It’s strange – A poem for MJ

It’s strange.
Since I heard about it Monday at noon,
from a friend who didn’t want
his friends to learn about it from social media,
I have been connecting with some other of his friends,
through social media, socializing these media,
by asking for numbers and calling people,
so we hear each others‘ voice
when I break the bad news.
Why does loss bring us together?

It’s strange,
The DRC government says
MJ has been kidnapped by “negative forces not yet identified”.
In his last report to the UN Security Council
kidnappings are mentioned 21 times.
It says most armed groups fundraise like this.
His group had found that
“certain members of the Congolese security forces had
also participated in kidnappings”.
War is messy like that.

It’s strange.
I don’t have many pictures.
Of MJ and me.
The only one’s I found, on social media,
are from his second to last time he was with us
in Bammental.
He said he needed a break from the DRC.
My dad probably has some.
And mom was always better at keeping in touch with MJ.

It’s strange.
I always knew that MJ was an important person in my life.
We called each other brothers.
He lived with us when I was a teenager,
and my hero.
He taught me how to play poker and Warcraft III,
and somewhere in between
to be humble and brave.
But our last facebook chat was August 2016.
when we had just missed another opportunity
to see each other.

It’s strange.
In Germany he was working with US soldiers wanting to get out
of the military that had ensnared them with empty promises
out of the senseless wars.
In the DRC he was working with Rwandan rebels wanting to get out
of the militia that had ensnared them with empty promises
out of the senseless wars.
One time, he jumped out of a window
when the military police was after him
This time I guess,
there was no window to jump out of.

It’s strange.
As we gather to pray
with words from Mountain States Mennonite Conference
I feel close to him.
But also this nagging realization,
that we cannot say the names of the four Congolese
who were also abducted.
Because no newspaper bothered researching and reporting their names.
Not even the DRC government.
Even in mourning, all lives are not equal.

It’s strange.
I believe and hold out hope
that MJ is alive
that he will be returned to us soon
and that he will dance at my wedding
this summer.
But if I believe and hold out hope,
why does it feel like
I am writing a eulogy?

It’s strange.
The MCC calendar I picked up,
for free at a local church,
has a picture from the Congo for the month of March.
Telling the story of
MCC‘ efforts to demilitarize Rwandan rebels in the DRC.
Of MJ’s work.

 

 

 

 

Von Lesbos bis Calais – wachsende Zäune und Gastfreundschaft, die Mauern niederreißt

In den letzten Jahren sind aufgrund alter und neuer Kriege, aufgrund des Klimawandels und ungerechter Wirtschaftsbeziehungen immer mehr Menschen aufgebrochen, um in Europa ein Leben in Sicherheit und Wohlstand zu finden. Während früher die Nachrichten von Ertrunkenen unangenehm waren, aber verdrängt werden konnten, kann spätestens seit dem letzten Sommer niemand mehr die Augen vor der Not der Menschen auf der Flucht verschließen und die Frage, „Was sollen wir tun?“ drängt sich allen auf.
Die Reaktionen sind vielfältig und in der medialen Repräsentation wechselhaft.
Im Sommer konnte man fast den Eindruck gewinnen, ganz Deutschland sagt „refugees welcome“, jetzt wirkt es, als ob es nur noch fremdenfeindliche Mobs gibt.
Die Wirklichkeit ist natürlich komplexer, aber doch ist es auch ein Ringen um Deutungsmacht.
Und die Macht der Deutung ist auch die Macht, die Zukunft zu formen.

Ich selbst beschäftigte mich seit 2014 intensiv mit der Situation von Flüchtlingen in Europa.
In dieser Zeit hat vieles sich verändert. Es sind neue Kriege dazu gekommen, rechtliche Rahmen wurden erneuert, ausgesetzt und wiedereingeführt, Europa hat sich verändert, und auch ich. In diesem Text, den ich ursprünglich für den London Catholic Worker geschrieben habe, versuche ich einen Teil der Geschichten zu erzählen.

Im Sommer des Jahres 2014 begannen die christlichen Friedensstifter-Teams (CPT) ein Projekt auf der griechischen Insel Lesbos um Flüchtlinge und solidarische Gruppen zu begleiten.
Da Lesbos nur zehn Kilometer vor der türkischen Küste liegt, wagen viele Flüchtlinge hier die Überfahrt und betreten hier zum ersten Mal europäischen Boden.
Seit im Sommer 2012 die ersten größeren Gruppen von Flüchtlingen auf Lesbos ankommen gründeten sich einheimische Gruppen wie etwa das “Dorf Aller Gemeinsam”, um die Neuankömmlinge willkommen zu heißen und sie zu beherbergen bis sie weiterreisen können.

Die dritte Lektion des Griechischunterrichts: Die Verb "sein" und "haben". Ich lerne auch noch einiges, da Neugriechisch nur wenig mit dem antiken Griechisch zu tun hat.

Griechischunterricht in Pikpa im Sommer 2014

Sie gründeten das offene Lager PIKPA auf einem leerstehenden Campingplatz, wo Flüchtlinge unterkommen können, bis sie ihre Papiere erhalten.
PIKPA ist sowohl praktische humanitäre Hilfe als auch eine provokative politische Alternative zu dem stacheldrahtbewehrten “First Reception Centre” in Moria: Es ist möglich, mit minimalen Ressourcen und ohne Gewalt Flüchtlinge unterbringen und zu registrieren, indem man sie einfach als Menschen mit Würde behandelt.
Die Überforderung angesichts so vieler ankommender Menschen zwingt die Verwaltung Lesbos PIKPA zu unterstützen, da ohne solche zivilgesellschaftliche die offiziellen Instanzen komplett überfordert wären. Diese Situation konnten die Aktivisten dazu nutzen, die Verwaltung zur Übernahme der Kosten für Essensversorgung und sanitäre Anlagen zu bewegen.
In Kalloni hauchten ein orthodoxer Mönch und eine paar atheistische Marxisten einem alten Kloster neues Leben ein, indem sie dort durchkommende Flüchtlinge speisten und sie pflegten.
Trotz der erdrückenden Last der Austeritätsgesetze, Arbeitslosigkeit und einer aufsteigenden extremen Rechten, entscheiden sich Einzelne und Gemeinschaften, den Fremden willkommen zu heißen und ihnen zur Seite zu stehen.
Als christlicher Friedensstifter fühle ich mich geehrt, sie zu unterstützen und unsere Erfahrungen in Begleitungsarbeit und Menschenrechtsbeobachtung einzubringen.

Diesen Februar verbrachte ich zwei Wochen in Calais.

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Dort haben etwa fünftausend Flüchtlinge auf dem Weg nach England sich auf einer ehemaligen Müllhalde eine zeitweise Bleibe geschaffen, nachdem die Polizei sie von den verstreuten kleineren Camps vertrieben hatte. Dieser Ort wird von vielen nur „the Jungle“ – „der Dschungel“ genannt.

Ich habe in dieser Zeit viel mit Menschen geredet; über den Dschungel, über ihre Heimat und ihre Hoffnung für die Zukunft. Aber vor allem wurde ich zum Essen eingeladen und zum Tee trinken. Wir haben zusammen gelacht, über kleine Absurditäten des Lebens und über Slapstickhumor.
Wäre ich länger geblieben, hätten wir wohl auch zusammen geweint, aber so blieb es dabei, dass jeder für sich weinte.

Warum sind diese Menschen nach Calais gekommen, warum leben sie unter diesen Bedingungen und riskieren weiter ihr Leben, um im Laderaum eines LKWs oder durch den Tunnel nach England zu kommen?

Sie hoffen, von dort nach England zu kommen, um dort Asyl zu beantragen. Ihre Beweggründe sind vielfältig, ich habe folgendes gehört: einige haben Familie in England, andere mussten aufgrund ihrer Zusammenarbeit mit dem britischen Militär aus ihrer Heimat fliehen, manche glauben aufgrund ihrer Englischkenntnisse schneller Anschluss zu finden, und ja es gibt auch die ein oder andere Illusion über das Leben in England.
Und Frankreich übernimmt kaum Verantwortung für Asylsuchende. Viele von ihnen sind obdachlos, und der Kälte und der Gewalt von Rassisten schutzlos ausgeliefert.

