Von Lesbos bis Calais – wachsende Zäune und Gastfreundschaft, die Mauern niederreißt

In den letzten Jahren sind aufgrund alter und neuer Kriege, aufgrund des Klimawandels und ungerechter Wirtschaftsbeziehungen immer mehr Menschen aufgebrochen, um in Europa ein Leben in Sicherheit und Wohlstand zu finden. Während früher die Nachrichten von Ertrunkenen unangenehm waren, aber verdrängt werden konnten, kann spätestens seit dem letzten Sommer niemand mehr die Augen vor der Not der Menschen auf der Flucht verschließen und die Frage, „Was sollen wir tun?“ drängt sich allen auf.
Die Reaktionen sind vielfältig und in der medialen Repräsentation wechselhaft.
Im Sommer konnte man fast den Eindruck gewinnen, ganz Deutschland sagt „refugees welcome“, jetzt wirkt es, als ob es nur noch fremdenfeindliche Mobs gibt.
Die Wirklichkeit ist natürlich komplexer, aber doch ist es auch ein Ringen um Deutungsmacht.
Und die Macht der Deutung ist auch die Macht, die Zukunft zu formen.

Ich selbst beschäftigte mich seit 2014 intensiv mit der Situation von Flüchtlingen in Europa.
In dieser Zeit hat vieles sich verändert. Es sind neue Kriege dazu gekommen, rechtliche Rahmen wurden erneuert, ausgesetzt und wiedereingeführt, Europa hat sich verändert, und auch ich. In diesem Text, den ich ursprünglich für den London Catholic Worker geschrieben habe, versuche ich einen Teil der Geschichten zu erzählen.

Im Sommer des Jahres 2014 begannen die christlichen Friedensstifter-Teams (CPT) ein Projekt auf der griechischen Insel Lesbos um Flüchtlinge und solidarische Gruppen zu begleiten.
Da Lesbos nur zehn Kilometer vor der türkischen Küste liegt, wagen viele Flüchtlinge hier die Überfahrt und betreten hier zum ersten Mal europäischen Boden.
Seit im Sommer 2012 die ersten größeren Gruppen von Flüchtlingen auf Lesbos ankommen gründeten sich einheimische Gruppen wie etwa das “Dorf Aller Gemeinsam”, um die Neuankömmlinge willkommen zu heißen und sie zu beherbergen bis sie weiterreisen können.

Die dritte Lektion des Griechischunterrichts: Die Verb "sein" und "haben". Ich lerne auch noch einiges, da Neugriechisch nur wenig mit dem antiken Griechisch zu tun hat.

Griechischunterricht in Pikpa im Sommer 2014

Sie gründeten das offene Lager PIKPA auf einem leerstehenden Campingplatz, wo Flüchtlinge unterkommen können, bis sie ihre Papiere erhalten.
PIKPA ist sowohl praktische humanitäre Hilfe als auch eine provokative politische Alternative zu dem stacheldrahtbewehrten “First Reception Centre” in Moria: Es ist möglich, mit minimalen Ressourcen und ohne Gewalt Flüchtlinge unterbringen und zu registrieren, indem man sie einfach als Menschen mit Würde behandelt.
Die Überforderung angesichts so vieler ankommender Menschen zwingt die Verwaltung Lesbos PIKPA zu unterstützen, da ohne solche zivilgesellschaftliche die offiziellen Instanzen komplett überfordert wären. Diese Situation konnten die Aktivisten dazu nutzen, die Verwaltung zur Übernahme der Kosten für Essensversorgung und sanitäre Anlagen zu bewegen.
In Kalloni hauchten ein orthodoxer Mönch und eine paar atheistische Marxisten einem alten Kloster neues Leben ein, indem sie dort durchkommende Flüchtlinge speisten und sie pflegten.
Trotz der erdrückenden Last der Austeritätsgesetze, Arbeitslosigkeit und einer aufsteigenden extremen Rechten, entscheiden sich Einzelne und Gemeinschaften, den Fremden willkommen zu heißen und ihnen zur Seite zu stehen.
Als christlicher Friedensstifter fühle ich mich geehrt, sie zu unterstützen und unsere Erfahrungen in Begleitungsarbeit und Menschenrechtsbeobachtung einzubringen.

