nächtlicher Begleitspaziergang

Auch in Deutschland musste ich in der Dunkelheit schon manche Dame zum nächsten öffentlichen Verkehrsmittel eskortieren, weil das eben höflich ist und man ja nicht weiß, was auf dem Weg alles lauern könnte.

Aber eigentlich weiß man schon, was da lauern könnte. Oder zumindest, was nicht da lauern könnte. Es wäre zum Beispiel höchst unwahrscheinlich, einem vollgepanzerten Armeejeep zu begegnen, mit schwer bewaffneten Soldaten drin, die sich die ganze Nacht da einen abfrieren, weil sie keine Möglichkeit hatten, legal den Kriegsdienst zu verweigern und ihr Staat es zulässt und fördert, dass seine Staatsbürger Kolonien in besetztem Gebiet errichten, die sie als Soldaten jetzt schützen müssen – was bedeutet, dass sie in diesem Jeep sitzen und Leuten Angst einjagen müssen.

Zurück zur Geschichte: Heute hatten wir zum ersten Mal eine Arabischstunde mit unserer palästinensischen Lehrerin Ann (Name geändert). Nach der Stunde wollte sie das Service nach Bethlehem erwischen um dann nach Jerusalem zu fahren. Es war schon dunkel. Das war ein Problem, weil ich mich schon gar nicht mehr erinnern kann, wie oft mir die Geschichte erzählt wurde, wie ein Volontär mal nachts auf dem Weg zur Straße fast von den Soldaten über den Haufen geschossen wurde, weil sie ihn nicht als Ausländer erkannt hatten.

Aber die Dame musste nach Hause und es gab wohl keinen anderen Weg, als dass wir drei Jungs mit hellen Taschenlampen sie zur Bushaltestelle zu begleiten.

Wird schon nichts passieren, nicht jeden Tag ist da ein Jeep.

Nicht jeden Tag – aber heute. Und ich hab keinen Ausweis dabei.

Einfach ruhig weiterlaufen. Ann ist sich nicht ganz sicher, ob sie zur Haltestelle will, entscheidet sich dann aber doch, dass wir weiterlaufen sollen. Wir diskutieren, ob helle Taschenlampen schlecht (sie sehen uns) oder gut (aber sie sehen, dass wir keine Waffen haben, oder palästinensische Jugendlichen sind) sind. Entscheiden uns, dass sie gut sind und lassen sie an. Mittlerweile haben die Soldaten die Leuchtsirene ihres Wagens ausgeschaltet und auf einmal auch die Lichter.

Wir passieren den Steinhaufen, den das Militär „aus Sicherheitsgründen“ aufgeschüttet hat und wegen dem hier keine Autos mehr fahren. Der Jeep kommt langsam auf uns zu. Das Fenster wird runter gelassen.

Soldat: Was macht ihr hier?
Ich: Wir kommen von Zelt der Völker da oben und bringen diese Frau zur Haltestelle.
Ann: Ich bin aus Jerusalem und die anderen aus Deutschland.
Soldat: Was macht ihr da auf dem Berg.
Ich: Wir arbeiten da.
Soldat (verwirrt): Ok.
Ich: Bis dann, wir gehen weiter.

Wir gehen tatsächlich weiter, und sie haben noch nicht mal unsere Ausweise sehen wollen! Wir bringen Ann zur Haltestelle, es gibt noch Services, sogar noch eins als sie das erste verpasst, weil sie sich so herzlich von uns verabschiedet. Sie scheint echt erleichtert zu sein, dass wir sie begleitet haben.

Der Rückweg ist ohne Probleme. Ich drehe mich noch einmal zu den Soldaten um und habe Mitleid. Mir ist auch kalt, aber ich gehe gleich in meine Höhle und mach den Ofen an. Die müssen noch weiter da sitzen und frieren, und wenn ein Palästinenser vorbeikommt, wer weiß, ob sie dann auch so freundlich sind, wie zu uns Ausländern.