Glaube aus Trotz

Heute ist der erste Jahrestag des Genozids an den Jesiden durch Kämpfer des sogenannten „Islamischen Staats“.
Vor knapp einem Jahr habe ich in Lesbos diesen Artikel geschrieben, der im schweizerisch-mennonitischen Magazin „Perspektive“ in der Kolumne „Warum ich (noch) Christ bin“ geschrieben. Heute musste ich wieder an ihn denken, konnte immer noch dazu stehen und wollte ihn dann hier veröffentlichen.

Apologetik, die Verteidigung oder Begründung des christlichen Glauben hat mich nie besonders interessiert.
Ab und an treffe ich jemanden, der mit meinem Glauben überhaupt nichts anfangen kann und fast beleidigt ist, dass nach der Aufklärung und dem christlichen Kolonialismus irgendjemand immer noch Christ sein könnte und tatsächlich betet, zum Gottesdienst geht und Bibel liest.
In dieser Konstellation führt das Gespräch oft ins Leere, da mein Gesprächspartner kein Interesse daran hat, sich mit mir auseinanderzusetzen und in jeder Rechtfertigung des Glaubens nur einen Missionsversuch und damit Bestätigung seines Bildes sehen würde. Da verwirre ich lieber meine Gesprächspartner und sage, dass ich auch nicht an den Gott glaube, den sie beschreiben. Meine Freunde, die auch nichts mit Glauben anfangen können, fragen übrigens anders und hier kann ein Gespräch durchaus für beide bereichernd sein.

Abgesehen von dieser taktischen Schwierigkeit sehe ich aber ein grundlegendes Problem: Glaube ist für mich kein logisch begründbares System, sondern eine Perspektive, die mir geschenkt wird.

Statt ein hermetisches logisches System aufzubauen, wird in Gott in der Bibel immer wieder als ein Gott beschrieben, der in das Schicksal der Menschen eingreift und dabei ihre Vorstellungen über den Haufen wirft.

Fühlen sich die Reichen sicher in ihrem Kult, sagt Gott, dass er den Kult nicht riechen kann.
Denkt Israel, dass Gott nur für sie da ist, sagt Gott, dass er alle erwählt hat.
Erkennen sie ihre Schuld und meinen, es sich endgültig verdorben zu haben, nimmt Gott sich ihrer an und verzeiht alles.
Und dann schließlich wird Gott Mensch, der sich auch noch von den Menschen umbringen lässt.
Was ein Irrsinn!

Paulus betont immer wieder, was für ein Skandal es ist, dass Jesus am Kreuz stirbt.

„Denn die Juden fordern Zeichen und die Griechen fragen nach Weisheit, wir aber predigen den gekreuzigten Christus, den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit; denen aber, die berufen sind, Juden und Griechen, predigen wir Christus als Gottes Kraft und Gottes Weisheit. Denn die Torheit Gottes ist weiser, als die Menschen sind, und die Schwachheit Gottes ist stärker, als die Menschen sind.“ (1.Korinther 1,23)

Apologetik aber macht aus dem Skandal ein harmonisches System, in das schließlich sogar Gott hinein passt.
Darin gibt es auch noch eine Antwort auf das Leiden und Ungerechtigkeit in dieser Welt – als ob diese irgendjemand helfen würde. In der Bibel aber kritisiert Gott Hiobs Freunde, die genau das versuchen und gibt schließlich Hiob recht, der stur eine Antwort von Gott selbst fordert. Jesus gibt keine Antwort auf das Leiden, sondern heilt Menschen und befreit sie von den Kräften, die sie gefangen halten. Aber er liefert sich dem Leiden aus. Er lebt mit den Leidenden und stirbt unter Verbrechern.
Der Kreuzestod Jesu war und ist ein Skandal und keine Theologie sollte ihn so darlegen, dass er selbstverständlich wird.
Die Auferstehung macht auch nicht so einfach Sinn, denn es stehen einfach keine Leute von den Toten auf.
Wenn das so wäre, machte es ja gar keinen Sinn mehr sie umzubringen.
Dennoch glauben wir, dass Christus auferstanden ist und wir auch auferstehen werden.

Genau hier liegt meines Erachtens der Punkt. Glaube an den gekreuzigten und auferstandenen Christus macht keinen Sinn. Zumindest nicht in dieser Wirklichkeit, in der Menschen getötet werden und nicht wieder aufstehen.
Christlicher Glaube ist also ein Widerspruch gegen das, was allgemein als alternativlose Wirklichkeit gilt. Ich glaube aus Trotz, weil ich mich nicht mit all dem abfinden kann, was so offensichtlich schief läuft in dieser Welt. Ein Trotz, der sich allen Versuchen, das Leiden und Unrecht zu rechtfertigen entgegenstellt und widerspricht. Ein Trotz auch der sich mit einem bequemen Leben auf dem Rücken von anderen nicht zufrieden geben kann, sondern weiter fordert, dass es ein gutes Leben für alle geben muss.

Eine Freundin schlug vor, von „Hoffnung“ zu reden.
Dieser Begriff wird biblisch verwendet, ist positiv und erinnert nicht so an Teenager.
Ich würde gerne von Hoffnung reden, aber manchmal reicht es nur zum Trotz. Dann brauche ich Andere, die mich erinnern, dass die andere Welt schon da ist und wir in sie hineinleben können.
Im Gottesdienst meiner Wut Luft zu machen und vom einem Bruder zu hören, wie er durch die Woche kommt und all diese Dinge vor Gott zu bringen, macht es dann wieder möglich, nicht nur zu trotzen, sondern auch zu hoffen.