Wann gibt es Aprikosen?

Heute abend habe ich mal wieder im Garten gearbeitet. Die heiße Sonne und das widerspenstige Unkraut trieben mir den Schweiß ins Gesicht.

Es erinnerte mich an meine Zeit in Palästina, an Zelt der Völker, den palästinensisch-christlichen Bauernhof, auf dem ich ein Jahr lebte und arbeitete.
Es war eine schöne Erinnerung. An Freundschaften, die immer noch halten, an Erfahrungen, die mich geprägt haben und an Arbeit, die etwas gebracht hat, die ich als Arbeit für den Frieden verstanden habe.

Gerade eben, als ich gerade schlafen gehen wollte, wurde ich wieder an Zelt der Völker erinnert.

Das Tal vorher und nachher (Bild von electronic intifada)

Bilder von einem Ort, den ich sofort wiedererkannte, obwohl er bis zur Unkenntlichkeit umgewühlt wurde. In diesem Tal habe ich im Schweiße meines Angesichts Unkraut gehackt, Bäume beschnitten und endlich die süßesten Trauben, Äpfel und Aprikosen geerntet.

Gerade die Aprikosen waren schwierig. Es war beinahe unmöglich einen guten Zeitpunkt zur Ernte abzupassen, so schnell werden sie überreif. Davon inspiriert lautet ein arabisches Sprichwort für etwas Unvorhersagbares, vielleicht Unmögliches:
Bukra fil mishmish – Morgen gibt es Aprikosen

Die israelische Armee hat beschlossen, dass hier keine Aprikosen mehr wachsen sollen, dass sie illegal sind und evakuiert werden müssen.

Mit Bulldozern wurde diese wachsende, lebendige Hoffnung auf Frieden niedergerissen und zerstört. Diese Bäume waren eine Bedrohung für die Siedlungen in der Nähe und für das unterdrückende System der Besatzung und deshalb mussten sie „evakuiert“ werden.

Wie evakuiert man Bäume?

Man kann einen Baum nicht aus der Erde nehmen und erwarten, dass er weiterlebt.
Die Bilder der Zerstörung entlarven die bürokratisch-humanitäre Sprache als Farce.

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Ich habe die Arbeit bei Zelt der Völker immer als Friedensarbeit gesehen. Jeder Baum, den wir pflanzten und pflegten war ein Schritt zum Erhalt des Landes und letztlich zum Frieden zwischen allen, die dort leben.

Bei aller Zerstörung, die ich an anderen Orten gesehen habe, war ich mir sicher, dass Zelt der Völker sicher sei, bei all den Touristen und Freiwilligen, die jeden Tag dort waren und all den Zeitungsartikeln, die schon darüber geschrieben wurden, bei dem Gerichtsprozess, der nun schon seit Jahrzehnten geführt wird.

Diese Sicherheit ist nun dahin. Zelt der Völker ist trotz aller investierter Arbeit und aller internationalen Unterstützung weiterhin unter der willkürlichen Gewalt der Besatzung, die in ihrem Bestreben, Sicherheit für den „jüdischen Staat“ zu schaffen, immer und immer wieder gegen die Tora verstößt:

„Wenn du eine Stadt lange Zeit belagerst, um sie durch Kampf gegen sie zu erobern so sollt du nicht ihre Bäume vernichten, indem du die Axt gegen sie schwingst, denn von ihnen isst du, und du sollst sie nicht fällen, denn sind etwa die Bäume des Feldes Menschen, dass sie vor dir in die Belagerung kämen?“ Deuteronomium 20,19

Die triumphale Sicherheit ist der Zerstörung gewichen und es wird morgen keine Aprikosen geben.
Was tun in dieser Situation? Daoud schreibt, dass sie eine Beschwerde beim Gericht eingelegt haben und wir uns bereit halten sollen, für etwaige Aktionen.

Das wird die Bäume nicht wieder zurückbringen, sie sind ausgerissen und werden keine Frucht mehr tragen. Aber neue können gepflanzt werden, die Hoffnung kann auferstehen.
Lasst uns dazu beitragen und wachsam sein. Wenn die Nassers es wünschen, sollten wir sie durch Briefe, Petitionen an die Machthaber unterstützen.

Aber zunächst müssen wir den Schmerz aushalten, und können den Gott nur bitten: Herr, erbarme dich. In der Hoffnung, dass die nervige Witwe am Ende selbst vom ungerechten Richter, der weder Menschen noch Gott fürchtet noch Recht bekommt, weil so viele Menschen darauf pochen.
An diesem Tag werden alle Bewohner des Landes Aprikosen essen.

