Moria – organisierte Ungastlichkeit

Wie soll man mit den Menschen umgehen, die aus ihrer Heimat geflohen sind und nach oft monatelangen Reisen auf Lesbos und anderswo ankommen, um in Europa ein sicheres und freies Leben zu finden?
Auf Lesbos gibt es zwei Lager, die wir regelmäßig besuchen und die archetypisch für zwei Weisen stehen, mit „den Anderen“ umzugehen: Moria und Pikpa.

In diesem Artikel beschreibe ich die Lage in Moria, im nächsten dann Pikpa.

FRC Moria

Moria ist das offizielle „first reception center“ – „erstes Empfangszentrum“, in dem Flüchtlinge für einige Tage festgehalten werden, in denen sie  in eine europäische Datenbank eingetragen werden, bis sie mit einem sogenannten „white paper“ weiter geschickt werden. Das „white paper“ ist eine Anordnung der Polizei, Griechenland binnen eines Monats in Richtung ihres Heimatlandes zu verlassen, es dient Flüchtlingen aber de facto als Reisedokument und schützt sie innerhalb dieses Monats davor, von der Polizei aufgegriffen und dann für bis zu 18 Monate eingesperrt zu werden.

Das „First Reception Center“ (FRC) liegt ein paar Kilometer außerhalb des Dorfes Moria von dem es seinen Namen hat (eigentlich eine Schande, denn das Dorf ist wirklich schön).
Weit draußen werden die Einwohner des Dorfes Moria selten mit denen konfrontiert, die im Lager Moria festgehalten werden.

„Bewegungsfreiheit – Keine Grenzen“ hat jemand in die Mauer eingeritzt.

FRC Moria hat drei Zäune, jeweils mit Natodraht bestückt, durch die man muss, um zu den Flüchtlingen zu kommen. An jedem Tor gibt es Schlösser und Wachposten, aber als wir gestern dort waren, war niemand am ersten und am zweiten Wachposten.
Das dritte Tor schließlich ist verschlossen. Hier sind wir bis jetzt noch nie weiter gekommen, auch wenn wir immer einige Bedarfsgegenstände wie Windeln oder Damenbinden mitbringen und die Wachen jedes Mal ein bisschen entspannter sind.
Dennoch dürfen wir nicht bis zu den Flüchtlingen und dürfen auch keine Fotos machen.

Die Flüchtlinge haben sogar noch ein weiteres Tor weiter erst „freie“ Bewegung und so können wir nicht wirklich mit ihnen sprechen.
Dafür sprechen wir mit den „Doctors of the World“ einer NGO, die sich um die medizinische Versorgung der Flüchtlinge kümmert. Ihre Anwesenheit hier ist vertraglich geregelt und
sie befinden sich in der schwierigen Situation, Teil des Migrationsregimes zu sein, und es anzuklagen.
Ihre Berichte und durch die von MigrantInnen und Flüchtlingen, die Zeit im FRC Moria verbracht haben, zeichnen ein dunkles Bild von mangelnden hygienischen Bedingungen, willkürlichen Bestrafungen und der Entwürdigung von Flüchtlingen, die das Recht auf Asyl haben, aber wie Kriminelle behandelt werden.

Um zusammenzufassen: Das  „First Reception Center“ in Moria ist abseits und getrennt von der lokalen Bevölkerung, es ist architektonisch kaum von einem Gefängnis zu unterscheiden und auch die Behandlung derjenigen, die dort festgehalten werden zeigt, ist nicht angemessen. Man muss sich nur vor Augen führen, dass viele Flüchtlinge Folteropfer sind, oder ihnen in ihren Heimatländern das Gefängnis drohte und sie davor flohen.

Diese Art von Empfang erwartet Flüchtlinge, die ins FRC Moria kommen und sie müssen alle dorthin, da alle das white paper brauchen. Dies ist auch die Art von Empfang, die die EU-Politik unterstützt, die 75% der Kosten für das FRC übernommen hat.

Über eine andere Art, diese Menschen zu empfangen geht es im nächsten Artikel.

Freispruch

Sogar in Italien gibt es noch Gerechtigkeit.

Gestern wurde die Lex Berlusconi gestoppt und die Kapitäne der Cap Anamur II freigesprochen.

Ich freue mich mit ihnen, aber warum wurden sie überhaupt angeklagt? Wie kam jemand auf die Idee, Menschen vor dem Ertrinken zu retten könnte ein Verbrechen sein, nur weil diese Menschen nicht die richtigen Papiere haben?

Im November wird ein ähnlicher Fall verhandelt, nur diesmal waren es afrikanische Seeleute, die keine Riesenlobby hinter sich haben, wie eine Menschenrechtsorganisation wie Cap Anamur – ob dieser Fall eine Signalwirkung hatte, wird sich dann zeigen.

