It’s strange – A poem for MJ

It’s strange.
Since I heard about it Monday at noon,
from a friend who didn’t want
his friends to learn about it from social media,
I have been connecting with some other of his friends,
through social media, socializing these media,
by asking for numbers and calling people,
so we hear each others‘ voice
when I break the bad news.
Why does loss bring us together?

It’s strange,
The DRC government says
MJ has been kidnapped by “negative forces not yet identified”.
In his last report to the UN Security Council
kidnappings are mentioned 21 times.
It says most armed groups fundraise like this.
His group had found that
“certain members of the Congolese security forces had
also participated in kidnappings”.
War is messy like that.

It’s strange.
I don’t have many pictures.
Of MJ and me.
The only one’s I found, on social media,
are from his second to last time he was with us
in Bammental.
He said he needed a break from the DRC.
My dad probably has some.
And mom was always better at keeping in touch with MJ.

It’s strange.
I always knew that MJ was an important person in my life.
We called each other brothers.
He lived with us when I was a teenager,
and my hero.
He taught me how to play poker and Warcraft III,
and somewhere in between
to be humble and brave.
But our last facebook chat was August 2016.
when we had just missed another opportunity
to see each other.

It’s strange.
In Germany he was working with US soldiers wanting to get out
of the military that had ensnared them with empty promises
out of the senseless wars.
In the DRC he was working with Rwandan rebels wanting to get out
of the militia that had ensnared them with empty promises
out of the senseless wars.
One time, he jumped out of a window
when the military police was after him
This time I guess,
there was no window to jump out of.

It’s strange.
As we gather to pray
with words from Mountain States Mennonite Conference
I feel close to him.
But also this nagging realization,
that we cannot say the names of the four Congolese
who were also abducted.
Because no newspaper bothered researching and reporting their names.
Not even the DRC government.
Even in mourning, all lives are not equal.

It’s strange.
I believe and hold out hope
that MJ is alive
that he will be returned to us soon
and that he will dance at my wedding
this summer.
But if I believe and hold out hope,
why does it feel like
I am writing a eulogy?

It’s strange.
The MCC calendar I picked up,
for free at a local church,
has a picture from the Congo for the month of March.
Telling the story of
MCC‘ efforts to demilitarize Rwandan rebels in the DRC.
Of MJ’s work.

 

 

 

 

Von Lesbos bis Calais – wachsende Zäune und Gastfreundschaft, die Mauern niederreißt

In den letzten Jahren sind aufgrund alter und neuer Kriege, aufgrund des Klimawandels und ungerechter Wirtschaftsbeziehungen immer mehr Menschen aufgebrochen, um in Europa ein Leben in Sicherheit und Wohlstand zu finden. Während früher die Nachrichten von Ertrunkenen unangenehm waren, aber verdrängt werden konnten, kann spätestens seit dem letzten Sommer niemand mehr die Augen vor der Not der Menschen auf der Flucht verschließen und die Frage, „Was sollen wir tun?“ drängt sich allen auf.
Die Reaktionen sind vielfältig und in der medialen Repräsentation wechselhaft.
Im Sommer konnte man fast den Eindruck gewinnen, ganz Deutschland sagt „refugees welcome“, jetzt wirkt es, als ob es nur noch fremdenfeindliche Mobs gibt.
Die Wirklichkeit ist natürlich komplexer, aber doch ist es auch ein Ringen um Deutungsmacht.
Und die Macht der Deutung ist auch die Macht, die Zukunft zu formen.

Ich selbst beschäftigte mich seit 2014 intensiv mit der Situation von Flüchtlingen in Europa.
In dieser Zeit hat vieles sich verändert. Es sind neue Kriege dazu gekommen, rechtliche Rahmen wurden erneuert, ausgesetzt und wiedereingeführt, Europa hat sich verändert, und auch ich. In diesem Text, den ich ursprünglich für den London Catholic Worker geschrieben habe, versuche ich einen Teil der Geschichten zu erzählen.

Im Sommer des Jahres 2014 begannen die christlichen Friedensstifter-Teams (CPT) ein Projekt auf der griechischen Insel Lesbos um Flüchtlinge und solidarische Gruppen zu begleiten.
Da Lesbos nur zehn Kilometer vor der türkischen Küste liegt, wagen viele Flüchtlinge hier die Überfahrt und betreten hier zum ersten Mal europäischen Boden.
Seit im Sommer 2012 die ersten größeren Gruppen von Flüchtlingen auf Lesbos ankommen gründeten sich einheimische Gruppen wie etwa das “Dorf Aller Gemeinsam”, um die Neuankömmlinge willkommen zu heißen und sie zu beherbergen bis sie weiterreisen können.

Die dritte Lektion des Griechischunterrichts: Die Verb "sein" und "haben". Ich lerne auch noch einiges, da Neugriechisch nur wenig mit dem antiken Griechisch zu tun hat.

Griechischunterricht in Pikpa im Sommer 2014

Sie gründeten das offene Lager PIKPA auf einem leerstehenden Campingplatz, wo Flüchtlinge unterkommen können, bis sie ihre Papiere erhalten.
PIKPA ist sowohl praktische humanitäre Hilfe als auch eine provokative politische Alternative zu dem stacheldrahtbewehrten “First Reception Centre” in Moria: Es ist möglich, mit minimalen Ressourcen und ohne Gewalt Flüchtlinge unterbringen und zu registrieren, indem man sie einfach als Menschen mit Würde behandelt.
Die Überforderung angesichts so vieler ankommender Menschen zwingt die Verwaltung Lesbos PIKPA zu unterstützen, da ohne solche zivilgesellschaftliche die offiziellen Instanzen komplett überfordert wären. Diese Situation konnten die Aktivisten dazu nutzen, die Verwaltung zur Übernahme der Kosten für Essensversorgung und sanitäre Anlagen zu bewegen.
In Kalloni hauchten ein orthodoxer Mönch und eine paar atheistische Marxisten einem alten Kloster neues Leben ein, indem sie dort durchkommende Flüchtlinge speisten und sie pflegten.
Trotz der erdrückenden Last der Austeritätsgesetze, Arbeitslosigkeit und einer aufsteigenden extremen Rechten, entscheiden sich Einzelne und Gemeinschaften, den Fremden willkommen zu heißen und ihnen zur Seite zu stehen.
Als christlicher Friedensstifter fühle ich mich geehrt, sie zu unterstützen und unsere Erfahrungen in Begleitungsarbeit und Menschenrechtsbeobachtung einzubringen.

Diesen Februar verbrachte ich zwei Wochen in Calais.

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Dort haben etwa fünftausend Flüchtlinge auf dem Weg nach England sich auf einer ehemaligen Müllhalde eine zeitweise Bleibe geschaffen, nachdem die Polizei sie von den verstreuten kleineren Camps vertrieben hatte. Dieser Ort wird von vielen nur „the Jungle“ – „der Dschungel“ genannt.

Ich habe in dieser Zeit viel mit Menschen geredet; über den Dschungel, über ihre Heimat und ihre Hoffnung für die Zukunft. Aber vor allem wurde ich zum Essen eingeladen und zum Tee trinken. Wir haben zusammen gelacht, über kleine Absurditäten des Lebens und über Slapstickhumor.
Wäre ich länger geblieben, hätten wir wohl auch zusammen geweint, aber so blieb es dabei, dass jeder für sich weinte.

Warum sind diese Menschen nach Calais gekommen, warum leben sie unter diesen Bedingungen und riskieren weiter ihr Leben, um im Laderaum eines LKWs oder durch den Tunnel nach England zu kommen?

Sie hoffen, von dort nach England zu kommen, um dort Asyl zu beantragen. Ihre Beweggründe sind vielfältig, ich habe folgendes gehört: einige haben Familie in England, andere mussten aufgrund ihrer Zusammenarbeit mit dem britischen Militär aus ihrer Heimat fliehen, manche glauben aufgrund ihrer Englischkenntnisse schneller Anschluss zu finden, und ja es gibt auch die ein oder andere Illusion über das Leben in England.
Und Frankreich übernimmt kaum Verantwortung für Asylsuchende. Viele von ihnen sind obdachlos, und der Kälte und der Gewalt von Rassisten schutzlos ausgeliefert.