Diesen Februar verbrachte ich zwei Wochen in Calais.

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Dort haben etwa fünftausend Flüchtlinge auf dem Weg nach England sich auf einer ehemaligen Müllhalde eine zeitweise Bleibe geschaffen, nachdem die Polizei sie von den verstreuten kleineren Camps vertrieben hatte. Dieser Ort wird von vielen nur „the Jungle“ – „der Dschungel“ genannt.

Ich habe in dieser Zeit viel mit Menschen geredet; über den Dschungel, über ihre Heimat und ihre Hoffnung für die Zukunft. Aber vor allem wurde ich zum Essen eingeladen und zum Tee trinken. Wir haben zusammen gelacht, über kleine Absurditäten des Lebens und über Slapstickhumor.
Wäre ich länger geblieben, hätten wir wohl auch zusammen geweint, aber so blieb es dabei, dass jeder für sich weinte.

Warum sind diese Menschen nach Calais gekommen, warum leben sie unter diesen Bedingungen und riskieren weiter ihr Leben, um im Laderaum eines LKWs oder durch den Tunnel nach England zu kommen?

Sie hoffen, von dort nach England zu kommen, um dort Asyl zu beantragen. Ihre Beweggründe sind vielfältig, ich habe folgendes gehört: einige haben Familie in England, andere mussten aufgrund ihrer Zusammenarbeit mit dem britischen Militär aus ihrer Heimat fliehen, manche glauben aufgrund ihrer Englischkenntnisse schneller Anschluss zu finden, und ja es gibt auch die ein oder andere Illusion über das Leben in England.
Und Frankreich übernimmt kaum Verantwortung für Asylsuchende. Viele von ihnen sind obdachlos, und der Kälte und der Gewalt von Rassisten schutzlos ausgeliefert.

Hunderte Freiwillige aus England und ganz Europa verwandelten gemeinsam mit den BewohnerInnen den „Dschungel“ von einer reinen Hölle auf Erden zu einem Ort, der sowohl hässlich als auch wunderschön ist und an dem menschliche Grundbedürfnisse nach Nahrung, Wärme, Beziehung und Freiraum zumindest ansatzweise befriedigt werden können.

orthodoxe Kirche im Dschungel

Leider sind die Einheimischen nicht so stark involviert wie in Lesbos und viele Flüchtlinge haben aufgrund der Gewalt rechtsextremer Banden und der Polizei Angst davor, nach Calais zu gehen.
Dennoch bilden sich auch Beziehungen und es gibt Menschen, die verstehen, dass zwar “niemand Flüchtlinge im eigenen Garten haben will, aber die Flüchtlinge wollen auch nicht da sein – sie haben nur keine Wahl”, wie Bruder Johannes vom Mere Marie Skobtsov Catholic Worker Haus in Calais sagt.

Die Regionalpräfektur hat angekündigt (und mittlerweile begonnen) das Camp zu räumen ohne tragfähige Alternativen zu bieten. Rechtlicher Einspruch gegen diese Maßnahme war erfolglos. Viele Flüchtlinge haben keinen Ort mehr, an den sie gehen können und leisten auf kreative Art Widerstand gegen die Zerstörung ihres neuen Zuhause.
Die Regierung hängt der Illusion an, dass die Menschen, die in Calais erneut ihre Heimat verlieren, einfach verschwinden werden. Und dass nächsten Sommer keine Neuankömmlinge kommen werden, die ebenso hoffen, nach England zu kommen.
In der angespannten Situation der Räumung kommt der friedlichen Präsenz von Menschen, die das Vorgehen der Polizei dokumentieren und bei Konflikten deeskalieren, eine wichtige Rolle zu.

In einer der Suppenküche traf ich Ibrahim, dem ich zuerst im Sommer 2014 auf Lesbos begegnet war. Es war eine seltsame Wiedersehen. Er freute sich mich wiederzusehen, und ich auch, aber gleichzeitig kämpfte ich mit den Tränen. Ibrahim ist nun seit zwei Jahren unterwegs, er hat Grenze nach Grenze überwunden, musste sein Leben in die Hände von Schmugglern legen und nun ist er auf die Hilfe von Freiwilligen wie mir angewiesen.
Nichtsdestotrotz ist es entschlossen, seinen Weg nach England zu finden.

