Von Lesbos bis Calais – wachsende Zäune und Gastfreundschaft, die Mauern niederreißt

In den letzten Jahren sind aufgrund alter und neuer Kriege, aufgrund des Klimawandels und ungerechter Wirtschaftsbeziehungen immer mehr Menschen aufgebrochen, um in Europa ein Leben in Sicherheit und Wohlstand zu finden. Während früher die Nachrichten von Ertrunkenen unangenehm waren, aber verdrängt werden konnten, kann spätestens seit dem letzten Sommer niemand mehr die Augen vor der Not der Menschen auf der Flucht verschließen und die Frage, „Was sollen wir tun?“ drängt sich allen auf.
Die Reaktionen sind vielfältig und in der medialen Repräsentation wechselhaft.
Im Sommer konnte man fast den Eindruck gewinnen, ganz Deutschland sagt „refugees welcome“, jetzt wirkt es, als ob es nur noch fremdenfeindliche Mobs gibt.
Die Wirklichkeit ist natürlich komplexer, aber doch ist es auch ein Ringen um Deutungsmacht.
Und die Macht der Deutung ist auch die Macht, die Zukunft zu formen.

Ich selbst beschäftigte mich seit 2014 intensiv mit der Situation von Flüchtlingen in Europa.
In dieser Zeit hat vieles sich verändert. Es sind neue Kriege dazu gekommen, rechtliche Rahmen wurden erneuert, ausgesetzt und wiedereingeführt, Europa hat sich verändert, und auch ich. In diesem Text, den ich ursprünglich für den London Catholic Worker geschrieben habe, versuche ich einen Teil der Geschichten zu erzählen.

Im Sommer des Jahres 2014 begannen die christlichen Friedensstifter-Teams (CPT) ein Projekt auf der griechischen Insel Lesbos um Flüchtlinge und solidarische Gruppen zu begleiten.
Da Lesbos nur zehn Kilometer vor der türkischen Küste liegt, wagen viele Flüchtlinge hier die Überfahrt und betreten hier zum ersten Mal europäischen Boden.
Seit im Sommer 2012 die ersten größeren Gruppen von Flüchtlingen auf Lesbos ankommen gründeten sich einheimische Gruppen wie etwa das “Dorf Aller Gemeinsam”, um die Neuankömmlinge willkommen zu heißen und sie zu beherbergen bis sie weiterreisen können.

Die dritte Lektion des Griechischunterrichts: Die Verb "sein" und "haben". Ich lerne auch noch einiges, da Neugriechisch nur wenig mit dem antiken Griechisch zu tun hat.

Griechischunterricht in Pikpa im Sommer 2014

Sie gründeten das offene Lager PIKPA auf einem leerstehenden Campingplatz, wo Flüchtlinge unterkommen können, bis sie ihre Papiere erhalten.
PIKPA ist sowohl praktische humanitäre Hilfe als auch eine provokative politische Alternative zu dem stacheldrahtbewehrten “First Reception Centre” in Moria: Es ist möglich, mit minimalen Ressourcen und ohne Gewalt Flüchtlinge unterbringen und zu registrieren, indem man sie einfach als Menschen mit Würde behandelt.
Die Überforderung angesichts so vieler ankommender Menschen zwingt die Verwaltung Lesbos PIKPA zu unterstützen, da ohne solche zivilgesellschaftliche die offiziellen Instanzen komplett überfordert wären. Diese Situation konnten die Aktivisten dazu nutzen, die Verwaltung zur Übernahme der Kosten für Essensversorgung und sanitäre Anlagen zu bewegen.
In Kalloni hauchten ein orthodoxer Mönch und eine paar atheistische Marxisten einem alten Kloster neues Leben ein, indem sie dort durchkommende Flüchtlinge speisten und sie pflegten.
Trotz der erdrückenden Last der Austeritätsgesetze, Arbeitslosigkeit und einer aufsteigenden extremen Rechten, entscheiden sich Einzelne und Gemeinschaften, den Fremden willkommen zu heißen und ihnen zur Seite zu stehen.
Als christlicher Friedensstifter fühle ich mich geehrt, sie zu unterstützen und unsere Erfahrungen in Begleitungsarbeit und Menschenrechtsbeobachtung einzubringen.

Diesen Februar verbrachte ich zwei Wochen in Calais.

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Dort haben etwa fünftausend Flüchtlinge auf dem Weg nach England sich auf einer ehemaligen Müllhalde eine zeitweise Bleibe geschaffen, nachdem die Polizei sie von den verstreuten kleineren Camps vertrieben hatte. Dieser Ort wird von vielen nur „the Jungle“ – „der Dschungel“ genannt.

Ich habe in dieser Zeit viel mit Menschen geredet; über den Dschungel, über ihre Heimat und ihre Hoffnung für die Zukunft. Aber vor allem wurde ich zum Essen eingeladen und zum Tee trinken. Wir haben zusammen gelacht, über kleine Absurditäten des Lebens und über Slapstickhumor.
Wäre ich länger geblieben, hätten wir wohl auch zusammen geweint, aber so blieb es dabei, dass jeder für sich weinte.

Warum sind diese Menschen nach Calais gekommen, warum leben sie unter diesen Bedingungen und riskieren weiter ihr Leben, um im Laderaum eines LKWs oder durch den Tunnel nach England zu kommen?

