Gethsemaneh in Heidelberg

(Dieser Text ist des Versuch eines Midrasch – einer erzählerisch-aktualisierende Auslegung – der Passionsgeschichte, insbesondere die Gethsemane-Episode, in Markusevangelium 14,26-52 in Verbindung mit einer nächtlichen Mahnwache vom 23. auf den 24.3.2015 vor der Asylunterkunft in der Kirchheimer Hardtstraße. Es lohnt sich beides zusammen zu lesen. Wenn du bei solchen und ähnlichen Aktionen dabei sein willst, schreib mir: bennikrauss[at]gmx.net)

gethsemanehDiese Woche verbrachte ich eine Nacht vor einer Asylunterkunft in Heidelberg, um mit circa fünfzig Menschen die Praxis nächtlicher Abschiebungen ins Licht des Tages zu ziehen und notfalls eine Abschiebung gewaltfrei zu blockieren.
Aufgerufen wurde zu der Mahnwache, weil am folgenden Tag ein Flugzeug vom Baden Airpark nach Serbien und Mazedonien fliegen sollte, voll mit Menschen die gegen ihren Willen abgeschoben wurden. Diese Abschiebungen betreffen meist Roma, die immer noch Opfer rassistischer Angriffe und struktureller Diskriminierung werden.
Ausgerechnet am Jahrestag der Deportation der Sinti und Roma in Baden-Württemberg nach Auschwitz-Birkenau sollten Angehörige dieser Volksgruppen in Länder abgeschoben werden, wo ihnen der Zugang zu gleichen Rechten verwehrt wird.
Das Datum war wohl zufällig gewählt, offenbart aber die tödliche und andauernde Geschichte des Antiziganismus (der spezifischen Diskriminierung aufgrund der Zugehörigkeit zur Ethnie der Sinti und Roma) in Deutschland, die immer noch unbewusst ist.
Abschiebungen finden nachts statt und werden oft nicht angekündigt, was einen zusätzlichen psychischen Druck ausübt und viele krank macht.
Die tiefe Unmenschlichkeit dieser Praxis wollten wir nicht unkommentiert lassen, sondern anprangern und uns ihr entgegen stellen.

Es war ziemlich kalt und ich war angespannt und verunsichert, wie die Nacht verlaufen würde. In unregelmäßigen Abständen kamen Streifenwagen vorbei, aber zu einer Konfrontation kam es nicht.
Anscheinend war in Heidelberg in dieser Nacht keine Abschiebung geplant, aber wir blieben dennoch die ganze Nacht, um sicher zu gehen und unserer Solidarität Ausdruck zu verleihen.

Dabei hatte ich viel Zeit, zu beobachten und mein Denken und Fühlen vor Gott zu bringen.
In den Wochen vor Ostern habe ich immer wieder die Gethsemane-Episode gelesen und nun fand ich mich selbst in ihr wieder.

Mitten in der Nacht wurde Jesus verhaftet, um ja keinen Aufruhr zu erzeugen. Abschiebungen finden unter anderem aus diesem Grund meist um vier Uhr morgens statt. Während Jesus aber freiwillig ans Kreuz geht, um die gewaltfreie Liebe Gottes zu den Menschen in letzter Konsequenz zu leben, ist für die Menschen, die abgeschoben werden, ihr Kreuz kein selbstgewähltes, sondern wird ihnen aufgedrückt. Hier liegt der entscheidende Unterschied zwischen den Geschichten, der für mich auch die Blockade motiviert hatte.

„Meine Seele ist betrübt bis an den Tod; bleibt hier und wachet!“

Mit diesen Worten fleht Jesus seine Jüngerinnen und Jünger an, obwohl er schon angekündigt hat, dass sie ihn alle verlassen werden. In dieser Nacht braucht er ihre Solidarität, er kann diesen Weg alleine nicht weitergehen.
Die Jüngerinnen und Jünger aber schlafen immer wieder ein, und „wissen nicht, was sie ihm antworten sollten“
Sie verstehen Jesu Weg zum Kreuz immer noch nicht, sind erschöpft und verunsichert und können in dem Moment, in dem es darauf ankommt Jesus nicht zur Seite stehen. Als Jesus schließlich mitten in der Nacht verhaftet wird, fliehen sie und Petrus verleugnet seinen Freund und Lehrer, um sich selbst zu retten.

