Gnade gegen Spende

Freakstock 2011_PC-81

Letzte Woche war ich auf Freakstock, dem jährlichen Festival der Jesus Freaks. Es war eine großartige Erfahrung und ich frage mich, warum mich niemand vorher dahin geschleppt hat… Genau diese Gemeinschaft an alternativen, fröhlichen Christ_innen habe ich lange gesucht und nun vielleicht endlich ein paar davon getroffen.

Es gab dort viel Schönes und Inspirierendes, aber das spannendste waren die Volksküche und die Band Psalters. Bei der Volxküche wurde tagsüber gekocht, sodass abends zusammen gegessen werden konnte. Eingeladen waren alle, zum Essen, wie auch zum Schnibbeln, Würzen und Spülen. Außerdem war das Vokü-Zelt ein Ort der Begegnung, am dem ich einen großen Teil der Zeit während des Festivals verbrachte und spannende Menschen kennenlernte.

Die Psalters sind eine Band aus Philadelphia, USA Turtle Island, die liturgische Texte mit Punk-Folkmusik mischen und sich als Nomaden verstehen. Ich kannte sie vor Freakstock nicht und bin immer noch sehr begeistert von dieser Musik, den Musiker_innen und ihren Konzerten (sie haben von vier Tagen 3(!) mal gespielt).

Was mich aber an diesen zweien am meisten überzeugt hat, war, dass beide einzig und allein auf Spendenbasis funktionierten. Bei der Vokü stand eine Kasse und man warf hinein, was man wollte. Der Stand der Psalters war immer besetzt und man konnte sich an Alben und Patches nehmen, was man wollte, gegen eine Spende beliebiger Größe. Es gab keine festen Preise und man gab so viel, wie man konnte und das Projekt unterstützen wollte. Man konnte auch gar nichts geben.

Diese Praxis hat mich zum Nachdenken gebracht und schließlich kam ich im Gespräch mit Freunden auf diese These: „Gnade gegen Spenden“ (Der Satz ist ein leider Anglizismus, „grace for donations“ und ich freue mich über bessere Übersetzungsvorschläge).

Was bringt mich zu diesem Gedanken? Gnade ist ein Wort mit dem viele Leute etwas vollkommen Unverdientes verstehen und auch zu recht. Die Gnade, die Gott uns anbietet können wir durch nichts verdienen. Egal, wie fromm unsere Lebensführung wäre, oder wie viel Frieden wir stiften würden; nichts kann die Gnade erkaufen – abgesehen davon, dass wir diese Dinge wohl kaum ohne Gott tun könnten. Das Konzept von der unverdienten Gnade erlöst uns aus dem Zwang „Gutes“ zu tun, der allzu schnell für einen höheren Zweck die Mittel heiligt. Es erlöst uns von Schuldgefühlen und zeigt uns, dass wir so angenommen sind, wie wir sind. Das ist die Predigt, die Rev. Vince Anderson uns in seinem Konzert über Gottes all-inklusive Liebe hielt.

Aber. Es gibt immer ein aber. Die Stärken eines Konzepts werden zu Schwächen, wenn sie ihr subversives Element verlieren, Allgemeinplätze werden und andere Wahrheiten verdrängen.

So ist es auch hier. Ich bin kirchenhistorisch nicht bewandert genug, um die genauen Ursachen für diesen Umschwung zu sehen, aber sagen wir einfach, die Tradition der Gnade hat die Tradition der Werkgerechtigkeit besiegt, und mit ihr auch alles verdächtig gemacht, was nach Werken aussieht. Wer auf die Notwendigkeit christlicher Werke hinweist und Zweifel daran hegt, dass alles, was Christ_innen nach ihrer Bekehrung tun sollen, lobpreisen und anbeten und keinen Sex vor der Ehe haben ist,  gilt bei manchen schon fast als Ketzer.

Da so aber auch schon die Propheten genannt wurde, lasse ich mich nicht stören.

Ich denke, Werke sind wichtig, vielleicht sogar essentiell – gleichzeitig kann man sich die Gnade nicht verdienen. Wie also soll man diese Dialektik auflösen?

Hier kommen die Spenden ins Spiel.

„Gnade gegen Spenden“ heißt, jede nimmt sich was sie braucht und gibt was sie kann. Manche brauchen mehr und geben scheinbar nichts, manche können wenig annehmen, meinen aber viel geben zu müssen. Manche geben anders, so wie bei der Vokü manche Essensspenden mitbrachten, oder Gemüse schnibbelten, während andere „nur“ einen 5€-Schein in die Kasse legten. Durch das Annehmen der Gnade kann man diese weitergeben und auch so etwas zurückgeben, wie manche begeistert von den Psalters erzählten und so Leute zu ihrem Konzert brachten, die später viel Geld für CDs gaben.

