schüttelte Hände, wie man es von Politikern kennt.

Jemand bat mich als Teil von CPT um ein Statement und ich sagte Herrn Galenos, dass Pikpa ein großartiger Ort der Gastfreundschaft sei, der seine Unterstützung verdiene. Ich sagte, dass eine solche Unterstützung durchaus auch den Ruf Mytilenes und Lesbos verbessern könnte, was sich eventuell auch auf den Tourismus auswirken könnte.

Er sagte mir:

Bitte erzähle deinen Freunden und den Medien, wie ich Pikpa unterstütze.

Ich wünschte ich könnte es.

Bei sechshundert Leuten sammelt sich schnell Müll an. Die Flüchtlinge sammeln den Müll selbst ein.Aber leider sieht die Sache anders aus. Zwar begann die Polizei noch am selben Tag sehr viel schneller zu arbeiten und Menschen zu registrieren, aber Bürgermeister Galenos veröffentlichte auch einen Brief an die Küstenwache, in dem er ankündigte, seinen ursprünglichen Plan durchzuführen und das Willkommenszentrum bis Ende September zu schließen und Pikpa wieder in ein Jugendsommerlager zu verwandeln.

Er verdrehte alle unsere Aussagen und verglich Pikpa mit dem berüchtigten Flüchtlingslager Pagani, das vor ein paar Jahren wegen der schrecklichen Bedingungen und des massiven Protest dagegen (u.a. vom Dorf Aller Gemeinsam) geschlossen wurde. Er verschwieg, dass es die Verantwortung der Behörden ist, für die Grundbedürfnisse der Flüchtlinge zu sorgen und erwähnte mit keinem Wort die aufopfernde Arbeit der Freiwilligen vom Dorf Aller Gemeinsam.

Meine Aussage verdrehte er dahingehend, dass er sagte, dass solche Bedingungen Mytilene international blamieren würden.

Diese schamlose Verdrehung der Vereinbarung schockierte uns alle sehr. Ein paar Leute vom Dorf Aller Gemeinsam hatten schon Zweifel an seiner Ehrlichkeit geäußert, aber letztlich waren alle überrascht. Das war natürlich die Taktik des Bürgermeisters, der einfach behauptete im Einverständnis mit den Beteiligten und sogar im Sinne der Flüchtlinge zu handeln, während die AktivistInnen erst einmal Zeit brauchten ihre Reaktion zu formulieren.

Mittlerweile haben einige Mitglieder der Initiative Antworten in den Lokalzeitungen veröffentlicht und am Samstag soll es eine Pressekonferenz in Pikpa geben. Aber einen Tag lang konnte der Bürgermeister seine Version der Geschichte verbreiten.

Ich wünschte, ich könnte euch allen sagen, dass Bürgermeister Galenos sich für die Gastfreundschaft in Pikpa und für die Flüchtlinge einsetzt. Aber leider sieht es so aus, als habe er sich gegen diese pragmatische und menschliche Initiative entschieden, und halte an der utopischen Idee fest, Migration könne durch Lager und Legalismus gestoppt werden.

Aus meinen bisherigen Gesprächen mit den EinwohnerInnen Mytilenes unterstützen sie Pikpa und waren entsetzt über die Bedingungen in Pagani. Als Pikpa begann kamen viele Leute und brachten Essen, Kleidung und andere Bedarfsgegenstände. Es bleibt zu hoffen, dass sie sich jetzt wieder mit Pikpa solidarisieren und Bürgermeister Galenos zeigen, dass er nicht seine Stadt repräsentiert.

Pikpa – ein echtes Willkommenszentrum

Wie soll man mit den Menschen umgehen, die aus ihrer Heimat geflohen sind und nach oft monatelangen Reisen auf Lesbos und anderswo ankommen, um in Europa ein sicheres und freies Leben zu finden?
Auf Lesbos gibt es zwei Lager, die wir regelmäßig besuchen und die archetypisch für zwei Weisen stehen, mit „den Anderen“ umzugehen: Moria und Pikpa.

Im letzten Artikel beschrieb ich die Lage in Moria, nun ist Pikpa dran.

Im oberen Stockwerk sind Frauen und Kinder untergebracht. Zur Zeit sind aber so viele in Pikpa, das einige andere Hütten auch für sie da sind und die Männer dafür im Freien schlafen.An Orten wie dem First Reception Center“ (FRC) Moria ist die Abschottungspolitik der „Festung Europa“ in Zement gegossen und demonstriert die Perspektivlosigkeit unserer Regierungen im den Umgang mit den Menschen, die auf der Suche nach Frieden und Sicherheit nach Europa kommen.