Hier ist Daouds Brief (von der Facebookseite Tent of Nations)

Today [Montag, 19.5.14] at 08.00, Israeli bulldozers came to the fertile valley of the farm where we planted fruit trees 10 years ago, and destroyed the terraces and all our trees there. More than 1500 apricot and apple trees as well as grape plants were smashed and destroyed.

We informed our lawyer who is preparing the papers for appeal. Please be prepared to respond. We will need your support as you inform friends, churches and representatives when action is needed. Please wait for the moment and we will soon let you know about next steps and actions.

Thank you so much for all your support and solidarity.

Blessings and Salaam,
Daoud

Ein Artikel dazu auf electronic intifada
Und auf Mondoweiss

Langweilige Planungsmittel zerstören Existenzen

Im Erdkundeunterricht haben wir mal Bebauungspläne besprochen – es war das langweiligste Thema im langweiligsten Fach, das ich je besucht habe.

Bis ich feststellte, dass unter Besatzung diese Bebauungspläne heißen, dass ein Palästinenser kein Haus bauen darf, ein Siedler an derselben Stelle aber schon.

Wer das Pech hat in Zone C zu leben, hat nicht nur keinen Rechtsschutz vor Siedlerangriffen, ja die illegale Besatzungsmacht ist auch noch dafür zuständig wenn man ein Haus bauen will, oder es erweitern will, oder einfach nur an das Wassernetz angeschlossen werden möchte. Und der Beamte, der einem einen solchen Antrag genehmigen muss, ist oft ein Siedler, der seine arabischen Nachbarn eigentlich gerne los wäre. Aber selbst wenn der zuständige Beamte ein netter Mensch ist, das Problem ist systematisch: Land, das Palästinensern gehört ist von der Zonierung für „landwitschaftliche Nutzung“ ausgewiesen. Dort darf also auch nicht gebaut werden, auch kein Kuhstall. Egal, ob auf dem Land eigentlich Menschen wohnen, oder für die Landwirschaft bestimmte Strukturen gebraucht werden, wie eine Zisterne, oder Unterstände.

Der Plan hat immer recht, und wer trotzdem baut, bekommt eben einen Abrissbefehl.

So können Söhne nicht heiraten, weil sie dazu ein eigenes Haus brauchen, Landwirtschaft wird unrentabel oder unmöglich, Familien werden wiederholt obdachlos gemacht.

Und schließlich ziehen sie weg. In die immer voller werdenden Städte, oder nach Jordanien, das nach Ansicht rechter israelischer Politiker ja sowieso alle Araber hinsollen. Ganz ohne schlechte Presse für Israel, eine stille Vertreibung.

Und wenn ein Stück Land enteignet wurde, ist aus der „landwirtschaftlichen Fläche“ auf einmal ein „Siedlungsgebiet“ geworden, auf dem munter die Reihenhäuser der Siedlungen gebaut werden und sich Siedler darüber beschweren, dass ihr „natürliches Wachstum“ eingeschränkt wird.

Ein ganz langweiliges bürokratisches Planungsmittel eben.

 

Wie man Land konfisziert

Fast hätten wir sie gar nicht bemerkt, die Zettel, die plötzlich auf dem Erdboden herumlagen und erklärten, dass Land auf dem sie lägen, gehöre jetzt dem Staat Israel. Ein israelischer Zivilbeamter hatte sie dorthin gelegt, die Mühe nach einem Besitzer des Landes zu suchen, machte er sich nicht, schließlich gehört es ja angeblich schon dem Staat. Dank Dahers Aufmerksamkeit fanden wir schließlich doch einen und schließlich auch die anderen: Nichtkultivierungsbefehle, die behaupteten große Teile des Weinbergs seien nicht mehr in Benutzung und würden daher enteignet. Der Anwalt der Nassars legte Beschwerde ein und wir hörten nichts mehr von der Angelegenheit.

Diese Geschichte ist alltäglich in Palästina. Fast jede Siedlung ist auf früheren palästinensischen Feldern gebaut, die enteignet wurden. Dazu beruft sich Israel auf ein osmanisches Gesetz, das es erlaubt, Land, das drei Jahre nicht bestellt wurde, zu enteignen. Durch Straßensperren wird es Palästinensern schwer gemacht, an ihr Land zu kommen und ihre Ernte auf die von israelischen Billigprodukten überschwemmten Märkte zu bringen. Dadurch wird es unrentabel, Landwirtschaft zu betreiben. Viele Palästinenser haben Grundstücke, die sie ab und zu pflegen, oder gar keine Zeit für sie haben, da sie ihre Familien durch einen Baujob in einer Siedlung ernähren müssen.So kann Israel als Besatzungsmacht ganz legal langsam Land aus palästinensischem Besitz in jüdischen Grund und Boden verwandeln, auf dem dann Siedlungen gebaut werden. Dies ist aber weiterhin nach dem Völkerrecht illegal.

