Wann gibt es Aprikosen?

Heute abend habe ich mal wieder im Garten gearbeitet. Die heiße Sonne und das widerspenstige Unkraut trieben mir den Schweiß ins Gesicht.

Es erinnerte mich an meine Zeit in Palästina, an Zelt der Völker, den palästinensisch-christlichen Bauernhof, auf dem ich ein Jahr lebte und arbeitete.
Es war eine schöne Erinnerung. An Freundschaften, die immer noch halten, an Erfahrungen, die mich geprägt haben und an Arbeit, die etwas gebracht hat, die ich als Arbeit für den Frieden verstanden habe.

Gerade eben, als ich gerade schlafen gehen wollte, wurde ich wieder an Zelt der Völker erinnert.

Das Tal vorher und nachher (Bild von electronic intifada)

Bilder von einem Ort, den ich sofort wiedererkannte, obwohl er bis zur Unkenntlichkeit umgewühlt wurde. In diesem Tal habe ich im Schweiße meines Angesichts Unkraut gehackt, Bäume beschnitten und endlich die süßesten Trauben, Äpfel und Aprikosen geerntet.

Gerade die Aprikosen waren schwierig. Es war beinahe unmöglich einen guten Zeitpunkt zur Ernte abzupassen, so schnell werden sie überreif. Davon inspiriert lautet ein arabisches Sprichwort für etwas Unvorhersagbares, vielleicht Unmögliches:
Bukra fil mishmish – Morgen gibt es Aprikosen

Die israelische Armee hat beschlossen, dass hier keine Aprikosen mehr wachsen sollen, dass sie illegal sind und evakuiert werden müssen.

Mit Bulldozern wurde diese wachsende, lebendige Hoffnung auf Frieden niedergerissen und zerstört. Diese Bäume waren eine Bedrohung für die Siedlungen in der Nähe und für das unterdrückende System der Besatzung und deshalb mussten sie „evakuiert“ werden.

Wie evakuiert man Bäume?

Man kann einen Baum nicht aus der Erde nehmen und erwarten, dass er weiterlebt.
Die Bilder der Zerstörung entlarven die bürokratisch-humanitäre Sprache als Farce.

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Ich habe die Arbeit bei Zelt der Völker immer als Friedensarbeit gesehen. Jeder Baum, den wir pflanzten und pflegten war ein Schritt zum Erhalt des Landes und letztlich zum Frieden zwischen allen, die dort leben.

Bei aller Zerstörung, die ich an anderen Orten gesehen habe, war ich mir sicher, dass Zelt der Völker sicher sei, bei all den Touristen und Freiwilligen, die jeden Tag dort waren und all den Zeitungsartikeln, die schon darüber geschrieben wurden, bei dem Gerichtsprozess, der nun schon seit Jahrzehnten geführt wird.

Diese Sicherheit ist nun dahin. Zelt der Völker ist trotz aller investierter Arbeit und aller internationalen Unterstützung weiterhin unter der willkürlichen Gewalt der Besatzung, die in ihrem Bestreben, Sicherheit für den „jüdischen Staat“ zu schaffen, immer und immer wieder gegen die Tora verstößt:

„Wenn du eine Stadt lange Zeit belagerst, um sie durch Kampf gegen sie zu erobern so sollt du nicht ihre Bäume vernichten, indem du die Axt gegen sie schwingst, denn von ihnen isst du, und du sollst sie nicht fällen, denn sind etwa die Bäume des Feldes Menschen, dass sie vor dir in die Belagerung kämen?“ Deuteronomium 20,19

Die triumphale Sicherheit ist der Zerstörung gewichen und es wird morgen keine Aprikosen geben.
Was tun in dieser Situation? Daoud schreibt, dass sie eine Beschwerde beim Gericht eingelegt haben und wir uns bereit halten sollen, für etwaige Aktionen.

Das wird die Bäume nicht wieder zurückbringen, sie sind ausgerissen und werden keine Frucht mehr tragen. Aber neue können gepflanzt werden, die Hoffnung kann auferstehen.
Lasst uns dazu beitragen und wachsam sein. Wenn die Nassers es wünschen, sollten wir sie durch Briefe, Petitionen an die Machthaber unterstützen.

Aber zunächst müssen wir den Schmerz aushalten, und können den Gott nur bitten: Herr, erbarme dich. In der Hoffnung, dass die nervige Witwe am Ende selbst vom ungerechten Richter, der weder Menschen noch Gott fürchtet noch Recht bekommt, weil so viele Menschen darauf pochen.
An diesem Tag werden alle Bewohner des Landes Aprikosen essen.

Hier ist Daouds Brief (von der Facebookseite Tent of Nations)

Today [Montag, 19.5.14] at 08.00, Israeli bulldozers came to the fertile valley of the farm where we planted fruit trees 10 years ago, and destroyed the terraces and all our trees there. More than 1500 apricot and apple trees as well as grape plants were smashed and destroyed.

We informed our lawyer who is preparing the papers for appeal. Please be prepared to respond. We will need your support as you inform friends, churches and representatives when action is needed. Please wait for the moment and we will soon let you know about next steps and actions.

Thank you so much for all your support and solidarity.

Blessings and Salaam,
Daoud

Ein Artikel dazu auf electronic intifada
Und auf Mondoweiss

Ährenraufen nach Ladenschluss

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Als Gott Israel aus der Sklaverei in Ägypten herausführt, murrt das Volk und will zurückkehren zu den Fleischtöpfen Ägyptens.

