Wieder zurück

Auf unserer eineindhalbwöchigen Reise habe ich mal wieder das fundamentale Problem eines jeden Abenteurers, der seine eigene Chronik schreibt, bemerkt:

Je mehr man erlebt, desto schwieriger wird es alles aufzuschreiben.

Deshalb werde ich auf einen umfassenden Reisebericht verzichten und stattdessen allen raten, selbst nach Salta zu fahren und dort mindestens eine Woche zu verbringen; die Gegend am Fuß der Anden ist wie eine fleischgewordene steingewordene Naturkundestunde: Wir sahen Erosion und Sedimentation am Werk, fuhren durch atemberaubende Schluchten und gleißend weiße Salzebenen auf 3000 Meter Höhe.

Eigentlich wollten wir ja noch in die Sumpfregion Esteros del Iberá, aber da wir uns auf der Reise sowieso an die wenigsten unserer Pläne hielten blieben wir länger in Salta, um ihre Schönheit zu bewundern.

Am Samstag fuhren wir schließlich zu den Jesuitenreduktionen bei der „Fleischwerdung“ (Encarnación), wo die Gesellschaft Jesu mit den Guaraníindianern hundert Jahre lang einen christlichen Sozialismus lebten – und sie so vor den brasilianischen Sklavenjägern schützten – bis aufgrund von Ränkeschmieden „Gottes Reich am Parana“ seiner Führer beraubt wurde und, da die Jesuiten die Guaraní nicht zur Selbstständigkeit erzogen hatten, das „Heilige Experiment“ unterging.

Es war ein sonderbares Gefühl durch die Ruinen dieser Kommunen zu laufen und zu versuchen in diese Epoche einzutauchen.

Montag nacht kamen wir mit dem Bus wieder zurück und trafen eine Austauschschülerin aus Encarnación, die auf dem Weg nach Deutschland war.

Da eine Freundin aus unserem Haus gerade am Flughafen ankam, fuhren wir spontan mit ihr mit und so saßen wir zu sechst (sie, ihre Gastschwester, ihr bester Freund, der Fahrer, Micky und ich) mit zu viel Gepäck im Taxi – Micky musste immer auf den Kofferraum schauen, ob noch alles drin war.

Gestern fühlte ich mich ziemlich schlecht und ließ mir das Essen nochmal durch den Kopf gehen und hoffe nun bis morgen, Donnerstag, gesund zu sein – ich will ja nicht die Teilnehmer des Weltjugendgipfels mit der Schweinegrippe anstecken. 😉

José de San Martin und sein Patron

In Argentinien findet man in jeder Stadt Denkmal fuer den Unabhaengigkeitskaempfer (oder aus spanischer Perspektive Terrorist) José de San Martin, oder zumindest eine nach ihm benannte Strasse.

Seinen Namenspatron kennt aber niemand: Sankt Martin, roemischer Offizier und dann Kriegsdienstverweigerer, weil er nicht „miles Caesaris“ – „Soldat des Kaisers“, sondern „miles Christi“ – „Soldat Christi“ sein wollte; derselbe, der den Mantel mit dem Obdachlosen teilte und mit dem Kreuz bewaffnet den Germanen entgegenzog, derselbe, dessen wir alljaehrlich mit dem Martinsumzug und den leckeren Martinsmaennchen gedenken, – ihn kennt hier niemand.

Und ihn Deutschland kennen die wenigsten mehr als die Mantelteilungsgeschichte – wenn sie nicht nur kamen, um Laternen zu tragen, Lieder zu singen und Hefemaennchen zu essen.

Gastfreundlichkeit und tanzende Indianer

Freitag mittag fuhren wir schlieslich (bloede nicht deutsche Tastatur!) los und gegen Abend trafen wir unsere Gastgeber in Formosa: Ana und Quito, die sich als alte, lebensfrohe US-Amerikanische Missionare herausstellten, die eigentlich Gretchen (!) und Keith hiesen und uns Unbekannte wie alte Bekannte empfingen.

