Gethsemaneh in Heidelberg

(Dieser Text ist des Versuch eines Midrasch – einer erzählerisch-aktualisierende Auslegung – der Passionsgeschichte, insbesondere die Gethsemane-Episode, in Markusevangelium 14,26-52 in Verbindung mit einer nächtlichen Mahnwache vom 23. auf den 24.3.2015 vor der Asylunterkunft in der Kirchheimer Hardtstraße. Es lohnt sich beides zusammen zu lesen. Wenn du bei solchen und ähnlichen Aktionen dabei sein willst, schreib mir: bennikrauss[at]gmx.net)

gethsemanehDiese Woche verbrachte ich eine Nacht vor einer Asylunterkunft in Heidelberg, um mit circa fünfzig Menschen die Praxis nächtlicher Abschiebungen ins Licht des Tages zu ziehen und notfalls eine Abschiebung gewaltfrei zu blockieren.
Aufgerufen wurde zu der Mahnwache, weil am folgenden Tag ein Flugzeug vom Baden Airpark nach Serbien und Mazedonien fliegen sollte, voll mit Menschen die gegen ihren Willen abgeschoben wurden. Diese Abschiebungen betreffen meist Roma, die immer noch Opfer rassistischer Angriffe und struktureller Diskriminierung werden.
Ausgerechnet am Jahrestag der Deportation der Sinti und Roma in Baden-Württemberg nach Auschwitz-Birkenau sollten Angehörige dieser Volksgruppen in Länder abgeschoben werden, wo ihnen der Zugang zu gleichen Rechten verwehrt wird.
Das Datum war wohl zufällig gewählt, offenbart aber die tödliche und andauernde Geschichte des Antiziganismus (der spezifischen Diskriminierung aufgrund der Zugehörigkeit zur Ethnie der Sinti und Roma) in Deutschland, die immer noch unbewusst ist.
Abschiebungen finden nachts statt und werden oft nicht angekündigt, was einen zusätzlichen psychischen Druck ausübt und viele krank macht.
Die tiefe Unmenschlichkeit dieser Praxis wollten wir nicht unkommentiert lassen, sondern anprangern und uns ihr entgegen stellen.

Es war ziemlich kalt und ich war angespannt und verunsichert, wie die Nacht verlaufen würde. In unregelmäßigen Abständen kamen Streifenwagen vorbei, aber zu einer Konfrontation kam es nicht.
Anscheinend war in Heidelberg in dieser Nacht keine Abschiebung geplant, aber wir blieben dennoch die ganze Nacht, um sicher zu gehen und unserer Solidarität Ausdruck zu verleihen.

Dabei hatte ich viel Zeit, zu beobachten und mein Denken und Fühlen vor Gott zu bringen.
In den Wochen vor Ostern habe ich immer wieder die Gethsemane-Episode gelesen und nun fand ich mich selbst in ihr wieder.

Mitten in der Nacht wurde Jesus verhaftet, um ja keinen Aufruhr zu erzeugen. Abschiebungen finden unter anderem aus diesem Grund meist um vier Uhr morgens statt. Während Jesus aber freiwillig ans Kreuz geht, um die gewaltfreie Liebe Gottes zu den Menschen in letzter Konsequenz zu leben, ist für die Menschen, die abgeschoben werden, ihr Kreuz kein selbstgewähltes, sondern wird ihnen aufgedrückt. Hier liegt der entscheidende Unterschied zwischen den Geschichten, der für mich auch die Blockade motiviert hatte.

„Meine Seele ist betrübt bis an den Tod; bleibt hier und wachet!“

Mit diesen Worten fleht Jesus seine Jüngerinnen und Jünger an, obwohl er schon angekündigt hat, dass sie ihn alle verlassen werden. In dieser Nacht braucht er ihre Solidarität, er kann diesen Weg alleine nicht weitergehen.
Die Jüngerinnen und Jünger aber schlafen immer wieder ein, und „wissen nicht, was sie ihm antworten sollten“
Sie verstehen Jesu Weg zum Kreuz immer noch nicht, sind erschöpft und verunsichert und können in dem Moment, in dem es darauf ankommt Jesus nicht zur Seite stehen. Als Jesus schließlich mitten in der Nacht verhaftet wird, fliehen sie und Petrus verleugnet seinen Freund und Lehrer, um sich selbst zu retten.

Gethsemane wurde in dieser Nacht für mich zu einem Gleichnis für die christliche Existenz in einer Welt, in der immer noch Unzählige durch Krieg, Fremdenhass und strukturelle Benachteiligung leiden und sterben. Im Umgang mit diesen „Geringsten“ (Mt 25) wird Jesus heute noch gekreuzigt, wenn zum Beispiel Flüchtlinge in ein angeblich „sicheres Herkunftsland“ abgeschoben werden, in dem ihnen als Angehörige einer diskriminierten Minderheit aber Obdachlosigkeit, Gewalt und Rechtslosigkeit drohen.

Jesus ruft uns aus diesen Menschen zu: „Bleibt hier und wachet!“ und genauso wie Jesus in Gethsemane brauchen sie unsere Solidarität in dieser schweren Stunde.
Wachsam zu sein heißt nicht, nie zu schlafen, sondern vor allem sich nicht einschläfern zu lassen vom verschleiernden Gerede unserer Ordnung, das mit Begriffen wie „Wirtschaftsflüchtling“ und „sicheres Herkunftsland“ gleichzeitig die Geringsten kriminalisiert und die eigene Gewalt verharmlost.
Zu Bleiben heißt, die Angst und den Schmerz zu teilen, den anderen darin auch auszuhalten.
In dieser Nacht hieß es, ganz wörtlich zu bleiben und zu wachen – im Angesicht von Polizei und möglicher juristischer Verfolgung. Niemand wurde verhaftet und die Chancen, dass etwas geschieht waren minimal, aber es war schon herausfordernd, mich überhaupt der Staatsgewalt in den Weg zu stellen. So was macht man ja nicht. Und wenn doch etwas passiert?

„Wachet und betet, dass ihr nicht in Versuchung fallt! Der Geist ist willig; aber das Fleisch ist schwach.“ (Mk 14,38)

All die eigenen Ängste, die einschläfernden Beruhigungsthesen und die Erschöpfung, die das Leben in Nachfolge mit sich bringt, kommen in dieser Nacht hoch. Sie drohen uns zu überwältigen, dass wir einschlafen oder die Flucht ergreifen. Jesus rechnet damit und weckt uns immer wieder auf. Und er verweist uns auf das Gebet, um nicht in Schlaf oder Panik zu versinken.
Im Gebet können wir Gott unsere Angst und unsere Perspektivlosigkeit anvertrauen. In Gott finden wir zur Ruhe, die unsere Sinne nicht benebelt, sondern uns klar sehen lässt. Nicht von unserer sondern von Gottes Perspektive.