Gethsemane wurde in dieser Nacht für mich zu einem Gleichnis für die christliche Existenz in einer Welt, in der immer noch Unzählige durch Krieg, Fremdenhass und strukturelle Benachteiligung leiden und sterben. Im Umgang mit diesen „Geringsten“ (Mt 25) wird Jesus heute noch gekreuzigt, wenn zum Beispiel Flüchtlinge in ein angeblich „sicheres Herkunftsland“ abgeschoben werden, in dem ihnen als Angehörige einer diskriminierten Minderheit aber Obdachlosigkeit, Gewalt und Rechtslosigkeit drohen.

Jesus ruft uns aus diesen Menschen zu: „Bleibt hier und wachet!“ und genauso wie Jesus in Gethsemane brauchen sie unsere Solidarität in dieser schweren Stunde.
Wachsam zu sein heißt nicht, nie zu schlafen, sondern vor allem sich nicht einschläfern zu lassen vom verschleiernden Gerede unserer Ordnung, das mit Begriffen wie „Wirtschaftsflüchtling“ und „sicheres Herkunftsland“ gleichzeitig die Geringsten kriminalisiert und die eigene Gewalt verharmlost.
Zu Bleiben heißt, die Angst und den Schmerz zu teilen, den anderen darin auch auszuhalten.
In dieser Nacht hieß es, ganz wörtlich zu bleiben und zu wachen – im Angesicht von Polizei und möglicher juristischer Verfolgung. Niemand wurde verhaftet und die Chancen, dass etwas geschieht waren minimal, aber es war schon herausfordernd, mich überhaupt der Staatsgewalt in den Weg zu stellen. So was macht man ja nicht. Und wenn doch etwas passiert?

„Wachet und betet, dass ihr nicht in Versuchung fallt! Der Geist ist willig; aber das Fleisch ist schwach.“ (Mk 14,38)

All die eigenen Ängste, die einschläfernden Beruhigungsthesen und die Erschöpfung, die das Leben in Nachfolge mit sich bringt, kommen in dieser Nacht hoch. Sie drohen uns zu überwältigen, dass wir einschlafen oder die Flucht ergreifen. Jesus rechnet damit und weckt uns immer wieder auf. Und er verweist uns auf das Gebet, um nicht in Schlaf oder Panik zu versinken.
Im Gebet können wir Gott unsere Angst und unsere Perspektivlosigkeit anvertrauen. In Gott finden wir zur Ruhe, die unsere Sinne nicht benebelt, sondern uns klar sehen lässt. Nicht von unserer sondern von Gottes Perspektive.

Es ist keine moralische Schwäche, die die Jüngerinnen und Jünger einschlafen lässt, sondern die überwältigende Mischung aus Erschöpfung, Unsicherheit, was kommen wird und ein Unverständnis, wer Jesus ist. Ich kenne diese Mischung und erlebe sie immer wieder. Es ist erleichternd, dass Jesus ihnen ihren Schlaf nicht zum Vorwurf macht, aber er braucht dennoch ihren Beistand.
Wie können wir im entscheidenden Moment Menschen beistehen?

Jesus hat seine Jüngerinnen und Jünger auf die Situation vorbereitet, in dem er immer wieder sagte, dass er in Jerusalem ans Kreuz gehen wird. Wir sollten diese Worte bedenken, wenn wir Jesus nachfolgen wollen. In Rollenspielen können wir die Situationen, in die wir uns begeben, vorher üben, um zu erfahren, was alles passieren könnte und ausprobiert zu haben, wie es sich anfühlt und was wir in einer Situation tun könnten.
Gebet steht dieser Vorbereitung nicht entgegen, vielmehr sollte sie im „beten ohne Unterlass“ (1.Thess. 5,17) geschehen. Nur so können wir den vielen Versuchung widerstehen, die uns begegnen. Neben Müdigkeit und Apathie wäre es auch eine Versuchung, einfache Feindbilder aufzubauen statt unsere Aktionen so auszurichten, dass sie unsere Widersacher herausfordern und ihnen die Möglichkeit geben, sich zu solidarisieren. Gebet hilft uns, unsere Feinde zu lieben, weil wir sie nicht nur als Feinde sehen müssen und von dieser Erkenntnis her unser Handeln bestimmen lassen. Ein ungenannter Jünger fällt in diese Versuchung und zieht bei der Verhaftung sein Schwert und haut einem Polizisten ein Ohr ab (Mk 14,47).

Wir konnten dieser Versuchung widerstehen, weil wir klare Absprachen hatten und einander vertrauen konnten. Dieses Vertrauen galt unabhängig von unseren jeweiligen Gründen hier zu sein. Ich war aufgrund meines Glaubens an die gewaltfreien Liebe Gottes da, während andere andere Motivationen hatten. Einig waren wir uns, dass Menschen ein Recht auf gutes und sicheres Leben haben und die Abschiebepraxis einen Verstoß dagegen bildet, dem wir uns widersetzen müssen.
Dies war ein Bild gelebter Einheit in Vielfalt, von der auch Gemeinden etwas lernen könnten.