Um Palästinenser daran zu hindern, ihr Land zu bebauen, arbeiten Armee und Siedlerbewegung auch lose zusammen, denn oft wird gerade Land, dass in der Nähe einer Siedlung liegt „aus Sicherheitsgründen“ gesperrt und dann schließlich enteignet. Oder Siedler greifen Bauern regelmäßig bei ihrer Arbeit an und das Militär greift nicht ein. Siedler zerstören auch regelmäßig Olivenbäume, die Jahre brauchen, um überhaupt Frucht zu tragen und jahrtausendelang leben können.

Es gibt also eine steigernde Eskalation seitens Militär und Siedlern vom Schwermachen der Arbeit über Sachbeschädigung zu Morddrohungen und tatsächlichen Angriffen auf Leib und Leben.

Und, wie in dem zu Beginn geschilderten Fall, muss es auch gar nicht stimmen, dass das Land nicht bearbeitet wurde. Oft wird es einfach behauptet und die besitzer trauen sich nicht, sich zu wehren und zu exponieren, weil sie vielleicht eine Arbeitsgenehmigung in Israel haben, die sie nicht verlieren wollen. Und dann ist das Land eben plötzlich jüdisch.

Wenn Israel Land enteignet, können Palästinenser natürlich Widerspruch einlegen. Die Familie Nassar ist sogar mit ihrem Rechtsstreit mittlerweile beim israelischen Obergerichtshof gelandet.

Aber.

  1. Aber es hat sie bis jetzt über hunderttausend Euro gekostet und sie sind seit zwanzig Jahren vor Gericht. Sie hatten gute Startvoraussetzungen, da sie alle Papiere für ihr Land hatten und das Geld, um Gutachten verfassen zu lassen, etc.
  2. Es wurden ihnen vor Gericht immer wieder Hindernisse in den Weg gelegt, zum Beispiel mussten sie teure Gutachten mehrfach (!) anfertigen lassen. Beim Übergang vom Militärgericht in Ramallah zum obersten Gericht in Israel mussten sie sich einen Anwalt suchen, der in Jerusalem lebt, da ihr Anwalt aus Ramallah keine Genehmigung erhielt, den Checkpoint zu passieren.
  3. Außergerichtliche Hindernisse wie Siedlergewalt und Drohungen, sowie neue Enteignungsbefehle, die separat verhandelt werden müssen.

Es gibt also einen Rechtsweg, aber praktisch gesehen steht er nur sehr wenigen wirklich offen.

Und dazu kommt, Familie Nassar hat ihr Land nach über zwanzig Jahren Rechtsstreit zwar immer noch, aber es ist immer noch keine Entscheidung gefallen, weil die israelischen Gerichte keinen Präzedenzfall schaffen wollen.

Und in all der Zeit ist im Rest des Westjordanlands das Land ärmerer, schlechter organisierterer Menschen, die kein internationales Netzwerk haben, das für sie Petitionen schreibt, enteignet worden.

Einen Vortrag versprechen ist nicht schwer, ..

… ihn halten aber sehr.

Ich bereite gerade einen Vortrag über meine Zeit in Palästina/Israel und bei Zelt der Völker vor. Nachdem ich etwa eine halbe Stunde vergeblich versucht habe, ein Foto aufzuhellen und als Hintergrund der Präsentation zu verwenden, machte ich mich an die eigentliche Präsentation – und wandte mich gleich wieder dem Hintergrund zu.

 

 

 

 

Es ist einfach schwierig, ein Jahr in Worte zu packen. Was wähle ich aus, welches Vorwissen kann ich erwarten? Was will ich eigentlich sagen?

Mein Konzept zur Zeit sieht so aus:

Von mehreren Palästinensern wurde ich explizit gebeten, zu Hause zu erzählen, was ich gesehen habe und so einen Beitrag zu leisten, dass hier ein klareres Bild über die Verhältnisse herrscht, das bei den Zuhörern dann zu einem Neubedenken unseres (Nicht-)Engagement führen könnte. Ich will mich also auf die Besatzung konzentrieren und wie sie alle Aspekte des Lebens beeinflusst.

Da ich den größten Teil meiner Zeit im Zelt der Völker verbracht habe, will ich die Geschichte dieses Projekts erzählen und von dieser Perspektive über israelische Besatzung und Wege des palästinensischen Widerstand mit seinen verschiedenen Verbündeten, Israelis und Ausländer, sprechen.

