Gaza und Hoffnung

Heute ist der zweite Tag des einseitigen israelischen Waffenstillstands.
Für einen mehr oder weniger einseitig dominierten Konflikt scheint es ein passendes Ende.

Ich habe Hoffnung, dass der Waffenstillstand hält, ein paar Wochen, Monate vielleicht ein paar Jahre. Hamas‘ Raketenspeicher sind anscheinend ziemlich geleert und ein großer Teil des Tunnelnetzwerks in der Nähe der Grenze zerstört. Israel hat zwar erst wieder die Zusage bekommen, neue Waffen zu erhalten, aber auch Israel muss sich erst wieder internationale Sympathie erkaufen, bevor wieder bombardiert werden kann.

Hoffnung auf einen wahren Frieden geben mir diese Politikern nicht.
Politikern, die nicht miteinander reden wollen, und Aufrufe zu Genozid nicht mal mehr kritisieren.
Aber es sind nicht nur die da oben, auch die Diskurse in der Bevölkerung auf beiden Seiten sind furchteinflößend. Während des Krieges wurde jede einzelne Friedensdemo in Israel von rechten Israelis angegriffen, Leute mussten ins Krankenhaus.
Ein Israeli aus Berlin sagte in einem Interview mit der taz:

In Israel gibt es seit etwa einem Monat sehr viele rechtsradikale Angriffe, es gibt eine richtige Pogromstimmung gegen linke Israelis und Araber. Meine Freunde dort haben Angst, überhaupt politisch aktiv zu sein. Die Mehrheit in Israel hasst die Linken sowieso, aber es war noch nie so gewalttätig wie jetzt. Natürlich mache ich mir auch Sorgen um meine Freunde und Familie, wenn Raketen in Israel einschlagen. Aber ich muss sagen, meine Freunde in Tel Aviv erleben gerade mehr Gewalt von Rechtsradikalen als durch Raketen.

 

In Gaza hat die erneute Gewalt viele Leute neu in die Arme der Hamas getrieben, die zuvor politisch bankrott war und sich nun als Widerstandskämpfer neue Sympathien erkauft.
Wie auch nicht, wenn PA-Präsident Abbas nur spät schüchterne Verlautbarungen erlässt?

Hoffnung geben mir die PalästinenserInnen, die weiter sich für den gewaltfreien Kampf einsetzen, die Antisemitismus kritisieren, und die prophetischen Stimmen am Rande der israelischen Gesellschaft, die sich mit ihnen solidarisieren.

Gestern war Tisha B’Av, der 9.Av, an dem Jüdinnen und Juden der Zerstörung des ersten und zweiten Tempels, der Vertreibung aus Spanien, der Shoa und der unzähligen anderen Schrecken in der jüdischen Geschichte gedenken.

Rabbi Arik Aschermann von den Rabbinern für Menschenrechte hat einen bewegenden Text dazu geschrieben:

Tonight we read the Book of Lamentations and mournfully sing Tisha B’Av kinot (dirges), recalling the death, and destruction of our two Temples (586 BCE and 70 CE) and the end of Jewish sovereignty.  Yet, we can close our eyes and  imagine that these words are anguished cries being screamed in Gaza. Close your eyes again. But, save for the Iron Dome, we might be hearing them  in Israel as well.   For my neighbors whose son was killed in Gaza, or for the families of Dror Khenein or Ouda Lafi al-Waj living in an unprotected Bedouin village,  it doesn’t really matter that there are over a thousand Gazans dead and “only” tens of Israelis.

Hoffnung gibt mir auch, dass es weiterhin Kinder in Gaza und Israel gibt, und dass manche von ihnen trotz dieser traumatischen Erfahrungen sich Frieden vorstellen können.

Bild von Ohad, 11 Jahre, Sderot

Bild von Ohad, 11 Jahre, Sderot

Diese Zeichnung ist bei einem Malworkshop der Organisation Hamabul – The Great Flood Collective entstanden, die mit Kindern und Jugendlichen durch Kunst politische und soziale Konflikte thematisieren. Während der letzten Wochen haben sie in Sderot, in der Nähe des Gaza-Streifens, eines der Hauptziele der Kassamraketen, einen Comic-Workshop gemacht.

Inmitten des Krieges kann ein Kind sich Frieden vorstellen und sieht, dass nur Zerstörung der Waffen und der trennenden Mauern diesen bringen kann (Ps 46).

Vielleicht kann dann auch ich hier im sicheren Bammental, untätig und unfähig etwas zu tun, hoffen.

Wann gibt es Aprikosen?

Heute abend habe ich mal wieder im Garten gearbeitet. Die heiße Sonne und das widerspenstige Unkraut trieben mir den Schweiß ins Gesicht.

Es erinnerte mich an meine Zeit in Palästina, an Zelt der Völker, den palästinensisch-christlichen Bauernhof, auf dem ich ein Jahr lebte und arbeitete.
Es war eine schöne Erinnerung. An Freundschaften, die immer noch halten, an Erfahrungen, die mich geprägt haben und an Arbeit, die etwas gebracht hat, die ich als Arbeit für den Frieden verstanden habe.

Gerade eben, als ich gerade schlafen gehen wollte, wurde ich wieder an Zelt der Völker erinnert.

Das Tal vorher und nachher (Bild von electronic intifada)

Bilder von einem Ort, den ich sofort wiedererkannte, obwohl er bis zur Unkenntlichkeit umgewühlt wurde. In diesem Tal habe ich im Schweiße meines Angesichts Unkraut gehackt, Bäume beschnitten und endlich die süßesten Trauben, Äpfel und Aprikosen geerntet.