Zu Beginn des Artikels habe ich den klaren Unterschied zwischen Jesu freiwilligem Weg ans Kreuz und Abschiebungen benannt. Aber was wäre geschehen, wenn die Jüngerinnen und Jünger eine Sitzblockade gemacht hätten und Jesus bis zum Schluss nicht alleine gelassen hätten? Wahrscheinlich wären sie alle gekreuzigt worden, oder? Die Frage treibt mich um.

Diese Gedanken kamen mir in der Nacht vor der Asylunterkunft, während ich fror und ungewiss wartete was passieren würde. Irgendwann ging die Sonne auf und ich erinnerte mich: Jesus hat seinen Jüngerinnen und Jüngern gesagt, dass die Geschichte weiter gehen wird, obwohl sie ihn verlassen und verraten werden, auch wenn er hingerichtet werden wird.
„Wenn ich aber auferstanden bin, will ich vor euch hingehen nach Galiläa.“ (Mk 14,28)
In dieser Hoffnung ist es mir möglich, nicht einzuschlafen und wachsam zu bleiben, und in meinem Scheitern auf den Auferstandenen zu sehen, der bei uns ist und uns vorausgeht.

Hündischer Ungehorsam

Seitdem ich mit Tieren arbeite, habe ich entdeckt, dass sie einen starken Freiheitswillen haben. Das Gatter der Ziegen muss mit einer Eisenkette geschlossen werden, und wenn ich vergesse, es noch mit einen Stein zu blockieren, brechen sie aus. Letztens hat ein Pferd einen kleinen Olivenbaum ausgerissen, an den es angebunden war.

Besonders widerspenstig sind aber unsere Hunde. Und das Schlimmste ist, sie benutzen für ihren Freiheitskampf Methoden des gewaltfreien Widerstands.

Wir haben sechs Hunde: Achlan, der Senior, der immer frei ist, tagsüber im Schatten rumliegt und die ganze Nacht hindurch bellt. Ricky, der angeblich aus der Siedlung hierher gekommen ist und sehr verspielt ist. Er ist tagsüber angeleint und nachts frei, weswegen er mich morgens immer ableckt, wenn ich aus meiner Höhle stolpere.

Diese beiden bereiten keine Probleme, da sie ja auch eine (fast) uneingeschränkte Bewegungsfreiheit haben.

Dann haben wir noch vier Brüder, Lucky, Mücke, Carlsberg und Franklinstein, die noch sehr jung sind und deswegen zusammen in einem Zwinger eingesperrt sind. Sie sollen einzelne Zwinger an den Grenzen des Grundstücks kriegen, um wilde Hunde und Eindringlinge zu vertreiben. Was aber wegen Materialmangels wohl noch eine Weile dauern wird. Der gemeinsame Zwinger ist nicht groß genug, weswegen wir sie eine Weile  immer nachts freigelassen haben, damit sie sich ein wenig austoben. Sie brachten aber sehr viel Müll von der Müllhalde vor unserem Grundstück auf die Farm, weswegen wir sie jetzt wieder einsperren. Tagsüber können wir sie nicht freilassen, weil die Touristen Angst vor ihnen haben könnten. Jetzt sind sie also immer eingesperrt.

Beziehungsweise sollten immer eingesperrt sein. Sie brechen nämlich dauernd aus. Wenn ich die Tür nicht richtig zugemacht habe. Oder sie schieben einfach drei Kilo schwere Steine weg und zwängen sich durch den Zaun.

Dann rennen sie auf dem Gelände rum und ich darf sie einfangen. Sie scheinen meinen Tagesrhythmus ziemlich gut zu kennen und brechen immer aus, wenn ich am schwächsten bin: Während des Mittag- oder Abendessens.

Ich stehe also auf und versuche sie einzufangen. Kurze Verfolgungsjagd, dann schmeißt sich Carlsberg auf den Boden und streckt mir die Füße entgegen. Ich greife seinen Nacken und will ihn überreden, mit mir zum Zwinger zu laufen. Er reagiert nicht. Ich schleife ihn einen halben Meter mit. Er jault. Ich lasse ihn los und schreie ihn, dass er mitkommen soll. Er bleibt liegen. Schließlich trage ich ihn bis zum Zwinger, sperre ihn wieder ein und versuche herauszufinden, wo sie diesmal rausgekommen sind. Spätestens einen Tag später brechen sie dann wieder aus.