Hunderte Freiwillige aus England und ganz Europa verwandelten gemeinsam mit den BewohnerInnen den „Dschungel“ von einer reinen Hölle auf Erden zu einem Ort, der sowohl hässlich als auch wunderschön ist und an dem menschliche Grundbedürfnisse nach Nahrung, Wärme, Beziehung und Freiraum zumindest ansatzweise befriedigt werden können.

orthodoxe Kirche im Dschungel

Leider sind die Einheimischen nicht so stark involviert wie in Lesbos und viele Flüchtlinge haben aufgrund der Gewalt rechtsextremer Banden und der Polizei Angst davor, nach Calais zu gehen.
Dennoch bilden sich auch Beziehungen und es gibt Menschen, die verstehen, dass zwar “niemand Flüchtlinge im eigenen Garten haben will, aber die Flüchtlinge wollen auch nicht da sein – sie haben nur keine Wahl”, wie Bruder Johannes vom Mere Marie Skobtsov Catholic Worker Haus in Calais sagt.

Die Regionalpräfektur hat angekündigt (und mittlerweile begonnen) das Camp zu räumen ohne tragfähige Alternativen zu bieten. Rechtlicher Einspruch gegen diese Maßnahme war erfolglos. Viele Flüchtlinge haben keinen Ort mehr, an den sie gehen können und leisten auf kreative Art Widerstand gegen die Zerstörung ihres neuen Zuhause.
Die Regierung hängt der Illusion an, dass die Menschen, die in Calais erneut ihre Heimat verlieren, einfach verschwinden werden. Und dass nächsten Sommer keine Neuankömmlinge kommen werden, die ebenso hoffen, nach England zu kommen.
In der angespannten Situation der Räumung kommt der friedlichen Präsenz von Menschen, die das Vorgehen der Polizei dokumentieren und bei Konflikten deeskalieren, eine wichtige Rolle zu.

In einer der Suppenküche traf ich Ibrahim, dem ich zuerst im Sommer 2014 auf Lesbos begegnet war. Es war eine seltsame Wiedersehen. Er freute sich mich wiederzusehen, und ich auch, aber gleichzeitig kämpfte ich mit den Tränen. Ibrahim ist nun seit zwei Jahren unterwegs, er hat Grenze nach Grenze überwunden, musste sein Leben in die Hände von Schmugglern legen und nun ist er auf die Hilfe von Freiwilligen wie mir angewiesen.
Nichtsdestotrotz ist es entschlossen, seinen Weg nach England zu finden.

Von Lesbos bis Calais, in ganz Europa stehen der Bewegung der Flüchtlinge höher werdende Zäune und Gewalt von FRONTEX, Polizei und faschistischen Bewegungen gegenüber. In Deutschland gab es im vergangenen Jahr über eintausend Angriffe auf Asylbewerberheime. Die extreme Rechte hat mit Pegida sowohl eine Bewegung, als auch in der AFD auch in Deutschland eine politische Macht errungen.
Gleichzeitig opfern zehntausende EuropäerInnen mit Papieren ihre Freizeit, um sich ehrenamtlich für Flüchtlinge einzubringen. Sie bringen den Neuankömmlingen die Landessprache bei, oder begleiten sie zu Amtsterminen oder zum Arzt. Die Freiwilligen auf Lesbos und in Calais sind lediglich die sichtbarsten Beispiele der Willkommenskultur, die parallel zum Aufstieg der extremen Rechten verläuft und mit ihr über die Deutungsmacht dieses historischen Moments ringt.

Für Menschen wie Ibrahim, für die kleinen Gemeinschaften, die Gastfreundschaft mit den Fremden üben und für uns selbst, muss die Willkommenskultur zu einer wirklichen politischen Kraft werden.

Als Gläubige erzählen wir davon, “dass einige ohne es zu wissen Engel aufgenommen haben”.
Wir glauben, dass wir selbst ein Pilgervolk sind und dass wir dem Auferstanden in den Geringsten begegnen. Wenn wir das ernst nehmen, wird es uns zur Gabe und Aufgabe, die Wirklichkeit der Gastfreundschaft in Wort und Tat zu bezeugen.

Jesus wird heute noch gekreuzigt

(Bitte entschuldigt die Inkohärenz dieses Textes, ich hatte keine Zeit meine Gedanken vor Ostern noch wirklich zu sortieren)

Bei meinem letzten Text wurde ich gefragt, was ich meine, wenn ich sage: „Im Umgang mit diesen ‚Geringsten‘ (Mt 25) wird Jesus heute noch gekreuzigt, …“.

Dieses Foto zeigt eine eindrückliche Form einer heutigen Kreuzigung – ein Flüchtling dessen Gliedmaßen von Polizisten unter Kontrolle gebracht werden, als er versucht den Grenzzaun bei Melilla zu überwinden, um nach Europa zu kommen.

Diese Parallele wird zum Beispiel beim seit Jahren stattfindenden Kreuzweg für die Rechte der Flüchtlinge in Hamburg (und anderswo!) gezogen, den die Basisgemeinschaft „Brot und Rosen“ mit vielen anderen kirchlichen und säkularen AkteurInnen organisiert.
In den USA verbinden Schwarze ChristInnen und ihre UnterstützerInnen den tödlichen Rassismus in Polizei und Gesellschaft mit der Passionsgeschichte Christi und organisieren eine „Holy Week of Resistance“, in der biblische Texte und liturgischen Feiern in der Öffentlichkeit für Protest mobilisiert und kreativ gedeutet werden.

Was für ein Verständnis des Kreuzes zeigt sich hier?
Das Kreuz wird hier vor dem Hintergrund heutiger Ungerechtigkeiten und Leiden gedeutet. Jesu Tod am Kreuz wird hier nicht metaphysisch als freiwilliges Opfer Gottes für sein blutrünstiges Selbst verstanden, wie in der Satisfaktionstheorie von Anselm v. Canterbury.
Stattdessen wird das Kreuz in seinem historischen Hintergrund als politische Strafe für Aufständische und entlaufene Sklaven verstanden. Etwas das Entwürdigten, die zurücksprechen angetan wird, um sie zum Schweigen zu bringen.
Das Kreuz war eine öffentliche Hinrichtung, um ein Exempel zu statuieren und Furcht und Schrecken (Terror) in den Herzen der Beherrschten wach zu halten.
Nichts anderes.
Diese Staatsgewalt ist es, die wir in dem Bild sehen und die schwarze Menschen in den USA ermordet.

Sie muss an die Öffentlichkeit gezerrt werden, nur dann können die Mächte und Gewalten entlarvt und entmachtet werden. Aber auch diese Gedanken kommen den Jüngerinnen und Jüngern nicht an Karfreitag sondern erst im Rückblick von Ostern her.

Wo ist dann das Heil?
Nicht am Kreuz, zumindest nicht nur dort sondern nur im Zusammenspiel von Kreuz und Auferstehung.
Die Auferstehung ist Gottes Bestätigung dieses Jesus von Nazareth, dieses Menschen, den alle verstoßen hatten und dessen Freunde ihn im Stich gelassen hatten. Ohne die Auferstehung wäre das Kreuz sinnlos – ein weiterer Beweis der Macht der Mächtigen und nicht erwähnenswert in ihren Geschichtsbüchern (tatsächlich berichtete ja auch kein antiker Historiker über Jesus und seinen Tod)

Aber die Auferstehung macht das Kreuz nicht ungeschehen.

Es ist der Gekreuzigte, den Gott auferweckt, und den die Jünger und alle ChristInnen nach ihnen als höchste Offenbarung von Gottes Wesen („Gottes Sohn“) bekennen.
Dieser vom mächtigsten Land der Welt mit zwei Terroristen Hingerichtete ist der Ausdruck von Gottes Liebe, und irgendwie hat er in seiner Hinrichtung auch noch die Mächte der Welt entlarvt und besiegt.

Das ist der Skandal des Kreuzes (1. Kor,1,18-25), der Juden und Heiden unverständlich war und sich auch den Jüngerinnen und Jüngern nicht einfach so erschloss. Nur eine 2000-jährige Kirchengeschichte, die größtenteils vom Versuch das Kreuz für die Mächtigen harmlos zu machen beherrscht war, macht es heute möglich, Kreuze als Schmuck um den Hals zu legen, das Leiden Christi zu als Gottes Willen zu verherrlichen und gleichzeitig weiter Menschen auszuschließen und zu unterdrücken.

