1:1 für Paraguay und mein innerer Kampf mit der WM

Heute habe ich freiwillig ein Fußballspiel geschaut. Meine Prinzipien gebrochen. Aber, es war immerhin ein Paraguayspiel, da musste ich ja zuschauen, alleine um zu beweisen, dass ich mich dort eingelebt habe. Während ich die unbequeme Frage nach dem Nationalismus für neunzig Minuten ignoriert habe, bin ich ein wenig betrübt, dass Paraguay das 0:1 nicht halten konnte. Wenigstens war es noch unentschieden.

Die Paraguayer nehmen aber ihren Fußball um einiges ernster als wir Deutschen. Immerhin hat der paraguayische Präsident Lugo, den heutigen Tag des ersten Spiels der Paraguayer zum Ruhetag erklärt. Da würde ich mich auch mehr für Fußball begeistern, wenn das in Deutschland zur Norm würde.

Unglaublich, dass ich schon zwei Artikel über die WM geschrieben habe, es scheint als, würde meine misathletische Haltung zu bröckeln beginnen, NEIN!!!

Warzenweltmeisterschaftswerbung

Ich habe leider schon einige Europa- und auch Weltmeisterschaften erleben müssen. Die Idee ist mehr oder weniger immer die gleiche. 22 Männer jagen eine Lederkugel im Namen ihrer Nation, mit der sie eigentlich so gut wie nichts mehr gemeinsam haben, da sie normaler Weise in anderen Ländern wohnen und dort einer Lederkugel hinterher rennen und dafür unverschämt viel Geld kriegen arbeiten.

Das ganze scheint alle Menschen in meiner Umgebung brennend zu interessieren: Feministinnen vergessen schlagartig, dass sich Sexismus auch darin zeigt, dass Männerfußball viel mehr gefördert und wertgeschätzt wird als Frauenfußball, Antinationalisten schwenken Fahnen, als ob wir nie schlechte Erfahrungen mit dem Fiebern nach dem Endsieg gehabt hätten (es bleibt aber ein enormer Fortschritt, wenn sich 22 Männer für neunzig Minuten prügeln, als Millionen über mehrere Jahre). Die ansonsten ach so ökologisch bewussten Menschen hängen sich hundert Deutschlandflaggen ans Auto und verbrauchen damit 0,5l/100km/Fahne mehr Treibstoff und kaum verhüllter Fremdenhass gegen bessere Mannschaften (siehe Italien vor vier Jahren) wird wieder salonfähig. Was will man mehr?!

Aber es wird noch besser. Ein jede/r Bürger/in kann nun seine/ihre nationalen Stolz zeigen, indem er/sie munter McWraps vertilgt, oder sinnlos teure und unsagbar hässliche Deutschlandhüte, -brillen, oder -dreadperücken kauft. Streng logisch – schließlich braucht die Nation unseren dauernden Konsum.

Heute bin ich über eine besonders sinnlose Werbung gestolpert: Weltmeisterlich gegen Warzen. Genau das, woran ich bei der WM denke.

Milch und Steine

In siegestrunkener Stimmung kamen wir aus dem Stadion heraus und besangen den Tod Cerros.

Die Straßenhändler standen bei ihren Thermoboxen gefüllt mit Brahma (eine Biersorte) und riefen: „Milch! Milch!“, weil sie keine Ausschenkgenehmigung haben und die Polizisten standen ungerührt daneben.

Wir zogen durch die Straßen und ich musste zusammen mit seiner Freundin den Paraguayer zurückhalten, wenn ein Cerrista vorbeikam – Warum sind sie eigentlich so aggressiv, vor allem wo sie doch gewonnen haben?! Im Bus schließlich waren zum Glück keine Fans der Gegenseite, sondern nur Gewinner und diese taten ihre Freude allen kund, indem sie laut sangen und dazu gegen das Dach des Busses schlugen.

