Gaza und Hoffnung

Heute ist der zweite Tag des einseitigen israelischen Waffenstillstands.
Für einen mehr oder weniger einseitig dominierten Konflikt scheint es ein passendes Ende.

Ich habe Hoffnung, dass der Waffenstillstand hält, ein paar Wochen, Monate vielleicht ein paar Jahre. Hamas‘ Raketenspeicher sind anscheinend ziemlich geleert und ein großer Teil des Tunnelnetzwerks in der Nähe der Grenze zerstört. Israel hat zwar erst wieder die Zusage bekommen, neue Waffen zu erhalten, aber auch Israel muss sich erst wieder internationale Sympathie erkaufen, bevor wieder bombardiert werden kann.

Hoffnung auf einen wahren Frieden geben mir diese Politikern nicht.
Politikern, die nicht miteinander reden wollen, und Aufrufe zu Genozid nicht mal mehr kritisieren.
Aber es sind nicht nur die da oben, auch die Diskurse in der Bevölkerung auf beiden Seiten sind furchteinflößend. Während des Krieges wurde jede einzelne Friedensdemo in Israel von rechten Israelis angegriffen, Leute mussten ins Krankenhaus.
Ein Israeli aus Berlin sagte in einem Interview mit der taz:

In Israel gibt es seit etwa einem Monat sehr viele rechtsradikale Angriffe, es gibt eine richtige Pogromstimmung gegen linke Israelis und Araber. Meine Freunde dort haben Angst, überhaupt politisch aktiv zu sein. Die Mehrheit in Israel hasst die Linken sowieso, aber es war noch nie so gewalttätig wie jetzt. Natürlich mache ich mir auch Sorgen um meine Freunde und Familie, wenn Raketen in Israel einschlagen. Aber ich muss sagen, meine Freunde in Tel Aviv erleben gerade mehr Gewalt von Rechtsradikalen als durch Raketen.

 

In Gaza hat die erneute Gewalt viele Leute neu in die Arme der Hamas getrieben, die zuvor politisch bankrott war und sich nun als Widerstandskämpfer neue Sympathien erkauft.
Wie auch nicht, wenn PA-Präsident Abbas nur spät schüchterne Verlautbarungen erlässt?

Hoffnung geben mir die PalästinenserInnen, die weiter sich für den gewaltfreien Kampf einsetzen, die Antisemitismus kritisieren, und die prophetischen Stimmen am Rande der israelischen Gesellschaft, die sich mit ihnen solidarisieren.

Gestern war Tisha B’Av, der 9.Av, an dem Jüdinnen und Juden der Zerstörung des ersten und zweiten Tempels, der Vertreibung aus Spanien, der Shoa und der unzähligen anderen Schrecken in der jüdischen Geschichte gedenken.

Rabbi Arik Aschermann von den Rabbinern für Menschenrechte hat einen bewegenden Text dazu geschrieben:

Tonight we read the Book of Lamentations and mournfully sing Tisha B’Av kinot (dirges), recalling the death, and destruction of our two Temples (586 BCE and 70 CE) and the end of Jewish sovereignty.  Yet, we can close our eyes and  imagine that these words are anguished cries being screamed in Gaza. Close your eyes again. But, save for the Iron Dome, we might be hearing them  in Israel as well.   For my neighbors whose son was killed in Gaza, or for the families of Dror Khenein or Ouda Lafi al-Waj living in an unprotected Bedouin village,  it doesn’t really matter that there are over a thousand Gazans dead and “only” tens of Israelis.

Hoffnung gibt mir auch, dass es weiterhin Kinder in Gaza und Israel gibt, und dass manche von ihnen trotz dieser traumatischen Erfahrungen sich Frieden vorstellen können.

Bild von Ohad, 11 Jahre, Sderot

Bild von Ohad, 11 Jahre, Sderot

Diese Zeichnung ist bei einem Malworkshop der Organisation Hamabul – The Great Flood Collective entstanden, die mit Kindern und Jugendlichen durch Kunst politische und soziale Konflikte thematisieren. Während der letzten Wochen haben sie in Sderot, in der Nähe des Gaza-Streifens, eines der Hauptziele der Kassamraketen, einen Comic-Workshop gemacht.

Inmitten des Krieges kann ein Kind sich Frieden vorstellen und sieht, dass nur Zerstörung der Waffen und der trennenden Mauern diesen bringen kann (Ps 46).

Vielleicht kann dann auch ich hier im sicheren Bammental, untätig und unfähig etwas zu tun, hoffen.

Wann gibt es Aprikosen?

Heute abend habe ich mal wieder im Garten gearbeitet. Die heiße Sonne und das widerspenstige Unkraut trieben mir den Schweiß ins Gesicht.

Es erinnerte mich an meine Zeit in Palästina, an Zelt der Völker, den palästinensisch-christlichen Bauernhof, auf dem ich ein Jahr lebte und arbeitete.
Es war eine schöne Erinnerung. An Freundschaften, die immer noch halten, an Erfahrungen, die mich geprägt haben und an Arbeit, die etwas gebracht hat, die ich als Arbeit für den Frieden verstanden habe.

Gerade eben, als ich gerade schlafen gehen wollte, wurde ich wieder an Zelt der Völker erinnert.

Das Tal vorher und nachher (Bild von electronic intifada)

Bilder von einem Ort, den ich sofort wiedererkannte, obwohl er bis zur Unkenntlichkeit umgewühlt wurde. In diesem Tal habe ich im Schweiße meines Angesichts Unkraut gehackt, Bäume beschnitten und endlich die süßesten Trauben, Äpfel und Aprikosen geerntet.