Das Kreuz war nicht Gottes ewiger Plan, um seine Blutgier zu befriedigen. Die Menschen waren es die Gottes Liebe, die sich ihnen in Jesus zeigte, nicht aushalten konnten. Um Jesus ans Kreuz zu bringen, verbündeten sich jüdische religiöse Eliten mit den verhassten römischen Besatzern und dem Marionettenkönig Herodes. Die Massen liefen der Propaganda folgend hinterher und alle waren beteiligt an der Hinrichtung des einen, der lebte, so wie Gott es sich vorstellt.
Von allen verlassen und verspottet starb er und mit ihm die Hoffnung, dass eine andere Welt möglich sei.
Die Geschichte geht weiter, und wir lernen, dass der Tod nicht das letzte Wort hat.

Ich habe selbst die Auferstehung ins Spiel gebracht, was natürlich wichtig ist.
Aber manchmal wäre es gut, in der Zwischenzeit ein wenig zu verweilen..

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Postskript: Diese Auslegung des islamischen Gelehrten Omid Safi finde ich sehr passend.

Gethsemaneh in Heidelberg

(Dieser Text ist des Versuch eines Midrasch – einer erzählerisch-aktualisierende Auslegung – der Passionsgeschichte, insbesondere die Gethsemane-Episode, in Markusevangelium 14,26-52 in Verbindung mit einer nächtlichen Mahnwache vom 23. auf den 24.3.2015 vor der Asylunterkunft in der Kirchheimer Hardtstraße. Es lohnt sich beides zusammen zu lesen. Wenn du bei solchen und ähnlichen Aktionen dabei sein willst, schreib mir: bennikrauss[at]gmx.net)

gethsemanehDiese Woche verbrachte ich eine Nacht vor einer Asylunterkunft in Heidelberg, um mit circa fünfzig Menschen die Praxis nächtlicher Abschiebungen ins Licht des Tages zu ziehen und notfalls eine Abschiebung gewaltfrei zu blockieren.
Aufgerufen wurde zu der Mahnwache, weil am folgenden Tag ein Flugzeug vom Baden Airpark nach Serbien und Mazedonien fliegen sollte, voll mit Menschen die gegen ihren Willen abgeschoben wurden. Diese Abschiebungen betreffen meist Roma, die immer noch Opfer rassistischer Angriffe und struktureller Diskriminierung werden.
Ausgerechnet am Jahrestag der Deportation der Sinti und Roma in Baden-Württemberg nach Auschwitz-Birkenau sollten Angehörige dieser Volksgruppen in Länder abgeschoben werden, wo ihnen der Zugang zu gleichen Rechten verwehrt wird.
Das Datum war wohl zufällig gewählt, offenbart aber die tödliche und andauernde Geschichte des Antiziganismus (der spezifischen Diskriminierung aufgrund der Zugehörigkeit zur Ethnie der Sinti und Roma) in Deutschland, die immer noch unbewusst ist.
Abschiebungen finden nachts statt und werden oft nicht angekündigt, was einen zusätzlichen psychischen Druck ausübt und viele krank macht.
Die tiefe Unmenschlichkeit dieser Praxis wollten wir nicht unkommentiert lassen, sondern anprangern und uns ihr entgegen stellen.

Es war ziemlich kalt und ich war angespannt und verunsichert, wie die Nacht verlaufen würde. In unregelmäßigen Abständen kamen Streifenwagen vorbei, aber zu einer Konfrontation kam es nicht.
Anscheinend war in Heidelberg in dieser Nacht keine Abschiebung geplant, aber wir blieben dennoch die ganze Nacht, um sicher zu gehen und unserer Solidarität Ausdruck zu verleihen.

Dabei hatte ich viel Zeit, zu beobachten und mein Denken und Fühlen vor Gott zu bringen.
In den Wochen vor Ostern habe ich immer wieder die Gethsemane-Episode gelesen und nun fand ich mich selbst in ihr wieder.

Mitten in der Nacht wurde Jesus verhaftet, um ja keinen Aufruhr zu erzeugen. Abschiebungen finden unter anderem aus diesem Grund meist um vier Uhr morgens statt. Während Jesus aber freiwillig ans Kreuz geht, um die gewaltfreie Liebe Gottes zu den Menschen in letzter Konsequenz zu leben, ist für die Menschen, die abgeschoben werden, ihr Kreuz kein selbstgewähltes, sondern wird ihnen aufgedrückt. Hier liegt der entscheidende Unterschied zwischen den Geschichten, der für mich auch die Blockade motiviert hatte.

„Meine Seele ist betrübt bis an den Tod; bleibt hier und wachet!“

Mit diesen Worten fleht Jesus seine Jüngerinnen und Jünger an, obwohl er schon angekündigt hat, dass sie ihn alle verlassen werden. In dieser Nacht braucht er ihre Solidarität, er kann diesen Weg alleine nicht weitergehen.
Die Jüngerinnen und Jünger aber schlafen immer wieder ein, und „wissen nicht, was sie ihm antworten sollten“
Sie verstehen Jesu Weg zum Kreuz immer noch nicht, sind erschöpft und verunsichert und können in dem Moment, in dem es darauf ankommt Jesus nicht zur Seite stehen. Als Jesus schließlich mitten in der Nacht verhaftet wird, fliehen sie und Petrus verleugnet seinen Freund und Lehrer, um sich selbst zu retten.

Gethsemane wurde in dieser Nacht für mich zu einem Gleichnis für die christliche Existenz in einer Welt, in der immer noch Unzählige durch Krieg, Fremdenhass und strukturelle Benachteiligung leiden und sterben. Im Umgang mit diesen „Geringsten“ (Mt 25) wird Jesus heute noch gekreuzigt, wenn zum Beispiel Flüchtlinge in ein angeblich „sicheres Herkunftsland“ abgeschoben werden, in dem ihnen als Angehörige einer diskriminierten Minderheit aber Obdachlosigkeit, Gewalt und Rechtslosigkeit drohen.

Jesus ruft uns aus diesen Menschen zu: „Bleibt hier und wachet!“ und genauso wie Jesus in Gethsemane brauchen sie unsere Solidarität in dieser schweren Stunde.
Wachsam zu sein heißt nicht, nie zu schlafen, sondern vor allem sich nicht einschläfern zu lassen vom verschleiernden Gerede unserer Ordnung, das mit Begriffen wie „Wirtschaftsflüchtling“ und „sicheres Herkunftsland“ gleichzeitig die Geringsten kriminalisiert und die eigene Gewalt verharmlost.
Zu Bleiben heißt, die Angst und den Schmerz zu teilen, den anderen darin auch auszuhalten.
In dieser Nacht hieß es, ganz wörtlich zu bleiben und zu wachen – im Angesicht von Polizei und möglicher juristischer Verfolgung. Niemand wurde verhaftet und die Chancen, dass etwas geschieht waren minimal, aber es war schon herausfordernd, mich überhaupt der Staatsgewalt in den Weg zu stellen. So was macht man ja nicht. Und wenn doch etwas passiert?

„Wachet und betet, dass ihr nicht in Versuchung fallt! Der Geist ist willig; aber das Fleisch ist schwach.“ (Mk 14,38)

All die eigenen Ängste, die einschläfernden Beruhigungsthesen und die Erschöpfung, die das Leben in Nachfolge mit sich bringt, kommen in dieser Nacht hoch. Sie drohen uns zu überwältigen, dass wir einschlafen oder die Flucht ergreifen. Jesus rechnet damit und weckt uns immer wieder auf. Und er verweist uns auf das Gebet, um nicht in Schlaf oder Panik zu versinken.
Im Gebet können wir Gott unsere Angst und unsere Perspektivlosigkeit anvertrauen. In Gott finden wir zur Ruhe, die unsere Sinne nicht benebelt, sondern uns klar sehen lässt. Nicht von unserer sondern von Gottes Perspektive.

