Bananen als analytisches Instrument der Volkswirtschaft

Ich gehe in einen der drei Supermärkte in meinem Dorf. Regale voller Lebensmittel formen den Markt zu einem Konsumlabyrinth, aus dem ich nur dann den Ausweg finde, wenn ich mehr, als ich wollte eingekauft habe. In der Obst- und Gemüseabteilung sehe ich Berge von Tomaten, Salaten, Gurken. Alle perfekt normiert, gerade Gurken, runde Tomaten, alles ohne Druckstellen und jeden Makel. Aus Afrika, Asien und auch aus Südamerika kann ich Bananen kaufen, kann wählen, ob ich mit dem „Bio“-Siegel versehenes Obst kaufen will, oder das „Normale“. Das ist Freiheit im Supermarkt, wählen zu können, zwischen all diesen gleichaussehenden Bananen – von allem sind Berge vorhanden.

Während ich sie mir ansehe, einige in die Hand nehme um zu fühlen, wie reif sie sind, fällt mir auf, dass einige bräunlich werden haben. Ich sage es dem Verkäufer (in der Hoffnung einen Rabatt zu bekommen), er schmeißt sie weg. Man will ja nicht, dass es heißt, in dem Laden werde schlechte Ware verkauft.

 

Nachts bin ich wieder bei dem Supermarkt. Die Lichter sind schon lange ausgegangen, weshalb ich eine Taschenlampe mitgenommen habe. Ein Freund ist auch dabei, zusammen wollen wir herausfinden, was aus der Banane geworden ist.

In einer braunen Tonne finden wir sie wieder, zusammen mit all den anderen, die aus irgendwelchen Gründen aussortiert wurden:

Haufenweise Tomaten, die leichte Druckstellen haben

Säcke mit Orangen, von denen eine einzige angefangen hat zu schimmeln, Salatköpfe, bei denen einzelne Blätter bräunlich sind, Gurken, Rettiche, und vor allem: Bananen.

Bananen, für die Regenwäler gerodet wurden, die in riesigen Monokulturplantagen gewachsen sind auf denen Pestizide gesprüht wurden, die auch Menschen vergiften. Bananen, die grün geerntet wurden, damit sie auf dem Transportweg nachreifen und dieses Gelb annehmen, das wir als „reif“ wahrnehmen.

Bananen, die endlich reif sind und braune Flecken entwickeln.

Vielleicht sind Bananen ein verkanntes analytisches Mittel um Widersprüche im wirtschaftlichen System aufzuzeigen:

Bildeten sich in der Planwirtschaft der DDR endlose Schlangen vor den Läden, wenn es denn endlich mal Bananen gab, so landen sie im real existierenden Konsumkapitalismus ohne großes Zucken in den Müll, um Platz für vermeintliche frischere zu machen.

Außerhalb des Kleiderschranks

In meinen Gesprächen mit alten Freunden und wenn ich zu all den alten Orten gehe fühle ich mich, als sei hier keine Zeit vergangen. Viele meiner früheren Klassenkameraden studieren jetzt, oder arbeiten, und doch mir kommt es so vor als hätten sie sich nicht verändert.

 

Ich bin aus Narnia durch den Wandschrank wieder in die echte Welt getreten und während dort ein Jahr verging, ich zahllose Abenteuer erlebte und in der Zeit gealtert bin, sind hier nur ein paar Augenblicke vergangen. Die Erinnerungen bleiben bei mir, aber wie Lucy, die in Narnia zur Frau wurde, bin ich hier doch nur ein Kind und falle sofort in alte Verhaltensmuster zurück, weil die Menschen um mich herum sich exakt wie früher verhalten.

Wenn Palästina mein Narnia war und hier alles gleich geblieben ist, waren meine Erfahrungen überhaupt wirklich? Wenn ich von dem erzähle, was ich gesehen und getan habe, habe ich das Gefühl, dass die Leute zögern mir zu glauben. Sie vertrauen mir, aber meine Worte scheinen einfach zu unglaublich. Wird meine Geschichte dadurch nicht in gewisser Weise zum Märchen? Ist das nicht das, was ein Märchen zum Märchen macht? Geschichten, die wir nicht wagen, zu glauben? Wir würden es nicht aushalten, in einer Welt zu leben, in der es Hexen gibt und sprechende Wölfe, die unsere Großmütter fressen. Aber es gibt Eltern in unserer Welt, die ihre Kinder in den Wald schicken und hoffen, dass sie niemals wieder kommen, sei es, weil sie sie nicht versorgen können, oder weil sie die Liebe für sie nicht aufbringen können.