Gerade die Aprikosen waren schwierig. Es war beinahe unmöglich einen guten Zeitpunkt zur Ernte abzupassen, so schnell werden sie überreif. Davon inspiriert lautet ein arabisches Sprichwort für etwas Unvorhersagbares, vielleicht Unmögliches:
Bukra fil mishmish – Morgen gibt es Aprikosen

Die israelische Armee hat beschlossen, dass hier keine Aprikosen mehr wachsen sollen, dass sie illegal sind und evakuiert werden müssen.

Mit Bulldozern wurde diese wachsende, lebendige Hoffnung auf Frieden niedergerissen und zerstört. Diese Bäume waren eine Bedrohung für die Siedlungen in der Nähe und für das unterdrückende System der Besatzung und deshalb mussten sie „evakuiert“ werden.

Wie evakuiert man Bäume?

Man kann einen Baum nicht aus der Erde nehmen und erwarten, dass er weiterlebt.
Die Bilder der Zerstörung entlarven die bürokratisch-humanitäre Sprache als Farce.

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Ich habe die Arbeit bei Zelt der Völker immer als Friedensarbeit gesehen. Jeder Baum, den wir pflanzten und pflegten war ein Schritt zum Erhalt des Landes und letztlich zum Frieden zwischen allen, die dort leben.

Bei aller Zerstörung, die ich an anderen Orten gesehen habe, war ich mir sicher, dass Zelt der Völker sicher sei, bei all den Touristen und Freiwilligen, die jeden Tag dort waren und all den Zeitungsartikeln, die schon darüber geschrieben wurden, bei dem Gerichtsprozess, der nun schon seit Jahrzehnten geführt wird.

Diese Sicherheit ist nun dahin. Zelt der Völker ist trotz aller investierter Arbeit und aller internationalen Unterstützung weiterhin unter der willkürlichen Gewalt der Besatzung, die in ihrem Bestreben, Sicherheit für den „jüdischen Staat“ zu schaffen, immer und immer wieder gegen die Tora verstößt:

„Wenn du eine Stadt lange Zeit belagerst, um sie durch Kampf gegen sie zu erobern so sollt du nicht ihre Bäume vernichten, indem du die Axt gegen sie schwingst, denn von ihnen isst du, und du sollst sie nicht fällen, denn sind etwa die Bäume des Feldes Menschen, dass sie vor dir in die Belagerung kämen?“ Deuteronomium 20,19

Die triumphale Sicherheit ist der Zerstörung gewichen und es wird morgen keine Aprikosen geben.
Was tun in dieser Situation? Daoud schreibt, dass sie eine Beschwerde beim Gericht eingelegt haben und wir uns bereit halten sollen, für etwaige Aktionen.

Das wird die Bäume nicht wieder zurückbringen, sie sind ausgerissen und werden keine Frucht mehr tragen. Aber neue können gepflanzt werden, die Hoffnung kann auferstehen.
Lasst uns dazu beitragen und wachsam sein. Wenn die Nassers es wünschen, sollten wir sie durch Briefe, Petitionen an die Machthaber unterstützen.

Aber zunächst müssen wir den Schmerz aushalten, und können den Gott nur bitten: Herr, erbarme dich. In der Hoffnung, dass die nervige Witwe am Ende selbst vom ungerechten Richter, der weder Menschen noch Gott fürchtet noch Recht bekommt, weil so viele Menschen darauf pochen.
An diesem Tag werden alle Bewohner des Landes Aprikosen essen.

Hier ist Daouds Brief (von der Facebookseite Tent of Nations)

Today [Montag, 19.5.14] at 08.00, Israeli bulldozers came to the fertile valley of the farm where we planted fruit trees 10 years ago, and destroyed the terraces and all our trees there. More than 1500 apricot and apple trees as well as grape plants were smashed and destroyed.

We informed our lawyer who is preparing the papers for appeal. Please be prepared to respond. We will need your support as you inform friends, churches and representatives when action is needed. Please wait for the moment and we will soon let you know about next steps and actions.

Thank you so much for all your support and solidarity.

Blessings and Salaam,
Daoud

Ein Artikel dazu auf electronic intifada
Und auf Mondoweiss

Video: Ein Siedler hilft palästinensischen Nachbarn, Baugenehmigungen zu kriegen

Da ich in den letzten Artikeln stark auf das Problem, das Siedler für einen Frieden in Palästina/Israel darstellen, eingegangen bin, will ich euch dieses Video nicht vorenthalten, in dem ein Siedler sich für seine Nachbarn einsetzt, um ihnen die sonst nicht bewilligten Baugenehmigungen zu beschaffen, und damit gewöhnliche Anständigkeit beweist, die mir Hoffnung gibt.

Nur um klarzustellen: Dieser Siedler ist in meiner Erfahrung überhaupt nicht repräsentativ für die Gruppe der Siedler. Aber genauso wenig sind die gewalttätigen Siedler aus Hebron repräsentativ. Viele Siedler wohnen in Siedlungen, weil es dort billiger ist, und ja, viele fühlen sich auch mit dem Land verbunden und würden nicht für Geld umziehen. Und natürlich verfügen sie über unverdiente Privilegien, aufgrund der militärischen Besatzung durch Israel. Auch Herr Cohen wird privilegiert behandelt.

Aber, er versucht seinen Nachbarn auch diese Behandlung zukommen zu lassen, und aus Privilegien für manche zu Rechten für alle zu machen – und deswegen gibt er mir Hoffnung.

Das ändert nichts daran, dass Siedlungen größtenteils auf gestohlenem privaten palästinensischen Land gebaut sind, sich von ihrer Umgebung abschotten und oft wenig zum Frieden beitragen, aber es zeigt, dass es nicht so sein muss.

Dass sie nicht vertrieben werden müssen, um „Frieden“ zu schaffen. Sondern, dass vielleicht gerade die Siedler eine entscheidende Rolle spielen werden, um einen gerechten Frieden zu schaffen.

Langweilige Planungsmittel zerstören Existenzen

Im Erdkundeunterricht haben wir mal Bebauungspläne besprochen – es war das langweiligste Thema im langweiligsten Fach, das ich je besucht habe.

