Von Lesbos bis Calais – wachsende Zäune und Gastfreundschaft, die Mauern niederreißt

In den letzten Jahren sind aufgrund alter und neuer Kriege, aufgrund des Klimawandels und ungerechter Wirtschaftsbeziehungen immer mehr Menschen aufgebrochen, um in Europa ein Leben in Sicherheit und Wohlstand zu finden. Während früher die Nachrichten von Ertrunkenen unangenehm waren, aber verdrängt werden konnten, kann spätestens seit dem letzten Sommer niemand mehr die Augen vor der Not der Menschen auf der Flucht verschließen und die Frage, „Was sollen wir tun?“ drängt sich allen auf.
Die Reaktionen sind vielfältig und in der medialen Repräsentation wechselhaft.
Im Sommer konnte man fast den Eindruck gewinnen, ganz Deutschland sagt „refugees welcome“, jetzt wirkt es, als ob es nur noch fremdenfeindliche Mobs gibt.
Die Wirklichkeit ist natürlich komplexer, aber doch ist es auch ein Ringen um Deutungsmacht.
Und die Macht der Deutung ist auch die Macht, die Zukunft zu formen.

Ich selbst beschäftigte mich seit 2014 intensiv mit der Situation von Flüchtlingen in Europa.
In dieser Zeit hat vieles sich verändert. Es sind neue Kriege dazu gekommen, rechtliche Rahmen wurden erneuert, ausgesetzt und wiedereingeführt, Europa hat sich verändert, und auch ich. In diesem Text, den ich ursprünglich für den London Catholic Worker geschrieben habe, versuche ich einen Teil der Geschichten zu erzählen.

Im Sommer des Jahres 2014 begannen die christlichen Friedensstifter-Teams (CPT) ein Projekt auf der griechischen Insel Lesbos um Flüchtlinge und solidarische Gruppen zu begleiten.
Da Lesbos nur zehn Kilometer vor der türkischen Küste liegt, wagen viele Flüchtlinge hier die Überfahrt und betreten hier zum ersten Mal europäischen Boden.
Seit im Sommer 2012 die ersten größeren Gruppen von Flüchtlingen auf Lesbos ankommen gründeten sich einheimische Gruppen wie etwa das “Dorf Aller Gemeinsam”, um die Neuankömmlinge willkommen zu heißen und sie zu beherbergen bis sie weiterreisen können.

Die dritte Lektion des Griechischunterrichts: Die Verb "sein" und "haben". Ich lerne auch noch einiges, da Neugriechisch nur wenig mit dem antiken Griechisch zu tun hat.

Griechischunterricht in Pikpa im Sommer 2014

Sie gründeten das offene Lager PIKPA auf einem leerstehenden Campingplatz, wo Flüchtlinge unterkommen können, bis sie ihre Papiere erhalten.
PIKPA ist sowohl praktische humanitäre Hilfe als auch eine provokative politische Alternative zu dem stacheldrahtbewehrten “First Reception Centre” in Moria: Es ist möglich, mit minimalen Ressourcen und ohne Gewalt Flüchtlinge unterbringen und zu registrieren, indem man sie einfach als Menschen mit Würde behandelt.
Die Überforderung angesichts so vieler ankommender Menschen zwingt die Verwaltung Lesbos PIKPA zu unterstützen, da ohne solche zivilgesellschaftliche die offiziellen Instanzen komplett überfordert wären. Diese Situation konnten die Aktivisten dazu nutzen, die Verwaltung zur Übernahme der Kosten für Essensversorgung und sanitäre Anlagen zu bewegen.
In Kalloni hauchten ein orthodoxer Mönch und eine paar atheistische Marxisten einem alten Kloster neues Leben ein, indem sie dort durchkommende Flüchtlinge speisten und sie pflegten.
Trotz der erdrückenden Last der Austeritätsgesetze, Arbeitslosigkeit und einer aufsteigenden extremen Rechten, entscheiden sich Einzelne und Gemeinschaften, den Fremden willkommen zu heißen und ihnen zur Seite zu stehen.
Als christlicher Friedensstifter fühle ich mich geehrt, sie zu unterstützen und unsere Erfahrungen in Begleitungsarbeit und Menschenrechtsbeobachtung einzubringen.

Diesen Februar verbrachte ich zwei Wochen in Calais.

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Dort haben etwa fünftausend Flüchtlinge auf dem Weg nach England sich auf einer ehemaligen Müllhalde eine zeitweise Bleibe geschaffen, nachdem die Polizei sie von den verstreuten kleineren Camps vertrieben hatte. Dieser Ort wird von vielen nur „the Jungle“ – „der Dschungel“ genannt.

Ich habe in dieser Zeit viel mit Menschen geredet; über den Dschungel, über ihre Heimat und ihre Hoffnung für die Zukunft. Aber vor allem wurde ich zum Essen eingeladen und zum Tee trinken. Wir haben zusammen gelacht, über kleine Absurditäten des Lebens und über Slapstickhumor.
Wäre ich länger geblieben, hätten wir wohl auch zusammen geweint, aber so blieb es dabei, dass jeder für sich weinte.

Warum sind diese Menschen nach Calais gekommen, warum leben sie unter diesen Bedingungen und riskieren weiter ihr Leben, um im Laderaum eines LKWs oder durch den Tunnel nach England zu kommen?

Sie hoffen, von dort nach England zu kommen, um dort Asyl zu beantragen. Ihre Beweggründe sind vielfältig, ich habe folgendes gehört: einige haben Familie in England, andere mussten aufgrund ihrer Zusammenarbeit mit dem britischen Militär aus ihrer Heimat fliehen, manche glauben aufgrund ihrer Englischkenntnisse schneller Anschluss zu finden, und ja es gibt auch die ein oder andere Illusion über das Leben in England.
Und Frankreich übernimmt kaum Verantwortung für Asylsuchende. Viele von ihnen sind obdachlos, und der Kälte und der Gewalt von Rassisten schutzlos ausgeliefert.

Hunderte Freiwillige aus England und ganz Europa verwandelten gemeinsam mit den BewohnerInnen den „Dschungel“ von einer reinen Hölle auf Erden zu einem Ort, der sowohl hässlich als auch wunderschön ist und an dem menschliche Grundbedürfnisse nach Nahrung, Wärme, Beziehung und Freiraum zumindest ansatzweise befriedigt werden können.

orthodoxe Kirche im Dschungel

Leider sind die Einheimischen nicht so stark involviert wie in Lesbos und viele Flüchtlinge haben aufgrund der Gewalt rechtsextremer Banden und der Polizei Angst davor, nach Calais zu gehen.
Dennoch bilden sich auch Beziehungen und es gibt Menschen, die verstehen, dass zwar “niemand Flüchtlinge im eigenen Garten haben will, aber die Flüchtlinge wollen auch nicht da sein – sie haben nur keine Wahl”, wie Bruder Johannes vom Mere Marie Skobtsov Catholic Worker Haus in Calais sagt.

