Bloß zwei Fälle von rassistisch motivierter Gewalt gegen Palästinenser an einem Tag

Kaum bin ich wieder zurück, passieren einige schlimme Dinge an den Orten, die ich regelmäßig passierte.

Am Freitag hat ein Mob jüdischer Jugendlicher in Westjerusalem drei palästinensische Jugendliche zusammengeschlagen. Hier die Worte einer Augenzeugin:

Es ist spät am Abend und ich kann nicht schlafen. Meine Augen sind seit einigen Stunden voller Tränen und mein Magen dreht sich während ich denke, dass wir die Menschlichkeit verloren haben, das Angesicht Gottes in der Menschheit, und ich kann diesen Verlust nicht akzeptieren. Aber heute habe ich mit meinen eigenen Augen eine Lynchung gesehen, auf dem Zionplatz, im Zentrum Jerusalems. Ich kam mit den anderen Leuten von „Elem“ (Einer NGO die mit Risikokindern arbeitet) zum Zionsplatz, wie wir es immer zu dieser Uhrzeit tun, und knapp eine halbe Stunde später hörte ich wie Leute riefen „Ein Jude ist eine gute Seele, und ein Araber ist ein Hurensohn.“ und dutzende (!!) Jugendliche auf drei arabische Jugendliche, die ruhig auf der Ben Yehuda Straße liefen,  zurannten und sie anfingen zu Tode zu prügeln.

Als einer der Palästinenser zu Boden fiel, prügelten die Jugendlichen weiter auf seinen Kopf ein, er verlor das Bewusstsein, seine Augen rollten, sein Kopf lag schräg und begann zu zucken, und dann flohen die, die ihn gekickt hatten und die anderen bildeten einen Kreis [um die Palästinenser], und einige schrien immer noch mit Hass in ihren Augen…

 

Als zwei unserer Freiwilligen in den Kreis gingen und versuchten, ihn wiederzubeleben, sagten die Jugendlichen aufgebracht, dass wir einen Araber wiederbeleben würden, und als sie in unsere Nähe kamen und sahen, dass die anderen Freiwilligen alle geschockt waren, fragten sie warum wir so geschockt wären, „Er ist ein Araber“.

 

Als wir später wieder an die Stelle zurückkamen, war sie als Mordschauplatz markiert, und die Polizei war vor Ort mit einem Cousin des Opfers, der versuchte das Vorgefallene nachzuspielen, es standen auch zwei Jugendliche da, die nicht verstanden, warum wir dem Cousin des Opfers eine Flasche Wasser geben wollte, „Er ist ein Araber, die müssen doch nicht hier im Stadtzentrum rumlaufen, und sie verdienen das, so werden sie endlich Angst vor uns haben.“

15-18 jährige Kinder bringen ein Kind ihres eigenen Alters mit ihren eigenen Händen um. Mit ihren eigenen Händen. Kinder, deren Herzen unbewegt waren, als sie einen Jungen ihres eigenen Alters erschlugen, der sich auf dem Boden krümmte. Das Bild steht mir noch vor den Augen und ich kann ihre Stimmen immer noch hören und das Gefühl der Hilflosigkeit spüren, und die Frage: Was ist mit uns geschehen und was geschieht mit unseren Kindern? Und das Wichtigste: Können wir es noch ändern und wie?

 

Der junge Palästinenser ist immer noch in kritischem Zustand, während mittlerweile ein Jugendlicher im Zusammenhang mit dem Lynchmob verhaftet wurde. Nachdem es Spekulationen gab, die Palästinenser hätten die Jugendlichen in irgendeiner Form provoziert, oder angefangen hätten, lies die Zeugen verlauten:

“Ich sah mit meinen eigenen Augen, dass sie niemanden angriffen und hörte mit meinen eigenen Ohren, wie die Jugendlichen sagten sie suchten einen Araber zum Verprügeln”

 

Außerdem wurde ein palästinensisches Taxi auf dem Weg von Hebron nach Bethlehem ganz in der Nähe unserer Kreuzung von Siedler mit Molotovcocktails beworfen. Die Insassen, eine Familie aus Nahalin, dem Dorf neben Zelt der Völker, erlitt Brandwunden ersten bis dritten Grades. Sie wird in einem israelischen Krankenhaus behandelt.

Premierminister Netanyahu hat diesen Anschlag persönlich in einem Brief an Abbas verurteilt, wo er bei früheren Vorfällen von rassistisch motivierten Siedlerangriffen auf Palästinensische Leben und Besitz nur eine verurteilende Stellungnahme veröffentlichte, oder sie gar nicht kommentierte. Der Vizepremierminister nannte es immerhin einen „Terroranschlag“ Die Polizei ist auch zu der Siedlung aus der die Täter mutmaßlich kamen gefahren und hat den Jugendlichen gesagt, dass sie „beobachtet werden“. Wirklich harte Konsequenzen, die da gezogen werden für einen potentiell tödlichen Angriff, der sechs Menschen immerhin ins Krankenhaus gebracht hat.

Nur mal zum Vergleich, will ich darstellen, was mit einem palästinensischen Kind (Person unter 18 Jahren) passieren würde, die dasselbe getan hätte:

Innerhalb weniger Stunden wäre die Armee in das Dorf gekommen, und hätte zahllose Häuser umstellt und gestürmt. Durch ein Netzwerk an Informanten wüsste die Armee sofort, wer verantwortlich ist. Alle Personen, die auch nur irgendwie mit dem Verbrechen in Verbindung stünden, würden verhaftet, auf dem Weg ins Gefängnis höchstwahrscheinlich misshandelt, und im Gefängnis Praktiken wie Schlafentzug und Lärmbeschallung ausgesetzt, die international als Folter klassifiziert sind. Das Wohnhaus der Täter würde abgerissen, kein Mitglied der Familie erhielte mehr Arbeitsgenehmigungen für Israel, oder illegale Siedlungen, die die Haupteinkommensquelle der palästinensischen Bevölkerung darstellen.

