GYS vorbei

Der zweite Weltjugendgipfel der Mennos war ein super Wochenende!

Ich habe super Leute kennen gelernt und es war ein toller Anfang für die Weltkonferenz, die heute beginnen wird.

Ein paar Bilder kann man hier finden, es waren laut ein paar Leuten, mit denen ich sprach 700 Teilnehmer!

Das Motto „Dienen: Lebe den Unterschied!“ hatte mich sehr gereizt, aber er kam in den kleinen Gesprächen besser raus als im offiziellen Programm, wobei die Delegierten in ihrem Programm vielleicht mehr darüber machten.

Morgens und abends leitete jeweils ein Kontinent den Gottesdienst. Am eindrücklichsten war für mich der nordamerikanische Gottesdienst, in dem die Delegierten aus Kanada  und USA für die Politik ihrer Länder und die teils arrogante Art wie ihre Kirche bis jetzt aufgefasst hat für Vergebung bat.

Mein Mund brauchte eine ganze Weile bis er sich wieder schließen konnte. So viel Einsicht hätte ich nicht von ihnen erwartet und ich vergab ihnen von ganzem Herzen – auch wenn ich weniger Anlaß dazu hatte als die südlichen Kontinente… Da aber niemand öffentlich reagierte ging Micky dann auf die Bühne und sagte, wie sehr es sie bewegt hatte und vergab ihnen – in kleineren Gespärchen ist glaube ich noch viel passiert.

Ich traf viele junge Menschen, die eine andere Hautfarbe, Kultur und Sprache haben als ich und dennoch meine Überzeugungen teilten, die Jesu Joch auf sich nehmen und ihm folgen wollen, woher er geht. Und ich traf leider auch einige, die meine Hautfarbe hatten, in meiner (oder einer ähnlichen) Kultur lebten und meine Sprache sprachen, für die es nur eine Gelegenheit war ein paar ihrer Freunde zu treffen, die wie sie waren.

Dank meiner Sprachkenntnisse konnte ich oft im interkulturellen Dialog helfen und spanisch-deutsch, oder spanisch-englisch (selten auch englisch-deutsch) dolmetschen

Ich traf viele bekannte Gesichter, aber ich fand nicht die Zeit mich mit ihnen zu unterhalten, weil ich immer irgendjemand traf, den ich nicht kannte und der eine interessante Geschichte hatte.

Am letzten Tag wurden uns die Ergebnisse der Delegierten vorgestellt, woraus sich noch eine interessante Diskussion über Frieden und Military Counseling Network ergab – es scheint das MCN in den USA noch ein wenig unbekannt ist… Daran nahmen aber wenige Teilnehmer teil, weil es zeitgleich mit dem Essen war, wie unterschiedlich doch manche Prioritäten sind.

Als der GYS schließlich war, kamen Freiwillige von einer anderen Organisation, um die Bühne anzubauen, außer mir wollte niemand ihnen helfen und die Theorie des Gipfels in die Praxis verwandeln.

Reisevorbereitungen und Spontanietät

Wie mein alter Herr schon richtig bemerkt hat, ist Micky vorgestern um 10:10 Uhr sicher angekommen.

Dieser Eintrag kommt reichlich spät, sie ist schon über den Jetlag (Düsenverzögerung) hinwegkommen und gestern haben wir unter anderem die Herberge „El abrigo“ (Der Mantel) besucht, wo vor zehn Jahren als Freiwillige gearbeitet hat – die anderen haben dort auch freiwillig gearbeitet, wurden aber besser bezahlt.

Heute frönten wir mit Wiensens der Völlerrei: „rennende Pizza“ (also so viel Pizza wie man essen kann), bis zum Umfallen, Robert und ich sehnten uns schon lange danach…

Jetzt sind es noch knapp fünf Stunden bis wir zum Busbahnhof fahren, um den Nachtbus nach Encarnación (Fleischwerdung) zu nehmen: sechs Stunden Busfahrt – ich hoffe wir können einigermaßen schlafen.

In Encarnación werden wir die Jesuitenreduktionen besichtigen, wo die „Gesellschaft Jesu“ zwischen 1610 und 1767 einen frühsozialistischen Staat führten, in dem es keinen Privatbesitz noch Geld gab und die Guaraniindianer vor den Spaniern geschützt waren: kein Spanier durfte „das Reich Gottes in Paraguay“ betreten. Diese Utopie hielt, bis der spanische König ihnen die Gunst entzog und die Guarani waren wieder Beute für die Sklavenjäger.