Sie hoffen, von dort nach England zu kommen, um dort Asyl zu beantragen. Ihre Beweggründe sind vielfältig, ich habe folgendes gehört: einige haben Familie in England, andere mussten aufgrund ihrer Zusammenarbeit mit dem britischen Militär aus ihrer Heimat fliehen, manche glauben aufgrund ihrer Englischkenntnisse schneller Anschluss zu finden, und ja es gibt auch die ein oder andere Illusion über das Leben in England.
Und Frankreich übernimmt kaum Verantwortung für Asylsuchende. Viele von ihnen sind obdachlos, und der Kälte und der Gewalt von Rassisten schutzlos ausgeliefert.

Hunderte Freiwillige aus England und ganz Europa verwandelten gemeinsam mit den BewohnerInnen den „Dschungel“ von einer reinen Hölle auf Erden zu einem Ort, der sowohl hässlich als auch wunderschön ist und an dem menschliche Grundbedürfnisse nach Nahrung, Wärme, Beziehung und Freiraum zumindest ansatzweise befriedigt werden können.

orthodoxe Kirche im Dschungel

Leider sind die Einheimischen nicht so stark involviert wie in Lesbos und viele Flüchtlinge haben aufgrund der Gewalt rechtsextremer Banden und der Polizei Angst davor, nach Calais zu gehen.
Dennoch bilden sich auch Beziehungen und es gibt Menschen, die verstehen, dass zwar “niemand Flüchtlinge im eigenen Garten haben will, aber die Flüchtlinge wollen auch nicht da sein – sie haben nur keine Wahl”, wie Bruder Johannes vom Mere Marie Skobtsov Catholic Worker Haus in Calais sagt.

Die Regionalpräfektur hat angekündigt (und mittlerweile begonnen) das Camp zu räumen ohne tragfähige Alternativen zu bieten. Rechtlicher Einspruch gegen diese Maßnahme war erfolglos. Viele Flüchtlinge haben keinen Ort mehr, an den sie gehen können und leisten auf kreative Art Widerstand gegen die Zerstörung ihres neuen Zuhause.
Die Regierung hängt der Illusion an, dass die Menschen, die in Calais erneut ihre Heimat verlieren, einfach verschwinden werden. Und dass nächsten Sommer keine Neuankömmlinge kommen werden, die ebenso hoffen, nach England zu kommen.
In der angespannten Situation der Räumung kommt der friedlichen Präsenz von Menschen, die das Vorgehen der Polizei dokumentieren und bei Konflikten deeskalieren, eine wichtige Rolle zu.

In einer der Suppenküche traf ich Ibrahim, dem ich zuerst im Sommer 2014 auf Lesbos begegnet war. Es war eine seltsame Wiedersehen. Er freute sich mich wiederzusehen, und ich auch, aber gleichzeitig kämpfte ich mit den Tränen. Ibrahim ist nun seit zwei Jahren unterwegs, er hat Grenze nach Grenze überwunden, musste sein Leben in die Hände von Schmugglern legen und nun ist er auf die Hilfe von Freiwilligen wie mir angewiesen.
Nichtsdestotrotz ist es entschlossen, seinen Weg nach England zu finden.

Von Lesbos bis Calais, in ganz Europa stehen der Bewegung der Flüchtlinge höher werdende Zäune und Gewalt von FRONTEX, Polizei und faschistischen Bewegungen gegenüber. In Deutschland gab es im vergangenen Jahr über eintausend Angriffe auf Asylbewerberheime. Die extreme Rechte hat mit Pegida sowohl eine Bewegung, als auch in der AFD auch in Deutschland eine politische Macht errungen.
Gleichzeitig opfern zehntausende EuropäerInnen mit Papieren ihre Freizeit, um sich ehrenamtlich für Flüchtlinge einzubringen. Sie bringen den Neuankömmlingen die Landessprache bei, oder begleiten sie zu Amtsterminen oder zum Arzt. Die Freiwilligen auf Lesbos und in Calais sind lediglich die sichtbarsten Beispiele der Willkommenskultur, die parallel zum Aufstieg der extremen Rechten verläuft und mit ihr über die Deutungsmacht dieses historischen Moments ringt.

Für Menschen wie Ibrahim, für die kleinen Gemeinschaften, die Gastfreundschaft mit den Fremden üben und für uns selbst, muss die Willkommenskultur zu einer wirklichen politischen Kraft werden.

Als Gläubige erzählen wir davon, “dass einige ohne es zu wissen Engel aufgenommen haben”.
Wir glauben, dass wir selbst ein Pilgervolk sind und dass wir dem Auferstanden in den Geringsten begegnen. Wenn wir das ernst nehmen, wird es uns zur Gabe und Aufgabe, die Wirklichkeit der Gastfreundschaft in Wort und Tat zu bezeugen.

Im Schildkrötengarten

Gestern besuchte ich zum dritten Mal Bustan Qaraaqa, eine Permakulturfarm in Beit Sahour. Bustan Qaraaqa heißt Schildkrötengarten, was sich auf die wilden Schildkröten, die dort leben, bezieht. Es ist ein vier Jahre altes Projekt von englischen Ökologen, die auf ihrem Gelände mehrere Modellprojekte haben und mit einheimischen Bauern verschiedene Projekte durchführen, wie Bäume pflanzen.

Permakultur ist der Versuch, ökologische Systeme so nachzuahmen, dass sie bei minimaler Arbeit den maximalen Nutzen für Umwelt, Mensch und Gemeinschaft bringen, dabei wird ein systemischer Denkansatz benutzt, um alle Beteiligten zu berücksichtigen – das ist zumindest meine Definition.