Hunderte Freiwillige aus England und ganz Europa verwandelten gemeinsam mit den BewohnerInnen den „Dschungel“ von einer reinen Hölle auf Erden zu einem Ort, der sowohl hässlich als auch wunderschön ist und an dem menschliche Grundbedürfnisse nach Nahrung, Wärme, Beziehung und Freiraum zumindest ansatzweise befriedigt werden können.

orthodoxe Kirche im Dschungel

Leider sind die Einheimischen nicht so stark involviert wie in Lesbos und viele Flüchtlinge haben aufgrund der Gewalt rechtsextremer Banden und der Polizei Angst davor, nach Calais zu gehen.
Dennoch bilden sich auch Beziehungen und es gibt Menschen, die verstehen, dass zwar “niemand Flüchtlinge im eigenen Garten haben will, aber die Flüchtlinge wollen auch nicht da sein – sie haben nur keine Wahl”, wie Bruder Johannes vom Mere Marie Skobtsov Catholic Worker Haus in Calais sagt.

Die Regionalpräfektur hat angekündigt (und mittlerweile begonnen) das Camp zu räumen ohne tragfähige Alternativen zu bieten. Rechtlicher Einspruch gegen diese Maßnahme war erfolglos. Viele Flüchtlinge haben keinen Ort mehr, an den sie gehen können und leisten auf kreative Art Widerstand gegen die Zerstörung ihres neuen Zuhause.
Die Regierung hängt der Illusion an, dass die Menschen, die in Calais erneut ihre Heimat verlieren, einfach verschwinden werden. Und dass nächsten Sommer keine Neuankömmlinge kommen werden, die ebenso hoffen, nach England zu kommen.
In der angespannten Situation der Räumung kommt der friedlichen Präsenz von Menschen, die das Vorgehen der Polizei dokumentieren und bei Konflikten deeskalieren, eine wichtige Rolle zu.

In einer der Suppenküche traf ich Ibrahim, dem ich zuerst im Sommer 2014 auf Lesbos begegnet war. Es war eine seltsame Wiedersehen. Er freute sich mich wiederzusehen, und ich auch, aber gleichzeitig kämpfte ich mit den Tränen. Ibrahim ist nun seit zwei Jahren unterwegs, er hat Grenze nach Grenze überwunden, musste sein Leben in die Hände von Schmugglern legen und nun ist er auf die Hilfe von Freiwilligen wie mir angewiesen.
Nichtsdestotrotz ist es entschlossen, seinen Weg nach England zu finden.

Von Lesbos bis Calais, in ganz Europa stehen der Bewegung der Flüchtlinge höher werdende Zäune und Gewalt von FRONTEX, Polizei und faschistischen Bewegungen gegenüber. In Deutschland gab es im vergangenen Jahr über eintausend Angriffe auf Asylbewerberheime. Die extreme Rechte hat mit Pegida sowohl eine Bewegung, als auch in der AFD auch in Deutschland eine politische Macht errungen.
Gleichzeitig opfern zehntausende EuropäerInnen mit Papieren ihre Freizeit, um sich ehrenamtlich für Flüchtlinge einzubringen. Sie bringen den Neuankömmlingen die Landessprache bei, oder begleiten sie zu Amtsterminen oder zum Arzt. Die Freiwilligen auf Lesbos und in Calais sind lediglich die sichtbarsten Beispiele der Willkommenskultur, die parallel zum Aufstieg der extremen Rechten verläuft und mit ihr über die Deutungsmacht dieses historischen Moments ringt.

Für Menschen wie Ibrahim, für die kleinen Gemeinschaften, die Gastfreundschaft mit den Fremden üben und für uns selbst, muss die Willkommenskultur zu einer wirklichen politischen Kraft werden.

Als Gläubige erzählen wir davon, “dass einige ohne es zu wissen Engel aufgenommen haben”.
Wir glauben, dass wir selbst ein Pilgervolk sind und dass wir dem Auferstanden in den Geringsten begegnen. Wenn wir das ernst nehmen, wird es uns zur Gabe und Aufgabe, die Wirklichkeit der Gastfreundschaft in Wort und Tat zu bezeugen.

Glaube aus Trotz

Heute ist der erste Jahrestag des Genozids an den Jesiden durch Kämpfer des sogenannten „Islamischen Staats“.
Vor knapp einem Jahr habe ich in Lesbos diesen Artikel geschrieben, der im schweizerisch-mennonitischen Magazin „Perspektive“ in der Kolumne „Warum ich (noch) Christ bin“ geschrieben. Heute musste ich wieder an ihn denken, konnte immer noch dazu stehen und wollte ihn dann hier veröffentlichen.

Apologetik, die Verteidigung oder Begründung des christlichen Glauben hat mich nie besonders interessiert.
Ab und an treffe ich jemanden, der mit meinem Glauben überhaupt nichts anfangen kann und fast beleidigt ist, dass nach der Aufklärung und dem christlichen Kolonialismus irgendjemand immer noch Christ sein könnte und tatsächlich betet, zum Gottesdienst geht und Bibel liest.
In dieser Konstellation führt das Gespräch oft ins Leere, da mein Gesprächspartner kein Interesse daran hat, sich mit mir auseinanderzusetzen und in jeder Rechtfertigung des Glaubens nur einen Missionsversuch und damit Bestätigung seines Bildes sehen würde. Da verwirre ich lieber meine Gesprächspartner und sage, dass ich auch nicht an den Gott glaube, den sie beschreiben. Meine Freunde, die auch nichts mit Glauben anfangen können, fragen übrigens anders und hier kann ein Gespräch durchaus für beide bereichernd sein.

Abgesehen von dieser taktischen Schwierigkeit sehe ich aber ein grundlegendes Problem: Glaube ist für mich kein logisch begründbares System, sondern eine Perspektive, die mir geschenkt wird.

Statt ein hermetisches logisches System aufzubauen, wird in Gott in der Bibel immer wieder als ein Gott beschrieben, der in das Schicksal der Menschen eingreift und dabei ihre Vorstellungen über den Haufen wirft.

Fühlen sich die Reichen sicher in ihrem Kult, sagt Gott, dass er den Kult nicht riechen kann.
Denkt Israel, dass Gott nur für sie da ist, sagt Gott, dass er alle erwählt hat.
Erkennen sie ihre Schuld und meinen, es sich endgültig verdorben zu haben, nimmt Gott sich ihrer an und verzeiht alles.
Und dann schließlich wird Gott Mensch, der sich auch noch von den Menschen umbringen lässt.
Was ein Irrsinn!

Paulus betont immer wieder, was für ein Skandal es ist, dass Jesus am Kreuz stirbt.

„Denn die Juden fordern Zeichen und die Griechen fragen nach Weisheit, wir aber predigen den gekreuzigten Christus, den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit; denen aber, die berufen sind, Juden und Griechen, predigen wir Christus als Gottes Kraft und Gottes Weisheit. Denn die Torheit Gottes ist weiser, als die Menschen sind, und die Schwachheit Gottes ist stärker, als die Menschen sind.“ (1.Korinther 1,23)

Apologetik aber macht aus dem Skandal ein harmonisches System, in das schließlich sogar Gott hinein passt.
Darin gibt es auch noch eine Antwort auf das Leiden und Ungerechtigkeit in dieser Welt – als ob diese irgendjemand helfen würde. In der Bibel aber kritisiert Gott Hiobs Freunde, die genau das versuchen und gibt schließlich Hiob recht, der stur eine Antwort von Gott selbst fordert. Jesus gibt keine Antwort auf das Leiden, sondern heilt Menschen und befreit sie von den Kräften, die sie gefangen halten. Aber er liefert sich dem Leiden aus. Er lebt mit den Leidenden und stirbt unter Verbrechern.
Der Kreuzestod Jesu war und ist ein Skandal und keine Theologie sollte ihn so darlegen, dass er selbstverständlich wird.
Die Auferstehung macht auch nicht so einfach Sinn, denn es stehen einfach keine Leute von den Toten auf.
Wenn das so wäre, machte es ja gar keinen Sinn mehr sie umzubringen.
Dennoch glauben wir, dass Christus auferstanden ist und wir auch auferstehen werden.

Genau hier liegt meines Erachtens der Punkt. Glaube an den gekreuzigten und auferstandenen Christus macht keinen Sinn. Zumindest nicht in dieser Wirklichkeit, in der Menschen getötet werden und nicht wieder aufstehen.
Christlicher Glaube ist also ein Widerspruch gegen das, was allgemein als alternativlose Wirklichkeit gilt. Ich glaube aus Trotz, weil ich mich nicht mit all dem abfinden kann, was so offensichtlich schief läuft in dieser Welt. Ein Trotz, der sich allen Versuchen, das Leiden und Unrecht zu rechtfertigen entgegenstellt und widerspricht. Ein Trotz auch der sich mit einem bequemen Leben auf dem Rücken von anderen nicht zufrieden geben kann, sondern weiter fordert, dass es ein gutes Leben für alle geben muss.