Israelische Jugendliche werden verwarnt.

Und ich werde als Antisemit bezeichnet, wenn ich sage, dass ist Apartheid, zwei verschiedene Rechtssysteme und Anwendung für verschiedene Personengruppen im selben Territorium.

Was das wirkliche gruselige an diesen Ereignissen ist, ist dass sie weder Einzelfälle sind, noch von (nur verrückten) Einzelgängern begangen werden. Die Siedlerbewegung hat seit einigen Jahren die Praxis der „Preiszettel“ (price tag) entwickelt, was bedeutet, dass für jede vom israelischen Militär durchgeführte Räumung einer illegalen Siedlung, oder die Androhung einer solchen Operation, palästinensischer Besitz zerstört wird. Dies reichte bis jetzt von der Zerstörung von Olivenhainen bis zur Brandstiftung einer Moschee.

Wie auch in anderen Gesellschaften werden solche extremen Fälle von rassistisch motivierter Gewalt öffentlich verurteilt und es wird schnell versucht, die Täter als „extrem“, „geisteskrank“, oder „Einzeltäter“ darzustellen. Eine andere Taktik ist es, den Vorfällen keine große Presse zu geben. Während die meisten israelischen Zeitungen beispielsweise über den Lynchmob berichteten, setzte es nur die linksgerichtete Haaretz auf die Titelseite, während die Jerusalem Post auch noch die klar einseitige Gewalt als „Schlägerei zwischen arabischen und jüdischen Jugendlichen“ bezeichnet.

Meine persönliche Erfahrung ist, dass es in Israel in vielen Kreisen erlaubt ist, sehr rassistische Dinge über Palästinenser zu sagen. Rassistisch motivierte Gewalt ist kein Einzelfall in Israel und in den besetzten Gebieten ist sie komplett institutionalisiert, was der wahre Grund ist, warum nur „extreme“ Siedlergruppen selbst zu Gewalt greifen. Die Menschen, die sich gegen Rassismus und für ein friedliches Zusammenleben mit gleichen Rechten einsetzen sind leider sehr wenige.

Natürlich ist auch unter Palästinensern offener Rassismus gegenüber Juden nicht selten, und die Stimmen, die ihn verdammen sind viel zu wenige, der Punkt auf den ich aber hinaus will, ist dieser:

Durch die vollendete Institutionalisierung des Rassismus in Israel und das groteske Machtungleichgewicht zwischen dem Staat Israel, mit seinen Militärsubventionen aus den USA und den Palästinensern, die dank des Friedensprozess nun auch noch einen von westlichen Geldern finanzierten „Polizei-Nichtstaat“ in Form der palästinensischen Autonomiebehörde gegen sich haben, täglich unter Besatzung leben und mehr und mehr Land an Siedlungen und junge Männer an die israelischen Gefängnisse verlieren, haben israelische Rassisten kaum etwas zu befürchten, wenn sie ihre Ansichten in die Tat umsetzen, während ein palästinensisches Kind ins Gefängnis kommt für die Anschuldigung einen Stein zu schmeißen.

Dieses Ungleichgewicht wird durch das desinteressierte Schweigen der westlichen Medien und die fortlaufende finanzielle und moralische Unterstützung Israels durch westliche Staaten, trotz leiser Proteste, nur befördert.

In diesem Klima des institutionalisierten Rassismus, Bewaffnung und weitgehender Straffreiheit der Siedler, zusammen mit täglicher scharfer Repression des legitimen palästinensischen Widerstands, sind solche widerlichen Akte rassistischer Gewalt kein Wunder und das eigentliche Wunder ist die weitgehende Friedfertigkeit der palästinensischen Bevölkerung.

Nachtrag: Sarah Thompson, die während meiner Zeit ein Jahr bei Sabeel arbeitete und im „Verwaltungsrat“ von Christian Peacemaker Teams sitzt hat eine Email rumgeschickt in der sie schreibt:

Nachdem ich ein Jahr in Ostjerusalem gelebt habe, glaube ich, dass in der zur Zeit derart politisch angespannten Situation und den Dynamiken in den jugendlichen Subkulturen in Israel/Palästina, Vorfälle wie die „Jerusalem Lynchung“ die in dem [Haaretz] Artikel [der in der Mail verlinkt war] beschrieben werden, öfter passieren würden, wenn die Christlichen Friedensstifter Teams (CPT) und andere Beobachtungsgruppen nicht in der Region wären. Eine Spende für CPTs Arbeit ist eine wertvolle und sinnvolle Reaktion auf dieses schreckliche Ereignis. CPTs unbewaffnete Präsenz verringt die tödliche Gewalt, sodass Friedensorganisationen und Gemeinschaften, die sich für gewaltfreien gesellschaftlichen Wandel einsetzen, mehr Zeit und Raum haben an den Graswurzeln hin zu einer gemeinsamen, und gesunden Zukunft zu arbeiten.

