Tödliche Halbwahrheiten

Nachdem ich dem Argument, das die HI-Viren kleiner seien, als die Latexporen in den Kondomen und Kondome deshalb nicht vor AIDS schützten, schon zum zweiten Mal gehört hatte und mit einfachem Widerspruch nicht weitergekommen war, beschloß ich, nachzuforschen.

In den Büchern (wie altmodisch, ich weiß) der Schulbibliothek habe ich nichts gefunden, weder einen Durchmesser von der HI-Viren, noch den der angeblichen Poren im Kondom, Wikipedia verriet mir einiges über die Geschichte des Kondoms und versicherte mir „Das Kondom ist das einzige Verhütungsmittel, das nicht nur eine Schwangerschaft, sondern auch eine Ansteckung mit sexuell übertragbaren Krankheiten (beispielsweise HIV, Gonorrhoe und Hepatitis C) weitgehend verhindert.“

Aber es gab mir keine Erklärung, wie das denn zugehen könnte, wenn doch die Poren im Latex größer sind, als die HI-Viren – alle anderen Seiten die ich durchsuchte auch nicht.

Dann schließlich fand ich in einem Forum für Schwule, Lesben und Transsexuelle (ich frequentiere solche Seiten normalerweise nicht, aber Google gab sie als Suchresultat an und ich bin ja nicht homophob) die Antwort, die ich gesucht hatte.

Also kurz zusammengefasst für alle Wissbegierigen und Besorgten:

Ja, HI-Viren sind (um Einiges) kleiner als die Poren in Kondomen. ABER Viren sind außerhalb einer Wirtszelle nicht lebendig, wie euch jeder Biolehrer bestätigen wird. Deshalb werden sie nur in der Körperflüssigkeit – in diesem Fall Sperma, oder Blut – transportiert. Diese kann aber aufgrund ihrer Oberflächenspannung NICHT durch die Poren gelangen.

Also sind Kondome weiterhin die einzigen Verhütungsmittel die auch vor Geschlechtskrankheiten wie Syphillis und AIDS schützen.

QED

Jetzt muss ich das am Montag nur gescheit rüberbringen, damit die Leute mir nach dem ersten Satz, ja, die Poren sind größer als das Virus, noch zuhören.

Aber jetzt zum Titel des Eintrags: Ich hasse diese Halbwahrheiten und Falschinterpretationen von Fakten. Die Poren in den Kondomen sind größer als die HI-Viren? – Oh nein, ich muss alle warnen!!! Aber ein wenig weiter zu denken, das wagt niemand.

Und die Kondomverfechter sind größtenteils auch nicht besser:

Der Papst sagt also die Viren kommen durch die Kondome durch? – Nein, es gibt gar keine Löcher. Wir haben Studien, vertraut uns. Wir können euch hier nicht erklären, wieso das so ist, aber das würdet ihr ja eh nicht verstehen.

Also ich fände mich beim Papst ernster genommen. Der hat mir wenigstens was erklärt. Zwar falsch, aber als nur mäßig wissenschaftlich interessierter Mensch weiß ich das ja nicht, genauso wenig wie der Papst, oder mein Lehrer.

Ich hoffe mit diesem Post den Wissbegierigen einen Dienst erwiesen zu haben, die eine Erklärung haben wollen, statt Vertröstungen.

Es geht anscheinend auch anders

Es war viellecht fies, zuerst den anderen Artikel zu schreiben, aber es entsprach dem zeitlichen Ablauf und war das einprägendere Erlebnis.

Später am Tag hatten wir nochmal mit demselben Lehrer Unterricht, diesmal Biologie, und er hatte zwei Mädchen aus einer anderen Klasse eingeladen uns einen Vortrag über Familienplanung zu halten, der mich völlig überraschte: Klare Ausführungen, ohne Scheu den Penis und die Vagina beim Namen zu nennen, ohne moralischen Zeigefinger und doch mit Zusatzinformationen wie: die Kirche ist gegen diese Methode, weil es nicht die Vereinigung von Sperma und Eizelle verhindert, sondern die Einnistung der befruchteten Eizelle.

Es war ein für europäische Verhältnisse einwandfreier Vortrag über die gängigsten Verhütungsmethoden.

Nur diese Lüge, dass die HI-Viren durch die Löcher im Kondom kommen würden wurde auch hier verbreitet – und ich war der Dumme, weil es ja „wissenschaftlich erwiesen ist, dass Kondome nicht vor AIDS schützen“. Dass ich mir so was anhören muss; aus dem Mund eines Mädchens, dass sich einen Dreck um wissenschaftliche Erkenntnisse zu gesunder Ernährung kümmert.