Bis ich feststellte, dass unter Besatzung diese Bebauungspläne heißen, dass ein Palästinenser kein Haus bauen darf, ein Siedler an derselben Stelle aber schon.

Wer das Pech hat in Zone C zu leben, hat nicht nur keinen Rechtsschutz vor Siedlerangriffen, ja die illegale Besatzungsmacht ist auch noch dafür zuständig wenn man ein Haus bauen will, oder es erweitern will, oder einfach nur an das Wassernetz angeschlossen werden möchte. Und der Beamte, der einem einen solchen Antrag genehmigen muss, ist oft ein Siedler, der seine arabischen Nachbarn eigentlich gerne los wäre. Aber selbst wenn der zuständige Beamte ein netter Mensch ist, das Problem ist systematisch: Land, das Palästinensern gehört ist von der Zonierung für „landwitschaftliche Nutzung“ ausgewiesen. Dort darf also auch nicht gebaut werden, auch kein Kuhstall. Egal, ob auf dem Land eigentlich Menschen wohnen, oder für die Landwirschaft bestimmte Strukturen gebraucht werden, wie eine Zisterne, oder Unterstände.

Der Plan hat immer recht, und wer trotzdem baut, bekommt eben einen Abrissbefehl.

So können Söhne nicht heiraten, weil sie dazu ein eigenes Haus brauchen, Landwirtschaft wird unrentabel oder unmöglich, Familien werden wiederholt obdachlos gemacht.

Und schließlich ziehen sie weg. In die immer voller werdenden Städte, oder nach Jordanien, das nach Ansicht rechter israelischer Politiker ja sowieso alle Araber hinsollen. Ganz ohne schlechte Presse für Israel, eine stille Vertreibung.

Und wenn ein Stück Land enteignet wurde, ist aus der „landwirtschaftlichen Fläche“ auf einmal ein „Siedlungsgebiet“ geworden, auf dem munter die Reihenhäuser der Siedlungen gebaut werden und sich Siedler darüber beschweren, dass ihr „natürliches Wachstum“ eingeschränkt wird.

Ein ganz langweiliges bürokratisches Planungsmittel eben.

 

Wie man Land konfisziert

Fast hätten wir sie gar nicht bemerkt, die Zettel, die plötzlich auf dem Erdboden herumlagen und erklärten, dass Land auf dem sie lägen, gehöre jetzt dem Staat Israel. Ein israelischer Zivilbeamter hatte sie dorthin gelegt, die Mühe nach einem Besitzer des Landes zu suchen, machte er sich nicht, schließlich gehört es ja angeblich schon dem Staat. Dank Dahers Aufmerksamkeit fanden wir schließlich doch einen und schließlich auch die anderen: Nichtkultivierungsbefehle, die behaupteten große Teile des Weinbergs seien nicht mehr in Benutzung und würden daher enteignet. Der Anwalt der Nassars legte Beschwerde ein und wir hörten nichts mehr von der Angelegenheit.

Diese Geschichte ist alltäglich in Palästina. Fast jede Siedlung ist auf früheren palästinensischen Feldern gebaut, die enteignet wurden. Dazu beruft sich Israel auf ein osmanisches Gesetz, das es erlaubt, Land, das drei Jahre nicht bestellt wurde, zu enteignen. Durch Straßensperren wird es Palästinensern schwer gemacht, an ihr Land zu kommen und ihre Ernte auf die von israelischen Billigprodukten überschwemmten Märkte zu bringen. Dadurch wird es unrentabel, Landwirtschaft zu betreiben. Viele Palästinenser haben Grundstücke, die sie ab und zu pflegen, oder gar keine Zeit für sie haben, da sie ihre Familien durch einen Baujob in einer Siedlung ernähren müssen.So kann Israel als Besatzungsmacht ganz legal langsam Land aus palästinensischem Besitz in jüdischen Grund und Boden verwandeln, auf dem dann Siedlungen gebaut werden. Dies ist aber weiterhin nach dem Völkerrecht illegal.

Um Palästinenser daran zu hindern, ihr Land zu bebauen, arbeiten Armee und Siedlerbewegung auch lose zusammen, denn oft wird gerade Land, dass in der Nähe einer Siedlung liegt „aus Sicherheitsgründen“ gesperrt und dann schließlich enteignet. Oder Siedler greifen Bauern regelmäßig bei ihrer Arbeit an und das Militär greift nicht ein. Siedler zerstören auch regelmäßig Olivenbäume, die Jahre brauchen, um überhaupt Frucht zu tragen und jahrtausendelang leben können.

Es gibt also eine steigernde Eskalation seitens Militär und Siedlern vom Schwermachen der Arbeit über Sachbeschädigung zu Morddrohungen und tatsächlichen Angriffen auf Leib und Leben.

Und, wie in dem zu Beginn geschilderten Fall, muss es auch gar nicht stimmen, dass das Land nicht bearbeitet wurde. Oft wird es einfach behauptet und die besitzer trauen sich nicht, sich zu wehren und zu exponieren, weil sie vielleicht eine Arbeitsgenehmigung in Israel haben, die sie nicht verlieren wollen. Und dann ist das Land eben plötzlich jüdisch.

Wenn Israel Land enteignet, können Palästinenser natürlich Widerspruch einlegen. Die Familie Nassar ist sogar mit ihrem Rechtsstreit mittlerweile beim israelischen Obergerichtshof gelandet.

Aber.

