Mennos in zwei Sätzen

Wenn ich mir den Namen hätte aussuchen können, hießen wir Willemsiten

Ich lese gerade den aktuellen Rundbrief des Juwe, des Jugendwerks der Süddeutschen MennonitInnen und stoße auf eine herausfordernde Frage von der Kinderreferentin Gerda Landes:

Wie würdest du einem Schulkind in 1-2 Sätzen erklären,
wer wir Mennos sind? Was können wir unseren
Kindern mit auf den Weg geben, wenn sie in
der Schule gefragt werden: „Menno… was?“

Mennos erklären!
Und dann auch nur in einem bis zwei Sätzen!
Und für Schulkinder!

Wie kann man denn Mennos, bei denen jede Gemeinde vollständige Lehrautonomie hat und keine Leitung, wie z.B. Bischöfe anerkennt, und keine Bekenntnisse, definieren?!
Wo doch noch nicht mal dass mit den keinen Bischöfen stimmt, weil manche dann doch welche haben!

Geschichte, der wir uns verpflichtet fühlen, bindet uns zusammen (mit allen guten und schlechten Folgen), genauso wie die daraus abgeleiteten Prinzipien von hermeneutischer Gemeinschaft, Feindesliebe und Glaubenstaufe (um mal drei herauszunehmen).
Aber was, die dann bedeuten ist ja wieder umstritten.
Und auch der Streit bindet uns zusammen.

Die, mit denen man noch streitet, sind einem nicht egal.

Aber das sind mehr als zwei Sätze und auch nicht unbedingt kindgerecht.

Es liegt wohl auch an meinem „Sitz im Leben“:
Ich werde dauernd gefragt, was Mennos sind – von Theologiestudierenden, von denen man eigentlich mehr erwarten könnte. Denen gegenüber verweigere ich eine so kurze Antwort, aber für Schulkindern ist mein üblicher Vortrag wohl ein bisschen zu viel.

Wenn ich versuche, es zu mich so kurz zu fassen, gibt es zwei Versuchungen:

  • Auszuweichen und zu sagen, dass eigentlich alle Christen doch das Gleiche glauben.
    (was ja auch stimmt, nur muss man dann erklären, warum wir trotzdem Mennos sind und nicht einfach Christen.
  • Oder man wird polemisch und sagt etwas, dass man in Anwesenheit von Geschwistern aus anderen Konfessionen nicht sagen würde
    (Und manchmal geht es mir auch so, dass ich Mennonit bin, weil ich nicht zu einer der großen Kirchen gehöre und die anderen Freikirchen auch nicht leiden kann
    – besonders am Reformationstag)..

Diesen Versuchungen will ich ausweichen und in ökumenischer Verbundenheit und doch auf die Unterschiede eingehend in kindgerecht erklären, was für mich mennonitisch Sein ausmacht.

Also ich versuch’s. Zwei Sätze:

Mennos sind Menschen, die zusammen mit anderen versuchen, wie Jesus Menschen zu lieben, weil Gott sie zuerst geliebt hat.
Sie heißen Mennos nach Menno Simons, der vor etwas weniger als 500 Jahren mit vielen anderen gesagt hat, dass Jesus Menschen lieben auch ohne Gewalt geht und man sich freiwillig dafür entscheiden darf und nicht als Baby getauft werden soll.

Zwei lange Sätze mit zu vielen Nebensätzen.

Aber es sind zwei Sätze.

Der dritte Satz wäre:
Andere haben sie so genannt und irgendwann haben sie es dann angenommen – wie ein Schimpfname, der zum Spitznamen wird, weil du dich nicht entwürdigen lässt.

Wenn mehr Interesse besteht, würde ich den Kindern Geschichten von Menno und anderen Täuferinnen und Täufern erzählen.
Zum Beispiel aus Cornelia Lehnes tollem Buch „Friede sei mit euch!“

Gaza und Hoffnung

Heute ist der zweite Tag des einseitigen israelischen Waffenstillstands.
Für einen mehr oder weniger einseitig dominierten Konflikt scheint es ein passendes Ende.

Ich habe Hoffnung, dass der Waffenstillstand hält, ein paar Wochen, Monate vielleicht ein paar Jahre. Hamas‘ Raketenspeicher sind anscheinend ziemlich geleert und ein großer Teil des Tunnelnetzwerks in der Nähe der Grenze zerstört. Israel hat zwar erst wieder die Zusage bekommen, neue Waffen zu erhalten, aber auch Israel muss sich erst wieder internationale Sympathie erkaufen, bevor wieder bombardiert werden kann.

