Manna, internationale „Hilfe“ und die ewige Besatzung

Vor einigen Tagen habe ich eine Dokumentation gesehen, die mich daran erinnert hat, dass ich schon länger einen Artikel über internationale Entwicklungshilfe in Palästina schreiben wollte.

Wer sich all die Schilder an neuen Gebäuden in der Westbank anschaut, könnte den Eindruck gewinnen, die gesamte Welt wäre einseitig auf der Seite der Palästinenser. Von den zu erwartenden arabischen Ländern über Deutschland und andere EU-Länder finanziert sogar die USA Infrastrukturprojekte und NGOs in den von Israel besetzten palästinensischen Gebieten.

Zum Beispiel die Straße von Bethlehem nach Nahalin. Da die Israelis mit Felsen den Weg von Nahalin zur Route 60, die Hauptverbindung zwischen Jerusalem, Bethlehem und Hebron, blockiert haben, konnte man Nahalin (und Dahers Weinberg) nur noch zu Fuß erreichen, oder man arrangierte, dass auf der anderen Seite des Roadblocks ein zweites Auto stand, das einen mitnahm.

Die italienische und US-amerikanische Regierung haben nun in all ihrer Güte beschlossen, eine neue Straße von Bethlehem über Al Khader und Hussan (zwei andere palästinensische Dörfer) zu bauen. Diese führt an einer Stelle in einem Tunnel unter der Route 60 hindurch, ist bis jetzt nur eine Erdstraße und nimmt einen gewaltigen Umweg, sodass man nun viel länger nach Bethlehem braucht, als vorher. Die Straße wurde von palästinensischen Bauarbeitern unter Anleitung italienischer und amerikanischer Ingenieure gebaut, wodurch ein Teil des Geldes wieder in die Ursprungsländer geflossen ist. Der wichtigste Punkt ist allerdings dieser: Statt ihren Einfluss auf Israel auszunutzen und zu verlangen, dass der Roadblock entfernt und die alte Straße wieder freigegeben wird, haben sie sich zu Komplizen der Besatzung gemacht, indem sie ein Apartheidssystem von getrennten Straßen propagierten. Die neue Straße wird als Rechtfertigung seitens Israels benutzt, dass Palästinenser in Zukunft vielleicht gar nicht mehr auf der Route 60 fahren dürfen. Gleichzeitig können sich Italien und USA damit rühmen, nicht einseitig auf der Seite Israels zu stehen, da sie ja auch Projekte innerhalb der besetzten Gebiete finanzieren, die für eine etwaige Staatsgründung wichtig sind.

Tatsächlich machen sie die Zweistaatenlösung unmöglich, weil so die Apartheidspolitik ungehemmt weitergehen kann. (Außerdem sind die Gelder an die Palästiner lächerlich im Vergleich zu der Unterstützung der USA an Israel)

Ein zweites Beispiel aus meiner eigenen Erfahrung: Zu Beginn meiner Zeit auf Dahers Weinberg gab mir Daher kleine verschweißte Packungen mit Reis und komischen braunen Brocken, die ich den Tauben verfüttern sollte. Auf den Packungen war ein Etikett: Manna Pack von der Organisation Feed my Starving Children. Diese wohltätige christliche Organisation hat es sich zur Aufgabe gemacht, „Gottes Kinder die körperlich und geistlich hungrig sind, mit Nahrung zu versorgen. Zunächst einmal grenzt der Name „Manna Pack“ meiner Meinung nach an Blasphemie, da das Manna den Israeliten in der Wüste von Gott gegeben wurde und nicht von wohlmeinenden Christen, die von der Situation der verhungernden Kinder, denen sie helfen wollen, profitieren. Desweiteren denke ich, dass, auch wenn ich Tauben im Sinne Franz von Assisis als Geschwister und daher als Kinder Gottes bezeichnen würde, die Verfütterung von Manna Packs an Tauben den Zweck verfehlt. Das ich die Manna Packs den Tauben verfüttern sollte, sagt mir weiterhin, dass sie im Westjordanland von Menschen nicht benötigt werden, und billiger sind als Körner, die ich den Tauben sonst füttere. Es ist die ökonomisch sinnvollste Option.

So wird die palästinensische Wirtschaft zerstört, da es sich lohnt, internationale Hilfsgüter als Tierfutter zu nutzen, statt lokale Produkte. Ich möchte betonen, dass dies nicht die Schuld der Palästinenser ist, es ist die Schuld wohlmeinender Organisationen, die Notfallhilfe in Gebieten betreiben, wo diese nicht benötigt wird.