Gerade die Aprikosen waren schwierig. Es war beinahe unmöglich einen guten Zeitpunkt zur Ernte abzupassen, so schnell werden sie überreif. Davon inspiriert lautet ein arabisches Sprichwort für etwas Unvorhersagbares, vielleicht Unmögliches:
Bukra fil mishmish – Morgen gibt es Aprikosen

Die israelische Armee hat beschlossen, dass hier keine Aprikosen mehr wachsen sollen, dass sie illegal sind und evakuiert werden müssen.

Mit Bulldozern wurde diese wachsende, lebendige Hoffnung auf Frieden niedergerissen und zerstört. Diese Bäume waren eine Bedrohung für die Siedlungen in der Nähe und für das unterdrückende System der Besatzung und deshalb mussten sie „evakuiert“ werden.

Wie evakuiert man Bäume?

Man kann einen Baum nicht aus der Erde nehmen und erwarten, dass er weiterlebt.
Die Bilder der Zerstörung entlarven die bürokratisch-humanitäre Sprache als Farce.

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Ich habe die Arbeit bei Zelt der Völker immer als Friedensarbeit gesehen. Jeder Baum, den wir pflanzten und pflegten war ein Schritt zum Erhalt des Landes und letztlich zum Frieden zwischen allen, die dort leben.

Bei aller Zerstörung, die ich an anderen Orten gesehen habe, war ich mir sicher, dass Zelt der Völker sicher sei, bei all den Touristen und Freiwilligen, die jeden Tag dort waren und all den Zeitungsartikeln, die schon darüber geschrieben wurden, bei dem Gerichtsprozess, der nun schon seit Jahrzehnten geführt wird.

Diese Sicherheit ist nun dahin. Zelt der Völker ist trotz aller investierter Arbeit und aller internationalen Unterstützung weiterhin unter der willkürlichen Gewalt der Besatzung, die in ihrem Bestreben, Sicherheit für den „jüdischen Staat“ zu schaffen, immer und immer wieder gegen die Tora verstößt:

„Wenn du eine Stadt lange Zeit belagerst, um sie durch Kampf gegen sie zu erobern so sollt du nicht ihre Bäume vernichten, indem du die Axt gegen sie schwingst, denn von ihnen isst du, und du sollst sie nicht fällen, denn sind etwa die Bäume des Feldes Menschen, dass sie vor dir in die Belagerung kämen?“ Deuteronomium 20,19

Die triumphale Sicherheit ist der Zerstörung gewichen und es wird morgen keine Aprikosen geben.
Was tun in dieser Situation? Daoud schreibt, dass sie eine Beschwerde beim Gericht eingelegt haben und wir uns bereit halten sollen, für etwaige Aktionen.

Das wird die Bäume nicht wieder zurückbringen, sie sind ausgerissen und werden keine Frucht mehr tragen. Aber neue können gepflanzt werden, die Hoffnung kann auferstehen.
Lasst uns dazu beitragen und wachsam sein. Wenn die Nassers es wünschen, sollten wir sie durch Briefe, Petitionen an die Machthaber unterstützen.

Aber zunächst müssen wir den Schmerz aushalten, und können den Gott nur bitten: Herr, erbarme dich. In der Hoffnung, dass die nervige Witwe am Ende selbst vom ungerechten Richter, der weder Menschen noch Gott fürchtet noch Recht bekommt, weil so viele Menschen darauf pochen.
An diesem Tag werden alle Bewohner des Landes Aprikosen essen.

Hier ist Daouds Brief (von der Facebookseite Tent of Nations)

Today [Montag, 19.5.14] at 08.00, Israeli bulldozers came to the fertile valley of the farm where we planted fruit trees 10 years ago, and destroyed the terraces and all our trees there. More than 1500 apricot and apple trees as well as grape plants were smashed and destroyed.

We informed our lawyer who is preparing the papers for appeal. Please be prepared to respond. We will need your support as you inform friends, churches and representatives when action is needed. Please wait for the moment and we will soon let you know about next steps and actions.

Thank you so much for all your support and solidarity.

Blessings and Salaam,
Daoud

Ein Artikel dazu auf electronic intifada
Und auf Mondoweiss

Langweilige Planungsmittel zerstören Existenzen

Im Erdkundeunterricht haben wir mal Bebauungspläne besprochen – es war das langweiligste Thema im langweiligsten Fach, das ich je besucht habe.

Bis ich feststellte, dass unter Besatzung diese Bebauungspläne heißen, dass ein Palästinenser kein Haus bauen darf, ein Siedler an derselben Stelle aber schon.

Wer das Pech hat in Zone C zu leben, hat nicht nur keinen Rechtsschutz vor Siedlerangriffen, ja die illegale Besatzungsmacht ist auch noch dafür zuständig wenn man ein Haus bauen will, oder es erweitern will, oder einfach nur an das Wassernetz angeschlossen werden möchte. Und der Beamte, der einem einen solchen Antrag genehmigen muss, ist oft ein Siedler, der seine arabischen Nachbarn eigentlich gerne los wäre. Aber selbst wenn der zuständige Beamte ein netter Mensch ist, das Problem ist systematisch: Land, das Palästinensern gehört ist von der Zonierung für „landwitschaftliche Nutzung“ ausgewiesen. Dort darf also auch nicht gebaut werden, auch kein Kuhstall. Egal, ob auf dem Land eigentlich Menschen wohnen, oder für die Landwirschaft bestimmte Strukturen gebraucht werden, wie eine Zisterne, oder Unterstände.

