Lektionen vom Ölbaum

Olivenbäume sind das Merkmal Palästinas, schon seit biblischen Zeiten als die Leviten Oliven als eine der sieben Früchte des gelobten Lands zurückbrachten. Der Ölbaum, seine Früchte und das daraus gewonnene Öl tauchen immer wieder in der Bibel auf, was auf die lange Tradition seiner Nutzung hinweist. In Getsemaneh in Jerusalem gibt es Olivenbäume, die zur Zeit Christi schon dort wuchsen, und im palästinensischen Dorf Al Wallajah soll es sogar noch einige Jahrhunderte ältere Bäume geben.

Der Olivenbaum ist eine in Palästina einheimische Pflanze, die sich über Jahrtausende auf den kargen Regen und die brennende Hitze eingestellt hat, und durch ihr langsames Wachstum ein schier unsterbliches Alter erreicht.

Ich schrieb an anderer Stelle schon über die unglaubliche Widerstandsfähigkeit der Bäume, die sogar das Fällen überleben können und einfach aus dem Stumpf zu neuem Leben erstehen, weil das Wurzelnetzwerk intakt geblieben ist. Das hat auch die Israelische Besatzungsarmee gemerkt und ist dazu übergegangen, Bäume mit Caterpillar-Bulldozern auszureißen.

Wie schon in der Bibel spielt der Olivenbaum in der eingeborenen palästinensischen Kultur eine große Rolle: Menschen erinnern sich teilweise an den Namen der Menschen, die den hundert Jahre alten Baum gepflanzt haben, die Zeit der Ernte war früher ein Familien-, oder sogar Dorffest, wobei sich hier mittlerweile auch die Modernisierung bemerkbar macht und in meiner Erfahrung kaum noch alle Familienmitglieder daran teilnehmen.

Bei diesen tiefen Wurzeln im Bewusstsein der Menschen ist es logisch, dass Daoud gerne den Ölbaum als Beispiel für effektiven und nachhaltigen sozialen Wandel benutzt. Ich möchte im Folgenden seine Punkte in eigenen Worten wiedergeben und dem manches hinzufügen:

Der Ölbaum hat tiefe Wurzeln, die es ihm ermöglichen den langen und heißen Sommer zu überleben. Ebenso brauchen Initiativen, die effektiv sein wollen, ein tiefes Reservoir an Energie haben, um die vielen Anfechtungen zu überleben.

Der Baum wächst sehr langsam und hat ein weitaus größeres Wurzelnetzwerk als der oberirdische „Baum“. So können wirkungsvolle Initiativen oft auch sehr bescheiden und machtlos wirken, weil sie an ihrer Unterstützung in der Gemeinschaft arbeiten müssen. Graswurzelorganisation ist der Schlüssel zu tatsächlicher Gesellschaftstransformation, während der Versuch radikale Politik durch staatliche Reformen ohne Rückhalt in der Bevölkerung fast immer zum Scheitern verurteilt ist. So wie der Ölbaum erst nach sieben bis zehn Jahren Früchte trägt braucht horizontales Organisieren eine lange Zeit, bevor erste Auswirkungen sichtbar werden.

Die ersten zwei Sommer muss man den Baum regelmäßig bewässern, sonst stirbt er, danach kommt er komplett alleine aus, weil die Wurzeln tief genug sind. Ebenso brauchen auch viele Initiativen eine Starthilfe finanzieller oder anderer Art, bevor sie anfangen können zu arbeiten. Es ist aber unbedingt notwendig von dieser Starthilfe nicht abhängig zu werden, sondern sie als „Hilfe zur Selbsthilfe“ zu verstehen und sie dann irgendwann auch schlichtweg abzulehnen.

Soweit Daouds Vergleich. Während ich darüber nachdachte sind mir noch einige Dinge eingefallen:

Wir sind versucht den Baum als alleinstehend zu sehen und nicht in seinem Kontext als Teil eines Ökosystems aus Erde, anderen Pflanzen und Tieren. Tatsächlich sind die Wurzeln des Baumes wichtig, aber nicht um sich aus der unlebendigen Erde an Rohstoffen zu bedienen, sondern um mit Kleinstlebewesen zu handeln und Mineralien gegen Sauerstoff auszutauschen. Tausende Würmer, Insekten und andere Tiere auf der Suche nach Futter graben den Boden um den Baum herum um und hinterlassen wertvolle Nährstoffe in Form ihrer Exkremente. Gleichzeitig gibt es auch Schädlinge, die den Baum kaum am Leben lassen wollen, oder nur um ihn weiter auszubeuten. Andere Pflanzen, z.B. Gras können eine Gefahr sein, wenn der Baum noch jung ist und überwuchert werden könnte, aber sie verhindern auch, dass der Boden austrocknet und die Würmer den Ort verlassen. Sie beziehen ihre Nährstoffe aus anderen Bodenschichten und stören einen großen Baum nicht. Genauso leben auch wir in Zusammenhängen, in denen Solidarität die größten Erträge bringt und gegenseitige Hilfe lebensfördernd ist. Es ist nur unsere kapitalistisch-individualistische Weltsicht, die uns zum Schluss kommen lässt Wettbewerb erbringe immer die besten Erträge. Wir sollten versuchen die Nischen zu finden, in denen wir gemeinsam existieren können und einander fördern könnten. Dies ist besonders für Initiativen wichtig, die oft andere Zielsetzungen haben, und deswegen meinen, nicht zusammenarbeiten zu müssen, oder sogar können. Im Gegenteil, Vielfalt kann zu viel größerer Effektivität führen, auch wenn man nicht unbedingt in allem übereinstimmt.

Aufgrund des Wurzelnetzwerks und der gegenseitigen Hilfe der Organismen kann der Baum die langen Strapazen des Sommers überleben (der gleichzeitig enorme Energie in Form von Sonnenlicht bringt). Dennoch würde er ohne den Winter und den Regen schnell verdorren und sterben. Genauso brauchen wir auch bei dem größten und effizientesten Netzwerk den Wechsel zwischen Arbeit, Fest und Ruhe (oder Sommer, Ernte und Winter), neue Ressourcen und Orte und Zeiten an denen wir Kraft schöpfen können. Die biblische Sabbatordnung bietet dafür eine gute Grundlage und zusammen mit Jesu Kritik an der allzu literalistischen Auslegung der Pharisäer, ist sie ein hilfreiches Gegengift zu der protestantischen Arbeitsmoral, die leider viele Initiativen prägt.