Es ist keine moralische Schwäche, die die Jüngerinnen und Jünger einschlafen lässt, sondern die überwältigende Mischung aus Erschöpfung, Unsicherheit, was kommen wird und ein Unverständnis, wer Jesus ist. Ich kenne diese Mischung und erlebe sie immer wieder. Es ist erleichternd, dass Jesus ihnen ihren Schlaf nicht zum Vorwurf macht, aber er braucht dennoch ihren Beistand.
Wie können wir im entscheidenden Moment Menschen beistehen?

Jesus hat seine Jüngerinnen und Jünger auf die Situation vorbereitet, in dem er immer wieder sagte, dass er in Jerusalem ans Kreuz gehen wird. Wir sollten diese Worte bedenken, wenn wir Jesus nachfolgen wollen. In Rollenspielen können wir die Situationen, in die wir uns begeben, vorher üben, um zu erfahren, was alles passieren könnte und ausprobiert zu haben, wie es sich anfühlt und was wir in einer Situation tun könnten.
Gebet steht dieser Vorbereitung nicht entgegen, vielmehr sollte sie im „beten ohne Unterlass“ (1.Thess. 5,17) geschehen. Nur so können wir den vielen Versuchung widerstehen, die uns begegnen. Neben Müdigkeit und Apathie wäre es auch eine Versuchung, einfache Feindbilder aufzubauen statt unsere Aktionen so auszurichten, dass sie unsere Widersacher herausfordern und ihnen die Möglichkeit geben, sich zu solidarisieren. Gebet hilft uns, unsere Feinde zu lieben, weil wir sie nicht nur als Feinde sehen müssen und von dieser Erkenntnis her unser Handeln bestimmen lassen. Ein ungenannter Jünger fällt in diese Versuchung und zieht bei der Verhaftung sein Schwert und haut einem Polizisten ein Ohr ab (Mk 14,47).

Wir konnten dieser Versuchung widerstehen, weil wir klare Absprachen hatten und einander vertrauen konnten. Dieses Vertrauen galt unabhängig von unseren jeweiligen Gründen hier zu sein. Ich war aufgrund meines Glaubens an die gewaltfreien Liebe Gottes da, während andere andere Motivationen hatten. Einig waren wir uns, dass Menschen ein Recht auf gutes und sicheres Leben haben und die Abschiebepraxis einen Verstoß dagegen bildet, dem wir uns widersetzen müssen.
Dies war ein Bild gelebter Einheit in Vielfalt, von der auch Gemeinden etwas lernen könnten.

Zu Beginn des Artikels habe ich den klaren Unterschied zwischen Jesu freiwilligem Weg ans Kreuz und Abschiebungen benannt. Aber was wäre geschehen, wenn die Jüngerinnen und Jünger eine Sitzblockade gemacht hätten und Jesus bis zum Schluss nicht alleine gelassen hätten? Wahrscheinlich wären sie alle gekreuzigt worden, oder? Die Frage treibt mich um.

Diese Gedanken kamen mir in der Nacht vor der Asylunterkunft, während ich fror und ungewiss wartete was passieren würde. Irgendwann ging die Sonne auf und ich erinnerte mich: Jesus hat seinen Jüngerinnen und Jüngern gesagt, dass die Geschichte weiter gehen wird, obwohl sie ihn verlassen und verraten werden, auch wenn er hingerichtet werden wird.
„Wenn ich aber auferstanden bin, will ich vor euch hingehen nach Galiläa.“ (Mk 14,28)
In dieser Hoffnung ist es mir möglich, nicht einzuschlafen und wachsam zu bleiben, und in meinem Scheitern auf den Auferstandenen zu sehen, der bei uns ist und uns vorausgeht.

Selbst in der Krise ist Pikpa effizienter als das Migrationsregime

Nachdem der letzte Artikel die Überlastung zu Beginn der Woche dargestellt hat, sollte ich euch auf den neuesten Stand bringen.

Flüchtlinge warten darauf, photographiert und dann nach Moria gebracht zu werden.Nach dem Treffen mit dem Bürgermeister brachte die Küstenwache tatsächlich niemand mehr und die Polizei kam mehrmals täglich (und tagsüber statt mitten in der Nacht), um Leute nach Moria zu bringen. Sie überlegten sich sogar, wie sie den Prozess effektiver gestalten können und fingen an, Leute schon in Pikpa zu photographieren, um dann in Moria Ein Polizist photographiert einen Flüchtling, bevor er nach Moria gebracht wird.schneller das „white paper“ ausstellen zu können.
Wenn die Leute dann in den Bus steigen mussten, kannten die Polizisten sie schon und das ganze Rumschreien war unnötig.
(Unnötig war es natürlich vorher schon, aber diesmal brauchten nicht einmal die Polizisten es.)

 

 

Und Tee haben sie auch noch mitgebracht!

Ein Flüchtling besteigt einen Bus der Küstenwache, um nach Moria gebracht zu werden. Diese Busse werden meist total überladen.

Natürlich haben sie damit versucht sich bei den Flüchtlingen und dem Dorf Aller Zusammen gut darzustellen.
Aber sollen sie nur. Was mich wirklich stört ist, dass sie nicht vorher auf die Idee gekommen sind, ein solches Prozedere einzuführen und dass sie wahrscheinlich in ein paar Tagen wieder zur alten Methode, mitten in der Nacht zu kommen und rumzuschreien, zurückkehren werden.

Volleyball am SonntagMittlerweile sind nur noch ungefähr hundert Leute in Pikpa untergebracht, die eigentliche Maximalkapazität. Es ist deutlich ruhiger, akustisch und atmosphärisch. Heute war ich kurz da und habe Volleyball gespielt.

Wie zu erwarten, war ich der schlechteste in der Runde.

 

Politisch hat der Bürgermeister anscheinend zurückgerudert. Nach vielen Artikeln von Mitgliedern des „Dorfs Aller Gemeinsam“ und wahrscheinlich auch Gesprächen mit Beamten, die verstehen, dass Pikpa notwendig ist, hat er versichert, dass er die Flüchtlinge unterstützen will. Aber genaueres gibt es noch nicht.
Jedenfalls wird Pikpa wohl nicht geschlossen.