Der Plan hat immer recht, und wer trotzdem baut, bekommt eben einen Abrissbefehl.

So können Söhne nicht heiraten, weil sie dazu ein eigenes Haus brauchen, Landwirtschaft wird unrentabel oder unmöglich, Familien werden wiederholt obdachlos gemacht.

Und schließlich ziehen sie weg. In die immer voller werdenden Städte, oder nach Jordanien, das nach Ansicht rechter israelischer Politiker ja sowieso alle Araber hinsollen. Ganz ohne schlechte Presse für Israel, eine stille Vertreibung.

Und wenn ein Stück Land enteignet wurde, ist aus der „landwirtschaftlichen Fläche“ auf einmal ein „Siedlungsgebiet“ geworden, auf dem munter die Reihenhäuser der Siedlungen gebaut werden und sich Siedler darüber beschweren, dass ihr „natürliches Wachstum“ eingeschränkt wird.

Ein ganz langweiliges bürokratisches Planungsmittel eben.

 

Das ABC der Besatzung

Diese „Seekarte“ zeigt die Zerstückelung des Westjordan- lands durch die Verträge von Oslo.

Die orangenen Gebiete sind Städte wie Ramallah, Bethlehem, Hebron, Jenin und Jericho. Sie, sowie das hellgrüne Gebiet um sie herum sind Zone A, die unter vollständiger Kontrolle durch die palästinens- ische Autonomie- behörde (PA), sowohl im zivilen als auch im Sicherheitsbereich ist. Was das israelische Militär aber nicht daran hindert, dort einzumarschieren, um Leute zu verhaften, oder Angst zu verbreiten.

Zone A macht etwa 18% des kompletten Gebiets aus, es leben aber circa 55% der Palästinenser des Westjordanlands in den Städten.

Die dunkelgrünen Gebiete ist Zone B (21% des Gebiets, 41% der Bevölkerung), die größtenteils Dörfer umfasst. Hier ist die PA für die zivilen Angelegenheiten verantwortlich, während Israel sich um „Sicherheitsbelange“ kümmert. Wenn also ein Konflikt im Dorf ist, muss man die Besatzungsmacht holen, um sich Gerechtigkeit zu verschaffen. Und die ist nicht unbedingt geneigt, zu helfen.

Das blaue Meer ist Zone C (innerhalb des Westjordanlands, leider hat der Zeichner die Grenzen nicht eingezeichnet…), die 61% des Gebiets ausmacht, und 5% der Palästinenser beherbergt.

Dies ist das ländliche Gebiet, die Felder, Olivenhaine und Weinberge der Bauern. Es war die Grundlage der palästinensischen Wirtschaft, die bis zur Besatzung die ganze Bevölkerung mit Nahrung versorgt und noch exportiert hat. Außerdem gehen alle die Städte und Dörfer verbindenden Straßen durch diese Zone. Und hier sind auch die israelischen Siedlungen

Zone C ist vollkommen unter israelischer Kontrolle, zivil- und sicherheitstechnisch. Wer ein Haus bauen will, oder eine Wasserleitung an sein Grundstück führen will, muss die israelische Zivilverwaltung fragen (und wird normalerweise abgelehnt). Wenn Siedler deine Ziegen vergiftet haben, darf die palästinensische Polizei nicht ermitteln, für alles ist die Besatzungsmacht zuständig. Gleichzeitig arbeiten viele Menschen aus den Dörfern in den Städten und müssen täglich reisen, was durch permanente Straßensperren und mobile Checkpoints zu einem stundenlangen Unterfangen bei ein paar Kilometern werden kann.

Hier findet auch die Enteignung von Land durch den israelischen Staat statt, über die ich später schreiben werde.

Da Bauern in Palästina größtenteils in Dörfern leben und tagsüber auf ihre Felder gehen, leben in Zone C wenige Menschen (aber immer noch 150.000). Es sind vor allem Nomaden, oder Dorfbewohner, deren Dörfer nicht anerkannt werden, weil sie zu klein sind. Oder seltsame internationale Freiwillige, die in Höhlen wohnen und Schutzpräsenz sind.

Die Siedlungen in Area C sind mittlerweile so groß, dass es doppelt so viele Siedler dort gibt, als Palästinenser, die sich durch den großen Druck auf sie oft entschließen in die Städte zu ziehen. In der letzten Zeit gab es Überlegungen in der israelischen Rechten Zone C offiziell zu annexieren und den Palästinensern dort (und nur dort) in den liberaleren Entwürfen sogar Bürgerrechte zu geben.

Die PA kann dann ihren Staat in den unzusammenhängenden Inseln der Städte und Dörfer haben, die 39% der Westbank (8,5% des Mandatsgebiets). Damit gäbe es ganz offiziell Reservate von Palästinensern in einem Großisrael.

Bis jetzt ist aber alles noch in diesem undefinierten Schwebezustand: offiziell erhebt Israel keinen Anspruch darauf, dann manchmal schon und letztlich bewegt sich nichts. In der ganzen Zeit werden weiter Fakten geschaffen und die Endgültigkeit der Siedlungen zementiert.

Heute schon teilt der Staat Israel die Einwohner der Zone C in zwei Gruppen: Palästinenser, die nach Militärrecht behandelt werden und kaum ihre Grundbedürfnisse in den Bereichen Wasser und Obdach oft nicht befriedigen können, und israelische Siedler, die volles Bürgerrecht in Israel besitzen, in staatlich geförderten Häusern wohnen und noch anders staatliche Unterstützungen erhalten.