Solche Hilfe ist nicht Hilfe zur Selbsthilfe, sondern zerstört lokale Märkte, macht abhängig und ist damit Teil des Systems, dass die Besatzung aufrecht erhält. Würde die Besatzung enden, würde auch die internationale Hilfe enden, womit viele Menschen ihrer Einkommen, z.B. als NGO-Mitarbeiter, beraubt wären.

Ein weiterer Aspekt dieser Gelder ist auch, dass sie den Widerstand kontrollieren. Entscheiden sich die Palästinenser für einen Weg, der den Spendern nicht passt, so wird der Geldhahn zugedreht. Das beste Beispiel hierfür sind die demokratischen Wahlen im Gazastreifen, die die Hamas an die Macht brachten. Obwohl diese Wahlen von unabhängigen Beobachtern für zulässig erklärt wurden, stoppte die internationale  Gemeinschaft die Gelder und bestrafte die Bewohner des Gazastreifens für das Ausüben ihrer demokratischen Grundrechte.

Die vorhin erwähnte Dokumentation hat meine Bedenken gegen internationale Hilfe bestätigt und noch vergrößert. Sie geht in mehreren eindrücklichen Beispielen mit Aussagen palästinensischer WissenschaftlerInnen und Unternehmer auf die Rolle von internationalen Geldern in der Besatzung ein.
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Was heißt das für meinen Dienst hier? Ich nehme im Grunde genommen ebenfalls einem Palästinenser Arbeit weg. Meine unbezahlte Arbeit hier ermöglicht es, dass Zelt der Völker nicht rentabler werden muss, sondern weiterhin die Arbeitskraft abenteuerlustiger Deutscher ausbeuten kann. Das hört sich sehr hart an, und ich kriege hier ja auch einiges zurück an Atmosphäre und so, aber wirtschaftlich gesehen sind all diese Faktoren uninteressant. Was zählt ist Arbeitskraft und Bezahlung und das Verhältnis ist bei Freiwilligenarbeit einfach traumhaft. Fast so gut, wie Sklavenarbeit.

Andererseits denke ich, dass diese Analyse eher auf andere Projekte zutrifft, die tatsächlich die finanziellen Möglichkeiten hätte, jemanden anzustellen und zu bezahlen. Aber bei all den Freiwilligen, die es hier gibt, im Vergleich zu den Arbeitslosenzahlen, wundere ich mich, dass die Palästinenser uns immer noch so freundlich empfangen.

Morgen ungeduscht auf RTL

Mein Kollege Jonas führt einen öffentlichen Blog, weshalb man diesen auch über google finden kann. Eine Journalistin des Fernsehsenders RTL hat das dann auch gemacht und anscheinend hat ihr gefallen, was sie da gelesen hat. Jedenfalls hat sie ihn kontaktiert und gefragt, ob sie einen Bericht über uns deutsche Freiwillige, die in Palästina Weihnachten feiern, machen darf.

Auch wenn ich es ein wenig seltsam fand, bei der spannenden Geschichte des Ortes und des Projekts einen Bericht über uns zu machen, haben wir in Absprache mit Daoud zugestimmt.

Gestern war dann der große Tag, zufällig war das auch der Tag unserer Weihnachtsfeier, weil an Heiligabend nicht alle da sind.

Das hieß also, dass wir den Vormittag über so tun durften, als würden wir arbeiten, und alle Aufgaben zehnmal machen mussten, da es aus verschiedenen Winkeln gefilmt werden musste. So bekamen die Hühner zum Beispiel dreimal so viel wie sonst, weil ich ihnen dauernd eine handvoll Körner hinschmeißen musste. Außerdem mussten wir dauernd irgendwohin laufen, weil das Fernsehauge anscheinend laufende Menschen liebt. Jonas musste auch an allem beteiligt sein, obwohl er normalerweise nie die Hühner füttert, aber was tut man nicht fürs Fernsehen.

Später wurden uns auch noch ein paar Fragen gestellt, aber wie das so ist bei Interviews, am Ende fallen einem dann doch die besten Antworten ein.