Die Geschichte von Dahers Weinberg ist ein Mikrokosmos der gesamten Situation Palästinas, da dort viele Aspekte der Besatzung deutlich werden:

  • Die Aufteilung des Westjordanlands in Zonen A,B und C durch die Osloverträge, die der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA) die Kontrolle der ländlichen Gebiete komplett und der Dörfer teilweise (B=21% C=61% des Gebiets) entzogen hat.
  • Die Politik der Landkonfiszierung durch ergänzende Kooperation von Staat, Militär und Siedlerbewegung, sowie die zahlreichen Hindernisse für Palästinenser rechtlich Gerechtigkeit zu erlangen.
  • Der Missbrauch bürokratischer Planungsmittel, um Palästinensern in Zone C das Leben unmöglich zu machen, um  sie zum „freiwilligen“ Wegzug zu bewegen. Dazu gehören die Weigerung der israelischen Besatzungsmacht, Baugenehmigungen auszustellen, sowie palästinensische Gemeinden an die bestehende Infrastruktur für Strom, Wasser und das Verkehrsnetz anzuschließen. (Was ihre völkerrechtliche Verpflichtung wäre)
  • Der psychologische und physische Staatsterror Abrissbefehle für palästinensische Häuser und lebensnotwendige Infrastruktur zu erteilen und diese dann in der Schwebe zu lassen, ob sie tatsächlich ausgeführt werden.
  • Die de facto existierende Apartheid in den besetzten Gebieten zwischen israelischen Siedlern unter israelischem bürgerlichem Recht und Palästinenser_innen unter Militärrecht, krass unterschiedlichem Zugang zu Wasser und Baugenehmigungen und sogar teilweise getrennten Straßen. Dazu all die Zäune, Zivilisten mit Sturmgewehren und die ständige Militärpräsenz.
  • Die Einschränkung der Bewegungsfreiheit von Palästinensern durch Straßensperren, Zerstörung von Straßen und Sperrung von Straßen für Palästinensern. Dazu kommt  natürlich die Mauer und die Checkpoints nach Israel und das besetzte Ostjerusalem.

Gleichzeitig zeigt Zelt der Völker auch einige Wege wie verschiedene Akteure versuchen, für Frieden und Gerechtigkeit und gegen Besatzung und Kolonialisierung zu arbeiten.

  • Die Familie Nassar, die unter dem Motto „Wir weigern uns Feinde zu sein“ einen Widerstand leisten, der versucht das Böse mit Gutem zu überwinden und in der gegenwärtigen Situation alles Mögliche zu tun, um eine Zukunft zu schaffen. Hierbei treffen sich ökologische Landwirtschaft, Widerstand gegen Unrecht und Bildungsarbeit mit hauptsächlich Touristen, aber auch anderen Palästinensern und Israelis in einer spannenden Mischung.
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  • Internationale Freiwillige, die im Projekt sowohl praktisch mitarbeiten, als auch durch ihre Anwesenheit eine zivile Schutzpräsenz gegenüber Siedlergewalt und Militärrepression zu bieten versuchen. Gleichzeitig lernen sie den Konflikt näher kennen und können so zu Hause darüber informieren und dazu beitragen, dass die internationale Gemeinschaft der Besatzung ein Ende macht.
  • Israelische Verbündete des Projekts, die lernen, dass Palästinenser nicht ihre Feinde sind, und diese Erkenntnis nach Hause weitertragen. Aus dieser Begegnung kann auch ein gemeinsamer Kampf gegen die Besatzung entstehen, der sich in Demos niederschlägt, oder in dem Bau einer Komposttoilette.
  • Internationale Organisationen, wie die Grünhelme, die mit den Photovoltaikanlagen auf Dahers Haus Hilfe zur Selbsthilfe geleistet haben.

Hierbei ist es auch ein gutes Beispiel für die negativen Auswirkungen mancher gut gemeinter Bemühungen:

  • „Entwicklungshilfe“, die neue Straßen für Palästinenser baut, wenn Israel die alten Straßen für sie sperrt. Statt Druck auf Israel auszuüben, seine rassistische Politik zu ändern, hilft die gut gemeinte „Unterstützung“ das Apartheidssystem weiter auszubauen. Dazu gehört auch die abhängig machende Spendenpolitik des Westens, staatlich, wie zivilgesellschaftlich, die den palästinensischen Widerstand lähmt. Hierbei bin ich froh, dass Zelt der Völker sehr bewusst mit Spenden umgeht, und diese auch teilweise ablehnt.

Mit diesen Punkten sollte ich eigentlich schon ein abendfüllendes Programm haben, dass eine gute Einführung in Situation und meine Arbeit liefert. Dazu noch ein paar Bilder von meiner Arbeit und kleine Spezifizierungen je nach Publikum.

Was denkt ihr? Gibt es etwas, dass euch brennend interessiert und dass ich nicht behandelt habe? Macht die Form für euch Sinn?

Ich freue mich über Rückmeldung.