Der Status Quo ist eine Apartheid, die sich hinter Unklarheiten und rechtlichen Details versteckt, und sie ist für Israel die einfachste Lösung von allen.

Einen Vortrag versprechen ist nicht schwer, ..

… ihn halten aber sehr.

Ich bereite gerade einen Vortrag über meine Zeit in Palästina/Israel und bei Zelt der Völker vor. Nachdem ich etwa eine halbe Stunde vergeblich versucht habe, ein Foto aufzuhellen und als Hintergrund der Präsentation zu verwenden, machte ich mich an die eigentliche Präsentation – und wandte mich gleich wieder dem Hintergrund zu.

 

 

 

 

Es ist einfach schwierig, ein Jahr in Worte zu packen. Was wähle ich aus, welches Vorwissen kann ich erwarten? Was will ich eigentlich sagen?

Mein Konzept zur Zeit sieht so aus:

Von mehreren Palästinensern wurde ich explizit gebeten, zu Hause zu erzählen, was ich gesehen habe und so einen Beitrag zu leisten, dass hier ein klareres Bild über die Verhältnisse herrscht, das bei den Zuhörern dann zu einem Neubedenken unseres (Nicht-)Engagement führen könnte. Ich will mich also auf die Besatzung konzentrieren und wie sie alle Aspekte des Lebens beeinflusst.

Da ich den größten Teil meiner Zeit im Zelt der Völker verbracht habe, will ich die Geschichte dieses Projekts erzählen und von dieser Perspektive über israelische Besatzung und Wege des palästinensischen Widerstand mit seinen verschiedenen Verbündeten, Israelis und Ausländer, sprechen.

Die Geschichte von Dahers Weinberg ist ein Mikrokosmos der gesamten Situation Palästinas, da dort viele Aspekte der Besatzung deutlich werden:

  • Die Aufteilung des Westjordanlands in Zonen A,B und C durch die Osloverträge, die der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA) die Kontrolle der ländlichen Gebiete komplett und der Dörfer teilweise (B=21% C=61% des Gebiets) entzogen hat.
  • Die Politik der Landkonfiszierung durch ergänzende Kooperation von Staat, Militär und Siedlerbewegung, sowie die zahlreichen Hindernisse für Palästinenser rechtlich Gerechtigkeit zu erlangen.
  • Der Missbrauch bürokratischer Planungsmittel, um Palästinensern in Zone C das Leben unmöglich zu machen, um  sie zum „freiwilligen“ Wegzug zu bewegen. Dazu gehören die Weigerung der israelischen Besatzungsmacht, Baugenehmigungen auszustellen, sowie palästinensische Gemeinden an die bestehende Infrastruktur für Strom, Wasser und das Verkehrsnetz anzuschließen. (Was ihre völkerrechtliche Verpflichtung wäre)
  • Der psychologische und physische Staatsterror Abrissbefehle für palästinensische Häuser und lebensnotwendige Infrastruktur zu erteilen und diese dann in der Schwebe zu lassen, ob sie tatsächlich ausgeführt werden.
  • Die de facto existierende Apartheid in den besetzten Gebieten zwischen israelischen Siedlern unter israelischem bürgerlichem Recht und Palästinenser_innen unter Militärrecht, krass unterschiedlichem Zugang zu Wasser und Baugenehmigungen und sogar teilweise getrennten Straßen. Dazu all die Zäune, Zivilisten mit Sturmgewehren und die ständige Militärpräsenz.
  • Die Einschränkung der Bewegungsfreiheit von Palästinensern durch Straßensperren, Zerstörung von Straßen und Sperrung von Straßen für Palästinensern. Dazu kommt  natürlich die Mauer und die Checkpoints nach Israel und das besetzte Ostjerusalem.

Gleichzeitig zeigt Zelt der Völker auch einige Wege wie verschiedene Akteure versuchen, für Frieden und Gerechtigkeit und gegen Besatzung und Kolonialisierung zu arbeiten.

  • Die Familie Nassar, die unter dem Motto „Wir weigern uns Feinde zu sein“ einen Widerstand leisten, der versucht das Böse mit Gutem zu überwinden und in der gegenwärtigen Situation alles Mögliche zu tun, um eine Zukunft zu schaffen. Hierbei treffen sich ökologische Landwirtschaft, Widerstand gegen Unrecht und Bildungsarbeit mit hauptsächlich Touristen, aber auch anderen Palästinensern und Israelis in einer spannenden Mischung.
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  • Internationale Freiwillige, die im Projekt sowohl praktisch mitarbeiten, als auch durch ihre Anwesenheit eine zivile Schutzpräsenz gegenüber Siedlergewalt und Militärrepression zu bieten versuchen. Gleichzeitig lernen sie den Konflikt näher kennen und können so zu Hause darüber informieren und dazu beitragen, dass die internationale Gemeinschaft der Besatzung ein Ende macht.
  • Israelische Verbündete des Projekts, die lernen, dass Palästinenser nicht ihre Feinde sind, und diese Erkenntnis nach Hause weitertragen. Aus dieser Begegnung kann auch ein gemeinsamer Kampf gegen die Besatzung entstehen, der sich in Demos niederschlägt, oder in dem Bau einer Komposttoilette.
  • Internationale Organisationen, wie die Grünhelme, die mit den Photovoltaikanlagen auf Dahers Haus Hilfe zur Selbsthilfe geleistet haben.