Es ist keine moralische Schwäche, die die Jüngerinnen und Jünger einschlafen lässt, sondern die überwältigende Mischung aus Erschöpfung, Unsicherheit, was kommen wird und ein Unverständnis, wer Jesus ist. Ich kenne diese Mischung und erlebe sie immer wieder. Es ist erleichternd, dass Jesus ihnen ihren Schlaf nicht zum Vorwurf macht, aber er braucht dennoch ihren Beistand.
Wie können wir im entscheidenden Moment Menschen beistehen?

Jesus hat seine Jüngerinnen und Jünger auf die Situation vorbereitet, in dem er immer wieder sagte, dass er in Jerusalem ans Kreuz gehen wird. Wir sollten diese Worte bedenken, wenn wir Jesus nachfolgen wollen. In Rollenspielen können wir die Situationen, in die wir uns begeben, vorher üben, um zu erfahren, was alles passieren könnte und ausprobiert zu haben, wie es sich anfühlt und was wir in einer Situation tun könnten.
Gebet steht dieser Vorbereitung nicht entgegen, vielmehr sollte sie im „beten ohne Unterlass“ (1.Thess. 5,17) geschehen. Nur so können wir den vielen Versuchung widerstehen, die uns begegnen. Neben Müdigkeit und Apathie wäre es auch eine Versuchung, einfache Feindbilder aufzubauen statt unsere Aktionen so auszurichten, dass sie unsere Widersacher herausfordern und ihnen die Möglichkeit geben, sich zu solidarisieren. Gebet hilft uns, unsere Feinde zu lieben, weil wir sie nicht nur als Feinde sehen müssen und von dieser Erkenntnis her unser Handeln bestimmen lassen. Ein ungenannter Jünger fällt in diese Versuchung und zieht bei der Verhaftung sein Schwert und haut einem Polizisten ein Ohr ab (Mk 14,47).

Wir konnten dieser Versuchung widerstehen, weil wir klare Absprachen hatten und einander vertrauen konnten. Dieses Vertrauen galt unabhängig von unseren jeweiligen Gründen hier zu sein. Ich war aufgrund meines Glaubens an die gewaltfreien Liebe Gottes da, während andere andere Motivationen hatten. Einig waren wir uns, dass Menschen ein Recht auf gutes und sicheres Leben haben und die Abschiebepraxis einen Verstoß dagegen bildet, dem wir uns widersetzen müssen.
Dies war ein Bild gelebter Einheit in Vielfalt, von der auch Gemeinden etwas lernen könnten.

Zu Beginn des Artikels habe ich den klaren Unterschied zwischen Jesu freiwilligem Weg ans Kreuz und Abschiebungen benannt. Aber was wäre geschehen, wenn die Jüngerinnen und Jünger eine Sitzblockade gemacht hätten und Jesus bis zum Schluss nicht alleine gelassen hätten? Wahrscheinlich wären sie alle gekreuzigt worden, oder? Die Frage treibt mich um.

Diese Gedanken kamen mir in der Nacht vor der Asylunterkunft, während ich fror und ungewiss wartete was passieren würde. Irgendwann ging die Sonne auf und ich erinnerte mich: Jesus hat seinen Jüngerinnen und Jüngern gesagt, dass die Geschichte weiter gehen wird, obwohl sie ihn verlassen und verraten werden, auch wenn er hingerichtet werden wird.
„Wenn ich aber auferstanden bin, will ich vor euch hingehen nach Galiläa.“ (Mk 14,28)
In dieser Hoffnung ist es mir möglich, nicht einzuschlafen und wachsam zu bleiben, und in meinem Scheitern auf den Auferstandenen zu sehen, der bei uns ist und uns vorausgeht.

Predigt über Wunder, Kreuz und Festung Europa

(Diese Predigt habe ich am 19.10. in der Mennonitengemeinde Bammental gehalten)

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus sei mit uns allen.

Ich lese aus dem Evangelium des Markus Kapitel 4, Verse 35-41

Und am Abend desselben Tages sprach er zu ihnen: Lasst uns hinüberfahren. Und sie ließen das Volk gehen und nahmen ihn mit, wie er im Boot war, und es waren noch andere Boote bei ihm. Und es erhob sich ein großer Windwirbel und die Wellen schlugen in das Boot, sodass das Boot schon voll wurde. Und er war hinten im Boot und schlief auf einem Kissen. Und sie weckten ihn auf und sprachen zu ihm: Meister, fragst du nichts danach, dass wir umkommen? Und er stand auf und bedrohte den Wind und sprach zu dem Meer: Schweig und verstumme! Und der Wind legte sich und es entstand eine große Stille.
Und er sprach zu ihnen: Was seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben?

Sie aber fürchteten sich sehr und sprachen untereinander: Wer ist der? Auch Wind und Meer sind ihm gehorsam!

Dieser Text ist mir sehr vertraut durch Kindergottesdienst, Freizeiten und zahlreiche Predigten in dieser Gemeinde. Wenn ich den Text lese, lese ich die Auslegungen, die ich über die Jahre gehört habe, immer schon mit und es wird schwierig, den Text selbst sprechen zu lassen.

Es wird auch schwierig, meine Situation, die Situation unserer Gemeinde und die Lage der Welt sprechen zu lassen und die beiden, den uralten Text und unsere Wirklichkeit heute miteinander ins Gespräch zu bringen. Aber genau das soll ja eine Predigt sein: Gottes Wort in unsere Wirklichkeit hinein.

Gott spricht immer wieder neu in unsere Wirklichkeit hinein. Dies geschieht auf viele Arten, unter anderem auch durch uns vertraute biblischen Texte, die auf einmal ganz neu und fremd erscheinen.

Ich habe heute noch eine zweite Geschichte mitgebracht, die ich neben den vertrauten biblischen Text stellen will.
Der Text ist von Efi Latsoudi, einer Griechin, die auf Lesbos das offene Willkommenszentrum von Pikpa mehr oder weniger leitet. Pikpa ist der Hauptpartner des CPT-Projekt auf Lesbos während des letzten Sommers.

Wir wurden über eine Rettungsoperation am Strand von Kydonie informiert. Eine 38-jährige Frau wurde vermisst. In dieser Region gibt es sehr starke Winde. Die Küstenwache schickt keine Boote, sondern sucht das Gebiet nur mit einem Helikopter ab.

Gegen Mittag kommen 25 Afghanische Flüchtlinge nach Pikpa, die mit zwei Schlauchboote angekommen am frühen Morgen waren.
Die starken Winde und die Wellen können die Schmuggler nicht aufhalten, und auch nicht die Menschen, die versuchen vor dem Krieg zu fliehen.
Unter den Überlebenden des ersten Bootes ist ein 5-jähriges Mädchen mit ihrem Onkel – ihre Mutter ist die vermisste Frau. Das Kind kann in Pikpa ausruhen, obwohl das Lager wieder mal zu voll ist. Gestern kamen mehr als 150 Menschen an. Es gibt keine freien Betten mehr, aber die Familien, die sich um das kleine Mädchen kümmern, haben ihr eines ihrer eigenen Betten gegeben.
Wir informieren die Doctors of the World beim offiziellen Lager in Moria über den tragischen Vorfall und auch das internationale rote Kreuz. Der Vater des Kindes und seine Schwester sind schon in Belgien und wenn sie nach Moria gebracht wird, können sie miteinander telephonieren.
Leider haben die Behörden es den Doctors of the World verboten, im offenen Lager in Pikpa medzinische Dienste anzubieten. Sie dürfen nur in Moria, dass wie ein Gefängnis aussieht, arbeiten.
Das Mädchen hat ihre Mutter zweimal nach ihr rufen hören, und dann nicht mehr.
Wir können durchsetzen, dass das Mädchen als Opfer eines Schiffbruchs nicht nach Moria gebracht wird, sondern in Pikpa bleiben darf und hier ihre Papiere erhält.
Alle in Pikpa sind schockiert. Die Überlebenden beschreiben, wie das Boot eine halbe Stunde nachdem sie die türkische Küste verlassen hatten (kurz nach Mitternacht) aufgrund der hohen Wellen umkippte mit circa 13 Leuten an Bord. Der Onkel des Mädchens zusammen mit einem anderen Mann schaffte es, sie zu retten. Aber ihre Mutter war von den Wellen schon abgetrieben worden. Dann schafften es einige Männer, das Boot wieder zu drehen und die zwölf Verbliebenen schafften es wieder in das kleine Schlauchboot hinein.
Nach vielen Stunden hatten die starken Wellen sie zum Strand von Kydonies auf Lesbos getrieben. Dort wurden sie von den Küstenwache aufgegriffen und meldeten die vermisste Frau, was zu der anfangs beschriebenen Suchoperation führte.