Ich versuchte weiter die Fanatiker zu beruhigen, wenn sie einen rot-blauen Fanatiker sahen, als mein paraguayischer Freund rief: „Der hat einen Stein!“

Alle duckten sich außer ihm selbst, Glas klirrte und er hielt sich den Kopf.

Es war ein 10 cm langer, flacher Stein – die älteste Waffe der Menschheit.

Zum Glück blutete es nicht…

Aber den Zusammenhang zwischen seiner verbalen und der im Stein manifestierten Gewalt wollten meine Begleiter nicht erkennen.

El clasico, zum zweiten

Nach dem anstrengenden Samstag war am Sonntag auch noch das Clasico: Das Zusammentreffen von Olimpia und Cerro.

Also war ich wieder einmal im Stadion (das zweite Mal in Paraguay, das zweite Mal in meinem Leben).

Beim Tickets kaufen vom Straßenhändler hätten wir fast 80.000 Guarinies gespart: zwei Schwarzhändler rannten in unterschiedliche Richtungen mit meinem Geld weg, um es zu wechseln und gaben jedes Mal Wechselgeld. Aber sie kamen dahinter, umzingelten uns, und erlösten mich von meinen Gewissensbissen.

Im Stadion gings mal wieder fröhich ab, bei der Gegenseite nicht so: es gab eine riesige Schlägerei im Lager der Cerristas und die Polizei musste aufmarschieren, mit Helm und Schild.

Das 1:0 fiel für Olimpia in der ersten Halbzeit, während ich über meinen steifen Hals und Rückenschmerzen von gestern klagte; das Ausgleichstor bekam ich mit, aber beim Mitteilen der Nachricht an Robert via SMS, verpasste ich das gleich darauf folgende 2:1 von Olimpia!

Dieser Spielstand blieb bis zum Abpfiff, unser Lager war am Durchdrehen vor Freude.

Spontanes Wochenende Teil II (mein erstes Fußballspiel!)

Ich bin ein bisschen hinten dran mit meinem Bericht, genau eine Woche nämlich, aber je mehr man erlebt, desto mehr hat man zu schreiben, gleichzeitig jedoch schwindet die Zeit, die man dazu benötigt. Ein für mich bis jetzt unlösbares Problem, was teilweise daran liegt, dass ich nicht darüber nachdenken kann, weil ich ja die ganze Zeit neue Dinge erlebe. Eine Spirale des Erlebens sozusagen.

Jetzt habe ich aber endlich mal Zeit und werde euch nicht weiter mit langweiligen Vorworten quälen, sondern endlich anfangen mit meinem Epos!

Während der Woche hatte ich schön mit einer Freundin, ausgemacht, dass wir uns am Sonntagnachmittag treffen wollten, wann genau, wollte sie mir Samstag schreiben. Als ich Samstag gegen zehn Uhr nachts immer noch keine Nachricht hatte, schrieb ich ihr mal eine SMS. (Das war während wir im Bus fuhren und ich gerade entschied, bei dem Freund aus der Gemeinde zu schlafen) So erfuhr ich, dass sie das Treffen ganz vergessen hatte, weil am Sonntag das Fußballspiel Olimpia vs. Cerro sein würde und sie und ihr Freund schon Karten gekauft hatten. Ich war ein bisschen enttäuscht, weil ich mich das letzte Mal vor zwei Monaten mit ihr getroffen hatte und mich sehr darauf gefreut hatte. Dann besann ich mich meines Vorsatz spontan zu sein und fragte zu meinem eigenen Erstaunen, ob es noch Karten gebe und kurze Zeit später hatten wir ausgemacht, uns mittags in Asunción zu treffen, um das traditionell spannendste Spiel zu sehen.

Hier wäre nun eine kurze Erklärung angebracht: Cerro und Olimpia sind zwei Fußballvereine aus Asunción, die erbitterte Feinde sind.