Wenn der Magen knurrt, wird die Sehnsucht nach Freiheit vom Hunger überwältigt und selbst die frische Erinnerung an die Unterdrückung verblasst gegenüber der Fata Morgana der Fleischtöpfe. Doch Gott versorgt sein Volk, nicht durch die Fleischtöpfe vorindustrieller Massentierhaltung, sondern Tag für Tag durch seine Schöpfung. Jeden Abend sendet er ihnen einen Schwarm Wachteln und am Morgen Manna, eine mythische Speise, die stets nur genau einen Tag genießbar ist.
Täglich neu sollen die befreiten Sklaven sich auf ihren Gott verlassen und lernen, dass er sie besser versorgt als das „Sklavenhaus Ägypten“.

In der Bibel finden wir viele Geschichten, die von Nahrungsmangel und der wundersamen Versorgung durch Gott handeln: Elia wird in der Wüste von Raben versorgt, sein Schüler Elischa versorgt eine arme Witwe durch ein wenig Öl und Mehl, die jeden Tag neu da sind. Jesus speist Tausende mit der kleinen Gabe eines Jungen.

Dazu gehören auch die Geschichten, die von der Versuchung handeln, sich für die Versorgung auf Weltreiche zu verlassen, die sich selbst vergötzen. Daniel und seine Freunde ernähren sich am babylonischen Hof vegetarisch, um nichts zu essen, das den imperialen Göttern geweiht ist. Jesus schlägt die Möglichkeit aus, Steine in Brot zu verwandeln und damit zu einem Imperator nach römischem Vorbild zu werden, der sich bei den Massen mit „Brot und Spielen“ beliebt macht. Stattdessen ermutigt er die Nachfolgegemeinschaft, von den Vögeln zu lernen, die nicht sähen und nicht pflügen und doch vom Schöpfergott ernährt werden.

Diese Geschichten genauer zu betrachten lohnt sich, wir können aber schon jetzt an ihnen ablesen: An unserem Essen entscheidet sich, auf welchen Gott wir vertrauen, oder anders gesagt: an was wir glauben. Vertrauen wir auf die Götzen der Weltreiche, ob sie nun Ägypten, Babylon oder Rom heißen oder Wall Street und DAX, die uns Sicherheit und Fleischtöpfe versprechen, in Wirklichkeit aber Menschen und Schöpfung vergiften und töten, oderaber auf den Schöpfergott, der uns täglich neu versorgt und genug für alle bereitstellt?

Die immer neue Entscheidung für das Vertrauen auf Gott kommt sowohl in der Bitte des Vaterunsers „Unser tägliches Brot gib uns heute“ wie auch im Teilen des Brots beim Abendmahl zum Ausdruck, die beide die Mitte des Gottesdienstes bilden.

 Nun hat sich seit den biblischen Zeiten einiges geändert, Traktoren haben in vielen Teilen der Welt Pflug und Ochsen ersetzt und in Europa streut kaum einer mehr Samen kreuz und quer über sein Feld. Dünger und gezüchtetes Saatgut bringen unglaubliche Erträge und haben dazu beigetragen, den Hunger durch Unterproduktion zu beenden. Doch an seine Stelle ist der Hunger trotz Überproduktion getreten. Die Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen gab 2013 wieder einmal bekannt, dass allein die weggeworfenen Lebensmittel der westlichen Welt ausreichen, um alle Hungernden zu speisen.

Durch die Zwänge der Globalisierung produzieren viele Länder des globalen Südens vor allem lukrative Produkte wie Kaffee, Bananen oder Soja (zur Viehhaltung) in Monokulturen, die mit den dafür notwendigen Pestiziden Land und Leute vergiften. Die Gewinne aus diesen Exporten kommen nur wenigen zu Gute und, da kaum eigentliche Lebensmittel produziert werden, sind die Menschen auf Lebensmittelimporte angewiesen, auf die auf dem Weltmarkt spekuliert wird, was die Preise in den letzten Jahren vervielfacht hat.
Auch in Deutschland gibt es Hunger, nach Angaben des Verbands deutscher Kinder- und Jugendärzte leiden eine halbe Million Kinder regelmäßig Hunger und erhalten nicht alle Nährstoffe, die sie benötigen.

Wie kann das sein, wo es im Supermarkt doch soviel Essen gibt?
Hier zeigt sich, dass der Kapitalismus im Überfluss künstlich Mangel erzeugen muss, um sich am Leben zu erhalten. Der Supermarkt führt Lebensmittel aus aller Welt mit dem Versprechen, dass es bei immer längeren Öffnungszeiten dennoch immer alles geben muss. In makellosem Zustand selbstredend.
Um dieses große Angebot mit den von der Wirklichkeit abgekoppelten ästhetischen Erwartungen der Kunden vereinbaren zu können, wird in jedem Schritt der Lieferkette vom Bauern über den Großhändler bis zum Laden stets aussortiert. Der Apfel mit den Druckstellen, die krumme Gurke, die Palette Orangen mit einer schimmligen Frucht.
Zu Hause geht dieses Verhalten weiter. Mindesthaltbarkeitsdaten, die keinerlei Bezug zum echten Verfallsdatum haben, bringen Menschen dazu, den gekauften Joghurt wegzuschmeißen und gleich zwei neue zu kaufen.