Danach geht es weiter in die Nähe von Formosa, wo wir eine Indigena-gemeinde (fälschlicherweise Indianer genannt – Unterscheidung: Sie mögen kein scharfes Essen!) besuchen werden.

Dann fahren wir 17 Stunden bis an den Fuß der Anden nach Salta, wo wir frierend die Schönheit der Anden bewundern werden.

Dann wieder ewig zurück fahren und zu den Sümpfen von Ibera – hoffentlich regnet es nicht, damit wir überhaupt hinkommen…

und schließlich wieder nach Asunción.

alte strecke

so alle Pläne sind über den Haufen geschmissen, wir fahren erst morgen, die verlorenene Zeit holen wir dadurch auf, dass wir direkt nach Formosa, dann nach Salta, dann zu den Sümpfen und dann nach Encarnación fahren – ungefähr ein Tag weniger im Bus und eine Nacht länger in einem richtigen Bett – oder bei mir Matratze (Micky hat mein Zimmer um sich von der Düsenverzögerung zu erholen).

neue Strecke

Sollte ich Zeit und Muße haben, werdet ihr hier auch auf der Reise auf dem Laufenden gehalten – und wenn nicht… eben nicht.

Vermisste Gelegenheiten

Heute hatte ich eine Verabredung mit einigen Leuten von Jugend mit einer Mission, die ich bei ihrem Theaterstück in Ñandejara kennengelernt hatte. Gut, es war eigentlich für Kinder, aber ich ließ mich davon nicht beirren. Hier zwei Bilder von ihrem Programm:

christliche Muppets

Bibelverse auswendiglernen

Sie besuchen alle Schulen im Umkreis von Limpio (mehr als 60!) und machen Anspiele, um den Kindern Jesus näherzubringen. Dieses Mal ging es um Worte, und die Kraft, die sie über uns haben.

Die Kinder lachten sich kaputt und auch ich kam auf meine Kosten.

Nach dem Theaterstück unterhielt ich mich ein wenig mit den Missionaren und Benjamin (ja, er heißt genau wie ich!) lud mich ein heute mit ihnen rumzufahren.

So holte mein Namensvetter mich dann heute Mittag bei strömendem Regen von meinem vorherigen Termin ab und erklärte mir als erstes, dass Programm falle bei Regen aus.

Ich wollte schon nach Hause gehen, aber er lud mich in sein Haus ein und so verbrachte ich einen schönen Nachmittag mit den YWAMlern (Youth with a mission – Jugend mit einer Mission). Es war ein wenig wie zu Hause: er ist Spanier, seine Frau Engländerin, die Freiwillige, die bei ihnen lebt, ist US-Amerikanerin und dann lebt noch ein paraguayischer Freiwilliger dort. Wir sprachen English, ich fand heraus, dass er der Neffe vom Pastor der Mennonitengemeinde in Barcelona ist, wo ich vor drei Jahren bei der MERK (Mennonitische Europäische Regionalkonferenz) war, und die Amerikanerin hat auch Mennoverwandte – kleine Mennowelt. Zum Glück waren sie und ich zu schlecht in Familiengeschichte, um unsere Verwandschaft irgendwo in Holland vor 400 Jahren festzustellen.

Nach ungefähr einer Stunde Unterhaltung musste die Engländerin wieder in Ñandejara ihre Muttersprache unterrichten und wir anderen machten uns auf den Weg zu ihrem „Hauptquartier“, einer schäbigen Lagerraum, fünfzig Meter weiter.

Dort türmte ich mit der Amerikanerin Erin Aufgabenblätter für ihr Missionsprogramm zu Zwanzigerstapeln und erfuhr mehr über ihre Arbeit und Leben, virtuell gesagt, die Adresse ihres Blogs.

Dann richtete ich Benjamin einen Facebookaccount ein, seine Unkenntnis von Technik war niedlich, und er brachte mich zur Bushaltestelle, damit ich nicht im Schiffen laufen musste.

Es war ein toller Tag und ich freue mich die Bekanntschaft dieser Leute gemacht zu haben, aber warum erst jetzt? Ich hätte sie schon vor langem kennen lernen können und viele Abenteuer mit ihnen erleben können!