Eine Freundin schlug vor, von „Hoffnung“ zu reden.
Dieser Begriff wird biblisch verwendet, ist positiv und erinnert nicht so an Teenager.
Ich würde gerne von Hoffnung reden, aber manchmal reicht es nur zum Trotz. Dann brauche ich Andere, die mich erinnern, dass die andere Welt schon da ist und wir in sie hineinleben können.
Im Gottesdienst meiner Wut Luft zu machen und vom einem Bruder zu hören, wie er durch die Woche kommt und all diese Dinge vor Gott zu bringen, macht es dann wieder möglich, nicht nur zu trotzen, sondern auch zu hoffen.

Eine kleine Anekdote aus dem PTS

Gestern (Dienstag) lief ich an der Pinnwand im PTS vorbei und sah, dass jemand auf das Plakat zu den Inspirationen am Abend geschrieben hatte: „Auch die Einbrecherbanden?“
Eine rhetorische Frage, die anscheinend implizieren sollte, „Einbrecherbanden“ seien egal.
Das „egal“ bezieht sich auf dem Plakat auf geflüchtete Menschen, weshalb mit dem Graffiti wohl gemeint ist, die „Einbrecherbanden“ rekrutierten sich aus dieser Menschengruppe.

Die Formulierung auf dem Plakat ist wohl auch ein Wortspiel auf den bekannten Slogan „Kein Mensch ist illegal“, wogegen sich der Autor (die Autorin) wohl positionieren wollte.
In seinem (oder ihrem) Kopf bestand da wohl ein Zusammenhang, wonach Menschen aufgrund ihrer Handlungen ihr Wesen veränderten und damit auch ihren intrinsischen Wert verlierten und daher „egal“ (oder per Implikation „illegal“ würden).
Wie man als TheologiestudentIn auf so einen Gedanken kommen kann, ist schwer nachvollziehbar.

Ich wunderte mich ein wenig, war aber in Eile und ging weiter.

Heute (Mittwoch) lief ich wieder an dem Plakat vorbei.
Es hatte sich in der Zwischenzeit verändert.

Jemand hatte den ersten Kommentar abgerissen und damit seine/ihre Meinung zu diesem Kommentar geäußert. Diese damnatio memoriae erwies sich aber nicht als erfolgreich (weswegen sie meist auch nur bei Toten angewendet wird). Neben dem neuen Loch fand sich ein neuer Kommentar in derselben Handschrift: „Angst vor der Wahrheit?“.

Wieder dieser fragende Impetus, der sich herausfordernd und kritisch gibt. Man fragt sich, ob es noch andere rhetorische Mittel gibt.

Auch dieses Mal konnte ich nicht am Plakat verweilen, ich musste weiter zum Seminar. Aber die Frage ließ mich nicht los. Habe ich etwa Angst vor der Wahrheit?
Sind die geflüchteten Menschen eigentlich nur auf unserem Reichtum aus und bilden „Einbrecherbanden“ und nehmen sich den ganz praktisch?
Ist es nur naives Gutmenschentum, diese „Wahrheit“ nicht anzunehmen, auszublenden und vor ihrer Sichtbarmachung „Angst“ zu haben?

Halt, Stopp!

Es ist doch gar nicht wahr. Die Frage ist nicht wahr, ihre Implikate sind Lügen.
Einerseits haben sie höchstens eine sehr lose Beziehung zu empirisch verifizierbaren Daten, geben sich aber in einer Form (Frage!) die sich dieser Überprüfung entzieht.
Wichtiger ist aber, dass sie von keiner Wahrheit ausgehen, insbesondere keiner die theologisch als Wahrheit zu bewerten wäre.

Bevor ich hier noch weiter schreibe – ich bin mal wieder in Eile – erzähle ich die Geschcihte kurz zu Ende. Statt den Kommentar abzureißen und damit eigenmächtig zu entscheiden, was man lesen darf und was nicht, habe ich einen eigenen Kommentar in einer Sprechblase dazugehängt.

Außerdem hängen da jetzt noch ganz viele Sprechblasen.
Vielleicht wollen sich ja noch andere an einer stillen Diskussion beteiligen und solche Thesen nicht einfach unkommentiert stehen lassen.

Ich werde alle paar Tage mal wieder vorbeigehen und die Wand dokumentieren, vielleicht kriegen wir ja unseren eigenen (politischeren) „virale Philotür„.

Und vielleicht kommen ja mehr Leute zu der Inspiration am Abend, diesen Sonntag 28.6., 19 Uhr in der Peterskirche.

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Entwurf:
Theologisch (in meinem Verständnis) als Wahrheit qualifiziert zu werden, was von Jesus Christus zeugt. In ihm hat die Wahrheit selbst Gestalt angenommen und wir haben sie verworfen. Die Wahrheit wurde von Menschen gekreuzigt und lies sich doch nicht zum Schweigen bringen. Diese Wahrheit war selbst zur Flucht gezwungen und wendete sich allen Ausgeschlossenen zu.
„So ihr bleiben werdet an meiner Rede, so seid ihr meine rechten Jünger, und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.“ Joh. 8

Jesus wird heute noch gekreuzigt

(Bitte entschuldigt die Inkohärenz dieses Textes, ich hatte keine Zeit meine Gedanken vor Ostern noch wirklich zu sortieren)

Bei meinem letzten Text wurde ich gefragt, was ich meine, wenn ich sage: „Im Umgang mit diesen ‚Geringsten‘ (Mt 25) wird Jesus heute noch gekreuzigt, …“.

Dieses Foto zeigt eine eindrückliche Form einer heutigen Kreuzigung – ein Flüchtling dessen Gliedmaßen von Polizisten unter Kontrolle gebracht werden, als er versucht den Grenzzaun bei Melilla zu überwinden, um nach Europa zu kommen.

Diese Parallele wird zum Beispiel beim seit Jahren stattfindenden Kreuzweg für die Rechte der Flüchtlinge in Hamburg (und anderswo!) gezogen, den die Basisgemeinschaft „Brot und Rosen“ mit vielen anderen kirchlichen und säkularen AkteurInnen organisiert.
In den USA verbinden Schwarze ChristInnen und ihre UnterstützerInnen den tödlichen Rassismus in Polizei und Gesellschaft mit der Passionsgeschichte Christi und organisieren eine „Holy Week of Resistance“, in der biblische Texte und liturgischen Feiern in der Öffentlichkeit für Protest mobilisiert und kreativ gedeutet werden.

Was für ein Verständnis des Kreuzes zeigt sich hier?
Das Kreuz wird hier vor dem Hintergrund heutiger Ungerechtigkeiten und Leiden gedeutet. Jesu Tod am Kreuz wird hier nicht metaphysisch als freiwilliges Opfer Gottes für sein blutrünstiges Selbst verstanden, wie in der Satisfaktionstheorie von Anselm v. Canterbury.
Stattdessen wird das Kreuz in seinem historischen Hintergrund als politische Strafe für Aufständische und entlaufene Sklaven verstanden. Etwas das Entwürdigten, die zurücksprechen angetan wird, um sie zum Schweigen zu bringen.
Das Kreuz war eine öffentliche Hinrichtung, um ein Exempel zu statuieren und Furcht und Schrecken (Terror) in den Herzen der Beherrschten wach zu halten.
Nichts anderes.
Diese Staatsgewalt ist es, die wir in dem Bild sehen und die schwarze Menschen in den USA ermordet.

Sie muss an die Öffentlichkeit gezerrt werden, nur dann können die Mächte und Gewalten entlarvt und entmachtet werden. Aber auch diese Gedanken kommen den Jüngerinnen und Jüngern nicht an Karfreitag sondern erst im Rückblick von Ostern her.

Wo ist dann das Heil?
Nicht am Kreuz, zumindest nicht nur dort sondern nur im Zusammenspiel von Kreuz und Auferstehung.
Die Auferstehung ist Gottes Bestätigung dieses Jesus von Nazareth, dieses Menschen, den alle verstoßen hatten und dessen Freunde ihn im Stich gelassen hatten. Ohne die Auferstehung wäre das Kreuz sinnlos – ein weiterer Beweis der Macht der Mächtigen und nicht erwähnenswert in ihren Geschichtsbüchern (tatsächlich berichtete ja auch kein antiker Historiker über Jesus und seinen Tod)

Aber die Auferstehung macht das Kreuz nicht ungeschehen.

Es ist der Gekreuzigte, den Gott auferweckt, und den die Jünger und alle ChristInnen nach ihnen als höchste Offenbarung von Gottes Wesen („Gottes Sohn“) bekennen.
Dieser vom mächtigsten Land der Welt mit zwei Terroristen Hingerichtete ist der Ausdruck von Gottes Liebe, und irgendwie hat er in seiner Hinrichtung auch noch die Mächte der Welt entlarvt und besiegt.

