Mennos in zwei Sätzen

Wenn ich mir den Namen hätte aussuchen können, hießen wir Willemsiten

Ich lese gerade den aktuellen Rundbrief des Juwe, des Jugendwerks der Süddeutschen MennonitInnen und stoße auf eine herausfordernde Frage von der Kinderreferentin Gerda Landes:

Wie würdest du einem Schulkind in 1-2 Sätzen erklären,
wer wir Mennos sind? Was können wir unseren
Kindern mit auf den Weg geben, wenn sie in
der Schule gefragt werden: „Menno… was?“

Mennos erklären!
Und dann auch nur in einem bis zwei Sätzen!
Und für Schulkinder!

Wie kann man denn Mennos, bei denen jede Gemeinde vollständige Lehrautonomie hat und keine Leitung, wie z.B. Bischöfe anerkennt, und keine Bekenntnisse, definieren?!
Wo doch noch nicht mal dass mit den keinen Bischöfen stimmt, weil manche dann doch welche haben!

Geschichte, der wir uns verpflichtet fühlen, bindet uns zusammen (mit allen guten und schlechten Folgen), genauso wie die daraus abgeleiteten Prinzipien von hermeneutischer Gemeinschaft, Feindesliebe und Glaubenstaufe (um mal drei herauszunehmen).
Aber was, die dann bedeuten ist ja wieder umstritten.
Und auch der Streit bindet uns zusammen.

Die, mit denen man noch streitet, sind einem nicht egal.

Aber das sind mehr als zwei Sätze und auch nicht unbedingt kindgerecht.

Es liegt wohl auch an meinem „Sitz im Leben“:
Ich werde dauernd gefragt, was Mennos sind – von Theologiestudierenden, von denen man eigentlich mehr erwarten könnte. Denen gegenüber verweigere ich eine so kurze Antwort, aber für Schulkindern ist mein üblicher Vortrag wohl ein bisschen zu viel.

Wenn ich versuche, es zu mich so kurz zu fassen, gibt es zwei Versuchungen:

  • Auszuweichen und zu sagen, dass eigentlich alle Christen doch das Gleiche glauben.
    (was ja auch stimmt, nur muss man dann erklären, warum wir trotzdem Mennos sind und nicht einfach Christen.
  • Oder man wird polemisch und sagt etwas, dass man in Anwesenheit von Geschwistern aus anderen Konfessionen nicht sagen würde
    (Und manchmal geht es mir auch so, dass ich Mennonit bin, weil ich nicht zu einer der großen Kirchen gehöre und die anderen Freikirchen auch nicht leiden kann
    – besonders am Reformationstag)..

Diesen Versuchungen will ich ausweichen und in ökumenischer Verbundenheit und doch auf die Unterschiede eingehend in kindgerecht erklären, was für mich mennonitisch Sein ausmacht.

Also ich versuch’s. Zwei Sätze:

Mennos sind Menschen, die zusammen mit anderen versuchen, wie Jesus Menschen zu lieben, weil Gott sie zuerst geliebt hat.
Sie heißen Mennos nach Menno Simons, der vor etwas weniger als 500 Jahren mit vielen anderen gesagt hat, dass Jesus Menschen lieben auch ohne Gewalt geht und man sich freiwillig dafür entscheiden darf und nicht als Baby getauft werden soll.

Zwei lange Sätze mit zu vielen Nebensätzen.

Aber es sind zwei Sätze.

Der dritte Satz wäre:
Andere haben sie so genannt und irgendwann haben sie es dann angenommen – wie ein Schimpfname, der zum Spitznamen wird, weil du dich nicht entwürdigen lässt.

Wenn mehr Interesse besteht, würde ich den Kindern Geschichten von Menno und anderen Täuferinnen und Täufern erzählen.
Zum Beispiel aus Cornelia Lehnes tollem Buch „Friede sei mit euch!“

Predigt über Wunder, Kreuz und Festung Europa

(Diese Predigt habe ich am 19.10. in der Mennonitengemeinde Bammental gehalten)

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus sei mit uns allen.

Ich lese aus dem Evangelium des Markus Kapitel 4, Verse 35-41

Und am Abend desselben Tages sprach er zu ihnen: Lasst uns hinüberfahren. Und sie ließen das Volk gehen und nahmen ihn mit, wie er im Boot war, und es waren noch andere Boote bei ihm. Und es erhob sich ein großer Windwirbel und die Wellen schlugen in das Boot, sodass das Boot schon voll wurde. Und er war hinten im Boot und schlief auf einem Kissen. Und sie weckten ihn auf und sprachen zu ihm: Meister, fragst du nichts danach, dass wir umkommen? Und er stand auf und bedrohte den Wind und sprach zu dem Meer: Schweig und verstumme! Und der Wind legte sich und es entstand eine große Stille.
Und er sprach zu ihnen: Was seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben?

Sie aber fürchteten sich sehr und sprachen untereinander: Wer ist der? Auch Wind und Meer sind ihm gehorsam!

Dieser Text ist mir sehr vertraut durch Kindergottesdienst, Freizeiten und zahlreiche Predigten in dieser Gemeinde. Wenn ich den Text lese, lese ich die Auslegungen, die ich über die Jahre gehört habe, immer schon mit und es wird schwierig, den Text selbst sprechen zu lassen.

Es wird auch schwierig, meine Situation, die Situation unserer Gemeinde und die Lage der Welt sprechen zu lassen und die beiden, den uralten Text und unsere Wirklichkeit heute miteinander ins Gespräch zu bringen. Aber genau das soll ja eine Predigt sein: Gottes Wort in unsere Wirklichkeit hinein.

Gott spricht immer wieder neu in unsere Wirklichkeit hinein. Dies geschieht auf viele Arten, unter anderem auch durch uns vertraute biblischen Texte, die auf einmal ganz neu und fremd erscheinen.

Ich habe heute noch eine zweite Geschichte mitgebracht, die ich neben den vertrauten biblischen Text stellen will.
Der Text ist von Efi Latsoudi, einer Griechin, die auf Lesbos das offene Willkommenszentrum von Pikpa mehr oder weniger leitet. Pikpa ist der Hauptpartner des CPT-Projekt auf Lesbos während des letzten Sommers.

Wir wurden über eine Rettungsoperation am Strand von Kydonie informiert. Eine 38-jährige Frau wurde vermisst. In dieser Region gibt es sehr starke Winde. Die Küstenwache schickt keine Boote, sondern sucht das Gebiet nur mit einem Helikopter ab.

Gegen Mittag kommen 25 Afghanische Flüchtlinge nach Pikpa, die mit zwei Schlauchboote angekommen am frühen Morgen waren.
Die starken Winde und die Wellen können die Schmuggler nicht aufhalten, und auch nicht die Menschen, die versuchen vor dem Krieg zu fliehen.
Unter den Überlebenden des ersten Bootes ist ein 5-jähriges Mädchen mit ihrem Onkel – ihre Mutter ist die vermisste Frau. Das Kind kann in Pikpa ausruhen, obwohl das Lager wieder mal zu voll ist. Gestern kamen mehr als 150 Menschen an. Es gibt keine freien Betten mehr, aber die Familien, die sich um das kleine Mädchen kümmern, haben ihr eines ihrer eigenen Betten gegeben.
Wir informieren die Doctors of the World beim offiziellen Lager in Moria über den tragischen Vorfall und auch das internationale rote Kreuz. Der Vater des Kindes und seine Schwester sind schon in Belgien und wenn sie nach Moria gebracht wird, können sie miteinander telephonieren.
Leider haben die Behörden es den Doctors of the World verboten, im offenen Lager in Pikpa medzinische Dienste anzubieten. Sie dürfen nur in Moria, dass wie ein Gefängnis aussieht, arbeiten.
Das Mädchen hat ihre Mutter zweimal nach ihr rufen hören, und dann nicht mehr.
Wir können durchsetzen, dass das Mädchen als Opfer eines Schiffbruchs nicht nach Moria gebracht wird, sondern in Pikpa bleiben darf und hier ihre Papiere erhält.
Alle in Pikpa sind schockiert. Die Überlebenden beschreiben, wie das Boot eine halbe Stunde nachdem sie die türkische Küste verlassen hatten (kurz nach Mitternacht) aufgrund der hohen Wellen umkippte mit circa 13 Leuten an Bord. Der Onkel des Mädchens zusammen mit einem anderen Mann schaffte es, sie zu retten. Aber ihre Mutter war von den Wellen schon abgetrieben worden. Dann schafften es einige Männer, das Boot wieder zu drehen und die zwölf Verbliebenen schafften es wieder in das kleine Schlauchboot hinein.
Nach vielen Stunden hatten die starken Wellen sie zum Strand von Kydonies auf Lesbos getrieben. Dort wurden sie von den Küstenwache aufgegriffen und meldeten die vermisste Frau, was zu der anfangs beschriebenen Suchoperation führte.