 

Lektionen vom Ölbaum

Olivenbäume sind das Merkmal Palästinas, schon seit biblischen Zeiten als die Leviten Oliven als eine der sieben Früchte des gelobten Lands zurückbrachten. Der Ölbaum, seine Früchte und das daraus gewonnene Öl tauchen immer wieder in der Bibel auf, was auf die lange Tradition seiner Nutzung hinweist. In Getsemaneh in Jerusalem gibt es Olivenbäume, die zur Zeit Christi schon dort wuchsen, und im palästinensischen Dorf Al Wallajah soll es sogar noch einige Jahrhunderte ältere Bäume geben.

Der Olivenbaum ist eine in Palästina einheimische Pflanze, die sich über Jahrtausende auf den kargen Regen und die brennende Hitze eingestellt hat, und durch ihr langsames Wachstum ein schier unsterbliches Alter erreicht.

Ich schrieb an anderer Stelle schon über die unglaubliche Widerstandsfähigkeit der Bäume, die sogar das Fällen überleben können und einfach aus dem Stumpf zu neuem Leben erstehen, weil das Wurzelnetzwerk intakt geblieben ist. Das hat auch die Israelische Besatzungsarmee gemerkt und ist dazu übergegangen, Bäume mit Caterpillar-Bulldozern auszureißen.

Wie schon in der Bibel spielt der Olivenbaum in der eingeborenen palästinensischen Kultur eine große Rolle: Menschen erinnern sich teilweise an den Namen der Menschen, die den hundert Jahre alten Baum gepflanzt haben, die Zeit der Ernte war früher ein Familien-, oder sogar Dorffest, wobei sich hier mittlerweile auch die Modernisierung bemerkbar macht und in meiner Erfahrung kaum noch alle Familienmitglieder daran teilnehmen.

Bei diesen tiefen Wurzeln im Bewusstsein der Menschen ist es logisch, dass Daoud gerne den Ölbaum als Beispiel für effektiven und nachhaltigen sozialen Wandel benutzt. Ich möchte im Folgenden seine Punkte in eigenen Worten wiedergeben und dem manches hinzufügen:

Der Ölbaum hat tiefe Wurzeln, die es ihm ermöglichen den langen und heißen Sommer zu überleben. Ebenso brauchen Initiativen, die effektiv sein wollen, ein tiefes Reservoir an Energie haben, um die vielen Anfechtungen zu überleben.

Der Baum wächst sehr langsam und hat ein weitaus größeres Wurzelnetzwerk als der oberirdische „Baum“. So können wirkungsvolle Initiativen oft auch sehr bescheiden und machtlos wirken, weil sie an ihrer Unterstützung in der Gemeinschaft arbeiten müssen. Graswurzelorganisation ist der Schlüssel zu tatsächlicher Gesellschaftstransformation, während der Versuch radikale Politik durch staatliche Reformen ohne Rückhalt in der Bevölkerung fast immer zum Scheitern verurteilt ist. So wie der Ölbaum erst nach sieben bis zehn Jahren Früchte trägt braucht horizontales Organisieren eine lange Zeit, bevor erste Auswirkungen sichtbar werden.

Die ersten zwei Sommer muss man den Baum regelmäßig bewässern, sonst stirbt er, danach kommt er komplett alleine aus, weil die Wurzeln tief genug sind. Ebenso brauchen auch viele Initiativen eine Starthilfe finanzieller oder anderer Art, bevor sie anfangen können zu arbeiten. Es ist aber unbedingt notwendig von dieser Starthilfe nicht abhängig zu werden, sondern sie als „Hilfe zur Selbsthilfe“ zu verstehen und sie dann irgendwann auch schlichtweg abzulehnen.

Soweit Daouds Vergleich. Während ich darüber nachdachte sind mir noch einige Dinge eingefallen:

Wir sind versucht den Baum als alleinstehend zu sehen und nicht in seinem Kontext als Teil eines Ökosystems aus Erde, anderen Pflanzen und Tieren. Tatsächlich sind die Wurzeln des Baumes wichtig, aber nicht um sich aus der unlebendigen Erde an Rohstoffen zu bedienen, sondern um mit Kleinstlebewesen zu handeln und Mineralien gegen Sauerstoff auszutauschen. Tausende Würmer, Insekten und andere Tiere auf der Suche nach Futter graben den Boden um den Baum herum um und hinterlassen wertvolle Nährstoffe in Form ihrer Exkremente. Gleichzeitig gibt es auch Schädlinge, die den Baum kaum am Leben lassen wollen, oder nur um ihn weiter auszubeuten. Andere Pflanzen, z.B. Gras können eine Gefahr sein, wenn der Baum noch jung ist und überwuchert werden könnte, aber sie verhindern auch, dass der Boden austrocknet und die Würmer den Ort verlassen. Sie beziehen ihre Nährstoffe aus anderen Bodenschichten und stören einen großen Baum nicht. Genauso leben auch wir in Zusammenhängen, in denen Solidarität die größten Erträge bringt und gegenseitige Hilfe lebensfördernd ist. Es ist nur unsere kapitalistisch-individualistische Weltsicht, die uns zum Schluss kommen lässt Wettbewerb erbringe immer die besten Erträge. Wir sollten versuchen die Nischen zu finden, in denen wir gemeinsam existieren können und einander fördern könnten. Dies ist besonders für Initiativen wichtig, die oft andere Zielsetzungen haben, und deswegen meinen, nicht zusammenarbeiten zu müssen, oder sogar können. Im Gegenteil, Vielfalt kann zu viel größerer Effektivität führen, auch wenn man nicht unbedingt in allem übereinstimmt.