Auch ein hunderte Jahre alter Baum mit tiefen, starken Wurzeln und vielen Früchten ist nicht sicher vor einem Siedler mit einer Motorsäge, oder den Bulldozern der israelischen Armee. Dank der Wurzeln wird der Baum zwar vieles überleben, aber er kann auch nicht auferstehen. Nichts desto trotz sind die Oliven, die einst in ihm hingen längst zu neuen Bäumen geworden.

Gute Organisation, Breites Netzwerken und ausreichend Ressourcen sind keine Garantie dafür, dass unsere Versuche die Gesellschaft zu verändern, nicht von den Mächtigen bekämpft und gestoppt werden. Ein gutes Netzwerk kann dann helfen, neue Sprossen um eine zerstörte Organisation sprießen zu lassen, aber vielleicht verliert es durch Propaganda sogar den Rückhalt in der Gemeinschaft. Dennoch wird all die Arbeit unerwartete Früchte getragen haben und noch tragen.

Wie Daoud in Abwandlung des Lutherzitats sagt: „Selbst wenn ich wüsste, das morgen die Welt untergeht, würde ich heute immer noch einen Olivenbaum pflanzen.“ Und das in Palästina, wo das Ende der Welt sowieso immer um die nächste Ecke scheint.

Erste Gedanken zu bewegten Bildern

Wenn die Arbeit des Tages getan ist, die Sonne hinter den Hügeln im Mittelmeer versunken ist, schauen wir Freiwilligen meistens zusammen einen Film. Aufgrund eines vor kurzem verabschiedeten Abkommen zwischen Medienkartellen und unseren sogenannten „Volksvertretern“ darf ich über die Herkunft dieser Filme nichts genaueres sagen – jedenfalls haben wir keinen Mangel an Auswahl.

Schwieriger ist es jedoch, auf einen Geschmack zu kommen, aber nach längeren Diskussionen entscheiden wir uns normalerweise aufzuhören zu streiten und einfach den Film zu wählen, den die Person am Laptop schauen will. Ausschlaggebend für diese Entscheidung ist immer so etwas wie: „Ihr kennt DEN Film nicht? Den MÜSST ihr gesehen haben, das ist ’ne Bildungslücke.“

Die Erfahrung zeigt, dass dieses Argument sich für jede Art von Genre, ob Action, Drama, Liebesfilm, oder Zombiemassaker benutzen lässt. In der Tat haben wir auch schon alle diese Kategorien, sowie jegliche Überschneidungen abgedeckt. (Vielleicht wird es Zeit für eine andere Freizeitbeschäftigung..)

Jedenfalls habe ich in den letzten sechs Monaten sehr viele Filme gesehen. Gute – und weniger gute. Einige Beobachtungen drängten sich in der Zeit auf (die unter anderem durch ein Buch über Filme gucken geprägt wurden, dass ich mal gelesen hab):

  • erstaunlich wenige Filme schaffen es, die aristotelische Dramentheorie, zu überwinden: entweder,
    • der Held (meist der Held) findet eine Frau, verliebt sich in sie, kommt aber damit verbunden in einen Konflikt, dieser wird verdrängt, und nach anfänglichen Schwierigkeiten funktioniert alles, aber der Konflikt taucht unheilschwanger wieder auf, alles scheint zu Scheitern. Aber dann kommt der Deus ex Machina und löst die Probleme auf. Held darf die Heldin endlich küssen, und mit dem minutenlangen Herauszoomen aus der Nahaufnahme des Kusses in die Totale endet der Film. Jetzt wissen wir, der Film ist eine Komödie, es gibt noch Hoffnung und wir können fröhlich das Kino verlassen.
    • Der Held (immer noch meist der Held) steht in einem unauflösbaren Konflikt, der ihn einholt, gerade, weil er versucht – ihm zu entkommen, oder zu überwinden. Die Katastrophe geschieht, wie in der Komödie, aber kein Gott erscheint, um ihn zu erlösen, höchstens zu verdammen. Der Held stirbt (oder kommt an einen tabuisierten Ort, zum Beispiel ins Gefängnis). Wir trauern und befinden uns in einer Tragödie.
    • Ohne jede Katastrophe finden sich Held (immer noch) und seine Geliebte und dürfen sich behalten – wir sind in der Romanze, die sich fast nur noch bei Rosamunde Pilcher finden.
    • Die Form der Romanze wird als inhaltsleer entlarvt und karikiert. Die ersehnte Liebe vergeht, Langweile bleibt. Wir sind in der Farce, der ultimativen Dekonstruktion.

Fast jeder Film nimmt eines dieser Themen auf, Ausnahmen sind selten und meist nur Vermischungen verschiedener Kategorien durch die Verwendung mehrerer Protagonisten.