In Pikpa haben wir solche Tragödien schon viel zu oft erlebt. Alle sind wir von unserer Trauer und Ohnmacht erschöpft.

Am späten Nachmittag aber erhalten wir unerwartete Neuigkeiten. In der Gegend von Xambelia wurde eine Frau aufgegriffen, die alleine und verwirrt herumlief. Sie wurde ins Krankenhaus gebracht, wo unser Übersetzer sie sofort aufsuchte. Die Frau war unter Schock. Sie war überzeugt, die einzige Überlebende zu sein, und das ihre Tochter und alle anderen ertrunken waren. Sie selbst hatte 18 Stunden lang gegen die Wellen gekämpft. Sie hatte nur eine mittelmäßige Rettungsweste, die sich mit der Zeit mit Wasser vollsaugte und begann, sie nach unten zu ziehen. Sie konnte nicht gut schwimmen und hatte Angst vor dem Meer.
Als sie schließlich von Wind und Wellen an die Küste von Lesbos getrieben wurde, fand sie eine orangene Rettungsweste und war überzeugt, dass sie ihrer Tochter gehört. Sie schrie vor Verzweiflung und stolperte mit letzter Kraft zum nächsten Haus.

Als unser Übersetzer ihr vorsichtig versuchte zu erklären, dass ihre Tochter noch am Leben sei und auf sie in Pikpa wartete, weigerte sie sich, ihm zu glauben. Erst nach einer langen Zeit konnte sie sich beruhigen und ihr Kind treffen. Der Moment ihres Wiedersehens ist unbeschreiblich.
Ein wahres Geschenk des Lebens.
Das Krankenhaus in Mytilene hat der Frau sehr geholfen. Sie behielten sie noch einen Tag im Krankenhaus um ihre körperliche und psychische Gesundheit zu überprüfen.
In Pikpa kann sie sich nun erholen und die Arbeit für die Familienzusammenführung mit ihrem Mann und ihrer ältesten Tochter in Belgien beginnt.

Wir haben ein echtes Wunder erlebt nach so vielen Toten.

Aber dennoch sind wir wütend. Das Leben von Flüchtlingen sollten nicht von Wundern abhängen. Eine Frau, die mit ihrem kleinen Kind vor dem Krieg flieht und deren Familie bereits in Belgien lebt, sollte niemals ihr Leben bei so einer gefährlichen Bootsfahrt riskieren müssen.
Das tödliche Grenzregime muss sich sofort ändern.

Unsere Küste muss eine Küste des Lebens und nicht des Todes sein.

Zwei Geschichten von Menschen, die ein anderes Ufer erreichen wollen und vom Sturm in Lebensgefahr gebracht werden und doch überleben.
Zweimal beschreiben die Menschen, dies als ein Wunder.
Sonst gibt es nicht so viele Ähnlichkeiten zwischen den Geschichten, es liegen ja auch knapp zweitausend Jahre dazwischen. Aber das ist gut, denn eine Unterhaltung zwischen zwei ganz gleichen Menschen ist ja auch langweilig.

Der biblische Text ist sehr viel kürzer als die Geschichte aus Lesbos. Hinter den knappen biblischen Sätzen verbergen sich oft die Gefühle und Gedanken der Hauptfiguren und wir müssen sie selbst füllen. Lesen wir doch die Geschichte zusammen.
Die Furcht der Jünger bekommt Gestalt, wenn ich sie mit den Geschichten der Flüchtlinge lese.

Wie die Flüchtlinge überqueren sie eine Grenze. Sie wird zwar nicht bewacht wie die europäische Außengrenze, aber sie kommen in ein anderes Land. Und wenn man an die Auseinandersetzungen mit den Pharisäern und Autoritäten denkt, könnte man auch behaupten, dass sie fliehen, um sich nicht einer Verfolgung auszusetzen.
Manche von ihnen sind Fischer und sie alle kommen aus der Gegend um den See Genezareth, aber das heißt nicht, dass alle von ihnen schon mal auf einem Boot waren, geschweige denn in einem Sturm. Vielleicht können sie nicht mal schwimmen?
Vielleicht hat einer schon Verwandte durch so einen Sturm verloren und wird nun daran erinnert. Viele Flüchtlinge haben schon Verwandte verloren, und wagen trotzdem diese Überfahrten, weil es keinen anderen Weg nach Europa gibt.
In dem Bericht hatte die Frau einen Ehemann und ein Kind in Belgien und konnte trotzdem nicht auf eine erfolgreiche Familienzusammenführung von außerhalb der Europäischen Union hoffen.
Man kann diese Anträge zwar stellen, aber sie konnte sich nicht darauf verlassen und riskierte lieber ihr eigenes und das Leben ihrer Tochter.

Was tun, wenn der Sturm aufkommt und das Boot sich mit Wasser füllt?

Warum schläft Jesus eigentlich?
Ist er so ruhig und tiefenentspannt wie ihn meine Kinderbibel gezeichnet hat, oder ist er einfach erschöpft von der Masse, die ihn auf der einen Seite des Sees bedrängt hat und immer noch eine Geschichte über dieses geheimnisvolle Reich Gottes hören wollte und von der Spannung, die sich jetzt schon aufbaut und von der er ahnt, wie sie sich in Jerusalem an ihm entladen wird?

Die Jünger wecken ihn schließlich auf und er rettet sie, indem er den Sturm und die Wellen bedroht. Und sie gehorchen! Die Autorität, die ihm gegeben ist, macht den Jüngern Angst „sie fürchteten sich mit großer Furcht“. Macht es uns noch Angst, oder haben wir uns schon so an die Geschichten gewöhnt? Und nehmen wir noch Ernst, dass wir der Leib Christi sind und größere Taten tun sollen?

Die Flüchtlinge hatten keinen Jesus im Boot, der mal eben den Sturm anblafft und ihn zum Schweigen bringt. Zusammen konnten sie das Boot wieder umdrehen und sich retten, aber ein Wundermann hat ihnen dabei nicht geholfen.

In unserer Geschichte schläft Jesus als Leib Christus, als die weltweite Kirche, immer noch.
Ich bete, dass wir langsam aufwachen und den Ruf hören, der uns von den Flüchtlingen entgegenkommt: „Kümmert es dich nicht, dass wir umkommen?“
Werden wir dann den Mut haben, das Grenzregime zu bedrohen und zur Umkehr zu rufen, damit die Küstenwache und FRONTEX zu Menschenfischern statt Grenzschützern werden kann?

Und doch ist auch das ein Wunder.

Was ist eigentlich ein Wunder?
Etwas ungewöhnliches, vollkommen gegen unsere Erwartungen gehendes, dass sogar die Naturgesetze bricht?

Das kann dazu gehören, ist aber nicht das eigentliche Wesen eines Wunders.

Im Markusevangelium tut Jesus viele Wunder, er treibt Dämonen aus, wie in der Geschichte nach unserem Text, heilt Kranke, Blinde und Lahme und vermehrt Brot. Oder er geht auf dem Wasser oder beruhigt den Sturm.

Geht es dabei um das Brechen von Naturgesetzen?
Nein, denn die Überzeugung, die Natur sei durch unveränderliche Naturgesetze geregelt setzt sich erst sehr viel später mit dem Aufkommen der modernen Physik durch.

Geht es vielleicht um das Spektakel, dass Menschen von Jesu Identität überzeugen soll? Dann hätte sich Jesus bei der Versuchung auch vom Tempel stürzen können, wie Satan, immer noch einer der besten PR-Manager, es ihm vorgeschlagen hat.