Unsere Partner vom „Village of All Together“ – „Das Dorf aller gemeinsam“ (VoAT) haben in Pikpa ein offenes „Willkommenszentrum“ gegründet, das zeigt, wie eine menschliche Politik aussehen kann.

In einem verlassenen Kinderfreizeitlager, das ihnen die Stadt nach einiger Überzeugungsarbeit überlassen hat, haben sie einen Ort geschaffen, an dem Flüchtlinge kommen und gehen können wie sie wollen.
Untergebracht sind sie in Holzhütten und es gibt ein großes Haus, dessen Obergeschoss für Frauen und Kinder reserviert ist. Bei der Ankunft erhalten die Flüchtlinge eine Broschüre mit Informationen zu ihren Rechten in Europa und es gibt AnsprechpartnerInnen, die juristische Beratung leisten können. Ein Flüchtling, der mittlerweile einen permanenten Aufenthaltsstatus hat, übersetzt und manche der Freiwilligen können ebenfalls Persisch oder Arabisch.

Die dritte Lektion des Griechischunterrichts: Die Verb „sein“ und „haben“. Ich lerne auch noch einiges, da Neugriechisch nur wenig mit dem antiken Griechisch zu tun hat.

Es gibt regelmäßig Griechischunterricht und die Freiwilligen von VoAT kümmern sich darum, dass Kinder, die länger bleiben die Schule vor Ort besuchen können.

Mittlerweile gibt es einen Deal mit der Polizei, dass sie für jeden Flüchtling Essen bereitstellen müssen, aber als Pikpa eröffnet wurde brachten viele Leute aus der Nachbarschaft Essen vorbei.
Insgesamt hat Pikpa einen sehr guten Ruf und die Menschen in Mytilene mit denen ich geredet habe, unterstützen es weiterhin. Die Leute von VoAT wohnen selbst auf Lesbos und achten sehr darauf, viele Einheimische zu involvieren.

Die Küstenwache bringt mittlerweile selbst die Flüchtlinge, die sie aufgreifen nach Pikpa und die Polizei holt sie von dort ab, um sie nach Moria zu bringen. Leider müssen sie immer noch dorthin, da die Polizei sich weigert den Leuten in Pikpa direkt das „white paper“ zu geben, dass sie brauchen, um die Fähre nach Athen zu nehmen und in Griechenland weiter reisen zu können.

Bei dieser Zusammenarbeit achten die KoordinatorInnen darauf, nicht kooptiert zu werden und den Druck aufrecht zu erhalten, der Pikpa möglich gemacht hat. Sie sind davon überzeugt, dass Migration normal und die Militarisierung der Grenzen kontraproduktiv ist.

So haben sie es geschafft, dass es in Pikpa weiterhin offene Tore und keine Wächter gibt. Die grundlegenden Regeln des Zusammenlebens werden von den Freiwilligen und den Flüchtlingen erfolgreich selbst durchgesetzt.

Eines der Häuser in PikpaLeider müssen die Behörden immer wieder an ihre Pflichten erinnert werden, z.B. die Versorgung mit Essen, oder das Abpumpen des Toilettentanks, der für die aktuelle Menge an Gästen einfach zu klein ist. Gleichzeitig versuchen sie Pikpa als „Besetzung“ zu delegitimieren
In Wirklichkeit sind sie aber auf das Erfolgsmodell Pikpa angewiesen, da Moria niemals die Menge an Flüchtlingen aufnehmen könnte. Selbst bei logistischen Fragen werden oft die KoordinatorInnen von VoAT gefragt, da Polizei und Küstenwache untereinander schlecht abgestimmt sind.

So wird Pikpa als offenes Lager weiterhin toleriert, auch wenn es in den Augen der Politik das „falsche Signal sendet“ – das Flüchtlinge in Europa willkommen sind.