  • Wenn Filme sich nicht in privatistische Idealwelten ohne Gewalt und Ungerechtigkeit zurückziehen, so ist Gewalt die einzige effektive Lösung. Der Mythos der erlösenden Gewalt wird bestätigt und bestärkt. Mittlerweile zeigen zwar sogar ausgesprochene Actionfilme einige negative Konsequenzen von Gewalt. Das Leiden der Opfer, die Trauer der Hinterbliebenen und sogar die Probleme der Täter werden erstaunlich oft zumindest am Rande in neueren Actionfilmen gezeigt. Gleichzeitig wird verstärkt eine klare Unterscheidung zwischen illegitimer Gewalt der Bösen und der tragischen, aber legitimen und notwendigen Gewalt der Guten gemacht. Das bedeutet auch, dass Leiden und Tod der Bösen nicht hinterfragt wird, während der Tod eines Guten emotionalisiert und tragisch dargestellt wird und mehr Blutvergießen fordert. (Eine bemerkenswerte Ausnahme ist diese Szene aus Herr der Ringe: Die Zwei Türme).YouTube Preview Image
  • Der Erzbösewicht (ja, der) muss am Ende des Filmes immer sterben, oder zumindest hinter Gitter. Aus seiner Perspektive wäre der Kuss des Paares wohl eine Tragödie. Seine Existenz ist unvereinbar mit der Lösung des Konflikts. Versöhnung ist ausgeschlossen.
  • Ein winziger Bruchteil aller Spielfilme besteht den Becchel-Test. Dieser Test einer Feministin besteht aus drei Fragen: 1. Enthält der Film mindestens zwei Frauen mit Namen? 2. Reden diese zwei Frauen miteinander? 3. Über etwas anderes als einen Mann?Diese Fragen helfen uns, darüber nachzudenken, ob Frauen wirklich gleichberechtigt in diesen Filmen auftauchen (Die Antwort ist nein. Und es ist noch nicht mal irgendwo in der Nähe von einer Frauenquote von 40%). Der einzige Film der letzten Zeit, der den Test besteht ist Sister Act. Peinlich. (Dasselbe kann man mit anderen Randgruppen machen und auf noch deprimierendere Ergebnisse kommen. Wie viel Schwarze, Schwule, Alte, oder Kinder kommen in den meisten Filmen vor?)

Warum mache ich mir eigentlich so viele Gedanken über Spielfilme, die größtenteils flache und vorhersagbare Geschichten erzählen? Können wir uns nicht einfach den Film ansehen und entspannen? Muss man immer alles kritisieren und überinterpretieren?

Ich denke, Filme sind mehr als bloße Freizeitbeschäftigung. Seit Menschengedenken erzählen sich Menschen gegenseitig Geschichten. Und diese Geschichten sind nicht nur Freizeitbeschäftigung. Sie thematisieren die Fragen unserer Existenz, geben uns Bedeutung und Halt. Sie prägen und bestätigen unser Weltbild.

Als unsere Vorfahren sich um das Feuer versammelten und die Alten Geschichten erzählten, dann erklärten sie damit den Lauf der Welt, das Wesen der Dinge und den Sinn unseres Lebens. Manche dieser Geschichten sind uns erhalten, und die Bibliotheken, die mit ihren Interpretationen gefüllt sind, sind Zeugnis für ihre Wirkungsmacht. Durch Aufnahme, Auslegung, Weitergabe und Anpassung dieser Geschichten gewinnen sie an Bedeutung und werden Teil unserer Kultur.

Mit der Erfindung der Schrift wurde es möglich Geschichten zu kodifizieren und sie als endgültig zu erklären. Der Buchdruck machte es möglich diese Geschichten zu verbreiten und so die „Wahrheit“ vielen mitzuteilen, die ihre eigenen Geschichten dann aufhörten zu erzählen und die „wahre“ Geschichte erzählten. Massenkommunikationsmittel wie das Fernsehen ermöglichen es nun, allen vernetzten Personen die gleiche Geschichte zu erzählen. Diese zentralisierten Kommunikationsformen geben denjenigen, die sie kontrollieren, die Möglichkeit „die Wahrheit“ zu gestalten – wie wir zum Beispiel im Vorlauf des Irakkriegs sahen und jetzt wieder mit Iran.

Außerdem verwandeln wir uns mit fortschreitender Zentralisierung der Kommunikation immer mehr in Konsumenten. Wir hören auf uns gegenseitig Geschichten zu erzählen und setzen uns im Wohnzimmer vor den Fernseher (oder in der Höhle vor den Laptop).

Oft wird die Freiheit des Internets beschworen, indem jede/r Kultur schaffen kann und weitergeben kann. Zum einen ist diese Freiheit doch eher mau, zum Beispiel schränkt mich das Format dieses Blogs ein und um es zu ändern muss ich mich einer Kunstsprache unterwerfen. Noch größer ist Uniformität der Individualität auf Facebook, wo ich meine Persönlichkeit in gleichgroßen Bildern und Statusmeldungen, die ich am besten mit Markennamen und ähnlichem spicke, darstellen darf. Gleichzeitig arbeiten die Kräfte der Zentralisierung mit aller Kraft daran, diese Freiheit zu zerstören. SOPA (Stop Online Piracy Act) und ACTA (Anti Counterfeit Trade Agreement) sind nur die letzten in einer Reihe von Versuchen das Internet einzuschränken und in seinem Wesen endgültig zu einem Mittel der Propaganda zu machen (Erinnert sich noch jemand an den Bundestrojaner?).

Zurück zu den Filmen. Wenn Geschichten wirklich unser Weltbild prägen und bestätigen, können sie es dann auch infrage stellen? Und was ist mit Bewusstmachung?

Ich denke, wir sollten Filme ernster nehmen, und sie kritisieren. Wenn wir Gewalt ablehnen, aber kritiklos jubeln, wenn der Bösewicht am Ende des Films erschossen wird, glauben wir dann nicht immer noch an die erlösende Kraft der Gewalt? Wenn wir für Gleichberechtigung sind und doch nicht bemerken, dass immer nur weiße 30-Jährige Männer in den Filmen auftauchen, was heißt das für unseren eigenen Rassismus, Sexismus, Ageismus?

Gleichzeitig sollten wir ernst nehmen, wie wichtig vielen Menschen Filme sind und, dass diese sie unbewusst internalisieren. Oft werden diese Menschen Kritiker als Korinthenkacker und Spaßverderber wahrnehmen. Ich denke, es ist wichtig anzuerkennen, dass Filme die Weltsicht stark prägen und eine Erschütterung dieses Glaubens in die Verteidigung zwingt. Man sollte also behutsam vorgehen und zuerst den Balken im eigenen Auge sehen.

Außerdem lohnt es sich nach ungewöhnlichen Geschichten Ausschau zu halten – ein Ratgeber dazu kann Vic Thiessens englischsprachiger Filmblog sein. Und zu guter letzt sollte man sich auch nicht die Laune ganz von der Kritik verderben lassen, einfach nur im Hinterkopf behalten.

Ich werde in Zukunft ab und zu Analysen von Filmen oder Szenen hier veröffentlichen.