In Pikpa haben wir solche Tragödien schon viel zu oft erlebt. Alle sind wir von unserer Trauer und Ohnmacht erschöpft.

Am späten Nachmittag aber erhalten wir unerwartete Neuigkeiten. In der Gegend von Xambelia wurde eine Frau aufgegriffen, die alleine und verwirrt herumlief. Sie wurde ins Krankenhaus gebracht, wo unser Übersetzer sie sofort aufsuchte. Die Frau war unter Schock. Sie war überzeugt, die einzige Überlebende zu sein, und das ihre Tochter und alle anderen ertrunken waren. Sie selbst hatte 18 Stunden lang gegen die Wellen gekämpft. Sie hatte nur eine mittelmäßige Rettungsweste, die sich mit der Zeit mit Wasser vollsaugte und begann, sie nach unten zu ziehen. Sie konnte nicht gut schwimmen und hatte Angst vor dem Meer.
Als sie schließlich von Wind und Wellen an die Küste von Lesbos getrieben wurde, fand sie eine orangene Rettungsweste und war überzeugt, dass sie ihrer Tochter gehört. Sie schrie vor Verzweiflung und stolperte mit letzter Kraft zum nächsten Haus.

Als unser Übersetzer ihr vorsichtig versuchte zu erklären, dass ihre Tochter noch am Leben sei und auf sie in Pikpa wartete, weigerte sie sich, ihm zu glauben. Erst nach einer langen Zeit konnte sie sich beruhigen und ihr Kind treffen. Der Moment ihres Wiedersehens ist unbeschreiblich.
Ein wahres Geschenk des Lebens.
Das Krankenhaus in Mytilene hat der Frau sehr geholfen. Sie behielten sie noch einen Tag im Krankenhaus um ihre körperliche und psychische Gesundheit zu überprüfen.
In Pikpa kann sie sich nun erholen und die Arbeit für die Familienzusammenführung mit ihrem Mann und ihrer ältesten Tochter in Belgien beginnt.

Wir haben ein echtes Wunder erlebt nach so vielen Toten.

Aber dennoch sind wir wütend. Das Leben von Flüchtlingen sollten nicht von Wundern abhängen. Eine Frau, die mit ihrem kleinen Kind vor dem Krieg flieht und deren Familie bereits in Belgien lebt, sollte niemals ihr Leben bei so einer gefährlichen Bootsfahrt riskieren müssen.
Das tödliche Grenzregime muss sich sofort ändern.

Unsere Küste muss eine Küste des Lebens und nicht des Todes sein.

Zwei Geschichten von Menschen, die ein anderes Ufer erreichen wollen und vom Sturm in Lebensgefahr gebracht werden und doch überleben.
Zweimal beschreiben die Menschen, dies als ein Wunder.
Sonst gibt es nicht so viele Ähnlichkeiten zwischen den Geschichten, es liegen ja auch knapp zweitausend Jahre dazwischen. Aber das ist gut, denn eine Unterhaltung zwischen zwei ganz gleichen Menschen ist ja auch langweilig.

Der biblische Text ist sehr viel kürzer als die Geschichte aus Lesbos. Hinter den knappen biblischen Sätzen verbergen sich oft die Gefühle und Gedanken der Hauptfiguren und wir müssen sie selbst füllen. Lesen wir doch die Geschichte zusammen.
Die Furcht der Jünger bekommt Gestalt, wenn ich sie mit den Geschichten der Flüchtlinge lese.

Wie die Flüchtlinge überqueren sie eine Grenze. Sie wird zwar nicht bewacht wie die europäische Außengrenze, aber sie kommen in ein anderes Land. Und wenn man an die Auseinandersetzungen mit den Pharisäern und Autoritäten denkt, könnte man auch behaupten, dass sie fliehen, um sich nicht einer Verfolgung auszusetzen.
Manche von ihnen sind Fischer und sie alle kommen aus der Gegend um den See Genezareth, aber das heißt nicht, dass alle von ihnen schon mal auf einem Boot waren, geschweige denn in einem Sturm. Vielleicht können sie nicht mal schwimmen?
Vielleicht hat einer schon Verwandte durch so einen Sturm verloren und wird nun daran erinnert. Viele Flüchtlinge haben schon Verwandte verloren, und wagen trotzdem diese Überfahrten, weil es keinen anderen Weg nach Europa gibt.
In dem Bericht hatte die Frau einen Ehemann und ein Kind in Belgien und konnte trotzdem nicht auf eine erfolgreiche Familienzusammenführung von außerhalb der Europäischen Union hoffen.
Man kann diese Anträge zwar stellen, aber sie konnte sich nicht darauf verlassen und riskierte lieber ihr eigenes und das Leben ihrer Tochter.

Was tun, wenn der Sturm aufkommt und das Boot sich mit Wasser füllt?

Warum schläft Jesus eigentlich?
Ist er so ruhig und tiefenentspannt wie ihn meine Kinderbibel gezeichnet hat, oder ist er einfach erschöpft von der Masse, die ihn auf der einen Seite des Sees bedrängt hat und immer noch eine Geschichte über dieses geheimnisvolle Reich Gottes hören wollte und von der Spannung, die sich jetzt schon aufbaut und von der er ahnt, wie sie sich in Jerusalem an ihm entladen wird?

Die Jünger wecken ihn schließlich auf und er rettet sie, indem er den Sturm und die Wellen bedroht. Und sie gehorchen! Die Autorität, die ihm gegeben ist, macht den Jüngern Angst „sie fürchteten sich mit großer Furcht“. Macht es uns noch Angst, oder haben wir uns schon so an die Geschichten gewöhnt? Und nehmen wir noch Ernst, dass wir der Leib Christi sind und größere Taten tun sollen?

Die Flüchtlinge hatten keinen Jesus im Boot, der mal eben den Sturm anblafft und ihn zum Schweigen bringt. Zusammen konnten sie das Boot wieder umdrehen und sich retten, aber ein Wundermann hat ihnen dabei nicht geholfen.

In unserer Geschichte schläft Jesus als Leib Christus, als die weltweite Kirche, immer noch.
Ich bete, dass wir langsam aufwachen und den Ruf hören, der uns von den Flüchtlingen entgegenkommt: „Kümmert es dich nicht, dass wir umkommen?“
Werden wir dann den Mut haben, das Grenzregime zu bedrohen und zur Umkehr zu rufen, damit die Küstenwache und FRONTEX zu Menschenfischern statt Grenzschützern werden kann?

Und doch ist auch das ein Wunder.

Was ist eigentlich ein Wunder?
Etwas ungewöhnliches, vollkommen gegen unsere Erwartungen gehendes, dass sogar die Naturgesetze bricht?

Das kann dazu gehören, ist aber nicht das eigentliche Wesen eines Wunders.

Im Markusevangelium tut Jesus viele Wunder, er treibt Dämonen aus, wie in der Geschichte nach unserem Text, heilt Kranke, Blinde und Lahme und vermehrt Brot. Oder er geht auf dem Wasser oder beruhigt den Sturm.

Geht es dabei um das Brechen von Naturgesetzen?
Nein, denn die Überzeugung, die Natur sei durch unveränderliche Naturgesetze geregelt setzt sich erst sehr viel später mit dem Aufkommen der modernen Physik durch.

Geht es vielleicht um das Spektakel, dass Menschen von Jesu Identität überzeugen soll? Dann hätte sich Jesus bei der Versuchung auch vom Tempel stürzen können, wie Satan, immer noch einer der besten PR-Manager, es ihm vorgeschlagen hat.

Nein, die Wunder sind ein Zeichen für das Reich Gottes, das Jesus verkündigt und dass in seiner Gegenwart schon da ist. In ihnen bricht sich Gottes Traum für diese Welt bahn und verändert unsere Wirklichkeit. Da können Niedergedrückte wieder aufrecht stehen, Menschen werden die Augen geöffnet und Tote stehen wieder auf.
Und in diesem Sinne war auch das Überleben der Frau ein Wunder, aus dem einfachen Grund, weil im Reich Gottes keine Flüchtlinge ertrinken.