Die Regionalpräfektur hat angekündigt (und mittlerweile begonnen) das Camp zu räumen ohne tragfähige Alternativen zu bieten. Rechtlicher Einspruch gegen diese Maßnahme war erfolglos. Viele Flüchtlinge haben keinen Ort mehr, an den sie gehen können und leisten auf kreative Art Widerstand gegen die Zerstörung ihres neuen Zuhause.
Die Regierung hängt der Illusion an, dass die Menschen, die in Calais erneut ihre Heimat verlieren, einfach verschwinden werden. Und dass nächsten Sommer keine Neuankömmlinge kommen werden, die ebenso hoffen, nach England zu kommen.
In der angespannten Situation der Räumung kommt der friedlichen Präsenz von Menschen, die das Vorgehen der Polizei dokumentieren und bei Konflikten deeskalieren, eine wichtige Rolle zu.

In einer der Suppenküche traf ich Ibrahim, dem ich zuerst im Sommer 2014 auf Lesbos begegnet war. Es war eine seltsame Wiedersehen. Er freute sich mich wiederzusehen, und ich auch, aber gleichzeitig kämpfte ich mit den Tränen. Ibrahim ist nun seit zwei Jahren unterwegs, er hat Grenze nach Grenze überwunden, musste sein Leben in die Hände von Schmugglern legen und nun ist er auf die Hilfe von Freiwilligen wie mir angewiesen.
Nichtsdestotrotz ist es entschlossen, seinen Weg nach England zu finden.

Von Lesbos bis Calais, in ganz Europa stehen der Bewegung der Flüchtlinge höher werdende Zäune und Gewalt von FRONTEX, Polizei und faschistischen Bewegungen gegenüber. In Deutschland gab es im vergangenen Jahr über eintausend Angriffe auf Asylbewerberheime. Die extreme Rechte hat mit Pegida sowohl eine Bewegung, als auch in der AFD auch in Deutschland eine politische Macht errungen.
Gleichzeitig opfern zehntausende EuropäerInnen mit Papieren ihre Freizeit, um sich ehrenamtlich für Flüchtlinge einzubringen. Sie bringen den Neuankömmlingen die Landessprache bei, oder begleiten sie zu Amtsterminen oder zum Arzt. Die Freiwilligen auf Lesbos und in Calais sind lediglich die sichtbarsten Beispiele der Willkommenskultur, die parallel zum Aufstieg der extremen Rechten verläuft und mit ihr über die Deutungsmacht dieses historischen Moments ringt.

Für Menschen wie Ibrahim, für die kleinen Gemeinschaften, die Gastfreundschaft mit den Fremden üben und für uns selbst, muss die Willkommenskultur zu einer wirklichen politischen Kraft werden.

Als Gläubige erzählen wir davon, “dass einige ohne es zu wissen Engel aufgenommen haben”.
Wir glauben, dass wir selbst ein Pilgervolk sind und dass wir dem Auferstanden in den Geringsten begegnen. Wenn wir das ernst nehmen, wird es uns zur Gabe und Aufgabe, die Wirklichkeit der Gastfreundschaft in Wort und Tat zu bezeugen.

Eine kleine Anekdote aus dem PTS

Gestern (Dienstag) lief ich an der Pinnwand im PTS vorbei und sah, dass jemand auf das Plakat zu den Inspirationen am Abend geschrieben hatte: „Auch die Einbrecherbanden?“
Eine rhetorische Frage, die anscheinend implizieren sollte, „Einbrecherbanden“ seien egal.
Das „egal“ bezieht sich auf dem Plakat auf geflüchtete Menschen, weshalb mit dem Graffiti wohl gemeint ist, die „Einbrecherbanden“ rekrutierten sich aus dieser Menschengruppe.

Die Formulierung auf dem Plakat ist wohl auch ein Wortspiel auf den bekannten Slogan „Kein Mensch ist illegal“, wogegen sich der Autor (die Autorin) wohl positionieren wollte.
In seinem (oder ihrem) Kopf bestand da wohl ein Zusammenhang, wonach Menschen aufgrund ihrer Handlungen ihr Wesen veränderten und damit auch ihren intrinsischen Wert verlierten und daher „egal“ (oder per Implikation „illegal“ würden).
Wie man als TheologiestudentIn auf so einen Gedanken kommen kann, ist schwer nachvollziehbar.

Ich wunderte mich ein wenig, war aber in Eile und ging weiter.

Heute (Mittwoch) lief ich wieder an dem Plakat vorbei.
Es hatte sich in der Zwischenzeit verändert.

Jemand hatte den ersten Kommentar abgerissen und damit seine/ihre Meinung zu diesem Kommentar geäußert. Diese damnatio memoriae erwies sich aber nicht als erfolgreich (weswegen sie meist auch nur bei Toten angewendet wird). Neben dem neuen Loch fand sich ein neuer Kommentar in derselben Handschrift: „Angst vor der Wahrheit?“.

Wieder dieser fragende Impetus, der sich herausfordernd und kritisch gibt. Man fragt sich, ob es noch andere rhetorische Mittel gibt.

Auch dieses Mal konnte ich nicht am Plakat verweilen, ich musste weiter zum Seminar. Aber die Frage ließ mich nicht los. Habe ich etwa Angst vor der Wahrheit?
Sind die geflüchteten Menschen eigentlich nur auf unserem Reichtum aus und bilden „Einbrecherbanden“ und nehmen sich den ganz praktisch?
Ist es nur naives Gutmenschentum, diese „Wahrheit“ nicht anzunehmen, auszublenden und vor ihrer Sichtbarmachung „Angst“ zu haben?

Halt, Stopp!

Es ist doch gar nicht wahr. Die Frage ist nicht wahr, ihre Implikate sind Lügen.
Einerseits haben sie höchstens eine sehr lose Beziehung zu empirisch verifizierbaren Daten, geben sich aber in einer Form (Frage!) die sich dieser Überprüfung entzieht.
Wichtiger ist aber, dass sie von keiner Wahrheit ausgehen, insbesondere keiner die theologisch als Wahrheit zu bewerten wäre.

Bevor ich hier noch weiter schreibe – ich bin mal wieder in Eile – erzähle ich die Geschcihte kurz zu Ende. Statt den Kommentar abzureißen und damit eigenmächtig zu entscheiden, was man lesen darf und was nicht, habe ich einen eigenen Kommentar in einer Sprechblase dazugehängt.