Godwins Gesetz in Israel und Palästina

„Mit zunehmender Länge einer Online-Diskussion nähert sich die Wahrscheinlichkeit für einen Vergleich mit Hitler oder den Nazis dem Wert Eins an.“

– Mike Godwin

Der obenstehende Satz ist die Definition von Godwins Gesetz, einem empirischen Gesetz der Internetkultur. Während es im Internet meist eine Weile dauert, bis ein Nazivergleich aufkommt, scheint diese Dauer hier in Israel und Palästina um einiges verkürzt zu sein.

Jetzt sind es gerade die Ultraorthodoxen, die behaupten, in Israel wie im Ghetto leben zu müssen..

Aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass fast alle, denen ich begegne, sehr schnell meinen, sagen zu müssen, dies oder jenes, sei „wie die Nazis“, „wie der Holocaust“, „wie Hitler“. Diese Aussagen kommen von Internationalen, die über die Not der Palästinenser sprechen, von Israelis, die über das Verhalten „der Araber“ ihnen gegenüber sprechen, und von Palästinensern, die ihrer Not Ausdruck verleihen wollen.

Diese schnellere Anwendung von Godwins Gesetz liegt an meiner Meinung nach an mehreren Faktoren:

  1. mangelndes Geschichtswissen: Das Wissen über die Shoa, deren Ausmaß, Ursachen und Folgen sind unter Palästinensern leider nicht ausgeprägt genug, auch unter Internationalen herrscht leider auch oft mangelndes Detailwissen, bei Israelis ist die Rezeption der Shoa stark ideologisch verfärbt (Shoa als Rechtfertigung des Zionismus).
    Auch fehlt oft das Wissen über andere passendere Vergleiche (Südafrika), bzw. die Einordnung der israelischen Besatzung und Kolonisierung in den größeren Kontext von Kolonisierung und Ausbeutung
  2. Normalisierung des Vergleichs: Die Shoa ist in Israel immer Teil des Diskurses und so werden Nazivergleiche sehr häufig verwendet. Dies bewirkt, dass der Vergleich kein extremes Mittel, sondern alltäglich wird (ähnliches gilt für Antisemitismusvorwürfe). Die Palästinenser auf der anderen Seite nehmen dies wahr und benutzen den Vergleich in der Hoffnung Aufmerksamkeit für ihr Leiden zu erhalten.
  3. Meine Nationalität: Nach Gesprächen mit anderen Internationalen, Deutschen und Nicht-deutschen habe ich festgestellt, dass gegenüber Deutschen öfter Situationen und Personen öfter mit dem sogenannten „3. Reich“ verglichen werden. Ich vermute, dass die vergleichende Person eine starke Reaktion bei Deutschen vermutet und meist auch erhält. Manche meiner deutschen Bekannten haben deswegen angefangen, ihre Nationalität zu leugnen und sich beispielsweise als Schweden auszugeben.

Diese Liste an Faktoren lässt bewusst die Frage außen vor, ob der Vergleich legitim ist. Eine Antwort darauf würde sehr lang ausfallen und ich würde allen, die es interessiert raten, hierher zu kommen und sich selbst ein Bild zu machen. Ich selbst habe in manchen Gesprächen Nazivergleiche gemacht und habe gleichzeitig andere dafür kritisiert.

Vielleicht ein andermal mehr dazu. Heute will ich nur allen hier in der Gegend einen Godwinpunkt verleihen.

Gratulation!

Adventlich-grammatikalische Offenbarung

Macht hoch die Tür, die Tor macht weit;
es kommt der Herr der Herrlichkeit,
ein König aller Königreich,
ein Heiland aller Welt zugleich,
der Heil und Leben mit sich bringt;
derhalben jauchzt, mit Freuden singt:
Gelobet sei mein Gott,
mein Schöpfer reich von Rat.

So lange ich mich erinnern kann, hat mich dieses Lied in der Adventszeit verwirrt: „Der Herr der Herrlichkeit“, damit konnte ich etwas anfangen, das soll Jesus sein, auch die anderen Titel sind mir als treuem Kindergottesdienstbesucher einleuchtend gewesen, „König aller Königreich“, „Heiland aller Welt zugleich“, kennt man ja. Nun kommt ein Relativsatz, der erklärt, dass Jesus „Heil und Leben mit sich bringt“ und jetzt kommt noch ein Relativsatz, der besagt, dass Jesus „[…]halb jauchzt, mit Freuden singt“.

So habe ich es zumindest immer verstanden. Meine Vorstellung von Jesus war lange Zeit ein Typ, der verklemmt jauchzt und gerne Lieder singt. Was vielleicht in unsere Gemeinden passt, in denen bei Predigten fröhliches und freies Jauchzen verordnet wird, und immer wieder betont wird, wie gerne man doch singt…

Auf einer theologischen Ebene gesehen, ist das nicht Häresie? Ein Jesus, der halb jauchzt, ist das nicht eindeutig eine Leugnung der ganzheitlichen Doppelnatur Christi, der zugleich ganz Mensch und ganz Gott ist? Wenn Jesus hier nur halb jauchzt, ist er dann vielleicht auch nur halb Mensch – oder halb Gott, welche Natur ist eigentlich für das Jauchzen zuständig?!

Wer den Text weiter betrachtet, wird zu dem Schluss kommen, dass es wohl die menschliche Natur ist, denn Jesus singt ja anscheinend: Gelobet sei mein Gott // mein Schöpfer reich von Rat.

Gestern fiel es mir im Gottesdienst dann wie Tannennadeln vom Weihnachtsbaum: „Derhalben“ ist ja zusammen geschrieben… das ist ein Wort, das gar kein Relativpronomen ist sondern eine Subjunktion, ein Prototyp unseres guten „deshalb“. Doch keine Häresie, kein halbjauchzender Jesus, der gerne singt.

Dann sind aber „jauchzt“ und „singt“ Imperative – womit wir wieder beim verordneten Jauchzen wären…


KDV + Bild!

Begründung zur Kriegsdienstverweigerung

Eigentlich bin ich der Meinung, dass ich meine Weigerung, Kriegsdienst zu leisten, nicht begründen muss – ganz im Gegenteil – der Staat sollte mir beweisen, warum ich bereit sein sollte, eine Waffe in die Hand zu nehmen, andere Menschen zu verletzen und zu töten und selbst an Seele und Körper lebenslange Narben zu erhalten.