Vorbereitungen für die PressekonferenzAm Freitag war ich bei einer Pressekonferenz, die die Mitglieder des „Dorfs Aller Gemeinsam“ in Pikpa abhielten. Ich gab ein kurzes Statement für CPT ab, warum wir Pikpa unterstützen und versuchte ansonsten mein Gesicht unter Kontrolle zu halten.
Es ist mir nicht immer gelungen.

 

Ich möchte diesen Moment nutzen, um Bilanz zu ziehen, wie Pikpa als offenes Lager mit dieser Krise umgegangen ist:

Zur Hochzeit waren circa sechshundert Menschen in Pikpa untergebracht, aber auch schon in den Tagen davor waren es ungefähr vierhundert. Damit waren 4-6mal soviel Menschen dort, wie vorgesehen.

Die Essensausgabe dauert bis zu zwei Stunden, weil garantiert werden musste, dass niemand zweimal nimmt. Es gab zu wenig Bettzeug und die Freiwilligen mussten nachts Menschen Decken wegnehmen, um sie denen zu geben, die auf dem Boden schliefen. Irgendwann brachte UNHCR 200 Schlafsäcke, aber selbst das war nicht genug (abgesehen davon, dass auch das eine Aufgabe der Behörden ist).

Hygiene wurde zu einem Riesenproblem. Seife ist rationiert, aber auch diese Ration muss ausgegeben werden. Die Toiletten und Duschen waren schon vorher ein Problem, aber jetzt mussten 600 Menschen die sechs Toiletten benutzen, von denen zwei verstopft und die übrigen auch nicht einwandfrei funktionierten. Außerdem war der Abwassertank eigentlich schon vor der Krise voll. Er floss also über – zum Glück nur in einem bestimmten Gebiet. Das vom Caterer gelieferte Essen kommt in Einweggeschirr. Die Mülltonnen waren sofort voll und irgendwann kümmern sich Menschen, die meinen morgen weiterzureisen einfach nicht mehr um den Müll, den sie hinterlassen.

Spannungen zwischen Volksgruppen entstanden, weil sich die Afghanen gegenüber den Syrern benachteiligt fühlten und die Somalis schon seit zwei Wochen da waren und nicht klar war, ob die Polizei sie überhaupt noch abholen würde.

Kein Mangel an Problemen also. Und nur eine Handvoll Freiwilliger, und einige Langzeitbewohner von denen nur drei fließend arabisch und zwei fließend persisch können, um sich um all diese Probleme zu kümmern.

Und dennoch gab es in dieser Zeit zwei kleine Schlägereien (wurde mir erzählt, ich war bei keiner dabei), niemand wurde ernsthaft verletzt oder gar getötet. Es brach keine Epidemie aus, und die Leute lächelten immer, wenn sie uns sahen.
Der Witz der Woche war „Sie [die Küstenwache] haben noch mehr gebracht“ und jedes Mal wenn sie tatsächlich kam, applaudierten die Leute.
Abgesehen von ein paar Ausnahmen teilten die Menschen, wenn man sie daran erinnerte und halfen auch sofort mit, wenn sie nur sahen, dass ich Müll sammelte.

Im First Reception Center Moria sind rund um die Uhr fünf bewaffnete PolizistInnen, die wenn nötig Verstärkung rufen können, ein Sozialarbeiter, mehrere ÄrztInnen und Rechtsanwälte und eine Kapazität von 150 Insassen, die nicht überschritten wird, weil man Leute lieber im Hafen schlafen lässt.
Trotzdem hören wir, dass es dort und in anderen offiziellen Einrichtungen regelmäßig zu Schlägereien unter Flüchtlingen und auch zu Aufständen gegen die Wachen kommt.

Klingt fast so, als ob Leute sich besser benehmen, wenn man sie sich frei bewegen lässt und menschlich mit ihnen umgeht, als wenn man sie einsperrt und anschreit. Ohne dass sie irgendjemanden verletzt hätten, oder etwas schlechtes getan hätten, außer eine imaginäre Linie zu übertreten ohne Erlaubnis, weil es für sie keine Möglichkeit gab, die Erlaubnis zu erhalten und sie vor Krieg und Folter fliehen.

Griechenland und die gesamte EU könnte eine Menge Geld sparen, wenn man wenigstens an den Ankunftsorten in der EU, Lesbos, Lampedusa, Ceuta und Melilla, wo sowieso kaum eine/r bleiben will, offene Lager einrichtet.

Und nebenbei wäre es auch sehr viel menschlicher.

Ährenraufen nach Ladenschluss

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Als Gott Israel aus der Sklaverei in Ägypten herausführt, murrt das Volk und will zurückkehren zu den Fleischtöpfen Ägyptens.

Wenn der Magen knurrt, wird die Sehnsucht nach Freiheit vom Hunger überwältigt und selbst die frische Erinnerung an die Unterdrückung verblasst gegenüber der Fata Morgana der Fleischtöpfe. Doch Gott versorgt sein Volk, nicht durch die Fleischtöpfe vorindustrieller Massentierhaltung, sondern Tag für Tag durch seine Schöpfung. Jeden Abend sendet er ihnen einen Schwarm Wachteln und am Morgen Manna, eine mythische Speise, die stets nur genau einen Tag genießbar ist.
Täglich neu sollen die befreiten Sklaven sich auf ihren Gott verlassen und lernen, dass er sie besser versorgt als das „Sklavenhaus Ägypten“.

In der Bibel finden wir viele Geschichten, die von Nahrungsmangel und der wundersamen Versorgung durch Gott handeln: Elia wird in der Wüste von Raben versorgt, sein Schüler Elischa versorgt eine arme Witwe durch ein wenig Öl und Mehl, die jeden Tag neu da sind. Jesus speist Tausende mit der kleinen Gabe eines Jungen.

Dazu gehören auch die Geschichten, die von der Versuchung handeln, sich für die Versorgung auf Weltreiche zu verlassen, die sich selbst vergötzen. Daniel und seine Freunde ernähren sich am babylonischen Hof vegetarisch, um nichts zu essen, das den imperialen Göttern geweiht ist. Jesus schlägt die Möglichkeit aus, Steine in Brot zu verwandeln und damit zu einem Imperator nach römischem Vorbild zu werden, der sich bei den Massen mit „Brot und Spielen“ beliebt macht. Stattdessen ermutigt er die Nachfolgegemeinschaft, von den Vögeln zu lernen, die nicht sähen und nicht pflügen und doch vom Schöpfergott ernährt werden.