Warum verbietet Jesus dann denen, die er heilt darüber zu reden? Sie machen es dann zwar meistens trotzdem, aber was will er bezwecken?

Jesus weiß, wohin sein Weg ihn führen wird. Er weiß, er wird am Kreuz enden.
Am Kreuz scheitert Jesus an den rebellischen Mächten dieser Welt, die weiter auf Sicherheit und Abgrenzung setzen, um sich am Leben zu erhalten und dafür Menschen opfern. Zum Beispiel durch todbringende Abriegelung der Grenzen.
Diese Mächte unterdrücken Menschen und wer sie darauf hinweist, dass das nicht Gottes Willen entspricht wird ignoriert und als Naivling lächerlich gemacht. Und wer in seinem Protest lauter wird, für die kann es schnell ungemütlich werden. Wie auch Jesus letztlich am Kreuz endete.
Das weiß er und fordert uns auf, unser Kreuz auf uns zu nehmen und ihm nachzufolgen. Unser Kreuz auf uns nehmen, heißt wie Jesus sich in Solidarität mit den Anderen, die in der Gemeinschaft nicht willkommen sind zu begeben.

So schön die Wunder sind, verstehen können wir sie nur mit dem Kreuz unserer Wirklichkeit.  Nur dann werden sie zu Geschichten von Auferstehung aus den Toten, ohne die Kreuzesnachfolge werden sie zu Traumwelten.

Was heißt Kreuzesnachfolge für unsere Situation?

Es gäbe vieles zu sagen, ich will nur einen Aspekt herausgreifen. Wenn wir uns auf die Anderen, die kommen, einlassen, dann werden sich Dinge ändern und das wird Probleme hervorrufen. Probleme mit Menschen und Institutionen, denen unsere Gastfreundschaft nicht gefällt, weil sie nicht wollen, dass „die“ hier Heimat finden.
Aber auch Probleme in unserer Gemeinde, wenn Andere auf einmal verlangen, hier Raum einzunehmen und Sachen anders zu machen.
Vielleicht würde es Beziehungen, die aufgebaut wurden zerstören.

All das ist Teil des Wagnisses der Kreuzesnachfolge, aber nur wer sich darauf einlässt sieht und versteht die Wunder, heute noch geschehen.

Zum Abschluss will ich aus Epheser 5,14-20 lesen (der eigentlich vorgeschlagene Text):

Darum heißt es: „Wache auf, der du schläfst, und stehe auf von den Toten, so wird dich Christus erleuchten.“

So sehet nun zu, wie ihr vorsichtig wandelt, nicht als die Unweisen, sondern als die Weisen, und kaufet die Zeit aus; denn es ist böse Zeit. Darum werdet nicht unverständig, sondern verständig, was da sei des HERRN Wille. Und saufet euch nicht voll Wein, daraus ein unordentlich Wesen folgt, sondern werdet voll Geistes: redet untereinander in Psalmen und Lobgesängen und geistlichen Liedern, singet und spielet dem HERRN in eurem Herzen und saget Dank allezeit für alles Gott und dem Vater in dem Namen unsers HERRN Jesu Christi, und seid untereinander untertan in der Furcht Gottes. (Eph.5,14-20)

Lasst uns aufwachen, das Grenzregime anblaffen, und in unserer Gemeinde Menschen, die eine Heimat suchen Platz geben und ein Zeichen des Reiches Gottes sein. Wohlwissend, in welche Schwierigkeiten uns das bringen wird.

Amen.

Moria – organisierte Ungastlichkeit

Wie soll man mit den Menschen umgehen, die aus ihrer Heimat geflohen sind und nach oft monatelangen Reisen auf Lesbos und anderswo ankommen, um in Europa ein sicheres und freies Leben zu finden?
Auf Lesbos gibt es zwei Lager, die wir regelmäßig besuchen und die archetypisch für zwei Weisen stehen, mit „den Anderen“ umzugehen: Moria und Pikpa.

In diesem Artikel beschreibe ich die Lage in Moria, im nächsten dann Pikpa.

FRC Moria

Moria ist das offizielle „first reception center“ – „erstes Empfangszentrum“, in dem Flüchtlinge für einige Tage festgehalten werden, in denen sie  in eine europäische Datenbank eingetragen werden, bis sie mit einem sogenannten „white paper“ weiter geschickt werden. Das „white paper“ ist eine Anordnung der Polizei, Griechenland binnen eines Monats in Richtung ihres Heimatlandes zu verlassen, es dient Flüchtlingen aber de facto als Reisedokument und schützt sie innerhalb dieses Monats davor, von der Polizei aufgegriffen und dann für bis zu 18 Monate eingesperrt zu werden.

Das „First Reception Center“ (FRC) liegt ein paar Kilometer außerhalb des Dorfes Moria von dem es seinen Namen hat (eigentlich eine Schande, denn das Dorf ist wirklich schön).
Weit draußen werden die Einwohner des Dorfes Moria selten mit denen konfrontiert, die im Lager Moria festgehalten werden.

„Bewegungsfreiheit – Keine Grenzen“ hat jemand in die Mauer eingeritzt.

FRC Moria hat drei Zäune, jeweils mit Natodraht bestückt, durch die man muss, um zu den Flüchtlingen zu kommen. An jedem Tor gibt es Schlösser und Wachposten, aber als wir gestern dort waren, war niemand am ersten und am zweiten Wachposten.
Das dritte Tor schließlich ist verschlossen. Hier sind wir bis jetzt noch nie weiter gekommen, auch wenn wir immer einige Bedarfsgegenstände wie Windeln oder Damenbinden mitbringen und die Wachen jedes Mal ein bisschen entspannter sind.
Dennoch dürfen wir nicht bis zu den Flüchtlingen und dürfen auch keine Fotos machen.

Die Flüchtlinge haben sogar noch ein weiteres Tor weiter erst „freie“ Bewegung und so können wir nicht wirklich mit ihnen sprechen.
Dafür sprechen wir mit den „Doctors of the World“ einer NGO, die sich um die medizinische Versorgung der Flüchtlinge kümmert. Ihre Anwesenheit hier ist vertraglich geregelt und
sie befinden sich in der schwierigen Situation, Teil des Migrationsregimes zu sein, und es anzuklagen.
Ihre Berichte und durch die von MigrantInnen und Flüchtlingen, die Zeit im FRC Moria verbracht haben, zeichnen ein dunkles Bild von mangelnden hygienischen Bedingungen, willkürlichen Bestrafungen und der Entwürdigung von Flüchtlingen, die das Recht auf Asyl haben, aber wie Kriminelle behandelt werden.

Um zusammenzufassen: Das  „First Reception Center“ in Moria ist abseits und getrennt von der lokalen Bevölkerung, es ist architektonisch kaum von einem Gefängnis zu unterscheiden und auch die Behandlung derjenigen, die dort festgehalten werden zeigt, ist nicht angemessen. Man muss sich nur vor Augen führen, dass viele Flüchtlinge Folteropfer sind, oder ihnen in ihren Heimatländern das Gefängnis drohte und sie davor flohen.

Diese Art von Empfang erwartet Flüchtlinge, die ins FRC Moria kommen und sie müssen alle dorthin, da alle das white paper brauchen. Dies ist auch die Art von Empfang, die die EU-Politik unterstützt, die 75% der Kosten für das FRC übernommen hat.

Über eine andere Art, diese Menschen zu empfangen geht es im nächsten Artikel.

Das Sommerloch fehlt

In den letzten Monaten waren die Nachrichten noch ein wenig deprimierender als sonst. Normalerweise bringt die Tagesschau in ihrer Viertelstunde eine große Krise, um dann kurz etwas zur Innenpolitik zu machen und sich dann dem Sport und den wirklich wichtigen Dingen, wie Schumachers Comeback zu widmen.
Diesmal gab es vor lauter Blutvergießen in Gaza, Ukraine, Syrien und dem Irak manchmal gar keine Zeit mehr für Innenpolitik. Und Ebola musste auch noch Platz finden.
Man fragt sich, was aus dem Sommerloch geworden ist, dass im Sommer für lustige und unschuldige Beiträge über Zootiere und so was geführt hat.
Vielleicht gibt es das in Zeiten des Klimawandels nicht mehr, wie auch der Sommer unberechenbarer wird.