  1. Aber es hat sie bis jetzt über hunderttausend Euro gekostet und sie sind seit zwanzig Jahren vor Gericht. Sie hatten gute Startvoraussetzungen, da sie alle Papiere für ihr Land hatten und das Geld, um Gutachten verfassen zu lassen, etc.
  2. Es wurden ihnen vor Gericht immer wieder Hindernisse in den Weg gelegt, zum Beispiel mussten sie teure Gutachten mehrfach (!) anfertigen lassen. Beim Übergang vom Militärgericht in Ramallah zum obersten Gericht in Israel mussten sie sich einen Anwalt suchen, der in Jerusalem lebt, da ihr Anwalt aus Ramallah keine Genehmigung erhielt, den Checkpoint zu passieren.
  3. Außergerichtliche Hindernisse wie Siedlergewalt und Drohungen, sowie neue Enteignungsbefehle, die separat verhandelt werden müssen.

Es gibt also einen Rechtsweg, aber praktisch gesehen steht er nur sehr wenigen wirklich offen.

Und dazu kommt, Familie Nassar hat ihr Land nach über zwanzig Jahren Rechtsstreit zwar immer noch, aber es ist immer noch keine Entscheidung gefallen, weil die israelischen Gerichte keinen Präzedenzfall schaffen wollen.

Und in all der Zeit ist im Rest des Westjordanlands das Land ärmerer, schlechter organisierterer Menschen, die kein internationales Netzwerk haben, das für sie Petitionen schreibt, enteignet worden.

Das ABC der Besatzung

Diese „Seekarte“ zeigt die Zerstückelung des Westjordan- lands durch die Verträge von Oslo.

Die orangenen Gebiete sind Städte wie Ramallah, Bethlehem, Hebron, Jenin und Jericho. Sie, sowie das hellgrüne Gebiet um sie herum sind Zone A, die unter vollständiger Kontrolle durch die palästinens- ische Autonomie- behörde (PA), sowohl im zivilen als auch im Sicherheitsbereich ist. Was das israelische Militär aber nicht daran hindert, dort einzumarschieren, um Leute zu verhaften, oder Angst zu verbreiten.

Zone A macht etwa 18% des kompletten Gebiets aus, es leben aber circa 55% der Palästinenser des Westjordanlands in den Städten.

Die dunkelgrünen Gebiete ist Zone B (21% des Gebiets, 41% der Bevölkerung), die größtenteils Dörfer umfasst. Hier ist die PA für die zivilen Angelegenheiten verantwortlich, während Israel sich um „Sicherheitsbelange“ kümmert. Wenn also ein Konflikt im Dorf ist, muss man die Besatzungsmacht holen, um sich Gerechtigkeit zu verschaffen. Und die ist nicht unbedingt geneigt, zu helfen.

Das blaue Meer ist Zone C (innerhalb des Westjordanlands, leider hat der Zeichner die Grenzen nicht eingezeichnet…), die 61% des Gebiets ausmacht, und 5% der Palästinenser beherbergt.

Dies ist das ländliche Gebiet, die Felder, Olivenhaine und Weinberge der Bauern. Es war die Grundlage der palästinensischen Wirtschaft, die bis zur Besatzung die ganze Bevölkerung mit Nahrung versorgt und noch exportiert hat. Außerdem gehen alle die Städte und Dörfer verbindenden Straßen durch diese Zone. Und hier sind auch die israelischen Siedlungen

Zone C ist vollkommen unter israelischer Kontrolle, zivil- und sicherheitstechnisch. Wer ein Haus bauen will, oder eine Wasserleitung an sein Grundstück führen will, muss die israelische Zivilverwaltung fragen (und wird normalerweise abgelehnt). Wenn Siedler deine Ziegen vergiftet haben, darf die palästinensische Polizei nicht ermitteln, für alles ist die Besatzungsmacht zuständig. Gleichzeitig arbeiten viele Menschen aus den Dörfern in den Städten und müssen täglich reisen, was durch permanente Straßensperren und mobile Checkpoints zu einem stundenlangen Unterfangen bei ein paar Kilometern werden kann.

Hier findet auch die Enteignung von Land durch den israelischen Staat statt, über die ich später schreiben werde.

Da Bauern in Palästina größtenteils in Dörfern leben und tagsüber auf ihre Felder gehen, leben in Zone C wenige Menschen (aber immer noch 150.000). Es sind vor allem Nomaden, oder Dorfbewohner, deren Dörfer nicht anerkannt werden, weil sie zu klein sind. Oder seltsame internationale Freiwillige, die in Höhlen wohnen und Schutzpräsenz sind.

Die Siedlungen in Area C sind mittlerweile so groß, dass es doppelt so viele Siedler dort gibt, als Palästinenser, die sich durch den großen Druck auf sie oft entschließen in die Städte zu ziehen. In der letzten Zeit gab es Überlegungen in der israelischen Rechten Zone C offiziell zu annexieren und den Palästinensern dort (und nur dort) in den liberaleren Entwürfen sogar Bürgerrechte zu geben.

Die PA kann dann ihren Staat in den unzusammenhängenden Inseln der Städte und Dörfer haben, die 39% der Westbank (8,5% des Mandatsgebiets). Damit gäbe es ganz offiziell Reservate von Palästinensern in einem Großisrael.

Bis jetzt ist aber alles noch in diesem undefinierten Schwebezustand: offiziell erhebt Israel keinen Anspruch darauf, dann manchmal schon und letztlich bewegt sich nichts. In der ganzen Zeit werden weiter Fakten geschaffen und die Endgültigkeit der Siedlungen zementiert.

Heute schon teilt der Staat Israel die Einwohner der Zone C in zwei Gruppen: Palästinenser, die nach Militärrecht behandelt werden und kaum ihre Grundbedürfnisse in den Bereichen Wasser und Obdach oft nicht befriedigen können, und israelische Siedler, die volles Bürgerrecht in Israel besitzen, in staatlich geförderten Häusern wohnen und noch anders staatliche Unterstützungen erhalten.

Der Status Quo ist eine Apartheid, die sich hinter Unklarheiten und rechtlichen Details versteckt, und sie ist für Israel die einfachste Lösung von allen.