Auf meine Rückfrage wer das sage, schüttelte sie den Kopf vor soviel Unwissen: Alle wissen das.

aus der Luft gegriffene Meinungen unterrichten?!

Ich habe ja schon oft Verschwörungstheorien gehört, aber nie aus dem Mund eines Lehrers.
Kurze Zusammenfassung:    Wir haben im Unterricht gerade Sexualkunde – was auf einer christlichen Schule per se sehr interessant ist. Nachdem wir uns über die Verhütungsmethoden kundig gemacht hatten, entwickelte sich eine Diskussion über das (als ob es nur eine gäbe!) beste Verhütungsmittel. Der Lehrer, den ihr übrigens schon von dem Quecksilbervorfall kennt, sagte er und seine Frau benutzten nur die Kalendermethode, aber niemals Kondome. „Und warum nicht?“, fragte ich, auf eine evangelikale Antwort gefasst, aber er stellte mir eine Gegenfrage.
– „Weißt du woher AIDS kommt?“
„Ja, es war eine Krankheit unter Affen in Afrika, die sich irgendwie auf die Menschen ausgeweitet hat.“
– „Nein, es war eine Krankheit unter Homosexuellen in USA und als es bekannt wurde, hat man es dort erforscht, in Kondome gepackt und nach Afrika exportiert, um die Bevölkerungszahlen zu kontrollieren.“

Wer mich kennt, kann sich meine Wut annäherungsweise vorstellen. Bevor ich richtig loslegen konnte, unterbrach er mich und sage, dass sei seine Meinung.
Seine Meinung?!?! Er hatte das schon öfter als Argument benutzt und ich hatte ihm nie erklärt, dass das keines sei, weswegen es jetzt noch stärker aus mir hervorbrach: „Sie können nicht ihre Meinung unterrichten, sondern Fakten. Wenn man unbedingt diskutieren will, kann man sich nach den Fakten eine Meinung bilden und über diese diskutieren!“
Was er mit der Aussage ablehnte, Fakten kämen aus Studien, die durch Meinungen geprägt würden (was allzu oft stimmt, hier aber nicht!). Dann wurde er noch pseudo-philosophisch und sagte, man müsse (vor den Fakten) kritisieren und, dass deswegen die Philosophie gut sei (?!).
Ich begann mein Plädoyer für Kondome, und erklärte, es sei (nach Enthaltsamkeit) das beste Mittel gegen ungewollte Schwangerschaft und AIDS und habe eine fast 100%ige Sicherheit, wenn man es richtig benutzt.
„Aha, ein Kondom kann also kaputtgehen, man muss es richtig benutzen und Enthaltsamkeit ist besser“, folgerten plötzlich einige Mädchen. „Ja zu eins, richtig benutzen kann man lernen und zu drei, wer von euch wird schon enthaltsam sein?!“ Falsche Frage. Ich bin in einer christlichen Schule. Die meisten sind evangelikal oder in soweit katholisch, dass sie wissen, dass Verhütung schlecht ist.
Also habe ich jetzt alle gegen mich. „Ich werde enthaltsam sein“, erklärt mir eine Freundin. „Das finde ich toll, aber die meisten anderen nicht“, antworte ich. „Die HI-Viren sind so klein, dass sie durch die Poren im Kondom kommen. Frag die Profesora Mercedes, die hat darüber geforscht!“, sagt ein Klassenkamerad. Dass das eine Lüge ist, scheint nicht auf fruchtbaren Boden zu fallen. Der Lehrer „erklärt“ „In  Europa sind die Leute halt so. Eine Schülerin von hier war in Spanien auf einem Kongress, wo sie sich mit Name, Heimatland und „Ich bin noch Jungfrau“ vorgestellt hat – und alle haben sie ausgelacht!“ Als ich daraufhin dasselbe machte, lachte mich zwar auch jeder aus, aber den Sinn dahinter bekommt niemand mit.
Ich versuchte das Thema wieder auf Kondome zurück zu führen und klarzumachen, dass man sich durch Kondome vor AIDS schützt und es nicht dadurch kriegt, aber der Lehrer unterbrach mich jedes Mal mit Anekdoten wie, dass die Mennofrauen im Chaco früher an ihren fruchtbaren Tagen Zöpfe, und an den unfruchtbaren offenes Haar getragen hätten, um den Männern zu zeigen wann sie könnten – was sehr unrealistisch ist, da die Kalendermethode Aufklärung und Kenntnis des eigenen Körpers erfordert, wofür Mennos vor 50 Jahren nicht wirklich das Musterbeispiel waren -, oder, dass die Türken Tierdärme als Kondome nutzten, seiner Meinung nach besser – in Wirklichkeit hält das gar nichts auf! – oder, dass USA nur so mächtig sei, weil sie sich Geld von Israel geliehen hätte – und bei anderer Gelegenheit „die Deutschen“ als antisemitisch bezeichnen!!!
Jede einzelne dieser Geschichten begann mit der Frage an mich, ob ich wüsste, wie das und das passiert sei. Nachdem ich verzweifelt versuchte die Ablenkung zu ignorieren, sage ich „Nein, weiß ich nicht“, oder gebe eine kurze Erklärung, die er verwirft und allen die offensichtliche Wahrheit erklärt. Ich bin der unwissende Deutsche, der einfach nur meckert, und er der weise, alte Mann.
Schließlich wurde ich von Schülern gefragt, warum ich seine Meinung nicht stehen lassen könne und meine Meinung allen aufdrücken wolle. Es geht hier doch nicht darum, welche Eissorte die beste ist! Das habe ich leider nicht gesagt, stattdessen versuchte ich zu erklären, dass 1. ein Lehrer nicht seine Meinung unterrichten soll, 2. das keine Meinung sei, sondern eine Falschaussage, da wissenschaftlich klar erwiesen ist, dass HIV von einer Affenkrankheit aus Afrika abstammt und Kondome nach Enthaltsamkeit am besten davor schützen!
Daraufhin sagte meine beste Freundin hier: „Vielleicht habt ihr deshalb so viele Kriege.“ Ich war erst mal sprachlos. Dann bat ich sie um eine Erklärung. „Na ja, ihr könnt die Meinung von anderen nicht akzeptieren.“
„Verdammt, ich liebe und respektiere ihn doch! Nur seine Meinung nicht!“