Aber ich war zu schüchtern und naiv genug zu glauben, die Leute kämen auf mich zu, weil ich so unglaublich interessant bin.

Kritik der reinen Langeweile

Heute ging ich ein letztes Mal zu dem Ort, an dem ich in den letzten Monaten, die meiste meiner wachen – und ein wenig schlafende – Zeit verbracht habe: Centro Educativo Ñandejara.

Ich wollte einen Beweis für die dort verschwendete verbrachte Zeit in Form eines Dokumentes mit Unterschrift, Stempeln und wer weiß wenn ich Glück hätte auch wächsernen Siegeln.

Leider war sie noch damit beschäftigt, als ich kam, und so konnte ich ihr nur mein Abschiedsgeschenk geben: Die Kritik der reinen Langeweile. Lächelnd nahm sie diese entgegen und ich erklärte ihr die Anspielung auf Kant, um nicht von vornherein die Gunst zu verlieren.

Wir unterhielten uns dann noch ein bisschen über die Probleme an der Schule, was ich hier gelernt habe, meine Haare, und einen Streit, der in meiner Ex-Klasse tobt.

Meinen Beweis bekam ich aber nicht und so muss ich in der nächsten Zeit dann nochmal kommen, um das Kapitel Ñandejara zu schließen.

christlicher Busfahrer Eine Stellenanzeige für Busfahrer – natürlich im Bus. Voraussetzungen: 25-35Jahre alt sein, Führerschein, Geburtsurkunde, etc besitzen, Fahrerfahrung und ein guter Christ sein.

So viel zu Religionsfreiheit im Berufsleben.

Auf der anderen Seite sind hier alle „Christen“: Sie leben zwar nicht danach, aber sie sind „Christen“, von daher hat nur der ehrliche Atheist, Muslim, Buddhist, Jude, oder was man auch sonst sein mag ein Problem.

Haltet einfach den Mund!

Das dachte ich mir mehrmals als ich am Samstag auf dem Jubliäumskonzert von Teocracia war. Die Bands spielten nämlich ganz gut, nur die Sänger waren schrecklich.

Meine Theorie ist, dass eine Gruppe, wenn sie keinen guten Sänger findet und nicht kreativ genug ist gute Texte zu schreiben, einfach beschließt so hart wie möglich zu spielen und nur zu schreien – dann versteht niemand die Texte und (fast) alle sind zufrieden.

Aber es ist auch schwer Death oder Black Metal zu christlichen Themen zu machen; irgendwann wird es langweilig, wenn man das zehnte Lied über spirituelle Kriegsführung hört und es eigentlich mehr um die Dämonen geht als um Jesus…

Aber was soll man von einer Band namens „Demonodecapitologia“ – „Lehre vom Dämonenköpfen“ schon erwarten?

Haarneid! stolzer Metalvater Amen ja, das ist ein Mann Sword Halt den Mund!

Schule aus!

Nach fast viermonatiger Tortur war gestern mein letzter Schultag.

Frisch geduscht und mit Kamera bewaffnet kam ich in Ñandejara an. Wie jeden Freitag versammelten sich die oberen Klassen zum Flaggen hissen und während wir warteten, bemerkte ich, dass ich die Batterien für die Kamera vergessen hatte. Während ich noch versuchte von Klassenkameraden einen Ersatz auszuleihen, bemerkte ich eine Klassenkameradin, die auf der Tribüne verschwörerisch mit einer Lehrerin tuschelte und dabei immer wieder zu mir schaute.

Wenig später wusste ich, was sie getuschelt hatten: Ich wurde nach vorne gerufen, sollte ein paar Worte sagen, was ich nutzte, um meinen Mitschülern die Schuld daran zu geben, dass ich nicht wie erwartet fröhlich über das Ende meiner Zeit in Ñandejara war, und schließlich beteten sie noch für mich und meine Reise.