Eine Geschichte der Zerstückelung

Ich weiß, ich wollte eigentlich weniger Unterkapitel machen, aber es herrscht einige Verwirrung über die Ansprüche verschiedener Gruppen auf Land und die Legitimität dieser Ansprüche. Um ein wenig Klarheit zu bringen, hier ein kurzer Abriss der neueren Geschichte des Westjordanlands (auch so ein seltsamer Begriff) bis zu den Osloverträgen ’93:

Vor 1948 gehörte das Westjordanland zum Britischen Mandatsgebiet Palästina, nach dem unrealistischen UN Teilungsplan wäre es dem „Arabischen Staat“ zugefallen und tatsächlich wurde es während des israelischen Unabhängigkeitskriegs von Jordanien besetzt und dessen Staatsgebiet einverleibt. Plötzlich waren die Bewohner dort also „Jordanier“ und erhielten jordanische Pässe; außer den Flüchtlingen aus dem Rest Palästinas, die sich weigerten ihren Anspruch auf ihre alte Heimat aufzugeben. 1967 begann Israel einen Angriffskrieg (nach eigener Aussage um sich zu vorbeugend zu verteidigen) und eroberte den Rest des ursprünglichen Mandatsgebiets – Gaza-Streifen und Westbank – und dazu noch die syrischen Golanhöhen.

Hier wird es jetzt kompliziert, da Israel verschiedene Besitzansprüche auf die einzelnen Gebiete geltend machte.

  • Ostjerusalem wurde annektiert und dem Staatsgebiet einverleibt, auch wenn die palästinensischen Einwohner nur Aufenthaltsgenehmigungen erhielten und keine Staatsbürgerschaft.
  • Die Golanhöhen wurden auch annektiert, um den See Genezareth als größte Süßwasserquelle zu sichern.
  • Westjordanland und Gazastreifen wurden besetzt, d.h. das israelische Militär regierte dort mit Militärrecht, und kontrollierte das Land, ohne es offiziell ins Staatsgebiet zu integrieren und dann den Bewohnern Rechte geben zu müssen

Irgendwann zog Jordanien seine Besitzansprüche zurück, nachdem es eine Weile immer noch die Gehälter von Lehrern und anderen Beamten gezahlt hatte. Seitdem ist das Westjordanland formell nicht Teil irgendeines Staates und seine Einwohner sind staatenlos. Außer den jüdischen Siedlern, die sind Bürger Israels, obwohl sie nicht innerhalb seines Staatsgebietes leben. Sie kamen auf eigene Initiative mit starken staatlichen Anreizen, aber dazu anderswo mehr.

Seit 1967 lebten die Palästinenser also rechtlos unter Militärrecht einer Fremdmacht. Sie bauten Israel auf, denn damals gab es noch keine Checkpoints und sie waren billige Arbeitskräfte. Einige profitierten, aber gerade die Flüchtlinge waren unzufrieden und wollten in ihre Häuser zurückkehren, ob die nun noch standen oder nicht. Nach langer Organisationsvorarbeit begann 1987 schließlich die Intifada, das „Abschütteln“, als groß teils gewaltfreier Aufstand von Generalstreiks, Steuerverweigerung und Boykotts.

Als Ergebnis des Aufstands begann unter der Führung Arafats und Rabins der Friedensprozess, der Friede versprach, aber kläglich scheiterte. In Oslo wurden Verträge geschlossen, die den Palästinensern schrittweise Kontrolle über Westjordanland und Gazastreifen geben sollte, in diesen Gebieten sollten sie schließlich ihren eigenen Staat haben. Wichtige Fragen blieben ungeklärt z.B. Wasserrechte, die Frage was mit den Flüchtlingen geschehen sollte und wem Jerusalem gehörte.

Ob es kühle Planung war, oder tragische unvorhersehbare Entwicklungen waren, maße ich mir nicht an, zu beurteilen, jedenfalls wurde Rabin von rechtsradikalen Israelis umgebracht und damit war der Friedensprozess zu Ende.

Wieder ein Friedensnobelpreis umsonst vergeben…

Was Oslo tatsächlich bewirkt hat beschreibe ich im nächsten Artikel.

 

Wem gehört das Land?

Die Geschichte des Fleckens Land zwischen Mittelmeer und Jordan ist alt und verworren; in der Vorlesung „Geschichte Israels“ sagte Professor Oehming „Israel hat das Privileg, von allen großen Kulturen der Menschheitsgeschichte beherrscht worden zu sein.“

Ich halte das für ein sehr zweifelhaftes Privileg, weil es für die Bewohner des Landes beinhaltet von allen großen Kulturen der Menschheitsgeschichte überfallen zu werden, ins Exil und Sklaverei gebracht zu werden, vergewaltigt zu werden und neue Götter annehmen zu müssen. Das haben die „großen Kulturen“ eben so an sich.

Weltreiche kamen und gingen, mal hielten sie sich für ein paar Jahrzehnte, wie die Kreuzritter, die Osmanen herrschten fast vierhundert Jahre, aber sie alle hinterließen ihre Spuren. In den Gebäuden, die teilweise heute noch stehen, aber auch in den Gesichtern der Menschen, und in ihren Bräuchen. In Nahalin, dem Dorf unter uns gab es rothaarige Jungen mit Sommersprossen, und in Jerusalem lebt seit hunderten von Jahren eine Gruppe von ürsprünglich sudanesischen Söldnern. In der Altstadt gibt es ein armenisches Viertel und die Kopten haben ihre Lehmhütten auf die Grabeskirche gebaut, weil ihnen sonst kein Platz zugestanden worden war. Hebron ist berühmt für seine Glasproduktion; das Wissen um das Glasblasen wurde von sephardischen Juden dorthin gebracht, die vor der spanischen Inquisition flohen.