Aufgrund des Wurzelnetzwerks und der gegenseitigen Hilfe der Organismen kann der Baum die langen Strapazen des Sommers überleben (der gleichzeitig enorme Energie in Form von Sonnenlicht bringt). Dennoch würde er ohne den Winter und den Regen schnell verdorren und sterben. Genauso brauchen wir auch bei dem größten und effizientesten Netzwerk den Wechsel zwischen Arbeit, Fest und Ruhe (oder Sommer, Ernte und Winter), neue Ressourcen und Orte und Zeiten an denen wir Kraft schöpfen können. Die biblische Sabbatordnung bietet dafür eine gute Grundlage und zusammen mit Jesu Kritik an der allzu literalistischen Auslegung der Pharisäer, ist sie ein hilfreiches Gegengift zu der protestantischen Arbeitsmoral, die leider viele Initiativen prägt.

Auch ein hunderte Jahre alter Baum mit tiefen, starken Wurzeln und vielen Früchten ist nicht sicher vor einem Siedler mit einer Motorsäge, oder den Bulldozern der israelischen Armee. Dank der Wurzeln wird der Baum zwar vieles überleben, aber er kann auch nicht auferstehen. Nichts desto trotz sind die Oliven, die einst in ihm hingen längst zu neuen Bäumen geworden.

Gute Organisation, Breites Netzwerken und ausreichend Ressourcen sind keine Garantie dafür, dass unsere Versuche die Gesellschaft zu verändern, nicht von den Mächtigen bekämpft und gestoppt werden. Ein gutes Netzwerk kann dann helfen, neue Sprossen um eine zerstörte Organisation sprießen zu lassen, aber vielleicht verliert es durch Propaganda sogar den Rückhalt in der Gemeinschaft. Dennoch wird all die Arbeit unerwartete Früchte getragen haben und noch tragen.

Wie Daoud in Abwandlung des Lutherzitats sagt: „Selbst wenn ich wüsste, das morgen die Welt untergeht, würde ich heute immer noch einen Olivenbaum pflanzen.“ Und das in Palästina, wo das Ende der Welt sowieso immer um die nächste Ecke scheint.

Komposttoiletten

„Die Briten brachten noch eine neue Erfindung – die Spültoilette. Sie behaupten, sie sei fortschrittlich, in Wirklichkeit ist sie ein Disaster. Besonders an einem Ort wie Palästina, stiehlt uns die Spültoilette unser Wasser, unsere Erde und unser Geld.“ Munir Fasheh

In einem deutschen Haushalt ist die Toilette verantwortlich für den meisten Wasserverbrauch. Und sie spült mit Trinkwasser.

Toiletten mit Wasserspülung sind auch in Palästina üblich, obwohl es jedes Jahr im Sommer wochenlang kein fließendes Wasser gibt, weil Israel den Hahn zu dreht. Das Geruch in dieser Zeit kann man sich vorstellen. Dazu kommt, dass es kein Abwassersystem gibt, das Dreckwasser läuft einfach in die Täler und vergiftet dort Bäume und die kleinen Bäche, die noch fließen. Hier auf dem Zelt der Völker sind wir noch abgeschnittener, da wir außer dem gesammelten Regenwasser gar kein Wasser haben.

Es ist also offensichtlich, dass es eine Alternative braucht.

Deshalb haben wir hier Komposttoiletten. Sie sind sind aus Sperrholz, Glasflaschen und selbstgemachten Erdziegeln gebaut.

Diese funktionieren wie ein Plumpsklo, bloß macht man in eine Mülltonne, die unter dem Toilettensitz ist und jede Woche geleert wird. Nachdem man sein Geschäft erledigt hat, schüttet man noch ein paar Blätter, Asche, oder Sägespäne hinterher, die Feuchtigkeit aufsaugen und als zusätzliche organische Masse den Kompostierungsprozess verbessern.

Für den Kompost haben wir ein Dreikammernsystem, in das wir die Mülltonnen entleeren. Erst wird die erste Kammer voll, dann die zweite und dann die dritte. Bis die dritte voll ist, ist in der ersten Kammer nur noch wohlriechender, schwarzer Humus, den wir um die Bäume schütten können.