Da das Ganze so aber nicht läuft, werde ich im Folgenden meine Gründe liefern, warum ich dem Staat hier nicht zu Diensten sein kann und will.

Meine Eltern haben mir von klein auf gezeigt, dass Hass und Gewalt niemals zur dauerhaften Lösung eines Konflikts betragen, da nur Versöhnung und eine Herstellung gerechter Beziehungen dies bewerkstelligen können. Mein Vater war fünfundzwanzig Jahre im Deutschen Mennonitischen Friedenskomitee tätig und arbeitete in den Kriegsgebieten des Jugoslawienkriegs in Flüchtlingslagern, wohin er uns oft mitnahm, wodurch ich die Zerstörung durch Panzer, Gewehre und Bomber mit eigenen Augen sah, während wir in die menschenleeren Touristengebiete fuhren. Meine Mutter hat ein großes Herz für sozialbenachteiligte Menschen, die teilweise Opfer von Gewalt wurden, und auch strukturelle Gewalt seitens des Staates durch entwürdigende Sozialhilfeprozeduren und rassistische Asylgesetze erfahren haben.

In der Gemeinschaft, in der ich mit meinen Eltern lebe, nehmen wir oft Gäste aus aller Herren Länder auf, die meinen Erfahrungshorizont enorm erweitert haben und es mir unmöglich machen, in fremden Menschen meine Feinde zu sehen.

Ich bin als Christ aufgewachsen und habe mich mit vierzehn Jahren entschieden, dass Jesus Christus meine einzige Autorität sein soll, woraufhin ich mich habe taufen lassen. In der gesamten Bibel wird von Gott als einem Gott der Befreiung, der auf der Seite der Armen und Unterdrückten steht, erzählt; einem Gott, der die rebellische Menschheit, die meint, selbst herrschen zu können und dabei sich selbst ermordet, trotz allem liebt und sich bemüht sie zurück zu gewinnen.

Im Neuen Testament wagt Gott den ultimativen Schritt, wird selbst Mensch und liefert sich unserer Gewalt aus, er, unser Schöpfer. Die Berichte von Jesu Leben sollten Christen ein Beispiel sein, wie sie leben sollen, am deutlichsten wird dies in der Bergpredigt (Matthäus 5-7), in der Jesus die Ausgegrenzten und Schwachen selig preist, und das Gesetz, das Mose von Gott erhalten hatte, zu Ende denkt.

Heißt es dort: „Du sollst nicht töten“ (2.Mose,20,13) – was für eine Kriegsdienstverweigerung schon ausreichen würde – so sagt Jesus „Selig sind die Friedensstifter, denn sie werden Gottes Kinder heißen“ (Matthäus, 5,9) und „Liebet eure Feinde“ (Matthäus, 6, 44) – was mir die Grundausbildung, in der die Befähigung zum Mord zentral ist, unmöglich macht.

Des Weiteren glaube ich, dass Gott der einzige Herr über Leben und Tod ist und selbst die Gewalt am Kreuz bezwungen hat. Somit kann ich dem Ruf zu den Waffen nur mit Ablehnung begegnen; stattdessen will ich versuchen, mich in Konflikten auf der ganzen Welt gewaltfrei auf die Seite der Ohnmächtigen zu stellen und mit meiner Liebe, die nur ein schwacher Abglanz der Liebe Gottes ist, Tätern und Opfern zu helfen versuchen, in eine gute Beziehung zurückzukehren.

Mit Schrecken stelle ich fest, dass die Bundesrepublik Deutschland, die 1949 unter dem Eindruck der Gräueltaten der Shoa und des verbrecherischen zweiten Weltkriegs gegründet wurde, und „Nie wieder Krieg“ gelobte, diesen Vorsatz über den NATO-Doppelpakt, die Wiedereinsetzung der Bundeswehr, samt Wehrpflicht, den Einsatz im Kosovo und nun in Einsätzen in aller Welt, ob am Horn von Afrika oder in Afghanistan, komplett fallengelassen hat, und namhafte Politiker wieder Angst machen vor Pazifisten und offen über das Erreichen wirtschaftspolitischer Ziele durch Militäreinsätze sprechen.

Ich muss vielleicht gar nicht mehr verweigern, da die Wehrpflicht bald ausgesetzt wird und die Bundeswehr damit eine Berufsarmee wird, die losgelöst vom Volk, schlagkräftig und effizient in aller Welt in umgangssprachlichen Kriegen umgangssprachlich töten und sterben kann. Dennoch will ich verweigern, da ich somit meine grundsätzliche Ablehnung des Militärs ausdrücke und gegen eine plötzliche Wiedereinführung der Wehrpflicht gewappnet bin.

Mit den Worten Martin von Tours, des Patrons der Soldaten und Kriegsdienstverweigerer: „Ich kann nicht für den Kaiser kämpfen, denn ich bin ein Soldat Christi.“

Wozu öffentliche Bibliotheken führen können

Robs hat einen neuen Artikel geschrieben, eine Anekdote aus der Gemeinde über Autonomie und einfaches Leben, und über ein Buch, das in ihrer Gemeindebibliothek vorhanden sein wird. Er schreibt auch, dass ihn dieser Blogeintrag über Andrew Carnegie“ nochmal bestätigt hat in der Idee die Gemeindebibliothek zu gründen.

Mal nachsehen, vom wem „dieser Blogeintragist. Ah, Kerstin, von ihr habe ich schon länger nichts mehr gelesen, schön was schreibt sie denn so über Andrew Carnegie, den zweitreichsten Mann der Welt, nach John Rockefeller?