Hoffnung auf einen wahren Frieden geben mir diese Politikern nicht.
Politikern, die nicht miteinander reden wollen, und Aufrufe zu Genozid nicht mal mehr kritisieren.
Aber es sind nicht nur die da oben, auch die Diskurse in der Bevölkerung auf beiden Seiten sind furchteinflößend. Während des Krieges wurde jede einzelne Friedensdemo in Israel von rechten Israelis angegriffen, Leute mussten ins Krankenhaus.
Ein Israeli aus Berlin sagte in einem Interview mit der taz:

In Israel gibt es seit etwa einem Monat sehr viele rechtsradikale Angriffe, es gibt eine richtige Pogromstimmung gegen linke Israelis und Araber. Meine Freunde dort haben Angst, überhaupt politisch aktiv zu sein. Die Mehrheit in Israel hasst die Linken sowieso, aber es war noch nie so gewalttätig wie jetzt. Natürlich mache ich mir auch Sorgen um meine Freunde und Familie, wenn Raketen in Israel einschlagen. Aber ich muss sagen, meine Freunde in Tel Aviv erleben gerade mehr Gewalt von Rechtsradikalen als durch Raketen.

 

In Gaza hat die erneute Gewalt viele Leute neu in die Arme der Hamas getrieben, die zuvor politisch bankrott war und sich nun als Widerstandskämpfer neue Sympathien erkauft.
Wie auch nicht, wenn PA-Präsident Abbas nur spät schüchterne Verlautbarungen erlässt?

Hoffnung geben mir die PalästinenserInnen, die weiter sich für den gewaltfreien Kampf einsetzen, die Antisemitismus kritisieren, und die prophetischen Stimmen am Rande der israelischen Gesellschaft, die sich mit ihnen solidarisieren.

Gestern war Tisha B’Av, der 9.Av, an dem Jüdinnen und Juden der Zerstörung des ersten und zweiten Tempels, der Vertreibung aus Spanien, der Shoa und der unzähligen anderen Schrecken in der jüdischen Geschichte gedenken.

Rabbi Arik Aschermann von den Rabbinern für Menschenrechte hat einen bewegenden Text dazu geschrieben:

Tonight we read the Book of Lamentations and mournfully sing Tisha B’Av kinot (dirges), recalling the death, and destruction of our two Temples (586 BCE and 70 CE) and the end of Jewish sovereignty.  Yet, we can close our eyes and  imagine that these words are anguished cries being screamed in Gaza. Close your eyes again. But, save for the Iron Dome, we might be hearing them  in Israel as well.   For my neighbors whose son was killed in Gaza, or for the families of Dror Khenein or Ouda Lafi al-Waj living in an unprotected Bedouin village,  it doesn’t really matter that there are over a thousand Gazans dead and “only” tens of Israelis.

Hoffnung gibt mir auch, dass es weiterhin Kinder in Gaza und Israel gibt, und dass manche von ihnen trotz dieser traumatischen Erfahrungen sich Frieden vorstellen können.

Bild von Ohad, 11 Jahre, Sderot

Bild von Ohad, 11 Jahre, Sderot

Diese Zeichnung ist bei einem Malworkshop der Organisation Hamabul – The Great Flood Collective entstanden, die mit Kindern und Jugendlichen durch Kunst politische und soziale Konflikte thematisieren. Während der letzten Wochen haben sie in Sderot, in der Nähe des Gaza-Streifens, eines der Hauptziele der Kassamraketen, einen Comic-Workshop gemacht.

Inmitten des Krieges kann ein Kind sich Frieden vorstellen und sieht, dass nur Zerstörung der Waffen und der trennenden Mauern diesen bringen kann (Ps 46).

Vielleicht kann dann auch ich hier im sicheren Bammental, untätig und unfähig etwas zu tun, hoffen.

War ja gar nicht so schlimm

Heute abend, als ich gerade mal wieder diese Seite hier auffrischen wollte, weinte Ana plötzlich.