Beim Abendessen fanden wir heraus, dass wir beide in Gemeinschaften gelebt hatten und, dass ihre Tochter kurz vor Micky einen Freiwilligendienst in der Herberge in Asunción  gemacht hatte – zusammen mit der unseren Neugier ueber ihre Arbeit mit den Indianern (ich bleibe bei der falschen Bezeichnung, denn indigene Bevoelkerung ist einfach umstaendlich und Indio ist wirklich verletzend) hatten wir genug Gespraechsstoff.

Als die anderen – und ich eigentlich auch – schlafen gehen wollten entdeckte ich, dass sie Shane Claibornes Buch „The Irresistible Revolution“ (auf deutsch: Ich muss verrueckt sein so zu leben) hatten und da wir nur zwei Tage dort bleiben wollten hatte ich auch eine Beschaeftigung fuer die Nacht…

Irgendwann ging ich dann doch schlafen und als Micky mich wachruettelte war es Samstag. Wir fruehstueckten und gingen dann auf einen Stadtspaziergang.

Argentinien ist viel sauberer als Paraguay, oder lag es an den Wahlen, die am Sonntag stattfinden sollten?

Am Abend gingen wir zu einem Indianergottesdienst – eine ganz andere Art des Lobpreises: Die ganze Gemeinde tanzte zu den Liedern, die – nicht so indianermaesig – auf Keyboards gespielt wurde. Wenn sie zum Gebet stillstanden dampften ihre Koerper vom Schweiss, waehrend die Temperatur bei 15°C lag.

Es gab noch einen Geburtstag und Micky gruesste die Gemeinde von unsere Gemeinde in Bammental (Gruesse zurueck!) und um Mitternacht, vier Stunden nachdem der Gottesdienst begonnen hatte, beeilten sich die Leute in ihre Haeuser zu kommen.

In Formosa redeten wir noch bis halb zwei und ich las bis halb vier.

Am Sonntagmorgen gibt es in den Wintermonaten keinen Gottesdienst in den Indianergemeinden und weill war Wahl war nirgends sonst; so war wieder Zeit zu reden, ich konnte Shanes Buch fertig lesen und Ana & Quito bei der Wahl einer Digitalkamera beraten.

Zum Mittagessen waren wir bei dem Ehepaar eingeladen, das die Bibeluebersetzung in die Sprache der Toba  ueberwacht – auch wenn sie selbst nur wenige Brocken Toba sprechen. Auch sie hatten in einer Gemeinschaft gelebt und wir hatten wieder einige interessante Fragen zu klaeren: Wie kam man auf den Gottesnamen in Toba? (In der alten Uebersetzung war es einfach „Dios“ – also der „spanische“ Gott; in der Neuauflage wollten sie kein einziges spanisches Wort und nach einigem Hin- und Her entschied man sich fuer „Macher von Allem“) Wie geht das Maerchen vom Dauemling? Wieso haben wir von der Hausgemeinschaft keinen Namen?

Unser Bus ging um fuenf Uhr zehn und so machten wir uns auf zu packen und wurden mit einer herrlichen Imitaiton des indischen Englisch von dem Bibeluebersetzungskoordinator verabschiedet, der seine ersten paar Jahre in Indien gelebt hatte.

Ana und Quito ueberhaeuften uns mit Essen fuer die Busfahrt und schmuggelten sogar noch einige Brote in unsere Taschen,  von denen wir immer noch zehren. Am Busbahnhof verabschiedeten wir uns herzlich von unseren neugewonnen grosselterlichen Freunden, die sich gefuehlt hatten, als waeren ihre Kinder zu Besuch gewesen – wie kann man in zwei Tage eine solche Beziehung aufbauen? Es ist mir unbegreiflich.

Die naechsten sechzehn Stunden fuhren wir durch weite Ebenen nach Salta, La Linda genannt…