Außerdem hängen da jetzt noch ganz viele Sprechblasen.
Vielleicht wollen sich ja noch andere an einer stillen Diskussion beteiligen und solche Thesen nicht einfach unkommentiert stehen lassen.

Ich werde alle paar Tage mal wieder vorbeigehen und die Wand dokumentieren, vielleicht kriegen wir ja unseren eigenen (politischeren) „virale Philotür„.

Und vielleicht kommen ja mehr Leute zu der Inspiration am Abend, diesen Sonntag 28.6., 19 Uhr in der Peterskirche.

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Entwurf:
Theologisch (in meinem Verständnis) als Wahrheit qualifiziert zu werden, was von Jesus Christus zeugt. In ihm hat die Wahrheit selbst Gestalt angenommen und wir haben sie verworfen. Die Wahrheit wurde von Menschen gekreuzigt und lies sich doch nicht zum Schweigen bringen. Diese Wahrheit war selbst zur Flucht gezwungen und wendete sich allen Ausgeschlossenen zu.
„So ihr bleiben werdet an meiner Rede, so seid ihr meine rechten Jünger, und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.“ Joh. 8

Fliegende Hunde

In Pikpa leben nicht nur Flüchtlinge, eine Aktivistin vom „Dorf Aller Gemeinsam“, die sich auch im lokalen Tierschutzverein engagiert, hat zeitweise auch ein paar herrenlose Hunde dort aufgenommen. Auf Lesbos gibt es überall streunende Hunde und Katzen, die den ganzen Tag nur in der Sonne liegen. In Pikpa liegen die Hunde auch nur rum und stehen gelegentlich auf, um sich zehn Meter weiter wieder hinzulegen.

Im Großen und GanzEin Selfie mit einem der Hunde in Pikpa, der einem Hund bei Zelt der Völker sehr ähnlich sieht.en versteht man sich, aber manchmal führt dieses Zusammenleben auch zu Konflikten, weil Hunde manchen Muslimen als unreine Tiere und nicht als Haustiere gelten.

Wie für die Flüchtlinge war der Aufenthalt in Pikpa für die Hunde nur übergangsweise geplant und die Aktivistin suchte nach neuen Frauchen oder Herrchen für sie.

An meinem letzten Tag erzählte mir dann jemand, die Hunde würden jetzt von einer Organisation nach Deutschland gebracht, weil sie dort jemand aufnehmen möchte.

Als ich das hörte, musste ich lachen.

Ich sitze in einem Flüchtlingslager, umgeben von Menschen, die alle nach Deutschland wollen aber nicht dürfen, und die Hunde werden jetzt nach Deutschland geflogen. Einer schlug vor, sich als Hund zu verkleiden und regelmäßig mit einem Deutschen spazieren zu gehen und auch Stöcke zu apportieren, wenn er dafür in Deutschland wohnen dürfte und Kost und Logis bekäme. Ein anderer fragte, ob er, wenn die Hunde in Deutschland wären, einen Antrag auf Familienzusammenführung stellen könnte. Schließlich hätte er sich hier um sie gekümmert und sei quasi ihr Herrchen geworden.

Ich finde Tierrechte wichtig, aber es steht schlecht um Menschenrechte, wenn Tiere besser versorgt werden als Menschen. Wahrscheinlich haben die meisten Flüchtlinge einfach nicht groß genuge Kulleraugen.

Diese Geschichte erinnert mich an die Geschichte, von Jesus und der Syrophönizierin:

Und er [Jesus] stand auf und ging von dort in das Gebiet von Tyrus. Und er ging in ein Haus und wollte es niemanden wissen lassen und konnte doch nicht verborgen bleiben, sondern alsbald hörte eine Frau von ihm, deren Töchterlein einen unreinen Geist hatte. Und sie kam und fiel nieder zu seinen Füßen – die Frau war aber eine Griechin aus Syrophönizien – und bat ihn, dass er den bösen Geist von ihrer Tochter austreibe.

Jesus aber sprach zu ihr: Lass zuvor die Kinder satt werden; es ist nicht recht, dass man den Kindern das Brot wegnehme und werfe es vor die Hunde.

Sie antwortete aber und sprach zu ihm: Ja, Herr; aber doch fressen die Hunde unter dem Tisch von den Krümeln der Kinder. Und er sprach zu ihr: Um dieses Wortes willen geh hin, der böse Geist ist von deiner Tochter ausgefahren. Und sie ging hin in ihr Haus und fand das Kind auf dem Bett liegen, und der böse Geist war ausgefahren.

Markus 7,24-30

In dieser Geschichte geht es nicht um Tierrechte, (ein Konzept, mit dem im ersten Jahrhundert niemand etwas anfangen hätte können) sondern gerade darum, dass Tiere in der Sicht der Gesellschaft unter Menschen stehen. Aber parallel ist die Identifizierung der „Unerwünschten“ mit den Hunden, die von diesen selbst übernommen wird, dabei aber geschickt verändert wird.
Ging es zuvor darum, anhand der allgemein akzeptierten Hierarchie von Tieren und Menschen eine Hierarchie von Menschen untereinander zu begründen, wird in der Annahme des Bildes der Wert darauf gelegt, dass die Bedürfnisse Aller Kreaturen gedeckt werden – selbst wenn sie als unerwünscht gelten.

Darum muss es gehen, dass dDieser Hund flog mit mir von Thessaloniki nach Stuttgart. Ich glaube nicht, dass dieser Transport wirklich artgerecht war.ie Bedürfnisse Aller Kreaturen gedeckt werden und wir einander als Chance begreifen nicht als Problem, dass es zu lösen gilt.
Dazu wäre es sinnvoll, wenn die Organisation, die die Hunde nach Deutschland bringt, auch für ein paar Flüchtlinge dasselbe möglich macht.

Pikpa kollabiert an der Verantwortungslosigkeit der Behörden

Die letzten Tage war ich sehr beschäftigt und kam leider nicht zum Bloggen.
Ab und zu war es möglich die neuesten Entwicklungen auf der Facebookseite von Christian Peacemaker Teams Europe festzuhalten, aber für viele Dinge ist es schwer überhaupt Worte zu finden. Ich versuche hier die Entwicklungen der letzten Tage zu skizzieren.