Die Modellprojekte in Bustan Qaraaqa sind sehr kreativ; ich bin jedes Mal inspiriert, wenn ich vorbei komme. Seit Mai war ihr Hauptprojekt Beit Igzaaz (das Glashaus) ein Gewächshaus aus Glasflaschen und Erde. Hier wurde auch die Idee für die Toilettenwand geboren.

Die drei Male, die ich da war, haben wir an dem Dach für das Haus gearbeitet, das aus halben Plastikflaschen besteht.

Gestern haben wir zum ersten Mal versucht, es tatsächlich auf das Haus zu kriegen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Und scheiterten.

Andere Projekte auf ihrem Land sind Komposttoiletten, Aquaponicssysteme und Recycling. Alles, was Bustan Qaraaqa konsumiert, wird recycled. Organisches wird Kompost, Flaschen werden für das Haus benutzt, Dosen werden an den Schrotthändler verkauft, und viele Dinge werden einfach sortiert und warten darauf, dass jemand eine Idee hat, was man damit machen könnte.

Eine australische Freiwillige in dem Projekt hat eine sehr viel schönere und ausführlichere Beschreibung der Recyclingbemühungen in Bustan Qaraaqa auf ihrem Blog.

Ich hoffe, dass Bustan und Zelt der Völker einige Projekte zusammen durchführen können, aber selbst wenn nicht, habe ich bei den drei Besuchen schon vieles gelernt, was ich irgendwann mal anwenden will.

 

 

 

Yom Kippur Verwicklungen

Letzte Woche am Samstag war Yom Kippur, der Versöhnungstag, an dem Gott laut der jüdischen Überlieferung das Schicksal für das nächste Jahr festschreibt. An diesem Tag bekennen sie ihre Sünden und versöhnen sich mit ihm . Außerdem ist Auto fahren verboten und die religiösen sowie viele säkulare Juden fasten.

Es ist der einzige Tag im Jahr, an dem die Flughäfen geschlossen sind, und es tatsächlich verboten ist, mit dem Auto zu fahren. Checkpoints zwischen Israel und der Westbank, sowie die Grenzen nach Jordanien und Ägypten sind natürlich auch dicht.

Ich war Freitag und Samstag ungewollt in Jerusalem, weil ich erwartet hatte, die Busse würden zwei Stunden vor Sonnenuntergang (= Beginn des neuen Tages, also Yom Kippur) noch fahren. Da das nicht der Fall war, musste ich also in einem Hostel übernachten, da die Freundin, mit der ich den Tag verbracht hatte, mich am heiligsten Tag des Jahres nicht bei ihren religiösen jüdischen Freunden einquartieren wollte. Nach Hostel und Abendessen war ich nun bei 12 Shekeln in meinem Geldbeutel angelangt, gerade genug, um nach Hause zu kommen.

Abends gingen wir dann zur Klagemauer und beobachteten die Massen an Gläubigen, die hier in der ewigen Anwesenheit JHWHs beteten.

Auf dem Weg zurück sahen wir, wie die nicht-Religösen und Kinder die Straßen zurückeroberten und sich ohne Handys und MP3-Player begegneten und lachten.

Am nächsten Morgen erkundeten wir Lifta, aber schon der Weg dorthin war ein Erlebnis: keine Autos auf den Straßen, die Stadt war leergefegt, ab und zu sah ich andere Touristen, einmal eine Gruppe von Israelis, die auf Fahrrädern die Autobahn entlangfuhren. Ich kam an Synagogen vorbei, wo tiefe Stimmen singend Bibeltexte rezitierten und die vom Blick von der Tür aus zu schätzen, so voll waren, wie Kirchen an Weihnachten.

Ohne Autolärm wirkte Jerusalem wie eine Geisterstadt und als wir in Lifta waren, musste ich immer wieder zu den Hochhäusern am Rand aufblicken, um mich zu vergewissern, dass ich noch in Jerusalem war.

Da nach jüdischen Verständnis der Tag mit dem Sonnenuntergang zu Ende ist, wollte ich am Samstagabend wieder zu Dahers Weinberg zurück. An der Busstation angekommen erfuhr ich, dass die Checkpoints trotzdem zu sind und der einzige Bus in die Westbank nach Azarija (Bethanien) fährt. Und er kostet sieben Shekel. Was soll’s, ich muss nach Hause, morgen muss ich arbeiten.

Im Bus nach Azarija denke ich über meine Möglichkeiten nach: Der Bus nach Bethlehem wird mehr als drei Shekel kosten, und dann muss ich noch ein Service (Sammeltaxi) nach Hebron kriegen, um am Kilometer 17 auszusteigen. Inzwischen ist es auch schon relativ dunkel, vielleicht gibt’s gar keine Services mehr. Bei wem könnte ich übernachten? Ich könnte auch trampen, aber bei der komplizierten Beschreibung wo ich hin muss und meiner schwachen Ortskenntnis wird das spannend.

Während ich so vor mich herdenke, steigen einige Leute aus dem Bus aus und ich höre, dass sie nach Al Khalil wollen. Al Khalil ist der arabische Name für Hebron. Der Bus nach Hebron fährt am Zelt der Völker vorbei!

Also steige ich aus, und ein, und verbringe die Fahrt damit herauszufinden, was „Es tut mir leid, ich habe nicht mehr Geld“ (Ana asif, andisch telmasit min almal) heißt, und nach meiner Haltestelle zu suchen. Der Junge neben mir spricht ein wenig Englisch und fragt mich, wo ich hin will.