Nein, die Wunder sind ein Zeichen für das Reich Gottes, das Jesus verkündigt und dass in seiner Gegenwart schon da ist. In ihnen bricht sich Gottes Traum für diese Welt bahn und verändert unsere Wirklichkeit. Da können Niedergedrückte wieder aufrecht stehen, Menschen werden die Augen geöffnet und Tote stehen wieder auf.
Und in diesem Sinne war auch das Überleben der Frau ein Wunder, aus dem einfachen Grund, weil im Reich Gottes keine Flüchtlinge ertrinken.

Warum verbietet Jesus dann denen, die er heilt darüber zu reden? Sie machen es dann zwar meistens trotzdem, aber was will er bezwecken?

Jesus weiß, wohin sein Weg ihn führen wird. Er weiß, er wird am Kreuz enden.
Am Kreuz scheitert Jesus an den rebellischen Mächten dieser Welt, die weiter auf Sicherheit und Abgrenzung setzen, um sich am Leben zu erhalten und dafür Menschen opfern. Zum Beispiel durch todbringende Abriegelung der Grenzen.
Diese Mächte unterdrücken Menschen und wer sie darauf hinweist, dass das nicht Gottes Willen entspricht wird ignoriert und als Naivling lächerlich gemacht. Und wer in seinem Protest lauter wird, für die kann es schnell ungemütlich werden. Wie auch Jesus letztlich am Kreuz endete.
Das weiß er und fordert uns auf, unser Kreuz auf uns zu nehmen und ihm nachzufolgen. Unser Kreuz auf uns nehmen, heißt wie Jesus sich in Solidarität mit den Anderen, die in der Gemeinschaft nicht willkommen sind zu begeben.

So schön die Wunder sind, verstehen können wir sie nur mit dem Kreuz unserer Wirklichkeit.  Nur dann werden sie zu Geschichten von Auferstehung aus den Toten, ohne die Kreuzesnachfolge werden sie zu Traumwelten.

Was heißt Kreuzesnachfolge für unsere Situation?

Es gäbe vieles zu sagen, ich will nur einen Aspekt herausgreifen. Wenn wir uns auf die Anderen, die kommen, einlassen, dann werden sich Dinge ändern und das wird Probleme hervorrufen. Probleme mit Menschen und Institutionen, denen unsere Gastfreundschaft nicht gefällt, weil sie nicht wollen, dass „die“ hier Heimat finden.
Aber auch Probleme in unserer Gemeinde, wenn Andere auf einmal verlangen, hier Raum einzunehmen und Sachen anders zu machen.
Vielleicht würde es Beziehungen, die aufgebaut wurden zerstören.

All das ist Teil des Wagnisses der Kreuzesnachfolge, aber nur wer sich darauf einlässt sieht und versteht die Wunder, heute noch geschehen.

Zum Abschluss will ich aus Epheser 5,14-20 lesen (der eigentlich vorgeschlagene Text):

Darum heißt es: „Wache auf, der du schläfst, und stehe auf von den Toten, so wird dich Christus erleuchten.“

So sehet nun zu, wie ihr vorsichtig wandelt, nicht als die Unweisen, sondern als die Weisen, und kaufet die Zeit aus; denn es ist böse Zeit. Darum werdet nicht unverständig, sondern verständig, was da sei des HERRN Wille. Und saufet euch nicht voll Wein, daraus ein unordentlich Wesen folgt, sondern werdet voll Geistes: redet untereinander in Psalmen und Lobgesängen und geistlichen Liedern, singet und spielet dem HERRN in eurem Herzen und saget Dank allezeit für alles Gott und dem Vater in dem Namen unsers HERRN Jesu Christi, und seid untereinander untertan in der Furcht Gottes. (Eph.5,14-20)

Lasst uns aufwachen, das Grenzregime anblaffen, und in unserer Gemeinde Menschen, die eine Heimat suchen Platz geben und ein Zeichen des Reiches Gottes sein. Wohlwissend, in welche Schwierigkeiten uns das bringen wird.

Amen.

Fliegende Hunde

In Pikpa leben nicht nur Flüchtlinge, eine Aktivistin vom „Dorf Aller Gemeinsam“, die sich auch im lokalen Tierschutzverein engagiert, hat zeitweise auch ein paar herrenlose Hunde dort aufgenommen. Auf Lesbos gibt es überall streunende Hunde und Katzen, die den ganzen Tag nur in der Sonne liegen. In Pikpa liegen die Hunde auch nur rum und stehen gelegentlich auf, um sich zehn Meter weiter wieder hinzulegen.

Im Großen und GanzEin Selfie mit einem der Hunde in Pikpa, der einem Hund bei Zelt der Völker sehr ähnlich sieht.en versteht man sich, aber manchmal führt dieses Zusammenleben auch zu Konflikten, weil Hunde manchen Muslimen als unreine Tiere und nicht als Haustiere gelten.

Wie für die Flüchtlinge war der Aufenthalt in Pikpa für die Hunde nur übergangsweise geplant und die Aktivistin suchte nach neuen Frauchen oder Herrchen für sie.

An meinem letzten Tag erzählte mir dann jemand, die Hunde würden jetzt von einer Organisation nach Deutschland gebracht, weil sie dort jemand aufnehmen möchte.

Als ich das hörte, musste ich lachen.

Ich sitze in einem Flüchtlingslager, umgeben von Menschen, die alle nach Deutschland wollen aber nicht dürfen, und die Hunde werden jetzt nach Deutschland geflogen. Einer schlug vor, sich als Hund zu verkleiden und regelmäßig mit einem Deutschen spazieren zu gehen und auch Stöcke zu apportieren, wenn er dafür in Deutschland wohnen dürfte und Kost und Logis bekäme. Ein anderer fragte, ob er, wenn die Hunde in Deutschland wären, einen Antrag auf Familienzusammenführung stellen könnte. Schließlich hätte er sich hier um sie gekümmert und sei quasi ihr Herrchen geworden.

Ich finde Tierrechte wichtig, aber es steht schlecht um Menschenrechte, wenn Tiere besser versorgt werden als Menschen. Wahrscheinlich haben die meisten Flüchtlinge einfach nicht groß genuge Kulleraugen.

Diese Geschichte erinnert mich an die Geschichte, von Jesus und der Syrophönizierin:

Und er [Jesus] stand auf und ging von dort in das Gebiet von Tyrus. Und er ging in ein Haus und wollte es niemanden wissen lassen und konnte doch nicht verborgen bleiben, sondern alsbald hörte eine Frau von ihm, deren Töchterlein einen unreinen Geist hatte. Und sie kam und fiel nieder zu seinen Füßen – die Frau war aber eine Griechin aus Syrophönizien – und bat ihn, dass er den bösen Geist von ihrer Tochter austreibe.

Jesus aber sprach zu ihr: Lass zuvor die Kinder satt werden; es ist nicht recht, dass man den Kindern das Brot wegnehme und werfe es vor die Hunde.

Sie antwortete aber und sprach zu ihm: Ja, Herr; aber doch fressen die Hunde unter dem Tisch von den Krümeln der Kinder. Und er sprach zu ihr: Um dieses Wortes willen geh hin, der böse Geist ist von deiner Tochter ausgefahren. Und sie ging hin in ihr Haus und fand das Kind auf dem Bett liegen, und der böse Geist war ausgefahren.

Markus 7,24-30

In dieser Geschichte geht es nicht um Tierrechte, (ein Konzept, mit dem im ersten Jahrhundert niemand etwas anfangen hätte können) sondern gerade darum, dass Tiere in der Sicht der Gesellschaft unter Menschen stehen. Aber parallel ist die Identifizierung der „Unerwünschten“ mit den Hunden, die von diesen selbst übernommen wird, dabei aber geschickt verändert wird.
Ging es zuvor darum, anhand der allgemein akzeptierten Hierarchie von Tieren und Menschen eine Hierarchie von Menschen untereinander zu begründen, wird in der Annahme des Bildes der Wert darauf gelegt, dass die Bedürfnisse Aller Kreaturen gedeckt werden – selbst wenn sie als unerwünscht gelten.