In der ersten Woche schrieb ich einen Artikel über Pikpa, zu dem Zeitpunkt waren dort vielleicht 150 Menschen untergebracht, was bereits eine Überlastung darstellte, da das Willkommenszentrum für 80-100 Leute ausgerichtet ist. Aber durch die unermüdliche Arbeit der Freiwilligen vom „Dorf Aller Zusammen“ konnten alle Menschen mehr oder weniger gut versorgt werden.
Dann gab es ein technisches Problem mit der Machine, die die Fingerabdrücke macht, und die Polizei nahm keine Leute mehr mit nach Moria, da es mit 150 Leuten voll sei. Gleichzeitig brachte die Küstenwache weiterhin alle Neuankömmlinge nach Pikpa, das bereits überladen war. Weil die Polizei einfach niemanden aufnahm, musste Pikpa einspringen, weil die Menschen sonst auf den Straßen oder im Hafen geschlafen hätten.
Fast eine Woche lang nahm die Polizei niemand mit und als sie dann wieder anfingen, fuhren sie im alten Tempo fort und brachten sogar noch Leute nach Pikpa, die die Fähre verpasst hatten.

Am Montag kamen zweihundert neue Flüchtlinge an und es waren auf einmal sechshundert Flüchtlinge in Pikpa – sechsmal so viel, wie sie maximal aufnehmen konnten.
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Die Küstenwache organisierte Essen für alle, aber sonst nichts. Keine Decken, keine medizinische Versorgung, nicht einmal die Müllabfuhr kam öfter vorbei.

Es entstanden Konflikte unter den verschiedenen Flüchtlingsgruppen, da manche sich benachteiligt fühlten, weil z.B. SyrerInnen schneller abgeholt wurden, während einige somalische Flüchtlinge schon seit Wochen warteten.

EssenschlangeSchließlich bat das „Dorf Aller Gemeinsam“ den neuen Bürgermeister Spyros Galenos um ein Treffen, um die Lage zu schildern und zu verlangen, dass die Behörden mehr Verantwortung übernehmen.
Sie hatten nicht viel Hoffnung, denn obwohl die Politik auf Pikpa und die Freiwilligen vom „Dorf Aller Gemeinsam“ angewiesen ist, haben sie deren Arbeit nie anerkannt, geschweige denn unterstützt. Der neue Bürgermeister hatte im Vorfeld gesagt, er werde das Willkommenszentrum in Pikpa schließen und es wieder als Sommerfreizeitlager eröffnen lassen. Der Chef der Küstenwache hatte sie sogar als „Hausbesetzer“ bezeichnet und behauptet, Flüchtlinge kämen nach Lesbos, weil sie hier so gut aufgenommen würden. Gleichzeitig haben die Autoritäten all ihre Probleme auf Pikpa abgewälzt, da es weit ab von den Augen der Öffentlichkeit ist und sie wussten, dass die Freiwilligen sich um die Flüchtlinge kümmern.

Das Treffen, an dem wir als CPT teilnahmen, machte dann aber einen ganz anderen Eindruck. Bürgermeister Galenos hörte sich an, was die Freiwilligen vom Dorf aller gemeinsam zu sagen hatten und versprach Unterstützung. Man einigte sich, dass Pikpa vorübergehend keine Flüchtlinge mehr aufnehmen würde, bis es geleert sei und dass die Küstenwache die Menschen direkt nach Moria bringen solle, um Druck aufzubauen.
Nach dem Treffen besuchte er Pikpa und äußerte sich erstaunt darüber, dass die Flüchtlinge so „ruhig und fröhlich“ seien, trotz der überfüllten Lage.

DSC00999Er posierte in vielen Fotos und schüttelte Hände, wie man es von Politikern kennt.

Jemand bat mich als Teil von CPT um ein Statement und ich sagte Herrn Galenos, dass Pikpa ein großartiger Ort der Gastfreundschaft sei, der seine Unterstützung verdiene. Ich sagte, dass eine solche Unterstützung durchaus auch den Ruf Mytilenes und Lesbos verbessern könnte, was sich eventuell auch auf den Tourismus auswirken könnte.

Er sagte mir:

Bitte erzähle deinen Freunden und den Medien, wie ich Pikpa unterstütze.

Ich wünschte ich könnte es.

Bei sechshundert Leuten sammelt sich schnell Müll an. Die Flüchtlinge sammeln den Müll selbst ein.Aber leider sieht die Sache anders aus. Zwar begann die Polizei noch am selben Tag sehr viel schneller zu arbeiten und Menschen zu registrieren, aber Bürgermeister Galenos veröffentlichte auch einen Brief an die Küstenwache, in dem er ankündigte, seinen ursprünglichen Plan durchzuführen und das Willkommenszentrum bis Ende September zu schließen und Pikpa wieder in ein Jugendsommerlager zu verwandeln.

Er verdrehte alle unsere Aussagen und verglich Pikpa mit dem berüchtigten Flüchtlingslager Pagani, das vor ein paar Jahren wegen der schrecklichen Bedingungen und des massiven Protest dagegen (u.a. vom Dorf Aller Gemeinsam) geschlossen wurde. Er verschwieg, dass es die Verantwortung der Behörden ist, für die Grundbedürfnisse der Flüchtlinge zu sorgen und erwähnte mit keinem Wort die aufopfernde Arbeit der Freiwilligen vom Dorf Aller Gemeinsam.

Meine Aussage verdrehte er dahingehend, dass er sagte, dass solche Bedingungen Mytilene international blamieren würden.

Diese schamlose Verdrehung der Vereinbarung schockierte uns alle sehr. Ein paar Leute vom Dorf Aller Gemeinsam hatten schon Zweifel an seiner Ehrlichkeit geäußert, aber letztlich waren alle überrascht. Das war natürlich die Taktik des Bürgermeisters, der einfach behauptete im Einverständnis mit den Beteiligten und sogar im Sinne der Flüchtlinge zu handeln, während die AktivistInnen erst einmal Zeit brauchten ihre Reaktion zu formulieren.

Mittlerweile haben einige Mitglieder der Initiative Antworten in den Lokalzeitungen veröffentlicht und am Samstag soll es eine Pressekonferenz in Pikpa geben. Aber einen Tag lang konnte der Bürgermeister seine Version der Geschichte verbreiten.

Ich wünschte, ich könnte euch allen sagen, dass Bürgermeister Galenos sich für die Gastfreundschaft in Pikpa und für die Flüchtlinge einsetzt. Aber leider sieht es so aus, als habe er sich gegen diese pragmatische und menschliche Initiative entschieden, und halte an der utopischen Idee fest, Migration könne durch Lager und Legalismus gestoppt werden.

Aus meinen bisherigen Gesprächen mit den EinwohnerInnen Mytilenes unterstützen sie Pikpa und waren entsetzt über die Bedingungen in Pagani. Als Pikpa begann kamen viele Leute und brachten Essen, Kleidung und andere Bedarfsgegenstände. Es bleibt zu hoffen, dass sie sich jetzt wieder mit Pikpa solidarisieren und Bürgermeister Galenos zeigen, dass er nicht seine Stadt repräsentiert.