Außerhalb des Kleiderschranks

In meinen Gesprächen mit alten Freunden und wenn ich zu all den alten Orten gehe fühle ich mich, als sei hier keine Zeit vergangen. Viele meiner früheren Klassenkameraden studieren jetzt, oder arbeiten, und doch mir kommt es so vor als hätten sie sich nicht verändert.

 

Ich bin aus Narnia durch den Wandschrank wieder in die echte Welt getreten und während dort ein Jahr verging, ich zahllose Abenteuer erlebte und in der Zeit gealtert bin, sind hier nur ein paar Augenblicke vergangen. Die Erinnerungen bleiben bei mir, aber wie Lucy, die in Narnia zur Frau wurde, bin ich hier doch nur ein Kind und falle sofort in alte Verhaltensmuster zurück, weil die Menschen um mich herum sich exakt wie früher verhalten.

Wenn Palästina mein Narnia war und hier alles gleich geblieben ist, waren meine Erfahrungen überhaupt wirklich? Wenn ich von dem erzähle, was ich gesehen und getan habe, habe ich das Gefühl, dass die Leute zögern mir zu glauben. Sie vertrauen mir, aber meine Worte scheinen einfach zu unglaublich. Wird meine Geschichte dadurch nicht in gewisser Weise zum Märchen? Ist das nicht das, was ein Märchen zum Märchen macht? Geschichten, die wir nicht wagen, zu glauben? Wir würden es nicht aushalten, in einer Welt zu leben, in der es Hexen gibt und sprechende Wölfe, die unsere Großmütter fressen. Aber es gibt Eltern in unserer Welt, die ihre Kinder in den Wald schicken und hoffen, dass sie niemals wieder kommen, sei es, weil sie sie nicht versorgen können, oder weil sie die Liebe für sie nicht aufbringen können.

Und ist es nicht schlimmer in einer Welt zu leben, in der es zwar keine Hexen gibt, dafür aber immer noch Apartheid, Atombomben und Bulldozer, die Häuser zerstören?

Vielleicht fragen mich die Menschen deshalb nicht, und vielleicht will ich deshalb nicht erzählen, wenn sie fragen. Frag nichts und erzähl nicht. Don’t ask, don’t tell. Was in der US-Armee funktioniert hat, funktioniert auch für mich. Ich möchte deine Feier nicht zerstören, wenn ich dir von all den schrecklichen Dingen erzähle, die ich gesehen habe. Und noch weniger möchte ich sehen, wie du weiter lächelst, wenn ich dir davon erzähle.

Kulturschöcke

Hier ist eine Liste an Kulturschöcken, die ich bis jetzt auf Facebook veröffentlicht hatte. Das ganze ist eher zur Erheiterung gedacht und keine gute Beschreibung palästinensischer Kultur (noch der deutschen):

Rückkehrkulturschock #1: alles ist hier so grün, es scheint, ganz Deutschland ist eine einzige Siedlung.

Rückkehrkulturschock #2: Nachdem ich den Frankfurter Flughafen verlassen habe, sah ich keine einzige bewaffnete oder uniformierte Person. Und wo ist eigentlich der Checkpoint, der die Bewegungsfreiheit der deutschen Bevölkerung unter dem Vorwand der „Sicherheit“ einschränkt?

Rückkehrkulturschock #3: In Deutschland essen die Menschen mehr Gerichte als Reis mit einer unspezifischen roten Sauce.

Rückkehrkulturschock #4: Ich kenne nicht alle Weißen.

Rückkehrkulturschock #5: Ich kann nach Einbruch der Dunkelheit nach Hause gehen und die Chancen sind sehr gering auf dem Weg von israelischen Soldaten gestoppt zu werden. (Bei deutschen Soldaten liegt die Sache ja vielleicht bald anders…)

Rückkehrkulturschock #6: Das große Schwimmbecken im Bammentaler Schwimmbad hat mehr Volumen als alle Zisternen im Zelt der Völker zusammen.

Rückkehrkulturschock #7: Deutsche Pommes sind knusprig und lecker, keine wabbelige Masse, die man nur in einem Falafelsandwich essen kann.

Rückkehrkulturschock #8: In Deutschland muss ich fegen und abspülen und wenn ich herausstelle, dass das Frauenarbeit ist, werde ich als „Sexist“ beschimpft.

Rückkehrkulturschock #9: In Deutschland nennt man mich einen Antisemiten, wenn ich sage, was ich von der Situation in Palästina /Israel halte, wofür ich in Palästina als Zionist beschimpft wurde.

In den weiteren Tagen wird diese Liste sicherlich noch fortgeführt…

wieder „zu Hause“

Nach einer zum Glück ereignislosen Reise bin ich am Mittwoch wieder in Deutschland angekommen. Um mir die unangenehmen Fragen, die Untersuchung meiner Koffer und die mögliche Leibesvisitation zu ersparen, bin ich über Jordanien ausgereist, wo sich die Beamten herzlich wenig für den Inhalt meines Gepäcks interessiert haben und mich auch nichts fragten. Nur der Mann, der mir den israelischen Ausreisestempel in den Pass drückte, ich solle bloß nicht glauben, ich könnte dieses Jahr nochmal ein Dreimonatsvisum kriegen, sondern ich müsse jetzt mal zur Botschaft gehen.

Mittwoch mittags landete meine Maschine und im Flughafen bekam ich gleich einen Geschmack der deutschen post-elfter-September Sicherheitskultur: Ich musste einen Riesenumweg laufen, weil jemand seine Tasche liegen gelassen hatte, und die als Sicherheitsrisiko eingestuft wurde. Das war ich auch aus Israel gewöhnt, wo ich erst den Bus zur Grenze verpasst hatte, weil ich mein Gepäck durchleuchten lassen musste.