Darum muss es gehen, dass dDieser Hund flog mit mir von Thessaloniki nach Stuttgart. Ich glaube nicht, dass dieser Transport wirklich artgerecht war.ie Bedürfnisse Aller Kreaturen gedeckt werden und wir einander als Chance begreifen nicht als Problem, dass es zu lösen gilt.
Dazu wäre es sinnvoll, wenn die Organisation, die die Hunde nach Deutschland bringt, auch für ein paar Flüchtlinge dasselbe möglich macht.

Das Gefährliche an der CPT-Arbeit

Bevor ich nach Griechenland geflogen bin, haben mir verschiedene Leute gesagt, dass sie sich „sowas nie trauen würden“, „ich ganz schön mutig sei“, oder „ein Held“.

Diese Reaktion fand ich immer sehr seltsam und sie wollte eine sehr gute Antwort schreiben, damit ich nicht am Ende wieder als Held und auch noch demütig da stehen würde.

Ich hatte ein paar Punkte warum die Arbeit mit Christian Peacemaker Teams nichts für Helden sei (besonders in Griechenland):

  • Wir setzen uns hier gegen unmenschliche Gesetze und Praktiken, unter anderem auch Polizeigewalt ein, aber deswegen werde ich nicht von der Polizei verprügelt. Die ganze Idee ist ja, als internationale Präsenz Gewalt zu reduzieren.
    (In Palästina haben Siedler und Soldaten auch schon internationale Menschenrechtsbeobachter angegriffen und natürlich könnte das auch hier passieren, aber wir begeben uns hier gar nicht in solche Situationen hinein.)
  • Ich gehe in einer Woche wieder und kann diese Situation dann hinter mir lassen. Natürlich nehme ich Erfahrungen mit und will mich auch zuhause engagieren, aber wenn es hier HeldInnen gibt, dann sind es z.B. die Leute vom Dorf Aller Gemeinsam,  oder die Flüchtlinge, die alle nicht aus dieser Situation herauskommen und trotzdem weitermachen.
  • Das Wetter hier ist großartig.
    Wenn es Helden bei CPT gibt, dann die, die in Kanada arbeiten.

Das waren meine Punkte und ich dachte, dass ich damit gut zeigen könnte, dass ich hier in dieser Arbeit kein Held bin, auch wenn es wichtige Arbeit ist.

Aber ich lag falsch, es ist sehr gefährlich hier zu arbeiten und ich bin wohl doch ein Held.
Gestern Abend habe ich mir auf dem Heimweg von einer Kneipe den Knöchel verstaucht, war heute im Krankenhaus und jetzt habe ich einen dicken Gips am Fuß.

Zum Glück kann man auch am Laptop für den Frieden arbeiten

Offensichtlich ist es sehr gefährlich ein CPTer zu sein, besonders die Heimwege von der Kneipe.

 

 

 

 

Nachtrag: Was mich neben der Tatsache, dass ich kein Held bin an der Aussage stört, ist der Eindruck, dass eine solche Aussage versucht, Engagement zu etwas Besonderem und damit nicht für alle möglichen zu machen. Frei nach Dorothy Day: „Don’t call me a saint“.
Ich meine nicht, dass alle bei CPT arbeiten müssen.
Aber tätige Nächstenliebe und ja, auch politischer Aktivismus, sollten etwas für alle sein.

Selbst in der Krise ist Pikpa effizienter als das Migrationsregime

Nachdem der letzte Artikel die Überlastung zu Beginn der Woche dargestellt hat, sollte ich euch auf den neuesten Stand bringen.

Flüchtlinge warten darauf, photographiert und dann nach Moria gebracht zu werden.Nach dem Treffen mit dem Bürgermeister brachte die Küstenwache tatsächlich niemand mehr und die Polizei kam mehrmals täglich (und tagsüber statt mitten in der Nacht), um Leute nach Moria zu bringen. Sie überlegten sich sogar, wie sie den Prozess effektiver gestalten können und fingen an, Leute schon in Pikpa zu photographieren, um dann in Moria Ein Polizist photographiert einen Flüchtling, bevor er nach Moria gebracht wird.schneller das „white paper“ ausstellen zu können.
Wenn die Leute dann in den Bus steigen mussten, kannten die Polizisten sie schon und das ganze Rumschreien war unnötig.
(Unnötig war es natürlich vorher schon, aber diesmal brauchten nicht einmal die Polizisten es.)

 

 

Und Tee haben sie auch noch mitgebracht!

Ein Flüchtling besteigt einen Bus der Küstenwache, um nach Moria gebracht zu werden. Diese Busse werden meist total überladen.

Natürlich haben sie damit versucht sich bei den Flüchtlingen und dem Dorf Aller Zusammen gut darzustellen.
Aber sollen sie nur. Was mich wirklich stört ist, dass sie nicht vorher auf die Idee gekommen sind, ein solches Prozedere einzuführen und dass sie wahrscheinlich in ein paar Tagen wieder zur alten Methode, mitten in der Nacht zu kommen und rumzuschreien, zurückkehren werden.

Volleyball am SonntagMittlerweile sind nur noch ungefähr hundert Leute in Pikpa untergebracht, die eigentliche Maximalkapazität. Es ist deutlich ruhiger, akustisch und atmosphärisch. Heute war ich kurz da und habe Volleyball gespielt.

Wie zu erwarten, war ich der schlechteste in der Runde.

 

Politisch hat der Bürgermeister anscheinend zurückgerudert. Nach vielen Artikeln von Mitgliedern des „Dorfs Aller Gemeinsam“ und wahrscheinlich auch Gesprächen mit Beamten, die verstehen, dass Pikpa notwendig ist, hat er versichert, dass er die Flüchtlinge unterstützen will. Aber genaueres gibt es noch nicht.
Jedenfalls wird Pikpa wohl nicht geschlossen.

Vorbereitungen für die PressekonferenzAm Freitag war ich bei einer Pressekonferenz, die die Mitglieder des „Dorfs Aller Gemeinsam“ in Pikpa abhielten. Ich gab ein kurzes Statement für CPT ab, warum wir Pikpa unterstützen und versuchte ansonsten mein Gesicht unter Kontrolle zu halten.
Es ist mir nicht immer gelungen.

 

Ich möchte diesen Moment nutzen, um Bilanz zu ziehen, wie Pikpa als offenes Lager mit dieser Krise umgegangen ist:

Zur Hochzeit waren circa sechshundert Menschen in Pikpa untergebracht, aber auch schon in den Tagen davor waren es ungefähr vierhundert. Damit waren 4-6mal soviel Menschen dort, wie vorgesehen.

Die Essensausgabe dauert bis zu zwei Stunden, weil garantiert werden musste, dass niemand zweimal nimmt. Es gab zu wenig Bettzeug und die Freiwilligen mussten nachts Menschen Decken wegnehmen, um sie denen zu geben, die auf dem Boden schliefen. Irgendwann brachte UNHCR 200 Schlafsäcke, aber selbst das war nicht genug (abgesehen davon, dass auch das eine Aufgabe der Behörden ist).

Hygiene wurde zu einem Riesenproblem. Seife ist rationiert, aber auch diese Ration muss ausgegeben werden. Die Toiletten und Duschen waren schon vorher ein Problem, aber jetzt mussten 600 Menschen die sechs Toiletten benutzen, von denen zwei verstopft und die übrigen auch nicht einwandfrei funktionierten. Außerdem war der Abwassertank eigentlich schon vor der Krise voll. Er floss also über – zum Glück nur in einem bestimmten Gebiet. Das vom Caterer gelieferte Essen kommt in Einweggeschirr. Die Mülltonnen waren sofort voll und irgendwann kümmern sich Menschen, die meinen morgen weiterzureisen einfach nicht mehr um den Müll, den sie hinterlassen.

Spannungen zwischen Volksgruppen entstanden, weil sich die Afghanen gegenüber den Syrern benachteiligt fühlten und die Somalis schon seit zwei Wochen da waren und nicht klar war, ob die Polizei sie überhaupt noch abholen würde.