Mir jedenfalls fehlt das Sommerloch.

Außer Nachrichten über süße Tiergeburten und Promihochzeiten haben wir so auch nichts darüber erfahren, was nicht mehr in die Sendezeiten passt. Vor allem wenn es keine neue, große Katastrophe gibt, sondern die Zahl der Toten einfach stetig weiter steigt.
Bei einer Viertelstunde Sendezeit muss einfach abgewogen werden, und eine neue Terrorgruppe , oder vielleicht gar ein Comeback des Kalten Kriegs ist natürlich sexyer als die Abschottungspolitik der Europäischen Union, die auch nach Lampedusa mit einigen kosmetischen Änderungen einfach weitergeht.
Da geht es ja auch um die bösen Anderen, gegenüber denen „wir“ die Menschenrechte verteidigen.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Jede Situation, wo Menschen entwurzelt, vertrieben und getötet werden ist schlimm. Ich würde auch zustimmen, dass bestimmte Konflikte größere Auswirkungen auf andere Gebiete haben, als andere.
Der Krieg in der Ukraine, die Gräueltaten des Islamischen Staates und alle anderen bewaffneten Konflikte, aber auch die Ebolaepidemie in Afrika, die letztlich auch wegen der Unterentwicklungspolitik der „entwickelten Staaten“ so verheerend ist, das alles will ich nicht kleinreden.

Aber auch Festung Europa tötet.

Durch unterlassene Hilfeleistung, aber auch durch „Pushback-Operationen“, in denen Boote voller Migranten einfach wieder aus EU-Wässern herausgeschleppt wird und dann zurückgelassen wird. Teilweise waren diese Boote schon seeuntauglich, teilweise werden sie es von der Küstenwache noch gemacht.

Aber auch in den „Willkommenszentren“ sterben Menschen, oder durch Polizeigewalt, oder einfach durch rechte Schläger, die von der Polizei nicht aufgehalten werden.

Und oft sind es gerade die, die vor den Konflikten, in die die Politik „um der Verantwortung willen“ fliehen, die in der EU wie Kriminelle behandelt werden. Für deren Asylanträge aber kein in dubio pro reo gilt.

Für dieses Sterben – um nicht zu sagen Morden – hat unsere Politik viel direkter Verantwortung und  sie könnte auch sehr viel direkter eingreifen, ohne militärische Gewalt anwenden zu müssen und auch die Folgen eines Politikwandels sind um einiges vorhersagbarer als die Frage in wessen Händen deutsche Waffen letztlich wofür benutzt werden.

In letzter Zeit musste ich mir so oft erklären lassen, wie naiv ich bin und wurde gefragt, was ein Pazifist denn in dieser Situation tun sollte. Natürlich waren meine Antworten unbefriedigend, selbst wenn mir meine Gesprächspartner wirklich zugehört hätten.

Das liegt daran, dass ich eben nicht in dieser Situation bin, und es auch noch nie war.
Was ich hier in Lesbos tue, wie auch vor drei Jahren in Palästina, ist der Versuch, diesen Menschen zuzuhören und ihre Antworten zu hören. Dadurch komme ich nicht in ihre Situation, was ich ehrlich gesagt auch gar nicht will. Niemand will Gewalt erleben, vertrieben werden, fliehen müssen.

Aber wir können mit ihnen stehen, ihnen zeigen, dass sie uns nicht egal sind, und wir können uns wehrlos dem entgegenstellen, was ihnen jetzt droht.

Aber vielleicht rechtfertige ich ja auch nur vor mir selbst, warum ich nicht im Irak bin und trotzdem sage, dass Waffen dort auch nichts besser machen werden.

Übrigens gibt es auch ein Christian Peacemaker Team im Nordirak, das dort kurdische Menschenrechtsorganisationen begleitet und sich z.B. für von IS verschleppte jesidische Frauen einsetzt.

Erste Gedanken aus Lesbos

Heute bin ich auf Lesbos angekommen.
Die nächsten drei Wochen arbeite ich dort im Mittelmeerprojekt der christlichen Friedensstifter Teams mit. Auf Lesbos kommen zur Zeit viele Menschen v.a. aus Syrien und Afghanistan an, die sich auf den Weg gemacht haben, weil dort Krieg herrscht und sie sich in Europa ein besseres Leben erhoffen.
Nach EU-Recht haben sie das Recht einen Asylantrag zu stellen, und haben kein Verbrechen begangen. Trotzdem werden sie in Lagern eingesperrt und wie Kriminelle behandelt.
Das „Willkommenszentrum“ in Moria koennen wir nicht einfach so betreten, aber die Geschichten, die wir von dort hoeren sind schrecklich.
Aber es geht auch anders. Unser Team arbeitet mit der griechischen NGO „Village of all Together“ (Das Dorf aller gemeinsam) zusammen, die in einem verlassenen Freizeitheim ein offenes WIllkommenszentrum gegruendet haben, das seinen Namen auch verdient.
Heute abend gehen wir dort hin, danach kann ich mehr erzaehlen.

Das CPT-Team ist aus mehreren europäischen Treffen von CPTerInnen und SympathisantInnen und dem dem Wunsch heraus entstanden, CPT nicht nur in Europa bekannter zu machen, sondern auch in den Konflikten in Europa lokale FriedensstifterInnen zu begleiten und für eine Welt, in der alle willkommen sind, zu arbeiten.
Im Fruehjahr gab es zwei erkundende Reisen und schliesslich begann im Juli unsere Praesenz hier, die mit wechselnder Besetzung noch bis Mitte Oktober andauert.

Ich werde die Zeit ueber hier und auf http://cptmediterranean.wordpress.com/ (englisch).
Ueber unsere Arbeit hier, einzelne Aspekte des Migrationsregimes so weit ich sie hier kennenlerne, aber auch ein paar schoene Bilder – immerhin ist die Insel Lesbos UNESCO Weltnaturerbe.

Schon komisch: Manche fliegen hierher um Urlaub zu machen und andere fliehen hierher vor Krieg und Terror. Aber weil sie nicht den richtigen Pass haben, koennen sie nicht einfach fliegen und muessen in seeuntauglichen Booten kommen.
Nicht alle schaffen es und die, die es schaffen werden nicht in schoenen Hotels versorgt, sondern kommen in Lager und sollen so schnell wie moeglich zurueck oder wenigstens weiter..
Zwei Arten von Gaesten, zwei Arten des Umgangs.

Schaut ab und zu hier vorbei, ich versuche regelmaessig zu schreiben, weil sich die Eindruecke ja auch schnell zum Alltag entwickeln.

Ihr koennt unsere Arbeit durch eure Gebete unterstuetzen und durch Spenden an das Deutsche Mennonitische Friedenskomitee:
http://www.dmfk.de/spenden.html

Gaza und Hoffnung

Heute ist der zweite Tag des einseitigen israelischen Waffenstillstands.
Für einen mehr oder weniger einseitig dominierten Konflikt scheint es ein passendes Ende.

Ich habe Hoffnung, dass der Waffenstillstand hält, ein paar Wochen, Monate vielleicht ein paar Jahre. Hamas‘ Raketenspeicher sind anscheinend ziemlich geleert und ein großer Teil des Tunnelnetzwerks in der Nähe der Grenze zerstört. Israel hat zwar erst wieder die Zusage bekommen, neue Waffen zu erhalten, aber auch Israel muss sich erst wieder internationale Sympathie erkaufen, bevor wieder bombardiert werden kann.

Hoffnung auf einen wahren Frieden geben mir diese Politikern nicht.
Politikern, die nicht miteinander reden wollen, und Aufrufe zu Genozid nicht mal mehr kritisieren.
Aber es sind nicht nur die da oben, auch die Diskurse in der Bevölkerung auf beiden Seiten sind furchteinflößend. Während des Krieges wurde jede einzelne Friedensdemo in Israel von rechten Israelis angegriffen, Leute mussten ins Krankenhaus.
Ein Israeli aus Berlin sagte in einem Interview mit der taz:

In Israel gibt es seit etwa einem Monat sehr viele rechtsradikale Angriffe, es gibt eine richtige Pogromstimmung gegen linke Israelis und Araber. Meine Freunde dort haben Angst, überhaupt politisch aktiv zu sein. Die Mehrheit in Israel hasst die Linken sowieso, aber es war noch nie so gewalttätig wie jetzt. Natürlich mache ich mir auch Sorgen um meine Freunde und Familie, wenn Raketen in Israel einschlagen. Aber ich muss sagen, meine Freunde in Tel Aviv erleben gerade mehr Gewalt von Rechtsradikalen als durch Raketen.