Der Sender RTL ist ja nicht gerade bekannt für seine großartigen und detailgetreuen Reportagen, aber ich muss doch sagen, dass ich von der Journalistin, die unseren Bericht gemacht hat, positiv überrascht war. Auch wenn ich natürlich noch nicht weiß, was sie aus dem Material gemacht hat. Für den Fall, das ein Modell sich über unser Erscheinungsbild und unsere Körperhygiene beschwert, möchte ich verlauten lassen: Sie hat recht.

Gesendet wird der maximal 2-minütige Bericht morgen, am 24.12. um 18.45 Uhr in RTL Aktuell. Das ist genau die Zeit, bei der RTL anscheinend gerade am Heiligen Abend gute Einschaltquoten hat.

Die Journalistin stimmte mir zu, dass das ein ziemlich trauriger Fakt ist.

Ich werde einen Link zur Sendung erhalten und hier posten, wenn ihr es anders sehen wollt, nehmt es bitte auf, ich hoffe, dass alle meine Leserinnen und Leser morgen etwas besseres zu tun haben, als RTL zu schauen.

Hinweis: Es könnte so wirken, als ob ich mich über das Niveau des Senders RTL lustig mache. Diese Einschätzung entspricht den Tatsachen. Ich muss aber eingestehen, dass ich nicht über die nötigen empirischen Daten verfüge – beispielsweise hinreichend viele gesehene Sendungen auf RTL – um mich begründet über RTL lustig zu machen. Ich schätze, da bin ich ungefähr auf dem Niveau des Senders. Ich möchte aber festhalten, dass ich glaube, dass unsere Journalistin nicht repräsentativ für mein Bild des Senders ist.

 

Phönix aus der Asche

Als ich im September die Verantwortung für die Animal Farm übernahm, sahen die Hühner ziemlich gerupft aus, hatten im Stall zu wenig Platz und standen Tag für Tag in ihrem eigenen, mittlerweile pappmascheeartigen Kot, weil ihr Gehege schon ewig nicht mehr sauber gemacht wurde.

In meiner Zeit hier habe ich

  • ihnen die Möglichkeit gegeben in einem sehr viel größeren Gebiet sich frei zu bewegen,
  • mehrere neue Stangen in dem Stall für sie installiert,
  • den Boden des Geheges herausgerissen und mit Erde erneuert
  • und eine Staubbox gebaut, die sie zum Reinigen des Gefieders verwenden sollen.

Auch wenn sie die Staubbox, so wie das Heu für ihre Nester noch nicht angenommen haben, und nur einige das größere Gehege erkunden, so benutzen sie doch die Stangen und scharren wieder in der Erde. Das Gefieder hat sich nach der Mauser wieder erneuert und wir haben nun farbenfrohe Hühner zwischen weiß und knallrot.

Nur Eier legten sie die ganze Zeit noch nicht.

Bis diese Woche. Am Dienstag hörte ich ein seltsames Gackern aus ihrem Stall und als ich nach sah, lag im Futtertrog der Ziegen ein kleines, gelbliches Ei!

Heute habe ich schon das zweite gefunden, diesmal im Futtertrog der Pferde.

Hoffentlich fängt damit die Eierproduktion erst an und wir können noch mehr haben – wer weiß vielleicht kann ich ihnen ja auch beibringen, nicht in die Futtertröge, sondern in die für sie präparierten Nester zu legen?

Nachtrag: Ich stelle gerade fest, dass ich bis jetzt überhaupt keine Bilder von den Hühner gemacht habe. Wahrscheinlich, weil ich sie zu deprimierend fand. Ich werde dann morgen ein paar Bilder machen und hier hochladen.

O Heiland, reiß die Himmel auf

Dieses Adventslied habe ich die letzten Wochen öfters während der Arbeit gesungen. Es hat zwar nicht geholfen adventliche Gefühle in mir zu wecken, aber es fasziniert mich trotzdem:

O Heiland, reiß die Himmel auf,
herab, herab vom Himmel lauf.
Reiß ab vom Himmel Tor und Tür,
reiß ab, wo Schloß und Riegel für!

 

O Gott, ein’ Tau vom Himmel gieß,
im Tau herab, o Heiland, fließ!
Ihr Wolken, brecht und regnet aus
den König über Jakobs Haus.

 

O Erd’, schlag aus, schlag aus, o Erd’,
daß Berg und Tal grün alles werd’!
O Erd’, herfür dies Blümlein bring,
o Heiland, aus der Erden spring!

 

Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt,
darauf sie all’ ihr’ Hoffnung stellt?
O komm, ach komm vom höchsten Saal,
komm, tröst uns hier im Jammertal!