Diejenige(n), die die Kosten tragen und sich auf ein solches Konzept einlassen (sei es die Vokü auf einem bescheidenen Niveau, oder die Psalters, die tatsächlich mehr oder weniger von Spenden für ihre Musik leben, oder letztlich Gott, der sich und den Kosmos der Menschheit komplett ausgeliefert hat) brauchen ein gewaltiges Maß an Vertrauen gegenüber den zunächst bloßen Konsumenten.

Aber gerade durch dieses Vertrauen fühlen sich die Konsumierenden wahrgenommen und haben die Möglichkeit dieses Vertrauen zu bestätigen und Teil der Bewegung zu werden, die durch die Gnade ausgelöst wurde. Manchmal wird das Vertrauen auch enttäuscht, so wie als die Vokü 100€ im Minus war (ich hoffe es hat sich noch ausgeglichen), aber dadurch werden sich die Begnadigten erst ihrer Verantwortung bewusst und können sie wahrnehmen.

Eine letzte und spannende Gemeinsamkeit zwischen Gnade und dem Konzept der Schenkökonomie (zu der man das „gegen Spenden“ Prinzip zählen kann) ist, dass es vielen Menschen unglaublich schwer fällt, beides anzunehmen. Wir sind so gewohnt, dass alles einen festen Austauschpreis hat, dass man alles messen kann, dass Pflichten erfüllt werden können und müssen, dass es uns unmöglich und unerträglich erscheint, dass es etwas anderes gibt. Die Gnade erschreckt den gefallenen Menschen, weil er alles einteilen will, genau messen und ordnen will.

Ein solches Maß an Reich Gottes ist für das System höchst erschreckend. Zu Recht.

 

Adventlich-grammatikalische Offenbarung

Macht hoch die Tür, die Tor macht weit;
es kommt der Herr der Herrlichkeit,
ein König aller Königreich,
ein Heiland aller Welt zugleich,
der Heil und Leben mit sich bringt;
derhalben jauchzt, mit Freuden singt:
Gelobet sei mein Gott,
mein Schöpfer reich von Rat.

So lange ich mich erinnern kann, hat mich dieses Lied in der Adventszeit verwirrt: „Der Herr der Herrlichkeit“, damit konnte ich etwas anfangen, das soll Jesus sein, auch die anderen Titel sind mir als treuem Kindergottesdienstbesucher einleuchtend gewesen, „König aller Königreich“, „Heiland aller Welt zugleich“, kennt man ja. Nun kommt ein Relativsatz, der erklärt, dass Jesus „Heil und Leben mit sich bringt“ und jetzt kommt noch ein Relativsatz, der besagt, dass Jesus „[…]halb jauchzt, mit Freuden singt“.

So habe ich es zumindest immer verstanden. Meine Vorstellung von Jesus war lange Zeit ein Typ, der verklemmt jauchzt und gerne Lieder singt. Was vielleicht in unsere Gemeinden passt, in denen bei Predigten fröhliches und freies Jauchzen verordnet wird, und immer wieder betont wird, wie gerne man doch singt…

Auf einer theologischen Ebene gesehen, ist das nicht Häresie? Ein Jesus, der halb jauchzt, ist das nicht eindeutig eine Leugnung der ganzheitlichen Doppelnatur Christi, der zugleich ganz Mensch und ganz Gott ist? Wenn Jesus hier nur halb jauchzt, ist er dann vielleicht auch nur halb Mensch – oder halb Gott, welche Natur ist eigentlich für das Jauchzen zuständig?!

Wer den Text weiter betrachtet, wird zu dem Schluss kommen, dass es wohl die menschliche Natur ist, denn Jesus singt ja anscheinend: Gelobet sei mein Gott // mein Schöpfer reich von Rat.

Gestern fiel es mir im Gottesdienst dann wie Tannennadeln vom Weihnachtsbaum: „Derhalben“ ist ja zusammen geschrieben… das ist ein Wort, das gar kein Relativpronomen ist sondern eine Subjunktion, ein Prototyp unseres guten „deshalb“. Doch keine Häresie, kein halbjauchzender Jesus, der gerne singt.