„Vor fast 200 Jahren tat sich ein Weber in Schottland mit einigen anderen Männern zusammen. Sie stellten die fünf (!!!) Bücher, die sie besaßen, der Allgemeinheit zur Verfügung, eröffneten eine Leihbibliothek. Als dampfbetriebene Webstühle aufkamen und die Handweber mit der Konkurrenz nicht mithalten konnten, verarmte die Familie und wanderte nach Amerika aus.
Sein Sohn Andrew
[Carnegie] profitierte davon, dass ein reicher Bürger Philadelphias, seine private Bibliothek für interessierte Arbeiterjungs öffnete – man konnte sich jede Woche ein Buch ausleihen. Andrew bildete sich so gut er konnte und er hatte die Fähigkeit, Trends zu erkennen“

Da hat Robert also die Bestätigung für die Gemeindebibliothek her. Schön, dass Andrew trotz dem wirtschaftlichen Ruin seiner Eltern durch die industrielle Revolution eine zweite Chance bekommen hat. Hoffentlich behält er in Erinnerung was er erfahren und nutzt seine Fähigkeit, Trends zu erkennen“ dazu, den beginnenden Großkapitalismus zu erkennen und etwas für die zu tun, die ein ebenso hartes, oder härteres Schicksal hatten wie er.

Ich lese weiter:

„In seinem Essay “The Gospel of Wealth” schrieb er einige seiner Überzeugungen nieder. Für ihn war der Glaube an den Fortschritt und die Weiterentwicklung der Menschheit Antrieb und Motivation. Er war überzeugt davon, dass begabte Menschen den technischen und wirtschaftlichen Fortschritt der Menschheit entscheidend voranbringen würden. Dass sie in dem Prozess auch reich würden, war für ihn selbstverständlich.“

Da Carnegie sich nicht als Christ bezeichnete, werde ich nicht auf den seltsamen Begriff des „Evangelium des Reichtums“ und den Widerspruch zum Evangelium Christi eingehen. Das könnt ihr selber tun, ich empfehle Matthäus 19,24.

Begabte Menschen bringen die Menschheit technisch und wirtschaftlich in der Tat weiter. Aber auf diesen Fortschritt kommt es doch gar nicht an. Es kommt darauf an, dass wir wissen, was wir mit den neuen Techniken anfangen sollen, ob diese uns hilft bessere Menschen zu sein. Gleiches gilt für die Wirtschaft.

Aber das tun sie beide gerade nicht, Technik macht uns abhängiger von der Wirtschaft, weil wir nicht länger wissen, wie wir ohne die Technik, die auf komplizierter Arbeitsteilung aufgebaut ist, leben sollen und die Wirtschaft redet uns ein, wir müssten immer mehr Technik kaufen. Um diese Technik herzustellen wird ein Großteil der Hersteller (der echten Hersteller!) ausgebeutet, muss in unwürdigen und giftigen Bedingung arbeiten, stirbt in Folge dessen früher und ihre Kinder haben keine Bildung – außer natürlich wenn wie bei dem jungen Carnegie ein netter reicher Mann die Bibliothek öffnet.

Das man reich wird, wenn man die Arbeitskraft derer ausnutzt, die ungebildet sind, deshalb keine andere Arbeit finden können und ihnen dann weniger zahlt, als das, was sie produzieren, wert ist, ist irgendwie selbstverständlich.“ .

Aber, „Er hielt es für eine Schande, wenn ein Mensch reich sterben würde.“

Mist, da hat er jetzt das ganze Geld, wohin nur damit? Der Artikel verrät uns wie Carnegie darüber dachte:

„- Geld zu vererben betrachtete er als Gefahr für den Charakter der Erben, die möglicherweise nicht gut mit dem Reichtum umgehen würden.
– Geld zu verteilen hielt er für unsinnig, da seiner Meinung nach viele Menschen es nur für Konsum, nicht jedoch für persönliche Weiterentwicklung verwenden würden. Nachvollziehbar. Als ich im Flugzeug über die Spenden las, sagte mein Sitznachbar: “Die sollten mir was von dem Geld geben.” Auf meine Frage, was er denn mit dem Geld tun würde, antwortete er “Going to the beach and party…and have some drinks.” Aha.
– Geld dem Staat zu vererben hielt er für unsinnig, da damit nicht sichergestellt wäre, dass das Vermögen auf eine gute Art und Weise und im Sinn des Spenders verwendet würde.
Damit blieb für ihn nur die Option
– Geld während der eigenen Lebenszeit in Projekte und Dinge zu investieren, die dem Wohl und dem Fortschritt der Menschheit dienen.
Andrew Carnegie, lebte gemäß seiner eigenen Überzeugungen. Für ihn war der Zugang zu Bildung sehr wichtig und so finanzierte er unter anderem den Bau und die Ausstattung von mehr als Tausend Bibliotheken. Auch die Carnegie Hall in New York wurde von ihm finanziert. Insgesamt spendete er zu seinen Lebzeiten mehr als 90 % seines enormen Vermögens für Bildung und andere soziale Zwecke.“

Ich muss Carnegie recht geben, die drei ersten Optionen sind Schwachsinn und würden wahrscheinlich großen Schaden anrichten, weil Menschen mit so viel Geld eben nichts anfangen können.

Und seine Lösung ist doch genial, der Mann finanziert nachhaltige Institutionen, die vielen Menschen geholfen haben.

Bleibt nur die Frage, wie vielen Menschen er auf dem Weg dorthin geschadet hat.

Wie viele sind wegen ihm verarmt und brauchten deshalb erst seine Hilfe?

Ich hoffe, dass die Gemeindebibliothek in Costa Azul keine Carnegies hervorbringt. Die Welt hat schon genug wohlmeinende Kapitalisten. Ich hoffe, dass die Gemeindebibliothek Aktivisten, Rechtsanwälte, Bauern, Pastoren und Politiker hervorbringt, die die Unterdrückung, die uns Technik und Wirtschaft gebracht haben beenden. In Paraguay, Südamerika und der ganzen Welt. Und wenn ich mir die Bücher ansehe, von denen ich weiß, dass sie dort stehen werden, bin ich guter Hoffnung.