Die anderen Hunde reagieren genau gleich. Keiner von ihnen versucht, mich zu beißen, oder zu kratzen. Keiner rennt weg, nachdem ich ihn gefangen habe.

Irgendwann geht es mir auf. Die Hunde üben gewaltfreien zivilen Ungehorsam! Oder hündischen Ungehorsam. Sie weigern sich, von mir eingesperrt zu werden aber wissen, dass Gewalt ihnen nicht helfen wird ihr Ziel zu erreichen. Ihre Taktik ist vielmehr mich zu ermüden, bis ich sie einfach nicht mehr einfange. Würden sie mich beißen, würde ich nur aggressiv werden und hätte eine Begründung, sie noch schlechter zu behandeln. Jetzt werde ich manchmal von den anderen Freiwilligen zurecht gewiesen, ich sollte netter zu den Hunden sein.

In der Tat ging ihre Taktik auch sehr gut auf; an einem Tag brachen sie drei Mal aus und nachdem ich sie zwei Mal eingesperrt hatte, ließ ich sie für die Nacht einfach draußen. Zum Fangen benutze ich inzwischen meistens eine Extraportion Hundefutter, wodurch sie ihre Forderung nach mehr Futter durchsetzen.

Die Methoden gewaltfreien Widerstands, die ich bei den Hunden identifiziert habe sind:

  1. Sitzstreik
  2. Nonkooperation
  3. Überwinden von Zäunen (Ausbruch aus dem Zwinger, Eindringen in das Freiwilligenareal.
  4. Boykott (Carlsberg verweigert seit gestern das Extrafutter, das ich benutze, um ihn einzufangen)

Gewaltfreier Widerstand dient dazu, Unterdrückung zu beenden und die Menschlichkeit der Unterdrücker herauszufordern, damit sie aufhören zu unterdrücken. Es gibt also zwei Parteien: Unterdrückte und UnterdrückerInnen (warum gendert niemand bei bösen Gruppen?) und gewaltfreier Widerstand ist die „Waffe“ der Unterdrückten.

Wenn die Hunde also gewaltfreien Widerstand üben, sind sie die Unterdückten. Aber halt, das macht mich ja zum Unterdrücker!

Aber ich bin doch kein Unterdrücker! Ich mache doch nur meine Arbeit! Immerhin müssen die Hunde eingesperrt sein, sonst machen sie überall hin, und bringen Müll hoch, erschrecken die Touristen! Ich bin ja sogar nett zu den Hunden! Manche meiner besten Freunde sind Hunde – zum Beispiel Ricky!

Alle diese Aussagen ähneln erstaunlich genau denen, die Unterdrücker weltweit benutzen, besonders diejenigen, die als Soldaten, Polizisten oder andere Diener des Staates den Status Quo erhalten. In meinem Kontext fallen mir da gerade die israelischen Soldaten als Werkzeuge der Besatzung ein. Die meisten Soldaten hassen es, den ganzen Tag Palästinenser am Checkpoint aufzuhalten. Aber es ist ihr Job und sie sind gesetzlich dazu verpflichtet. Sie kriegen diese Waffen in die Hand und müssen die Leute in Schach halten. Wie Jehuda Shaoul von Breaking the Silence sagte: „Probier du mal tausend Leute am Checkpoint unter Kontrolle zu halten. Es geht nur mit Angst. Also zählst du im Kopf ab und drangsalierst jeden 10. Palästinenser. So einfach geht das.“

Ich merke, wie die Hunde mich durch ihren gewaltfreien Widerstand ermüdet haben und ich den Konflikt eskalieren musste. Größere Steine um den Zaun herum. Vielleicht schmeiße ich die Hunde auch mal über den Zaun, statt das Tor zu öffnen, dann brechen nämlich die anderen wieder aus. Ich habe weniger Lust, ihnen Futter zu geben, oder sie gegen Läuse zu sprühen.

Jetzt habe ich den Zaun ziemlich stark befestigt, und sie schaffen es manchmal immer noch auszubrechen, aber sie werden immer stärker und es wird Zeit sie zu trennen und in größere Einzelzwinger zu bringen. Das ist aber immer noch Haft, sogar Einzelhaft.

Manchmal würde ich mich gerne den Hunden anschließen und mit ihnen zusammen nachts in Freiheit den Mond anheulen, den ganzen Tag auf der faulen Haut liegen und mich von Essensresten ernähren – ok, vielleicht doch nicht. Aber ich habe ja einen Vertrag unterschrieben und das Projekt ist ja eine wichtige Sache.

Wieder eine Argumentation, die Polizisten, die Demonstranten verprügeln, genauso wie Soldaten auf der ganzen Welt benutzen.