Von Lesbos bis Calais, in ganz Europa stehen der Bewegung der Flüchtlinge höher werdende Zäune und Gewalt von FRONTEX, Polizei und faschistischen Bewegungen gegenüber. In Deutschland gab es im vergangenen Jahr über eintausend Angriffe auf Asylbewerberheime. Die extreme Rechte hat mit Pegida sowohl eine Bewegung, als auch in der AFD auch in Deutschland eine politische Macht errungen.
Gleichzeitig opfern zehntausende EuropäerInnen mit Papieren ihre Freizeit, um sich ehrenamtlich für Flüchtlinge einzubringen. Sie bringen den Neuankömmlingen die Landessprache bei, oder begleiten sie zu Amtsterminen oder zum Arzt. Die Freiwilligen auf Lesbos und in Calais sind lediglich die sichtbarsten Beispiele der Willkommenskultur, die parallel zum Aufstieg der extremen Rechten verläuft und mit ihr über die Deutungsmacht dieses historischen Moments ringt.

Für Menschen wie Ibrahim, für die kleinen Gemeinschaften, die Gastfreundschaft mit den Fremden üben und für uns selbst, muss die Willkommenskultur zu einer wirklichen politischen Kraft werden.

Als Gläubige erzählen wir davon, “dass einige ohne es zu wissen Engel aufgenommen haben”.
Wir glauben, dass wir selbst ein Pilgervolk sind und dass wir dem Auferstanden in den Geringsten begegnen. Wenn wir das ernst nehmen, wird es uns zur Gabe und Aufgabe, die Wirklichkeit der Gastfreundschaft in Wort und Tat zu bezeugen.

Eine kleine Anekdote aus dem PTS

Gestern (Dienstag) lief ich an der Pinnwand im PTS vorbei und sah, dass jemand auf das Plakat zu den Inspirationen am Abend geschrieben hatte: „Auch die Einbrecherbanden?“
Eine rhetorische Frage, die anscheinend implizieren sollte, „Einbrecherbanden“ seien egal.
Das „egal“ bezieht sich auf dem Plakat auf geflüchtete Menschen, weshalb mit dem Graffiti wohl gemeint ist, die „Einbrecherbanden“ rekrutierten sich aus dieser Menschengruppe.

Die Formulierung auf dem Plakat ist wohl auch ein Wortspiel auf den bekannten Slogan „Kein Mensch ist illegal“, wogegen sich der Autor (die Autorin) wohl positionieren wollte.
In seinem (oder ihrem) Kopf bestand da wohl ein Zusammenhang, wonach Menschen aufgrund ihrer Handlungen ihr Wesen veränderten und damit auch ihren intrinsischen Wert verlierten und daher „egal“ (oder per Implikation „illegal“ würden).
Wie man als TheologiestudentIn auf so einen Gedanken kommen kann, ist schwer nachvollziehbar.

Ich wunderte mich ein wenig, war aber in Eile und ging weiter.

Heute (Mittwoch) lief ich wieder an dem Plakat vorbei.
Es hatte sich in der Zwischenzeit verändert.

Jemand hatte den ersten Kommentar abgerissen und damit seine/ihre Meinung zu diesem Kommentar geäußert. Diese damnatio memoriae erwies sich aber nicht als erfolgreich (weswegen sie meist auch nur bei Toten angewendet wird). Neben dem neuen Loch fand sich ein neuer Kommentar in derselben Handschrift: „Angst vor der Wahrheit?“.

Wieder dieser fragende Impetus, der sich herausfordernd und kritisch gibt. Man fragt sich, ob es noch andere rhetorische Mittel gibt.

Auch dieses Mal konnte ich nicht am Plakat verweilen, ich musste weiter zum Seminar. Aber die Frage ließ mich nicht los. Habe ich etwa Angst vor der Wahrheit?
Sind die geflüchteten Menschen eigentlich nur auf unserem Reichtum aus und bilden „Einbrecherbanden“ und nehmen sich den ganz praktisch?
Ist es nur naives Gutmenschentum, diese „Wahrheit“ nicht anzunehmen, auszublenden und vor ihrer Sichtbarmachung „Angst“ zu haben?

Halt, Stopp!