Das ist an sich nichts besonderes, sie weint wegen vielen Dingen, außerdem streiten Joel, Martin und Ana sich fortwährend, weshalb eigentlich immer einer von ihnen flennt. Deswegen ging ich auch nicht nachsehen, vor allem, weil Robert und Leoni ja auch da waren und es ja eigentlich deren Verantwortung ist nachzusehen, was jetzt schon wieder passiert ist.

Das taten sie dann auch und irgendwann hörte ich mit einem Ohr den Halbsatz: „Dann muss Benni halt auf euch aufpassen“ und jetzt musste ich mal schauen, was eigentlich los war, und weshalb Ana immer noch heulte.

Ich fand eine blutüberströmte Ana auf Leonis Schoß vor, einen heulenden, verstörten Joel, einen leicht besorgt blickenden Martin und Robert und Leoni, die ziemlich ruhig waren und erkärten, jetzt müsse man halt ins Krankenhaus fahren. Was sie dann auch taten. Wir Jungs blieben daheim und beteten erstmal für Ana, dankten Gott, dass sie nicht ihr Auge verletzt hatte (die Platzwunde war auf denBrauen, knapp neben dem Auge) und baten ihn, dass alles gut wird. Ich wusste immer noch nicht, wie das eigentlich passiert war, also erzählte mir der etwas ruhiger gewordene Joel, dass Ana draußen auf eine Kante gefallen war.

Um die Kinder abzulenken, räumten wir das Wohnzimmer auf und spielten dann Carcasonne, bei dem ich verlor(!) und Martin zweiter wurde ohne zu heulen(!!!). Als die beiden schließlich geduscht hatten, kamen die anderen schon wieder und erzählten uns, dass die Ärztin die Wunde mit Alleskleber zusammengeklebt hatte!!! Das war übrigens kein Witz. Aber anscheinend funktioniert das ganz gut. Und hier ein Bild von der da schon wieder lachenden Ana, die im Moment gerade wieder weint. Es ist also alles wieder normal…

Ana mit Pflaster, Blutflecken und Lächeln

Der Junge aus der Nachbarschaft

Heute war ich mal wieder alleine zu Hause (ich hoffe, das ist keine Lizenzverletzung), was mich eigentlich freute, da ich ohne Ablenkung ein wenig lesen, chatten und vielleicht einen weiteren Artikel über irgendetwas schreiben hätte können.
Aber wie so oft war mir Gott nicht gnädig und dachte sich: „Heute werde ich Benni mal wieder ein wenig überfordern, der reagiert immer so seltsam und ich habe dann eine bessere Beschäftigung als durch Fernsehen zu zappen, wo mich eh nichts überrascht – immerhin bin ich allwissend“. Gedacht, getan und schon hörte ich vor der Straße eine mir bekannte Stimme rufen: „¡Hola!“

Es war ein vielleicht 12-jähriger Junge aus der Nachbarschaft, der oft hier vorbeikommt, um zu betteln, oder manchmal mit Martin und Joel zu spielen. Einmal ist er auch mit uns in den Gottesdienst gefahren, ist dann aber abgehauen, um sich irgendwo ein bisschen Geld zu verdienen. Seine Mutter kümmert sich anscheinend gar nicht um ihn und in letzter Zeit kommt er sehr oft, um etwas zu essen zu kriegen, er hat Hunger. Er ist sehr schwer zu verstehen (ehrlich gesagt war mein Eintrag über die seltsame Aussprache der Paraguayer hauptsächlich ihm gewidmet) und unglaublich frech auf eine Art, dass ich ihm fast nichts abschlagen kann.