Und ist es nicht schlimmer in einer Welt zu leben, in der es zwar keine Hexen gibt, dafür aber immer noch Apartheid, Atombomben und Bulldozer, die Häuser zerstören?

Vielleicht fragen mich die Menschen deshalb nicht, und vielleicht will ich deshalb nicht erzählen, wenn sie fragen. Frag nichts und erzähl nicht. Don’t ask, don’t tell. Was in der US-Armee funktioniert hat, funktioniert auch für mich. Ich möchte deine Feier nicht zerstören, wenn ich dir von all den schrecklichen Dingen erzähle, die ich gesehen habe. Und noch weniger möchte ich sehen, wie du weiter lächelst, wenn ich dir davon erzähle.

Kulturschöcke

Hier ist eine Liste an Kulturschöcken, die ich bis jetzt auf Facebook veröffentlicht hatte. Das ganze ist eher zur Erheiterung gedacht und keine gute Beschreibung palästinensischer Kultur (noch der deutschen):

Rückkehrkulturschock #1: alles ist hier so grün, es scheint, ganz Deutschland ist eine einzige Siedlung.

Rückkehrkulturschock #2: Nachdem ich den Frankfurter Flughafen verlassen habe, sah ich keine einzige bewaffnete oder uniformierte Person. Und wo ist eigentlich der Checkpoint, der die Bewegungsfreiheit der deutschen Bevölkerung unter dem Vorwand der „Sicherheit“ einschränkt?

Rückkehrkulturschock #3: In Deutschland essen die Menschen mehr Gerichte als Reis mit einer unspezifischen roten Sauce.

Rückkehrkulturschock #4: Ich kenne nicht alle Weißen.

Rückkehrkulturschock #5: Ich kann nach Einbruch der Dunkelheit nach Hause gehen und die Chancen sind sehr gering auf dem Weg von israelischen Soldaten gestoppt zu werden. (Bei deutschen Soldaten liegt die Sache ja vielleicht bald anders…)

Rückkehrkulturschock #6: Das große Schwimmbecken im Bammentaler Schwimmbad hat mehr Volumen als alle Zisternen im Zelt der Völker zusammen.

Rückkehrkulturschock #7: Deutsche Pommes sind knusprig und lecker, keine wabbelige Masse, die man nur in einem Falafelsandwich essen kann.

Rückkehrkulturschock #8: In Deutschland muss ich fegen und abspülen und wenn ich herausstelle, dass das Frauenarbeit ist, werde ich als „Sexist“ beschimpft.

Rückkehrkulturschock #9: In Deutschland nennt man mich einen Antisemiten, wenn ich sage, was ich von der Situation in Palästina /Israel halte, wofür ich in Palästina als Zionist beschimpft wurde.

In den weiteren Tagen wird diese Liste sicherlich noch fortgeführt…

wieder „zu Hause“

Nach einer zum Glück ereignislosen Reise bin ich am Mittwoch wieder in Deutschland angekommen. Um mir die unangenehmen Fragen, die Untersuchung meiner Koffer und die mögliche Leibesvisitation zu ersparen, bin ich über Jordanien ausgereist, wo sich die Beamten herzlich wenig für den Inhalt meines Gepäcks interessiert haben und mich auch nichts fragten. Nur der Mann, der mir den israelischen Ausreisestempel in den Pass drückte, ich solle bloß nicht glauben, ich könnte dieses Jahr nochmal ein Dreimonatsvisum kriegen, sondern ich müsse jetzt mal zur Botschaft gehen.

Mittwoch mittags landete meine Maschine und im Flughafen bekam ich gleich einen Geschmack der deutschen post-elfter-September Sicherheitskultur: Ich musste einen Riesenumweg laufen, weil jemand seine Tasche liegen gelassen hatte, und die als Sicherheitsrisiko eingestuft wurde. Das war ich auch aus Israel gewöhnt, wo ich erst den Bus zur Grenze verpasst hatte, weil ich mein Gepäck durchleuchten lassen musste.

Danach endeten aber auch schon die Ähnlichkeiten, kaum war ich aus dem Flughafen draußen, wurde ich erschlagen von all dem Grün um mich herum. Auf Dahers Weinberg ist seit mehreren Monaten kein Tropfen Regen gefallen und alles ist braun, gelb, bis auf die Bäume. Und dann all das Wasser! Überall Flüsse, Bäche und Seen.