Zahnbürstenrevolution

Heute war ich beim Kieferorthopäden und habe eine Zahnbürste geschenkt gekriegt. Ich fand das ziemlich seltsam und dachte während die Kieferorthopädin mit ihren Fingern in meinem Mund war über Zahnbürsten nach – hauptsächlich um mich davon abzulenken, dass es ebenso seltsam ist, dass diese Frau, zugegebenermaßen mit großer Sorgfalt, in meinem Mund Metallstücke befestigt.
Als ich so dalag, auf diesem bequemen Zahnarztstuhl, kroch mir ein Ohrwurm in den Gehörgang und er hat mich seitdem nicht mehr losgelassen: Kennt ihr die Geschichte vom kleinen Johnny? – ein Lied das ich früher immer mit meinem Vater gesungen habe.
Es geht um den kleinen Johnny, dem Martin Luther King sagt er soll beim protestieren seine Zahnbürste dabei haben, denn wenn man ins Gefängnis kommt, muss man alles abgeben außer seiner Zahnbürste und deshalb ist die Zahnbürste ein Zeichen, das man bereit ist ins Gefängnis zu gehen.
Der Refrain geht mir nicht mehr aus dem Kopf:
„Hast du deine Zahnbürste dabei? Du wirst sie noch gebrauchen. Man sperrt heut noch viele Menschen ein, die gegen Unrecht sind.“

Mich haben zwei Sachen überrascht: Auf der einen Seite, dass ich mich überhaupt daran erinnere, weil ich nur ganz wenige Erinnerung aus meiner Kindheit habe, aber was mich viel mehr erstaunt hat, war radikale Botschaft, die dieses Lied hat:
Setz‘ dich für Gerechtigkeit ein und sei bereit dafür in den Knast zu gehen.
Für ein Kinderlied (und auch für ein Lied allgemein) ziemlich krass.
Im Endeffekt ist das Lied eine Neuformulierung dessen, was Jesus in Mk 8:34 sagt: (Lutherübersetzung): „Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“
Im römischen Reich mussten politische Umstürzler, die zum Kreuzestod verurteilt wurden, ihr Kreuz meist selbst bis zum Hinrichtungsort tragen. Sein Kreuz auf sich nehmen, dass heißt nicht irgendeine Bürde auf sich nehmen, wie zumindest ich früher immer angenommen habe. Es heißt nicht, nimm diese Gebote auf dich und dann kommst du in den Himmel. Darum geht es hier gar nicht. Es ist bloß meine seltsame Lesart, von der ich nicht weiß, wer sie mir beigebracht hat, wenn es um Glauben geht immer, gleich an den Himmel zu denken.
Es geht darum revolutionär zu leben, sonst bräuchte man kein Kreuz, sich der unausweichlichen Reaktion des Systems dann aber nicht zu entziehen, sondern sogar sein eigenes Kreuz mit zu bringen. Zu sagen: „Tötet mich doch, dieser Kampf war es wert. Ihr könnt nur meinen Körper töten, doch mein Zeichen wird mich überdauern und ich werde in Gottes Reich leben, dem ihr euch weigert unterzuordnen.“ – Ok, hier hat es doch wieder was mit dem Himmel zu tun…
Für mich ist es jeden Tag neu ein Kampf mein Kreuz oder wahlweise meine Zahnbürste auf mich zu nehmen, ein Kampf, den ich oft aufgebe, bevor er begonnen hat. Auch wenn, oder gerade weil, es sich gut anfühlt den Staat und die Schule zu kritisieren und in der Schule der radikale Typ zu sein, den alle nur Dschiises nennen und der sich jedes Mal neu darüber aufregt und zu jeder Meinung eine Gegenposition bezieht, sind meine radikalen Aktivitäten an diesem Punkt zu Ende – bis auf das gelegentliche Übersetzen für CPT Deutschland, oder MCN…

Das Lied formuliert diese Aussagen in einer Art, die Kinder verstehen können, aber es vereinfacht das Thema nicht. Es wird vielleicht sogar krasser, weil es Kinder verstehen können. Ich würde das Lied gerne mal im Kindergottesdienst singen, aber ich habe das Gefühl noch nicht würdig dafür zu sein. Ich muss erst noch eine lange Zeit meine Zahnbürste mit mir herumtragen.

Heute ist ein guter Tag ein Nerd zu sein

Nerd sein ist schwer. Ständig muss man anderen Wesen erklären, dass das Leben sehr wohl sinnvoll ausgefüllt sein kann, wenn man Comics liest, Rollenspiele* spielt und tagelang darüber debattiert, welche die beste aller möglichen Parallelwelten ist. Immerhin gibt es ja unendlich viele. Nerds, wahlweise auch Freaks, oder Streber genannt, wir selbst bevorzugen die Bezeichnungen „Nerd“ oder „Geek“, für die bisher noch keine konsensfähigen Übersetzungen ins Deutsche gefunden wurden. Aber eine Forschungsgruppe testet gerade verschiedene Versuchsreihen.

Dann noch all diese Menschen, die denken, Nerds seien alle gleich, dabei gibt es sehr differenzierte Gruppen von Nerds, die teilweise durch uralte Fehden verfeindet sind, was immer wieder dazu führt, dass Ikosader rollen müssen:

  1. DC- und Marvel-Leser
  2. DSA-, D&D-, AD&D-, Midgard-Spieler und Spieler vieler anderer Systeme
  3. Wikipedianer
  4. Sci-Fi und Fantasyliteraten
  5. Mathematiker
  6. Physiker
  7. Alchemisten (heute unter dem Denkmantel der Pseudowissenschaft „Chemie“ bekannt, betreiben sie weiter die Suche nach dem Stein der Weisheit und der wahren Erkenntnis)
  8. Π-Jünger
  9. WoW gegen Guild Wars

Die Liste könnte noch sehr lange, weiter geführt werden, der Beweis, ob es endlich oder unendlich viele Strömungen des Nerdismus gibt steht noch aus, die zwei Möglichkeiten bieten wiederum zwei neue.

Diese inneren Streitigkeiten führen allerdings dazu, dass der Kampf um soziale Anerkennung – wie unwichtig sie den meisten Nerds auch offensichtlich ist, da sie sich sowieso seltenst in der sogenannten Realität aufhalten – gelähmt wird, was zu schweren Diskriminierungen gegen Nerds führt. So wird beispielsweise der volkanische Gruß („Live long and prosper“) immer noch meist mit Lachen quittiert, statt mit einer ernsten Antwort.

Selbiges gilt auch für „Möge die Macht mit dir sein“, oder Menschen, die Elbisch als ihre Wahlsprache sprechen.