Was ich sagen will, ist folgendes: Weltreiche kamen und gingen, aber Menschen in ihrem Gefolge kamen und blieben. Und vermischten sich mit denen, die vor ihnen da waren. Das Land war nämlich auch nie leer. Es haben dort immer Menschen gelebt, keine Vertreibung hat alle Menschen vertrieben und es gab nie nur eine homogene Gruppe zwischen Mittelmeer und Jordan. So sagen manche auch, dass der Mehrheit der Hebräer nach der Bar-Kochba Revolte nicht ins Exil geschickt wurde, sondern blieb und später unter islamischer Herrschaft zum Islam konvertierte. Schließlich musste man dann weniger Steuern zahlen.

(Die Vertreter dieser Thesen sind normalerweise sehr weit rechts im israelischen Spektrum und auch in der Beschreibung dieses Videos auf Youtube steht:
This gives Palestinians a even more reason to recognize the Hebrew Jewish State of Israel and to convert to Judaism if they want and return back to their true nation. I’m sure their Hebrew ancestors would be glad to see this.

Als ob die Palästinenser an dem Problem Schuld wären und als ob Israel sie annähme, wenn sie konvertierten.)

Und dann waren da noch die Christen, die Nachkommen der ersten Jünger, die Samariter und Drusen, und eben all die anderen die inzwischen dazu gekommen sind: Nachkommen römischer Soldaten, Kreuzritterbastarde, Strafkolonien des osmanischen Reiches, und so weiter.

Wer also hat einen Anspruch auf das Land zwischen Mittelmeer und Jordan? Die Juden, weil ihre Vorfahren vor 2000 Jahren mal dort lebten? Aber was ist dann mit den Juden, die das Land mehr liebten, als die Religion und zurückblieben. Kann ein Nachfahre der Kreuzritter auch seinen Anspruch geltend machen?

Zugegeben, der Zionismus macht einen doppelten Anspruch auf Palästina: Als das Land ihrer Vorfahren und als sichere Heimat vor Verfolgung und Diskriminierung. Aber was ist mit palästinensischen Flüchtlingen, deren Vorfahren gerade mal vor zwei Generationen im Land lebten und teilweise noch leben? Sie werden in Gaza von Israel bombardiert, und leben unter ihren arabischen „Brüdern“ als Bürger zweiter Klasse, die z.B. in Syrien massiv leiden.

Warum erhält ihr Anspruch kein Gehör?

Eine dauerhafte Lösung muss Gerechtigkeit zu ihrer Grundlage haben und dafür muss dieses Land für alle offen sein, die dort leben und leben wollen. Ich kenne keine Nachfahren der Kreuzritter, der in Deutschland sitzt und nur ins Heilige Land auswandern will, die Parteien heute werden zusammengefasst unter Palästinensern und Israelis. Beides sind Identitäten, die durch diesen Konflikt geformt und verhärtet sind; sie sind aber nicht in Stein gemeißelt. Vor 1948 zählte man zu Palästinensern auch Juden, gerade die, die vor den Zionisten gekommen waren. Und wie schon erwähnt führen auch viele muslimische, oder christliche Palästinenser sich auf die Hebräer zurück, die Vorfahren der Juden.

Ob sich ein dauerhafter Friede einstellen kann, ist noch nicht abzusehen, im Moment scheint es mir wichtiger sicherzustellen, dass es in hundert Jahren überhaupt noch Palästinenser zwischen Mittelmeer und Jordan gibt, und nicht nur kleine Reservate von kolonisierten Ureinwohnern.

Einen Vortrag versprechen ist nicht schwer, ..

… ihn halten aber sehr.

Ich bereite gerade einen Vortrag über meine Zeit in Palästina/Israel und bei Zelt der Völker vor. Nachdem ich etwa eine halbe Stunde vergeblich versucht habe, ein Foto aufzuhellen und als Hintergrund der Präsentation zu verwenden, machte ich mich an die eigentliche Präsentation – und wandte mich gleich wieder dem Hintergrund zu.

 

 

 

 

Es ist einfach schwierig, ein Jahr in Worte zu packen. Was wähle ich aus, welches Vorwissen kann ich erwarten? Was will ich eigentlich sagen?

Mein Konzept zur Zeit sieht so aus:

Von mehreren Palästinensern wurde ich explizit gebeten, zu Hause zu erzählen, was ich gesehen habe und so einen Beitrag zu leisten, dass hier ein klareres Bild über die Verhältnisse herrscht, das bei den Zuhörern dann zu einem Neubedenken unseres (Nicht-)Engagement führen könnte. Ich will mich also auf die Besatzung konzentrieren und wie sie alle Aspekte des Lebens beeinflusst.

Da ich den größten Teil meiner Zeit im Zelt der Völker verbracht habe, will ich die Geschichte dieses Projekts erzählen und von dieser Perspektive über israelische Besatzung und Wege des palästinensischen Widerstand mit seinen verschiedenen Verbündeten, Israelis und Ausländer, sprechen.

Die Geschichte von Dahers Weinberg ist ein Mikrokosmos der gesamten Situation Palästinas, da dort viele Aspekte der Besatzung deutlich werden:

  • Die Aufteilung des Westjordanlands in Zonen A,B und C durch die Osloverträge, die der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA) die Kontrolle der ländlichen Gebiete komplett und der Dörfer teilweise (B=21% C=61% des Gebiets) entzogen hat.
  • Die Politik der Landkonfiszierung durch ergänzende Kooperation von Staat, Militär und Siedlerbewegung, sowie die zahlreichen Hindernisse für Palästinenser rechtlich Gerechtigkeit zu erlangen.
  • Der Missbrauch bürokratischer Planungsmittel, um Palästinensern in Zone C das Leben unmöglich zu machen, um  sie zum „freiwilligen“ Wegzug zu bewegen. Dazu gehören die Weigerung der israelischen Besatzungsmacht, Baugenehmigungen auszustellen, sowie palästinensische Gemeinden an die bestehende Infrastruktur für Strom, Wasser und das Verkehrsnetz anzuschließen. (Was ihre völkerrechtliche Verpflichtung wäre)
  • Der psychologische und physische Staatsterror Abrissbefehle für palästinensische Häuser und lebensnotwendige Infrastruktur zu erteilen und diese dann in der Schwebe zu lassen, ob sie tatsächlich ausgeführt werden.
  • Die de facto existierende Apartheid in den besetzten Gebieten zwischen israelischen Siedlern unter israelischem bürgerlichem Recht und Palästinenser_innen unter Militärrecht, krass unterschiedlichem Zugang zu Wasser und Baugenehmigungen und sogar teilweise getrennten Straßen. Dazu all die Zäune, Zivilisten mit Sturmgewehren und die ständige Militärpräsenz.
  • Die Einschränkung der Bewegungsfreiheit von Palästinensern durch Straßensperren, Zerstörung von Straßen und Sperrung von Straßen für Palästinensern. Dazu kommt  natürlich die Mauer und die Checkpoints nach Israel und das besetzte Ostjerusalem.

Gleichzeitig zeigt Zelt der Völker auch einige Wege wie verschiedene Akteure versuchen, für Frieden und Gerechtigkeit und gegen Besatzung und Kolonialisierung zu arbeiten.

  • Die Familie Nassar, die unter dem Motto „Wir weigern uns Feinde zu sein“ einen Widerstand leisten, der versucht das Böse mit Gutem zu überwinden und in der gegenwärtigen Situation alles Mögliche zu tun, um eine Zukunft zu schaffen. Hierbei treffen sich ökologische Landwirtschaft, Widerstand gegen Unrecht und Bildungsarbeit mit hauptsächlich Touristen, aber auch anderen Palästinensern und Israelis in einer spannenden Mischung.
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  • Internationale Freiwillige, die im Projekt sowohl praktisch mitarbeiten, als auch durch ihre Anwesenheit eine zivile Schutzpräsenz gegenüber Siedlergewalt und Militärrepression zu bieten versuchen. Gleichzeitig lernen sie den Konflikt näher kennen und können so zu Hause darüber informieren und dazu beitragen, dass die internationale Gemeinschaft der Besatzung ein Ende macht.
  • Israelische Verbündete des Projekts, die lernen, dass Palästinenser nicht ihre Feinde sind, und diese Erkenntnis nach Hause weitertragen. Aus dieser Begegnung kann auch ein gemeinsamer Kampf gegen die Besatzung entstehen, der sich in Demos niederschlägt, oder in dem Bau einer Komposttoilette.
  • Internationale Organisationen, wie die Grünhelme, die mit den Photovoltaikanlagen auf Dahers Haus Hilfe zur Selbsthilfe geleistet haben.

Hierbei ist es auch ein gutes Beispiel für die negativen Auswirkungen mancher gut gemeinter Bemühungen:

  • „Entwicklungshilfe“, die neue Straßen für Palästinenser baut, wenn Israel die alten Straßen für sie sperrt. Statt Druck auf Israel auszuüben, seine rassistische Politik zu ändern, hilft die gut gemeinte „Unterstützung“ das Apartheidssystem weiter auszubauen. Dazu gehört auch die abhängig machende Spendenpolitik des Westens, staatlich, wie zivilgesellschaftlich, die den palästinensischen Widerstand lähmt. Hierbei bin ich froh, dass Zelt der Völker sehr bewusst mit Spenden umgeht, und diese auch teilweise ablehnt.

Mit diesen Punkten sollte ich eigentlich schon ein abendfüllendes Programm haben, dass eine gute Einführung in Situation und meine Arbeit liefert. Dazu noch ein paar Bilder von meiner Arbeit und kleine Spezifizierungen je nach Publikum.

Was denkt ihr? Gibt es etwas, dass euch brennend interessiert und dass ich nicht behandelt habe? Macht die Form für euch Sinn?

Ich freue mich über Rückmeldung.

 

Das Tikkun des gewöhnlichen Anstands

(Als ich den letzten Artikel schrieb, war ich sehr wütend und aufgewühlt von den Ereignissen in Palästina, die ich in dem Artikel beschrieb. Gleichzeitig war ich auch viel stärker als jetzt noch in der ersten Phase der Wiederanpassung und ein Teil der Frustration, die sich meinem Schreiben Weg brach, war darin begründet, dass ich mich hier fremd und ohnmächtig fühle. Noch ohnmächtiger in Palästina, weil ich nicht weiß, wie Solidarität hier aussehen kann.

Jedenfalls habe ich seitdem noch einmal über die Ereignisse nachgedacht und bin auf eine zweite Betrachtungsweise gestoßen, die ich für ebenfalls wichtig halte.)

Als ich über den Mob jüdisch-israelischer Jugendlicher nachdachte, der am 17.8. zu Beginn des Shabbat einen palästinensischen Jugendlichen auf einem öffentlichen Platz in Westjerusalem zu Tode prügelten, und dann flüchteten, erfüllte mich Wut und Verzweiflung. Mit dem Zionsplatz verband ich schöne Erinnerungen von einem Abend voll langer Gespräche und der unerwarteten Freundlichkeit fremder Menschen – aber jetzt war diese Erinnerung von den Berichten über abscheuliche Gewalt überlagert worden.

Ich schrieb über meine Gefühle und Gedanken und das half mir diese Gefühle loszulassen. Aber das Ereignis ließ mich nicht los, ich begann nur über andere Aspekte des ganzen nachzudenken.