Kein Mangel an Problemen also. Und nur eine Handvoll Freiwilliger, und einige Langzeitbewohner von denen nur drei fließend arabisch und zwei fließend persisch können, um sich um all diese Probleme zu kümmern.

Und dennoch gab es in dieser Zeit zwei kleine Schlägereien (wurde mir erzählt, ich war bei keiner dabei), niemand wurde ernsthaft verletzt oder gar getötet. Es brach keine Epidemie aus, und die Leute lächelten immer, wenn sie uns sahen.
Der Witz der Woche war „Sie [die Küstenwache] haben noch mehr gebracht“ und jedes Mal wenn sie tatsächlich kam, applaudierten die Leute.
Abgesehen von ein paar Ausnahmen teilten die Menschen, wenn man sie daran erinnerte und halfen auch sofort mit, wenn sie nur sahen, dass ich Müll sammelte.

Im First Reception Center Moria sind rund um die Uhr fünf bewaffnete PolizistInnen, die wenn nötig Verstärkung rufen können, ein Sozialarbeiter, mehrere ÄrztInnen und Rechtsanwälte und eine Kapazität von 150 Insassen, die nicht überschritten wird, weil man Leute lieber im Hafen schlafen lässt.
Trotzdem hören wir, dass es dort und in anderen offiziellen Einrichtungen regelmäßig zu Schlägereien unter Flüchtlingen und auch zu Aufständen gegen die Wachen kommt.

Klingt fast so, als ob Leute sich besser benehmen, wenn man sie sich frei bewegen lässt und menschlich mit ihnen umgeht, als wenn man sie einsperrt und anschreit. Ohne dass sie irgendjemanden verletzt hätten, oder etwas schlechtes getan hätten, außer eine imaginäre Linie zu übertreten ohne Erlaubnis, weil es für sie keine Möglichkeit gab, die Erlaubnis zu erhalten und sie vor Krieg und Folter fliehen.

Griechenland und die gesamte EU könnte eine Menge Geld sparen, wenn man wenigstens an den Ankunftsorten in der EU, Lesbos, Lampedusa, Ceuta und Melilla, wo sowieso kaum eine/r bleiben will, offene Lager einrichtet.

Und nebenbei wäre es auch sehr viel menschlicher.

Pikpa kollabiert an der Verantwortungslosigkeit der Behörden

Die letzten Tage war ich sehr beschäftigt und kam leider nicht zum Bloggen.
Ab und zu war es möglich die neuesten Entwicklungen auf der Facebookseite von Christian Peacemaker Teams Europe festzuhalten, aber für viele Dinge ist es schwer überhaupt Worte zu finden. Ich versuche hier die Entwicklungen der letzten Tage zu skizzieren.

In der ersten Woche schrieb ich einen Artikel über Pikpa, zu dem Zeitpunkt waren dort vielleicht 150 Menschen untergebracht, was bereits eine Überlastung darstellte, da das Willkommenszentrum für 80-100 Leute ausgerichtet ist. Aber durch die unermüdliche Arbeit der Freiwilligen vom „Dorf Aller Zusammen“ konnten alle Menschen mehr oder weniger gut versorgt werden.
Dann gab es ein technisches Problem mit der Machine, die die Fingerabdrücke macht, und die Polizei nahm keine Leute mehr mit nach Moria, da es mit 150 Leuten voll sei. Gleichzeitig brachte die Küstenwache weiterhin alle Neuankömmlinge nach Pikpa, das bereits überladen war. Weil die Polizei einfach niemanden aufnahm, musste Pikpa einspringen, weil die Menschen sonst auf den Straßen oder im Hafen geschlafen hätten.
Fast eine Woche lang nahm die Polizei niemand mit und als sie dann wieder anfingen, fuhren sie im alten Tempo fort und brachten sogar noch Leute nach Pikpa, die die Fähre verpasst hatten.

Am Montag kamen zweihundert neue Flüchtlinge an und es waren auf einmal sechshundert Flüchtlinge in Pikpa – sechsmal so viel, wie sie maximal aufnehmen konnten.
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Die Küstenwache organisierte Essen für alle, aber sonst nichts. Keine Decken, keine medizinische Versorgung, nicht einmal die Müllabfuhr kam öfter vorbei.

Es entstanden Konflikte unter den verschiedenen Flüchtlingsgruppen, da manche sich benachteiligt fühlten, weil z.B. SyrerInnen schneller abgeholt wurden, während einige somalische Flüchtlinge schon seit Wochen warteten.

EssenschlangeSchließlich bat das „Dorf Aller Gemeinsam“ den neuen Bürgermeister Spyros Galenos um ein Treffen, um die Lage zu schildern und zu verlangen, dass die Behörden mehr Verantwortung übernehmen.
Sie hatten nicht viel Hoffnung, denn obwohl die Politik auf Pikpa und die Freiwilligen vom „Dorf Aller Gemeinsam“ angewiesen ist, haben sie deren Arbeit nie anerkannt, geschweige denn unterstützt. Der neue Bürgermeister hatte im Vorfeld gesagt, er werde das Willkommenszentrum in Pikpa schließen und es wieder als Sommerfreizeitlager eröffnen lassen. Der Chef der Küstenwache hatte sie sogar als „Hausbesetzer“ bezeichnet und behauptet, Flüchtlinge kämen nach Lesbos, weil sie hier so gut aufgenommen würden. Gleichzeitig haben die Autoritäten all ihre Probleme auf Pikpa abgewälzt, da es weit ab von den Augen der Öffentlichkeit ist und sie wussten, dass die Freiwilligen sich um die Flüchtlinge kümmern.

Das Treffen, an dem wir als CPT teilnahmen, machte dann aber einen ganz anderen Eindruck. Bürgermeister Galenos hörte sich an, was die Freiwilligen vom Dorf aller gemeinsam zu sagen hatten und versprach Unterstützung. Man einigte sich, dass Pikpa vorübergehend keine Flüchtlinge mehr aufnehmen würde, bis es geleert sei und dass die Küstenwache die Menschen direkt nach Moria bringen solle, um Druck aufzubauen.
Nach dem Treffen besuchte er Pikpa und äußerte sich erstaunt darüber, dass die Flüchtlinge so „ruhig und fröhlich“ seien, trotz der überfüllten Lage.

DSC00999Er posierte in vielen Fotos und schüttelte Hände, wie man es von Politikern kennt.

Jemand bat mich als Teil von CPT um ein Statement und ich sagte Herrn Galenos, dass Pikpa ein großartiger Ort der Gastfreundschaft sei, der seine Unterstützung verdiene. Ich sagte, dass eine solche Unterstützung durchaus auch den Ruf Mytilenes und Lesbos verbessern könnte, was sich eventuell auch auf den Tourismus auswirken könnte.

Er sagte mir:

Bitte erzähle deinen Freunden und den Medien, wie ich Pikpa unterstütze.

Ich wünschte ich könnte es.

Bei sechshundert Leuten sammelt sich schnell Müll an. Die Flüchtlinge sammeln den Müll selbst ein.Aber leider sieht die Sache anders aus. Zwar begann die Polizei noch am selben Tag sehr viel schneller zu arbeiten und Menschen zu registrieren, aber Bürgermeister Galenos veröffentlichte auch einen Brief an die Küstenwache, in dem er ankündigte, seinen ursprünglichen Plan durchzuführen und das Willkommenszentrum bis Ende September zu schließen und Pikpa wieder in ein Jugendsommerlager zu verwandeln.

Er verdrehte alle unsere Aussagen und verglich Pikpa mit dem berüchtigten Flüchtlingslager Pagani, das vor ein paar Jahren wegen der schrecklichen Bedingungen und des massiven Protest dagegen (u.a. vom Dorf Aller Gemeinsam) geschlossen wurde. Er verschwieg, dass es die Verantwortung der Behörden ist, für die Grundbedürfnisse der Flüchtlinge zu sorgen und erwähnte mit keinem Wort die aufopfernde Arbeit der Freiwilligen vom Dorf Aller Gemeinsam.

Meine Aussage verdrehte er dahingehend, dass er sagte, dass solche Bedingungen Mytilene international blamieren würden.