Diese Geschichten genauer zu betrachten lohnt sich, wir können aber schon jetzt an ihnen ablesen: An unserem Essen entscheidet sich, auf welchen Gott wir vertrauen, oder anders gesagt: an was wir glauben. Vertrauen wir auf die Götzen der Weltreiche, ob sie nun Ägypten, Babylon oder Rom heißen oder Wall Street und DAX, die uns Sicherheit und Fleischtöpfe versprechen, in Wirklichkeit aber Menschen und Schöpfung vergiften und töten, oderaber auf den Schöpfergott, der uns täglich neu versorgt und genug für alle bereitstellt?

Die immer neue Entscheidung für das Vertrauen auf Gott kommt sowohl in der Bitte des Vaterunsers „Unser tägliches Brot gib uns heute“ wie auch im Teilen des Brots beim Abendmahl zum Ausdruck, die beide die Mitte des Gottesdienstes bilden.

 Nun hat sich seit den biblischen Zeiten einiges geändert, Traktoren haben in vielen Teilen der Welt Pflug und Ochsen ersetzt und in Europa streut kaum einer mehr Samen kreuz und quer über sein Feld. Dünger und gezüchtetes Saatgut bringen unglaubliche Erträge und haben dazu beigetragen, den Hunger durch Unterproduktion zu beenden. Doch an seine Stelle ist der Hunger trotz Überproduktion getreten. Die Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen gab 2013 wieder einmal bekannt, dass allein die weggeworfenen Lebensmittel der westlichen Welt ausreichen, um alle Hungernden zu speisen.

Durch die Zwänge der Globalisierung produzieren viele Länder des globalen Südens vor allem lukrative Produkte wie Kaffee, Bananen oder Soja (zur Viehhaltung) in Monokulturen, die mit den dafür notwendigen Pestiziden Land und Leute vergiften. Die Gewinne aus diesen Exporten kommen nur wenigen zu Gute und, da kaum eigentliche Lebensmittel produziert werden, sind die Menschen auf Lebensmittelimporte angewiesen, auf die auf dem Weltmarkt spekuliert wird, was die Preise in den letzten Jahren vervielfacht hat.
Auch in Deutschland gibt es Hunger, nach Angaben des Verbands deutscher Kinder- und Jugendärzte leiden eine halbe Million Kinder regelmäßig Hunger und erhalten nicht alle Nährstoffe, die sie benötigen.

Wie kann das sein, wo es im Supermarkt doch soviel Essen gibt?
Hier zeigt sich, dass der Kapitalismus im Überfluss künstlich Mangel erzeugen muss, um sich am Leben zu erhalten. Der Supermarkt führt Lebensmittel aus aller Welt mit dem Versprechen, dass es bei immer längeren Öffnungszeiten dennoch immer alles geben muss. In makellosem Zustand selbstredend.
Um dieses große Angebot mit den von der Wirklichkeit abgekoppelten ästhetischen Erwartungen der Kunden vereinbaren zu können, wird in jedem Schritt der Lieferkette vom Bauern über den Großhändler bis zum Laden stets aussortiert. Der Apfel mit den Druckstellen, die krumme Gurke, die Palette Orangen mit einer schimmligen Frucht.
Zu Hause geht dieses Verhalten weiter. Mindesthaltbarkeitsdaten, die keinerlei Bezug zum echten Verfallsdatum haben, bringen Menschen dazu, den gekauften Joghurt wegzuschmeißen und gleich zwei neue zu kaufen.

Das Wegwerfverhalten der Kunden bringt Lebensmittelherstellern und Supermärkten also Gewinne, während die Mehrkosten für die weggeworfenen Lebensmittel einfach auf den Preis eingerechnet werden. Je nach Lebensmittel beträgt dieser Anteil 30-50%. Jede weggeworfene Banane bleibt natürlich auch Teil der Nachfrage und hat schon zur Zerstörung der Erde beigetragen. Das Wegwerfverhalten steht nicht nur in der Verantwortung der Konsumenten, sondern ist erstens durch Werbung erlernt, und zweitens ist Mangel für den Kapitalismus überlebensnotwendig. Würde man all die übrig gebliebenen Lebensmittel verschenken, so würde ja niemand mehr einkaufen.
Es will scheinen, dass die Ethik des Kapitalismus der biblischen diametral entgegensteht. Wo das Gesetz des Mose Mundraub ausdrücklich erlaubt (Deut 23,25f) und die Nachlese verbietet, damit sozial ausgegrenzte Gruppen sich versorgen können (Deut 24,19ff), ist es in Deutschland illegal, Lebensmittel aus dem Müll zu retten. Im Neuen Testament streiten sich die Pharisäer mit Jesus darüber, an welchen Tagen man Ähren aus dem Feld abreißen darf – die Frage, ob es sich um Diebstahl handelt, war dabei undenkbar.

Erst im Kapitalismus sind Besitzverhältnisse so eindeutig heiliger geworden als Menschen.

Bei allem, was sich verändert hat, ist einiges gleich geblieben. Auch heute müssen alle Menschen essen. Und weiterhin entscheidet sich an unserem Essen, welchem Gott wir dienen. Wie könnte in dieser vermarkteten Welt ein Konsumverhalten aussehen, das im Sinne der biblischen Tradition Gemeinschaft stärkt, die Schöpfung bewahrt und sich täglich neu auf den Schöpfergott verlässt?
Die Unterstützung von fair und nachhaltig hergestellten Produkten ist in diesem Kontext sicherlich nützlich, noch wichtiger ist die Vermeidung langer Transportwege, eine ortsnahe Herkunft der Lebensmittel und eine den Jahreszeiten entsprechende Ernährung. Diese Ansätze beginnen bei der Wurzel des Problems und versuchen Lösungen zu schaffen. Aber sie haben einen großen Nachteil: Sie sind teuer und nicht jede/r kann es sich leisten, sein Gewissen rein zu kaufen, was sowieso nicht das Ziel sein kann.
Ich fange daher beim Ende der Produktionskette an, und biete keine Lösung, sondern versuche es mit einer prophetischen Praxis: Mülltauchen, Essen retten, Containern oder Dumpstern.

Nach Ladenschluss begeben wir uns auf Fahrrädern mit Seitentaschen und Taschenlampen zum Supermarkt und streben den Hintereingang an. Dort finden wir das, was kurz zuvor noch auf dem Tresen lag: Äpfel, Orangen, Karotten (in Bioqualität), Blumen, die in ein paar Tagen anfangen zu welken und Joghurt, dessen Mindesthaltbarkeitsdatum zwischen vorgestern und übermorgen liegt. Wir nehmen uns soviel wir brauchen und hinterlassen den Hof sauberer als zuvor. Zuhause wird das Obst gewaschen und verteilt, vielleicht kochen wir spontan etwas, oder verabreden uns für den nächsten Tag zum gemeinsamen Essen.