Das ist der Skandal des Kreuzes (1. Kor,1,18-25), der Juden und Heiden unverständlich war und sich auch den Jüngerinnen und Jüngern nicht einfach so erschloss. Nur eine 2000-jährige Kirchengeschichte, die größtenteils vom Versuch das Kreuz für die Mächtigen harmlos zu machen beherrscht war, macht es heute möglich, Kreuze als Schmuck um den Hals zu legen, das Leiden Christi zu als Gottes Willen zu verherrlichen und gleichzeitig weiter Menschen auszuschließen und zu unterdrücken.

Das Kreuz war nicht Gottes ewiger Plan, um seine Blutgier zu befriedigen. Die Menschen waren es die Gottes Liebe, die sich ihnen in Jesus zeigte, nicht aushalten konnten. Um Jesus ans Kreuz zu bringen, verbündeten sich jüdische religiöse Eliten mit den verhassten römischen Besatzern und dem Marionettenkönig Herodes. Die Massen liefen der Propaganda folgend hinterher und alle waren beteiligt an der Hinrichtung des einen, der lebte, so wie Gott es sich vorstellt.
Von allen verlassen und verspottet starb er und mit ihm die Hoffnung, dass eine andere Welt möglich sei.
Die Geschichte geht weiter, und wir lernen, dass der Tod nicht das letzte Wort hat.

Ich habe selbst die Auferstehung ins Spiel gebracht, was natürlich wichtig ist.
Aber manchmal wäre es gut, in der Zwischenzeit ein wenig zu verweilen..

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Postskript: Diese Auslegung des islamischen Gelehrten Omid Safi finde ich sehr passend.

Gethsemaneh in Heidelberg

(Dieser Text ist des Versuch eines Midrasch – einer erzählerisch-aktualisierende Auslegung – der Passionsgeschichte, insbesondere die Gethsemane-Episode, in Markusevangelium 14,26-52 in Verbindung mit einer nächtlichen Mahnwache vom 23. auf den 24.3.2015 vor der Asylunterkunft in der Kirchheimer Hardtstraße. Es lohnt sich beides zusammen zu lesen. Wenn du bei solchen und ähnlichen Aktionen dabei sein willst, schreib mir: bennikrauss[at]gmx.net)

gethsemanehDiese Woche verbrachte ich eine Nacht vor einer Asylunterkunft in Heidelberg, um mit circa fünfzig Menschen die Praxis nächtlicher Abschiebungen ins Licht des Tages zu ziehen und notfalls eine Abschiebung gewaltfrei zu blockieren.
Aufgerufen wurde zu der Mahnwache, weil am folgenden Tag ein Flugzeug vom Baden Airpark nach Serbien und Mazedonien fliegen sollte, voll mit Menschen die gegen ihren Willen abgeschoben wurden. Diese Abschiebungen betreffen meist Roma, die immer noch Opfer rassistischer Angriffe und struktureller Diskriminierung werden.
Ausgerechnet am Jahrestag der Deportation der Sinti und Roma in Baden-Württemberg nach Auschwitz-Birkenau sollten Angehörige dieser Volksgruppen in Länder abgeschoben werden, wo ihnen der Zugang zu gleichen Rechten verwehrt wird.
Das Datum war wohl zufällig gewählt, offenbart aber die tödliche und andauernde Geschichte des Antiziganismus (der spezifischen Diskriminierung aufgrund der Zugehörigkeit zur Ethnie der Sinti und Roma) in Deutschland, die immer noch unbewusst ist.
Abschiebungen finden nachts statt und werden oft nicht angekündigt, was einen zusätzlichen psychischen Druck ausübt und viele krank macht.
Die tiefe Unmenschlichkeit dieser Praxis wollten wir nicht unkommentiert lassen, sondern anprangern und uns ihr entgegen stellen.

Es war ziemlich kalt und ich war angespannt und verunsichert, wie die Nacht verlaufen würde. In unregelmäßigen Abständen kamen Streifenwagen vorbei, aber zu einer Konfrontation kam es nicht.
Anscheinend war in Heidelberg in dieser Nacht keine Abschiebung geplant, aber wir blieben dennoch die ganze Nacht, um sicher zu gehen und unserer Solidarität Ausdruck zu verleihen.

Dabei hatte ich viel Zeit, zu beobachten und mein Denken und Fühlen vor Gott zu bringen.
In den Wochen vor Ostern habe ich immer wieder die Gethsemane-Episode gelesen und nun fand ich mich selbst in ihr wieder.

Mitten in der Nacht wurde Jesus verhaftet, um ja keinen Aufruhr zu erzeugen. Abschiebungen finden unter anderem aus diesem Grund meist um vier Uhr morgens statt. Während Jesus aber freiwillig ans Kreuz geht, um die gewaltfreie Liebe Gottes zu den Menschen in letzter Konsequenz zu leben, ist für die Menschen, die abgeschoben werden, ihr Kreuz kein selbstgewähltes, sondern wird ihnen aufgedrückt. Hier liegt der entscheidende Unterschied zwischen den Geschichten, der für mich auch die Blockade motiviert hatte.

„Meine Seele ist betrübt bis an den Tod; bleibt hier und wachet!“

Mit diesen Worten fleht Jesus seine Jüngerinnen und Jünger an, obwohl er schon angekündigt hat, dass sie ihn alle verlassen werden. In dieser Nacht braucht er ihre Solidarität, er kann diesen Weg alleine nicht weitergehen.
Die Jüngerinnen und Jünger aber schlafen immer wieder ein, und „wissen nicht, was sie ihm antworten sollten“
Sie verstehen Jesu Weg zum Kreuz immer noch nicht, sind erschöpft und verunsichert und können in dem Moment, in dem es darauf ankommt Jesus nicht zur Seite stehen. Als Jesus schließlich mitten in der Nacht verhaftet wird, fliehen sie und Petrus verleugnet seinen Freund und Lehrer, um sich selbst zu retten.

Gethsemane wurde in dieser Nacht für mich zu einem Gleichnis für die christliche Existenz in einer Welt, in der immer noch Unzählige durch Krieg, Fremdenhass und strukturelle Benachteiligung leiden und sterben. Im Umgang mit diesen „Geringsten“ (Mt 25) wird Jesus heute noch gekreuzigt, wenn zum Beispiel Flüchtlinge in ein angeblich „sicheres Herkunftsland“ abgeschoben werden, in dem ihnen als Angehörige einer diskriminierten Minderheit aber Obdachlosigkeit, Gewalt und Rechtslosigkeit drohen.

Jesus ruft uns aus diesen Menschen zu: „Bleibt hier und wachet!“ und genauso wie Jesus in Gethsemane brauchen sie unsere Solidarität in dieser schweren Stunde.
Wachsam zu sein heißt nicht, nie zu schlafen, sondern vor allem sich nicht einschläfern zu lassen vom verschleiernden Gerede unserer Ordnung, das mit Begriffen wie „Wirtschaftsflüchtling“ und „sicheres Herkunftsland“ gleichzeitig die Geringsten kriminalisiert und die eigene Gewalt verharmlost.
Zu Bleiben heißt, die Angst und den Schmerz zu teilen, den anderen darin auch auszuhalten.
In dieser Nacht hieß es, ganz wörtlich zu bleiben und zu wachen – im Angesicht von Polizei und möglicher juristischer Verfolgung. Niemand wurde verhaftet und die Chancen, dass etwas geschieht waren minimal, aber es war schon herausfordernd, mich überhaupt der Staatsgewalt in den Weg zu stellen. So was macht man ja nicht. Und wenn doch etwas passiert?

„Wachet und betet, dass ihr nicht in Versuchung fallt! Der Geist ist willig; aber das Fleisch ist schwach.“ (Mk 14,38)

All die eigenen Ängste, die einschläfernden Beruhigungsthesen und die Erschöpfung, die das Leben in Nachfolge mit sich bringt, kommen in dieser Nacht hoch. Sie drohen uns zu überwältigen, dass wir einschlafen oder die Flucht ergreifen. Jesus rechnet damit und weckt uns immer wieder auf. Und er verweist uns auf das Gebet, um nicht in Schlaf oder Panik zu versinken.
Im Gebet können wir Gott unsere Angst und unsere Perspektivlosigkeit anvertrauen. In Gott finden wir zur Ruhe, die unsere Sinne nicht benebelt, sondern uns klar sehen lässt. Nicht von unserer sondern von Gottes Perspektive.

Es ist keine moralische Schwäche, die die Jüngerinnen und Jünger einschlafen lässt, sondern die überwältigende Mischung aus Erschöpfung, Unsicherheit, was kommen wird und ein Unverständnis, wer Jesus ist. Ich kenne diese Mischung und erlebe sie immer wieder. Es ist erleichternd, dass Jesus ihnen ihren Schlaf nicht zum Vorwurf macht, aber er braucht dennoch ihren Beistand.
Wie können wir im entscheidenden Moment Menschen beistehen?