Und dieser Junge steht jetzt vor dem Haus und nuschelt etwas vor sich hin. Ich versuche es zu verstehen und nach mehreren Wiederholungen erkannte ich, dass er 5000 Guaranís wollte – für das Abendessen. Gut, ist umgerechnet noch nicht mal 1€, denke ich in meinem“reicher Westeuropäer, der den Bettler loswerden will“-Denkweise, ich werde schauen, ob ich was habe. Da ich nur einen 100.000 Guaranischein hatte (ich bin wirklich ein reicher Westeuropäer), ging ich zurück und erinnerte mich daran, dass ich mir eigentlich vorgenommen hatte Bettlern wenn möglich kein Geld zu geben, sondern die Nahrung, die sie ja angeblich kaufen wollen. Gut, also sag ich ihm er soll zum Tor kommen, ich geb ihm Brot. Kaum bin ich im Esszimmer, steht er schon neben mir, er war über den Zaun geklettert. Ich war total perplex und fühlte mich verpflichtet ihm zu erkären, dass verschlossene Türen, im Normalfall bedeuten, dass man nicht über sie drüber klettern soll. Ich war mir zwar nicht ganz sicher, ob er es vertanden hatte, lies es aber für ’s erste darauf beruhen. Da ich kein Brot fand (wir werden später herausfinden, wo es sich versteckte) bot ich ihm alles was auf dem Tisch stand an, in der Hoffnung er würde durch dieses großzügige Angebot den Kuchen, der in der Küche auskühlte, vergessen. Das war zum Glück in der Tat so, er packte die Reste vom Tisch und forderte Jogurt, was ich erst verstand als er selbstständig den Kühlschrank öffnete, um ihn sich zu holen. Hierbei löste sich auch das Rätsel auf, wo die Brötchen waren. Ich konnte ihn mit Mühe davon überzeugen, dass ich ihm weder Jogurt, noch den Kakao von Joel und martin geben konnte, allein schon deswegen, weil es nicht meins war. Wir einigten uns seinem Beutel noch ein paar Brötchen hinzuzufügen, aber durch den Kakao war er auf die Idee gekommen, er könnte ja auch Pulverkakao trinken. Dies teilte er mir mit einem Wort mit, das ich mir nicht merken konnte, vor allem deshalb, weil es mit Kakao nichts zu tun hat. Auf meine Frage sagte er mir, es wäre etwas zu trinken. Hmm, gut, ich füllte ihm ein Glas mit Wasser. Aber nein, das wollte er natürlich nicht und wiederholte das seltsame Wort. Ich erklärte ihm, ich komme aus Deutschland, könne daher nicht so gut Spanisch und verstehe nicht was dieses Wort bedeute; aus seiner Erklärung könne ich nur schließen es sei etwas zu trinken, und da es nach meiner Schätzung mindestens ein paar tausend Getränke gibt (hier zählte ich alle Getränke auf, deren spanischen Namen ich kannte, es waren nicht viele und seines war nicht dabei), könnte ich schlecht erraten was er meinte. Das verstand er anscheinend zumindest teilweise, er zeigte mir nämlich das Kakaopulvergefäß, auf der anderen Seite sah er mich auch sehr genervt an, als sei es meine Schuld, dass ich ihn nicht verstand. Aha, er will also Kakao, dass wäre kein Problem, wenn wir Milch hätten und wir hatten keine, die nicht schlecht war. Aber er hatte natürlich eine Lösung parat, die mich zum einen verwunderte, und mir zum anderen erklärte, warum ich das Getränk nicht kannte: er wollte, und hatte das anscheinend von Anfang an so geplant, das Kakaopulver in Wasser auflösen. Auch gut. Zwischendurch versuche ich ihn noch für Höflichkeitsformeln wie „bitte“ und „danke“ zu begeistern, oder sich selbst von seinem Platz zu erheben und sich Wasser zu holen, wenn man mehr trinken will, aber irgendwie drang es ganz zu ihm durch. Nachdem er so seinen nötigsten Hunger und Durst gestillt hatte wollte er gerade von mir rausgelassen werden (warum kann er denn nicht wieder über den Zaun klettern), als die Wiensens von der Bibelstunde zurückkamen, und ich ihn durch das Autotor rauslasse konnte.

Erst ein paar Minuten nachdem er weg war, hatte ich wieder die Distanz, mich nicht über ihn aufzuregen, sondern zu bemerken, dass er zum größten Teil für sein Verhalten und seine Lage gar nichts kann und es meine Aufgabe ist ihm zu zeigen, wie er ändern könnte, weil ich das Privileg hatte, in eine (eingermaßen) normale Familie hineingeboren zu werden, mit Eltern die genug Geld haben, um mich nicht hungern zu lassen, sich für mich interessieren und mich in meinen Interessen so sehr fördern, dass ich einen Auslandsaufenthalt machen kann.

Das alles war mir früher nur im Kopf klar, aber heute habe ich es so deutlich wie noch nie gespürt, dass das wirklich etwas Besonderes ist und nicht jeder dieses Glück hatte. Ich bin froh über diese Erfahrung, wenn sie auch noch so anstrengend und schmerzhaft war.