Es ist doch gar nicht wahr. Die Frage ist nicht wahr, ihre Implikate sind Lügen.
Einerseits haben sie höchstens eine sehr lose Beziehung zu empirisch verifizierbaren Daten, geben sich aber in einer Form (Frage!) die sich dieser Überprüfung entzieht.
Wichtiger ist aber, dass sie von keiner Wahrheit ausgehen, insbesondere keiner die theologisch als Wahrheit zu bewerten wäre.

Bevor ich hier noch weiter schreibe – ich bin mal wieder in Eile – erzähle ich die Geschcihte kurz zu Ende. Statt den Kommentar abzureißen und damit eigenmächtig zu entscheiden, was man lesen darf und was nicht, habe ich einen eigenen Kommentar in einer Sprechblase dazugehängt.

Außerdem hängen da jetzt noch ganz viele Sprechblasen.
Vielleicht wollen sich ja noch andere an einer stillen Diskussion beteiligen und solche Thesen nicht einfach unkommentiert stehen lassen.

Ich werde alle paar Tage mal wieder vorbeigehen und die Wand dokumentieren, vielleicht kriegen wir ja unseren eigenen (politischeren) „virale Philotür„.

Und vielleicht kommen ja mehr Leute zu der Inspiration am Abend, diesen Sonntag 28.6., 19 Uhr in der Peterskirche.

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Entwurf:
Theologisch (in meinem Verständnis) als Wahrheit qualifiziert zu werden, was von Jesus Christus zeugt. In ihm hat die Wahrheit selbst Gestalt angenommen und wir haben sie verworfen. Die Wahrheit wurde von Menschen gekreuzigt und lies sich doch nicht zum Schweigen bringen. Diese Wahrheit war selbst zur Flucht gezwungen und wendete sich allen Ausgeschlossenen zu.
„So ihr bleiben werdet an meiner Rede, so seid ihr meine rechten Jünger, und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.“ Joh. 8

Fliegende Hunde

In Pikpa leben nicht nur Flüchtlinge, eine Aktivistin vom „Dorf Aller Gemeinsam“, die sich auch im lokalen Tierschutzverein engagiert, hat zeitweise auch ein paar herrenlose Hunde dort aufgenommen. Auf Lesbos gibt es überall streunende Hunde und Katzen, die den ganzen Tag nur in der Sonne liegen. In Pikpa liegen die Hunde auch nur rum und stehen gelegentlich auf, um sich zehn Meter weiter wieder hinzulegen.

Im Großen und GanzEin Selfie mit einem der Hunde in Pikpa, der einem Hund bei Zelt der Völker sehr ähnlich sieht.en versteht man sich, aber manchmal führt dieses Zusammenleben auch zu Konflikten, weil Hunde manchen Muslimen als unreine Tiere und nicht als Haustiere gelten.

Wie für die Flüchtlinge war der Aufenthalt in Pikpa für die Hunde nur übergangsweise geplant und die Aktivistin suchte nach neuen Frauchen oder Herrchen für sie.

An meinem letzten Tag erzählte mir dann jemand, die Hunde würden jetzt von einer Organisation nach Deutschland gebracht, weil sie dort jemand aufnehmen möchte.

Als ich das hörte, musste ich lachen.

Ich sitze in einem Flüchtlingslager, umgeben von Menschen, die alle nach Deutschland wollen aber nicht dürfen, und die Hunde werden jetzt nach Deutschland geflogen. Einer schlug vor, sich als Hund zu verkleiden und regelmäßig mit einem Deutschen spazieren zu gehen und auch Stöcke zu apportieren, wenn er dafür in Deutschland wohnen dürfte und Kost und Logis bekäme. Ein anderer fragte, ob er, wenn die Hunde in Deutschland wären, einen Antrag auf Familienzusammenführung stellen könnte. Schließlich hätte er sich hier um sie gekümmert und sei quasi ihr Herrchen geworden.

Ich finde Tierrechte wichtig, aber es steht schlecht um Menschenrechte, wenn Tiere besser versorgt werden als Menschen. Wahrscheinlich haben die meisten Flüchtlinge einfach nicht groß genuge Kulleraugen.