Nach dem Gottesdienst fuhren wir also nach Hause und ich bereitete meine Sachen vor, nur um dann viel zu spät in den falschen Bus einzusteigen, aber zum Glück ging er an der Straße vorbei, wo ich aussteigen musste, weshalb ich dann nur ein paar Blocks zu Fuß gehen musste. Am Treffpunkt wartete ich und wir telefonierten noch bis wir uns endlich trafen, wobei sich herausstellte, dass wir an einander vorbei gelaufen waren ohne uns zu sehen, bzw. der Freund hatte mich gesehen, er kannte mich ja aber noch gar nicht!

Also machten wir uns auf den Weg zur nächsten Straße, wo die Busse zum Stadion vorbeifuhren. Auf dem Weg stopften die beiden ihre Trikots in ihre Hosen und erklärten mir, die Stimmung zwischen den Fans der beiden Clubs sei nicht so gut, und es könnte sein, dass wir irgendwann mal vor den Cerristas wegrennen müssten, weil die ja so gewalttätig wären. Ich fragte nur, ob von den Olimpistas nicht auch ein wenig Gewalt ausgehen würde, aber das wurde vehement verneint. Als wir schließlich im Bus saßen waren wir auch sehr friedlich, obwohl neben uns genauso friedliche Cerristas saßen, die ihre Trikots auch versteckt hatten. Dann marschierte neben uns ein Trupp Olimpiafans mit Bannern und angezogenen Trikots vorbei, die als sie die heimlichen Cerrofans sahen, gleich mal bewiesen wie friedfertig sie waren und das Fenster des Busses einschlugen

Der Bus fuhr schnell weiter, beim nächsten Kommisariat stieg ein Passagier aus und informierte die Polizei, die sich den Schaden besah und weiter wahrscheinlich nichts unternahm. Der Angegriffene war zum Glück nicht sehr verletzt, er hatte einen Kratzer am Ohr abbekommen.

In der Nähe des Stadions stiegen wir aus und liefen den Rest des Weges an Polizeisperren vorbei zum Fanaufgang der Olimpistas, wo ich mir zum doppelten Preis ein Ticket kaufte und dazu noch ein Trikot, um nicht so aufzufallen. Während wir warteten endlich ins Stadion gelassen zu werden, lernte ich schon mal ein paar der Olimpiahymnen, die meistens anfeuernd für den Verein sind, manche aber auch Schmählieder über Cerro, den Erzfeind.

Als wir dann im Stadion waren, merkte ich erst, dass das Spiel noch lange nicht anfing, zu dem Zeitpunkt spielten auf dem Platz gerade die Jugendmannschaften der Vereine gegeneinander, was aber niemand zu verfolgen schien. Wir gingen unter die Tribüne, wo die Fans trommelten, sangen und tanzten. Es war eine sehr coole Stimmung und ein Vorbote, wie das ganze Spiel ablaufen würde.

Irgendwann löste sich diese Gruppe auf und wir gingen wieder nach oben, wo wir nicht lange warten mussten bis das Spiel begann. Unterdessen wurden längliche Luftballons verteilt, mit denen man wedeln sollte und die einen Riesenkrach machten, wenn man sie gegeneinander schlug, und die letzten Vorbereitungen für das Spiel getroffen.

Schließlich kam der Anpfiff und die erste Viertelstunde sah ich gar nichts, weil die Fans vor uns schwarz-weiße (Vereinsfarben) Regenschirme hochhielten und danach wurde ein Banner über unsere ganze Abteilung gerollt, das wir natürlich nicht lesen konnten, weil wir darunter waren. Es war aber sehr lustig.

Irgendwann gab es keine Regenschirme mehr, weshalb ich wenigstens ein bisschen vom Spiel sah, aber ehrlich gesagt, war ich zu beschäftigt mit den anderen zu springen und zu singen, sodass ich das 1:0 für Olimpia fast nicht bemerkte. Plötzlich stürzten alle nach vorne und zum Glück rannte ich mit, weshalb ich nicht überrannt wurde. Der Jubel war groß und bis zur Halbzeit beruhigte sich niemand mehr in unserem Teil des Stadions.