 

O klare Sonn’, du schöner Stern,
dich wollten wir anschauen gern.
O Sonn’, geh auf, ohn’ deinen Schein
in Finsternis wir alle sein!

 

Hier leiden wir die größte Not,
vor Augen steht der ewig’ Tod:
Ach komm, führ uns mit starker Hand
vom Elend zu dem Vaterland!

 

Da wollen wir all’ danken dir,
unserem Erlöser, für und für.
Da wollen wir all’ loben dich
je allzeit immer und ewiglich!

 

Die tiefe Sehnsucht nach der Ankunft des Messias, die aus dem Text spricht, drückt aus, wie ich mich fühle. Bei all der Abwesenheit des Reiches Gottes, die ich hier erlebe, bete ich oft einfach nur dafür, dass Jesus wiederkommt und das ewige Hochzeitmahl beginnen kann.

Die Ankunft des Messias wird im Lied mit dem Wirken der Natur beschrieben: Regen, das Wachstum der Pflanzen. Hier auf Dahers Weinberg erlebe ich die Natur direkter, als jemals zuvor. Seit ein paar Wochen hat es schon nicht mehr geregnet und all die Bäume, die wir gepflanzt haben müssen von uns per Hand bewässert werden. Die Bitte um Regen ergänzt mein Gebet.

Spee schrieb dieses Lied während der Hexenverbrennungen, einer schrecklichen Zeit, in der Christen Frauen verbrannten, weil sie selbstbestimmt leben wollten. Eine Zeit, wo das Reich Gottes unendlich weit weg schien. Das gibt uns eine Idee, worum es im Advent geht: Nicht um Plätzchen, Krippen, Tannenbäume, oder Geschenke kaufen (Schock!)

Es ist eine Zeit des Sehnen um das Kommen des Reiches Gottes. Ein Flehen, das Gott Gerechtigkeit schafft. Das die Engel auf ewiglich singen: „Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden“.

Und es ist eine Zeit, Gott den Weg zu bereiten. Ebnen wir Gott die Bahn, reißen wir die Mauern der Trennung und Ausbeutung ein, machen wir Platz für die Ausgestoßenen in unseren Häusern. Machen wir dem Friedensreich Platz in unseren Herzen und Häusern.

nächtlicher Begleitspaziergang

Auch in Deutschland musste ich in der Dunkelheit schon manche Dame zum nächsten öffentlichen Verkehrsmittel eskortieren, weil das eben höflich ist und man ja nicht weiß, was auf dem Weg alles lauern könnte.

Aber eigentlich weiß man schon, was da lauern könnte. Oder zumindest, was nicht da lauern könnte. Es wäre zum Beispiel höchst unwahrscheinlich, einem vollgepanzerten Armeejeep zu begegnen, mit schwer bewaffneten Soldaten drin, die sich die ganze Nacht da einen abfrieren, weil sie keine Möglichkeit hatten, legal den Kriegsdienst zu verweigern und ihr Staat es zulässt und fördert, dass seine Staatsbürger Kolonien in besetztem Gebiet errichten, die sie als Soldaten jetzt schützen müssen – was bedeutet, dass sie in diesem Jeep sitzen und Leuten Angst einjagen müssen.

Zurück zur Geschichte: Heute hatten wir zum ersten Mal eine Arabischstunde mit unserer palästinensischen Lehrerin Ann (Name geändert). Nach der Stunde wollte sie das Service nach Bethlehem erwischen um dann nach Jerusalem zu fahren. Es war schon dunkel. Das war ein Problem, weil ich mich schon gar nicht mehr erinnern kann, wie oft mir die Geschichte erzählt wurde, wie ein Volontär mal nachts auf dem Weg zur Straße fast von den Soldaten über den Haufen geschossen wurde, weil sie ihn nicht als Ausländer erkannt hatten.

Aber die Dame musste nach Hause und es gab wohl keinen anderen Weg, als dass wir drei Jungs mit hellen Taschenlampen sie zur Bushaltestelle zu begleiten.

Wird schon nichts passieren, nicht jeden Tag ist da ein Jeep.

Nicht jeden Tag – aber heute. Und ich hab keinen Ausweis dabei.