Nahalin.
– Hä?, Nahalin ist in Ramallah.
Nein, ich war schon mal da, ich weiß, dass es hier auf dem Weg ist.
– Nein, Nahalin ist in Ramallah.

So geht es eine Weile hin und her, irgendwann fängt er an mir die Dörfer auf dem Weg aufzuzählen. Nahalin ist nicht dabei. Außerdem erkenne ich die Außenbezirke von Hebron. Der Fahrer fragt mich, wo ich aussteigen will und will den Fahrtpreis von mir haben. 20 Shekel. Inzwischen habe ich vergessen, das „Es tut mir leid, ich habe nicht mehr Geld“ „Ana asif, andisch telmasit min almal“ heißt und ich gebe ihm meine drei Shekel. Er ist sauer, aber die anderen Insassen lachen so laut, dass er mich doch nicht rausschmeißt. Mein Sitznachbar lädt mich zu sich nach Hause ein, aber ich lehne sein Höflichkeitsangebot ab, ich werde in der CPT-Wohnung schlafen. Der Fahrer lässt mich in der Nähe der Altstadt raus, ich finde den Weg zu den christlichen Friedensstiftern. Als ich ihnen meine Situation erklärt habe, kriege ich ein Bett und eine leckere Kartoffelsuppe, die übliche Übernachtungsgebühr entfällt und am morgen leiht mir einer von ihnen noch 20 Shekel, damit ich wieder zum Weinberg komme.

Ohne Yom Kippur wäre mein Wochenende wohl wenig bloggenswert gewesen.

Mein irisches Tagebuch

Es ist jetzt schon zwei Wochen her, das ich heimgekehrt bin, aber jetzt komme ich endlich dazu euch einige der unzähligen Höhepunkte (es war fast ein Höhepunktgebirge) meiner Studienfahrt, die ursprünglich nur Nordirland beinhalten sollte, zu berichten.

Montag, 12.4., 6:00Uhr, Bammental: Ich muss aufstehen, und bin obwohl ich meinen Koffer schon vorher gepackt habe, bin ich zu spät. Kommen trotzdem pünktlich in Heidelberg an, ein Bus fährt uns nach Frankfurt, nicht ohne dass zuvor der erst von vielen Sprüchen wie: „Benni, ist das dein Koffer, der da noch am Straßenrand steht?“ geäußert wurde. Da ich meinen Palästinenserschal vorsorglich im Koffer verstaut hatte und mein Name scheinbar noch nicht auf der „terrorverdächtig, weil mal Arabischschüler“-Liste steht, darf ich einchecken. Der Flug ist ruhig, im Dubliner Flughafen, bekomme ich auf Nachfrage einen Einreisestempel, leider ohne Wappen… Wir bekommen eine Touristeninfo über Nordirland ausgeteilt, in der viel über Belfast und das Land steht, die Troubles aber mit keinem Wort erwähnt werden – es fühlt sich seltsam an. Noch ein Bus, der uns nach Belfast fährt, der Linksverkehr irritiert mich, was noch den Rest der Studienfahrt so bleiben wird. Ankunft in Paddy’s Palace, einem zurecht billigen Hostel, sichere mir ein Hochbett, um mir nicht den Kopf anzustoßen. Der Rest des Tages ist gefüllt mit einem Stadtspaziergang und einem Pubbesuch.

Das erste Guinness ist magenbeunruhigend schwer, schließlich darf man ein Guinness erst trinken, wenn man ihn den Schaum sein Gesicht malen kann. Die Liveband im Robinson’s infiziert mich mit dem Ohrwurm der Studienfahrt: 500 miles.

Dienstag, 13.5., 8:00 Uhr (eigentlich 9:00 Uhr in Deutschland): Spätes Aufstehen – zwei Daumen hoch. Nach dem Frühstück machen wir eine Busrundfahrt und steigen an verschiedenen Plätzen aus, um die wundervollen Vorträge der anderen Studienfahrtteilnehmer anzuhören, die (teilweise)  komplett aus Wikipedia kopiert eigenständig vorbereitet waren. Während der Rundfahrt kommen wir das erste Mal durch die Belfaster Viertel, die eine weltweite traurige Berühmtheit durch die Troubles, wie die Zeit der Kämpfe zwischen loyalistischen (Leuten, die weiterhin mit Großbritannien verbunden sein wollten) und republikanischen (denjenigen, die zum Rest von Irland gehören wollten) paramilitärischen Gruppen und zeitweise der britischen Armee in den 1970ern bis 1998 genannt wird, erlangten.

Es war faszinierend und beängstigend zugleich, durch die Straßen zu fahren, wo noch vor wenig mehr als einem Jahrzehnt, Bürgerkriegsstimmung und gleichzeitig „Normalität“ herrschte. Noch krasser war, dass man im Stadtkern, gar nichts von der Auseinandersetzung sah, dort gab es noch nicht mal Wahlplakate der Sinn Fein oder der Unionisten (gemäßigte Loyalisten); nur Plakate des nordirischen FDP-Äquivalent, nach Aussage eines Busfahrers: „Those people only get voted by doctors and they’re are just nonsense“ – Ist es nicht überall das Gleiche?