Strandgedanken


Besagter Strand ist im Hintergrund zu sehen

Gestern lag ich auf einer Pritsche am Strand und badete in der Sonne. Es war Sonntag und obwohl natürlich immer noch ungefähr vierhundert Leute in Pikpa sind (viermal so viel, wie geplant) mussten wir einfach mal entspannen.

Das ist ein Luxus, den Flüchtlinge nicht haben; sie können zwar an den Strand gehen, oder Karten spielen, aber ihre Situation ändert sich dadurch nicht. Sie sind immer noch dem System ausgeliefert und können nur warten, bis die Polizei sie abholt. Sie müssen Geld auftreiben für den nächsten Teil der Reise, und sich in die Hände von Schleppern begeben, die teilweise horrende Summen von ihnen verlangen und sich kaum um sie kümmern. Vielleicht haben sie Freunde und Familie auf der Reise verloren und haben selbst Gewalt von den „Grenzschützern“ erlebt, und diese Ereignisse verfolgen sie immer noch.
Zurück können sie auch nicht, so sehr viele Menschen in der EU sich das auch einbilden. Zurück, dass heißt zurück in den Krieg, zurück zur Folter oder zurück zu Familien, die nichts mehr haben, weil sie ihr gesamtes Vermögen dem jungen Mann anvertraut haben, in der Hoffnung, dass er Arbeit in Europa findet und die Familie so unterstützen kann.

Aus dieser Situation gibt es kein Entkommen, sie bleibt bei den Menschen und kommt auch immer dann, wenn niemand sonst bei ihnen ist. Vor der Verzweiflung gibt es nur eine weitere Flucht – ins Leben. Viele Menschen, die wir treffen, wollen nicht zur Ruhe kommen, sie wollen ja immer weiter um dann irgendwann anzukommen.
Ich kenne einen, der hier bleiben muss, weil er kein Geld mehr hat. Er rennt jeden Tag nach Mytilene oder noch weiter und schwimmt und dann muss in Bewegung bleiben.

Wenn ich in Pikpa bin freue ich mich, mit neuen Freunden zu reden und zu sehen, wo es etwas zum Helfen gibt, auch wenn wir wenig tun können. Obwohl mittlerweile viel zu viele Leute da sind, ist die Stimmung meist immer noch ruhig und Streit wird schnell geschlichtet. Ich mache die Erfahrung, dass diese Menschen mich aufmuntern und mir Mut machen, dabei hatte ich mir vorgestellt, es wäre anders herum. Aber sie bedanken sich bei uns, dass wir auftauchen. Anscheinend gibt es eine Art von Gegenseitigkeit, in der sich Menschen, die nichts zu geben haben, gegenseitig aufbauen können. Entgegen aller Gesetze der Physik.

Aber wenn wir nach Hause fahren, falle ich in ein Loch und merke, dass mich die Geschichten und die vielen Stimmen erschöpft haben. Es ist vieles, was mir Hoffnung gibt, oder mich einfach wütend macht, was ja auch eine Art von Energie ist, aber letztlich muss ich diese Energie wieder sammeln, um konstruktiv weiter zu arbeiten.

Ruhe ist ein Teil des Lebens und ist eine Bedingung für sinnvolles Arbeiten. Das Sabbatgebot wird in der Tora doppelt begründet: mit der Schöpfung und als Erinnerung an die Befreiung aus der Sklaverei. Wir brauchen die Ruhe also von Natur aus, sie ist aber auch ein Fest unserer Würde.

Das Problem mit der Ruhe entsteht für mich dort, wo ich sehe, dass diese Ruhe, diese Grundbedingung des Lebens anderen Menschen unmöglich wird, entweder weil sie zur Untätigkeit gezwungen werden – Untätigkeit ist nicht dasselbe wie Ruhe – oder weil ihnen die Entspannung unmöglich gemacht wird. Wie soll ich damit umgehen? Ich bin hier um solidarisch mit diesen Menschen zu sein, wie kann ich da einfach am Strand liegen?

Es bleibt eine schwierige Frage, und gestern am Strand brauchte ich eine Weile, um wirklich zur Ruhe zu kommen und dabei keine Schuldgefühle zu kriegen. Ich will meine Freunde nicht verdrängen müssen, um entspannen zu können.

Wie mit dem Ruhegebot denke ich, dass es zwei Aspekte sind, die mir helfen soviel Ruhe zu finden, wie ich brauche.

  1. Ich brauche sie.
    Ich muss mich entspannen, mich aus diesem Chaos herausziehen, weil ich sonst zusammenbreche und gar nichts mehr tun kann. Mir meiner Schwächen bewusst zu werden ist ein wichtiger Aspekt, um besser zu arbeiten, aber auch aus dem Mythos aufzuwachen, als weißer Mann könnte ich alle Probleme lösen. Das kann ich nicht. Ich brauche vielmehr die Unterstützung von anderen und ich brauche eben auch Ruhe. Stärke ist das Eingestehen der Schwäche, nicht das Weiterkämpfen, wenn man nur noch humpelt.
  2. Es ist ein Fest meiner und letztlich der Freiheit aller.
    Ja, Flüchtlinge haben nicht dieselben Freiheiten wie ich. Das große Ziel aller dieser Arbeit hier ist darauf hin zu arbeiten, dass sie ebenfalls Bewegungsfreiheit bekommen und genauso hier am Strand liegen dürfen.
    Dass sie diese Freiheiten im Moment nicht haben, ist ein Grund zur Klage, aber nicht dazu, meine eigenen Freiheiten zu verachten. Denn wenn die wahnwitzige Idee, man könne Migration stoppen und beenden endlich von allen als Lüge entlarvt wird, werden alle diese Freiheiten haben.
  3. Privilegien müssen erkannt werden, und wir müssen darüber reden. 
    Dieses Ungleichgewicht bewusst zu machen und darüber zu reden, kann helfen mehr Menschen die Situation von Flüchtlingen, denen selbst grundlegende Freiheiten, wie das Recht auf Bewegungsfreiheit (in die EU, aber auch innerhalb der EU und selbst innerhalb eines Bundeslands), das Recht die Landessprache zu lernen oder eben das Recht auf Entspannung verwehrt werden.

Es geht nicht darum, mir meinen Strandtag madig zu machen, es geht darum, durch den Strandtag mir klarzumachen, dass andere diese Freiheiten nicht haben und neue Kraft zu schöpfen, für ihre Freiheit zu arbeiten. Mit Dr. Martin Luther King jr. glaube ich, dass wir gewiss sein können, dass der Tag kommen wird, an dem die Festung Europa ihre Mauern einreisst und alle Menschen, Flüchtlinge und Einheimische sagen können „Free at last, free at last, thank God Almighty, we’re free at last“

Einige der Migranten aus Pikpa am dortigen StrandUnd manchmal sehen wir schon kleine Teile dieses großen Tages, wenn wir zusammen Karten spielen, wenn sich ein Footballteam engagiert, um ihren senegalesischen Defensespieler entgegen der Residenzpflicht auf Auswärtsspiele mitzunehmen, oder wir zusammen das Brot brechen an einem Tisch, an dem alle willkommen sind.