Das Wegwerfverhalten der Kunden bringt Lebensmittelherstellern und Supermärkten also Gewinne, während die Mehrkosten für die weggeworfenen Lebensmittel einfach auf den Preis eingerechnet werden. Je nach Lebensmittel beträgt dieser Anteil 30-50%. Jede weggeworfene Banane bleibt natürlich auch Teil der Nachfrage und hat schon zur Zerstörung der Erde beigetragen. Das Wegwerfverhalten steht nicht nur in der Verantwortung der Konsumenten, sondern ist erstens durch Werbung erlernt, und zweitens ist Mangel für den Kapitalismus überlebensnotwendig. Würde man all die übrig gebliebenen Lebensmittel verschenken, so würde ja niemand mehr einkaufen.
Es will scheinen, dass die Ethik des Kapitalismus der biblischen diametral entgegensteht. Wo das Gesetz des Mose Mundraub ausdrücklich erlaubt (Deut 23,25f) und die Nachlese verbietet, damit sozial ausgegrenzte Gruppen sich versorgen können (Deut 24,19ff), ist es in Deutschland illegal, Lebensmittel aus dem Müll zu retten. Im Neuen Testament streiten sich die Pharisäer mit Jesus darüber, an welchen Tagen man Ähren aus dem Feld abreißen darf – die Frage, ob es sich um Diebstahl handelt, war dabei undenkbar.

Erst im Kapitalismus sind Besitzverhältnisse so eindeutig heiliger geworden als Menschen.

Bei allem, was sich verändert hat, ist einiges gleich geblieben. Auch heute müssen alle Menschen essen. Und weiterhin entscheidet sich an unserem Essen, welchem Gott wir dienen. Wie könnte in dieser vermarkteten Welt ein Konsumverhalten aussehen, das im Sinne der biblischen Tradition Gemeinschaft stärkt, die Schöpfung bewahrt und sich täglich neu auf den Schöpfergott verlässt?
Die Unterstützung von fair und nachhaltig hergestellten Produkten ist in diesem Kontext sicherlich nützlich, noch wichtiger ist die Vermeidung langer Transportwege, eine ortsnahe Herkunft der Lebensmittel und eine den Jahreszeiten entsprechende Ernährung. Diese Ansätze beginnen bei der Wurzel des Problems und versuchen Lösungen zu schaffen. Aber sie haben einen großen Nachteil: Sie sind teuer und nicht jede/r kann es sich leisten, sein Gewissen rein zu kaufen, was sowieso nicht das Ziel sein kann.
Ich fange daher beim Ende der Produktionskette an, und biete keine Lösung, sondern versuche es mit einer prophetischen Praxis: Mülltauchen, Essen retten, Containern oder Dumpstern.

Nach Ladenschluss begeben wir uns auf Fahrrädern mit Seitentaschen und Taschenlampen zum Supermarkt und streben den Hintereingang an. Dort finden wir das, was kurz zuvor noch auf dem Tresen lag: Äpfel, Orangen, Karotten (in Bioqualität), Blumen, die in ein paar Tagen anfangen zu welken und Joghurt, dessen Mindesthaltbarkeitsdatum zwischen vorgestern und übermorgen liegt. Wir nehmen uns soviel wir brauchen und hinterlassen den Hof sauberer als zuvor. Zuhause wird das Obst gewaschen und verteilt, vielleicht kochen wir spontan etwas, oder verabreden uns für den nächsten Tag zum gemeinsamen Essen.

Was ist Mülltauchen mehr als ein bisschen Abenteuer und eine Möglichkeit, Geld zu sparen? Eine Lösung für die Probleme der Nahrungsmittelproduktion und -verteilung sicher nicht.
Aber es führt uns immer wieder das schiere Ausmaß an Verschwendung und die Künstlichkeit des Mangels vor Augen. Es senkt einerseits die Nachfrage, da ich alles, was ich ertaucht habe, nicht mehr kaufen muss und gibt mir gleichzeitig die Möglichkeit, mit dem gesparten Geld in faire, nachhaltige und regionale Produkte zu investieren, die ich mir sonst nicht leisten könnte.

Anders als im Ausüben einer herablassenden Wohltätigkeit, armen Menschen Essen zu geben, das ich selbst nicht essen möchte, essen MülltaucherInnen selbst das Ertauchte und solidarisieren sich mit denen, die keine anderen Möglichkeiten haben. Die schiere Masse an weggeworfenem Essen, das man retten könnte, zwingt zum Teilen, da es in Analogie zum biblischen Manna bald aufgebraucht werden muss. Immer neue, unvorhersehbare Kombinationen an Fundgemüse fördern kreative Rezepte und Gemeinschaft mit allen, die sich einladen lassen. In manchen Städten werden in „Volxküchen“ leckere vegane Mahlzeiten aus gerettetem Essen an öffentlichen Plätzen an alle verteilt, die kommen, egal ob reich, arm, nüchtern oder betrunken. Diese Aktionen sind ein prophetisches Zeugnis gegen die Wirtschaft des Todes und für eine andere Welt, die hereinbricht, wo wir teilen und uns darauf verlassen, dass der Schöpfergott uns versorgen wird.

Hier wird für mich auch der geistliche Aspekt des Mülltauchens deutlich:

Die Auseinandersetzung mit dem weggeschmissenen Essen führt mich gleichzeitig in den Dank und die Klage. Dank für das Essen, das ich finde, Klage darüber, dass es ungerecht produziert wurde und nun Menschen vorenthalten wird, die es mehr bräuchten als ich.
Die biblischen Geschichten überlagen sich: Im Müll der Konsumwüste finde ich täglich mehr als genug Manna. Gleichzeitig versuche ich, nicht vor dem babylonischen Supermarkt niederzufallen.

Dieser Artikel von mir wurde in der Ausgabe 2/14 mennonitischen Zeitschrift „Die Brücke“ veröffentlicht. Da ich nicht zum Schreiben komme, poste ich ihn hier, um den Blog zu beleben.