Diese schamlose Verdrehung der Vereinbarung schockierte uns alle sehr. Ein paar Leute vom Dorf Aller Gemeinsam hatten schon Zweifel an seiner Ehrlichkeit geäußert, aber letztlich waren alle überrascht. Das war natürlich die Taktik des Bürgermeisters, der einfach behauptete im Einverständnis mit den Beteiligten und sogar im Sinne der Flüchtlinge zu handeln, während die AktivistInnen erst einmal Zeit brauchten ihre Reaktion zu formulieren.

Mittlerweile haben einige Mitglieder der Initiative Antworten in den Lokalzeitungen veröffentlicht und am Samstag soll es eine Pressekonferenz in Pikpa geben. Aber einen Tag lang konnte der Bürgermeister seine Version der Geschichte verbreiten.

Ich wünschte, ich könnte euch allen sagen, dass Bürgermeister Galenos sich für die Gastfreundschaft in Pikpa und für die Flüchtlinge einsetzt. Aber leider sieht es so aus, als habe er sich gegen diese pragmatische und menschliche Initiative entschieden, und halte an der utopischen Idee fest, Migration könne durch Lager und Legalismus gestoppt werden.

Aus meinen bisherigen Gesprächen mit den EinwohnerInnen Mytilenes unterstützen sie Pikpa und waren entsetzt über die Bedingungen in Pagani. Als Pikpa begann kamen viele Leute und brachten Essen, Kleidung und andere Bedarfsgegenstände. Es bleibt zu hoffen, dass sie sich jetzt wieder mit Pikpa solidarisieren und Bürgermeister Galenos zeigen, dass er nicht seine Stadt repräsentiert.

Strandgedanken


Besagter Strand ist im Hintergrund zu sehen

Gestern lag ich auf einer Pritsche am Strand und badete in der Sonne. Es war Sonntag und obwohl natürlich immer noch ungefähr vierhundert Leute in Pikpa sind (viermal so viel, wie geplant) mussten wir einfach mal entspannen.

Das ist ein Luxus, den Flüchtlinge nicht haben; sie können zwar an den Strand gehen, oder Karten spielen, aber ihre Situation ändert sich dadurch nicht. Sie sind immer noch dem System ausgeliefert und können nur warten, bis die Polizei sie abholt. Sie müssen Geld auftreiben für den nächsten Teil der Reise, und sich in die Hände von Schleppern begeben, die teilweise horrende Summen von ihnen verlangen und sich kaum um sie kümmern. Vielleicht haben sie Freunde und Familie auf der Reise verloren und haben selbst Gewalt von den „Grenzschützern“ erlebt, und diese Ereignisse verfolgen sie immer noch.
Zurück können sie auch nicht, so sehr viele Menschen in der EU sich das auch einbilden. Zurück, dass heißt zurück in den Krieg, zurück zur Folter oder zurück zu Familien, die nichts mehr haben, weil sie ihr gesamtes Vermögen dem jungen Mann anvertraut haben, in der Hoffnung, dass er Arbeit in Europa findet und die Familie so unterstützen kann.

Aus dieser Situation gibt es kein Entkommen, sie bleibt bei den Menschen und kommt auch immer dann, wenn niemand sonst bei ihnen ist. Vor der Verzweiflung gibt es nur eine weitere Flucht – ins Leben. Viele Menschen, die wir treffen, wollen nicht zur Ruhe kommen, sie wollen ja immer weiter um dann irgendwann anzukommen.
Ich kenne einen, der hier bleiben muss, weil er kein Geld mehr hat. Er rennt jeden Tag nach Mytilene oder noch weiter und schwimmt und dann muss in Bewegung bleiben.

Wenn ich in Pikpa bin freue ich mich, mit neuen Freunden zu reden und zu sehen, wo es etwas zum Helfen gibt, auch wenn wir wenig tun können. Obwohl mittlerweile viel zu viele Leute da sind, ist die Stimmung meist immer noch ruhig und Streit wird schnell geschlichtet. Ich mache die Erfahrung, dass diese Menschen mich aufmuntern und mir Mut machen, dabei hatte ich mir vorgestellt, es wäre anders herum. Aber sie bedanken sich bei uns, dass wir auftauchen. Anscheinend gibt es eine Art von Gegenseitigkeit, in der sich Menschen, die nichts zu geben haben, gegenseitig aufbauen können. Entgegen aller Gesetze der Physik.

Aber wenn wir nach Hause fahren, falle ich in ein Loch und merke, dass mich die Geschichten und die vielen Stimmen erschöpft haben. Es ist vieles, was mir Hoffnung gibt, oder mich einfach wütend macht, was ja auch eine Art von Energie ist, aber letztlich muss ich diese Energie wieder sammeln, um konstruktiv weiter zu arbeiten.

Ruhe ist ein Teil des Lebens und ist eine Bedingung für sinnvolles Arbeiten. Das Sabbatgebot wird in der Tora doppelt begründet: mit der Schöpfung und als Erinnerung an die Befreiung aus der Sklaverei. Wir brauchen die Ruhe also von Natur aus, sie ist aber auch ein Fest unserer Würde.

Das Problem mit der Ruhe entsteht für mich dort, wo ich sehe, dass diese Ruhe, diese Grundbedingung des Lebens anderen Menschen unmöglich wird, entweder weil sie zur Untätigkeit gezwungen werden – Untätigkeit ist nicht dasselbe wie Ruhe – oder weil ihnen die Entspannung unmöglich gemacht wird. Wie soll ich damit umgehen? Ich bin hier um solidarisch mit diesen Menschen zu sein, wie kann ich da einfach am Strand liegen?

Es bleibt eine schwierige Frage, und gestern am Strand brauchte ich eine Weile, um wirklich zur Ruhe zu kommen und dabei keine Schuldgefühle zu kriegen. Ich will meine Freunde nicht verdrängen müssen, um entspannen zu können.

Wie mit dem Ruhegebot denke ich, dass es zwei Aspekte sind, die mir helfen soviel Ruhe zu finden, wie ich brauche.

  1. Ich brauche sie.
    Ich muss mich entspannen, mich aus diesem Chaos herausziehen, weil ich sonst zusammenbreche und gar nichts mehr tun kann. Mir meiner Schwächen bewusst zu werden ist ein wichtiger Aspekt, um besser zu arbeiten, aber auch aus dem Mythos aufzuwachen, als weißer Mann könnte ich alle Probleme lösen. Das kann ich nicht. Ich brauche vielmehr die Unterstützung von anderen und ich brauche eben auch Ruhe. Stärke ist das Eingestehen der Schwäche, nicht das Weiterkämpfen, wenn man nur noch humpelt.
  2. Es ist ein Fest meiner und letztlich der Freiheit aller.
    Ja, Flüchtlinge haben nicht dieselben Freiheiten wie ich. Das große Ziel aller dieser Arbeit hier ist darauf hin zu arbeiten, dass sie ebenfalls Bewegungsfreiheit bekommen und genauso hier am Strand liegen dürfen.
    Dass sie diese Freiheiten im Moment nicht haben, ist ein Grund zur Klage, aber nicht dazu, meine eigenen Freiheiten zu verachten. Denn wenn die wahnwitzige Idee, man könne Migration stoppen und beenden endlich von allen als Lüge entlarvt wird, werden alle diese Freiheiten haben.
  3. Privilegien müssen erkannt werden, und wir müssen darüber reden. 
    Dieses Ungleichgewicht bewusst zu machen und darüber zu reden, kann helfen mehr Menschen die Situation von Flüchtlingen, denen selbst grundlegende Freiheiten, wie das Recht auf Bewegungsfreiheit (in die EU, aber auch innerhalb der EU und selbst innerhalb eines Bundeslands), das Recht die Landessprache zu lernen oder eben das Recht auf Entspannung verwehrt werden.