Heute beim Abendessen:

(Robert erwidert auf einen Vergleich Martins von „Dulce de Leche“ (paraguayischer Brotaufstrich) mit Kot er möge dies doch bitte genauer erklären. Martin lacht.)

Ich (erstaunt): Verstehen eure Kinder Ironie?

Robert: Ich glaube schon.

Ich: Meine (Ironie) meistens nicht.

Martin (verwundert): Hast du Kinder?

Dieser Spruch hat ungefähr tausend andere Fäkalienwitze zu viel zu früher oder später Stunde wettgemacht. Danke Martin!

Ich habe ein Monster erschaffen!

Niemals hätte ich mir träumen lassen, dass meine Experimente/Lehrstunden so schnell so große Wirkung zeigen würden!

Nachdem ich meinen Schachpadawan nun eine Woche beständig auf seine Fehler und Möglichkeiten hingewiesen hatte, beschloss ich eine neue Methode auszuprobieren: Mir fiel schon länger auf, dass Joel, wenn wir im Wohnzimmer spielten von Martin und  vor allem von Ana abgelenkt wurde. Also schlug ich dieses Mal vor, in meinem Zimmer zu spielen, wo wir – zumindest am Anfang – ungestört waren.

Auf meinen Rat begann Joel (weiß) die Partie mit dem Zweispringerspiel (1.e4, e5; 2. Sf3, Sc6; 3. Sc3; Sf6 (ich weiß, dass man 3.Sc3 icht so macht, aber Joel wollte es so)) und ansonsten gab ich ihm nicht viele Tips. Irgendwann kam Martin und, da dieser die Tür offengelassen hatte, auch viele Mosquitos hinein, und ich hatte schon Angst, dass Joel’s für sonstige Verhältnisse wirklich erstaunliche Konzentration jetzt verschwinden würde, aber nach einer kurzen Pause spielte er weiter ungewohnt stark und bedacht.

Schließlich gab es eine Essenspause, da wir das Spiel erst um halb acht abends begonnen hatten, aber danach spielten wir weiter, jetzt sogar im Wohnzimmer, aber Joel ließ sich nicht mehr ablenken, und wendete die Partie, die bisdahin noch eher unentschieden war, zu seinen Gunsten und nutzte, ohne viel Hilfe alle meine Fehler aus, um mich schließlich mit zwei Damen (durch Bauer bis zum Ende durchziehen) matt.

Joel's erstes eigenständiges Matt (umgedrehter Turm ist eine Dame)

Ich war und bin immer noch verwundert, erstaunt, perplex, irritiert und fassungslos darüber, dass Joel so stark spielen konnte, leider hat er in unserem heutigen Spiel nicht dasselbe Niveau bewiesen, schade und ich hatte schon gehofft, dass ich jetzt keine Rücksicht mehr nehmen muss.

Aber nochmal zum gestrigen Spiel: Ich kann mir wirklich nicht vorwerfen, besonders schlecht gespielt, oder Joel zuviele Tips gegeben zu haben, es war wirklich (fast) nur Joel’s Leistung und ich bin echt stolz auf ihn!!!

Komisch, beim zweiten Mal ist das Scheißewegwischen gar nicht so schlimm, aber weinende Verlierer nerven