Hierbei ist es auch ein gutes Beispiel für die negativen Auswirkungen mancher gut gemeinter Bemühungen:

  • „Entwicklungshilfe“, die neue Straßen für Palästinenser baut, wenn Israel die alten Straßen für sie sperrt. Statt Druck auf Israel auszuüben, seine rassistische Politik zu ändern, hilft die gut gemeinte „Unterstützung“ das Apartheidssystem weiter auszubauen. Dazu gehört auch die abhängig machende Spendenpolitik des Westens, staatlich, wie zivilgesellschaftlich, die den palästinensischen Widerstand lähmt. Hierbei bin ich froh, dass Zelt der Völker sehr bewusst mit Spenden umgeht, und diese auch teilweise ablehnt.

Mit diesen Punkten sollte ich eigentlich schon ein abendfüllendes Programm haben, dass eine gute Einführung in Situation und meine Arbeit liefert. Dazu noch ein paar Bilder von meiner Arbeit und kleine Spezifizierungen je nach Publikum.

Was denkt ihr? Gibt es etwas, dass euch brennend interessiert und dass ich nicht behandelt habe? Macht die Form für euch Sinn?

Ich freue mich über Rückmeldung.

 

Bloß zwei Fälle von rassistisch motivierter Gewalt gegen Palästinenser an einem Tag

Kaum bin ich wieder zurück, passieren einige schlimme Dinge an den Orten, die ich regelmäßig passierte.

Am Freitag hat ein Mob jüdischer Jugendlicher in Westjerusalem drei palästinensische Jugendliche zusammengeschlagen. Hier die Worte einer Augenzeugin:

Es ist spät am Abend und ich kann nicht schlafen. Meine Augen sind seit einigen Stunden voller Tränen und mein Magen dreht sich während ich denke, dass wir die Menschlichkeit verloren haben, das Angesicht Gottes in der Menschheit, und ich kann diesen Verlust nicht akzeptieren. Aber heute habe ich mit meinen eigenen Augen eine Lynchung gesehen, auf dem Zionplatz, im Zentrum Jerusalems. Ich kam mit den anderen Leuten von „Elem“ (Einer NGO die mit Risikokindern arbeitet) zum Zionsplatz, wie wir es immer zu dieser Uhrzeit tun, und knapp eine halbe Stunde später hörte ich wie Leute riefen „Ein Jude ist eine gute Seele, und ein Araber ist ein Hurensohn.“ und dutzende (!!) Jugendliche auf drei arabische Jugendliche, die ruhig auf der Ben Yehuda Straße liefen,  zurannten und sie anfingen zu Tode zu prügeln.

Als einer der Palästinenser zu Boden fiel, prügelten die Jugendlichen weiter auf seinen Kopf ein, er verlor das Bewusstsein, seine Augen rollten, sein Kopf lag schräg und begann zu zucken, und dann flohen die, die ihn gekickt hatten und die anderen bildeten einen Kreis [um die Palästinenser], und einige schrien immer noch mit Hass in ihren Augen…

 

Als zwei unserer Freiwilligen in den Kreis gingen und versuchten, ihn wiederzubeleben, sagten die Jugendlichen aufgebracht, dass wir einen Araber wiederbeleben würden, und als sie in unsere Nähe kamen und sahen, dass die anderen Freiwilligen alle geschockt waren, fragten sie warum wir so geschockt wären, „Er ist ein Araber“.

 

Als wir später wieder an die Stelle zurückkamen, war sie als Mordschauplatz markiert, und die Polizei war vor Ort mit einem Cousin des Opfers, der versuchte das Vorgefallene nachzuspielen, es standen auch zwei Jugendliche da, die nicht verstanden, warum wir dem Cousin des Opfers eine Flasche Wasser geben wollte, „Er ist ein Araber, die müssen doch nicht hier im Stadtzentrum rumlaufen, und sie verdienen das, so werden sie endlich Angst vor uns haben.“

15-18 jährige Kinder bringen ein Kind ihres eigenen Alters mit ihren eigenen Händen um. Mit ihren eigenen Händen. Kinder, deren Herzen unbewegt waren, als sie einen Jungen ihres eigenen Alters erschlugen, der sich auf dem Boden krümmte. Das Bild steht mir noch vor den Augen und ich kann ihre Stimmen immer noch hören und das Gefühl der Hilflosigkeit spüren, und die Frage: Was ist mit uns geschehen und was geschieht mit unseren Kindern? Und das Wichtigste: Können wir es noch ändern und wie?

 

Der junge Palästinenser ist immer noch in kritischem Zustand, während mittlerweile ein Jugendlicher im Zusammenhang mit dem Lynchmob verhaftet wurde. Nachdem es Spekulationen gab, die Palästinenser hätten die Jugendlichen in irgendeiner Form provoziert, oder angefangen hätten, lies die Zeugen verlauten:

“Ich sah mit meinen eigenen Augen, dass sie niemanden angriffen und hörte mit meinen eigenen Ohren, wie die Jugendlichen sagten sie suchten einen Araber zum Verprügeln”

 

Außerdem wurde ein palästinensisches Taxi auf dem Weg von Hebron nach Bethlehem ganz in der Nähe unserer Kreuzung von Siedler mit Molotovcocktails beworfen. Die Insassen, eine Familie aus Nahalin, dem Dorf neben Zelt der Völker, erlitt Brandwunden ersten bis dritten Grades. Sie wird in einem israelischen Krankenhaus behandelt.