Man kann also durch aus von Nerdophobie sprechen und folgern, dass wir Nerds eine sozial benachteiligte Gruppe sind.

Um auf dieses Problem aufmerksam zu machen und Geeks in ihrem Wesen zu bestärken, wurde der „Geek Pride Day“ 2006 ins Leben gerufen. An diesem Tag sollen Geeks und Nerds stolz sein Geeks zu sein.

Der Geek Pride Day findet heute, am 25. Mai statt, gleichzeitig auch der Towel Day zu Ehren von The Hitchhiker’s Guide to the Galaxy und dessen Autor Douglas Adams sowie Der Glorious 25th of May, für Terry-Pratchett-Fans. Drei Dinge stolz zu sein und diesen 25. Mai, und alle folgenden, gebührend zu feiern. Mit Handtuch, volkanischem Gruß und Scheibenwelt Romanen.

Live long and prosper!

PS: Noch ein paar meiner Lieblingszitate von Adams und Pratchett:

„An education was a bit like a communicable sexual disease. It made you unsuitable for a lot of jobs and then you had the urge to pass it on.“
Terry Pratchett
, Hogfather

[The pamphlet] was very patriotic. That is, it talked about killing foreigners.
Terry Pratchett
, Monstrous Regiment

God does not play dice with the universe; He plays an ineffable game of his own devising, which might be compared, from the perspective of any of the other players, to being involved in an obscure and complex version of poker in a pitch dark room, with blank cards, for infinite stakes, with a dealer who won’t tell you the rules, and who smiles all the time.
Terry Pratchett, „Good Omens“

In the beginning the Universe was created. This has made a lot of people very angry and has been widely regarded as a bad move.
Douglas Adams, The Hitchhiker’s Guide to the Galaxy
There is a theory which states that if ever anybody discovers exactly what the Universe is for and why it is here, it will instantly disappear and be replaced by something even more bizarre and inexplicable. There is another theory which states that this has already happened.
Douglas Adams, The Hitchhiker’s Guide to the Galaxy

Space is big. You just won’t believe how vastly, hugely, mind- bogglingly big it is. I mean, you may think it’s a long way down the road to the chemist’s, but that’s just peanuts to space.
Douglas Adams, The Hitchhiker’s Guide to the Galaxy

*: Nein, nicht das woran du gerade denkst. Pen&Paper-Rollenspiele. Oder höchstens LARP.

Anarchistischer Apfelsaft

Letztens saß ich mit unserem theologischen Mitarbeiter Tereré trinkend unter dem Apfelbaum, als ein Apfel herunterfiel.

Vor fünfhundert Jahren beobachtete Isaac Newton der Sage nach denselben Vorfall und entwickelte danach seine Theorie der Schwerkraft. Da er das schon getan hatte, musste ich mir etwas anderes einfallen lassen und so kam ich auf die Idee, Apfelsaft zu machen. Von einem netten Herrn bekam ich eine Saftpresse ausgeliehen und noch drei Säcke Äpfel sowie den Rat die Äpfel zunächst zu häckseln…

keine Angst - die Hände sind noch dran

freundliche Unterstützung eines Klassenkameraden

Das Ergebnis kann sich sehen lassen: 27 Liter Apfelsaft, habe ich bis jetzt produziert, bin Apfelsaftselbstversorger geworden und mich somit einstweilen vom kapitalistischen Apfelsaftmarkt losgesagt^^.

Ich war hin und her gerissen, ob ich meinen Apfelsaft der „Front Deutscher Äpfel“ widme, aber habe mich dann doch für den  pfelsaft entschieden. 😀

Zunächst hatte ich vor einiges gären zu lassen und dann als Most zu trinken, aber der Ansturm ist so groß, dass daraus wohl nichts wird.

Komm doch auf ein Glas Apfelsaft vorbei!prosit!

Wer ist hier der Feigling?

Letztens stieß ich über mehrere Ecken auf einen interessanten Text. Darin argumentiert der Autor, dass Pazifismus die ultimative Immoralität sei, das Letzte überhaupt. Als ich den Artikel anfing zu lesen, dachte ich, es sei eine Satire.

So dumm kann doch niemand sein zu behaupten, Pazifisten seien Feiglinge, die keinerlei Widerstand leisten würden, wenn sie angegriffen werden.

Aber dann dachte ich an die zahllosen Diskussionen, die ich geführt habe, in denen mir immer wieder Feigheit vorgeworfen worden war. In denen man mir abstruse Szenarien von unendlich bösen Einbrechern vorgab, die meine Familie umbringen wollten und die nur ich mit tödlicher Waffengewalt aufhalten konnte.

Es scheint, dass viele immer noch nicht wissen, was das eigentlich ist: Pazifismus.

„Pazifismus“ kommt von „pacem ficere“ – Frieden schaffen. Ziemlich aktiv also. Die meisten Leute verstehen Pazifismus aber als „Passivismus“ – passiv sein aus Prinzip.

Mahatma Gandhi, einer der bekanntesten Pazifisten überhaupt sagte einst: „Wenn es nur die Alternative zwischen dem Gewehr und nichts tun gäbe, würde ich natürlich zum Gewehr greifen“ – aber, wie er mit seinem Leben zeigte, es gab immer einen dritten Weg.

Pazifismus bedeutet sich aktiv gegen Gewalt und Ungerechtigkeit einzusetzen, wie Gandhi, als er mit seiner gewaltfreien Armee Indiens Unabhängigkeit erwirkte, oder Badschah Khan seinem pakistanischen Mitstreiter. Oder Martin Luther King, der die Rassentrennung in den USA bekämpfte und erschossen wurde, bevor er den „Arme Leute Marsch“ nach Washington organisieren konnte, der alle Unterdrückten, ohne Ansehen ihrer Hautfarbe, vereinen sollte, um Gerechtigkeit zu erwirken.

Pazifismus heißt seine Feinde zu lieben und Menschen in ihnen zu sehen, auch wenn sie uns das Gegenteil beweisen wollen.

„Gewalt ist die Waffe des Schwachen; Gewaltlosigkeit die des Starken.“ Mahatma Gandhi