Wir vom Mittelmeerprojekt der Christian Peacemaker Teams  finden sie senden genau das richtige Signal, und leisten wesentlich bessere Arbeit als die zuständigen Behörden1.
Das „Dorf aller gemeinsam“ ist unser Hauptpartner auf Lesbos und wir sind mehrmals die Woche dort, um Kontakt mit den Freiwilligen und den Flüchtlingen aufzubauen. Viele der Flüchtlinge treffen wir später in Moria oder an der Fähre wieder, wenn sie nach Athen fahren.
Besonders beeindruckend an Pikpa ist, dass es aus der Zivilgesellschaft entstand, um auf die konkreten Nöte einzugehen.
Nachdem die Hauptroute von der Türkei nach Griechenland über den Grenzfluss Evros durch eine Mauer und den massiven Einsatz von Überwachungstechnologien und Polizisten effektiv geschlossen wurde, machten sich 2012 immer mehr Flüchtlinge auf den wesentlich gefährlicheren Weg auf Booten nach Lesbos. Niemand war darauf vorbereitet und hunderte Flüchtlinge, darunter viele schwangere Frauen und Kinder, schliefen am Hafen und keine der zuständigen Autoritäten kümmerte sich darum.
Die Leute vom „Dorf aller gemeinsam“ schufen diesen Ort und bewahren ihn gegen die immer noch unwillige Politik.
Dabei wird hier deutlich, wie eine effektive und humane Asylpolitik aussehen könnte.

Wenn die Polizei kommt, um Menschen nach Moria zu bringen, beobachten wir die Situation und versuchen, diese Prozedur so menschlich wie möglich zu gestalten.
Es ist schon vorgekommen, dass Flüchtlinge stundenlang in der brütenden Hitze in einem Polizeivan sitzen mussten bei geschlossenen Türen.
Auf den Hinweis meines Kollegen doch die Tür zu öffnen, reagierten die Polizisten schnell und öffneten die Tür.

Ob sie es auf Bitten der Flüchtlinge getan hätten, bezweifle ich.

1Und das bei einem lächerlich niedrigen Budget. Während die EU das FRC Moria zu 75% finanziert hat, funktioniert Pikpa ausschließlich auf ehrenamtlicher Arbeit und Spenden.

Erste Gedanken aus Lesbos

Heute bin ich auf Lesbos angekommen.
Die nächsten drei Wochen arbeite ich dort im Mittelmeerprojekt der christlichen Friedensstifter Teams mit. Auf Lesbos kommen zur Zeit viele Menschen v.a. aus Syrien und Afghanistan an, die sich auf den Weg gemacht haben, weil dort Krieg herrscht und sie sich in Europa ein besseres Leben erhoffen.
Nach EU-Recht haben sie das Recht einen Asylantrag zu stellen, und haben kein Verbrechen begangen. Trotzdem werden sie in Lagern eingesperrt und wie Kriminelle behandelt.
Das „Willkommenszentrum“ in Moria koennen wir nicht einfach so betreten, aber die Geschichten, die wir von dort hoeren sind schrecklich.
Aber es geht auch anders. Unser Team arbeitet mit der griechischen NGO „Village of all Together“ (Das Dorf aller gemeinsam) zusammen, die in einem verlassenen Freizeitheim ein offenes WIllkommenszentrum gegruendet haben, das seinen Namen auch verdient.
Heute abend gehen wir dort hin, danach kann ich mehr erzaehlen.

Das CPT-Team ist aus mehreren europäischen Treffen von CPTerInnen und SympathisantInnen und dem dem Wunsch heraus entstanden, CPT nicht nur in Europa bekannter zu machen, sondern auch in den Konflikten in Europa lokale FriedensstifterInnen zu begleiten und für eine Welt, in der alle willkommen sind, zu arbeiten.
Im Fruehjahr gab es zwei erkundende Reisen und schliesslich begann im Juli unsere Praesenz hier, die mit wechselnder Besetzung noch bis Mitte Oktober andauert.

Ich werde die Zeit ueber hier und auf http://cptmediterranean.wordpress.com/ (englisch).
Ueber unsere Arbeit hier, einzelne Aspekte des Migrationsregimes so weit ich sie hier kennenlerne, aber auch ein paar schoene Bilder – immerhin ist die Insel Lesbos UNESCO Weltnaturerbe.

Schon komisch: Manche fliegen hierher um Urlaub zu machen und andere fliehen hierher vor Krieg und Terror. Aber weil sie nicht den richtigen Pass haben, koennen sie nicht einfach fliegen und muessen in seeuntauglichen Booten kommen.
Nicht alle schaffen es und die, die es schaffen werden nicht in schoenen Hotels versorgt, sondern kommen in Lager und sollen so schnell wie moeglich zurueck oder wenigstens weiter..
Zwei Arten von Gaesten, zwei Arten des Umgangs.

Schaut ab und zu hier vorbei, ich versuche regelmaessig zu schreiben, weil sich die Eindruecke ja auch schnell zum Alltag entwickeln.