Als die Stunde vorbei war, ging ich noch zum Lehrer hin, gab ihm die Hand und wünschte uns beiden Gottes Weisheit. Dann fiel mir in der Freistunde ein, dass der HI-Virus ohne Wirt nicht lange überleben kann, wodurch die ganze Virus-in-Kondome-packen-und nach-Afrika-schicken-Theorie in sich zusammenfällt. Dieses Wissen teilte ich meinen Klassenkameraden mit, die mich genervt anschauten, aber immerhin konnte ich einige überzeugen sich wenigstens selbst eine Meinung zu bilden, indem sie im Internet nachforschen, was immer noch besser als die Indokrination des Lehrers ist.
Als ich dann dem Lehrer den Untergang seines Schwachsinns verkündete, wusste er nicht um die kurze Lebensdauer des Virus außerhalb des Körpers, also sagte er, dass sei meine Meinung und es sei schön, dass ich diese Meinung habe und es mache ihm Spaß mit mir zu diskutieren.
Ich bin ihm nicht ins Gesicht gesprungen, was ich immer noch für eine große Leistung halte. Nimm mich als Gegenüber wahr, du … Kind Gottes!
Es fällt mir echt schwer ihn zu lieben…

Nachtrag 1: Als ich gerade alles in mein Notizbuch geschrieben hatte, zur Aufbewahrung des ersten Eindrucks, traf ich die Vertrauenslehrerin (es ist nicht wirklich diese Position, aber sie kümmert sich um die Probleme der Schüler untereinander und mit Lehrern). Sie fragte mich, was in Biologie passiert sei, worauf ich den Verlauf der Diskussion so gut ich konnte zu schildern. Sie schickte mich zurück in meine Klasse und kurz darauf holte sie mich nochmal ab, ich musste der Schulleiterin auf deutsch die Geschichte erzählen, die sie dann für die Lehrerin übersetzte. Am Ende bestärkten mich beide in meinem Handeln, baten mich so weiter zu machen, erklärten, dass fehle der paraguayischen Kultur (finde ich auch!) und die Lehrerin, die auch meine Religionslehrerin ist, sagte sie werde mich vermissen, weil ich immer kontra gäbe! Man muss vielleicht dazu sagen, dass es beides Argentinierinnen sind.
Ich bin sehr glücklich über das Gespräch, weil es mich zum Einen bestärkt hat, zum Anderen hat es mich von der Frage, ob ich das der Schulleiterin erzählen soll erlöst, ich konnte ja gar nicht anders!

Nachtrag 2: Robert hat mir gerade gesagt, dass es ein Riesenerfolg ist, dass sich die Direktorin und die Lehrerin auf meine Seite geschlagen haben, weil es in Paraguay üblich wäre, mich wegen Respektlosigkeit zu tadeln und den Lehrer zu verteidigen, selbst wenn man meiner Ansicht wäre und der Lehrer später zurechtgewiesen würde.