Dann sind aber „jauchzt“ und „singt“ Imperative – womit wir wieder beim verordneten Jauchzen wären…


Neue Single von Irie Revoltés!

YouTube Preview Image

hab es mal wieder ein bisschen spät gemerkt, aber Irié Revoltés hat eine neue Single namens „Travailler“ (-arbeiten) herausgebracht, die man auf ihrer Webseite kostenlos herunterladen kann.

Das Lied setzt sich kritisch mit dem Wert der Arbeit in unserer Gesellschaft auseinander und der Ausgrenzung, die die erfahren, welche sich dagegen wehren, oder einfach keine Anstellung finden.

Leider finde ich den Text noch nirgends, aber die Fetzen, die ich mit meinem gebrochenen Französisch aus dem schnell gesungenen Text verstehe, hören sich super an….

„Travailler, travailler, travailler pour en fin avoir de la valeur dans la société!“

„Arbeiten, arbeiten, arbeiten, um endlich Wert in der Gesellschaft zu haben!“

Weiter so Irie!

Laurentiustränen und Ukulelen

In der Nacht vom 12. auf den 13. August ist die höchste Aktivität der Perseiden, einem Meteorstrom, der jedes Jahr die Erde passiert.

Deshalb saß ich um halb zwölf Uhr nachts mit meinen Eltern im Auto auf dem Weg zu einen Hügel außerhalb Bammentals. Ich erinnerte mich, dass ein Freund von mir gesagt hatte, er wäre an der selben Stelle, wo wir hinwollten und sagte gerade zu meinem Vater: „Pass auf, dass du den nicht überfährst!“, als vor uns drei Schatten aufsprangen und zur Seite rannten.

Es war der Freund und noch zwei andere Freunde von mir.

Sternschnuppen sahen wir leider keine, weil der Himmel so bewölkt war, aber dafür erhielt ich ein Ukulelenkonzert das „Stand by me“ beinhaltete – nur „Stand by me“ in unendlichen Wiederholungen…

war trotzdem ein lustiger Abend

Haltet einfach den Mund!

Das dachte ich mir mehrmals als ich am Samstag auf dem Jubliäumskonzert von Teocracia war. Die Bands spielten nämlich ganz gut, nur die Sänger waren schrecklich.

Meine Theorie ist, dass eine Gruppe, wenn sie keinen guten Sänger findet und nicht kreativ genug ist gute Texte zu schreiben, einfach beschließt so hart wie möglich zu spielen und nur zu schreien – dann versteht niemand die Texte und (fast) alle sind zufrieden.

Aber es ist auch schwer Death oder Black Metal zu christlichen Themen zu machen; irgendwann wird es langweilig, wenn man das zehnte Lied über spirituelle Kriegsführung hört und es eigentlich mehr um die Dämonen geht als um Jesus…

Aber was soll man von einer Band namens „Demonodecapitologia“ – „Lehre vom Dämonenköpfen“ schon erwarten?

Haarneid! stolzer Metalvater Amen ja, das ist ein Mann Sword Halt den Mund!

Theokratie

Am Samstag war ich mit einem Freund aus der Gemeinde in Teocracia einer Metalgemeinde in Asunción.

Ein kleiner schwarz angestrichener Raum ist ihr Gottesdienstraum, vorne ein Bild: ein Krieger lässt seine Axt fallen und kniet vor zwei Händen, die einen siebenarmigen Leuchter halten, es fließt Blut herunter – man gab mir die Erklärung, es sei die Bekehrung. Aha.

Die Mehrheit der Besucher hat zumindest schulterlanges Haar und schwarze Kleidung. Um nicht aufzufallen, war ich mit meinem KORN-T-Shirt gekommen, weshalb mich ein schwarz gekleideter ansprach und mit mir über Jesus sprach, wie der sein Leben verändert hatte: Vorher war er auch KORN-Fan gewesen, aber jetzt sei er Fan von Jesus.

Er war ziemlich erstaunt als ich sagte, dass sei ich auch.

Dann fing der Gottesdienst an; sie sangen diesselben Lieder wie alle anderen, nur rockiger. Nach dem Gottesdienst war ein Konzert mit verschiedenen Gruppen aus Asunción; vierzig Leute waren da und es war laut. 😛
Auch wenn Theokratie von der Welt oft als Herrschaft des Klerus verstanden wird und Iran als Beispiel genannt wird, gefiel mir Teocracia – und die echte Theokratie als Anarchie der Menschen und Herrschaft Gottes.

Hier ihre Webseite.