Danach endeten aber auch schon die Ähnlichkeiten, kaum war ich aus dem Flughafen draußen, wurde ich erschlagen von all dem Grün um mich herum. Auf Dahers Weinberg ist seit mehreren Monaten kein Tropfen Regen gefallen und alles ist braun, gelb, bis auf die Bäume. Und dann all das Wasser! Überall Flüsse, Bäche und Seen.

Langsam taste ich mich vor in dieses Land, dass ich eigentlich kennen sollte. Ich denke, dass ist es, warum viele sagen, das Rückkehren ist schwerer als das Ankommen im fremden Land. Man kommt nämlich beide Male in einem fremden Land an – beim Rückkehren weiß man es bloß nicht.

 

unerzählte Geschichten

Ich habe lange nichts mehr geschrieben.

Mal wollte ich nicht über etwas schreiben, mal wusste ich nicht wie, mal gab es kein Internet, dann keine Zeit.

All diese unerzählten Geschichten bleiben bei mir und viele werden erzählt werden. Vielleicht nicht hier, vielleicht nicht allen, aber ich tue mein Bestes, sie nicht dem Vergessen anheim fallen zu lassen.

Denn wenn im Wald ein Baum umfällt, und niemand davon erzählt, ist der Baum zwar gefallen, aber niemand wird sich an ihn erinnern.

Lektionen vom Ölbaum

Olivenbäume sind das Merkmal Palästinas, schon seit biblischen Zeiten als die Leviten Oliven als eine der sieben Früchte des gelobten Lands zurückbrachten. Der Ölbaum, seine Früchte und das daraus gewonnene Öl tauchen immer wieder in der Bibel auf, was auf die lange Tradition seiner Nutzung hinweist. In Getsemaneh in Jerusalem gibt es Olivenbäume, die zur Zeit Christi schon dort wuchsen, und im palästinensischen Dorf Al Wallajah soll es sogar noch einige Jahrhunderte ältere Bäume geben.

Der Olivenbaum ist eine in Palästina einheimische Pflanze, die sich über Jahrtausende auf den kargen Regen und die brennende Hitze eingestellt hat, und durch ihr langsames Wachstum ein schier unsterbliches Alter erreicht.

Ich schrieb an anderer Stelle schon über die unglaubliche Widerstandsfähigkeit der Bäume, die sogar das Fällen überleben können und einfach aus dem Stumpf zu neuem Leben erstehen, weil das Wurzelnetzwerk intakt geblieben ist. Das hat auch die Israelische Besatzungsarmee gemerkt und ist dazu übergegangen, Bäume mit Caterpillar-Bulldozern auszureißen.

Wie schon in der Bibel spielt der Olivenbaum in der eingeborenen palästinensischen Kultur eine große Rolle: Menschen erinnern sich teilweise an den Namen der Menschen, die den hundert Jahre alten Baum gepflanzt haben, die Zeit der Ernte war früher ein Familien-, oder sogar Dorffest, wobei sich hier mittlerweile auch die Modernisierung bemerkbar macht und in meiner Erfahrung kaum noch alle Familienmitglieder daran teilnehmen.

Bei diesen tiefen Wurzeln im Bewusstsein der Menschen ist es logisch, dass Daoud gerne den Ölbaum als Beispiel für effektiven und nachhaltigen sozialen Wandel benutzt. Ich möchte im Folgenden seine Punkte in eigenen Worten wiedergeben und dem manches hinzufügen:

Der Ölbaum hat tiefe Wurzeln, die es ihm ermöglichen den langen und heißen Sommer zu überleben. Ebenso brauchen Initiativen, die effektiv sein wollen, ein tiefes Reservoir an Energie haben, um die vielen Anfechtungen zu überleben.

Der Baum wächst sehr langsam und hat ein weitaus größeres Wurzelnetzwerk als der oberirdische „Baum“. So können wirkungsvolle Initiativen oft auch sehr bescheiden und machtlos wirken, weil sie an ihrer Unterstützung in der Gemeinschaft arbeiten müssen. Graswurzelorganisation ist der Schlüssel zu tatsächlicher Gesellschaftstransformation, während der Versuch radikale Politik durch staatliche Reformen ohne Rückhalt in der Bevölkerung fast immer zum Scheitern verurteilt ist. So wie der Ölbaum erst nach sieben bis zehn Jahren Früchte trägt braucht horizontales Organisieren eine lange Zeit, bevor erste Auswirkungen sichtbar werden.

Die ersten zwei Sommer muss man den Baum regelmäßig bewässern, sonst stirbt er, danach kommt er komplett alleine aus, weil die Wurzeln tief genug sind. Ebenso brauchen auch viele Initiativen eine Starthilfe finanzieller oder anderer Art, bevor sie anfangen können zu arbeiten. Es ist aber unbedingt notwendig von dieser Starthilfe nicht abhängig zu werden, sondern sie als „Hilfe zur Selbsthilfe“ zu verstehen und sie dann irgendwann auch schlichtweg abzulehnen.