Langsam taste ich mich vor in dieses Land, dass ich eigentlich kennen sollte. Ich denke, dass ist es, warum viele sagen, das Rückkehren ist schwerer als das Ankommen im fremden Land. Man kommt nämlich beide Male in einem fremden Land an – beim Rückkehren weiß man es bloß nicht.

 

Godwins Gesetz in Israel und Palästina

„Mit zunehmender Länge einer Online-Diskussion nähert sich die Wahrscheinlichkeit für einen Vergleich mit Hitler oder den Nazis dem Wert Eins an.“

– Mike Godwin

Der obenstehende Satz ist die Definition von Godwins Gesetz, einem empirischen Gesetz der Internetkultur. Während es im Internet meist eine Weile dauert, bis ein Nazivergleich aufkommt, scheint diese Dauer hier in Israel und Palästina um einiges verkürzt zu sein.

Jetzt sind es gerade die Ultraorthodoxen, die behaupten, in Israel wie im Ghetto leben zu müssen..

Aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass fast alle, denen ich begegne, sehr schnell meinen, sagen zu müssen, dies oder jenes, sei „wie die Nazis“, „wie der Holocaust“, „wie Hitler“. Diese Aussagen kommen von Internationalen, die über die Not der Palästinenser sprechen, von Israelis, die über das Verhalten „der Araber“ ihnen gegenüber sprechen, und von Palästinensern, die ihrer Not Ausdruck verleihen wollen.

Diese schnellere Anwendung von Godwins Gesetz liegt an meiner Meinung nach an mehreren Faktoren:

  1. mangelndes Geschichtswissen: Das Wissen über die Shoa, deren Ausmaß, Ursachen und Folgen sind unter Palästinensern leider nicht ausgeprägt genug, auch unter Internationalen herrscht leider auch oft mangelndes Detailwissen, bei Israelis ist die Rezeption der Shoa stark ideologisch verfärbt (Shoa als Rechtfertigung des Zionismus).
    Auch fehlt oft das Wissen über andere passendere Vergleiche (Südafrika), bzw. die Einordnung der israelischen Besatzung und Kolonisierung in den größeren Kontext von Kolonisierung und Ausbeutung
  2. Normalisierung des Vergleichs: Die Shoa ist in Israel immer Teil des Diskurses und so werden Nazivergleiche sehr häufig verwendet. Dies bewirkt, dass der Vergleich kein extremes Mittel, sondern alltäglich wird (ähnliches gilt für Antisemitismusvorwürfe). Die Palästinenser auf der anderen Seite nehmen dies wahr und benutzen den Vergleich in der Hoffnung Aufmerksamkeit für ihr Leiden zu erhalten.
  3. Meine Nationalität: Nach Gesprächen mit anderen Internationalen, Deutschen und Nicht-deutschen habe ich festgestellt, dass gegenüber Deutschen öfter Situationen und Personen öfter mit dem sogenannten „3. Reich“ verglichen werden. Ich vermute, dass die vergleichende Person eine starke Reaktion bei Deutschen vermutet und meist auch erhält. Manche meiner deutschen Bekannten haben deswegen angefangen, ihre Nationalität zu leugnen und sich beispielsweise als Schweden auszugeben.

Diese Liste an Faktoren lässt bewusst die Frage außen vor, ob der Vergleich legitim ist. Eine Antwort darauf würde sehr lang ausfallen und ich würde allen, die es interessiert raten, hierher zu kommen und sich selbst ein Bild zu machen. Ich selbst habe in manchen Gesprächen Nazivergleiche gemacht und habe gleichzeitig andere dafür kritisiert.

Vielleicht ein andermal mehr dazu. Heute will ich nur allen hier in der Gegend einen Godwinpunkt verleihen.

Gratulation!

Von Zäunen und Blumen

Eine der ersten großen Aufgaben, die wir inzwischen erledigt haben, war das Freiwilligengelände mit unserer Freiluftküche, den Komposttoiletten und den Zelten mit einem 250 Meter langen und 1,75 cm hohen Zaun zu umgeben.