Ihr koennt unsere Arbeit durch eure Gebete unterstuetzen und durch Spenden an das Deutsche Mennonitische Friedenskomitee:
http://www.dmfk.de/spenden.html

Wie man Land konfisziert

Fast hätten wir sie gar nicht bemerkt, die Zettel, die plötzlich auf dem Erdboden herumlagen und erklärten, dass Land auf dem sie lägen, gehöre jetzt dem Staat Israel. Ein israelischer Zivilbeamter hatte sie dorthin gelegt, die Mühe nach einem Besitzer des Landes zu suchen, machte er sich nicht, schließlich gehört es ja angeblich schon dem Staat. Dank Dahers Aufmerksamkeit fanden wir schließlich doch einen und schließlich auch die anderen: Nichtkultivierungsbefehle, die behaupteten große Teile des Weinbergs seien nicht mehr in Benutzung und würden daher enteignet. Der Anwalt der Nassars legte Beschwerde ein und wir hörten nichts mehr von der Angelegenheit.

Diese Geschichte ist alltäglich in Palästina. Fast jede Siedlung ist auf früheren palästinensischen Feldern gebaut, die enteignet wurden. Dazu beruft sich Israel auf ein osmanisches Gesetz, das es erlaubt, Land, das drei Jahre nicht bestellt wurde, zu enteignen. Durch Straßensperren wird es Palästinensern schwer gemacht, an ihr Land zu kommen und ihre Ernte auf die von israelischen Billigprodukten überschwemmten Märkte zu bringen. Dadurch wird es unrentabel, Landwirtschaft zu betreiben. Viele Palästinenser haben Grundstücke, die sie ab und zu pflegen, oder gar keine Zeit für sie haben, da sie ihre Familien durch einen Baujob in einer Siedlung ernähren müssen.So kann Israel als Besatzungsmacht ganz legal langsam Land aus palästinensischem Besitz in jüdischen Grund und Boden verwandeln, auf dem dann Siedlungen gebaut werden. Dies ist aber weiterhin nach dem Völkerrecht illegal.

Um Palästinenser daran zu hindern, ihr Land zu bebauen, arbeiten Armee und Siedlerbewegung auch lose zusammen, denn oft wird gerade Land, dass in der Nähe einer Siedlung liegt „aus Sicherheitsgründen“ gesperrt und dann schließlich enteignet. Oder Siedler greifen Bauern regelmäßig bei ihrer Arbeit an und das Militär greift nicht ein. Siedler zerstören auch regelmäßig Olivenbäume, die Jahre brauchen, um überhaupt Frucht zu tragen und jahrtausendelang leben können.

Es gibt also eine steigernde Eskalation seitens Militär und Siedlern vom Schwermachen der Arbeit über Sachbeschädigung zu Morddrohungen und tatsächlichen Angriffen auf Leib und Leben.

Und, wie in dem zu Beginn geschilderten Fall, muss es auch gar nicht stimmen, dass das Land nicht bearbeitet wurde. Oft wird es einfach behauptet und die besitzer trauen sich nicht, sich zu wehren und zu exponieren, weil sie vielleicht eine Arbeitsgenehmigung in Israel haben, die sie nicht verlieren wollen. Und dann ist das Land eben plötzlich jüdisch.

Wenn Israel Land enteignet, können Palästinenser natürlich Widerspruch einlegen. Die Familie Nassar ist sogar mit ihrem Rechtsstreit mittlerweile beim israelischen Obergerichtshof gelandet.

Aber.

  1. Aber es hat sie bis jetzt über hunderttausend Euro gekostet und sie sind seit zwanzig Jahren vor Gericht. Sie hatten gute Startvoraussetzungen, da sie alle Papiere für ihr Land hatten und das Geld, um Gutachten verfassen zu lassen, etc.
  2. Es wurden ihnen vor Gericht immer wieder Hindernisse in den Weg gelegt, zum Beispiel mussten sie teure Gutachten mehrfach (!) anfertigen lassen. Beim Übergang vom Militärgericht in Ramallah zum obersten Gericht in Israel mussten sie sich einen Anwalt suchen, der in Jerusalem lebt, da ihr Anwalt aus Ramallah keine Genehmigung erhielt, den Checkpoint zu passieren.
  3. Außergerichtliche Hindernisse wie Siedlergewalt und Drohungen, sowie neue Enteignungsbefehle, die separat verhandelt werden müssen.

Es gibt also einen Rechtsweg, aber praktisch gesehen steht er nur sehr wenigen wirklich offen.