Dann ging es in den fast normalen Unterrichtsalltag, aber jeder Lehrer wollte noch einige letzte Worte an mich richten. Den ganzen Tag über signierten Schüler und Lehrer meine Schuluniform, bis man keinen freien Platz mehr finden konnte, weshalb mein vierjähriger Gastbruder kurzer Hand in zehn Zentimeter großen Lettern über die anderen Unterschriften schrieb. Die Lösung eines Mitschülers sah dagegen so aus, einfach auf meinen Nacken und meine Arme auszuweichen…

Meine Klasse hatte eine Torte organisiert; aber bevor wir sie anschneiden durften, musste ich ein Bonbon, das hineingesteckt war, mit dem Hand herausfischen – angeblich eine paraguayische Tradition. Naiv, wie ich nun mal bin, tat ich wie mir geheißen und gerade als ich es versuchte drückte man meinen Kopf hinein, die ganze Nase versank in Tortenschaum.

Zum Glück hatte ich morgens noch die Nase gewaschen und so konnten wir denn Rest dann noch essen, wobei der massenhaft vorhandene Schaum viele Gesichter verzierte.

Um halb sechs war der Schultag schließlich zu Ende, wir machten ein Klassenfoto und nach einem kleinen Abenteuer war ich stolzer Besitzer von 140 an diesem Tag geschossenen Fotos.

Ich verabschiedete mich von allen und ließ mir Emailadressen geben, um wenigstens virtuell Kontakt halten zu können.

Es ist schon seltsam, da gehe ich jeden Tag zur Schule und werde vor Langeweile fast verrückt und doch bin ich ein wenig traurig nicht mehr dort hinzugehen.

Aber am Montag muss ich nochmal hin, wenn auch nicht in den Unterricht – ich muss meine Bescheinigung abholen, dass ich all die Zeit „regelmäßig die Schule besucht habe“.

Und jetzt habe ich 11 Wochen frei, unterbrochen nur vom ersten und letzten Schultag in der Klasse 11c.

Noch ein Wort an alle Neider: Selbst mit dieser langen freien Zeit hole ich nicht all die Ferienzeit und Feiertagszeit von euch ein, ganz zu schweigen von der Zeit, die ich mehr Unterricht hatte als ihr.

Und wozu geht man denn ins Ausland, wenn nicht um frei zu haben?!

Gebt mir die Zeit zurück!

Heute hat mir meine Schule sechs Stunden Lebenszeit geraubt.

Die ersten drei Schulstunden kam die Fachlehrerin nicht. Dann hatten wir eine Stunde Reliunterricht, was aus zwei Versen und einem Monolog über selbige bestand. Danach eine Stunde Bibliothek, was ein Synomym für „Wir wissen nicht, wie wir euch beschäfigen sollen, aber ihr müsst trotzdem in der Schule sein“ ist und schließlich drei Stunden Physik/Chemie, die so genutzt wurden, dass alle Hefte eingesammelt wurden und die Lehrerin sie alle begutachtete und unterschrieb – 120 Minuten lang!

Ich versuchte Gespräche zu führen, aber es gelang nicht. Ich wollte die Sekunden zählen, die vergingen, aber bei 124 gab ich auf. Ich versuchte es zu genießen, da ich mich lange nicht mehr so sehr langweilen werde können, aber ich konnte dem nichts Positives abgewinnen. Schlafen konnte ich nicht, weil es zu laut war und wachen wollte ich nicht, weil ich dann die schreckliche Wirklichkeit betrachten müsste:

Ich war der einzige Nichtfatalist im Raum und verzweifelte an meinem Schicksal.

Bääh

Manchmal zweifle ich an der Vollkommenheit der Schöpfung.

Mein Blasenfuß

So zum Beispiel heute als ich herausfand, was die ekligen Blasen an meinen Füßen wirklich waren: Brutplätze für Tunga penetrans – gemeinhin auch Sandflöhe genannt. Das Weibchen legt seine Eier in die Haut, wo sie dann vom Männchen befruchtet werden – also bin ich Stundenhotel und Krippe in einem.

Anscheinend habe ich die mir zugezogen, als ich einem alten Mann aus der Nachbarschaft Essen gebracht habe.

Robert hatte die große Freude sie mir aus dem Fuß zu pulen, während ich jammerte und versuchte an angenehmere Dinge zu denken – wie zum Beispiel nicht mit einer Pinzette im Fuß herumgestochert zu kriegen, während Joel, Martin und Ana mich fragen, ob es weh tut.

JA, das hat es.

Es bleibt abzuwarten, ob alles rauskam, oder ich weiterhin Flohkindergarten bin.