Mit dieser Technik verbrauchen wir außer zum Ausspülen der Tonne nach dem Leeren keinerlei Wasser, und generieren wertvollen, organischen Dünger.

Wie meine Freunding Sarah sagt: „Die Person, die als erstes vorschlug, in sauberes Wasser zu kacken, war offensichtlich verrückt.“

Meine ausführlicheren Gedanken über die Nichtkultivierungsbefehl

Nachdem ich vor ein paar Tagen Daouds Brief an seine UnterstützerInnen veröffentlicht habe, will ich euch auch noch ein paar meiner Gedanken dazu mitteilen.

Als wir die Zettel letzte Woche gefunden haben, hatten wir Glück, dass Daher sie überhaupt gesehen hat und sogar die Beamten, die sie auf den Boden legten, noch ansprechen konnte. Wir Freiwilligen aßen gerade zu Mittag als Daoud und Daher kamen und uns die Dokumente zeigten. Dann ging alles ganz schnell. Daoud wollte, dass die Originale zum Rechtsanwalt nach Ostjerusalem gebracht werden, wo er selbst aber ohne Genehmigung nicht hingehen durfte. Also musste ich mit dem Bus nach Bethlehem und dann nach Jerusalem fahren, wo ich mit Daouds Beschreibung das Büro des Anwalts fand, nur um herauszufinden, dass der Anwalt umgezogen war.. Mit der Hilfe einiger Nachbarn fand ich dann schließlich das neue Büro ungefähr einen halben Kilometer entfernt.

Der Anwalt kopierte die Originale, und ich erzählte ihm nochmal kurz, was vorgefallen war, dann fuhr ich wieder zurück zum Zelt der Völker.

Während ich in Jerusalem war, haben wir noch zwei Zettel gefunden und die Nachbarn verständigt, die nachgesehen haben und auch Nicht-kultivierungsbefehle gekriegt haben.

Seitdem ist die Stimmung ein wenig gedrückt, weil wir nicht einschätzen können, was dieser Schritt wirklich bedeutet – ist das einfach ein schwacher Versuch Land zu klauen, oder der Beginn einer groß angelegten Offensive, den Hügel doch noch zu enteignen?

Die Nassers haben sich entschieden, ihre internationalen Kontakte zu informieren und nur auf juristischem Weg Einspruch gegen die Entscheidung der israelischen Zivilverwaltung einzulegen. Falls es notwendig werden sollte, wird Daoud einen Aufruf zu Kampagnen und Petitionen starten – diese Zeit ist aber noch nicht jetzt!

Ich merke, wie mein eigener Aktionismus mich drängt, irgendetwas zu machen, aber ich teile Daouds Analyse, dass es strategisch zur Zeit einfach nicht sinnvoll ist, und finde alle, denen Dahers Weinberg wirklich am Herzen liegt, sollten den Wunsch seiner Besitzer respektieren.

Warum haben die israelischen Beamten uns die Dokumente nicht persönlich ausgehändigt, wie es in einem Rechtstaat üblich ist (fragte zum Beispiel meine treue Leserin Gela Böhne)?

Dazu kann ich nur sagen, dass auch wenn über die Rechtstaatlichkeit innerhalb Israels noch debattiert wird, die Palästinenser unbezweifelbar nicht in einem Rechtstaat leben. Sie leben seit 1967 unter militärischer Besatzung, die sie nach Militärrecht behandelt. In vielen Fällen haben Palästinenser mit internationaler Unterstützung und der Hilfe israelischer Menschenrechtsorganisationen geschafft, ihren Fall bis vor das oberste Gericht in Israel zu bringen, nur um dort Recht zu bekommen und dann dennoch nach Militärrecht kein Recht zu bekommen. So ähnlich sieht auch unsere Situation aus. Dazu kommt noch, dass nur wenige Palästinenser überhaupt eine solche Entscheidung – und die Art diese mitgeteilt zu bekommen – anfechten würden, da sie den Zettel vielleicht gar nicht innerhalb der 45-Tagefrist finden würden, die Hoffnung auf Gerechtigkeit schon lange aufgegeben haben, und auch nur sehr wenige über die finanziellen Mittel verfügen, um einen solchen Prozess zu führen (die Nassers waren von vornherein in einer priviligierteren Situation und haben sich trotzdem schon um mehr als 150 000$ verschuldet).

Dennoch entbehrt das Vorgehen Israels nicht einer gewissen Logik: Wenn das Land wirklich unbenutzt und leer ist, weswegen es ja enteignet wurde, dann gäbe es in gewisser Weise ja keinen rechtmäßigen Besitzer, dem man die Papiere übergeben könnte. Nur dadurch, dass der wahre Besitzer beim Arbeiten auf dem Land den Zettel findet, erweist er sich als wahrer Besitzer, der dann natürlich auch all die Grundstücksverträge und genug Geld hat, um einen solchen Prozess zu führen.