Einfach ruhig weiterlaufen. Ann ist sich nicht ganz sicher, ob sie zur Haltestelle will, entscheidet sich dann aber doch, dass wir weiterlaufen sollen. Wir diskutieren, ob helle Taschenlampen schlecht (sie sehen uns) oder gut (aber sie sehen, dass wir keine Waffen haben, oder palästinensische Jugendlichen sind) sind. Entscheiden uns, dass sie gut sind und lassen sie an. Mittlerweile haben die Soldaten die Leuchtsirene ihres Wagens ausgeschaltet und auf einmal auch die Lichter.

Wir passieren den Steinhaufen, den das Militär „aus Sicherheitsgründen“ aufgeschüttet hat und wegen dem hier keine Autos mehr fahren. Der Jeep kommt langsam auf uns zu. Das Fenster wird runter gelassen.

Soldat: Was macht ihr hier?
Ich: Wir kommen von Zelt der Völker da oben und bringen diese Frau zur Haltestelle.
Ann: Ich bin aus Jerusalem und die anderen aus Deutschland.
Soldat: Was macht ihr da auf dem Berg.
Ich: Wir arbeiten da.
Soldat (verwirrt): Ok.
Ich: Bis dann, wir gehen weiter.

Wir gehen tatsächlich weiter, und sie haben noch nicht mal unsere Ausweise sehen wollen! Wir bringen Ann zur Haltestelle, es gibt noch Services, sogar noch eins als sie das erste verpasst, weil sie sich so herzlich von uns verabschiedet. Sie scheint echt erleichtert zu sein, dass wir sie begleitet haben.

Der Rückweg ist ohne Probleme. Ich drehe mich noch einmal zu den Soldaten um und habe Mitleid. Mir ist auch kalt, aber ich gehe gleich in meine Höhle und mach den Ofen an. Die müssen noch weiter da sitzen und frieren, und wenn ein Palästinenser vorbeikommt, wer weiß, ob sie dann auch so freundlich sind, wie zu uns Ausländern.

Grüne Linie

Bei den Verhandlungen um einen Staat Palästina hört man immer wieder den Begriff der „Grünen Linie“. Gemeint ist dabei die Waffenstillstandslinie von 1949 zwischen Israel und dem damals von Jordanien besetzten Westjordanland.

Die völkerrechtliche Bedeutung dieser Linie wird debattiert, diejenigen, manche sagen, sie sollten die Grenzen zwischen Israel und dem zukünftigen Palästina sein. Israel ist die Grüne Linie ziemlich egal, da es seit 1967 über die Grüne Linie hinaus Ostjerusalem annektiert hat und den Rest des Westjordanlands und Gaza besetzt hat.

Was auch immer ihr rechtlicher Status, grün ist an der Grünen Linie nichts – außer den Olivenhainen, die durch den Bau der Apartheidsmauer von ihren Besitzern abgeschnitten sind, oder teilweise sogar umgepflanzt wurden. An anderen Stellen ist sie betongrau von Israels Apartheidsmauer, die manchmal tatsächlich auf der Demarkationslinie steht und nicht kilometerweit in palästinensisches Gebiet hinein.

Vielleicht sollten wir sie also graue Linie nennen? Oder rote Linie, vom Blut, dass über diese Grenze und das Recht zu bleiben, oder zu kommen schon vergossen wurde?

Im Zelt der Völker arbeiten wir die letzten Tage an unserer eigenen Grünen Linie, wir pflanzen Pinien entlang des Zauns, der Dahers Weinberg begrenzt. Diese Bäume brauchen wenig Wasser und wachsen auch in steinigem Gelände. Ihre Wurzeln werden Erosion verhindern und die Zweige den Wind abmindern. Sie betreiben Photosynthese und bekämpfen damit den Klimawandel. Genug Bäume können sogar das Mikroklima verändern und Regen anziehen! Wo Bäume gepflanzt werden, wird das Land bearbeitet, wodurch Israel das Land nicht einfach enteignen kann, da es nicht bearbeitet wird.

Außerdem ist es natürlich ein Symbol für die Entschlossenheit der Familie Nassar, das Land ihres Großvaters nicht aufzugeben. Dies ist unsere Grüne Linie.

Eine, die diesen Namen verdient.

Nachtrag: Wir pflanzen auch noch einen Wald aus Pinien, Johannisbrotbäumen und anderen Bäumen, deren Namen ich nicht kenne. Insgesamt haben wir bis jetzt 850 Bäume gepflanzt.