Jesus hat seine Jüngerinnen und Jünger auf die Situation vorbereitet, in dem er immer wieder sagte, dass er in Jerusalem ans Kreuz gehen wird. Wir sollten diese Worte bedenken, wenn wir Jesus nachfolgen wollen. In Rollenspielen können wir die Situationen, in die wir uns begeben, vorher üben, um zu erfahren, was alles passieren könnte und ausprobiert zu haben, wie es sich anfühlt und was wir in einer Situation tun könnten.
Gebet steht dieser Vorbereitung nicht entgegen, vielmehr sollte sie im „beten ohne Unterlass“ (1.Thess. 5,17) geschehen. Nur so können wir den vielen Versuchung widerstehen, die uns begegnen. Neben Müdigkeit und Apathie wäre es auch eine Versuchung, einfache Feindbilder aufzubauen statt unsere Aktionen so auszurichten, dass sie unsere Widersacher herausfordern und ihnen die Möglichkeit geben, sich zu solidarisieren. Gebet hilft uns, unsere Feinde zu lieben, weil wir sie nicht nur als Feinde sehen müssen und von dieser Erkenntnis her unser Handeln bestimmen lassen. Ein ungenannter Jünger fällt in diese Versuchung und zieht bei der Verhaftung sein Schwert und haut einem Polizisten ein Ohr ab (Mk 14,47).

Wir konnten dieser Versuchung widerstehen, weil wir klare Absprachen hatten und einander vertrauen konnten. Dieses Vertrauen galt unabhängig von unseren jeweiligen Gründen hier zu sein. Ich war aufgrund meines Glaubens an die gewaltfreien Liebe Gottes da, während andere andere Motivationen hatten. Einig waren wir uns, dass Menschen ein Recht auf gutes und sicheres Leben haben und die Abschiebepraxis einen Verstoß dagegen bildet, dem wir uns widersetzen müssen.
Dies war ein Bild gelebter Einheit in Vielfalt, von der auch Gemeinden etwas lernen könnten.

Zu Beginn des Artikels habe ich den klaren Unterschied zwischen Jesu freiwilligem Weg ans Kreuz und Abschiebungen benannt. Aber was wäre geschehen, wenn die Jüngerinnen und Jünger eine Sitzblockade gemacht hätten und Jesus bis zum Schluss nicht alleine gelassen hätten? Wahrscheinlich wären sie alle gekreuzigt worden, oder? Die Frage treibt mich um.

Diese Gedanken kamen mir in der Nacht vor der Asylunterkunft, während ich fror und ungewiss wartete was passieren würde. Irgendwann ging die Sonne auf und ich erinnerte mich: Jesus hat seinen Jüngerinnen und Jüngern gesagt, dass die Geschichte weiter gehen wird, obwohl sie ihn verlassen und verraten werden, auch wenn er hingerichtet werden wird.
„Wenn ich aber auferstanden bin, will ich vor euch hingehen nach Galiläa.“ (Mk 14,28)
In dieser Hoffnung ist es mir möglich, nicht einzuschlafen und wachsam zu bleiben, und in meinem Scheitern auf den Auferstandenen zu sehen, der bei uns ist und uns vorausgeht.

Weihnachtsgedanken

(Heiligabend feiern wir immer „mit den Hirten auf dem Feld“ zwischen Bammental und Mauer. Hier ist meine kurze Andacht, die starke Impulse aus Arnes Texten zu Pegida enthalten..)

„Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde.“ So beginnt die Weihnachtsgeschichte im Lukasevangelium nach der Übersetzung von Martin Luther.
Wie oft haben wir diese Geschichten schon gehört?
Trotz sinkender Kirchenbesuche ist die biblische Weihnachtsgeschichte an vielen Stellen in Deutschland genauso Teil des heimeligen Weihnachtsgefühls wie ein geschmückter Baum und das alljährliche Weihnachtsessen.
Dieses Zusammensein mit der Familie und die Besinnlichkeit ist schön und gut, aber sie hat – wie wir gerade dieser Tage wieder sehen – eine dunkle Rückseite:
Der Ausschluss von allem, was nicht in diese Heimeligkeit passt, weil es fremd und anders ist.
Außerdem hat sie nichts zu tun mit dem Ereignis, das wir heute feiern:
Dass Jesus geboren wurde, dass Gott selbst in einem Stall in Bethlehem, einer Provinzstadt im Nahen Osten unter militärischer Besatzung als hilfloses Baby geboren wurde und damit wie jeder andere Mensch zur Welt gekommen ist.

An Weihnachten suchen Fremde Zuflucht und werden nicht aufgenommen – nur am Rand der Stadt werden sie geduldet.
Die einzigen, die sich der jungen Familie annehmen, sind Hirten, die selbst draußen frieren.
Andersgläubige aus einem anderen Kulturraum kommen und bringen dem neugeborenen Kind Geschenke,während die Eingesessenen keinen Platz haben und der König sogar eine Gefährdung seiner Stellung in dem Kind sieht.

Wir haben ihre Geschichten heute gehört und gehört mit welchen Gedanken und Erwartungen sie sich vielleicht auf den Weg gemacht haben.
Da war Hoffnung und Vertrauen, aber auch viel Angst und Ungewissheit in dem Gespräch zwischen Maria und Josef. Da war die Frage, ob man dem Engel trauen kann und was passiert, wenn das alles wirklich wahr ist. Und die Weisen aus dem Morgenland fragten sich, wo dieser König denn geboren werden kann, wenn nicht in einem Palast. Sie haben keine Antworten auf ihre Fragen, aber sie machen sich trotzdem auf den Weg.
Ob sie an der Krippe Antworten finden?
Vielleicht finden sie viel eher etwas Verwirrendes und völlig Fremdes.
Sie finden: „Ein Kind, in Windeln gewickelt in einer Futterkrippe liegend“
Und doch ist etwas an diesem Kind, dass sie sich niederwerfen und sich ihm anvertrauen.
Die Sozialverlierer, genauso wie die Akademiker aus der Ferne. Ist es vielleicht die Hilflosigkeit dieses Kindes und das Wissen, dass hier Gott besonders nahe ist, ja dass hier Gott ist?

An Weihnachten macht sich Gott auf den Weg zu uns und zwar ohne wenn und aber.
Gott wird heimatlos und bittet darum, als Gast in seiner Welt aufgenommen zu werden.

Weihnachten zu feiern heißt, diesem Gott Raum zu geben in uns selbst.
Damit einher geht aber auch Raum für Fremdes und für Fremde zu machen, in unseren Kirchen und Gruppen aber auch in unserer Gesellschaft, denn Jesus spricht: „Ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen.“

Weihnachten ist kein Heimatfest eines „christlichen Abendlands“, sondern eine Erinnerung an die Heimatlosigkeit vieler Menschen und ja, auch Gottes Heimatlosigkeit in einer Welt, die tausende zu Flüchtlingen macht.

In dieser Welt der Heimatlosigkeit ist die gute Nachricht, die wir heute feiern:
Gott hat sich auf den Weg zu uns gemacht und geht nun mit uns. In der Weggemeinschaft mit Gott sind wir selbst unterwegs in unsere wirkliche Heimat, in der niemand mehr heimatlos ist.
Wir müssen uns nicht fürchten, denn Gott geht mit uns und so können wir den Weg teilen mit allen, die uns begegnen.
Amen.

Predigt über Wunder, Kreuz und Festung Europa

(Diese Predigt habe ich am 19.10. in der Mennonitengemeinde Bammental gehalten)

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus sei mit uns allen.

Ich lese aus dem Evangelium des Markus Kapitel 4, Verse 35-41

Und am Abend desselben Tages sprach er zu ihnen: Lasst uns hinüberfahren. Und sie ließen das Volk gehen und nahmen ihn mit, wie er im Boot war, und es waren noch andere Boote bei ihm. Und es erhob sich ein großer Windwirbel und die Wellen schlugen in das Boot, sodass das Boot schon voll wurde. Und er war hinten im Boot und schlief auf einem Kissen. Und sie weckten ihn auf und sprachen zu ihm: Meister, fragst du nichts danach, dass wir umkommen? Und er stand auf und bedrohte den Wind und sprach zu dem Meer: Schweig und verstumme! Und der Wind legte sich und es entstand eine große Stille.
Und er sprach zu ihnen: Was seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben?

Sie aber fürchteten sich sehr und sprachen untereinander: Wer ist der? Auch Wind und Meer sind ihm gehorsam!