 

Das Sommerloch fehlt

In den letzten Monaten waren die Nachrichten noch ein wenig deprimierender als sonst. Normalerweise bringt die Tagesschau in ihrer Viertelstunde eine große Krise, um dann kurz etwas zur Innenpolitik zu machen und sich dann dem Sport und den wirklich wichtigen Dingen, wie Schumachers Comeback zu widmen.
Diesmal gab es vor lauter Blutvergießen in Gaza, Ukraine, Syrien und dem Irak manchmal gar keine Zeit mehr für Innenpolitik. Und Ebola musste auch noch Platz finden.
Man fragt sich, was aus dem Sommerloch geworden ist, dass im Sommer für lustige und unschuldige Beiträge über Zootiere und so was geführt hat.
Vielleicht gibt es das in Zeiten des Klimawandels nicht mehr, wie auch der Sommer unberechenbarer wird.

Mir jedenfalls fehlt das Sommerloch.

Außer Nachrichten über süße Tiergeburten und Promihochzeiten haben wir so auch nichts darüber erfahren, was nicht mehr in die Sendezeiten passt. Vor allem wenn es keine neue, große Katastrophe gibt, sondern die Zahl der Toten einfach stetig weiter steigt.
Bei einer Viertelstunde Sendezeit muss einfach abgewogen werden, und eine neue Terrorgruppe , oder vielleicht gar ein Comeback des Kalten Kriegs ist natürlich sexyer als die Abschottungspolitik der Europäischen Union, die auch nach Lampedusa mit einigen kosmetischen Änderungen einfach weitergeht.
Da geht es ja auch um die bösen Anderen, gegenüber denen „wir“ die Menschenrechte verteidigen.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Jede Situation, wo Menschen entwurzelt, vertrieben und getötet werden ist schlimm. Ich würde auch zustimmen, dass bestimmte Konflikte größere Auswirkungen auf andere Gebiete haben, als andere.
Der Krieg in der Ukraine, die Gräueltaten des Islamischen Staates und alle anderen bewaffneten Konflikte, aber auch die Ebolaepidemie in Afrika, die letztlich auch wegen der Unterentwicklungspolitik der „entwickelten Staaten“ so verheerend ist, das alles will ich nicht kleinreden.

Aber auch Festung Europa tötet.

Durch unterlassene Hilfeleistung, aber auch durch „Pushback-Operationen“, in denen Boote voller Migranten einfach wieder aus EU-Wässern herausgeschleppt wird und dann zurückgelassen wird. Teilweise waren diese Boote schon seeuntauglich, teilweise werden sie es von der Küstenwache noch gemacht.

Aber auch in den „Willkommenszentren“ sterben Menschen, oder durch Polizeigewalt, oder einfach durch rechte Schläger, die von der Polizei nicht aufgehalten werden.

Und oft sind es gerade die, die vor den Konflikten, in die die Politik „um der Verantwortung willen“ fliehen, die in der EU wie Kriminelle behandelt werden. Für deren Asylanträge aber kein in dubio pro reo gilt.

Für dieses Sterben – um nicht zu sagen Morden – hat unsere Politik viel direkter Verantwortung und  sie könnte auch sehr viel direkter eingreifen, ohne militärische Gewalt anwenden zu müssen und auch die Folgen eines Politikwandels sind um einiges vorhersagbarer als die Frage in wessen Händen deutsche Waffen letztlich wofür benutzt werden.

In letzter Zeit musste ich mir so oft erklären lassen, wie naiv ich bin und wurde gefragt, was ein Pazifist denn in dieser Situation tun sollte. Natürlich waren meine Antworten unbefriedigend, selbst wenn mir meine Gesprächspartner wirklich zugehört hätten.

Das liegt daran, dass ich eben nicht in dieser Situation bin, und es auch noch nie war.
Was ich hier in Lesbos tue, wie auch vor drei Jahren in Palästina, ist der Versuch, diesen Menschen zuzuhören und ihre Antworten zu hören. Dadurch komme ich nicht in ihre Situation, was ich ehrlich gesagt auch gar nicht will. Niemand will Gewalt erleben, vertrieben werden, fliehen müssen.

Aber wir können mit ihnen stehen, ihnen zeigen, dass sie uns nicht egal sind, und wir können uns wehrlos dem entgegenstellen, was ihnen jetzt droht.

Aber vielleicht rechtfertige ich ja auch nur vor mir selbst, warum ich nicht im Irak bin und trotzdem sage, dass Waffen dort auch nichts besser machen werden.

Übrigens gibt es auch ein Christian Peacemaker Team im Nordirak, das dort kurdische Menschenrechtsorganisationen begleitet und sich z.B. für von IS verschleppte jesidische Frauen einsetzt.

Wann gibt es Aprikosen?

Heute abend habe ich mal wieder im Garten gearbeitet. Die heiße Sonne und das widerspenstige Unkraut trieben mir den Schweiß ins Gesicht.

Es erinnerte mich an meine Zeit in Palästina, an Zelt der Völker, den palästinensisch-christlichen Bauernhof, auf dem ich ein Jahr lebte und arbeitete.
Es war eine schöne Erinnerung. An Freundschaften, die immer noch halten, an Erfahrungen, die mich geprägt haben und an Arbeit, die etwas gebracht hat, die ich als Arbeit für den Frieden verstanden habe.

Gerade eben, als ich gerade schlafen gehen wollte, wurde ich wieder an Zelt der Völker erinnert.

Das Tal vorher und nachher (Bild von electronic intifada)

Bilder von einem Ort, den ich sofort wiedererkannte, obwohl er bis zur Unkenntlichkeit umgewühlt wurde. In diesem Tal habe ich im Schweiße meines Angesichts Unkraut gehackt, Bäume beschnitten und endlich die süßesten Trauben, Äpfel und Aprikosen geerntet.

Gerade die Aprikosen waren schwierig. Es war beinahe unmöglich einen guten Zeitpunkt zur Ernte abzupassen, so schnell werden sie überreif. Davon inspiriert lautet ein arabisches Sprichwort für etwas Unvorhersagbares, vielleicht Unmögliches:
Bukra fil mishmish – Morgen gibt es Aprikosen

Die israelische Armee hat beschlossen, dass hier keine Aprikosen mehr wachsen sollen, dass sie illegal sind und evakuiert werden müssen.