 

In Gaza hat die erneute Gewalt viele Leute neu in die Arme der Hamas getrieben, die zuvor politisch bankrott war und sich nun als Widerstandskämpfer neue Sympathien erkauft.
Wie auch nicht, wenn PA-Präsident Abbas nur spät schüchterne Verlautbarungen erlässt?

Hoffnung geben mir die PalästinenserInnen, die weiter sich für den gewaltfreien Kampf einsetzen, die Antisemitismus kritisieren, und die prophetischen Stimmen am Rande der israelischen Gesellschaft, die sich mit ihnen solidarisieren.

Gestern war Tisha B’Av, der 9.Av, an dem Jüdinnen und Juden der Zerstörung des ersten und zweiten Tempels, der Vertreibung aus Spanien, der Shoa und der unzähligen anderen Schrecken in der jüdischen Geschichte gedenken.

Rabbi Arik Aschermann von den Rabbinern für Menschenrechte hat einen bewegenden Text dazu geschrieben:

Tonight we read the Book of Lamentations and mournfully sing Tisha B’Av kinot (dirges), recalling the death, and destruction of our two Temples (586 BCE and 70 CE) and the end of Jewish sovereignty.  Yet, we can close our eyes and  imagine that these words are anguished cries being screamed in Gaza. Close your eyes again. But, save for the Iron Dome, we might be hearing them  in Israel as well.   For my neighbors whose son was killed in Gaza, or for the families of Dror Khenein or Ouda Lafi al-Waj living in an unprotected Bedouin village,  it doesn’t really matter that there are over a thousand Gazans dead and “only” tens of Israelis.

Hoffnung gibt mir auch, dass es weiterhin Kinder in Gaza und Israel gibt, und dass manche von ihnen trotz dieser traumatischen Erfahrungen sich Frieden vorstellen können.

Bild von Ohad, 11 Jahre, Sderot

Bild von Ohad, 11 Jahre, Sderot

Diese Zeichnung ist bei einem Malworkshop der Organisation Hamabul – The Great Flood Collective entstanden, die mit Kindern und Jugendlichen durch Kunst politische und soziale Konflikte thematisieren. Während der letzten Wochen haben sie in Sderot, in der Nähe des Gaza-Streifens, eines der Hauptziele der Kassamraketen, einen Comic-Workshop gemacht.

Inmitten des Krieges kann ein Kind sich Frieden vorstellen und sieht, dass nur Zerstörung der Waffen und der trennenden Mauern diesen bringen kann (Ps 46).

Vielleicht kann dann auch ich hier im sicheren Bammental, untätig und unfähig etwas zu tun, hoffen.

Wann gibt es Aprikosen?

Heute abend habe ich mal wieder im Garten gearbeitet. Die heiße Sonne und das widerspenstige Unkraut trieben mir den Schweiß ins Gesicht.

Es erinnerte mich an meine Zeit in Palästina, an Zelt der Völker, den palästinensisch-christlichen Bauernhof, auf dem ich ein Jahr lebte und arbeitete.
Es war eine schöne Erinnerung. An Freundschaften, die immer noch halten, an Erfahrungen, die mich geprägt haben und an Arbeit, die etwas gebracht hat, die ich als Arbeit für den Frieden verstanden habe.

Gerade eben, als ich gerade schlafen gehen wollte, wurde ich wieder an Zelt der Völker erinnert.

Das Tal vorher und nachher (Bild von electronic intifada)

Bilder von einem Ort, den ich sofort wiedererkannte, obwohl er bis zur Unkenntlichkeit umgewühlt wurde. In diesem Tal habe ich im Schweiße meines Angesichts Unkraut gehackt, Bäume beschnitten und endlich die süßesten Trauben, Äpfel und Aprikosen geerntet.

Gerade die Aprikosen waren schwierig. Es war beinahe unmöglich einen guten Zeitpunkt zur Ernte abzupassen, so schnell werden sie überreif. Davon inspiriert lautet ein arabisches Sprichwort für etwas Unvorhersagbares, vielleicht Unmögliches:
Bukra fil mishmish – Morgen gibt es Aprikosen

Die israelische Armee hat beschlossen, dass hier keine Aprikosen mehr wachsen sollen, dass sie illegal sind und evakuiert werden müssen.

Mit Bulldozern wurde diese wachsende, lebendige Hoffnung auf Frieden niedergerissen und zerstört. Diese Bäume waren eine Bedrohung für die Siedlungen in der Nähe und für das unterdrückende System der Besatzung und deshalb mussten sie „evakuiert“ werden.

Wie evakuiert man Bäume?

Man kann einen Baum nicht aus der Erde nehmen und erwarten, dass er weiterlebt.
Die Bilder der Zerstörung entlarven die bürokratisch-humanitäre Sprache als Farce.

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Ich habe die Arbeit bei Zelt der Völker immer als Friedensarbeit gesehen. Jeder Baum, den wir pflanzten und pflegten war ein Schritt zum Erhalt des Landes und letztlich zum Frieden zwischen allen, die dort leben.

Bei aller Zerstörung, die ich an anderen Orten gesehen habe, war ich mir sicher, dass Zelt der Völker sicher sei, bei all den Touristen und Freiwilligen, die jeden Tag dort waren und all den Zeitungsartikeln, die schon darüber geschrieben wurden, bei dem Gerichtsprozess, der nun schon seit Jahrzehnten geführt wird.

Diese Sicherheit ist nun dahin. Zelt der Völker ist trotz aller investierter Arbeit und aller internationalen Unterstützung weiterhin unter der willkürlichen Gewalt der Besatzung, die in ihrem Bestreben, Sicherheit für den „jüdischen Staat“ zu schaffen, immer und immer wieder gegen die Tora verstößt:

„Wenn du eine Stadt lange Zeit belagerst, um sie durch Kampf gegen sie zu erobern so sollt du nicht ihre Bäume vernichten, indem du die Axt gegen sie schwingst, denn von ihnen isst du, und du sollst sie nicht fällen, denn sind etwa die Bäume des Feldes Menschen, dass sie vor dir in die Belagerung kämen?“ Deuteronomium 20,19

Die triumphale Sicherheit ist der Zerstörung gewichen und es wird morgen keine Aprikosen geben.
Was tun in dieser Situation? Daoud schreibt, dass sie eine Beschwerde beim Gericht eingelegt haben und wir uns bereit halten sollen, für etwaige Aktionen.

Das wird die Bäume nicht wieder zurückbringen, sie sind ausgerissen und werden keine Frucht mehr tragen. Aber neue können gepflanzt werden, die Hoffnung kann auferstehen.
Lasst uns dazu beitragen und wachsam sein. Wenn die Nassers es wünschen, sollten wir sie durch Briefe, Petitionen an die Machthaber unterstützen.

Aber zunächst müssen wir den Schmerz aushalten, und können den Gott nur bitten: Herr, erbarme dich. In der Hoffnung, dass die nervige Witwe am Ende selbst vom ungerechten Richter, der weder Menschen noch Gott fürchtet noch Recht bekommt, weil so viele Menschen darauf pochen.
An diesem Tag werden alle Bewohner des Landes Aprikosen essen.

Hier ist Daouds Brief (von der Facebookseite Tent of Nations)

Today [Montag, 19.5.14] at 08.00, Israeli bulldozers came to the fertile valley of the farm where we planted fruit trees 10 years ago, and destroyed the terraces and all our trees there. More than 1500 apricot and apple trees as well as grape plants were smashed and destroyed.

We informed our lawyer who is preparing the papers for appeal. Please be prepared to respond. We will need your support as you inform friends, churches and representatives when action is needed. Please wait for the moment and we will soon let you know about next steps and actions.

Thank you so much for all your support and solidarity.

Blessings and Salaam,
Daoud

Ein Artikel dazu auf electronic intifada
Und auf Mondoweiss