Es geht nicht darum, mir meinen Strandtag madig zu machen, es geht darum, durch den Strandtag mir klarzumachen, dass andere diese Freiheiten nicht haben und neue Kraft zu schöpfen, für ihre Freiheit zu arbeiten. Mit Dr. Martin Luther King jr. glaube ich, dass wir gewiss sein können, dass der Tag kommen wird, an dem die Festung Europa ihre Mauern einreisst und alle Menschen, Flüchtlinge und Einheimische sagen können „Free at last, free at last, thank God Almighty, we’re free at last“

Einige der Migranten aus Pikpa am dortigen StrandUnd manchmal sehen wir schon kleine Teile dieses großen Tages, wenn wir zusammen Karten spielen, wenn sich ein Footballteam engagiert, um ihren senegalesischen Defensespieler entgegen der Residenzpflicht auf Auswärtsspiele mitzunehmen, oder wir zusammen das Brot brechen an einem Tisch, an dem alle willkommen sind.

 

Pikpa – ein echtes Willkommenszentrum

Wie soll man mit den Menschen umgehen, die aus ihrer Heimat geflohen sind und nach oft monatelangen Reisen auf Lesbos und anderswo ankommen, um in Europa ein sicheres und freies Leben zu finden?
Auf Lesbos gibt es zwei Lager, die wir regelmäßig besuchen und die archetypisch für zwei Weisen stehen, mit „den Anderen“ umzugehen: Moria und Pikpa.

Im letzten Artikel beschrieb ich die Lage in Moria, nun ist Pikpa dran.

Im oberen Stockwerk sind Frauen und Kinder untergebracht. Zur Zeit sind aber so viele in Pikpa, das einige andere Hütten auch für sie da sind und die Männer dafür im Freien schlafen.An Orten wie dem First Reception Center“ (FRC) Moria ist die Abschottungspolitik der „Festung Europa“ in Zement gegossen und demonstriert die Perspektivlosigkeit unserer Regierungen im den Umgang mit den Menschen, die auf der Suche nach Frieden und Sicherheit nach Europa kommen.

Unsere Partner vom „Village of All Together“ – „Das Dorf aller gemeinsam“ (VoAT) haben in Pikpa ein offenes „Willkommenszentrum“ gegründet, das zeigt, wie eine menschliche Politik aussehen kann.

In einem verlassenen Kinderfreizeitlager, das ihnen die Stadt nach einiger Überzeugungsarbeit überlassen hat, haben sie einen Ort geschaffen, an dem Flüchtlinge kommen und gehen können wie sie wollen.
Untergebracht sind sie in Holzhütten und es gibt ein großes Haus, dessen Obergeschoss für Frauen und Kinder reserviert ist. Bei der Ankunft erhalten die Flüchtlinge eine Broschüre mit Informationen zu ihren Rechten in Europa und es gibt AnsprechpartnerInnen, die juristische Beratung leisten können. Ein Flüchtling, der mittlerweile einen permanenten Aufenthaltsstatus hat, übersetzt und manche der Freiwilligen können ebenfalls Persisch oder Arabisch.

Die dritte Lektion des Griechischunterrichts: Die Verb „sein“ und „haben“. Ich lerne auch noch einiges, da Neugriechisch nur wenig mit dem antiken Griechisch zu tun hat.

Es gibt regelmäßig Griechischunterricht und die Freiwilligen von VoAT kümmern sich darum, dass Kinder, die länger bleiben die Schule vor Ort besuchen können.

Mittlerweile gibt es einen Deal mit der Polizei, dass sie für jeden Flüchtling Essen bereitstellen müssen, aber als Pikpa eröffnet wurde brachten viele Leute aus der Nachbarschaft Essen vorbei.
Insgesamt hat Pikpa einen sehr guten Ruf und die Menschen in Mytilene mit denen ich geredet habe, unterstützen es weiterhin. Die Leute von VoAT wohnen selbst auf Lesbos und achten sehr darauf, viele Einheimische zu involvieren.

Die Küstenwache bringt mittlerweile selbst die Flüchtlinge, die sie aufgreifen nach Pikpa und die Polizei holt sie von dort ab, um sie nach Moria zu bringen. Leider müssen sie immer noch dorthin, da die Polizei sich weigert den Leuten in Pikpa direkt das „white paper“ zu geben, dass sie brauchen, um die Fähre nach Athen zu nehmen und in Griechenland weiter reisen zu können.

Bei dieser Zusammenarbeit achten die KoordinatorInnen darauf, nicht kooptiert zu werden und den Druck aufrecht zu erhalten, der Pikpa möglich gemacht hat. Sie sind davon überzeugt, dass Migration normal und die Militarisierung der Grenzen kontraproduktiv ist.

So haben sie es geschafft, dass es in Pikpa weiterhin offene Tore und keine Wächter gibt. Die grundlegenden Regeln des Zusammenlebens werden von den Freiwilligen und den Flüchtlingen erfolgreich selbst durchgesetzt.

Eines der Häuser in PikpaLeider müssen die Behörden immer wieder an ihre Pflichten erinnert werden, z.B. die Versorgung mit Essen, oder das Abpumpen des Toilettentanks, der für die aktuelle Menge an Gästen einfach zu klein ist. Gleichzeitig versuchen sie Pikpa als „Besetzung“ zu delegitimieren
In Wirklichkeit sind sie aber auf das Erfolgsmodell Pikpa angewiesen, da Moria niemals die Menge an Flüchtlingen aufnehmen könnte. Selbst bei logistischen Fragen werden oft die KoordinatorInnen von VoAT gefragt, da Polizei und Küstenwache untereinander schlecht abgestimmt sind.

So wird Pikpa als offenes Lager weiterhin toleriert, auch wenn es in den Augen der Politik das „falsche Signal sendet“ – das Flüchtlinge in Europa willkommen sind.

Wir vom Mittelmeerprojekt der Christian Peacemaker Teams  finden sie senden genau das richtige Signal, und leisten wesentlich bessere Arbeit als die zuständigen Behörden1.
Das „Dorf aller gemeinsam“ ist unser Hauptpartner auf Lesbos und wir sind mehrmals die Woche dort, um Kontakt mit den Freiwilligen und den Flüchtlingen aufzubauen. Viele der Flüchtlinge treffen wir später in Moria oder an der Fähre wieder, wenn sie nach Athen fahren.
Besonders beeindruckend an Pikpa ist, dass es aus der Zivilgesellschaft entstand, um auf die konkreten Nöte einzugehen.
Nachdem die Hauptroute von der Türkei nach Griechenland über den Grenzfluss Evros durch eine Mauer und den massiven Einsatz von Überwachungstechnologien und Polizisten effektiv geschlossen wurde, machten sich 2012 immer mehr Flüchtlinge auf den wesentlich gefährlicheren Weg auf Booten nach Lesbos. Niemand war darauf vorbereitet und hunderte Flüchtlinge, darunter viele schwangere Frauen und Kinder, schliefen am Hafen und keine der zuständigen Autoritäten kümmerte sich darum.
Die Leute vom „Dorf aller gemeinsam“ schufen diesen Ort und bewahren ihn gegen die immer noch unwillige Politik.
Dabei wird hier deutlich, wie eine effektive und humane Asylpolitik aussehen könnte.

Wenn die Polizei kommt, um Menschen nach Moria zu bringen, beobachten wir die Situation und versuchen, diese Prozedur so menschlich wie möglich zu gestalten.
Es ist schon vorgekommen, dass Flüchtlinge stundenlang in der brütenden Hitze in einem Polizeivan sitzen mussten bei geschlossenen Türen.
Auf den Hinweis meines Kollegen doch die Tür zu öffnen, reagierten die Polizisten schnell und öffneten die Tür.

Ob sie es auf Bitten der Flüchtlinge getan hätten, bezweifle ich.

1Und das bei einem lächerlich niedrigen Budget. Während die EU das FRC Moria zu 75% finanziert hat, funktioniert Pikpa ausschließlich auf ehrenamtlicher Arbeit und Spenden.

Moria – organisierte Ungastlichkeit

Wie soll man mit den Menschen umgehen, die aus ihrer Heimat geflohen sind und nach oft monatelangen Reisen auf Lesbos und anderswo ankommen, um in Europa ein sicheres und freies Leben zu finden?
Auf Lesbos gibt es zwei Lager, die wir regelmäßig besuchen und die archetypisch für zwei Weisen stehen, mit „den Anderen“ umzugehen: Moria und Pikpa.