Und dazu kommt, Familie Nassar hat ihr Land nach über zwanzig Jahren Rechtsstreit zwar immer noch, aber es ist immer noch keine Entscheidung gefallen, weil die israelischen Gerichte keinen Präzedenzfall schaffen wollen.

Und in all der Zeit ist im Rest des Westjordanlands das Land ärmerer, schlechter organisierterer Menschen, die kein internationales Netzwerk haben, das für sie Petitionen schreibt, enteignet worden.

Eine Geschichte der Zerstückelung

Ich weiß, ich wollte eigentlich weniger Unterkapitel machen, aber es herrscht einige Verwirrung über die Ansprüche verschiedener Gruppen auf Land und die Legitimität dieser Ansprüche. Um ein wenig Klarheit zu bringen, hier ein kurzer Abriss der neueren Geschichte des Westjordanlands (auch so ein seltsamer Begriff) bis zu den Osloverträgen ’93:

Vor 1948 gehörte das Westjordanland zum Britischen Mandatsgebiet Palästina, nach dem unrealistischen UN Teilungsplan wäre es dem „Arabischen Staat“ zugefallen und tatsächlich wurde es während des israelischen Unabhängigkeitskriegs von Jordanien besetzt und dessen Staatsgebiet einverleibt. Plötzlich waren die Bewohner dort also „Jordanier“ und erhielten jordanische Pässe; außer den Flüchtlingen aus dem Rest Palästinas, die sich weigerten ihren Anspruch auf ihre alte Heimat aufzugeben. 1967 begann Israel einen Angriffskrieg (nach eigener Aussage um sich zu vorbeugend zu verteidigen) und eroberte den Rest des ursprünglichen Mandatsgebiets – Gaza-Streifen und Westbank – und dazu noch die syrischen Golanhöhen.

Hier wird es jetzt kompliziert, da Israel verschiedene Besitzansprüche auf die einzelnen Gebiete geltend machte.

  • Ostjerusalem wurde annektiert und dem Staatsgebiet einverleibt, auch wenn die palästinensischen Einwohner nur Aufenthaltsgenehmigungen erhielten und keine Staatsbürgerschaft.
  • Die Golanhöhen wurden auch annektiert, um den See Genezareth als größte Süßwasserquelle zu sichern.
  • Westjordanland und Gazastreifen wurden besetzt, d.h. das israelische Militär regierte dort mit Militärrecht, und kontrollierte das Land, ohne es offiziell ins Staatsgebiet zu integrieren und dann den Bewohnern Rechte geben zu müssen

Irgendwann zog Jordanien seine Besitzansprüche zurück, nachdem es eine Weile immer noch die Gehälter von Lehrern und anderen Beamten gezahlt hatte. Seitdem ist das Westjordanland formell nicht Teil irgendeines Staates und seine Einwohner sind staatenlos. Außer den jüdischen Siedlern, die sind Bürger Israels, obwohl sie nicht innerhalb seines Staatsgebietes leben. Sie kamen auf eigene Initiative mit starken staatlichen Anreizen, aber dazu anderswo mehr.

Seit 1967 lebten die Palästinenser also rechtlos unter Militärrecht einer Fremdmacht. Sie bauten Israel auf, denn damals gab es noch keine Checkpoints und sie waren billige Arbeitskräfte. Einige profitierten, aber gerade die Flüchtlinge waren unzufrieden und wollten in ihre Häuser zurückkehren, ob die nun noch standen oder nicht. Nach langer Organisationsvorarbeit begann 1987 schließlich die Intifada, das „Abschütteln“, als groß teils gewaltfreier Aufstand von Generalstreiks, Steuerverweigerung und Boykotts.

Als Ergebnis des Aufstands begann unter der Führung Arafats und Rabins der Friedensprozess, der Friede versprach, aber kläglich scheiterte. In Oslo wurden Verträge geschlossen, die den Palästinensern schrittweise Kontrolle über Westjordanland und Gazastreifen geben sollte, in diesen Gebieten sollten sie schließlich ihren eigenen Staat haben. Wichtige Fragen blieben ungeklärt z.B. Wasserrechte, die Frage was mit den Flüchtlingen geschehen sollte und wem Jerusalem gehörte.

Ob es kühle Planung war, oder tragische unvorhersehbare Entwicklungen waren, maße ich mir nicht an, zu beurteilen, jedenfalls wurde Rabin von rechtsradikalen Israelis umgebracht und damit war der Friedensprozess zu Ende.

Wieder ein Friedensnobelpreis umsonst vergeben…

Was Oslo tatsächlich bewirkt hat beschreibe ich im nächsten Artikel.