Mit Bulldozern wurde diese wachsende, lebendige Hoffnung auf Frieden niedergerissen und zerstört. Diese Bäume waren eine Bedrohung für die Siedlungen in der Nähe und für das unterdrückende System der Besatzung und deshalb mussten sie „evakuiert“ werden.

Wie evakuiert man Bäume?

Man kann einen Baum nicht aus der Erde nehmen und erwarten, dass er weiterlebt.
Die Bilder der Zerstörung entlarven die bürokratisch-humanitäre Sprache als Farce.

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Ich habe die Arbeit bei Zelt der Völker immer als Friedensarbeit gesehen. Jeder Baum, den wir pflanzten und pflegten war ein Schritt zum Erhalt des Landes und letztlich zum Frieden zwischen allen, die dort leben.

Bei aller Zerstörung, die ich an anderen Orten gesehen habe, war ich mir sicher, dass Zelt der Völker sicher sei, bei all den Touristen und Freiwilligen, die jeden Tag dort waren und all den Zeitungsartikeln, die schon darüber geschrieben wurden, bei dem Gerichtsprozess, der nun schon seit Jahrzehnten geführt wird.

Diese Sicherheit ist nun dahin. Zelt der Völker ist trotz aller investierter Arbeit und aller internationalen Unterstützung weiterhin unter der willkürlichen Gewalt der Besatzung, die in ihrem Bestreben, Sicherheit für den „jüdischen Staat“ zu schaffen, immer und immer wieder gegen die Tora verstößt:

„Wenn du eine Stadt lange Zeit belagerst, um sie durch Kampf gegen sie zu erobern so sollt du nicht ihre Bäume vernichten, indem du die Axt gegen sie schwingst, denn von ihnen isst du, und du sollst sie nicht fällen, denn sind etwa die Bäume des Feldes Menschen, dass sie vor dir in die Belagerung kämen?“ Deuteronomium 20,19

Die triumphale Sicherheit ist der Zerstörung gewichen und es wird morgen keine Aprikosen geben.
Was tun in dieser Situation? Daoud schreibt, dass sie eine Beschwerde beim Gericht eingelegt haben und wir uns bereit halten sollen, für etwaige Aktionen.

Das wird die Bäume nicht wieder zurückbringen, sie sind ausgerissen und werden keine Frucht mehr tragen. Aber neue können gepflanzt werden, die Hoffnung kann auferstehen.
Lasst uns dazu beitragen und wachsam sein. Wenn die Nassers es wünschen, sollten wir sie durch Briefe, Petitionen an die Machthaber unterstützen.

Aber zunächst müssen wir den Schmerz aushalten, und können den Gott nur bitten: Herr, erbarme dich. In der Hoffnung, dass die nervige Witwe am Ende selbst vom ungerechten Richter, der weder Menschen noch Gott fürchtet noch Recht bekommt, weil so viele Menschen darauf pochen.
An diesem Tag werden alle Bewohner des Landes Aprikosen essen.

Hier ist Daouds Brief (von der Facebookseite Tent of Nations)

Today [Montag, 19.5.14] at 08.00, Israeli bulldozers came to the fertile valley of the farm where we planted fruit trees 10 years ago, and destroyed the terraces and all our trees there. More than 1500 apricot and apple trees as well as grape plants were smashed and destroyed.

We informed our lawyer who is preparing the papers for appeal. Please be prepared to respond. We will need your support as you inform friends, churches and representatives when action is needed. Please wait for the moment and we will soon let you know about next steps and actions.

Thank you so much for all your support and solidarity.

Blessings and Salaam,
Daoud

Ein Artikel dazu auf electronic intifada
Und auf Mondoweiss

Bananen als analytisches Instrument der Volkswirtschaft

Ich gehe in einen der drei Supermärkte in meinem Dorf. Regale voller Lebensmittel formen den Markt zu einem Konsumlabyrinth, aus dem ich nur dann den Ausweg finde, wenn ich mehr, als ich wollte eingekauft habe. In der Obst- und Gemüseabteilung sehe ich Berge von Tomaten, Salaten, Gurken. Alle perfekt normiert, gerade Gurken, runde Tomaten, alles ohne Druckstellen und jeden Makel. Aus Afrika, Asien und auch aus Südamerika kann ich Bananen kaufen, kann wählen, ob ich mit dem „Bio“-Siegel versehenes Obst kaufen will, oder das „Normale“. Das ist Freiheit im Supermarkt, wählen zu können, zwischen all diesen gleichaussehenden Bananen – von allem sind Berge vorhanden.

Während ich sie mir ansehe, einige in die Hand nehme um zu fühlen, wie reif sie sind, fällt mir auf, dass einige bräunlich werden haben. Ich sage es dem Verkäufer (in der Hoffnung einen Rabatt zu bekommen), er schmeißt sie weg. Man will ja nicht, dass es heißt, in dem Laden werde schlechte Ware verkauft.

 

Nachts bin ich wieder bei dem Supermarkt. Die Lichter sind schon lange ausgegangen, weshalb ich eine Taschenlampe mitgenommen habe. Ein Freund ist auch dabei, zusammen wollen wir herausfinden, was aus der Banane geworden ist.

In einer braunen Tonne finden wir sie wieder, zusammen mit all den anderen, die aus irgendwelchen Gründen aussortiert wurden:

Haufenweise Tomaten, die leichte Druckstellen haben

Säcke mit Orangen, von denen eine einzige angefangen hat zu schimmeln, Salatköpfe, bei denen einzelne Blätter bräunlich sind, Gurken, Rettiche, und vor allem: Bananen.

Bananen, für die Regenwäler gerodet wurden, die in riesigen Monokulturplantagen gewachsen sind auf denen Pestizide gesprüht wurden, die auch Menschen vergiften. Bananen, die grün geerntet wurden, damit sie auf dem Transportweg nachreifen und dieses Gelb annehmen, das wir als „reif“ wahrnehmen.

Bananen, die endlich reif sind und braune Flecken entwickeln.

Vielleicht sind Bananen ein verkanntes analytisches Mittel um Widersprüche im wirtschaftlichen System aufzuzeigen:

Bildeten sich in der Planwirtschaft der DDR endlose Schlangen vor den Läden, wenn es denn endlich mal Bananen gab, so landen sie im real existierenden Konsumkapitalismus ohne großes Zucken in den Müll, um Platz für vermeintliche frischere zu machen.

Langweilige Planungsmittel zerstören Existenzen

Im Erdkundeunterricht haben wir mal Bebauungspläne besprochen – es war das langweiligste Thema im langweiligsten Fach, das ich je besucht habe.

Bis ich feststellte, dass unter Besatzung diese Bebauungspläne heißen, dass ein Palästinenser kein Haus bauen darf, ein Siedler an derselben Stelle aber schon.