Was ist Mülltauchen mehr als ein bisschen Abenteuer und eine Möglichkeit, Geld zu sparen? Eine Lösung für die Probleme der Nahrungsmittelproduktion und -verteilung sicher nicht.
Aber es führt uns immer wieder das schiere Ausmaß an Verschwendung und die Künstlichkeit des Mangels vor Augen. Es senkt einerseits die Nachfrage, da ich alles, was ich ertaucht habe, nicht mehr kaufen muss und gibt mir gleichzeitig die Möglichkeit, mit dem gesparten Geld in faire, nachhaltige und regionale Produkte zu investieren, die ich mir sonst nicht leisten könnte.

Anders als im Ausüben einer herablassenden Wohltätigkeit, armen Menschen Essen zu geben, das ich selbst nicht essen möchte, essen MülltaucherInnen selbst das Ertauchte und solidarisieren sich mit denen, die keine anderen Möglichkeiten haben. Die schiere Masse an weggeworfenem Essen, das man retten könnte, zwingt zum Teilen, da es in Analogie zum biblischen Manna bald aufgebraucht werden muss. Immer neue, unvorhersehbare Kombinationen an Fundgemüse fördern kreative Rezepte und Gemeinschaft mit allen, die sich einladen lassen. In manchen Städten werden in „Volxküchen“ leckere vegane Mahlzeiten aus gerettetem Essen an öffentlichen Plätzen an alle verteilt, die kommen, egal ob reich, arm, nüchtern oder betrunken. Diese Aktionen sind ein prophetisches Zeugnis gegen die Wirtschaft des Todes und für eine andere Welt, die hereinbricht, wo wir teilen und uns darauf verlassen, dass der Schöpfergott uns versorgen wird.

Hier wird für mich auch der geistliche Aspekt des Mülltauchens deutlich:

Die Auseinandersetzung mit dem weggeschmissenen Essen führt mich gleichzeitig in den Dank und die Klage. Dank für das Essen, das ich finde, Klage darüber, dass es ungerecht produziert wurde und nun Menschen vorenthalten wird, die es mehr bräuchten als ich.
Die biblischen Geschichten überlagen sich: Im Müll der Konsumwüste finde ich täglich mehr als genug Manna. Gleichzeitig versuche ich, nicht vor dem babylonischen Supermarkt niederzufallen.

Dieser Artikel von mir wurde in der Ausgabe 2/14 mennonitischen Zeitschrift „Die Brücke“ veröffentlicht. Da ich nicht zum Schreiben komme, poste ich ihn hier, um den Blog zu beleben.

Bananen als analytisches Instrument der Volkswirtschaft

Ich gehe in einen der drei Supermärkte in meinem Dorf. Regale voller Lebensmittel formen den Markt zu einem Konsumlabyrinth, aus dem ich nur dann den Ausweg finde, wenn ich mehr, als ich wollte eingekauft habe. In der Obst- und Gemüseabteilung sehe ich Berge von Tomaten, Salaten, Gurken. Alle perfekt normiert, gerade Gurken, runde Tomaten, alles ohne Druckstellen und jeden Makel. Aus Afrika, Asien und auch aus Südamerika kann ich Bananen kaufen, kann wählen, ob ich mit dem „Bio“-Siegel versehenes Obst kaufen will, oder das „Normale“. Das ist Freiheit im Supermarkt, wählen zu können, zwischen all diesen gleichaussehenden Bananen – von allem sind Berge vorhanden.

Während ich sie mir ansehe, einige in die Hand nehme um zu fühlen, wie reif sie sind, fällt mir auf, dass einige bräunlich werden haben. Ich sage es dem Verkäufer (in der Hoffnung einen Rabatt zu bekommen), er schmeißt sie weg. Man will ja nicht, dass es heißt, in dem Laden werde schlechte Ware verkauft.

 

Nachts bin ich wieder bei dem Supermarkt. Die Lichter sind schon lange ausgegangen, weshalb ich eine Taschenlampe mitgenommen habe. Ein Freund ist auch dabei, zusammen wollen wir herausfinden, was aus der Banane geworden ist.

In einer braunen Tonne finden wir sie wieder, zusammen mit all den anderen, die aus irgendwelchen Gründen aussortiert wurden:

Haufenweise Tomaten, die leichte Druckstellen haben

Säcke mit Orangen, von denen eine einzige angefangen hat zu schimmeln, Salatköpfe, bei denen einzelne Blätter bräunlich sind, Gurken, Rettiche, und vor allem: Bananen.

Bananen, für die Regenwäler gerodet wurden, die in riesigen Monokulturplantagen gewachsen sind auf denen Pestizide gesprüht wurden, die auch Menschen vergiften. Bananen, die grün geerntet wurden, damit sie auf dem Transportweg nachreifen und dieses Gelb annehmen, das wir als „reif“ wahrnehmen.

Bananen, die endlich reif sind und braune Flecken entwickeln.

Vielleicht sind Bananen ein verkanntes analytisches Mittel um Widersprüche im wirtschaftlichen System aufzuzeigen:

Bildeten sich in der Planwirtschaft der DDR endlose Schlangen vor den Läden, wenn es denn endlich mal Bananen gab, so landen sie im real existierenden Konsumkapitalismus ohne großes Zucken in den Müll, um Platz für vermeintliche frischere zu machen.

Außerhalb des Kleiderschranks

In meinen Gesprächen mit alten Freunden und wenn ich zu all den alten Orten gehe fühle ich mich, als sei hier keine Zeit vergangen. Viele meiner früheren Klassenkameraden studieren jetzt, oder arbeiten, und doch mir kommt es so vor als hätten sie sich nicht verändert.

 

Ich bin aus Narnia durch den Wandschrank wieder in die echte Welt getreten und während dort ein Jahr verging, ich zahllose Abenteuer erlebte und in der Zeit gealtert bin, sind hier nur ein paar Augenblicke vergangen. Die Erinnerungen bleiben bei mir, aber wie Lucy, die in Narnia zur Frau wurde, bin ich hier doch nur ein Kind und falle sofort in alte Verhaltensmuster zurück, weil die Menschen um mich herum sich exakt wie früher verhalten.