Diese Geschichte erinnert mich an die Geschichte, von Jesus und der Syrophönizierin:

Und er [Jesus] stand auf und ging von dort in das Gebiet von Tyrus. Und er ging in ein Haus und wollte es niemanden wissen lassen und konnte doch nicht verborgen bleiben, sondern alsbald hörte eine Frau von ihm, deren Töchterlein einen unreinen Geist hatte. Und sie kam und fiel nieder zu seinen Füßen – die Frau war aber eine Griechin aus Syrophönizien – und bat ihn, dass er den bösen Geist von ihrer Tochter austreibe.

Jesus aber sprach zu ihr: Lass zuvor die Kinder satt werden; es ist nicht recht, dass man den Kindern das Brot wegnehme und werfe es vor die Hunde.

Sie antwortete aber und sprach zu ihm: Ja, Herr; aber doch fressen die Hunde unter dem Tisch von den Krümeln der Kinder. Und er sprach zu ihr: Um dieses Wortes willen geh hin, der böse Geist ist von deiner Tochter ausgefahren. Und sie ging hin in ihr Haus und fand das Kind auf dem Bett liegen, und der böse Geist war ausgefahren.

Markus 7,24-30

In dieser Geschichte geht es nicht um Tierrechte, (ein Konzept, mit dem im ersten Jahrhundert niemand etwas anfangen hätte können) sondern gerade darum, dass Tiere in der Sicht der Gesellschaft unter Menschen stehen. Aber parallel ist die Identifizierung der „Unerwünschten“ mit den Hunden, die von diesen selbst übernommen wird, dabei aber geschickt verändert wird.
Ging es zuvor darum, anhand der allgemein akzeptierten Hierarchie von Tieren und Menschen eine Hierarchie von Menschen untereinander zu begründen, wird in der Annahme des Bildes der Wert darauf gelegt, dass die Bedürfnisse Aller Kreaturen gedeckt werden – selbst wenn sie als unerwünscht gelten.

Darum muss es gehen, dass dDieser Hund flog mit mir von Thessaloniki nach Stuttgart. Ich glaube nicht, dass dieser Transport wirklich artgerecht war.ie Bedürfnisse Aller Kreaturen gedeckt werden und wir einander als Chance begreifen nicht als Problem, dass es zu lösen gilt.
Dazu wäre es sinnvoll, wenn die Organisation, die die Hunde nach Deutschland bringt, auch für ein paar Flüchtlinge dasselbe möglich macht.

Strandgedanken


Besagter Strand ist im Hintergrund zu sehen

Gestern lag ich auf einer Pritsche am Strand und badete in der Sonne. Es war Sonntag und obwohl natürlich immer noch ungefähr vierhundert Leute in Pikpa sind (viermal so viel, wie geplant) mussten wir einfach mal entspannen.

Das ist ein Luxus, den Flüchtlinge nicht haben; sie können zwar an den Strand gehen, oder Karten spielen, aber ihre Situation ändert sich dadurch nicht. Sie sind immer noch dem System ausgeliefert und können nur warten, bis die Polizei sie abholt. Sie müssen Geld auftreiben für den nächsten Teil der Reise, und sich in die Hände von Schleppern begeben, die teilweise horrende Summen von ihnen verlangen und sich kaum um sie kümmern. Vielleicht haben sie Freunde und Familie auf der Reise verloren und haben selbst Gewalt von den „Grenzschützern“ erlebt, und diese Ereignisse verfolgen sie immer noch.
Zurück können sie auch nicht, so sehr viele Menschen in der EU sich das auch einbilden. Zurück, dass heißt zurück in den Krieg, zurück zur Folter oder zurück zu Familien, die nichts mehr haben, weil sie ihr gesamtes Vermögen dem jungen Mann anvertraut haben, in der Hoffnung, dass er Arbeit in Europa findet und die Familie so unterstützen kann.

Aus dieser Situation gibt es kein Entkommen, sie bleibt bei den Menschen und kommt auch immer dann, wenn niemand sonst bei ihnen ist. Vor der Verzweiflung gibt es nur eine weitere Flucht – ins Leben. Viele Menschen, die wir treffen, wollen nicht zur Ruhe kommen, sie wollen ja immer weiter um dann irgendwann anzukommen.
Ich kenne einen, der hier bleiben muss, weil er kein Geld mehr hat. Er rennt jeden Tag nach Mytilene oder noch weiter und schwimmt und dann muss in Bewegung bleiben.