Dass man, um den Besitzer eines Grundstücks ausfindig zu machen, hier jedes Kind im benachbarten Dorf fragen könnte, spielt natürlich für diese Logik der Besatzer keine Rolle. Genauso wenig, wie dass außer den verrückten Christen hier niemand dauernd auf seinem Land arbeitet, einfach, weil Wein und Olivenbäume nicht jeden Tag Pflege brauchen. Die treuesten Landwirte schauen vielleicht jeden Monat auf ihrem Land vorbei.

Am Dienstag wurden die Zettel auf dem Land verteilt, zwei Tage später hat es angefangen zu regnen und erst drei Tage später aufgehört. Das hätten selbst die in Folie eingepackten Dokumente nicht überlebt…

Hast du schon mal ein Haus gebaut….

Bild

aus Plastikflaschen und aus Holz?

Ich jedenfalls bin mittlerweile ziemlich am Ende dieses Experiments, von dessen Plan ich euch vor ein paar Monaten erzählt hatte. Es tut mir leid, dass ich euch nicht auf dem laufenden gehalten habe, aber lange Zeit habe ich einfach Flaschen gesammelt, und ab und zu ein paar Reihen eingefügt, aber diese Woche durfte ich fast die ganze Zeit daran arbeiten, weswegen ich jetzt fast fertig bin. Eine Seite fehlt noch, inklusive der Tür, die wir dort noch einbauen müssen. Dann muss noch eine Plastikfolie um das ganze Ding rum, um zu garantieren, dass die Hitze und Feuchtigkeit auch wirklich drin bleibt, und dann können die Pflanzen wachsen!

Hier mal ein paar Bilder vom Bauprozess.

man braucht sehr viele Flaschen

den ersten Rahmen habe ich in der Garage zusammengebaut

Welche Flasche wollte ich nochmal?

Der Rahmen steht und ist "flexibel", ein schönes Wort für wacklig..

Als wir feststellten, dass wir eine Seite zum Transport wieder rausnehmen müssen

Normale Bilder aus wärmeren Zeiten

Galerie

Diese Galerie enthält 16 Fotos.

Manche haben mich gebeten mehr Bilder hochzuladen, weil sie wissen wollten, wie es hier eigentlich aussieht und wie mein Alltag aussieht. Ich muss gestehen, dass es mir gar nicht aufgefallen ist, dass ich fast nichts über meinen Alltag geschrieben habe, … Weiterlesen

Lernt von den Lilien

Lernt von den Lilien, die auf dem Feld wachsen: Sie arbeiten nicht und spinnen nicht. Doch ich sage euch: Selbst Salomon war in all seiner Pracht nicht gekleidet wie eine von ihnen. Wenn aber Gott das Gas so prächtig kleidet, das heute auf dem Feld steht und morgen ins Feuer geworfen wird, wieviel mehr dann euch, ihr Kleingläubigen?“ Matthäus 6,28-30

Auch wenn ich hier auf dem Weinberg fast den ganzen Tag draußen bin, muss ich doch immer wieder innehalten, von meiner Arbeit bewusst eine Pause annehmen und die Schöpfung bewundern. Besonders gefallen mir die Wildblumen, die mit dem Regen aus der Erde schießen und ihre Schönheit nur dem aufmerksamen Beobachter offenbaren.

Jemand formulierte es so: Die judäische Wildnis (von Bethlehem bis Hebron) scheint vielen Besuchern grau und eintönig. Aber man muss das Auto verlassen und die Landschaft zu Fuß erkunden, um die farbenfrohe Wirklichkeit zu entdecken. Dann werden die braunen Hügel bunt von unzähligen Blumen und die Olivenbäume sind nicht mehr grau, sondern tiefgrün.

 

Nach, oder während des Regens, wenn die Wolkendecke und der Nebel aufreißen und der Staub von den Pflanzen weggewaschen ist, sind die Farben kräftig und klar, was sie noch schöner aussehen lässt.

Vielleicht ist es gerade die Kargheit dieses Lands, in dem Regen nur ein paar Monate im Jahr fällt, die die einzelnen Blumen ihre besondere Schönheit verleiht. Wie der Schmuck einer armen, vom Schicksal gezeichneten Frau.

Und manchmal, wenn ich eine Blume betrachte und zur Ruhe komme, dann kommen mir Jesu Worte in den Sinn und ich kann meine Sorgen loslassen. Was heute noch zu tun ist, was ich studieren soll, wann dieser Flecken Land Frieden finden wird.