Dieser Text ist mir sehr vertraut durch Kindergottesdienst, Freizeiten und zahlreiche Predigten in dieser Gemeinde. Wenn ich den Text lese, lese ich die Auslegungen, die ich über die Jahre gehört habe, immer schon mit und es wird schwierig, den Text selbst sprechen zu lassen.

Es wird auch schwierig, meine Situation, die Situation unserer Gemeinde und die Lage der Welt sprechen zu lassen und die beiden, den uralten Text und unsere Wirklichkeit heute miteinander ins Gespräch zu bringen. Aber genau das soll ja eine Predigt sein: Gottes Wort in unsere Wirklichkeit hinein.

Gott spricht immer wieder neu in unsere Wirklichkeit hinein. Dies geschieht auf viele Arten, unter anderem auch durch uns vertraute biblischen Texte, die auf einmal ganz neu und fremd erscheinen.

Ich habe heute noch eine zweite Geschichte mitgebracht, die ich neben den vertrauten biblischen Text stellen will.
Der Text ist von Efi Latsoudi, einer Griechin, die auf Lesbos das offene Willkommenszentrum von Pikpa mehr oder weniger leitet. Pikpa ist der Hauptpartner des CPT-Projekt auf Lesbos während des letzten Sommers.

Wir wurden über eine Rettungsoperation am Strand von Kydonie informiert. Eine 38-jährige Frau wurde vermisst. In dieser Region gibt es sehr starke Winde. Die Küstenwache schickt keine Boote, sondern sucht das Gebiet nur mit einem Helikopter ab.

Gegen Mittag kommen 25 Afghanische Flüchtlinge nach Pikpa, die mit zwei Schlauchboote angekommen am frühen Morgen waren.
Die starken Winde und die Wellen können die Schmuggler nicht aufhalten, und auch nicht die Menschen, die versuchen vor dem Krieg zu fliehen.
Unter den Überlebenden des ersten Bootes ist ein 5-jähriges Mädchen mit ihrem Onkel – ihre Mutter ist die vermisste Frau. Das Kind kann in Pikpa ausruhen, obwohl das Lager wieder mal zu voll ist. Gestern kamen mehr als 150 Menschen an. Es gibt keine freien Betten mehr, aber die Familien, die sich um das kleine Mädchen kümmern, haben ihr eines ihrer eigenen Betten gegeben.
Wir informieren die Doctors of the World beim offiziellen Lager in Moria über den tragischen Vorfall und auch das internationale rote Kreuz. Der Vater des Kindes und seine Schwester sind schon in Belgien und wenn sie nach Moria gebracht wird, können sie miteinander telephonieren.
Leider haben die Behörden es den Doctors of the World verboten, im offenen Lager in Pikpa medzinische Dienste anzubieten. Sie dürfen nur in Moria, dass wie ein Gefängnis aussieht, arbeiten.
Das Mädchen hat ihre Mutter zweimal nach ihr rufen hören, und dann nicht mehr.
Wir können durchsetzen, dass das Mädchen als Opfer eines Schiffbruchs nicht nach Moria gebracht wird, sondern in Pikpa bleiben darf und hier ihre Papiere erhält.
Alle in Pikpa sind schockiert. Die Überlebenden beschreiben, wie das Boot eine halbe Stunde nachdem sie die türkische Küste verlassen hatten (kurz nach Mitternacht) aufgrund der hohen Wellen umkippte mit circa 13 Leuten an Bord. Der Onkel des Mädchens zusammen mit einem anderen Mann schaffte es, sie zu retten. Aber ihre Mutter war von den Wellen schon abgetrieben worden. Dann schafften es einige Männer, das Boot wieder zu drehen und die zwölf Verbliebenen schafften es wieder in das kleine Schlauchboot hinein.
Nach vielen Stunden hatten die starken Wellen sie zum Strand von Kydonies auf Lesbos getrieben. Dort wurden sie von den Küstenwache aufgegriffen und meldeten die vermisste Frau, was zu der anfangs beschriebenen Suchoperation führte.

In Pikpa haben wir solche Tragödien schon viel zu oft erlebt. Alle sind wir von unserer Trauer und Ohnmacht erschöpft.

Am späten Nachmittag aber erhalten wir unerwartete Neuigkeiten. In der Gegend von Xambelia wurde eine Frau aufgegriffen, die alleine und verwirrt herumlief. Sie wurde ins Krankenhaus gebracht, wo unser Übersetzer sie sofort aufsuchte. Die Frau war unter Schock. Sie war überzeugt, die einzige Überlebende zu sein, und das ihre Tochter und alle anderen ertrunken waren. Sie selbst hatte 18 Stunden lang gegen die Wellen gekämpft. Sie hatte nur eine mittelmäßige Rettungsweste, die sich mit der Zeit mit Wasser vollsaugte und begann, sie nach unten zu ziehen. Sie konnte nicht gut schwimmen und hatte Angst vor dem Meer.
Als sie schließlich von Wind und Wellen an die Küste von Lesbos getrieben wurde, fand sie eine orangene Rettungsweste und war überzeugt, dass sie ihrer Tochter gehört. Sie schrie vor Verzweiflung und stolperte mit letzter Kraft zum nächsten Haus.

Als unser Übersetzer ihr vorsichtig versuchte zu erklären, dass ihre Tochter noch am Leben sei und auf sie in Pikpa wartete, weigerte sie sich, ihm zu glauben. Erst nach einer langen Zeit konnte sie sich beruhigen und ihr Kind treffen. Der Moment ihres Wiedersehens ist unbeschreiblich.
Ein wahres Geschenk des Lebens.
Das Krankenhaus in Mytilene hat der Frau sehr geholfen. Sie behielten sie noch einen Tag im Krankenhaus um ihre körperliche und psychische Gesundheit zu überprüfen.
In Pikpa kann sie sich nun erholen und die Arbeit für die Familienzusammenführung mit ihrem Mann und ihrer ältesten Tochter in Belgien beginnt.

Wir haben ein echtes Wunder erlebt nach so vielen Toten.

Aber dennoch sind wir wütend. Das Leben von Flüchtlingen sollten nicht von Wundern abhängen. Eine Frau, die mit ihrem kleinen Kind vor dem Krieg flieht und deren Familie bereits in Belgien lebt, sollte niemals ihr Leben bei so einer gefährlichen Bootsfahrt riskieren müssen.
Das tödliche Grenzregime muss sich sofort ändern.

Unsere Küste muss eine Küste des Lebens und nicht des Todes sein.

Zwei Geschichten von Menschen, die ein anderes Ufer erreichen wollen und vom Sturm in Lebensgefahr gebracht werden und doch überleben.
Zweimal beschreiben die Menschen, dies als ein Wunder.
Sonst gibt es nicht so viele Ähnlichkeiten zwischen den Geschichten, es liegen ja auch knapp zweitausend Jahre dazwischen. Aber das ist gut, denn eine Unterhaltung zwischen zwei ganz gleichen Menschen ist ja auch langweilig.

Der biblische Text ist sehr viel kürzer als die Geschichte aus Lesbos. Hinter den knappen biblischen Sätzen verbergen sich oft die Gefühle und Gedanken der Hauptfiguren und wir müssen sie selbst füllen. Lesen wir doch die Geschichte zusammen.
Die Furcht der Jünger bekommt Gestalt, wenn ich sie mit den Geschichten der Flüchtlinge lese.

Wie die Flüchtlinge überqueren sie eine Grenze. Sie wird zwar nicht bewacht wie die europäische Außengrenze, aber sie kommen in ein anderes Land. Und wenn man an die Auseinandersetzungen mit den Pharisäern und Autoritäten denkt, könnte man auch behaupten, dass sie fliehen, um sich nicht einer Verfolgung auszusetzen.
Manche von ihnen sind Fischer und sie alle kommen aus der Gegend um den See Genezareth, aber das heißt nicht, dass alle von ihnen schon mal auf einem Boot waren, geschweige denn in einem Sturm. Vielleicht können sie nicht mal schwimmen?
Vielleicht hat einer schon Verwandte durch so einen Sturm verloren und wird nun daran erinnert. Viele Flüchtlinge haben schon Verwandte verloren, und wagen trotzdem diese Überfahrten, weil es keinen anderen Weg nach Europa gibt.
In dem Bericht hatte die Frau einen Ehemann und ein Kind in Belgien und konnte trotzdem nicht auf eine erfolgreiche Familienzusammenführung von außerhalb der Europäischen Union hoffen.
Man kann diese Anträge zwar stellen, aber sie konnte sich nicht darauf verlassen und riskierte lieber ihr eigenes und das Leben ihrer Tochter.

Was tun, wenn der Sturm aufkommt und das Boot sich mit Wasser füllt?