Wer das Pech hat in Zone C zu leben, hat nicht nur keinen Rechtsschutz vor Siedlerangriffen, ja die illegale Besatzungsmacht ist auch noch dafür zuständig wenn man ein Haus bauen will, oder es erweitern will, oder einfach nur an das Wassernetz angeschlossen werden möchte. Und der Beamte, der einem einen solchen Antrag genehmigen muss, ist oft ein Siedler, der seine arabischen Nachbarn eigentlich gerne los wäre. Aber selbst wenn der zuständige Beamte ein netter Mensch ist, das Problem ist systematisch: Land, das Palästinensern gehört ist von der Zonierung für „landwitschaftliche Nutzung“ ausgewiesen. Dort darf also auch nicht gebaut werden, auch kein Kuhstall. Egal, ob auf dem Land eigentlich Menschen wohnen, oder für die Landwirschaft bestimmte Strukturen gebraucht werden, wie eine Zisterne, oder Unterstände.

Der Plan hat immer recht, und wer trotzdem baut, bekommt eben einen Abrissbefehl.

So können Söhne nicht heiraten, weil sie dazu ein eigenes Haus brauchen, Landwirtschaft wird unrentabel oder unmöglich, Familien werden wiederholt obdachlos gemacht.

Und schließlich ziehen sie weg. In die immer voller werdenden Städte, oder nach Jordanien, das nach Ansicht rechter israelischer Politiker ja sowieso alle Araber hinsollen. Ganz ohne schlechte Presse für Israel, eine stille Vertreibung.

Und wenn ein Stück Land enteignet wurde, ist aus der „landwirtschaftlichen Fläche“ auf einmal ein „Siedlungsgebiet“ geworden, auf dem munter die Reihenhäuser der Siedlungen gebaut werden und sich Siedler darüber beschweren, dass ihr „natürliches Wachstum“ eingeschränkt wird.

Ein ganz langweiliges bürokratisches Planungsmittel eben.

 

Wie man Land konfisziert

Fast hätten wir sie gar nicht bemerkt, die Zettel, die plötzlich auf dem Erdboden herumlagen und erklärten, dass Land auf dem sie lägen, gehöre jetzt dem Staat Israel. Ein israelischer Zivilbeamter hatte sie dorthin gelegt, die Mühe nach einem Besitzer des Landes zu suchen, machte er sich nicht, schließlich gehört es ja angeblich schon dem Staat. Dank Dahers Aufmerksamkeit fanden wir schließlich doch einen und schließlich auch die anderen: Nichtkultivierungsbefehle, die behaupteten große Teile des Weinbergs seien nicht mehr in Benutzung und würden daher enteignet. Der Anwalt der Nassars legte Beschwerde ein und wir hörten nichts mehr von der Angelegenheit.

Diese Geschichte ist alltäglich in Palästina. Fast jede Siedlung ist auf früheren palästinensischen Feldern gebaut, die enteignet wurden. Dazu beruft sich Israel auf ein osmanisches Gesetz, das es erlaubt, Land, das drei Jahre nicht bestellt wurde, zu enteignen. Durch Straßensperren wird es Palästinensern schwer gemacht, an ihr Land zu kommen und ihre Ernte auf die von israelischen Billigprodukten überschwemmten Märkte zu bringen. Dadurch wird es unrentabel, Landwirtschaft zu betreiben. Viele Palästinenser haben Grundstücke, die sie ab und zu pflegen, oder gar keine Zeit für sie haben, da sie ihre Familien durch einen Baujob in einer Siedlung ernähren müssen.So kann Israel als Besatzungsmacht ganz legal langsam Land aus palästinensischem Besitz in jüdischen Grund und Boden verwandeln, auf dem dann Siedlungen gebaut werden. Dies ist aber weiterhin nach dem Völkerrecht illegal.

Um Palästinenser daran zu hindern, ihr Land zu bebauen, arbeiten Armee und Siedlerbewegung auch lose zusammen, denn oft wird gerade Land, dass in der Nähe einer Siedlung liegt „aus Sicherheitsgründen“ gesperrt und dann schließlich enteignet. Oder Siedler greifen Bauern regelmäßig bei ihrer Arbeit an und das Militär greift nicht ein. Siedler zerstören auch regelmäßig Olivenbäume, die Jahre brauchen, um überhaupt Frucht zu tragen und jahrtausendelang leben können.

Es gibt also eine steigernde Eskalation seitens Militär und Siedlern vom Schwermachen der Arbeit über Sachbeschädigung zu Morddrohungen und tatsächlichen Angriffen auf Leib und Leben.

Und, wie in dem zu Beginn geschilderten Fall, muss es auch gar nicht stimmen, dass das Land nicht bearbeitet wurde. Oft wird es einfach behauptet und die besitzer trauen sich nicht, sich zu wehren und zu exponieren, weil sie vielleicht eine Arbeitsgenehmigung in Israel haben, die sie nicht verlieren wollen. Und dann ist das Land eben plötzlich jüdisch.

Wenn Israel Land enteignet, können Palästinenser natürlich Widerspruch einlegen. Die Familie Nassar ist sogar mit ihrem Rechtsstreit mittlerweile beim israelischen Obergerichtshof gelandet.

Aber.

  1. Aber es hat sie bis jetzt über hunderttausend Euro gekostet und sie sind seit zwanzig Jahren vor Gericht. Sie hatten gute Startvoraussetzungen, da sie alle Papiere für ihr Land hatten und das Geld, um Gutachten verfassen zu lassen, etc.
  2. Es wurden ihnen vor Gericht immer wieder Hindernisse in den Weg gelegt, zum Beispiel mussten sie teure Gutachten mehrfach (!) anfertigen lassen. Beim Übergang vom Militärgericht in Ramallah zum obersten Gericht in Israel mussten sie sich einen Anwalt suchen, der in Jerusalem lebt, da ihr Anwalt aus Ramallah keine Genehmigung erhielt, den Checkpoint zu passieren.
  3. Außergerichtliche Hindernisse wie Siedlergewalt und Drohungen, sowie neue Enteignungsbefehle, die separat verhandelt werden müssen.

Es gibt also einen Rechtsweg, aber praktisch gesehen steht er nur sehr wenigen wirklich offen.

Und dazu kommt, Familie Nassar hat ihr Land nach über zwanzig Jahren Rechtsstreit zwar immer noch, aber es ist immer noch keine Entscheidung gefallen, weil die israelischen Gerichte keinen Präzedenzfall schaffen wollen.

Und in all der Zeit ist im Rest des Westjordanlands das Land ärmerer, schlechter organisierterer Menschen, die kein internationales Netzwerk haben, das für sie Petitionen schreibt, enteignet worden.