Premierminister Netanyahu hat diesen Anschlag persönlich in einem Brief an Abbas verurteilt, wo er bei früheren Vorfällen von rassistisch motivierten Siedlerangriffen auf Palästinensische Leben und Besitz nur eine verurteilende Stellungnahme veröffentlichte, oder sie gar nicht kommentierte. Der Vizepremierminister nannte es immerhin einen „Terroranschlag“ Die Polizei ist auch zu der Siedlung aus der die Täter mutmaßlich kamen gefahren und hat den Jugendlichen gesagt, dass sie „beobachtet werden“. Wirklich harte Konsequenzen, die da gezogen werden für einen potentiell tödlichen Angriff, der sechs Menschen immerhin ins Krankenhaus gebracht hat.

Nur mal zum Vergleich, will ich darstellen, was mit einem palästinensischen Kind (Person unter 18 Jahren) passieren würde, die dasselbe getan hätte:

Innerhalb weniger Stunden wäre die Armee in das Dorf gekommen, und hätte zahllose Häuser umstellt und gestürmt. Durch ein Netzwerk an Informanten wüsste die Armee sofort, wer verantwortlich ist. Alle Personen, die auch nur irgendwie mit dem Verbrechen in Verbindung stünden, würden verhaftet, auf dem Weg ins Gefängnis höchstwahrscheinlich misshandelt, und im Gefängnis Praktiken wie Schlafentzug und Lärmbeschallung ausgesetzt, die international als Folter klassifiziert sind. Das Wohnhaus der Täter würde abgerissen, kein Mitglied der Familie erhielte mehr Arbeitsgenehmigungen für Israel, oder illegale Siedlungen, die die Haupteinkommensquelle der palästinensischen Bevölkerung darstellen.

Israelische Jugendliche werden verwarnt.

Und ich werde als Antisemit bezeichnet, wenn ich sage, dass ist Apartheid, zwei verschiedene Rechtssysteme und Anwendung für verschiedene Personengruppen im selben Territorium.

Was das wirkliche gruselige an diesen Ereignissen ist, ist dass sie weder Einzelfälle sind, noch von (nur verrückten) Einzelgängern begangen werden. Die Siedlerbewegung hat seit einigen Jahren die Praxis der „Preiszettel“ (price tag) entwickelt, was bedeutet, dass für jede vom israelischen Militär durchgeführte Räumung einer illegalen Siedlung, oder die Androhung einer solchen Operation, palästinensischer Besitz zerstört wird. Dies reichte bis jetzt von der Zerstörung von Olivenhainen bis zur Brandstiftung einer Moschee.

Wie auch in anderen Gesellschaften werden solche extremen Fälle von rassistisch motivierter Gewalt öffentlich verurteilt und es wird schnell versucht, die Täter als „extrem“, „geisteskrank“, oder „Einzeltäter“ darzustellen. Eine andere Taktik ist es, den Vorfällen keine große Presse zu geben. Während die meisten israelischen Zeitungen beispielsweise über den Lynchmob berichteten, setzte es nur die linksgerichtete Haaretz auf die Titelseite, während die Jerusalem Post auch noch die klar einseitige Gewalt als „Schlägerei zwischen arabischen und jüdischen Jugendlichen“ bezeichnet.

Meine persönliche Erfahrung ist, dass es in Israel in vielen Kreisen erlaubt ist, sehr rassistische Dinge über Palästinenser zu sagen. Rassistisch motivierte Gewalt ist kein Einzelfall in Israel und in den besetzten Gebieten ist sie komplett institutionalisiert, was der wahre Grund ist, warum nur „extreme“ Siedlergruppen selbst zu Gewalt greifen. Die Menschen, die sich gegen Rassismus und für ein friedliches Zusammenleben mit gleichen Rechten einsetzen sind leider sehr wenige.

Natürlich ist auch unter Palästinensern offener Rassismus gegenüber Juden nicht selten, und die Stimmen, die ihn verdammen sind viel zu wenige, der Punkt auf den ich aber hinaus will, ist dieser:

Durch die vollendete Institutionalisierung des Rassismus in Israel und das groteske Machtungleichgewicht zwischen dem Staat Israel, mit seinen Militärsubventionen aus den USA und den Palästinensern, die dank des Friedensprozess nun auch noch einen von westlichen Geldern finanzierten „Polizei-Nichtstaat“ in Form der palästinensischen Autonomiebehörde gegen sich haben, täglich unter Besatzung leben und mehr und mehr Land an Siedlungen und junge Männer an die israelischen Gefängnisse verlieren, haben israelische Rassisten kaum etwas zu befürchten, wenn sie ihre Ansichten in die Tat umsetzen, während ein palästinensisches Kind ins Gefängnis kommt für die Anschuldigung einen Stein zu schmeißen.

Dieses Ungleichgewicht wird durch das desinteressierte Schweigen der westlichen Medien und die fortlaufende finanzielle und moralische Unterstützung Israels durch westliche Staaten, trotz leiser Proteste, nur befördert.

In diesem Klima des institutionalisierten Rassismus, Bewaffnung und weitgehender Straffreiheit der Siedler, zusammen mit täglicher scharfer Repression des legitimen palästinensischen Widerstands, sind solche widerlichen Akte rassistischer Gewalt kein Wunder und das eigentliche Wunder ist die weitgehende Friedfertigkeit der palästinensischen Bevölkerung.