Lektionen vom Ölbaum

Olivenbäume sind das Merkmal Palästinas, schon seit biblischen Zeiten als die Leviten Oliven als eine der sieben Früchte des gelobten Lands zurückbrachten. Der Ölbaum, seine Früchte und das daraus gewonnene Öl tauchen immer wieder in der Bibel auf, was auf die lange Tradition seiner Nutzung hinweist. In Getsemaneh in Jerusalem gibt es Olivenbäume, die zur Zeit Christi schon dort wuchsen, und im palästinensischen Dorf Al Wallajah soll es sogar noch einige Jahrhunderte ältere Bäume geben.

Der Olivenbaum ist eine in Palästina einheimische Pflanze, die sich über Jahrtausende auf den kargen Regen und die brennende Hitze eingestellt hat, und durch ihr langsames Wachstum ein schier unsterbliches Alter erreicht.

Ich schrieb an anderer Stelle schon über die unglaubliche Widerstandsfähigkeit der Bäume, die sogar das Fällen überleben können und einfach aus dem Stumpf zu neuem Leben erstehen, weil das Wurzelnetzwerk intakt geblieben ist. Das hat auch die Israelische Besatzungsarmee gemerkt und ist dazu übergegangen, Bäume mit Caterpillar-Bulldozern auszureißen.

Wie schon in der Bibel spielt der Olivenbaum in der eingeborenen palästinensischen Kultur eine große Rolle: Menschen erinnern sich teilweise an den Namen der Menschen, die den hundert Jahre alten Baum gepflanzt haben, die Zeit der Ernte war früher ein Familien-, oder sogar Dorffest, wobei sich hier mittlerweile auch die Modernisierung bemerkbar macht und in meiner Erfahrung kaum noch alle Familienmitglieder daran teilnehmen.

Bei diesen tiefen Wurzeln im Bewusstsein der Menschen ist es logisch, dass Daoud gerne den Ölbaum als Beispiel für effektiven und nachhaltigen sozialen Wandel benutzt. Ich möchte im Folgenden seine Punkte in eigenen Worten wiedergeben und dem manches hinzufügen:

Der Ölbaum hat tiefe Wurzeln, die es ihm ermöglichen den langen und heißen Sommer zu überleben. Ebenso brauchen Initiativen, die effektiv sein wollen, ein tiefes Reservoir an Energie haben, um die vielen Anfechtungen zu überleben.

Der Baum wächst sehr langsam und hat ein weitaus größeres Wurzelnetzwerk als der oberirdische „Baum“. So können wirkungsvolle Initiativen oft auch sehr bescheiden und machtlos wirken, weil sie an ihrer Unterstützung in der Gemeinschaft arbeiten müssen. Graswurzelorganisation ist der Schlüssel zu tatsächlicher Gesellschaftstransformation, während der Versuch radikale Politik durch staatliche Reformen ohne Rückhalt in der Bevölkerung fast immer zum Scheitern verurteilt ist. So wie der Ölbaum erst nach sieben bis zehn Jahren Früchte trägt braucht horizontales Organisieren eine lange Zeit, bevor erste Auswirkungen sichtbar werden.

Die ersten zwei Sommer muss man den Baum regelmäßig bewässern, sonst stirbt er, danach kommt er komplett alleine aus, weil die Wurzeln tief genug sind. Ebenso brauchen auch viele Initiativen eine Starthilfe finanzieller oder anderer Art, bevor sie anfangen können zu arbeiten. Es ist aber unbedingt notwendig von dieser Starthilfe nicht abhängig zu werden, sondern sie als „Hilfe zur Selbsthilfe“ zu verstehen und sie dann irgendwann auch schlichtweg abzulehnen.

Soweit Daouds Vergleich. Während ich darüber nachdachte sind mir noch einige Dinge eingefallen:

Wir sind versucht den Baum als alleinstehend zu sehen und nicht in seinem Kontext als Teil eines Ökosystems aus Erde, anderen Pflanzen und Tieren. Tatsächlich sind die Wurzeln des Baumes wichtig, aber nicht um sich aus der unlebendigen Erde an Rohstoffen zu bedienen, sondern um mit Kleinstlebewesen zu handeln und Mineralien gegen Sauerstoff auszutauschen. Tausende Würmer, Insekten und andere Tiere auf der Suche nach Futter graben den Boden um den Baum herum um und hinterlassen wertvolle Nährstoffe in Form ihrer Exkremente. Gleichzeitig gibt es auch Schädlinge, die den Baum kaum am Leben lassen wollen, oder nur um ihn weiter auszubeuten. Andere Pflanzen, z.B. Gras können eine Gefahr sein, wenn der Baum noch jung ist und überwuchert werden könnte, aber sie verhindern auch, dass der Boden austrocknet und die Würmer den Ort verlassen. Sie beziehen ihre Nährstoffe aus anderen Bodenschichten und stören einen großen Baum nicht. Genauso leben auch wir in Zusammenhängen, in denen Solidarität die größten Erträge bringt und gegenseitige Hilfe lebensfördernd ist. Es ist nur unsere kapitalistisch-individualistische Weltsicht, die uns zum Schluss kommen lässt Wettbewerb erbringe immer die besten Erträge. Wir sollten versuchen die Nischen zu finden, in denen wir gemeinsam existieren können und einander fördern könnten. Dies ist besonders für Initiativen wichtig, die oft andere Zielsetzungen haben, und deswegen meinen, nicht zusammenarbeiten zu müssen, oder sogar können. Im Gegenteil, Vielfalt kann zu viel größerer Effektivität führen, auch wenn man nicht unbedingt in allem übereinstimmt.