Sicher ist jeden Fall eins: auch wenn die Kapitäne freigesprochen wurden, der italienische Staat und die EU haben deutlich gezeigt, dass wer Leben rettet zumindest mit jahrelangen Verfahren rechnen muss…

Ich möchte mich wirklich gerne freuen, aber da muss ich mich wohl anderen Dingen zuwenden, wie Fernsehserien, denn, wie Pro Asyl in ihrer Presseerklärung schreibt: „Europa lässt sterben.“

Spontanes Wochenende Teil I

Ich hatte mir nach meiner Krise letzte Woche vorgenommen spontaner zu werden 😉 . Das setzte ich letztes Wochende ziemlich konsequent durch. Hier das erste meiner spannenden Erlebnisse:

Zunächst mal schlief ich ganz spontan bei einem Freund aus der Gemeinde in seinem ziemlich ärmlichen Haus und musste in seinem Bett schlafen, während er auf dem Boden schlief – Ich konnte ihn nicht davon überzeugen ,dass es mir unangenehm war, dass er ein solches Opfer für mich brachte.

Und das kam so: Der Jugendleiter hatte alle Heranwachsenden der Gemeinde in sein Haus am anderen Rand von Asunción eingeladen. Ich kam mit einigen Verwicklungen in den richtigen Bus, in dem zufällig sogar ein Paar aus der Jugendgruppe war, denen ich mich dann unauffällig anschließen konnte, weil sie im Gegensatz zu mir, den Hauch einer Ahnung hatten. Dort angekommen planten wir die Jugendstunden für den Monat Mai, inklusive einem Theaterstück für den Muttertag, bei dem ich zum Glück keine Rolle bekam, und einem für das Treffen der Jugendgruppen unserer Schwestergemeinden, bei dem ich nicht entkam. Ich werde Jesus spielen, und der andere blonde Gott… Ich versuchte zwar mich zu wehren, vor allem, weil ich es schrecklich finde, dass sie sich Jesus – und jetzt sogar Gott! – immer als blond vorstellen. Das ist übrigens nicht meine Interpretation, sondern wurde als ein Argument genannt, warum ICH Jesus spielen soll, weil ich blond bin.

Nach dieser Besprechung führte uns der Jugendleiter noch durch Canal 2, ein christlicher Sender, wo er immer arbeitet, wenn er nicth gerade für die Gemeinde arbeitet, zumindest kommt es einem so vor. Es ist erstaunlich, dass der Sender so bekannt und groß ist, aber in einem einzigen, nicht wirklich großen Gebäude Platz findet. Auf einem freien Fernseher schauten wir einen Zeichentrickfilm über Eier, dem ich nicht ganz folgen konnte, weil daneben stumm CNN Español lief, mit einem Bericht über die Schweinegrippe in Mexiko, die zu dem Zeitpunkt angeblich 86 Tote gefordert hatte (Die Zahlen wurden inzwischen nach unten korrigiert – aber da hat es mich echt schockiert).

Schließlcih gegen neun Uhr nachts, mussten wir Richtung Limpio fahren und während wir auf den Bus warteten, sagten mir die anderen, es wäre ziemlich gefährlich jetzt an der Kreuzung, wo ich normalerweise meinen Anschlussbus nehme, auszusteigen und der eine, der auch mein Klassenkamerad ist, bot mir an ich könne bei ihm schlafen. Ich zögerte noch ein bisschen, schließlich rief ich dann Leoni an, beriet mich mit ihr und sagte ihr dann, ich würde dort schlafen.

In Limpio angekommen verabschiedeten wir uns von den anderen, brauchten ein wenig, bis ich aufhörte mich wegen der Bettgeschichte (äh nein, so war das nicht gemeint….) zu schämen, dan tranken wir noch einen Cocido (heißer Tee aus Yerba, Milch und zuviel Zucker), spielten ein wenig Gitarre und legten uns schlafen… zumindest probierte ich es. In der Nacht schlief ich sehr schlecht, weil er den Ventilator auf der höchsten Stufe hatte, weshalb es viel zu laut war und ich bitterlich fror… aber ich wollte nichts sagen, weil er sehr gut zu schlafen schien, irgendwann schlief ich dann auch ein…

Morgens gingen wir nach einem sehr bescheidenen Frühstück zum Gottesdienst.

Es war ein besonderes Erlebnis, dass mich Demut und Freude gelehrt hat. Demut, weil ich die Gastfreundlichkeit armer Leute annehmen musste und Freude darüber, wie gut es mir finanziell geht.