Da waren wir also: junge Deutsche, die mit dem Wunsch zur Versöhnung und zum Frieden zwischen Palästinensern und Israelis beizutragen hierher gekommen waren, in ein Projekt dessen Untertitel lautet „People building Bridges“ – und das erste, was wir taten war einen Zaun zu bauen. Das Symbol dieses Zauns war für mich so mächtig, dass es mir wenig half, daran zu denken, dass wir den Zaun ja wegen (unserer) der wilden Hunde bauten, und nicht um Israelis rauszuhalten. Der Zaun sollte Sicherheit für die Übernachtungsgäste bringen, aber nennen nicht auch die Israelis ihre Apartheidsmauer, die Familien voneinander trennt und innerhalb der Westbank gebaut wird, einen „Sicherheitszaun“.

Zäune waren für uns westliche Freiwillige aus sicheren Nachbarschaften einfach zu beladen mit Bildern von Abtrennung, Angst und Unterdrückung. Gerade im Kontext von Palästina – die Siedlungen haben ja auch einen Zaun um sie herum.

Bald machte unter uns der Slogan „People building Fences“ die Runde, und ich begann von unserem Essensbereich als einer gegen den Strom von Touristen abgegrenzten „gated community“ zu sprechen.

Aus dieser Ironie sprach zumindest für mich auch mehr als nur ein Fünkchen Wahrheit. Ich war tatsächlich frustriert, das wir dieses Symbol für Abgrenzung aufrichten mussten, wo es doch auch einiges an anderer sinnvoller Arbeit gegeben hätte.

Ich habe versucht diesen Frust zu verwandeln und habe aus Stacheldraht eine Blume gebastelt, die ich am Eingang zu den Zelten in den Draht gesteckt habe.

Auch wenn die Zaungeschichte mich frustriert hat glaube ich, dass wir hier am Reich des Friedens arbeiten, in dem Zäune aus Blumen bestehen werden.

Nachtrag: Am Freitag kam Daoud von seiner Vortragsreise zurück und sah alles, was wir in seiner Abwesenheit geschafft hatten, unter anderem den Zaun. Er freute sich, dass er fertig war, runzelte kurz die Stirn und sagte dann: „Wir werden hier Blumen pflanzen, wir brauchen zwar den Zaun, aber deswegen muss er uns nicht die Aussicht vermiesen.“

Gnade gegen Spende

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Letzte Woche war ich auf Freakstock, dem jährlichen Festival der Jesus Freaks. Es war eine großartige Erfahrung und ich frage mich, warum mich niemand vorher dahin geschleppt hat… Genau diese Gemeinschaft an alternativen, fröhlichen Christ_innen habe ich lange gesucht und nun vielleicht endlich ein paar davon getroffen.

Es gab dort viel Schönes und Inspirierendes, aber das spannendste waren die Volksküche und die Band Psalters. Bei der Volxküche wurde tagsüber gekocht, sodass abends zusammen gegessen werden konnte. Eingeladen waren alle, zum Essen, wie auch zum Schnibbeln, Würzen und Spülen. Außerdem war das Vokü-Zelt ein Ort der Begegnung, am dem ich einen großen Teil der Zeit während des Festivals verbrachte und spannende Menschen kennenlernte.

Die Psalters sind eine Band aus Philadelphia, USA Turtle Island, die liturgische Texte mit Punk-Folkmusik mischen und sich als Nomaden verstehen. Ich kannte sie vor Freakstock nicht und bin immer noch sehr begeistert von dieser Musik, den Musiker_innen und ihren Konzerten (sie haben von vier Tagen 3(!) mal gespielt).

Was mich aber an diesen zweien am meisten überzeugt hat, war, dass beide einzig und allein auf Spendenbasis funktionierten. Bei der Vokü stand eine Kasse und man warf hinein, was man wollte. Der Stand der Psalters war immer besetzt und man konnte sich an Alben und Patches nehmen, was man wollte, gegen eine Spende beliebiger Größe. Es gab keine festen Preise und man gab so viel, wie man konnte und das Projekt unterstützen wollte. Man konnte auch gar nichts geben.

Diese Praxis hat mich zum Nachdenken gebracht und schließlich kam ich im Gespräch mit Freunden auf diese These: „Gnade gegen Spenden“ (Der Satz ist ein leider Anglizismus, „grace for donations“ und ich freue mich über bessere Übersetzungsvorschläge).