Das zweite Guinness wird schon besser…

Mittwoch, 14.4: Heute kriegen wir eine Führung durch Falls Street, dem katholischen Arbeiterviertel Belfasts, von Seamus, der zehn Jahre für die Unabhängigkeit als IRA-Mitglied im Gefängnis saß und heute für eine von der EU-finanzierte Organisation namens Coisture arbeitet. Er erzählt mitreißend von der Unterdrückung, die die Katholiken hier in Falls und ganz Nordirland erlitten, vom Beginn der Troubles, von der „Vergewaltigung der Falls“, als die Armee das Viertel nach Waffen durchsuchte, von den Hungerstreiks, bei denen sich IRA-Aktivisten im Gefängnis zu Tode hungerten, um als politische Gefangene anerkannt zu werden, vom Towel und Dirty Strike, bei dem sie sich weigerten Sträflingsuniformen zu tragen, sich in Laken wickelten und sich nicht mehr wuschen, er rechtfertigt den gewaltsamen Widerstand gegen die britische Unterdrückung und ich verstehe ihn, auch wenn ich weiterhin glaube, dass Gewalt keine Probleme löst, wie man in Falls sehen kann.

Am Übergang zur Shankill Road, dem protestantischen Arbeiterviertel, das von Falls durch meterhohe „peace lines getrennt ist, treffen wir unseren protestantischen Führer, der zehn Jahre für die Ulster Volunter Force im Gefängnis saß. Er und Seamus geben sich kurz die Hand, dann verschwindet Seamus so schnell er kann wieder nach Falls, ihm ist es immer noch deutlich unangenehm in Shankill zu sein. Unser neuer Führer redet viel davon, dass es ihnen ja auch nicht gut gegangen ist und wenn man die alten Häuser sieht, merkt man, dass hier schlicht und einfach zwei arme Schichten aufeinander gehetzt wurden. Davon, das Nordirland und Irland ja jetzt in der EU wären und man vorwärts sehen müsse. Er schafft es nicht uns seine Sicht der Dinge so nah wie Seamus zu bringen, dass ich seinen Namen vergessen habe, sagt auch schon genug aus.

Der Tag, reich an Eindrücken, endet mit einem von meinen Zimmergenossen gekochten Colcannon und dazu Guinness oder wahlweise Cider.

Donnerstag, 15.4.: Einen ganz Tag (fast) nichts politisches, sondern einfach nur die Landschaft genießen. Wir überqueren eine Brücke in schwindelerregender Höhe, sehen den Giant’s Causeway, eine einst von Riesen erbaute Landbrücke zwischen Schottland und Irland, die leider auch von Riesen zerstört wurde. Das Zertifikat fürs Überqueren der Brücke werde ich in meinen Lebenslauf einfügen und auch, dass ich im Atlantischen Ozean geschwommen bin, wodurch mein Herz den Rest des Tages seltsam schnell geschlagen hat. Die irische Landschaft ist unglaublich schön und es tut gut einen Tag lang ein einfacher Tourist zu sein und die ganzen politischen Zusammenhänge zu ignorieren.

Mittlerweile beschäftigen uns in der Gruppe auch ganz andere Dinge. Der Vulkan mit dem unaussprechlichen Namen ist ausgebrochen und wie es aussieht kommen wir nicht mehr nach Hause. Während wir Schüler sich freuen über die verlängerte Studienfahrt, versuchen unsere Lehrer herauszufinden, welche Möglichkeiten es gibt, doch noch irgendwie nach Hause zu kommen.

Guinness schmeckt mittlerweile richtig gut.

Freitag, 16.4: Der Bus fährt uns nach Stroke City – die Schrägstrich-Stadt. Dieser Name wurde von Journalisten geprägt, die den Vorwurf der Einseitigkeit umgehen wollten. Denn eigentlich heißt sie je nach politischer Gesinnung Derry oder Londonderry. Hier verschlossen einst die Apprentice Boys den katholischen Zurückeroberern das Stadttor, sodass Nordirland protestantisch blieb, und hier fand am 30. Januar 1972 ein gewaltfreier Bürgerrechtsmarsch sein blutiges Ende als britische Paratroopers, eine Art Elitesoldaten, das Feuer auf die Demonstranten eröffnete und 13 Menschen erschossen, die meisten davon in den Rücken, als sie gerade flüchteten.

Hier, im katholischen Arbeiterviertel, Bogside, treffen wir Bob Kelly, der hier schon sein ganzes Leben lang wohnt und als Kind und Jugendlicher die Troubles und Bloody Sunday erlebt hat. Er und zwei Freunde haben diese Erlebnisse in Gemälden verarbeitet, Gemälde, die auf Häuserwände gemalt wurden. Derry ist für diese Murals mittlerweile weltberühmt, aber Bob und seine Freunde kriegen keine Unterstützung von der Stadt oder von der Regierung nur von den Leuten von Bogside kriegen sie ein wenig Geld für die Farben. Die drei nennen sich die Bogside Artists und sind während der Sommermonate eigentlich immer in ihre Gallerie zu finden, die für alle offen ist.

Bob führt uns durch die Bogside und erzählt von Bloody Sunday, von den täglichen Kämpfen, die sich zwischen Polizei und republikanischen Jugendlichen entwickelten und so zur Regel wurden, dass man zur Teatime pausierte. Er erklärt die Geschichten der Bilder, die Farbwahl, die persönlichen Randnotizen.

Er erzählt, das jedes Haus in der Bogside mindestens zweimal durchsucht wurde, wobei alles zerschlagen wurde. Erzählt wie Freunde von ihm unbeteiligt am Konflikt waren, aber irgendwie zwischen die Fronten gerieten und dafür mit dem Leben bezahlten. Immer wieder deutet er auf Gesichter in den Bildern und erklärt, woher er diese Menschen kannte. Beim Bild Petrol Bomber erzählt er uns von den Kindern, die Molotowcocktails bauten und dachten, sie könnten sich mit kaputten Gasmasken aus dem Zweiten Weltkrieg vor dem Tränengas schützen, die die Wirkung in Wirklichkeit nur erhöht haben.