Heute halten Robert und Leoni ein Eheseminar ab und ich passe auf die Kinder auf. Nach meiner traumatischen Erfahrung (siehe Link) fragten sie mich natürlich mehrmals, ob das nicht eine Überforderung wäre und sie nicht lieber jemand anderes fragen sollten, aber das konnte ich natürlich nicht auf mir sitzen lassen und bestand jedes Mal darauf, dass ich natürlich diese Bürde auf mich nehmen würde.
Um sieben Uhr abends war es dann schließlich soweit, Kinder hüten, der zweite Versuch. Ich hatte ihnen vorher schon erklärt, wie der Abend ablaufen würde, dass wir nach dem cena (Abendessen, Joel und Martin reden teilweise Spanisch miteinander) ein Schach (mit Joel) spielen würden und dann wahlweise ein Mensch-ärgere-dich-nicht oder ein Fang-den-Hut.
Das Schachspiel verlief sehr anstrengend, weil Joel unbedingt spielen wollte, sich aber nicht konzentrierte, was jeden Lerneffekt unmöglich machte.
Das (von Martin) ausgewählte Fang-den-Hut kannte ich nicht, muss man aber auch nicht. Im Großen und Ganzen geht es darum die Spielfiguren der anderen zu fangen in dem man auf ihr Feld kommt. Ana, die am Anfang mitspielte entschied schließlich, dass sie die Hüte lieber als Krallen an ihren Fingern hätte und Martin konnte seinen zweiten Platz von den restlichen immerhin drei nicht fassen und ergab sich in exzessiven Selbstmitleid, bis ich ihm schließlich erklärte ich würde nicht mehr mit ihm spielen, wenn er immer weinen würde, wenn er verliert. Diese Vorstellung fand er schlimmer und nahm sich zusammen.
Jemand anderes nahm sich aber nicht zusammen und beförderte ihre Essensreste wieder in den dafür entworfenen Beutel um ihre Lenden – ich spreche natürlich von Ana – aber es war dies mal erstaunlicherweise weniger schlimm, vielleicht, weil es weniger alt war.
Dann mussten sie sich bettfertig machen und ich musste ein ganzes Kapitel von Michel von Löneberga vorlesen (ungefähr 25 Seiten). Aber dann waren alle müde genug und jetzt kann ich hier über Sachen schreiben, die euch mehr oder minder interessieren.

Endlose Schachspiele und traumatische Erlebnisse

Ich bin heute erstaunlich früh, nämlich um 8 Uhr (in Europa 12 Uhr), aufgewacht und habe mich auch sonst schon relativ gut an die Zeitumstellung gewöhnt.
Nach dem Frühstück musste ich fünfmal gegen Joel Schach spielen, was vielleicht daran liegt, dass er viermal in Folge gewonnen hat, was teils in meiner Unachtsamkeit, aber auch zum großen Teil in seinem Können begründet liegt.
Nachdem ich ihn einmal besiegt habe, hatte er dann aber erstmal keine Lust mehr 😉 .
Das Spiel gegen Martin lief schneller aber auch dramatischer ab, nach seiner leider allzu klaren Niederlage brach er in Tränen aus und ich musste ihm versprechen nicht mehr so fies (sprich normal) zu spielen, aber wenn er mir eine Figur wegnimmt lacht er ganz dreckig, der kleine Schlawiner.

Als Robert dann nach einer Konfliktintervention wiederkam, machten wir uns auf zum Centro Educativo Ñandejara, ich habe natürlich vergessen meine Papiere mit zu nehmen, weswegen wir unter anderem morgen noch mal hin müssen, oder meinen Fotoapparat bei mir zu tragen, weswegen ich euch (noch) keine Bilder präsentieren kann.
Der andere Grund warum wir morgen wieder hinmüssen ist, dass bei der Anmeldung Unterlagen erforderlich sind, von denen noch nie die Rede war, Original der Geburtsurkunde zum Beispiel, die werden hier anscheinend geradezu inflationär benutzt.
In der Schule kauften wir aber noch meine Schuluniform – ich habe noch keine Bilder gemacht und jetzt ist es zu dunkel – die aus einer Art Jogginghose, und einem Poloshirt an normalen Tagen und einmal die Woche aus einer blauen Hose, weißem Hemd und einer KRAWATTE (wtf!) besteht, ich weiß noch nicht mal wie man eine Krawatte bindet!!!!
Joel, der in die erste Klasse kommt, muss auch einmal die Woche eine Galauniform, so nennen die die Uniform mit Hose, Hemd und Krawatte hier, anziehen, aber er hat eine besonders tolle Krawatte, die man nicht binden muss, weil sie ein Gummiband oben hat. Auf Nachfrage gab es dieses Modell aber nicht für meine Größe, qué pena!
Außer dem Hemd sind alle Kleidungsgegenstände mit Polyester, was bei dem Klima hier nicht gerade zur Bequemlichkeit beiträgt.