Aufgrund des Wurzelnetzwerks und der gegenseitigen Hilfe der Organismen kann der Baum die langen Strapazen des Sommers überleben (der gleichzeitig enorme Energie in Form von Sonnenlicht bringt). Dennoch würde er ohne den Winter und den Regen schnell verdorren und sterben. Genauso brauchen wir auch bei dem größten und effizientesten Netzwerk den Wechsel zwischen Arbeit, Fest und Ruhe (oder Sommer, Ernte und Winter), neue Ressourcen und Orte und Zeiten an denen wir Kraft schöpfen können. Die biblische Sabbatordnung bietet dafür eine gute Grundlage und zusammen mit Jesu Kritik an der allzu literalistischen Auslegung der Pharisäer, ist sie ein hilfreiches Gegengift zu der protestantischen Arbeitsmoral, die leider viele Initiativen prägt.

Auch ein hunderte Jahre alter Baum mit tiefen, starken Wurzeln und vielen Früchten ist nicht sicher vor einem Siedler mit einer Motorsäge, oder den Bulldozern der israelischen Armee. Dank der Wurzeln wird der Baum zwar vieles überleben, aber er kann auch nicht auferstehen. Nichts desto trotz sind die Oliven, die einst in ihm hingen längst zu neuen Bäumen geworden.

Gute Organisation, Breites Netzwerken und ausreichend Ressourcen sind keine Garantie dafür, dass unsere Versuche die Gesellschaft zu verändern, nicht von den Mächtigen bekämpft und gestoppt werden. Ein gutes Netzwerk kann dann helfen, neue Sprossen um eine zerstörte Organisation sprießen zu lassen, aber vielleicht verliert es durch Propaganda sogar den Rückhalt in der Gemeinschaft. Dennoch wird all die Arbeit unerwartete Früchte getragen haben und noch tragen.

Wie Daoud in Abwandlung des Lutherzitats sagt: „Selbst wenn ich wüsste, das morgen die Welt untergeht, würde ich heute immer noch einen Olivenbaum pflanzen.“ Und das in Palästina, wo das Ende der Welt sowieso immer um die nächste Ecke scheint.

Komposttoiletten

„Die Briten brachten noch eine neue Erfindung – die Spültoilette. Sie behaupten, sie sei fortschrittlich, in Wirklichkeit ist sie ein Disaster. Besonders an einem Ort wie Palästina, stiehlt uns die Spültoilette unser Wasser, unsere Erde und unser Geld.“ Munir Fasheh

In einem deutschen Haushalt ist die Toilette verantwortlich für den meisten Wasserverbrauch. Und sie spült mit Trinkwasser.

Toiletten mit Wasserspülung sind auch in Palästina üblich, obwohl es jedes Jahr im Sommer wochenlang kein fließendes Wasser gibt, weil Israel den Hahn zu dreht. Das Geruch in dieser Zeit kann man sich vorstellen. Dazu kommt, dass es kein Abwassersystem gibt, das Dreckwasser läuft einfach in die Täler und vergiftet dort Bäume und die kleinen Bäche, die noch fließen. Hier auf dem Zelt der Völker sind wir noch abgeschnittener, da wir außer dem gesammelten Regenwasser gar kein Wasser haben.

Es ist also offensichtlich, dass es eine Alternative braucht.

Deshalb haben wir hier Komposttoiletten. Sie sind sind aus Sperrholz, Glasflaschen und selbstgemachten Erdziegeln gebaut.

Diese funktionieren wie ein Plumpsklo, bloß macht man in eine Mülltonne, die unter dem Toilettensitz ist und jede Woche geleert wird. Nachdem man sein Geschäft erledigt hat, schüttet man noch ein paar Blätter, Asche, oder Sägespäne hinterher, die Feuchtigkeit aufsaugen und als zusätzliche organische Masse den Kompostierungsprozess verbessern.

Für den Kompost haben wir ein Dreikammernsystem, in das wir die Mülltonnen entleeren. Erst wird die erste Kammer voll, dann die zweite und dann die dritte. Bis die dritte voll ist, ist in der ersten Kammer nur noch wohlriechender, schwarzer Humus, den wir um die Bäume schütten können.

Mit dieser Technik verbrauchen wir außer zum Ausspülen der Tonne nach dem Leeren keinerlei Wasser, und generieren wertvollen, organischen Dünger.

Wie meine Freunding Sarah sagt: „Die Person, die als erstes vorschlug, in sauberes Wasser zu kacken, war offensichtlich verrückt.“

Beduinen und Baumsoldaten

Ich habe mich jetzt schon länger nicht mehr gemeldet, und bin mir nicht sicher, ob der Versuch, all das Unberichtete und Unkommentierte aufzuholen, gelingen wird.

Dank einer Freundin, die gerade eine Christian Peacemaker Teams Inforeise leitet, konnte ich mit ihrer Gruppe letzten Samstag in die Negevwüste fahren und Beduinen besuchen, die innerhalb der Grünen Linie (also in Israel) so stark verfolgt werden, dass ich den Begriff „Bürger zweiter Klasse“ als Euphemismus empfinde.

Aber erstmal von vorne. Mit dem Kleinbus fuhren wir in Richtung Ber Sheva und nahmen auf dem Weg unsere zwei israelischen Führer auf, säkulär-jüdische Aktivisten, die in der Organisation Negev Coexistence Forum for Civil Rights zusammen mit Beduinen für gleiche Rechte und ein Ende der rassistischen Politik Israels kämpfen.