Wenn ich in Pikpa bin freue ich mich, mit neuen Freunden zu reden und zu sehen, wo es etwas zum Helfen gibt, auch wenn wir wenig tun können. Obwohl mittlerweile viel zu viele Leute da sind, ist die Stimmung meist immer noch ruhig und Streit wird schnell geschlichtet. Ich mache die Erfahrung, dass diese Menschen mich aufmuntern und mir Mut machen, dabei hatte ich mir vorgestellt, es wäre anders herum. Aber sie bedanken sich bei uns, dass wir auftauchen. Anscheinend gibt es eine Art von Gegenseitigkeit, in der sich Menschen, die nichts zu geben haben, gegenseitig aufbauen können. Entgegen aller Gesetze der Physik.

Aber wenn wir nach Hause fahren, falle ich in ein Loch und merke, dass mich die Geschichten und die vielen Stimmen erschöpft haben. Es ist vieles, was mir Hoffnung gibt, oder mich einfach wütend macht, was ja auch eine Art von Energie ist, aber letztlich muss ich diese Energie wieder sammeln, um konstruktiv weiter zu arbeiten.

Ruhe ist ein Teil des Lebens und ist eine Bedingung für sinnvolles Arbeiten. Das Sabbatgebot wird in der Tora doppelt begründet: mit der Schöpfung und als Erinnerung an die Befreiung aus der Sklaverei. Wir brauchen die Ruhe also von Natur aus, sie ist aber auch ein Fest unserer Würde.

Das Problem mit der Ruhe entsteht für mich dort, wo ich sehe, dass diese Ruhe, diese Grundbedingung des Lebens anderen Menschen unmöglich wird, entweder weil sie zur Untätigkeit gezwungen werden – Untätigkeit ist nicht dasselbe wie Ruhe – oder weil ihnen die Entspannung unmöglich gemacht wird. Wie soll ich damit umgehen? Ich bin hier um solidarisch mit diesen Menschen zu sein, wie kann ich da einfach am Strand liegen?

Es bleibt eine schwierige Frage, und gestern am Strand brauchte ich eine Weile, um wirklich zur Ruhe zu kommen und dabei keine Schuldgefühle zu kriegen. Ich will meine Freunde nicht verdrängen müssen, um entspannen zu können.

Wie mit dem Ruhegebot denke ich, dass es zwei Aspekte sind, die mir helfen soviel Ruhe zu finden, wie ich brauche.

  1. Ich brauche sie.
    Ich muss mich entspannen, mich aus diesem Chaos herausziehen, weil ich sonst zusammenbreche und gar nichts mehr tun kann. Mir meiner Schwächen bewusst zu werden ist ein wichtiger Aspekt, um besser zu arbeiten, aber auch aus dem Mythos aufzuwachen, als weißer Mann könnte ich alle Probleme lösen. Das kann ich nicht. Ich brauche vielmehr die Unterstützung von anderen und ich brauche eben auch Ruhe. Stärke ist das Eingestehen der Schwäche, nicht das Weiterkämpfen, wenn man nur noch humpelt.
  2. Es ist ein Fest meiner und letztlich der Freiheit aller.
    Ja, Flüchtlinge haben nicht dieselben Freiheiten wie ich. Das große Ziel aller dieser Arbeit hier ist darauf hin zu arbeiten, dass sie ebenfalls Bewegungsfreiheit bekommen und genauso hier am Strand liegen dürfen.
    Dass sie diese Freiheiten im Moment nicht haben, ist ein Grund zur Klage, aber nicht dazu, meine eigenen Freiheiten zu verachten. Denn wenn die wahnwitzige Idee, man könne Migration stoppen und beenden endlich von allen als Lüge entlarvt wird, werden alle diese Freiheiten haben.
  3. Privilegien müssen erkannt werden, und wir müssen darüber reden. 
    Dieses Ungleichgewicht bewusst zu machen und darüber zu reden, kann helfen mehr Menschen die Situation von Flüchtlingen, denen selbst grundlegende Freiheiten, wie das Recht auf Bewegungsfreiheit (in die EU, aber auch innerhalb der EU und selbst innerhalb eines Bundeslands), das Recht die Landessprache zu lernen oder eben das Recht auf Entspannung verwehrt werden.