Was bringt mich zu diesem Gedanken? Gnade ist ein Wort mit dem viele Leute etwas vollkommen Unverdientes verstehen und auch zu recht. Die Gnade, die Gott uns anbietet können wir durch nichts verdienen. Egal, wie fromm unsere Lebensführung wäre, oder wie viel Frieden wir stiften würden; nichts kann die Gnade erkaufen – abgesehen davon, dass wir diese Dinge wohl kaum ohne Gott tun könnten. Das Konzept von der unverdienten Gnade erlöst uns aus dem Zwang „Gutes“ zu tun, der allzu schnell für einen höheren Zweck die Mittel heiligt. Es erlöst uns von Schuldgefühlen und zeigt uns, dass wir so angenommen sind, wie wir sind. Das ist die Predigt, die Rev. Vince Anderson uns in seinem Konzert über Gottes all-inklusive Liebe hielt.

Aber. Es gibt immer ein aber. Die Stärken eines Konzepts werden zu Schwächen, wenn sie ihr subversives Element verlieren, Allgemeinplätze werden und andere Wahrheiten verdrängen.

So ist es auch hier. Ich bin kirchenhistorisch nicht bewandert genug, um die genauen Ursachen für diesen Umschwung zu sehen, aber sagen wir einfach, die Tradition der Gnade hat die Tradition der Werkgerechtigkeit besiegt, und mit ihr auch alles verdächtig gemacht, was nach Werken aussieht. Wer auf die Notwendigkeit christlicher Werke hinweist und Zweifel daran hegt, dass alles, was Christ_innen nach ihrer Bekehrung tun sollen, lobpreisen und anbeten und keinen Sex vor der Ehe haben ist,  gilt bei manchen schon fast als Ketzer.

Da so aber auch schon die Propheten genannt wurde, lasse ich mich nicht stören.

Ich denke, Werke sind wichtig, vielleicht sogar essentiell – gleichzeitig kann man sich die Gnade nicht verdienen. Wie also soll man diese Dialektik auflösen?

Hier kommen die Spenden ins Spiel.

„Gnade gegen Spenden“ heißt, jede nimmt sich was sie braucht und gibt was sie kann. Manche brauchen mehr und geben scheinbar nichts, manche können wenig annehmen, meinen aber viel geben zu müssen. Manche geben anders, so wie bei der Vokü manche Essensspenden mitbrachten, oder Gemüse schnibbelten, während andere „nur“ einen 5€-Schein in die Kasse legten. Durch das Annehmen der Gnade kann man diese weitergeben und auch so etwas zurückgeben, wie manche begeistert von den Psalters erzählten und so Leute zu ihrem Konzert brachten, die später viel Geld für CDs gaben.

Diejenige(n), die die Kosten tragen und sich auf ein solches Konzept einlassen (sei es die Vokü auf einem bescheidenen Niveau, oder die Psalters, die tatsächlich mehr oder weniger von Spenden für ihre Musik leben, oder letztlich Gott, der sich und den Kosmos der Menschheit komplett ausgeliefert hat) brauchen ein gewaltiges Maß an Vertrauen gegenüber den zunächst bloßen Konsumenten.

Aber gerade durch dieses Vertrauen fühlen sich die Konsumierenden wahrgenommen und haben die Möglichkeit dieses Vertrauen zu bestätigen und Teil der Bewegung zu werden, die durch die Gnade ausgelöst wurde. Manchmal wird das Vertrauen auch enttäuscht, so wie als die Vokü 100€ im Minus war (ich hoffe es hat sich noch ausgeglichen), aber dadurch werden sich die Begnadigten erst ihrer Verantwortung bewusst und können sie wahrnehmen.

Eine letzte und spannende Gemeinsamkeit zwischen Gnade und dem Konzept der Schenkökonomie (zu der man das „gegen Spenden“ Prinzip zählen kann) ist, dass es vielen Menschen unglaublich schwer fällt, beides anzunehmen. Wir sind so gewohnt, dass alles einen festen Austauschpreis hat, dass man alles messen kann, dass Pflichten erfüllt werden können und müssen, dass es uns unmöglich und unerträglich erscheint, dass es etwas anderes gibt. Die Gnade erschreckt den gefallenen Menschen, weil er alles einteilen will, genau messen und ordnen will.

Ein solches Maß an Reich Gottes ist für das System höchst erschreckend. Zu Recht.

 

1:1 für Paraguay und mein innerer Kampf mit der WM

Heute habe ich freiwillig ein Fußballspiel geschaut. Meine Prinzipien gebrochen. Aber, es war immerhin ein Paraguayspiel, da musste ich ja zuschauen, alleine um zu beweisen, dass ich mich dort eingelebt habe. Während ich die unbequeme Frage nach dem Nationalismus für neunzig Minuten ignoriert habe, bin ich ein wenig betrübt, dass Paraguay das 0:1 nicht halten konnte. Wenigstens war es noch unentschieden.