Wenn Palästina mein Narnia war und hier alles gleich geblieben ist, waren meine Erfahrungen überhaupt wirklich? Wenn ich von dem erzähle, was ich gesehen und getan habe, habe ich das Gefühl, dass die Leute zögern mir zu glauben. Sie vertrauen mir, aber meine Worte scheinen einfach zu unglaublich. Wird meine Geschichte dadurch nicht in gewisser Weise zum Märchen? Ist das nicht das, was ein Märchen zum Märchen macht? Geschichten, die wir nicht wagen, zu glauben? Wir würden es nicht aushalten, in einer Welt zu leben, in der es Hexen gibt und sprechende Wölfe, die unsere Großmütter fressen. Aber es gibt Eltern in unserer Welt, die ihre Kinder in den Wald schicken und hoffen, dass sie niemals wieder kommen, sei es, weil sie sie nicht versorgen können, oder weil sie die Liebe für sie nicht aufbringen können.

Und ist es nicht schlimmer in einer Welt zu leben, in der es zwar keine Hexen gibt, dafür aber immer noch Apartheid, Atombomben und Bulldozer, die Häuser zerstören?

Vielleicht fragen mich die Menschen deshalb nicht, und vielleicht will ich deshalb nicht erzählen, wenn sie fragen. Frag nichts und erzähl nicht. Don’t ask, don’t tell. Was in der US-Armee funktioniert hat, funktioniert auch für mich. Ich möchte deine Feier nicht zerstören, wenn ich dir von all den schrecklichen Dingen erzähle, die ich gesehen habe. Und noch weniger möchte ich sehen, wie du weiter lächelst, wenn ich dir davon erzähle.

Kulturschöcke

Hier ist eine Liste an Kulturschöcken, die ich bis jetzt auf Facebook veröffentlicht hatte. Das ganze ist eher zur Erheiterung gedacht und keine gute Beschreibung palästinensischer Kultur (noch der deutschen):

Rückkehrkulturschock #1: alles ist hier so grün, es scheint, ganz Deutschland ist eine einzige Siedlung.

Rückkehrkulturschock #2: Nachdem ich den Frankfurter Flughafen verlassen habe, sah ich keine einzige bewaffnete oder uniformierte Person. Und wo ist eigentlich der Checkpoint, der die Bewegungsfreiheit der deutschen Bevölkerung unter dem Vorwand der „Sicherheit“ einschränkt?

Rückkehrkulturschock #3: In Deutschland essen die Menschen mehr Gerichte als Reis mit einer unspezifischen roten Sauce.

Rückkehrkulturschock #4: Ich kenne nicht alle Weißen.

Rückkehrkulturschock #5: Ich kann nach Einbruch der Dunkelheit nach Hause gehen und die Chancen sind sehr gering auf dem Weg von israelischen Soldaten gestoppt zu werden. (Bei deutschen Soldaten liegt die Sache ja vielleicht bald anders…)

Rückkehrkulturschock #6: Das große Schwimmbecken im Bammentaler Schwimmbad hat mehr Volumen als alle Zisternen im Zelt der Völker zusammen.

Rückkehrkulturschock #7: Deutsche Pommes sind knusprig und lecker, keine wabbelige Masse, die man nur in einem Falafelsandwich essen kann.

Rückkehrkulturschock #8: In Deutschland muss ich fegen und abspülen und wenn ich herausstelle, dass das Frauenarbeit ist, werde ich als „Sexist“ beschimpft.

Rückkehrkulturschock #9: In Deutschland nennt man mich einen Antisemiten, wenn ich sage, was ich von der Situation in Palästina /Israel halte, wofür ich in Palästina als Zionist beschimpft wurde.

In den weiteren Tagen wird diese Liste sicherlich noch fortgeführt…

wieder „zu Hause“

Nach einer zum Glück ereignislosen Reise bin ich am Mittwoch wieder in Deutschland angekommen. Um mir die unangenehmen Fragen, die Untersuchung meiner Koffer und die mögliche Leibesvisitation zu ersparen, bin ich über Jordanien ausgereist, wo sich die Beamten herzlich wenig für den Inhalt meines Gepäcks interessiert haben und mich auch nichts fragten. Nur der Mann, der mir den israelischen Ausreisestempel in den Pass drückte, ich solle bloß nicht glauben, ich könnte dieses Jahr nochmal ein Dreimonatsvisum kriegen, sondern ich müsse jetzt mal zur Botschaft gehen.

Mittwoch mittags landete meine Maschine und im Flughafen bekam ich gleich einen Geschmack der deutschen post-elfter-September Sicherheitskultur: Ich musste einen Riesenumweg laufen, weil jemand seine Tasche liegen gelassen hatte, und die als Sicherheitsrisiko eingestuft wurde. Das war ich auch aus Israel gewöhnt, wo ich erst den Bus zur Grenze verpasst hatte, weil ich mein Gepäck durchleuchten lassen musste.

Danach endeten aber auch schon die Ähnlichkeiten, kaum war ich aus dem Flughafen draußen, wurde ich erschlagen von all dem Grün um mich herum. Auf Dahers Weinberg ist seit mehreren Monaten kein Tropfen Regen gefallen und alles ist braun, gelb, bis auf die Bäume. Und dann all das Wasser! Überall Flüsse, Bäche und Seen.

Langsam taste ich mich vor in dieses Land, dass ich eigentlich kennen sollte. Ich denke, dass ist es, warum viele sagen, das Rückkehren ist schwerer als das Ankommen im fremden Land. Man kommt nämlich beide Male in einem fremden Land an – beim Rückkehren weiß man es bloß nicht.

 

„Das Lager macht uns wahnsinnig“

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Wir haben Fachkräftemangel, mehr Auswanderung als Zuwanderung und niedrige Geburtenraten. Aber wir klammern uns lieber an Träume von weißen Eliten, die plötzlich gerne in Deutschland arbeiten wollen, oder Untergangsvisionen von einem sich abschaffenden Deutschland, als dass wir mit den Menschen, die wegen Krieg, Hunger, Verfolgung und Armut hierher kommen zusammen arbeiten.

Flüchtlinge haben Fußmärsche, Schlepper und deutsche Behörden überlebt und wollen immer noch eine Ausbildung kriegen und arbeiten!
Aber statt in sie zu investieren grenzen wir sie aus und hoffen, dass nicht mehr kommen.