Warum schläft Jesus eigentlich?
Ist er so ruhig und tiefenentspannt wie ihn meine Kinderbibel gezeichnet hat, oder ist er einfach erschöpft von der Masse, die ihn auf der einen Seite des Sees bedrängt hat und immer noch eine Geschichte über dieses geheimnisvolle Reich Gottes hören wollte und von der Spannung, die sich jetzt schon aufbaut und von der er ahnt, wie sie sich in Jerusalem an ihm entladen wird?

Die Jünger wecken ihn schließlich auf und er rettet sie, indem er den Sturm und die Wellen bedroht. Und sie gehorchen! Die Autorität, die ihm gegeben ist, macht den Jüngern Angst „sie fürchteten sich mit großer Furcht“. Macht es uns noch Angst, oder haben wir uns schon so an die Geschichten gewöhnt? Und nehmen wir noch Ernst, dass wir der Leib Christi sind und größere Taten tun sollen?

Die Flüchtlinge hatten keinen Jesus im Boot, der mal eben den Sturm anblafft und ihn zum Schweigen bringt. Zusammen konnten sie das Boot wieder umdrehen und sich retten, aber ein Wundermann hat ihnen dabei nicht geholfen.

In unserer Geschichte schläft Jesus als Leib Christus, als die weltweite Kirche, immer noch.
Ich bete, dass wir langsam aufwachen und den Ruf hören, der uns von den Flüchtlingen entgegenkommt: „Kümmert es dich nicht, dass wir umkommen?“
Werden wir dann den Mut haben, das Grenzregime zu bedrohen und zur Umkehr zu rufen, damit die Küstenwache und FRONTEX zu Menschenfischern statt Grenzschützern werden kann?

Und doch ist auch das ein Wunder.

Was ist eigentlich ein Wunder?
Etwas ungewöhnliches, vollkommen gegen unsere Erwartungen gehendes, dass sogar die Naturgesetze bricht?

Das kann dazu gehören, ist aber nicht das eigentliche Wesen eines Wunders.

Im Markusevangelium tut Jesus viele Wunder, er treibt Dämonen aus, wie in der Geschichte nach unserem Text, heilt Kranke, Blinde und Lahme und vermehrt Brot. Oder er geht auf dem Wasser oder beruhigt den Sturm.

Geht es dabei um das Brechen von Naturgesetzen?
Nein, denn die Überzeugung, die Natur sei durch unveränderliche Naturgesetze geregelt setzt sich erst sehr viel später mit dem Aufkommen der modernen Physik durch.

Geht es vielleicht um das Spektakel, dass Menschen von Jesu Identität überzeugen soll? Dann hätte sich Jesus bei der Versuchung auch vom Tempel stürzen können, wie Satan, immer noch einer der besten PR-Manager, es ihm vorgeschlagen hat.

Nein, die Wunder sind ein Zeichen für das Reich Gottes, das Jesus verkündigt und dass in seiner Gegenwart schon da ist. In ihnen bricht sich Gottes Traum für diese Welt bahn und verändert unsere Wirklichkeit. Da können Niedergedrückte wieder aufrecht stehen, Menschen werden die Augen geöffnet und Tote stehen wieder auf.
Und in diesem Sinne war auch das Überleben der Frau ein Wunder, aus dem einfachen Grund, weil im Reich Gottes keine Flüchtlinge ertrinken.

Warum verbietet Jesus dann denen, die er heilt darüber zu reden? Sie machen es dann zwar meistens trotzdem, aber was will er bezwecken?

Jesus weiß, wohin sein Weg ihn führen wird. Er weiß, er wird am Kreuz enden.
Am Kreuz scheitert Jesus an den rebellischen Mächten dieser Welt, die weiter auf Sicherheit und Abgrenzung setzen, um sich am Leben zu erhalten und dafür Menschen opfern. Zum Beispiel durch todbringende Abriegelung der Grenzen.
Diese Mächte unterdrücken Menschen und wer sie darauf hinweist, dass das nicht Gottes Willen entspricht wird ignoriert und als Naivling lächerlich gemacht. Und wer in seinem Protest lauter wird, für die kann es schnell ungemütlich werden. Wie auch Jesus letztlich am Kreuz endete.
Das weiß er und fordert uns auf, unser Kreuz auf uns zu nehmen und ihm nachzufolgen. Unser Kreuz auf uns nehmen, heißt wie Jesus sich in Solidarität mit den Anderen, die in der Gemeinschaft nicht willkommen sind zu begeben.

So schön die Wunder sind, verstehen können wir sie nur mit dem Kreuz unserer Wirklichkeit.  Nur dann werden sie zu Geschichten von Auferstehung aus den Toten, ohne die Kreuzesnachfolge werden sie zu Traumwelten.

Was heißt Kreuzesnachfolge für unsere Situation?

Es gäbe vieles zu sagen, ich will nur einen Aspekt herausgreifen. Wenn wir uns auf die Anderen, die kommen, einlassen, dann werden sich Dinge ändern und das wird Probleme hervorrufen. Probleme mit Menschen und Institutionen, denen unsere Gastfreundschaft nicht gefällt, weil sie nicht wollen, dass „die“ hier Heimat finden.
Aber auch Probleme in unserer Gemeinde, wenn Andere auf einmal verlangen, hier Raum einzunehmen und Sachen anders zu machen.
Vielleicht würde es Beziehungen, die aufgebaut wurden zerstören.

All das ist Teil des Wagnisses der Kreuzesnachfolge, aber nur wer sich darauf einlässt sieht und versteht die Wunder, heute noch geschehen.

Zum Abschluss will ich aus Epheser 5,14-20 lesen (der eigentlich vorgeschlagene Text):

Darum heißt es: „Wache auf, der du schläfst, und stehe auf von den Toten, so wird dich Christus erleuchten.“

So sehet nun zu, wie ihr vorsichtig wandelt, nicht als die Unweisen, sondern als die Weisen, und kaufet die Zeit aus; denn es ist böse Zeit. Darum werdet nicht unverständig, sondern verständig, was da sei des HERRN Wille. Und saufet euch nicht voll Wein, daraus ein unordentlich Wesen folgt, sondern werdet voll Geistes: redet untereinander in Psalmen und Lobgesängen und geistlichen Liedern, singet und spielet dem HERRN in eurem Herzen und saget Dank allezeit für alles Gott und dem Vater in dem Namen unsers HERRN Jesu Christi, und seid untereinander untertan in der Furcht Gottes. (Eph.5,14-20)

Lasst uns aufwachen, das Grenzregime anblaffen, und in unserer Gemeinde Menschen, die eine Heimat suchen Platz geben und ein Zeichen des Reiches Gottes sein. Wohlwissend, in welche Schwierigkeiten uns das bringen wird.

Amen.

„Es geht darum, die Mächte selbst zu verwandeln“

(Dieser Artikel ist auch in aktuellen „Die Brücke“ (Nr. 5/2014) erschienen)

Mit der Finanzkrise ist die Systemkritik wieder populär geworden und so wird in Zeitungen, Stammtischen und auch in vielen Gemeinden wieder über das Weltwirtschaftssystem und andere überindividuelle Zusammenhänge, in denen Menschen stecken, geredet.
Im Gespräch über Wirtschaft, Gesellschaft und Politik kommt man schnell in ein Dilemma. Unsere Theologie ist oft auf Personen fixiert, die Zusammenhänge aber sind systemisch. Dabei gibt es zwei Auswege, entweder werden gesellschaftliche Konflikte naiv personalisiert und Schuld tragen nur die Politiker und Firmenbosse, oder man übernimmt die säkulare Sicht der Soziologie, ohne diese einer theologischen Prüfung zu unterziehen.

Dabei hat die biblische Tradition Einiges über „Mächte und Gewalten“ zu sagen.
Das Problem ist, dass diese mythologische Sprache für viele Menschen heutzutage, die von der Aufklärung geprägt sind, keine Wirklichkeit mehr beschreibt. Statt herauszufinden, was mit solchen Begriffen gemeint sein könnte, haben manche Theologinnen und Theologen sie für obsolet erklärt und behauptet, nur das „existentielle Daseinsverhältnis“, das in den Texten zum Ausdruck kommt, sei entscheidend. Diese Sichtweise spielt dem Individualismus in die Hände.
Richtig verstanden kann die biblische Rede von Engeln, Dämonen und Mächten und Gewalten dagegen zu einer tieferen Analyse gesellschaftlicher Kräfte führen als es die materialistische Soziologie vermag. Diese redet z.B. von einer „Firmenkultur“, in der die Werte einer Firma zum Ausdruck kommen und in Ritualen eingeübt werden, sodass sich auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit dieser identifizieren. Sie zeigt sich schon in der Architektur des Gebäudes und schließlich auch in den Entscheidungen, die vom Vorstand getroffen werden.
Diese Firmenkultur ist dabei nicht nur eine Erfindung, um die Angestellten zu motivieren, sie ist real und eine spirituelle Herausforderung.