Im Bus erklärten uns Amos und Haia, dass es vor der Gründung des Staates Israel (oder der Nakba, der Katastrophe, wie es Palästinenser nennen) circa 85000 Beduinen in der ganzen Negev gab, die während des Krieges und noch danach massenweise vertrieben wurden. Die übrig gebliebenen 11000 (Volkszählung von 1960) wurden gezwungen, in ein Reservat im Norden der Negev zu ziehen, eine Regelung, die die traditionellen Stammesgrenzen ignoriert. Dieses Reservat stand lange Zeit unter Militärverwaltung und die Beduinen brauchten spezielle Genehmigungen, um es zu verlassen – wie Palästinenser in der Westbank heutzutage, obwohl die Beduinen israelische Staatsbürgerschaft hatten.

Die israelischen Regierungen wollen die „primitiven Nomaden“ dazu bringen, sich in Städten anzusiedeln, weswegen sie ihnen Baugenehmigungen für ihre Dörfer, ob neugegründet oder hunderte Jahre alt, vorenthalten. Die Begründung dafür war, sie seien Invasoren.

Sie wurden also vom entstehenden Staat Israel aus ihrem traditionellen Land vertrieben und von diesem Staat gezwungen in ein Gebiet zu ziehen, wo derselbe Staat sie als Invasoren bezeichnet und ihnen gleichzeitig eine Staatsbürgerschaft gibt, und grundlegende Menschenrechte, wie das Recht auf Unterkunft vorenthält.

Heutzutage sind die Beduinen wieder ungefähr auf ihre Vor-Nakba Anzahl gewachsen und leben teilweise in den von Israel für sie ausgewählten Städten und in zahlreichen sogenannten „nicht-anerkannten Dörfern“. In den Städten haben sie die höchste Arbeitslosigkeits- und Kriminalititätsrate in Israel, und versuchen dennoch so gut wie möglich an ihrem alten Leben festzuhalten: sie halten auf kleinstem Raum Ziegen und bauen Gemüse an.

In den „nicht-anerkannten Dörfern“ können sie zwar ländlicher leben, dafür haben sie größtenteils keinen Zugang zum Strom und Wassernetz, und leben in dauernder Angst vor dem Tag, an dem die Bulldozer wiederkommen und ihnen ihre Heimat wegnehmen wollen.

Und sie kommen. Wieder und wieder.

In dem „nicht anerkannten“ Dorf Arakib, das wir besuchten, waren sie jetzt schon 25 Mal. Sie zerstörten die steinernen Häuser und rissen die Olivenbäume aus. Die Beduinen bauten aus den Trümmern ihre Häuser wieder auf, und die Bulldozer kamen erneut. Am Ende nahmen sie die Trümmer mit, um sicher zu gehen, dass die Häuser nicht wieder errichtet werden. Auch die Zelte, die den Bewohnern als Unterkunft dienten wurden nun schon mehrmals zerstört.

Dank einem letztes Jahr in der Knesset verabschiedeten Gesetz, sind Hausabrisse nun eine „nicht von Steuern abgedeckte Dienstleistung des Staates“, weswegen die Bewohner von El Arakib nun auch noch auf 1,8 Millionen Schekel (=360.000€) verklagt wurden.

Aziz, der Sohn des Scheichs von Arakib, erklärte uns, dass sie keine heimatlosen Nomaden seien: „Wir hatten Häuser aus Stein, die baut man nicht, wenn man nur umherzieht. Natürlich, wenn meine Tiere kein Futter haben, dann gehe ich mit ihnen fort, aber ich komme wieder. Wenn du in deiner Nähe keine Arbeit findest, arbeitest du doch auch woanders. Aber wir hatten auch Bäume auf den Hügeln und Weizen und Gerste auf den Ebenen. Unser Dorf war so grün, es gab nichts wie es, hier in der Gegend.“

Jetzt sind die Bäume ausgerissen und stattdessen hat der Jewish National Fund (JNF) unter anderem mithilfe von Spenden des christlichen Senders God TV begonnen einen künstlichen Wald aus Pinien, Akazien und Eukalyptus auf Beduinenland aufzuforsten. Diese drei Bäume tragen keine verwertbaren Früchte, sind der Negev fremd, und im Fall des Eukalyptus sogar der ganzen Region. Eukalyptus benötigt enorme Wassermengen und trocknet das umliegende Land und die tiefer liegenden Wasserreservoirs aus, wie man in dem „Wald“ deutlich sehen konnte.

Außerdem ist der Eukalyptus in Australien für seine leichte Entflammbarkeit bekannt, was anscheinend auch das verheerende Karmelfeuer ausgelöst haben soll.

Dieser absurde „Wald“ dient dem JNF und den israelischen Autoritäten als Begründung, die Beduinen von dem Land zu vertreiben, da ihre Ziegen die Bäume am Wachsen hindern würden und damit eine Bedrohung für die „Umwelt“ darstellen würden.

Im Klartext, ein alter Kulturwald genügsamer und fruchtbarer lokaler Bäume wird abgeholzt, um Platz für einen wasserverschlingenden Wald fremder Bäume zu machen, die noch wachsen müssen und keine Frucht tragen. Das Ganze wird dann als „Erblühen der Wüste“ und ökologisches Wunder verkauft und diejenigen, die mit ihrer Mischung aus Hirtentum und Landwirtschaft das komplexe Ökosystem der Negev geschaffen haben, werden vertrieben.

Dass der Wald für die mit Sicherheit kommende jüdische Siedlung abgeholzt werden wird, steht außer Frage.