Über die Leute, die herumstanden und nichts taten. Angsthasen, wie sie in uns allen sitzen und, die man überall findet, auch in Münchner U-Bahnen. Die Wut mischte sich hier mit Scham, als ich an all die Situationen denken musste, in denen ich selbst nichts tat, im Angesicht von Gewalt, von Unterdrückung. Bei diesem Gedanken verweilte ich eine Weile, um mir klar zu machen, dass ich nicht besser bin, als die Angsthasen, langsam fing ich an zu zweifeln, ob ich besser war als die Täter.

Hätte ich, wäre ich in einem solchen Umfeld aufgewachsen, nicht vielleicht auch einen Hass auf Araber entwickelt, und wäre unter Gruppendruck zu Gewalttaten bereit gewesen?

Und doch gibt es in diesem Fall jemand, die unter ähnlichen Umständen stammt und doch ganz anders handelte: Bayta Houri-Yafin, eine israelische Jüdin, die Augenzeugin der Gewalt war, und als die Schläger flohen mutig in den Kreis ihrer Unterstützer trat und den arabischen Jugendlichen wiederbelebte. Er hatte schon keinen Puls mehr gehabt. (Deswegen schrieb ich oben, er sei zu Tode geprügelt worden. Er war tot, und wurde zurückgerissen) Während sie dies tat, kommentierten die Umstehenden, „er verdient es zu Sterben, er ist ja nur ein Araber“.

Manche haben gesagt, diese Frau hat unglaublichen Mut bewiesen, weil sie sich für diesen Menschen, der ihr Feind war, in Gefahr begab. In der Tat, sie hat das gezeigt, das wir in Deutschland „Zivilcourage“ nennen. Dennoch hat mich diese Aussage gestört.

Ist der junge Mann nicht friedlich die Jaffa Street entlang gelaufen? Was also machte ihn zum Feind? War es nicht letztlich nicht sein Verhalten, sondern nur seine Identität, die ihn zum „Feind“ machte?

Stellen wir uns vor, ein Mob jüdischer Israelis hätte auf einem belebten Platz einen jüdischen Israeli verprügelt, der friedlich die Straße entlang lief. Oder irgendein Mitglied einer Gruppe wird unter Zeugen von einer Menge an Menschen seiner Gruppe verprügelt. Würden wir nicht viel mehr Widerstand erwarten?

Man mag einwenden, dass auch in Deutschland solche Schlägereien passieren, und kaum Menschen eingreifen, und das stimmt. Ich würde nur behaupten, dass wir dennoch erwarten würden, jemand greife ein.

Hier aber sind die Feindbilder so stark, dass die Täter nicht nur keinen Widerstand erwartet, sie sind sogar angewidert von dem Gedanken, dass jemand aus ihrer Gruppe dem Feind helfen will.

Das Couragierte an Frau Houri-Yafins Reaktion ist nicht nur, dass sie ihrem Feind geholfen hat, sondern, dass sie sich weigerte, ihn als Feind zu sehen. Sie erwiderte ihm jenes anständige Verhalten, dass von allen innerhalb einer Gesellschaft zueinander erwartet wird. Damit widersetzte sie sich zuallererst dem entmenschlichten Bild, das ihre Gesellschaft von Palästinensern gezeichnet hat. Und dann handelte sie einfach anständig, wie wir es von allen erwarten.

Diese „gewöhnliche Anständigkeit“ beschrieb Emil Fackenheim, ein jüdischer Theologe, der sich fragte, wie die Welt nach dem Holocaust geheilt werden kann an Deutschen, die sich während des Holocaust ihren jüdischen Nachbarn anständig gegenüber verhielten und damit selbst Verfolgung riskierten. Mark Ellis, ein anderer jüdischer Theologe, der kritisch über die neue jüdische Identität seit der Begründung des Staates Israel nachdenkt, wendet dieses Konzept auf die Beziehung zwischen Israelis und Palästinensern an.

… Aber für Fackenheim kam das wichtigere Zeugnis von jenen Christen, die ohne einen noblen Grund das zeigten, was unter anderen Umständen als gewöhnlicher Anstand gälte: „In der Welt des Holocausts, machte der Anstand eines Unbeschnittenen, wenn er einem Juden entgegengebracht wurde, ihn zu einem Ausgestoßenem – so wie es die Juden selbst waren, und wenn er dafür sein Leben riskierte, oder gab, gab es nichts auf der Welt, das ihn aufrechthielt, außer sein gewöhnlicher Anstand selbst.“

… Man könnte die Behauptung des Gewöhnlichen ein Wunder nennen, also ein „ja“ zum Leben, das systematisch zerstört wird. …

Fackenheim überträgt diese Analyse nicht auf die Palästinenser und würde … dies sicherlich ablehnen. Man fragt sich, ob nicht … ein weiterer Bruch [wie der Bruch des Holocausts] zwischen Juden und Palästinensern vorgefallen ist, ein Bruch der auch Tikkun braucht (Tikkun – hebräisch für Heilung). … Könnte es nicht sein, dass unsere gegenwärtige Welt auch diesen gewöhnlichen Anstand braucht, damit der Bruch verheilen kann …?

Es könnte sein, dass die Juden, die Palästinenser umarmen, einfach das Tikkun von Juden und Christen aus dem Holocaust weiterführen und dadurch eine Zuunft für beide Völker möglich machen. Werden Palästinenser dereinst von den gerechten Juden schreiben, wie Fackenheim von den gerechten Unbeschnittenen schreibt?

Wenn es dereinst Frieden im Heiligen Land gibt, dann wird es wegen dem couragierten Handeln von Menschen wie Bayta Houri-Yafin sein, die einen ganz gewöhnlichen Anstand zeigen, denen die angeblich ihre Feinde sind.

Aber nicht nur wegen ihrem Handeln, sondern auch wegen denen, die davon erzählen, und all denen, die ihre Herzen verändern lassen und „hingehen und dasselbe tun“ (Lukas 10,37), wie Jesus schon den gewöhnlichen Anstand der Nächstenliebe weiter empfahl, der auch damals nicht weit verbreitet war.