Dann erzählt er uns von Free Derry, dem Viertel, das die Armee nicht mehr wagte zu betreten, weil sich die Katholiken organisiert hatten und von der Frau, die sie organisiert hatte: Bernadette Devlin McAliskey, die daraufhin jüngstes Parlamentsmitglied in der Geschichte wurde. Heute setzt sie sich für Immigranten ein.  Der Tod der Unschuld, wahrscheinlich mein Lieblingsbild. Es hat einige Veränderungen durch gemacht, früher war der Schmetterling nicht ausgemalt, das Kreuz dunkler und das Gewehr (nicht gut zu erkennen) noch ganz. Durch den Friedensprozess haben die Künstler diese Dinge dann in den heutigen Stand verändert.

Bob inspirierte mich sehr, da er für mich ein Zeugnis ist, wie man um Erinnerung bemüht sein kann, die die geschichtliche Wahrheit der Unterdrückung und Ungerechtigkeit benennt, und trotzdem die Hand ausstreckt zur Versöhnung. Ganz anders ist da das Museum of Free Derry, das von einem Angehörigen eines der Opfer von Bloody Sunday geleitet wird und der Ungerechtigkeit gedenkt, aber jeder Hoffnungsschimmer erstickt in dem muffigen Gebäude in dem die ganze Zeit der Livemitschnitt von der Demonstration läuft, wie am Anfang gesungen wird, und die Stimmung plötzlich umschlägt…

Wir sprechen in unserer Zimmergemeinschaft über unsere Gedanken zur Führung und dem Museum. Meine Kamera funktioniert plötzlich nicht mehr.

Am Abend feiern wir unseren „letzten“ Abend mit den Lehrern – über eine halbe Stunde länger als ursprünglich erlaubt :D..

Samstag, 17.4.: Wir fahren mit dem Bus nach Dublin und singen Karaoke. Wir haben mit Glück ein Hostel einer anderen Studienfahrt, die im Gegensatz zu uns, die wir nicht von Irland runterkommen, nicht reinkommen, erhalten. Das ist sehr viel schöner als Paddy’s Palace, aber dafür verwinkelter (Treppe hoch, laufen, Treppe runter, Treppe hoch…) und teurer.

Meine Zimmergenossen und ich sehen uns Dublin an, das viel schöner, aber dafür langweiliger ist als Belfast. Der Lonely Planet ist unser Reiseführer.. Ob wir nach Hause kommen ist unsicher

Sonntag, 18.4.: Ich besuche mit einem Mädchen aus meinem Lateinkurs die lateinische Messe in der Dubliner Pro-Cathedral, die Stimmung ist so feierlich und der Weihrauch riecht gut. Der Chor singt wunderschön und wir verstehen die lateinischen Teile besser als die englischen. Mal ist der Luftraum offen, Mal nicht…

Montag, 19.4.: Wir entwerfen in Gruppen Stadtrallys und lösen dann die einer anderen Gruppe. Teilweise fehlen ganze Hinweise, aber irgendwie kriegen wir es doch hin und haben dazwischen riesig viel Spaß. Wir werden Dienstag unsere Odyssee nach Hause beginnen und feiern noch Mal unseren letzten Tag, jetzt aber wirklich.

Dienstag, 20.4.: Viel zu früh stehen wir auf und besteigen die erste Fähre nach Holyhead, Wales. Es gibt ein riesiges Gerangel bei der Ankunft bis wir endlich unser Gepäck haben. Dann durch Wales und England nach Hull, wo wir die Nachtfähre nach Zebrugge nehmen. Auf der Fähre erleben wir überteuertes Essen, räuberische Wechselkurse, Playback-Livekünstler, und Glück und Pech im Spiel. Wir werden in den Schlaf geschaukelt.

Mittwoch, 21.4.: Mein Frühstück fällt den Schwankungen auf hoher See zum Opfer, aber zum Glück gibt es an Bord ja ein Buffet. Als wir in Belgien ankommen fahren wir sofort mit dem Bus weiter und kommen abends endlich in Bammental an. Wobei wir von mir aus auch noch ein paar Wochen auf der grünen Insel hätten bleiben können…

In der israelitischen Kultusgemeinde

Heute war ich zum ersten Mal in einer Synagoge.

Davor sah ich mir die Dauerausstellung über die jüdische Geschichte im Raum Augsburg und die Wechselausstellung „(M)Ein gewisses jüdisches Etwas“ an. Zu jener hatte das Kulturmuseum einfach dazu aufgerufen etwas, was für die Besucher typisch jüdisch ewar mitzubringen und die Geschichte dazu aufzuschreiben.

Am bewegendsten fand ich die Geschichte einer jungen Frau, die das Nachthemd ihres Großvaters gebracht hatte. Die Geschichte dahinter war die folgende:

Der Großvater war immer sehr distanziert und die Enkel konnten nie richtig in Kontakt mit ihm treten, obwohl er sie auf Reisen einlud. Er zeigte sich auch immer nur im Anzug und gab ihnen förmlich die Hand. Selbst vor seinem alten Haus in Augsburg, dass er wegen der Verfolgung durch die Nazis Richtung USA verlassen musste konnte der gehemmte Mann nichts aus seiner Vergangenheit erzählen.