Soweit Daouds Vergleich. Während ich darüber nachdachte sind mir noch einige Dinge eingefallen:

Wir sind versucht den Baum als alleinstehend zu sehen und nicht in seinem Kontext als Teil eines Ökosystems aus Erde, anderen Pflanzen und Tieren. Tatsächlich sind die Wurzeln des Baumes wichtig, aber nicht um sich aus der unlebendigen Erde an Rohstoffen zu bedienen, sondern um mit Kleinstlebewesen zu handeln und Mineralien gegen Sauerstoff auszutauschen. Tausende Würmer, Insekten und andere Tiere auf der Suche nach Futter graben den Boden um den Baum herum um und hinterlassen wertvolle Nährstoffe in Form ihrer Exkremente. Gleichzeitig gibt es auch Schädlinge, die den Baum kaum am Leben lassen wollen, oder nur um ihn weiter auszubeuten. Andere Pflanzen, z.B. Gras können eine Gefahr sein, wenn der Baum noch jung ist und überwuchert werden könnte, aber sie verhindern auch, dass der Boden austrocknet und die Würmer den Ort verlassen. Sie beziehen ihre Nährstoffe aus anderen Bodenschichten und stören einen großen Baum nicht. Genauso leben auch wir in Zusammenhängen, in denen Solidarität die größten Erträge bringt und gegenseitige Hilfe lebensfördernd ist. Es ist nur unsere kapitalistisch-individualistische Weltsicht, die uns zum Schluss kommen lässt Wettbewerb erbringe immer die besten Erträge. Wir sollten versuchen die Nischen zu finden, in denen wir gemeinsam existieren können und einander fördern könnten. Dies ist besonders für Initiativen wichtig, die oft andere Zielsetzungen haben, und deswegen meinen, nicht zusammenarbeiten zu müssen, oder sogar können. Im Gegenteil, Vielfalt kann zu viel größerer Effektivität führen, auch wenn man nicht unbedingt in allem übereinstimmt.

Aufgrund des Wurzelnetzwerks und der gegenseitigen Hilfe der Organismen kann der Baum die langen Strapazen des Sommers überleben (der gleichzeitig enorme Energie in Form von Sonnenlicht bringt). Dennoch würde er ohne den Winter und den Regen schnell verdorren und sterben. Genauso brauchen wir auch bei dem größten und effizientesten Netzwerk den Wechsel zwischen Arbeit, Fest und Ruhe (oder Sommer, Ernte und Winter), neue Ressourcen und Orte und Zeiten an denen wir Kraft schöpfen können. Die biblische Sabbatordnung bietet dafür eine gute Grundlage und zusammen mit Jesu Kritik an der allzu literalistischen Auslegung der Pharisäer, ist sie ein hilfreiches Gegengift zu der protestantischen Arbeitsmoral, die leider viele Initiativen prägt.

Auch ein hunderte Jahre alter Baum mit tiefen, starken Wurzeln und vielen Früchten ist nicht sicher vor einem Siedler mit einer Motorsäge, oder den Bulldozern der israelischen Armee. Dank der Wurzeln wird der Baum zwar vieles überleben, aber er kann auch nicht auferstehen. Nichts desto trotz sind die Oliven, die einst in ihm hingen längst zu neuen Bäumen geworden.

Gute Organisation, Breites Netzwerken und ausreichend Ressourcen sind keine Garantie dafür, dass unsere Versuche die Gesellschaft zu verändern, nicht von den Mächtigen bekämpft und gestoppt werden. Ein gutes Netzwerk kann dann helfen, neue Sprossen um eine zerstörte Organisation sprießen zu lassen, aber vielleicht verliert es durch Propaganda sogar den Rückhalt in der Gemeinschaft. Dennoch wird all die Arbeit unerwartete Früchte getragen haben und noch tragen.

Wie Daoud in Abwandlung des Lutherzitats sagt: „Selbst wenn ich wüsste, das morgen die Welt untergeht, würde ich heute immer noch einen Olivenbaum pflanzen.“ Und das in Palästina, wo das Ende der Welt sowieso immer um die nächste Ecke scheint.

Komposttoiletten

„Die Briten brachten noch eine neue Erfindung – die Spültoilette. Sie behaupten, sie sei fortschrittlich, in Wirklichkeit ist sie ein Disaster. Besonders an einem Ort wie Palästina, stiehlt uns die Spültoilette unser Wasser, unsere Erde und unser Geld.“ Munir Fasheh

In einem deutschen Haushalt ist die Toilette verantwortlich für den meisten Wasserverbrauch. Und sie spült mit Trinkwasser.

Toiletten mit Wasserspülung sind auch in Palästina üblich, obwohl es jedes Jahr im Sommer wochenlang kein fließendes Wasser gibt, weil Israel den Hahn zu dreht. Das Geruch in dieser Zeit kann man sich vorstellen. Dazu kommt, dass es kein Abwassersystem gibt, das Dreckwasser läuft einfach in die Täler und vergiftet dort Bäume und die kleinen Bäche, die noch fließen. Hier auf dem Zelt der Völker sind wir noch abgeschnittener, da wir außer dem gesammelten Regenwasser gar kein Wasser haben.

Es ist also offensichtlich, dass es eine Alternative braucht.

Deshalb haben wir hier Komposttoiletten. Sie sind sind aus Sperrholz, Glasflaschen und selbstgemachten Erdziegeln gebaut.

Diese funktionieren wie ein Plumpsklo, bloß macht man in eine Mülltonne, die unter dem Toilettensitz ist und jede Woche geleert wird. Nachdem man sein Geschäft erledigt hat, schüttet man noch ein paar Blätter, Asche, oder Sägespäne hinterher, die Feuchtigkeit aufsaugen und als zusätzliche organische Masse den Kompostierungsprozess verbessern.