In der Halbzeitpause wurde für einige Firmen geworben, es gab eine erbärmliche Cheerleadervorführung und eine Gruppe demonstrierte gegen Fangewalt. Ich war so durstig, dass mich auch die vollkommen überteuerten Preise für Getränke nicht schocken konnten. Außerdem konnte ich mich in der Pause endlich mal hinsetzen, was während dem Rest des Spiels unmöglich war, weil man dann a) gar nichts mehr sähe und b) Gefahr liefe, dass jemand auf einen drauf springen könnte.

Nach der Halbzeit ging es mit Fanliedern und Springen weiter, als ob wir nicht schon eine Dreiviertelstunde alles gegeben hätten. Beim 2:0 war ich über die Freude meiner Freunde sehr überrascht, weil ich dachte Olimpia habe ein Eigentor geschossen, niemand hatte mir erklärt, dass in der zweiten Hälfte die Seiten gewechselt werden! Als ich das begriffen hatte, konnte ich mich auch weiter dem Freudentanz widmen. Die Cerristas waren mit dem Spielstand nicht so zufrieden und begannen sich untereinander zu prügeln, was anscheinend oft passiert und wir mussten manchmal aufhören zu singen damit alle Olimpistas dasselbe Lied sangen, weil sonst vielleicht auch bei uns Schlägereien begonnnen hätten. Zum Glück blieb auf unserer Seite aber alles ruhig. Stattdessen sangen wir weiter Lieder, wobei ich bei dem einen Lied den Text von „A todos los de Cerro vamos a matar“ (Wir werden alle Cerrofans töten) in „A todos los de Cerro vamos a amar“ (Wir werden alle Cerrofans lieben) änderte, was Reaktionen von Kopfschütteln bis Unmut hervorrief. So viel zur Feindesliebe im Fußball.

Zum Unmut der Cerrofans änderte sich der Spielstand bis zum Ende nicht mehr und sie begannen Flaschen auf das Spielfeld zu werfen. Nach dem Abpfiff marschierte Polizei in voller Krawallmontur auf und während alle das Stadion verlassen durften, mussten wir Olimpistas noch eine halbe Stunde in „Schutzhaft“ bleiben, bis wir raus durften. Beim Rausgehen hatten es einige so eilig, dass sie die Kartenkontrollautomaten umrissen. Ich hatte meine Freunde am Ende aus den Augen verloren, traf sie aber draußen wieder. Wir fuhren siegestrunken mit dem Bus, wobei die Triumphgejohle sich jedes Mal steigerte, wenn wir Olimpistas sahen und sich in übelste Beschmpfungen wandelte, wann immer ein Cerrista sich blicken ließ. Ich fand es zum Einen seltsam, dass ein Sport und ein Spiel so viel Hass erzeugen kann, und – mehr noch eigentlich – fragte ich mich, warum die Gewinner so aggressiv waren, während die Verlierer relativ ruhig erschienen…

Wir zogen dann noch ein wenig um die Häuser und feierten schließlich mit Tankstellenfastfood den Sieg, bis ich mit dem Bus nach Hause fahren musste, weil am Montag ja wieder Schule war.

Alles in allem war es ein sehr spannendes Erlebnis, das zu haben ich mir vor kurzem noch nicht hätte vorstellen können. Ich will auf jeden Fall noch Mal auf ein Spiel gehen, was sehr wahrscheinlich ist, weil die Freunde, mit denen ich da war fast jedes Olimpiaspiel besuchen. Ich bin zwar (noch) kein Fußballfan geworden, aber doch ein Stadionfan, zumindest wenn die Fans so (größtenteils) friedlich und voller Freude feiern können, wie hier. Ich würde mir natürlich wünschen, dass sie sich an den Olympischen Frieden halten würden, aber das ist wohl ein allzu optimistischer Wunsch…

 

PS: Ich benutze jetzt hier zum ersten Mal eine Diashow, gebt doch bitte Kommentare ab, ob ihr diese Form besser findet, oder nicht…