In diesem Artikel beschreibe ich die Lage in Moria, im nächsten dann Pikpa.

FRC Moria

Moria ist das offizielle „first reception center“ – „erstes Empfangszentrum“, in dem Flüchtlinge für einige Tage festgehalten werden, in denen sie  in eine europäische Datenbank eingetragen werden, bis sie mit einem sogenannten „white paper“ weiter geschickt werden. Das „white paper“ ist eine Anordnung der Polizei, Griechenland binnen eines Monats in Richtung ihres Heimatlandes zu verlassen, es dient Flüchtlingen aber de facto als Reisedokument und schützt sie innerhalb dieses Monats davor, von der Polizei aufgegriffen und dann für bis zu 18 Monate eingesperrt zu werden.

Das „First Reception Center“ (FRC) liegt ein paar Kilometer außerhalb des Dorfes Moria von dem es seinen Namen hat (eigentlich eine Schande, denn das Dorf ist wirklich schön).
Weit draußen werden die Einwohner des Dorfes Moria selten mit denen konfrontiert, die im Lager Moria festgehalten werden.

„Bewegungsfreiheit – Keine Grenzen“ hat jemand in die Mauer eingeritzt.

FRC Moria hat drei Zäune, jeweils mit Natodraht bestückt, durch die man muss, um zu den Flüchtlingen zu kommen. An jedem Tor gibt es Schlösser und Wachposten, aber als wir gestern dort waren, war niemand am ersten und am zweiten Wachposten.
Das dritte Tor schließlich ist verschlossen. Hier sind wir bis jetzt noch nie weiter gekommen, auch wenn wir immer einige Bedarfsgegenstände wie Windeln oder Damenbinden mitbringen und die Wachen jedes Mal ein bisschen entspannter sind.
Dennoch dürfen wir nicht bis zu den Flüchtlingen und dürfen auch keine Fotos machen.

Die Flüchtlinge haben sogar noch ein weiteres Tor weiter erst „freie“ Bewegung und so können wir nicht wirklich mit ihnen sprechen.
Dafür sprechen wir mit den „Doctors of the World“ einer NGO, die sich um die medizinische Versorgung der Flüchtlinge kümmert. Ihre Anwesenheit hier ist vertraglich geregelt und
sie befinden sich in der schwierigen Situation, Teil des Migrationsregimes zu sein, und es anzuklagen.
Ihre Berichte und durch die von MigrantInnen und Flüchtlingen, die Zeit im FRC Moria verbracht haben, zeichnen ein dunkles Bild von mangelnden hygienischen Bedingungen, willkürlichen Bestrafungen und der Entwürdigung von Flüchtlingen, die das Recht auf Asyl haben, aber wie Kriminelle behandelt werden.

Um zusammenzufassen: Das  „First Reception Center“ in Moria ist abseits und getrennt von der lokalen Bevölkerung, es ist architektonisch kaum von einem Gefängnis zu unterscheiden und auch die Behandlung derjenigen, die dort festgehalten werden zeigt, ist nicht angemessen. Man muss sich nur vor Augen führen, dass viele Flüchtlinge Folteropfer sind, oder ihnen in ihren Heimatländern das Gefängnis drohte und sie davor flohen.

Diese Art von Empfang erwartet Flüchtlinge, die ins FRC Moria kommen und sie müssen alle dorthin, da alle das white paper brauchen. Dies ist auch die Art von Empfang, die die EU-Politik unterstützt, die 75% der Kosten für das FRC übernommen hat.

Über eine andere Art, diese Menschen zu empfangen geht es im nächsten Artikel.

Das Sommerloch fehlt

In den letzten Monaten waren die Nachrichten noch ein wenig deprimierender als sonst. Normalerweise bringt die Tagesschau in ihrer Viertelstunde eine große Krise, um dann kurz etwas zur Innenpolitik zu machen und sich dann dem Sport und den wirklich wichtigen Dingen, wie Schumachers Comeback zu widmen.
Diesmal gab es vor lauter Blutvergießen in Gaza, Ukraine, Syrien und dem Irak manchmal gar keine Zeit mehr für Innenpolitik. Und Ebola musste auch noch Platz finden.
Man fragt sich, was aus dem Sommerloch geworden ist, dass im Sommer für lustige und unschuldige Beiträge über Zootiere und so was geführt hat.
Vielleicht gibt es das in Zeiten des Klimawandels nicht mehr, wie auch der Sommer unberechenbarer wird.

Mir jedenfalls fehlt das Sommerloch.

Außer Nachrichten über süße Tiergeburten und Promihochzeiten haben wir so auch nichts darüber erfahren, was nicht mehr in die Sendezeiten passt. Vor allem wenn es keine neue, große Katastrophe gibt, sondern die Zahl der Toten einfach stetig weiter steigt.
Bei einer Viertelstunde Sendezeit muss einfach abgewogen werden, und eine neue Terrorgruppe , oder vielleicht gar ein Comeback des Kalten Kriegs ist natürlich sexyer als die Abschottungspolitik der Europäischen Union, die auch nach Lampedusa mit einigen kosmetischen Änderungen einfach weitergeht.
Da geht es ja auch um die bösen Anderen, gegenüber denen „wir“ die Menschenrechte verteidigen.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Jede Situation, wo Menschen entwurzelt, vertrieben und getötet werden ist schlimm. Ich würde auch zustimmen, dass bestimmte Konflikte größere Auswirkungen auf andere Gebiete haben, als andere.
Der Krieg in der Ukraine, die Gräueltaten des Islamischen Staates und alle anderen bewaffneten Konflikte, aber auch die Ebolaepidemie in Afrika, die letztlich auch wegen der Unterentwicklungspolitik der „entwickelten Staaten“ so verheerend ist, das alles will ich nicht kleinreden.

Aber auch Festung Europa tötet.

Durch unterlassene Hilfeleistung, aber auch durch „Pushback-Operationen“, in denen Boote voller Migranten einfach wieder aus EU-Wässern herausgeschleppt wird und dann zurückgelassen wird. Teilweise waren diese Boote schon seeuntauglich, teilweise werden sie es von der Küstenwache noch gemacht.

Aber auch in den „Willkommenszentren“ sterben Menschen, oder durch Polizeigewalt, oder einfach durch rechte Schläger, die von der Polizei nicht aufgehalten werden.

Und oft sind es gerade die, die vor den Konflikten, in die die Politik „um der Verantwortung willen“ fliehen, die in der EU wie Kriminelle behandelt werden. Für deren Asylanträge aber kein in dubio pro reo gilt.

Für dieses Sterben – um nicht zu sagen Morden – hat unsere Politik viel direkter Verantwortung und  sie könnte auch sehr viel direkter eingreifen, ohne militärische Gewalt anwenden zu müssen und auch die Folgen eines Politikwandels sind um einiges vorhersagbarer als die Frage in wessen Händen deutsche Waffen letztlich wofür benutzt werden.

In letzter Zeit musste ich mir so oft erklären lassen, wie naiv ich bin und wurde gefragt, was ein Pazifist denn in dieser Situation tun sollte. Natürlich waren meine Antworten unbefriedigend, selbst wenn mir meine Gesprächspartner wirklich zugehört hätten.

Das liegt daran, dass ich eben nicht in dieser Situation bin, und es auch noch nie war.
Was ich hier in Lesbos tue, wie auch vor drei Jahren in Palästina, ist der Versuch, diesen Menschen zuzuhören und ihre Antworten zu hören. Dadurch komme ich nicht in ihre Situation, was ich ehrlich gesagt auch gar nicht will. Niemand will Gewalt erleben, vertrieben werden, fliehen müssen.

Aber wir können mit ihnen stehen, ihnen zeigen, dass sie uns nicht egal sind, und wir können uns wehrlos dem entgegenstellen, was ihnen jetzt droht.

Aber vielleicht rechtfertige ich ja auch nur vor mir selbst, warum ich nicht im Irak bin und trotzdem sage, dass Waffen dort auch nichts besser machen werden.

Übrigens gibt es auch ein Christian Peacemaker Team im Nordirak, das dort kurdische Menschenrechtsorganisationen begleitet und sich z.B. für von IS verschleppte jesidische Frauen einsetzt.