Selbst in der Krise ist Pikpa effizienter als das Migrationsregime

Nachdem der letzte Artikel die Überlastung zu Beginn der Woche dargestellt hat, sollte ich euch auf den neuesten Stand bringen.

Flüchtlinge warten darauf, photographiert und dann nach Moria gebracht zu werden.Nach dem Treffen mit dem Bürgermeister brachte die Küstenwache tatsächlich niemand mehr und die Polizei kam mehrmals täglich (und tagsüber statt mitten in der Nacht), um Leute nach Moria zu bringen. Sie überlegten sich sogar, wie sie den Prozess effektiver gestalten können und fingen an, Leute schon in Pikpa zu photographieren, um dann in Moria Ein Polizist photographiert einen Flüchtling, bevor er nach Moria gebracht wird.schneller das „white paper“ ausstellen zu können.
Wenn die Leute dann in den Bus steigen mussten, kannten die Polizisten sie schon und das ganze Rumschreien war unnötig.
(Unnötig war es natürlich vorher schon, aber diesmal brauchten nicht einmal die Polizisten es.)

 

 

Und Tee haben sie auch noch mitgebracht!

Ein Flüchtling besteigt einen Bus der Küstenwache, um nach Moria gebracht zu werden. Diese Busse werden meist total überladen.

Natürlich haben sie damit versucht sich bei den Flüchtlingen und dem Dorf Aller Zusammen gut darzustellen.
Aber sollen sie nur. Was mich wirklich stört ist, dass sie nicht vorher auf die Idee gekommen sind, ein solches Prozedere einzuführen und dass sie wahrscheinlich in ein paar Tagen wieder zur alten Methode, mitten in der Nacht zu kommen und rumzuschreien, zurückkehren werden.

Volleyball am SonntagMittlerweile sind nur noch ungefähr hundert Leute in Pikpa untergebracht, die eigentliche Maximalkapazität. Es ist deutlich ruhiger, akustisch und atmosphärisch. Heute war ich kurz da und habe Volleyball gespielt.

Wie zu erwarten, war ich der schlechteste in der Runde.

 

Politisch hat der Bürgermeister anscheinend zurückgerudert. Nach vielen Artikeln von Mitgliedern des „Dorfs Aller Gemeinsam“ und wahrscheinlich auch Gesprächen mit Beamten, die verstehen, dass Pikpa notwendig ist, hat er versichert, dass er die Flüchtlinge unterstützen will. Aber genaueres gibt es noch nicht.
Jedenfalls wird Pikpa wohl nicht geschlossen.

Vorbereitungen für die PressekonferenzAm Freitag war ich bei einer Pressekonferenz, die die Mitglieder des „Dorfs Aller Gemeinsam“ in Pikpa abhielten. Ich gab ein kurzes Statement für CPT ab, warum wir Pikpa unterstützen und versuchte ansonsten mein Gesicht unter Kontrolle zu halten.
Es ist mir nicht immer gelungen.

 

Ich möchte diesen Moment nutzen, um Bilanz zu ziehen, wie Pikpa als offenes Lager mit dieser Krise umgegangen ist:

Zur Hochzeit waren circa sechshundert Menschen in Pikpa untergebracht, aber auch schon in den Tagen davor waren es ungefähr vierhundert. Damit waren 4-6mal soviel Menschen dort, wie vorgesehen.

Die Essensausgabe dauert bis zu zwei Stunden, weil garantiert werden musste, dass niemand zweimal nimmt. Es gab zu wenig Bettzeug und die Freiwilligen mussten nachts Menschen Decken wegnehmen, um sie denen zu geben, die auf dem Boden schliefen. Irgendwann brachte UNHCR 200 Schlafsäcke, aber selbst das war nicht genug (abgesehen davon, dass auch das eine Aufgabe der Behörden ist).

Hygiene wurde zu einem Riesenproblem. Seife ist rationiert, aber auch diese Ration muss ausgegeben werden. Die Toiletten und Duschen waren schon vorher ein Problem, aber jetzt mussten 600 Menschen die sechs Toiletten benutzen, von denen zwei verstopft und die übrigen auch nicht einwandfrei funktionierten. Außerdem war der Abwassertank eigentlich schon vor der Krise voll. Er floss also über – zum Glück nur in einem bestimmten Gebiet. Das vom Caterer gelieferte Essen kommt in Einweggeschirr. Die Mülltonnen waren sofort voll und irgendwann kümmern sich Menschen, die meinen morgen weiterzureisen einfach nicht mehr um den Müll, den sie hinterlassen.

Spannungen zwischen Volksgruppen entstanden, weil sich die Afghanen gegenüber den Syrern benachteiligt fühlten und die Somalis schon seit zwei Wochen da waren und nicht klar war, ob die Polizei sie überhaupt noch abholen würde.