Es geht nicht darum, mir meinen Strandtag madig zu machen, es geht darum, durch den Strandtag mir klarzumachen, dass andere diese Freiheiten nicht haben und neue Kraft zu schöpfen, für ihre Freiheit zu arbeiten. Mit Dr. Martin Luther King jr. glaube ich, dass wir gewiss sein können, dass der Tag kommen wird, an dem die Festung Europa ihre Mauern einreisst und alle Menschen, Flüchtlinge und Einheimische sagen können „Free at last, free at last, thank God Almighty, we’re free at last“

Einige der Migranten aus Pikpa am dortigen StrandUnd manchmal sehen wir schon kleine Teile dieses großen Tages, wenn wir zusammen Karten spielen, wenn sich ein Footballteam engagiert, um ihren senegalesischen Defensespieler entgegen der Residenzpflicht auf Auswärtsspiele mitzunehmen, oder wir zusammen das Brot brechen an einem Tisch, an dem alle willkommen sind.

 

Moria – organisierte Ungastlichkeit

Wie soll man mit den Menschen umgehen, die aus ihrer Heimat geflohen sind und nach oft monatelangen Reisen auf Lesbos und anderswo ankommen, um in Europa ein sicheres und freies Leben zu finden?
Auf Lesbos gibt es zwei Lager, die wir regelmäßig besuchen und die archetypisch für zwei Weisen stehen, mit „den Anderen“ umzugehen: Moria und Pikpa.

In diesem Artikel beschreibe ich die Lage in Moria, im nächsten dann Pikpa.

FRC Moria

Moria ist das offizielle „first reception center“ – „erstes Empfangszentrum“, in dem Flüchtlinge für einige Tage festgehalten werden, in denen sie  in eine europäische Datenbank eingetragen werden, bis sie mit einem sogenannten „white paper“ weiter geschickt werden. Das „white paper“ ist eine Anordnung der Polizei, Griechenland binnen eines Monats in Richtung ihres Heimatlandes zu verlassen, es dient Flüchtlingen aber de facto als Reisedokument und schützt sie innerhalb dieses Monats davor, von der Polizei aufgegriffen und dann für bis zu 18 Monate eingesperrt zu werden.

Das „First Reception Center“ (FRC) liegt ein paar Kilometer außerhalb des Dorfes Moria von dem es seinen Namen hat (eigentlich eine Schande, denn das Dorf ist wirklich schön).
Weit draußen werden die Einwohner des Dorfes Moria selten mit denen konfrontiert, die im Lager Moria festgehalten werden.

„Bewegungsfreiheit – Keine Grenzen“ hat jemand in die Mauer eingeritzt.

FRC Moria hat drei Zäune, jeweils mit Natodraht bestückt, durch die man muss, um zu den Flüchtlingen zu kommen. An jedem Tor gibt es Schlösser und Wachposten, aber als wir gestern dort waren, war niemand am ersten und am zweiten Wachposten.
Das dritte Tor schließlich ist verschlossen. Hier sind wir bis jetzt noch nie weiter gekommen, auch wenn wir immer einige Bedarfsgegenstände wie Windeln oder Damenbinden mitbringen und die Wachen jedes Mal ein bisschen entspannter sind.
Dennoch dürfen wir nicht bis zu den Flüchtlingen und dürfen auch keine Fotos machen.

Die Flüchtlinge haben sogar noch ein weiteres Tor weiter erst „freie“ Bewegung und so können wir nicht wirklich mit ihnen sprechen.
Dafür sprechen wir mit den „Doctors of the World“ einer NGO, die sich um die medizinische Versorgung der Flüchtlinge kümmert. Ihre Anwesenheit hier ist vertraglich geregelt und
sie befinden sich in der schwierigen Situation, Teil des Migrationsregimes zu sein, und es anzuklagen.
Ihre Berichte und durch die von MigrantInnen und Flüchtlingen, die Zeit im FRC Moria verbracht haben, zeichnen ein dunkles Bild von mangelnden hygienischen Bedingungen, willkürlichen Bestrafungen und der Entwürdigung von Flüchtlingen, die das Recht auf Asyl haben, aber wie Kriminelle behandelt werden.