Bei dem Vorbereitungsseminar für meinen Freiwilligendienst haben wir ein Asylheim besucht. Ich war auf vieles vorbereitet, aber nicht darauf, dort Menschen zu treffen, die seit vier Jahren in einem Lager wohnen, nicht darauf alleinstehende Männer zu treffen, die noch nie selbst gekocht haben, die Essenspakete mit fremden, teils schimmeligen Gemüsen aber irgendwie verwenden wollen, und deswegen die Küche ihres Trakts nach wenigen Tagen ruiniert haben. Die sich aus lauter Frustration verprügeln, auch weil dort Männer aus verfeindeten Nationen zusammenwohnen müssen und weil sei außer ihrem gebrochenen bis teils beeindruckend guten Deutsch keine gemeinsame Sprache haben.

Der Satz, der mir immer wieder gesagt wurde, war: „Das Asylheim macht uns wahnsinnig.“

Flüchtlinge und Völkerwanderungen gab es seit Menschengedenken. Wieso glauben wir, wir könnten dieses natürliche Verhalten aufhalten? Und warum erkennen wir das gewaltige Potential dieser Leute nicht an?

Hier gibt es eine Petition, um wenigstens Kindern, die in Asylheimen wohnen müssen, ein besseres Leben zu verschaffen.

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Gnade gegen Spende

Freakstock 2011_PC-81

Letzte Woche war ich auf Freakstock, dem jährlichen Festival der Jesus Freaks. Es war eine großartige Erfahrung und ich frage mich, warum mich niemand vorher dahin geschleppt hat… Genau diese Gemeinschaft an alternativen, fröhlichen Christ_innen habe ich lange gesucht und nun vielleicht endlich ein paar davon getroffen.

Es gab dort viel Schönes und Inspirierendes, aber das spannendste waren die Volksküche und die Band Psalters. Bei der Volxküche wurde tagsüber gekocht, sodass abends zusammen gegessen werden konnte. Eingeladen waren alle, zum Essen, wie auch zum Schnibbeln, Würzen und Spülen. Außerdem war das Vokü-Zelt ein Ort der Begegnung, am dem ich einen großen Teil der Zeit während des Festivals verbrachte und spannende Menschen kennenlernte.

Die Psalters sind eine Band aus Philadelphia, USA Turtle Island, die liturgische Texte mit Punk-Folkmusik mischen und sich als Nomaden verstehen. Ich kannte sie vor Freakstock nicht und bin immer noch sehr begeistert von dieser Musik, den Musiker_innen und ihren Konzerten (sie haben von vier Tagen 3(!) mal gespielt).

Was mich aber an diesen zweien am meisten überzeugt hat, war, dass beide einzig und allein auf Spendenbasis funktionierten. Bei der Vokü stand eine Kasse und man warf hinein, was man wollte. Der Stand der Psalters war immer besetzt und man konnte sich an Alben und Patches nehmen, was man wollte, gegen eine Spende beliebiger Größe. Es gab keine festen Preise und man gab so viel, wie man konnte und das Projekt unterstützen wollte. Man konnte auch gar nichts geben.

Diese Praxis hat mich zum Nachdenken gebracht und schließlich kam ich im Gespräch mit Freunden auf diese These: „Gnade gegen Spenden“ (Der Satz ist ein leider Anglizismus, „grace for donations“ und ich freue mich über bessere Übersetzungsvorschläge).

Was bringt mich zu diesem Gedanken? Gnade ist ein Wort mit dem viele Leute etwas vollkommen Unverdientes verstehen und auch zu recht. Die Gnade, die Gott uns anbietet können wir durch nichts verdienen. Egal, wie fromm unsere Lebensführung wäre, oder wie viel Frieden wir stiften würden; nichts kann die Gnade erkaufen – abgesehen davon, dass wir diese Dinge wohl kaum ohne Gott tun könnten. Das Konzept von der unverdienten Gnade erlöst uns aus dem Zwang „Gutes“ zu tun, der allzu schnell für einen höheren Zweck die Mittel heiligt. Es erlöst uns von Schuldgefühlen und zeigt uns, dass wir so angenommen sind, wie wir sind. Das ist die Predigt, die Rev. Vince Anderson uns in seinem Konzert über Gottes all-inklusive Liebe hielt.

Aber. Es gibt immer ein aber. Die Stärken eines Konzepts werden zu Schwächen, wenn sie ihr subversives Element verlieren, Allgemeinplätze werden und andere Wahrheiten verdrängen.

So ist es auch hier. Ich bin kirchenhistorisch nicht bewandert genug, um die genauen Ursachen für diesen Umschwung zu sehen, aber sagen wir einfach, die Tradition der Gnade hat die Tradition der Werkgerechtigkeit besiegt, und mit ihr auch alles verdächtig gemacht, was nach Werken aussieht. Wer auf die Notwendigkeit christlicher Werke hinweist und Zweifel daran hegt, dass alles, was Christ_innen nach ihrer Bekehrung tun sollen, lobpreisen und anbeten und keinen Sex vor der Ehe haben ist,  gilt bei manchen schon fast als Ketzer.

Da so aber auch schon die Propheten genannt wurde, lasse ich mich nicht stören.

Ich denke, Werke sind wichtig, vielleicht sogar essentiell – gleichzeitig kann man sich die Gnade nicht verdienen. Wie also soll man diese Dialektik auflösen?

Hier kommen die Spenden ins Spiel.

„Gnade gegen Spenden“ heißt, jede nimmt sich was sie braucht und gibt was sie kann. Manche brauchen mehr und geben scheinbar nichts, manche können wenig annehmen, meinen aber viel geben zu müssen. Manche geben anders, so wie bei der Vokü manche Essensspenden mitbrachten, oder Gemüse schnibbelten, während andere „nur“ einen 5€-Schein in die Kasse legten. Durch das Annehmen der Gnade kann man diese weitergeben und auch so etwas zurückgeben, wie manche begeistert von den Psalters erzählten und so Leute zu ihrem Konzert brachten, die später viel Geld für CDs gaben.

Diejenige(n), die die Kosten tragen und sich auf ein solches Konzept einlassen (sei es die Vokü auf einem bescheidenen Niveau, oder die Psalters, die tatsächlich mehr oder weniger von Spenden für ihre Musik leben, oder letztlich Gott, der sich und den Kosmos der Menschheit komplett ausgeliefert hat) brauchen ein gewaltiges Maß an Vertrauen gegenüber den zunächst bloßen Konsumenten.

Aber gerade durch dieses Vertrauen fühlen sich die Konsumierenden wahrgenommen und haben die Möglichkeit dieses Vertrauen zu bestätigen und Teil der Bewegung zu werden, die durch die Gnade ausgelöst wurde. Manchmal wird das Vertrauen auch enttäuscht, so wie als die Vokü 100€ im Minus war (ich hoffe es hat sich noch ausgeglichen), aber dadurch werden sich die Begnadigten erst ihrer Verantwortung bewusst und können sie wahrnehmen.