Dann erkrankte er an Demenz, vergaß seine Gehemmtheit und sprudelte nur so vor Geschichten und umarmte seine Enkelkinder.

Die junge Frau war sehr dankbar dafür, dass sie so richtig mit ihrem Großvater in Kontakt treten konnte.

Die Synagoge durfte ich nur mit Kopfbedeckung betreten. Zum Glück gab es Papierkippas, die ich gleich mitgenommen habe.ich mit Kippa und Schläfenlocken

Die Synagoge war trotz der schwarzen Steine hell und ich fühlte mich mit meinen geistlichen Vorfahren verbunden. Ob die Synagogen, in denen Jesus predigten aussahen wie diese hier?

Das Bild vom Inneren habe ich nicht selbst gemacht, photographieren ist im gesamten Bereich leider verboten.

Als wir noch einen Cappuccino im Cafe der Kultusgemeinde tranken und überlegten, ob wir koschere Gummibärchen kaufen sollten, hörten wir einem Gespräch zu, in dem zwei Kinder eines im 3. Reich aus Augsburg vertriebenen Juden, von ihrem Vater berichteten und eine Frau vom Museum protokollierte es und versuchte mehr über ihn zu erfahren. Eine der ersten Fragen: „War er ein säkularisierte Jude, oder ein orthodoxer?“

Antwort: „Er spendete der Synagoge Geld.“

Frau vom Museum: „Also säkularisiert.“

Eine kurze Bemerkung zum Titel: „Israelitische Kultusgemeinde“ steht am Eingang. Die Synagoge ist nur der Gottesdienstraum, der Rest nicht.

Zum Staat Israel gab es keine Aussage.

Gammeln in Asunción

Heute war ich das letzte Mal in Asunción. Meine Lieblingslinie, die 23 (es war die erste Linie mit der ich gefahren bin – wenn auch in die falsche Richtung), brachte mich ins Stadtzentrum, wo ich einige Andenken und Staubfänger kaufte.

Dann besuchte ich meinen Freund, den „rothaarigen Indianer“, ein verrückter Schachspieler, der den ganzen Tag vor der Argentinischen Bank sitzt, Schach spielt und dabei auf übelste Weise in Guaraní flucht, oder sinnlose Satzpartikel wiederholt. Ich schaute bei ein paar Spielen zu, aber da er mich nicht einlud ging ich weiter zur Kathedrale, die leider geschlossen war. So schaute ich auf die große Favela, am Flussufer hinab, Pelepincho – das Planschbecken, weil es manchmal unter Wasser steht. Rein durfte ich nicht – ein liebenswürdiger Polizist fragte mich nach Papieren und unterhielt sich sehr lange mit mir über meine berufliche Zukunft, Mennoniten und Glauben.

Schließlich ging ich ins alte Parlament – inzwischen ein Kulturzentrum – eigentlich nur um das Bad zu benutzen, aber dann schaute ich mir doch noch die Austellung eines Künstlers an, der mit viel Sarkasmus und Farbe Bilder aus paraguayischer Geschichte und Gegenwart gemalt hatte. Die Bilder über Mennoniten, waren leider gerade anderswo ausgestellt.

Zu guter letzt besuchte ich Wilma und Alfred, der mich dann noch zum „Männertreff“ der Concordia-Gemeinde einlud, wo Larry Miller und Danisa Ndlovu von der Mennonitischen Weltkonferenz über selbige sprachen – es war schön noch einmal in einer anderen Gruppe darüber nachzudenken und ich spürte auch erneut das Bemühen, der Mennisten sich mit den anderen Gruppen zu versöhnen und zusammen zu arbeiten; und das sie sich über Zeichen, wie Dietrich Panas „Ich bin ein Mennonit“ sehr freuen – genau wie ich.

Ich sah heute so viele schöne Motive für ein Foto – nur leider hatte ich keine Batterien und so konnte ich kein einziges schießen.

Wieder zurück

Auf unserer eineindhalbwöchigen Reise habe ich mal wieder das fundamentale Problem eines jeden Abenteurers, der seine eigene Chronik schreibt, bemerkt:

Je mehr man erlebt, desto schwieriger wird es alles aufzuschreiben.

Deshalb werde ich auf einen umfassenden Reisebericht verzichten und stattdessen allen raten, selbst nach Salta zu fahren und dort mindestens eine Woche zu verbringen; die Gegend am Fuß der Anden ist wie eine fleischgewordene steingewordene Naturkundestunde: Wir sahen Erosion und Sedimentation am Werk, fuhren durch atemberaubende Schluchten und gleißend weiße Salzebenen auf 3000 Meter Höhe.

Eigentlich wollten wir ja noch in die Sumpfregion Esteros del Iberá, aber da wir uns auf der Reise sowieso an die wenigsten unserer Pläne hielten blieben wir länger in Salta, um ihre Schönheit zu bewundern.

Am Samstag fuhren wir schließlich zu den Jesuitenreduktionen bei der „Fleischwerdung“ (Encarnación), wo die Gesellschaft Jesu mit den Guaraníindianern hundert Jahre lang einen christlichen Sozialismus lebten – und sie so vor den brasilianischen Sklavenjägern schützten – bis aufgrund von Ränkeschmieden „Gottes Reich am Parana“ seiner Führer beraubt wurde und, da die Jesuiten die Guaraní nicht zur Selbstständigkeit erzogen hatten, das „Heilige Experiment“ unterging.