Um zusammenzufassen: Das  „First Reception Center“ in Moria ist abseits und getrennt von der lokalen Bevölkerung, es ist architektonisch kaum von einem Gefängnis zu unterscheiden und auch die Behandlung derjenigen, die dort festgehalten werden zeigt, ist nicht angemessen. Man muss sich nur vor Augen führen, dass viele Flüchtlinge Folteropfer sind, oder ihnen in ihren Heimatländern das Gefängnis drohte und sie davor flohen.

Diese Art von Empfang erwartet Flüchtlinge, die ins FRC Moria kommen und sie müssen alle dorthin, da alle das white paper brauchen. Dies ist auch die Art von Empfang, die die EU-Politik unterstützt, die 75% der Kosten für das FRC übernommen hat.

Über eine andere Art, diese Menschen zu empfangen geht es im nächsten Artikel.

Lifta

Im Nordwesten Jerusalems gibt es ein Tor in eine andere Zeit. Eine Zeit vor der Gründung des Staates Israel, vor der Nakba, der Katastrophe der Vertreibung der Palästinenser, als Jerusalem noch keine Großstadt war und es keine Flüchtlingslager für Palästinenser gab, weil sie noch in ihren Dörfern wohnten.

Das Tor führt in eines dieser Dörfer: Lifta. Es gibt sogar ein Straßenschild dorthin. Und einen offiziellen israelischen Wanderweg durch das Dorf. (Ich würde gerne wissen, was in den israelischen Wanderführern dazu steht)

Lifta war ein Dorf von circa zweitausendfünfhundert Einwohnern, bis im Verlauf der Staatsgründung die Einwohner immer mehr bedroht und schließlich einzelne Dorfälteste von israelischen Milizen umgebracht wurden. Die Bewohner flohen ins damalige Jordanien, die heutige Westbank. Im Deheisha-Flüchtlingslager habe ich jemand getroffen, dessen Vorfahren aus Lifta geflohen waren. Das Dorf wird schon unter anderem Namen in der Bibel erwähnt (wie irgendwie jedes Kaff hier) und war berühmt für seine Steinmetze – vielleicht stehen die Gebäude deswegen nach 63 Jahren ohne irgendwelche Pflege und mit hineinwuchernden Pflanzen immer noch größtenteils. Heute ist Lifta das einzige palästinensische Dorf von 1948, dass nicht zerstört, oder mit Israelis wiederbevölkert wurde.

 

Da ich an meinem freien Samstag wegen Yom Kippur sowieso nicht aus dem von allem fastenden Jerusalem rauskam, nutzte ich die Gelegenheit mit einer Freundin dieses Geisterdorf zu besuchen.

 

Worte können kaum beschreiben, was ich sah, deswegen werde ich versuchen euch mit den Bildern mitzunehmen.

 

Als ich wieder zu Hause war, schickte mir meine Wandergenossin einen Artikel, das Lifta wohl bald zerstört wird, um Platz für Häuser für reiche Israelis zu machen. Was werden die Nachkommen der Flüchtlinge wohl sagen.

Humanitäre Hilfe ist kein Verbrechen!

Im Juni 2004 rettete das deutsche Schiff Cap Anamur 37 Menschen aus Seenot.

Für diese Rettungstat wird Kapitän Stefan Schmidt und Elias Bierdel in Italien der Prozess gemacht! Beiden drohen 4 Jahre Haft und eine Geldstrafe von jeweils 400.000€.
Der Prozess wurde mehrmals vertagt; der neue Termin ist der 7.Oktober 2007.
Im Oktober wird ebenfalls der Prozess gegen sieben tunesische Fischer verhandelt, die 2007 auch Flüchtlinge vor dem Ertrinken gerettet haben.
Brot&Rosen, Pro Asyl und BAG Asyl rufen dazu auf, den italienischen Justizminister daran zu erinnern, dass humanitäre Hilfe kein Verbrechen ist.
Die Anklagen müssen fallen gelassen, die Angeklagten komplett rehabilitiert werden.

Es ist traurig und empörend, dass versucht wird couragiertes Handeln zu kriminalisieren und an Lebensrettern ein Exempel zu statuieren.

Einen Protestbrief kann man hier abschicken.

Für mehr Infos klicke hier.

Nachtrag: Die ZEIT hat einen Artikel zu dem bevorstehenden Prozess geschrieben.