Glasflaschenmauern

Hier noch ein Beispiel einer anderen Müllbautechnik, die ich Glasflaschenmauern genannt habe:

Ausprobieren konnte ich diese Technik, da die Wand einer unserer Komposttoiletten (Artikel kommt noch), kaputt war.

Technik: Man stapelt die Flaschen quer übereinander, der Flaschenhals liegt dabei auf der Außenseite der Struktur.

Die Flaschen sind mit einer Mischung aus Erde, Ziegenkot und Heu verbunden, diese Bauweise erlaubt es dem Licht das Klo zu erhellen, verhindert aber einen Einblick in die Privatsphäre während dem Verrichten des Geschäfts.

Hier sieht man das ganze nochmal von hinten.

Der Biomörtel ist jetzt schon fast ganz trocken und die Wand steht noch. Ich hoffe, sie als Muster benutzen zu können, um mehr in dieser Bauform bauen zu können.

Wenn ich über den Müll laufe, sehe ich immer mehr Ideen, die nur auf ihre Verwirklichung warten.

Das Glasflaschenmauern habe ich übrigens nicht selbst erfunden, sondern bei Bustan Qaraaqa zuerst gesehen, einem Permakulturbauernhof in Beit Sahour, der auch noch mit einem Artikel gewürdigt werden soll.

In den Wolken

Die letzten Tage hat es in Palästina fast konstant geregnet. Teilweise mussten wir schon Wasser von den Zisternen umpumpen, damit die kleineren nicht überlaufen!

Alle Bauern der Welt sind vom Regen abhängig, aber unsere Situation ist verschärft, da wir keine natürlichen Wasserquellen in unserer Nähe haben und aufgrund der israelischen Besatzung keinen Zugang zum Wassernetz haben. Trinkwasser müssen wir bis jetzt weiterhin kaufen und in gelben Wassertanks auf den Weinberg fahren – die Anschaffung eines Trinkwasserfilters ist ein Projekt für den Sommer.

Leider sind auch unsere Höhlen teilweise zu Zisternen geworden, weswegen wir immer am Abend einige Eimer Wasser aus ihnen schöpfen. Ansonsten ist es dort aber schön warm.

Auf unserem Hügel sind wir meistens schon in den Wolken, was uns eine wunderschöne Sicht beschert

 

– und leider die Einsicht, dass Herr May sich geirrt hat und auch hier die Freiheit nicht grenzenlos ist, und all die Sorgen darunter verborgen bleiben. Auch in den Wolken ist die Westbank besetzt.

Aber der Regen, der auf Gerechte und Ungerechte fällt, ermöglicht es den Nassars und anderen Bauern wie ihnen, der Besatzung Widerstand zu leisten.

 

Müllbauten I

Die israelische Besatzung ist der Leim, der die palästinensische Gesellschaft (ebenso die israelische) zusammenhält. Innerpalästinensische Probleme werden so gut wie nicht thematisiert, selbst wenn sie sehr dringend sind.

Eines dieser Probleme ist die gewaltige Umweltverschmutzung: Es gibt zumindest hier auf dem Land (Area C) keine Müllabfuhr und noch nicht mal offizielle Müllhalden. Eine der inoffiziellen ist direkt vor unserem Gelände, wo die Leute aus Nahalin ihren Müll abladen und auch regelmäßig verbrennen. Dann stinkt alles so sehr, dass ich kaum atmen kann. Vor meiner Zeit ist einmal das Feuer übergesprungen und hat einen unserer Weinstöcke angesteckt. Fast der komplette Müll ist Plastik. Plastiktüten und Plastikflaschen, aber auch Reste von Plastikeimern, -stühlen und -schalen finden sich. Man bekommt hier bei jedem Einkauf für jeden einzelnen Artikel eine Plastiktüte, aufgrund der Trinkwasserproblematik kaufen viele Leute Wasser in Plastikflaschen.

Natürlich gibt es auch kein Pfandsystem, und niemand scheint sich darum zu kümmern, dass die Erde, die dem größten Teil der Menschheit heilig ist, nicht nur von Siedlungen, sondern auch von unglaublich viel Müll verschandelt wird, der sich so langsam abbaut, dass in ein paar Generationen die Menschen wahrscheinlich denken werden, er sei Teil der Natur.

Oft habe ich das Gefühl von diesen Dingen erdrückt zu werden, wie damals in Paraguay. Diesmal habe ich aber beschlossen, etwas gegen diese Frustration zu tun.