Es war ein sonderbares Gefühl durch die Ruinen dieser Kommunen zu laufen und zu versuchen in diese Epoche einzutauchen.

Montag nacht kamen wir mit dem Bus wieder zurück und trafen eine Austauschschülerin aus Encarnación, die auf dem Weg nach Deutschland war.

Da eine Freundin aus unserem Haus gerade am Flughafen ankam, fuhren wir spontan mit ihr mit und so saßen wir zu sechst (sie, ihre Gastschwester, ihr bester Freund, der Fahrer, Micky und ich) mit zu viel Gepäck im Taxi – Micky musste immer auf den Kofferraum schauen, ob noch alles drin war.

Gestern fühlte ich mich ziemlich schlecht und ließ mir das Essen nochmal durch den Kopf gehen und hoffe nun bis morgen, Donnerstag, gesund zu sein – ich will ja nicht die Teilnehmer des Weltjugendgipfels mit der Schweinegrippe anstecken. 😉

Reisevorbereitungen und Spontanietät

Wie mein alter Herr schon richtig bemerkt hat, ist Micky vorgestern um 10:10 Uhr sicher angekommen.

Dieser Eintrag kommt reichlich spät, sie ist schon über den Jetlag (Düsenverzögerung) hinwegkommen und gestern haben wir unter anderem die Herberge „El abrigo“ (Der Mantel) besucht, wo vor zehn Jahren als Freiwillige gearbeitet hat – die anderen haben dort auch freiwillig gearbeitet, wurden aber besser bezahlt.

Heute frönten wir mit Wiensens der Völlerrei: „rennende Pizza“ (also so viel Pizza wie man essen kann), bis zum Umfallen, Robert und ich sehnten uns schon lange danach…

Jetzt sind es noch knapp fünf Stunden bis wir zum Busbahnhof fahren, um den Nachtbus nach Encarnación (Fleischwerdung) zu nehmen: sechs Stunden Busfahrt – ich hoffe wir können einigermaßen schlafen.

In Encarnación werden wir die Jesuitenreduktionen besichtigen, wo die „Gesellschaft Jesu“ zwischen 1610 und 1767 einen frühsozialistischen Staat führten, in dem es keinen Privatbesitz noch Geld gab und die Guaraniindianer vor den Spaniern geschützt waren: kein Spanier durfte „das Reich Gottes in Paraguay“ betreten. Diese Utopie hielt, bis der spanische König ihnen die Gunst entzog und die Guarani waren wieder Beute für die Sklavenjäger.

Danach geht es weiter in die Nähe von Formosa, wo wir eine Indigena-gemeinde (fälschlicherweise Indianer genannt – Unterscheidung: Sie mögen kein scharfes Essen!) besuchen werden.

Dann fahren wir 17 Stunden bis an den Fuß der Anden nach Salta, wo wir frierend die Schönheit der Anden bewundern werden.

Dann wieder ewig zurück fahren und zu den Sümpfen von Ibera – hoffentlich regnet es nicht, damit wir überhaupt hinkommen…

und schließlich wieder nach Asunción.

alte strecke

so alle Pläne sind über den Haufen geschmissen, wir fahren erst morgen, die verlorenene Zeit holen wir dadurch auf, dass wir direkt nach Formosa, dann nach Salta, dann zu den Sümpfen und dann nach Encarnación fahren – ungefähr ein Tag weniger im Bus und eine Nacht länger in einem richtigen Bett – oder bei mir Matratze (Micky hat mein Zimmer um sich von der Düsenverzögerung zu erholen).

neue Strecke

Sollte ich Zeit und Muße haben, werdet ihr hier auch auf der Reise auf dem Laufenden gehalten – und wenn nicht… eben nicht.

Tollwut & Gelbfieber

Heute wurde der Kater Findus gegen Tollwut geimpft.

Bei derselben Gelegenheit wurde ich als Vorbereitung für meine Reise nach Argentinien dann noch gegen Gelbfieber geimpft.

Allerdings nicht beim Tierarzt, sondern bei einer offiziellen Stelle.

Diese Impfung ist für kostenlos. Tolle Sache, in Deutschland kosten

„Impfstoff und Impfung kosten zusammen etwa 23,00 €.“

wie diese Seite mir verraten hat…

Die Impfung währt 10 Jahre, also muss ich mich für etwaige Ausflüge nach Afrika bis ins Jahr 2019 wohl nicht mehr impfen lassen, zumindest nicht dagegen…

Sintflut stoppt paramilitärische Übungen

Nachdem ich mich gestern schon mit dem Gedanken angefreundet hatte, heute auf der Hauptstraße Limpios zu Ehren der Unabhängigkeit Paraguays zu marschieren, die zwar ohne Blutvergießen erfolgte, aber durch eine militärische Drohung durchgesetzt wurde, setzte der starke Regen dem geplanten Marsch doch einen Riegel vor und der Tag wurde stattdessen zu einem Segen für die Erde und die Leute, die jetzt nicht mehr so unter der Hitze leiden…

In wenigen Minuten werden wir in den Chaco aufbrechen, wo wir bei der Marcación (Brandmarkung) der Rinder auf der Estancia von Roberts Eltern helfen werden… Für mich als Vegetarier auf kultureller Auszeit eine Probe, wie sehr mein Wille zu kultureller Anpassung mich tragen wird…

Ach ja, jetzt regnet es gar nicht mehr, falls ihr euch Sorgen macht, dass wir untergehen würden 😛