Für den Kompost haben wir ein Dreikammernsystem, in das wir die Mülltonnen entleeren. Erst wird die erste Kammer voll, dann die zweite und dann die dritte. Bis die dritte voll ist, ist in der ersten Kammer nur noch wohlriechender, schwarzer Humus, den wir um die Bäume schütten können.

Mit dieser Technik verbrauchen wir außer zum Ausspülen der Tonne nach dem Leeren keinerlei Wasser, und generieren wertvollen, organischen Dünger.

Wie meine Freunding Sarah sagt: „Die Person, die als erstes vorschlug, in sauberes Wasser zu kacken, war offensichtlich verrückt.“

Willkommen in Palästina

Heute findet die zweite „Flytilla“ statt, in der Menschen per Flugzeug im Ben Gurion Flughafen in Israel ankommen und nicht lügen, wenn sie nach dem Grund ihres Besuchs gefragt werden. „Ich möchte Freunde in Bethlehem, Palästina besuchen“ sagen sie. „Ich möchte die Situation unter Besatzung mit eigenen Augen sehen“.

Da die Westbank seit 1967 illegal von Israel besetzt ist und die Grenzen von Israel kontrolliert werden, haben Freunde der Palästinenser keine andere Wahl, als israelischen Beamten Fragen über den Grund ihres Besuchs zu beantworten.
Als ich im September einreiste sagte ich der Grenzfrau, ich sei ein Pilger und wolle christliche Stätten besuchen. Das war definitiv ein Teil meiner Motivation hierher zu kommen, aber nicht der Hauptgrund. Ich könnte lange argumentieren, warum es vielleicht doch keine Lüge war, oder warum Lügen in diesem Kontext vielleicht nicht unmoralisch sind, oder welches Recht Beamte eigentlich haben, mich nach meinen Reisegrund zu fragen.

Stattdessen will ich einfach folgendes sagen: Ich mag es nicht zu lügen, gleichzeitig befinde ich mich in der Situation, dass ich lügen muss, oder nicht die ganze Wahrheit sagen zu können, um meinen Dienst hier zu tun.

Deswegen freue ich mich sehr, dass andere Menschen, die in einer ähnlichen Situation sind, nun zum zweiten Mal sich weigern, sich diesem Dilemma zu beugen und ihre Integrität aufzugeben, sondern die Wahrheit zu sagen.

Umso trauriger ist die Reaktion des israelischen Staates.

Es wurde Druck auf Fluganbieter ausgeübt, gebuchte Tickets zu widerrufen, Menschen am Flughafen aufzuhalten und am Besteigen des Flugzeugs zu hindern. Im Ben Gurion Flughafen wurden nach meinem Wissen bis jetzt 30 Teilnehmer der Kampagne verhaftet, während es drei schon bis Bethlehem geschafft haben.

Auf www.welcometopalestine.info kann man die neuesten Ereignisse nachlesen.

Ach, und als kleines i-Tüpfelchen noch der offizielle Brief der israelischen Regierung, der Flytilla-Teilnehmern überreicht wird.

Beduinen und Baumsoldaten

Ich habe mich jetzt schon länger nicht mehr gemeldet, und bin mir nicht sicher, ob der Versuch, all das Unberichtete und Unkommentierte aufzuholen, gelingen wird.

Dank einer Freundin, die gerade eine Christian Peacemaker Teams Inforeise leitet, konnte ich mit ihrer Gruppe letzten Samstag in die Negevwüste fahren und Beduinen besuchen, die innerhalb der Grünen Linie (also in Israel) so stark verfolgt werden, dass ich den Begriff „Bürger zweiter Klasse“ als Euphemismus empfinde.

Aber erstmal von vorne. Mit dem Kleinbus fuhren wir in Richtung Ber Sheva und nahmen auf dem Weg unsere zwei israelischen Führer auf, säkulär-jüdische Aktivisten, die in der Organisation Negev Coexistence Forum for Civil Rights zusammen mit Beduinen für gleiche Rechte und ein Ende der rassistischen Politik Israels kämpfen.

Im Bus erklärten uns Amos und Haia, dass es vor der Gründung des Staates Israel (oder der Nakba, der Katastrophe, wie es Palästinenser nennen) circa 85000 Beduinen in der ganzen Negev gab, die während des Krieges und noch danach massenweise vertrieben wurden. Die übrig gebliebenen 11000 (Volkszählung von 1960) wurden gezwungen, in ein Reservat im Norden der Negev zu ziehen, eine Regelung, die die traditionellen Stammesgrenzen ignoriert. Dieses Reservat stand lange Zeit unter Militärverwaltung und die Beduinen brauchten spezielle Genehmigungen, um es zu verlassen – wie Palästinenser in der Westbank heutzutage, obwohl die Beduinen israelische Staatsbürgerschaft hatten.

Die israelischen Regierungen wollen die „primitiven Nomaden“ dazu bringen, sich in Städten anzusiedeln, weswegen sie ihnen Baugenehmigungen für ihre Dörfer, ob neugegründet oder hunderte Jahre alt, vorenthalten. Die Begründung dafür war, sie seien Invasoren.

Sie wurden also vom entstehenden Staat Israel aus ihrem traditionellen Land vertrieben und von diesem Staat gezwungen in ein Gebiet zu ziehen, wo derselbe Staat sie als Invasoren bezeichnet und ihnen gleichzeitig eine Staatsbürgerschaft gibt, und grundlegende Menschenrechte, wie das Recht auf Unterkunft vorenthält.