„Baumsoldaten“ hat Aziz diese Wälder genannt, die wie eine Armee sein Dorf belagern und kolonisieren. Eine Frau aus unserer Gruppe fing an zu weinen und erzählte davon, wie sie ihren Söhnen zur Geburt Bäume in Israel geschenkt hatte, die nun in diesem Wald standen. Sie hatte von all diesen Dingen natürlich keine Ahnung und dachte, sie tut etwas gutes. Wer hat schon etwas gegen Bäume. Dasselbe werden sich die Kunden von El Al wohl auch denken, die, um ihren CO2-Austoß auszugleichen, über den JNF einen Baum pflanzen, der dann Beduinen vertreibt, oder auf einem ehemaligen palästinensischen Dorf wächst und die Erinnerung an es verlöscht.

Dann ist Aziz aufgestanden und hat uns den Ort gezeigt, wo sein Dorf und seine Bäume früher standen. Viel zu sehen gab es nicht: ein Fundament eines Haus, eine Scherbe einer Fließe..

Doch dann zeigte er uns das erste Hoffnungsvolle des Tages: An manchen Stellen hatten die Bulldozer die Olivenbäume nicht ausreißen können, und so hatte man sie nur abgeschnitten. Jetzt sprießen sie wieder hervor und werden nur 3 Jahre brauchen, bis sie wieder Frucht tragen. Wenn sie so lange stehen bleiben können.

Aziz sagte: „Wenn die Bäume das überleben, wie könnte ich aufgeben und gehen?“

Über das Dorf Al Arakib gibt es eine Dokumentation Sumud, was man wohl am Besten mit „Langmut“ übersetzen sollte. Es ist auch das Wort, das Palästinenser, die das Prinzip der Gewaltfreiheit in der palästinensischen Gesellschaft verankern wollen, gewählt haben.

Hast du schon mal ein Haus gebaut….

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aus Plastikflaschen und aus Holz?

Ich jedenfalls bin mittlerweile ziemlich am Ende dieses Experiments, von dessen Plan ich euch vor ein paar Monaten erzählt hatte. Es tut mir leid, dass ich euch nicht auf dem laufenden gehalten habe, aber lange Zeit habe ich einfach Flaschen gesammelt, und ab und zu ein paar Reihen eingefügt, aber diese Woche durfte ich fast die ganze Zeit daran arbeiten, weswegen ich jetzt fast fertig bin. Eine Seite fehlt noch, inklusive der Tür, die wir dort noch einbauen müssen. Dann muss noch eine Plastikfolie um das ganze Ding rum, um zu garantieren, dass die Hitze und Feuchtigkeit auch wirklich drin bleibt, und dann können die Pflanzen wachsen!

Hier mal ein paar Bilder vom Bauprozess.

man braucht sehr viele Flaschen

den ersten Rahmen habe ich in der Garage zusammengebaut

Welche Flasche wollte ich nochmal?

Der Rahmen steht und ist "flexibel", ein schönes Wort für wacklig..

Als wir feststellten, dass wir eine Seite zum Transport wieder rausnehmen müssen

Lernt von den Lilien

Lernt von den Lilien, die auf dem Feld wachsen: Sie arbeiten nicht und spinnen nicht. Doch ich sage euch: Selbst Salomon war in all seiner Pracht nicht gekleidet wie eine von ihnen. Wenn aber Gott das Gas so prächtig kleidet, das heute auf dem Feld steht und morgen ins Feuer geworfen wird, wieviel mehr dann euch, ihr Kleingläubigen?“ Matthäus 6,28-30

Auch wenn ich hier auf dem Weinberg fast den ganzen Tag draußen bin, muss ich doch immer wieder innehalten, von meiner Arbeit bewusst eine Pause annehmen und die Schöpfung bewundern. Besonders gefallen mir die Wildblumen, die mit dem Regen aus der Erde schießen und ihre Schönheit nur dem aufmerksamen Beobachter offenbaren.

Jemand formulierte es so: Die judäische Wildnis (von Bethlehem bis Hebron) scheint vielen Besuchern grau und eintönig. Aber man muss das Auto verlassen und die Landschaft zu Fuß erkunden, um die farbenfrohe Wirklichkeit zu entdecken. Dann werden die braunen Hügel bunt von unzähligen Blumen und die Olivenbäume sind nicht mehr grau, sondern tiefgrün.

 

Nach, oder während des Regens, wenn die Wolkendecke und der Nebel aufreißen und der Staub von den Pflanzen weggewaschen ist, sind die Farben kräftig und klar, was sie noch schöner aussehen lässt.

Vielleicht ist es gerade die Kargheit dieses Lands, in dem Regen nur ein paar Monate im Jahr fällt, die die einzelnen Blumen ihre besondere Schönheit verleiht. Wie der Schmuck einer armen, vom Schicksal gezeichneten Frau.

Und manchmal, wenn ich eine Blume betrachte und zur Ruhe komme, dann kommen mir Jesu Worte in den Sinn und ich kann meine Sorgen loslassen. Was heute noch zu tun ist, was ich studieren soll, wann dieser Flecken Land Frieden finden wird.

Grüne Linie

Bei den Verhandlungen um einen Staat Palästina hört man immer wieder den Begriff der „Grünen Linie“. Gemeint ist dabei die Waffenstillstandslinie von 1949 zwischen Israel und dem damals von Jordanien besetzten Westjordanland.

Die völkerrechtliche Bedeutung dieser Linie wird debattiert, diejenigen, manche sagen, sie sollten die Grenzen zwischen Israel und dem zukünftigen Palästina sein. Israel ist die Grüne Linie ziemlich egal, da es seit 1967 über die Grüne Linie hinaus Ostjerusalem annektiert hat und den Rest des Westjordanlands und Gaza besetzt hat.