Nachtrag: Sarah Thompson, die während meiner Zeit ein Jahr bei Sabeel arbeitete und im „Verwaltungsrat“ von Christian Peacemaker Teams sitzt hat eine Email rumgeschickt in der sie schreibt:

Nachdem ich ein Jahr in Ostjerusalem gelebt habe, glaube ich, dass in der zur Zeit derart politisch angespannten Situation und den Dynamiken in den jugendlichen Subkulturen in Israel/Palästina, Vorfälle wie die „Jerusalem Lynchung“ die in dem [Haaretz] Artikel [der in der Mail verlinkt war] beschrieben werden, öfter passieren würden, wenn die Christlichen Friedensstifter Teams (CPT) und andere Beobachtungsgruppen nicht in der Region wären. Eine Spende für CPTs Arbeit ist eine wertvolle und sinnvolle Reaktion auf dieses schreckliche Ereignis. CPTs unbewaffnete Präsenz verringt die tödliche Gewalt, sodass Friedensorganisationen und Gemeinschaften, die sich für gewaltfreien gesellschaftlichen Wandel einsetzen, mehr Zeit und Raum haben an den Graswurzeln hin zu einer gemeinsamen, und gesunden Zukunft zu arbeiten.

Manna, internationale „Hilfe“ und die ewige Besatzung

Vor einigen Tagen habe ich eine Dokumentation gesehen, die mich daran erinnert hat, dass ich schon länger einen Artikel über internationale Entwicklungshilfe in Palästina schreiben wollte.

Wer sich all die Schilder an neuen Gebäuden in der Westbank anschaut, könnte den Eindruck gewinnen, die gesamte Welt wäre einseitig auf der Seite der Palästinenser. Von den zu erwartenden arabischen Ländern über Deutschland und andere EU-Länder finanziert sogar die USA Infrastrukturprojekte und NGOs in den von Israel besetzten palästinensischen Gebieten.

Zum Beispiel die Straße von Bethlehem nach Nahalin. Da die Israelis mit Felsen den Weg von Nahalin zur Route 60, die Hauptverbindung zwischen Jerusalem, Bethlehem und Hebron, blockiert haben, konnte man Nahalin (und Dahers Weinberg) nur noch zu Fuß erreichen, oder man arrangierte, dass auf der anderen Seite des Roadblocks ein zweites Auto stand, das einen mitnahm.

Die italienische und US-amerikanische Regierung haben nun in all ihrer Güte beschlossen, eine neue Straße von Bethlehem über Al Khader und Hussan (zwei andere palästinensische Dörfer) zu bauen. Diese führt an einer Stelle in einem Tunnel unter der Route 60 hindurch, ist bis jetzt nur eine Erdstraße und nimmt einen gewaltigen Umweg, sodass man nun viel länger nach Bethlehem braucht, als vorher. Die Straße wurde von palästinensischen Bauarbeitern unter Anleitung italienischer und amerikanischer Ingenieure gebaut, wodurch ein Teil des Geldes wieder in die Ursprungsländer geflossen ist. Der wichtigste Punkt ist allerdings dieser: Statt ihren Einfluss auf Israel auszunutzen und zu verlangen, dass der Roadblock entfernt und die alte Straße wieder freigegeben wird, haben sie sich zu Komplizen der Besatzung gemacht, indem sie ein Apartheidssystem von getrennten Straßen propagierten. Die neue Straße wird als Rechtfertigung seitens Israels benutzt, dass Palästinenser in Zukunft vielleicht gar nicht mehr auf der Route 60 fahren dürfen. Gleichzeitig können sich Italien und USA damit rühmen, nicht einseitig auf der Seite Israels zu stehen, da sie ja auch Projekte innerhalb der besetzten Gebiete finanzieren, die für eine etwaige Staatsgründung wichtig sind.

Tatsächlich machen sie die Zweistaatenlösung unmöglich, weil so die Apartheidspolitik ungehemmt weitergehen kann. (Außerdem sind die Gelder an die Palästiner lächerlich im Vergleich zu der Unterstützung der USA an Israel)

Ein zweites Beispiel aus meiner eigenen Erfahrung: Zu Beginn meiner Zeit auf Dahers Weinberg gab mir Daher kleine verschweißte Packungen mit Reis und komischen braunen Brocken, die ich den Tauben verfüttern sollte. Auf den Packungen war ein Etikett: Manna Pack von der Organisation Feed my Starving Children. Diese wohltätige christliche Organisation hat es sich zur Aufgabe gemacht, „Gottes Kinder die körperlich und geistlich hungrig sind, mit Nahrung zu versorgen. Zunächst einmal grenzt der Name „Manna Pack“ meiner Meinung nach an Blasphemie, da das Manna den Israeliten in der Wüste von Gott gegeben wurde und nicht von wohlmeinenden Christen, die von der Situation der verhungernden Kinder, denen sie helfen wollen, profitieren. Desweiteren denke ich, dass, auch wenn ich Tauben im Sinne Franz von Assisis als Geschwister und daher als Kinder Gottes bezeichnen würde, die Verfütterung von Manna Packs an Tauben den Zweck verfehlt. Das ich die Manna Packs den Tauben verfüttern sollte, sagt mir weiterhin, dass sie im Westjordanland von Menschen nicht benötigt werden, und billiger sind als Körner, die ich den Tauben sonst füttere. Es ist die ökonomisch sinnvollste Option.

So wird die palästinensische Wirtschaft zerstört, da es sich lohnt, internationale Hilfsgüter als Tierfutter zu nutzen, statt lokale Produkte. Ich möchte betonen, dass dies nicht die Schuld der Palästinenser ist, es ist die Schuld wohlmeinender Organisationen, die Notfallhilfe in Gebieten betreiben, wo diese nicht benötigt wird.