Heutzutage sind die Beduinen wieder ungefähr auf ihre Vor-Nakba Anzahl gewachsen und leben teilweise in den von Israel für sie ausgewählten Städten und in zahlreichen sogenannten „nicht-anerkannten Dörfern“. In den Städten haben sie die höchste Arbeitslosigkeits- und Kriminalititätsrate in Israel, und versuchen dennoch so gut wie möglich an ihrem alten Leben festzuhalten: sie halten auf kleinstem Raum Ziegen und bauen Gemüse an.

In den „nicht-anerkannten Dörfern“ können sie zwar ländlicher leben, dafür haben sie größtenteils keinen Zugang zum Strom und Wassernetz, und leben in dauernder Angst vor dem Tag, an dem die Bulldozer wiederkommen und ihnen ihre Heimat wegnehmen wollen.

Und sie kommen. Wieder und wieder.

In dem „nicht anerkannten“ Dorf Arakib, das wir besuchten, waren sie jetzt schon 25 Mal. Sie zerstörten die steinernen Häuser und rissen die Olivenbäume aus. Die Beduinen bauten aus den Trümmern ihre Häuser wieder auf, und die Bulldozer kamen erneut. Am Ende nahmen sie die Trümmer mit, um sicher zu gehen, dass die Häuser nicht wieder errichtet werden. Auch die Zelte, die den Bewohnern als Unterkunft dienten wurden nun schon mehrmals zerstört.

Dank einem letztes Jahr in der Knesset verabschiedeten Gesetz, sind Hausabrisse nun eine „nicht von Steuern abgedeckte Dienstleistung des Staates“, weswegen die Bewohner von El Arakib nun auch noch auf 1,8 Millionen Schekel (=360.000€) verklagt wurden.

Aziz, der Sohn des Scheichs von Arakib, erklärte uns, dass sie keine heimatlosen Nomaden seien: „Wir hatten Häuser aus Stein, die baut man nicht, wenn man nur umherzieht. Natürlich, wenn meine Tiere kein Futter haben, dann gehe ich mit ihnen fort, aber ich komme wieder. Wenn du in deiner Nähe keine Arbeit findest, arbeitest du doch auch woanders. Aber wir hatten auch Bäume auf den Hügeln und Weizen und Gerste auf den Ebenen. Unser Dorf war so grün, es gab nichts wie es, hier in der Gegend.“

Jetzt sind die Bäume ausgerissen und stattdessen hat der Jewish National Fund (JNF) unter anderem mithilfe von Spenden des christlichen Senders God TV begonnen einen künstlichen Wald aus Pinien, Akazien und Eukalyptus auf Beduinenland aufzuforsten. Diese drei Bäume tragen keine verwertbaren Früchte, sind der Negev fremd, und im Fall des Eukalyptus sogar der ganzen Region. Eukalyptus benötigt enorme Wassermengen und trocknet das umliegende Land und die tiefer liegenden Wasserreservoirs aus, wie man in dem „Wald“ deutlich sehen konnte.

Außerdem ist der Eukalyptus in Australien für seine leichte Entflammbarkeit bekannt, was anscheinend auch das verheerende Karmelfeuer ausgelöst haben soll.

Dieser absurde „Wald“ dient dem JNF und den israelischen Autoritäten als Begründung, die Beduinen von dem Land zu vertreiben, da ihre Ziegen die Bäume am Wachsen hindern würden und damit eine Bedrohung für die „Umwelt“ darstellen würden.

Im Klartext, ein alter Kulturwald genügsamer und fruchtbarer lokaler Bäume wird abgeholzt, um Platz für einen wasserverschlingenden Wald fremder Bäume zu machen, die noch wachsen müssen und keine Frucht tragen. Das Ganze wird dann als „Erblühen der Wüste“ und ökologisches Wunder verkauft und diejenigen, die mit ihrer Mischung aus Hirtentum und Landwirtschaft das komplexe Ökosystem der Negev geschaffen haben, werden vertrieben.

Dass der Wald für die mit Sicherheit kommende jüdische Siedlung abgeholzt werden wird, steht außer Frage.

„Baumsoldaten“ hat Aziz diese Wälder genannt, die wie eine Armee sein Dorf belagern und kolonisieren. Eine Frau aus unserer Gruppe fing an zu weinen und erzählte davon, wie sie ihren Söhnen zur Geburt Bäume in Israel geschenkt hatte, die nun in diesem Wald standen. Sie hatte von all diesen Dingen natürlich keine Ahnung und dachte, sie tut etwas gutes. Wer hat schon etwas gegen Bäume. Dasselbe werden sich die Kunden von El Al wohl auch denken, die, um ihren CO2-Austoß auszugleichen, über den JNF einen Baum pflanzen, der dann Beduinen vertreibt, oder auf einem ehemaligen palästinensischen Dorf wächst und die Erinnerung an es verlöscht.

Dann ist Aziz aufgestanden und hat uns den Ort gezeigt, wo sein Dorf und seine Bäume früher standen. Viel zu sehen gab es nicht: ein Fundament eines Haus, eine Scherbe einer Fließe..

Doch dann zeigte er uns das erste Hoffnungsvolle des Tages: An manchen Stellen hatten die Bulldozer die Olivenbäume nicht ausreißen können, und so hatte man sie nur abgeschnitten. Jetzt sprießen sie wieder hervor und werden nur 3 Jahre brauchen, bis sie wieder Frucht tragen. Wenn sie so lange stehen bleiben können.