Dies ist eine der Hauptthesen Walter Winks, der zunächst am Union und dann am Auburn Theological Seminary in New York Professor für Biblische Exegese war. Außerdem war er als Aktivist in verschieden gewaltfreien Bewegungen von der Bürgerrechtsbewegung in den USA zur Antiapartheidskampagne in Südafrika beteiligt. Sein Engagement kam aus dem Glauben und die Erfahrungen im gewaltfreien Kampf gegen Unterdrückung und Unrecht inspirierten sein theologisches Denken immer wieder. In Nordamerika (und der englischsprachigen Welt) ist Walter Wink mit seiner „Powers-Trilogie“ „Naming the Powers“, „Unmasking the Powers“ und „Engaging the Powers“ in der christlichen Friedensbewegung und darüber hinaus bekannt.
2014 ist nun endlich die kurze Zusammenfassung dieser Trilogie unter dem Titel „Verwandlung der Mächte“ in deutscher Übersetzung erschienen.
Dabei haben die Übersetzer gute Arbeit geleistet und das nicht nur im Text selbst.
So informiert das Vorwort über Winks Leben und theologisches Werk und zeigt ihr Interesse an einer breiten Rezeption in Deutschland.
Sehr hilfreich sind die zahlreichen Fußnoten, die die Übersetzer zusätzlich zu Winks spärlichen Fußnoten gesetzt haben, in denen sie kulturell schwierige Anspielungen erklären, oder Winks mittlerweile immerhin 15 Jahre alten Text in Bezug zu neuerer Forschung stellen.

Wink entwirft in zehn dicht geschriebenen, aber gut lesbaren Kapiteln eine Einführung ins biblische Verständnis der „Mächte“, das für moderne Menschen annehmbar ist ohne intellektuelle Opfer.
Im Handeln Jesu, der sich den Mächten mit kreativer Gewaltfreiheit entgegenstellt, sieht Wink ein Modell für die Kirche, das „Herrschaftssystem“, den Zusammenschluss aller Mächte, zu brechen und sie zu ihrer eigentlichen Aufgabe zurückzurufen.
Die Mächte sind nämlich zum Wohl der Menschheit geschaffen. Wie die Menschen jedoch sind sie gefallen und sollen auch, wie die Menschen erlöst werden.
Gewaltfreies Handeln ist die einzige Möglichkeit, das Herrschaftssystem zu brechen, da dessen eigene Spiritualität der „Mythos erlösender Gewalt“ ist. Obwohl er am Kreuz als Lüge entlarvt wurde, ist der Glaube an die Gewalt immer noch die populärste Religion unserer Welt – auch unter vielen, die das Herrschaftssystem abschaffen wollen.
Nur gewaltfreies Handeln in der Nachfolge Jesu kann den Mythos die Glaubhaftigkeit entziehen und damit das Herrschaftssystem destabilisieren.
Die neue Sicht auf Mächte und Gewalten führt auch zu einer neuen Betonung der Spiritualität und besonders des Gebets, da wir darin direkt mit der spirituellen Seite der Mächte ringen und uns der Macht Christi versichern können.

Als Exeget entfaltet Wink seine Quellen anhand biblischer Texte, in kritischer Auseinandersetzung mit theologischen Klassikern, aber auch mit Psychologie und Soziologie. Dabei argumentiert er überzeugend, aber nicht verbissen. Für einen Theologen zeigt er an manchen Punkten – z.B. in der Frage, ob die Mächte unabhängig von menschlichem Handeln existieren – erstaunliche Offenheit. Diese Offenheit ermöglicht Winks breite Rezeption; ich selbst kannte ihn zunächst von Aktivisten der christlichen Friedensstifterteams (CPT), und stieß dann bei einer Tagung des Emergent Forum Deutschland, einem Netzwerk an neuen Gemeindeformen interessierter Menschen, wieder auf ihn. Auch im Gespräch mit charismatisch geprägten Geschwistern sollte Winks Theologie der Mächte einen hilfreichen Beitrag zu einem für alle Seiten herausfordernden Gespräch leisten.
Dieses Buch verdient es, intensiv gelesen zu werden.

Gaza und Hoffnung

Heute ist der zweite Tag des einseitigen israelischen Waffenstillstands.
Für einen mehr oder weniger einseitig dominierten Konflikt scheint es ein passendes Ende.

Ich habe Hoffnung, dass der Waffenstillstand hält, ein paar Wochen, Monate vielleicht ein paar Jahre. Hamas‘ Raketenspeicher sind anscheinend ziemlich geleert und ein großer Teil des Tunnelnetzwerks in der Nähe der Grenze zerstört. Israel hat zwar erst wieder die Zusage bekommen, neue Waffen zu erhalten, aber auch Israel muss sich erst wieder internationale Sympathie erkaufen, bevor wieder bombardiert werden kann.

Hoffnung auf einen wahren Frieden geben mir diese Politikern nicht.
Politikern, die nicht miteinander reden wollen, und Aufrufe zu Genozid nicht mal mehr kritisieren.
Aber es sind nicht nur die da oben, auch die Diskurse in der Bevölkerung auf beiden Seiten sind furchteinflößend. Während des Krieges wurde jede einzelne Friedensdemo in Israel von rechten Israelis angegriffen, Leute mussten ins Krankenhaus.
Ein Israeli aus Berlin sagte in einem Interview mit der taz:

In Israel gibt es seit etwa einem Monat sehr viele rechtsradikale Angriffe, es gibt eine richtige Pogromstimmung gegen linke Israelis und Araber. Meine Freunde dort haben Angst, überhaupt politisch aktiv zu sein. Die Mehrheit in Israel hasst die Linken sowieso, aber es war noch nie so gewalttätig wie jetzt. Natürlich mache ich mir auch Sorgen um meine Freunde und Familie, wenn Raketen in Israel einschlagen. Aber ich muss sagen, meine Freunde in Tel Aviv erleben gerade mehr Gewalt von Rechtsradikalen als durch Raketen.

 

In Gaza hat die erneute Gewalt viele Leute neu in die Arme der Hamas getrieben, die zuvor politisch bankrott war und sich nun als Widerstandskämpfer neue Sympathien erkauft.
Wie auch nicht, wenn PA-Präsident Abbas nur spät schüchterne Verlautbarungen erlässt?

Hoffnung geben mir die PalästinenserInnen, die weiter sich für den gewaltfreien Kampf einsetzen, die Antisemitismus kritisieren, und die prophetischen Stimmen am Rande der israelischen Gesellschaft, die sich mit ihnen solidarisieren.

Gestern war Tisha B’Av, der 9.Av, an dem Jüdinnen und Juden der Zerstörung des ersten und zweiten Tempels, der Vertreibung aus Spanien, der Shoa und der unzähligen anderen Schrecken in der jüdischen Geschichte gedenken.

Rabbi Arik Aschermann von den Rabbinern für Menschenrechte hat einen bewegenden Text dazu geschrieben:

Tonight we read the Book of Lamentations and mournfully sing Tisha B’Av kinot (dirges), recalling the death, and destruction of our two Temples (586 BCE and 70 CE) and the end of Jewish sovereignty.  Yet, we can close our eyes and  imagine that these words are anguished cries being screamed in Gaza. Close your eyes again. But, save for the Iron Dome, we might be hearing them  in Israel as well.   For my neighbors whose son was killed in Gaza, or for the families of Dror Khenein or Ouda Lafi al-Waj living in an unprotected Bedouin village,  it doesn’t really matter that there are over a thousand Gazans dead and “only” tens of Israelis.

Hoffnung gibt mir auch, dass es weiterhin Kinder in Gaza und Israel gibt, und dass manche von ihnen trotz dieser traumatischen Erfahrungen sich Frieden vorstellen können.

Bild von Ohad, 11 Jahre, Sderot

Bild von Ohad, 11 Jahre, Sderot

Diese Zeichnung ist bei einem Malworkshop der Organisation Hamabul – The Great Flood Collective entstanden, die mit Kindern und Jugendlichen durch Kunst politische und soziale Konflikte thematisieren. Während der letzten Wochen haben sie in Sderot, in der Nähe des Gaza-Streifens, eines der Hauptziele der Kassamraketen, einen Comic-Workshop gemacht.

Inmitten des Krieges kann ein Kind sich Frieden vorstellen und sieht, dass nur Zerstörung der Waffen und der trennenden Mauern diesen bringen kann (Ps 46).

Vielleicht kann dann auch ich hier im sicheren Bammental, untätig und unfähig etwas zu tun, hoffen.