Solche Hilfe ist nicht Hilfe zur Selbsthilfe, sondern zerstört lokale Märkte, macht abhängig und ist damit Teil des Systems, dass die Besatzung aufrecht erhält. Würde die Besatzung enden, würde auch die internationale Hilfe enden, womit viele Menschen ihrer Einkommen, z.B. als NGO-Mitarbeiter, beraubt wären.

Ein weiterer Aspekt dieser Gelder ist auch, dass sie den Widerstand kontrollieren. Entscheiden sich die Palästinenser für einen Weg, der den Spendern nicht passt, so wird der Geldhahn zugedreht. Das beste Beispiel hierfür sind die demokratischen Wahlen im Gazastreifen, die die Hamas an die Macht brachten. Obwohl diese Wahlen von unabhängigen Beobachtern für zulässig erklärt wurden, stoppte die internationale  Gemeinschaft die Gelder und bestrafte die Bewohner des Gazastreifens für das Ausüben ihrer demokratischen Grundrechte.

Die vorhin erwähnte Dokumentation hat meine Bedenken gegen internationale Hilfe bestätigt und noch vergrößert. Sie geht in mehreren eindrücklichen Beispielen mit Aussagen palästinensischer WissenschaftlerInnen und Unternehmer auf die Rolle von internationalen Geldern in der Besatzung ein.
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Was heißt das für meinen Dienst hier? Ich nehme im Grunde genommen ebenfalls einem Palästinenser Arbeit weg. Meine unbezahlte Arbeit hier ermöglicht es, dass Zelt der Völker nicht rentabler werden muss, sondern weiterhin die Arbeitskraft abenteuerlustiger Deutscher ausbeuten kann. Das hört sich sehr hart an, und ich kriege hier ja auch einiges zurück an Atmosphäre und so, aber wirtschaftlich gesehen sind all diese Faktoren uninteressant. Was zählt ist Arbeitskraft und Bezahlung und das Verhältnis ist bei Freiwilligenarbeit einfach traumhaft. Fast so gut, wie Sklavenarbeit.

Andererseits denke ich, dass diese Analyse eher auf andere Projekte zutrifft, die tatsächlich die finanziellen Möglichkeiten hätte, jemanden anzustellen und zu bezahlen. Aber bei all den Freiwilligen, die es hier gibt, im Vergleich zu den Arbeitslosenzahlen, wundere ich mich, dass die Palästinenser uns immer noch so freundlich empfangen.

Nächtliche Bauarbeiten

Vorgestern abend waren nach Einbruch der Dunkelheit plötzlich Bulldozer der israelischen Armee am Roadblock und bewegten Steine und Erde hin und her. Wir waren sehr nervös, was sie wohl taten, da es zu dunkel war, um wirklich zu sehen was sie taten.

Machen sie den Roadblock größer, oder räumen sie ihn weg, um womöglich zu uns zu kommen?

Mit unseren Kameras gingen wir an den Rand unseres Geländes, um aus immer noch mehr als 200 Meter Entfernung zu sehen, was die Soldaten vorhatten. Sie schütteten Erde auf, soviel war klar. Zum einen war dies eine gute Sache, wir mussten uns keine Gedanken machen, was wir mit Soldaten auf unserem Grundstück anfangen, aber auf der anderen Seite war ich traurig, dass es noch einen Roadblock gibt, verwundert, was ein 3. (!) Roadblock bewirken soll, und frustriert, dass wir nicht wussten, was wir dagegen tun sollten.

Nach einer Weile verschwanden die Soldaten, nur um nochmal kurz wieder zu kommen, als wir beim Essen waren.

Der Rest der Nacht war ereignislos. Heute hab ich es geschafft, zum Roadblock zu gehen. Die Armee hat eine zweite Straße ins Tal gesperrt, über die man Felder sowie unsere Apfelbäume und einen großen Teil unserer Weinstöcke erreichen konnte. Jetzt muss man laufen. Soweit ich weiß, gibt es keine andere befahrbare Straße ins Tal.

Straßensperren oder Roadblocks sind zusammen mit Checkpoints, Apartheid im Straßenverkehr und der „Sicherheitsmauer“ Teil der israelischen Besatzungspolitik, die die Bewegungsfreiheit der Palästinenser einschränken, um ihnen das Leben schwer zu machen, wodurch es für sie attraktiver erscheint auszuwandern.

Früher konnte man von Nahalin auf die Route 60 fahren, die zwischen Jerusalem und Hebron verkehrt. Man war in 10 Minuten in Bethlehem. Jetzt muss man entweder bis zum Roadblock laufen und ein Taxi nehmen, oder man fährt ca. eine halbe Stunde über eine neuem verwinkelte Straße für Palästinenser, die einmal unter der Siedlerstraße hindurchführt.

Ich nehme meistens den Fußweg zur Route 60 und dann das Sammeltaxi. Wenn ich nach dem Wochenende zu Zelt der Völker zurückkomme, treffe ich oft junge Männer aus Nahalin, die in Hebron studieren. Alle, die ich bis jetzt getroffen habe und die gut genug Englisch konnten, dass wir uns mehr unterhalten konnten als: „Welcome, welcome“ träumen davon, auszuwandern.

In ein reiches arabisches Land, wie Saudi-Arabien.

Es scheint lächerlich, dass jetzt noch ein Roadblock unser Grundtück abtrennt, aber jetzt können wir für die nächste Traubenernte vielleicht nicht mehr ins Tal fahren.

Daher sagte, vielleicht sei es eine Strafe, weil so viele Touris hier waren. Am Tag nach dem neuen Roadblock kamen zwei ganze Touribusse voll mit Holländern und Amis. Das nenne ich Timing.