Eine letzte und spannende Gemeinsamkeit zwischen Gnade und dem Konzept der Schenkökonomie (zu der man das „gegen Spenden“ Prinzip zählen kann) ist, dass es vielen Menschen unglaublich schwer fällt, beides anzunehmen. Wir sind so gewohnt, dass alles einen festen Austauschpreis hat, dass man alles messen kann, dass Pflichten erfüllt werden können und müssen, dass es uns unmöglich und unerträglich erscheint, dass es etwas anderes gibt. Die Gnade erschreckt den gefallenen Menschen, weil er alles einteilen will, genau messen und ordnen will.

Ein solches Maß an Reich Gottes ist für das System höchst erschreckend. Zu Recht.

 

Mein Schutzheiliger

Heute ist St. Martin und im ganz Deutschland ziehen Kinder mit Laternen durch ihr Dorf, singen „Ich geh mit meiner Laterne“ und essen Martinsmännchen.

So lange ich mich erinnern kann, mochte ich diesen Tag. Der Umzug kommt direkt an unserem Haus vorbei und einige Minuten vorher hört man schon die Blaskapelle vorbeiziehen. Draußen ist es schon dunkel und die Laternen leuchten bunt, in die Dunkelheit hinein. Kinder rennen rum, werden auf dem Rücken getragen, werden immer wieder nutzlos ermahnt, ihre Laternen nicht so hin und her zu wackeln. Nie sieht man in Bammental so viele Kinder fröhlich singen und der unheimlichen Dunkelheit trotzen.

Es ist zumindest in B’tal auch Tradition, dass Grundschüler die berühmte Geschichte aufführen, in der Martin mitten im Winter seinen Offiziersmantel mit seinem Schwert teilt, um die Hälfte einem Obdachlosen zu geben, der nicht in die Stadt eingelassen wird. Bestimmt kennt ihr die Geschichte.

Ich glaube, dass der Sprengstoff dieser Geschichte gar nicht mehr richtig zur Explosion kommt, da wir sie schon so oft gehört haben, dasselbe Problem wie bei Weihnachten, oder Ostern.

Martin, der kleine Mars, entstammt einer militärischen Familie, der Vater ist Offizier und hat seinen Sohn gleich mal dem römischen Kriegsgott geweiht. Als Jugendlicher wird Martin Christ, ist aber schon im Militär. Die Kirche ist noch immer auf ihrem „radikal-pazifistischen“ Standpunkt, dass man seine Feinde nicht lieben kann, wenn man sie umbringt, weshalb Martin in der Armee bleibt, aber nicht kämpfen darf. Die Provinz Gallien, wo er stationiert ist, ist aber auch schon länger befriedet und er geht nicht auf Konfrontationskurs mit dem Militär. Voll der Mitläufer also.

Denkste. Der Mantel, den Martin teilt ist nicht sein eigener. Er ist Teil der Uniform und damit Staatseigentum. Ein Herrschaftssymbol. Und Martin zerschneidet es, um einem dreckigen Bettler Wärme zu spenden. Er zerstört Eigentum des Staates, weil dieser sich einen Dreck um die Ausgegrenzten schert. Das ist der erste Schritt von Martins Ungehorsam. Er sah in dem Bettler Christus und kleidete ihn.

Als der Kaiser die Truppen ein wenig später vor einer Offensive gegen die Barbaren versammelt, um ihren Kampfgeist zu stärken, verweigert Martin öffentlich dem Kaiser den Gehorsam, da er einem anderen Herrn dient, Jesus Christus, der ihm gebietet seine Feinde zu lieben. Um zu beweisen, dass er kein Feigling ist, bietet er an, nur mit einem Kreuz in der Hand, den Barbaren entgegenzutreten. Der Kaiser lässt ihn ins Gefängnis werfen. (Die Barbaren ergaben sich später ohne Kampf).

Auch später kritisiert Martin noch oft die Mächtigen, wird von der Volksmenge gegen seinen Willen gedrängt Bischof zu werden, und verteidigt vergeblich die Priscillianer vor Verfolgung zu schützen, obwohl er sie selbst für Ketzer hält.

Nach seinem Tod wurde er bald heilig gesprochen und sein Mantel (lat. cappa) als Reliquie verehrt. Die französischen Könige erwarteten davon Schutz und nahmen in mit in Schlachten, wo ein Priester, den Mantel trug (cappelani), daraus entwickelte sich der Begriff der Kapelle und des Kaplans. Die Militärseelsorger in der US-Armee heißen auch chaplains.

Heute ist St. Martin unter anderem Patron der Soldaten. Ein weiteres Beispiel dafür, wie sehr die Kirche sich von ihren Wurzeln entfernt hat.

Mittlerweile nehmen die Kinder aus dem Anspiel beim Martinsumzug mit, dass Soldaten auch nette Menschen sind. Diese subversive Erzählung ist von der militaristischen Propaganda, die uns geprägt hat, usurpiert worden und hat ihre ursprüngliche Bedeutung verloren.

Ich schlage deshalb ein Moratorium auf diese Geschichte vor und denke wir sollten andere Geschichten aus Martins Leben dort spielen. Seine Verweigerung vor dem Kaiser zum Beispiel. Oder der Versuch die Ketzer vor Verfolgung zu retten.

Für mich ist St. Martin der Patron der Kriegsdienstverweigerer. Der Patron Franz Jägerstätters, der im Dritten Reich den Kriegsdienst verweigerte und dafür hingerichtet wurde, der Patron Phillipp Pereiras, einem Totalverweigerer aus der Umgebung Heilbronn, und mir, einem normalen Kriegsdienstverweigerer.

Es ist Zeit, dass diese Geschichten wieder erzählt werden, auf Martinsumzügen, in Predigten und Kindergottesdiensten.

Nachtrag: Ein wenig verspätet, aber jetzt trotzdem: Am Sonntag nach St. Martin habe ich mit den Kindern unserer Gemeinde im Kindergottesdienst über St. Martin gesprochen und wir haben Martinsmännchen und zerbrochene Gewehre gebacken.

Quellen:

http://de.wikipedia.org/wiki/Martin_von_Tours

http://www.heiligenlexikon.de/BiographienM/Martin_von_Tours.htm

SoundOff, Dezember 2009, Volume 6, Issue 4

Bilder: http://www.sankt-martin-pfalz.de/extras/martinus/legenda.html