Nach der Schulbesichtigung besuchten wir die Kirche, wo Robert Pastor ist, Fotos werden nach gereicht, und fuhren schließlich heim.
Zunächst hatten wir geplant nachmittags irgendwie wegzufahren, aber wegen dem Fall aus der Gemeinde mussten Robs und Leoni noch mal weg und ich hatte die ehrenvolle Aufgabe auf Joel, Martin und Ana aufzupassen.
Das klappte alles ganz gut, außer, dass ich zum ewig mit dem Playmobil, was ich mitgebracht hatte spielen musste, warum habe ich das mitgebracht, frage ich mich 😉 !
Aber, dann machte Ana in ihre Windel! Na super! Zunächst reagierte ich wie jeder vernünftige Mensch reagieren würde: ich ignorierte das Problem und setzte mich weg von ihr, beziehungsweise sie weg von mir, da sie mich irgendwie für eine Art Kletterburg hält, zum Glück war sie sehr müde und schlief ein ohne sich zu beschweren. So konnten wir alle den Missstand eine gute Stunde ignorieren, während derer ich betete, dass die rechtmäßig zum Beheben dieses Gestanks Verpflichteten bald zurückkehren würden und ihres Amtes walten würden, doch wie so oft wurden meine Gebete nicht erhört um mich, wie manche sagen würden, zu prüfen, oder, wie ich in der Situation selbst zu denken pflege, zu quälen (Diese Situation brachte mich wirklich dazu mir die Theodizeefrage neu zu stellen und mich in eine Reihe mit Menschen, wie Hiob, zu stellen.)
Im Gegenteil, statt der rettenden Erlösung durch die Windelwechsler, wuchs der Gestank und Ana wachte schließlich aus ihrem miefenden Dornröschenschlaf auf, bemerkte selbst wie sehr sie roch, ich glaube immer noch, dass sie durch den unerträglichen Gestank aufwachte, und weinte pausenlos. Diese Kombination von Extrembelastungen für Nase und Ohr konnte ich nun wirklich nicht mehr ertragen und fasste den, wie ich finde, heldenhaften Entschluss Ana und mich von unseren Leiden zu befreien, sprich sie ungefähr neunzig Minuten nach ihrem Geschäft davon zu trennen.

Ich möchte euch die Szene nicht allzu genau beschreiben, da ich gehört habe, dass sich Erbrochenes auf Bildschirmen und Tastaturen nicht allzu gut macht, aber lasst mich euch Unerfahrenen sagen, bekommt niemals Kinder, begebt euch nie in die Nähe der Kinder eurer Verwandten und Freunde, wenn diese gewickelt werden müssen und solltet ihr die erste Warnung übergangen haben, überredet euren Partner mit ALLEN euch zur Verfügung stehenden Machtmitteln, dass ihr niemals für das Wechseln der Windeln zuständig seid!!
Und an euch, die ihr schon einmal, vielleicht sogar mehrfach Windeln gewechselt habt, ihr seid Helden und Mama, Papa ihr habt mir gegenüber wirklich große Liebe bewiesen!
Es ist das Widerlichste, was ich jemals gerochen habe, und ich habe schon einmal einen Furz aus einem Glas gerochen, in das mein Bruder (das will was heißen) zuvor gefurzt hatte!

Eine halbe Stunde später kamen Leoni und Robert zum Glück zurück und ich konnte mich hierher zurückziehen, fern von allen Kleinkindern, die mich zum Riechen an ihren Fäkalien zwingen.

So, jetzt habe ich gegessen, Joel‘s Playmobil-Friedenspfeife wiedergefunden und ein wenig gelesen (Wer bin ich und wenn ja, wie viele?) und jetzt werde ich mal ins Bett gehen.

Erwachsen sein

Ab heute bin ich mündig, obwohl ich doch schon achtzehn Jahre lang einen Mund besessen habe.

Ich kann euch sagen, alles ist anders.

Ich sehe die Welt so, wie sie ist, und habe mir das Träumen abgewöhnt, treffe reife Entscheidungen, wie es ja auch alle Erwachsene tun. Alle Kindlichkeit ist von mir abgefallen und ich denke ganz anders als ich es noch vor 24 Stunden tat. Jetzt darf ich mich ungehemt verschulden, weshalb mir meine Bank schon einen Brief geschrieben hat, wie ich das am Besten schaffe. Ich darf einen Führerschein machen und Autounfälle bauen, oder heiraten, aber da gibt es ja noch ein paar andere Faktoren, die entscheidend sind, wie zum Beispiel eine Partnerin…

Jetzt kann ich mir meine eigenen Entschuldigungen schreiben, mir selbst meine Zukunft zerstören und noch nicht mal irgendjemand anderem die Schuld dafür geben!

Aber das System ist im Endeffekt trotzdem an Allem schuld.