Was auch immer ihr rechtlicher Status, grün ist an der Grünen Linie nichts – außer den Olivenhainen, die durch den Bau der Apartheidsmauer von ihren Besitzern abgeschnitten sind, oder teilweise sogar umgepflanzt wurden. An anderen Stellen ist sie betongrau von Israels Apartheidsmauer, die manchmal tatsächlich auf der Demarkationslinie steht und nicht kilometerweit in palästinensisches Gebiet hinein.

Vielleicht sollten wir sie also graue Linie nennen? Oder rote Linie, vom Blut, dass über diese Grenze und das Recht zu bleiben, oder zu kommen schon vergossen wurde?

Im Zelt der Völker arbeiten wir die letzten Tage an unserer eigenen Grünen Linie, wir pflanzen Pinien entlang des Zauns, der Dahers Weinberg begrenzt. Diese Bäume brauchen wenig Wasser und wachsen auch in steinigem Gelände. Ihre Wurzeln werden Erosion verhindern und die Zweige den Wind abmindern. Sie betreiben Photosynthese und bekämpfen damit den Klimawandel. Genug Bäume können sogar das Mikroklima verändern und Regen anziehen! Wo Bäume gepflanzt werden, wird das Land bearbeitet, wodurch Israel das Land nicht einfach enteignen kann, da es nicht bearbeitet wird.

Außerdem ist es natürlich ein Symbol für die Entschlossenheit der Familie Nassar, das Land ihres Großvaters nicht aufzugeben. Dies ist unsere Grüne Linie.

Eine, die diesen Namen verdient.

Nachtrag: Wir pflanzen auch noch einen Wald aus Pinien, Johannisbrotbäumen und anderen Bäumen, deren Namen ich nicht kenne. Insgesamt haben wir bis jetzt 850 Bäume gepflanzt.

Im Schildkrötengarten

Gestern besuchte ich zum dritten Mal Bustan Qaraaqa, eine Permakulturfarm in Beit Sahour. Bustan Qaraaqa heißt Schildkrötengarten, was sich auf die wilden Schildkröten, die dort leben, bezieht. Es ist ein vier Jahre altes Projekt von englischen Ökologen, die auf ihrem Gelände mehrere Modellprojekte haben und mit einheimischen Bauern verschiedene Projekte durchführen, wie Bäume pflanzen.

Permakultur ist der Versuch, ökologische Systeme so nachzuahmen, dass sie bei minimaler Arbeit den maximalen Nutzen für Umwelt, Mensch und Gemeinschaft bringen, dabei wird ein systemischer Denkansatz benutzt, um alle Beteiligten zu berücksichtigen – das ist zumindest meine Definition.

Die Modellprojekte in Bustan Qaraaqa sind sehr kreativ; ich bin jedes Mal inspiriert, wenn ich vorbei komme. Seit Mai war ihr Hauptprojekt Beit Igzaaz (das Glashaus) ein Gewächshaus aus Glasflaschen und Erde. Hier wurde auch die Idee für die Toilettenwand geboren.

Die drei Male, die ich da war, haben wir an dem Dach für das Haus gearbeitet, das aus halben Plastikflaschen besteht.

Gestern haben wir zum ersten Mal versucht, es tatsächlich auf das Haus zu kriegen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Und scheiterten.

Andere Projekte auf ihrem Land sind Komposttoiletten, Aquaponicssysteme und Recycling. Alles, was Bustan Qaraaqa konsumiert, wird recycled. Organisches wird Kompost, Flaschen werden für das Haus benutzt, Dosen werden an den Schrotthändler verkauft, und viele Dinge werden einfach sortiert und warten darauf, dass jemand eine Idee hat, was man damit machen könnte.

Eine australische Freiwillige in dem Projekt hat eine sehr viel schönere und ausführlichere Beschreibung der Recyclingbemühungen in Bustan Qaraaqa auf ihrem Blog.

Ich hoffe, dass Bustan und Zelt der Völker einige Projekte zusammen durchführen können, aber selbst wenn nicht, habe ich bei den drei Besuchen schon vieles gelernt, was ich irgendwann mal anwenden will.

 

 

 

Glasflaschenmauern

Hier noch ein Beispiel einer anderen Müllbautechnik, die ich Glasflaschenmauern genannt habe:

Ausprobieren konnte ich diese Technik, da die Wand einer unserer Komposttoiletten (Artikel kommt noch), kaputt war.

Technik: Man stapelt die Flaschen quer übereinander, der Flaschenhals liegt dabei auf der Außenseite der Struktur.

Die Flaschen sind mit einer Mischung aus Erde, Ziegenkot und Heu verbunden, diese Bauweise erlaubt es dem Licht das Klo zu erhellen, verhindert aber einen Einblick in die Privatsphäre während dem Verrichten des Geschäfts.

Hier sieht man das ganze nochmal von hinten.

Der Biomörtel ist jetzt schon fast ganz trocken und die Wand steht noch. Ich hoffe, sie als Muster benutzen zu können, um mehr in dieser Bauform bauen zu können.

Wenn ich über den Müll laufe, sehe ich immer mehr Ideen, die nur auf ihre Verwirklichung warten.

Das Glasflaschenmauern habe ich übrigens nicht selbst erfunden, sondern bei Bustan Qaraaqa zuerst gesehen, einem Permakulturbauernhof in Beit Sahour, der auch noch mit einem Artikel gewürdigt werden soll.