Kein Mangel an Problemen also. Und nur eine Handvoll Freiwilliger, und einige Langzeitbewohner von denen nur drei fließend arabisch und zwei fließend persisch können, um sich um all diese Probleme zu kümmern.

Und dennoch gab es in dieser Zeit zwei kleine Schlägereien (wurde mir erzählt, ich war bei keiner dabei), niemand wurde ernsthaft verletzt oder gar getötet. Es brach keine Epidemie aus, und die Leute lächelten immer, wenn sie uns sahen.
Der Witz der Woche war „Sie [die Küstenwache] haben noch mehr gebracht“ und jedes Mal wenn sie tatsächlich kam, applaudierten die Leute.
Abgesehen von ein paar Ausnahmen teilten die Menschen, wenn man sie daran erinnerte und halfen auch sofort mit, wenn sie nur sahen, dass ich Müll sammelte.

Im First Reception Center Moria sind rund um die Uhr fünf bewaffnete PolizistInnen, die wenn nötig Verstärkung rufen können, ein Sozialarbeiter, mehrere ÄrztInnen und Rechtsanwälte und eine Kapazität von 150 Insassen, die nicht überschritten wird, weil man Leute lieber im Hafen schlafen lässt.
Trotzdem hören wir, dass es dort und in anderen offiziellen Einrichtungen regelmäßig zu Schlägereien unter Flüchtlingen und auch zu Aufständen gegen die Wachen kommt.

Klingt fast so, als ob Leute sich besser benehmen, wenn man sie sich frei bewegen lässt und menschlich mit ihnen umgeht, als wenn man sie einsperrt und anschreit. Ohne dass sie irgendjemanden verletzt hätten, oder etwas schlechtes getan hätten, außer eine imaginäre Linie zu übertreten ohne Erlaubnis, weil es für sie keine Möglichkeit gab, die Erlaubnis zu erhalten und sie vor Krieg und Folter fliehen.

Griechenland und die gesamte EU könnte eine Menge Geld sparen, wenn man wenigstens an den Ankunftsorten in der EU, Lesbos, Lampedusa, Ceuta und Melilla, wo sowieso kaum eine/r bleiben will, offene Lager einrichtet.

Und nebenbei wäre es auch sehr viel menschlicher.

Freispruch

Sogar in Italien gibt es noch Gerechtigkeit.

Gestern wurde die Lex Berlusconi gestoppt und die Kapitäne der Cap Anamur II freigesprochen.

Ich freue mich mit ihnen, aber warum wurden sie überhaupt angeklagt? Wie kam jemand auf die Idee, Menschen vor dem Ertrinken zu retten könnte ein Verbrechen sein, nur weil diese Menschen nicht die richtigen Papiere haben?

Im November wird ein ähnlicher Fall verhandelt, nur diesmal waren es afrikanische Seeleute, die keine Riesenlobby hinter sich haben, wie eine Menschenrechtsorganisation wie Cap Anamur – ob dieser Fall eine Signalwirkung hatte, wird sich dann zeigen.

Sicher ist jeden Fall eins: auch wenn die Kapitäne freigesprochen wurden, der italienische Staat und die EU haben deutlich gezeigt, dass wer Leben rettet zumindest mit jahrelangen Verfahren rechnen muss…

Ich möchte mich wirklich gerne freuen, aber da muss ich mich wohl anderen Dingen zuwenden, wie Fernsehserien, denn, wie Pro Asyl in ihrer Presseerklärung schreibt: „Europa lässt sterben.“

Humanitäre Hilfe ist kein Verbrechen!

Im Juni 2004 rettete das deutsche Schiff Cap Anamur 37 Menschen aus Seenot.

Für diese Rettungstat wird Kapitän Stefan Schmidt und Elias Bierdel in Italien der Prozess gemacht! Beiden drohen 4 Jahre Haft und eine Geldstrafe von jeweils 400.000€.
Der Prozess wurde mehrmals vertagt; der neue Termin ist der 7.Oktober 2007.
Im Oktober wird ebenfalls der Prozess gegen sieben tunesische Fischer verhandelt, die 2007 auch Flüchtlinge vor dem Ertrinken gerettet haben.
Brot&Rosen, Pro Asyl und BAG Asyl rufen dazu auf, den italienischen Justizminister daran zu erinnern, dass humanitäre Hilfe kein Verbrechen ist.
Die Anklagen müssen fallen gelassen, die Angeklagten komplett rehabilitiert werden.

Es ist traurig und empörend, dass versucht wird couragiertes Handeln zu kriminalisieren und an Lebensrettern ein Exempel zu statuieren.

Einen Protestbrief kann man hier abschicken.

Für mehr Infos klicke hier.

Nachtrag: Die ZEIT hat einen Artikel zu dem bevorstehenden Prozess geschrieben.