Aziz sagte: „Wenn die Bäume das überleben, wie könnte ich aufgeben und gehen?“

Über das Dorf Al Arakib gibt es eine Dokumentation Sumud, was man wohl am Besten mit „Langmut“ übersetzen sollte. Es ist auch das Wort, das Palästinenser, die das Prinzip der Gewaltfreiheit in der palästinensischen Gesellschaft verankern wollen, gewählt haben.

Meine ausführlicheren Gedanken über die Nichtkultivierungsbefehl

Nachdem ich vor ein paar Tagen Daouds Brief an seine UnterstützerInnen veröffentlicht habe, will ich euch auch noch ein paar meiner Gedanken dazu mitteilen.

Als wir die Zettel letzte Woche gefunden haben, hatten wir Glück, dass Daher sie überhaupt gesehen hat und sogar die Beamten, die sie auf den Boden legten, noch ansprechen konnte. Wir Freiwilligen aßen gerade zu Mittag als Daoud und Daher kamen und uns die Dokumente zeigten. Dann ging alles ganz schnell. Daoud wollte, dass die Originale zum Rechtsanwalt nach Ostjerusalem gebracht werden, wo er selbst aber ohne Genehmigung nicht hingehen durfte. Also musste ich mit dem Bus nach Bethlehem und dann nach Jerusalem fahren, wo ich mit Daouds Beschreibung das Büro des Anwalts fand, nur um herauszufinden, dass der Anwalt umgezogen war.. Mit der Hilfe einiger Nachbarn fand ich dann schließlich das neue Büro ungefähr einen halben Kilometer entfernt.

Der Anwalt kopierte die Originale, und ich erzählte ihm nochmal kurz, was vorgefallen war, dann fuhr ich wieder zurück zum Zelt der Völker.

Während ich in Jerusalem war, haben wir noch zwei Zettel gefunden und die Nachbarn verständigt, die nachgesehen haben und auch Nicht-kultivierungsbefehle gekriegt haben.

Seitdem ist die Stimmung ein wenig gedrückt, weil wir nicht einschätzen können, was dieser Schritt wirklich bedeutet – ist das einfach ein schwacher Versuch Land zu klauen, oder der Beginn einer groß angelegten Offensive, den Hügel doch noch zu enteignen?

Die Nassers haben sich entschieden, ihre internationalen Kontakte zu informieren und nur auf juristischem Weg Einspruch gegen die Entscheidung der israelischen Zivilverwaltung einzulegen. Falls es notwendig werden sollte, wird Daoud einen Aufruf zu Kampagnen und Petitionen starten – diese Zeit ist aber noch nicht jetzt!

Ich merke, wie mein eigener Aktionismus mich drängt, irgendetwas zu machen, aber ich teile Daouds Analyse, dass es strategisch zur Zeit einfach nicht sinnvoll ist, und finde alle, denen Dahers Weinberg wirklich am Herzen liegt, sollten den Wunsch seiner Besitzer respektieren.

Warum haben die israelischen Beamten uns die Dokumente nicht persönlich ausgehändigt, wie es in einem Rechtstaat üblich ist (fragte zum Beispiel meine treue Leserin Gela Böhne)?

Dazu kann ich nur sagen, dass auch wenn über die Rechtstaatlichkeit innerhalb Israels noch debattiert wird, die Palästinenser unbezweifelbar nicht in einem Rechtstaat leben. Sie leben seit 1967 unter militärischer Besatzung, die sie nach Militärrecht behandelt. In vielen Fällen haben Palästinenser mit internationaler Unterstützung und der Hilfe israelischer Menschenrechtsorganisationen geschafft, ihren Fall bis vor das oberste Gericht in Israel zu bringen, nur um dort Recht zu bekommen und dann dennoch nach Militärrecht kein Recht zu bekommen. So ähnlich sieht auch unsere Situation aus. Dazu kommt noch, dass nur wenige Palästinenser überhaupt eine solche Entscheidung – und die Art diese mitgeteilt zu bekommen – anfechten würden, da sie den Zettel vielleicht gar nicht innerhalb der 45-Tagefrist finden würden, die Hoffnung auf Gerechtigkeit schon lange aufgegeben haben, und auch nur sehr wenige über die finanziellen Mittel verfügen, um einen solchen Prozess zu führen (die Nassers waren von vornherein in einer priviligierteren Situation und haben sich trotzdem schon um mehr als 150 000$ verschuldet).

Dennoch entbehrt das Vorgehen Israels nicht einer gewissen Logik: Wenn das Land wirklich unbenutzt und leer ist, weswegen es ja enteignet wurde, dann gäbe es in gewisser Weise ja keinen rechtmäßigen Besitzer, dem man die Papiere übergeben könnte. Nur dadurch, dass der wahre Besitzer beim Arbeiten auf dem Land den Zettel findet, erweist er sich als wahrer Besitzer, der dann natürlich auch all die Grundstücksverträge und genug Geld hat, um einen solchen Prozess zu führen.

Dass man, um den Besitzer eines Grundstücks ausfindig zu machen, hier jedes Kind im benachbarten Dorf fragen könnte, spielt natürlich für diese Logik der Besatzer keine Rolle. Genauso wenig, wie dass außer den verrückten Christen hier niemand dauernd auf seinem Land arbeitet, einfach, weil Wein und Olivenbäume nicht jeden Tag Pflege brauchen. Die treuesten Landwirte schauen vielleicht jeden Monat auf ihrem Land vorbei.

Am Dienstag wurden die Zettel auf dem Land verteilt, zwei Tage später hat es angefangen zu regnen und erst drei Tage später aufgehört. Das hätten selbst die in Folie eingepackten Dokumente nicht überlebt…