Die Paraguayer nehmen aber ihren Fußball um einiges ernster als wir Deutschen. Immerhin hat der paraguayische Präsident Lugo, den heutigen Tag des ersten Spiels der Paraguayer zum Ruhetag erklärt. Da würde ich mich auch mehr für Fußball begeistern, wenn das in Deutschland zur Norm würde.

Unglaublich, dass ich schon zwei Artikel über die WM geschrieben habe, es scheint als, würde meine misathletische Haltung zu bröckeln beginnen, NEIN!!!

Warzenweltmeisterschaftswerbung

Ich habe leider schon einige Europa- und auch Weltmeisterschaften erleben müssen. Die Idee ist mehr oder weniger immer die gleiche. 22 Männer jagen eine Lederkugel im Namen ihrer Nation, mit der sie eigentlich so gut wie nichts mehr gemeinsam haben, da sie normaler Weise in anderen Ländern wohnen und dort einer Lederkugel hinterher rennen und dafür unverschämt viel Geld kriegen arbeiten.

Das ganze scheint alle Menschen in meiner Umgebung brennend zu interessieren: Feministinnen vergessen schlagartig, dass sich Sexismus auch darin zeigt, dass Männerfußball viel mehr gefördert und wertgeschätzt wird als Frauenfußball, Antinationalisten schwenken Fahnen, als ob wir nie schlechte Erfahrungen mit dem Fiebern nach dem Endsieg gehabt hätten (es bleibt aber ein enormer Fortschritt, wenn sich 22 Männer für neunzig Minuten prügeln, als Millionen über mehrere Jahre). Die ansonsten ach so ökologisch bewussten Menschen hängen sich hundert Deutschlandflaggen ans Auto und verbrauchen damit 0,5l/100km/Fahne mehr Treibstoff und kaum verhüllter Fremdenhass gegen bessere Mannschaften (siehe Italien vor vier Jahren) wird wieder salonfähig. Was will man mehr?!

Aber es wird noch besser. Ein jede/r Bürger/in kann nun seine/ihre nationalen Stolz zeigen, indem er/sie munter McWraps vertilgt, oder sinnlos teure und unsagbar hässliche Deutschlandhüte, -brillen, oder -dreadperücken kauft. Streng logisch – schließlich braucht die Nation unseren dauernden Konsum.

Heute bin ich über eine besonders sinnlose Werbung gestolpert: Weltmeisterlich gegen Warzen. Genau das, woran ich bei der WM denke.

Kulturschöcke

Was ist die Mehrzahl von Schock? Ich hatte nämlich mehrere, die für euch unbeteiligte Zuschauer, lustig erscheinen mögen, doch für mich sehr traumatisch waren.

Letztens wollte ich mit dem Bus fahren und als er an mir vorbeifuhr streckte ich den Daumen raus – wie man es in Paraguay macht. Seltsamerweise hielt der Bus aber nicht an und ich erinnerte mich, dass man in Deutschland an Bushaltestellen muss, um mit dem Bus zu fahren. Also rannte ich zur nächsten Bushaltestelle und bekam den Bus gerade so noch. Dieser war ungewohnt sauber und ich musste die ganze Zeit nicht stehen. Es kam auch niemand, um mir Kaugummis, Bonbons, frische Maiskuchen, Erdnusstafeln, oder Socken, Nagelscheren und ähnliche nützliche Haushaltsgegenstände, die ich immer so erstanden habe, zu verkaufen. Niemand sang mir ein Ständchen auf einer schlecht gestimmten Gitarre und kein Knd kam, um zu betteln. Während der ganzen Fahrt sprach mich niemand an, wo ich Blonder denn hin wolle und, dass das ein sehr gefährliches Viertel wäre.

Ich fühlte mich geradezu einsam…

Jedes Mal wenn ich auf dem Klo sitze muss ich mir überlegen, wo jetzt der Mülleimer für das Klopapier steht – bis mir einfällt, dass es in Deutschland einfach in die Röhre geschmissen wird.

In der Gemeinde und auch sonst geben mir die Leute nicht die Hand und wundern sich dann, wenn ich ihnen die meine reiche – im gefühlskalten Deutschland gibt man nicht die Hand.

Es gibt einige Dinge, die ich jetzt schon an Paraguay vermisse und in meiner romantisch-verklärenden Art, werden bestimmt noch einige hinzukommen.