Inspiriert von einem Artikel den ich gelesen habe, sammle ich jetzt Plastikflaschen von der Müllhalde vor unserem Grundstück – und überall sonst wo ich bin und werde daraus ein Gewächshaus bauen. Im Moment habe ich ca. 400 Flaschen. Nach der Anleitung, die ich gefunden habe werde ich für ein kleines Gewächshaus etwa 2000 brauchen.

Wenn dieses Experiment klappt, kann es als Beispiel dienen und es werden vielleicht weitere Konstruktionen aus Müll folgen.

Mehr zur ökologischen Krise im Nahen Osten, besonders Palästina:

http://www.bustanqaraaqa.org/al3/web/page/display/id/5.html

http://www.bustanqaraaqa.org/al2/web/page/display/id/13.html#palestinian%20environment

Nachtrag: Ich bin bei weitem nicht der einzige, dem solche Dinge auffallen, Zelt der Völker und auch andere Projekte sind sehr damit beschäftigt, nachhaltige Wege zum Überleben finden, die Widerstand ermöglichen und die Umwelt schonen. Mehr dazu ein andermal.

Nächtliche Bauarbeiten

Vorgestern abend waren nach Einbruch der Dunkelheit plötzlich Bulldozer der israelischen Armee am Roadblock und bewegten Steine und Erde hin und her. Wir waren sehr nervös, was sie wohl taten, da es zu dunkel war, um wirklich zu sehen was sie taten.

Machen sie den Roadblock größer, oder räumen sie ihn weg, um womöglich zu uns zu kommen?

Mit unseren Kameras gingen wir an den Rand unseres Geländes, um aus immer noch mehr als 200 Meter Entfernung zu sehen, was die Soldaten vorhatten. Sie schütteten Erde auf, soviel war klar. Zum einen war dies eine gute Sache, wir mussten uns keine Gedanken machen, was wir mit Soldaten auf unserem Grundstück anfangen, aber auf der anderen Seite war ich traurig, dass es noch einen Roadblock gibt, verwundert, was ein 3. (!) Roadblock bewirken soll, und frustriert, dass wir nicht wussten, was wir dagegen tun sollten.

Nach einer Weile verschwanden die Soldaten, nur um nochmal kurz wieder zu kommen, als wir beim Essen waren.

Der Rest der Nacht war ereignislos. Heute hab ich es geschafft, zum Roadblock zu gehen. Die Armee hat eine zweite Straße ins Tal gesperrt, über die man Felder sowie unsere Apfelbäume und einen großen Teil unserer Weinstöcke erreichen konnte. Jetzt muss man laufen. Soweit ich weiß, gibt es keine andere befahrbare Straße ins Tal.

Straßensperren oder Roadblocks sind zusammen mit Checkpoints, Apartheid im Straßenverkehr und der „Sicherheitsmauer“ Teil der israelischen Besatzungspolitik, die die Bewegungsfreiheit der Palästinenser einschränken, um ihnen das Leben schwer zu machen, wodurch es für sie attraktiver erscheint auszuwandern.

Früher konnte man von Nahalin auf die Route 60 fahren, die zwischen Jerusalem und Hebron verkehrt. Man war in 10 Minuten in Bethlehem. Jetzt muss man entweder bis zum Roadblock laufen und ein Taxi nehmen, oder man fährt ca. eine halbe Stunde über eine neuem verwinkelte Straße für Palästinenser, die einmal unter der Siedlerstraße hindurchführt.

Ich nehme meistens den Fußweg zur Route 60 und dann das Sammeltaxi. Wenn ich nach dem Wochenende zu Zelt der Völker zurückkomme, treffe ich oft junge Männer aus Nahalin, die in Hebron studieren. Alle, die ich bis jetzt getroffen habe und die gut genug Englisch konnten, dass wir uns mehr unterhalten konnten als: „Welcome, welcome“ träumen davon, auszuwandern.

In ein reiches arabisches Land, wie Saudi-Arabien.

Es scheint lächerlich, dass jetzt noch ein Roadblock unser Grundtück abtrennt, aber jetzt können wir für die nächste Traubenernte vielleicht nicht mehr ins Tal fahren.

Daher sagte, vielleicht sei es eine Strafe, weil so viele Touris hier waren. Am Tag nach dem neuen Roadblock kamen zwei ganze Touribusse voll mit Holländern und Amis. Das nenne ich Timing.