Eine kritische Würdigung des Project Gaza

project Gaza, screenshot

Während in den letzten Wochen Raketen auf Israel gefeuert wurden, und Israel mit Bombardement antwortete das nach palästinensischen Angaben fast zweitausend Menschen tötete und zehntausend verletzte, tobte in den sozialen Netzwerken ein Medienkrieg.

Frustriert von der Unfähigkeit einzugreifen, posteten Leute Artikel, die ihre Meinung darstellen sollten, was oft ziemlich misslang – wie man sich denken kann, wenn alle eine Meinung zu etwas haben wollen, von dem sie wenig verstehen.

In den anschließenden Diskussionen verhärteten sich oft noch die Positionen, weil Leute tatsächlich meinten, pro-Israel oder pro-Palästinenser sein zu müssen.
Mit der Konsequenz, dass manch einer tatsächlich Beschuss auf Schulen oder Strände rechtfertigen wollte und jede andere Positionen schon der jeweils gegnerischen Seite zu geordnet wurde.
John Stewart hat dies in einem Sketch gut ausgedrückt:

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Als diese Diskussionskultur dann in Demos auf die Straße getragen wurde, bei denen sich in Deutschland merkwürdige Allianzen aus Salafisten, „antiimperialistischer“ Linke und Neonazis nach der Logik „der Feind meines Feindes ist mein Freund“ bildeten und antisemitische Slogans skandierten, hatten die Anhänger der neuen Antisemitismusthese Oberwasser.

In dieser aufgeheizten Stimmung (vor allem in den Netzwerken) ein paar journalistisch interessierte Kommilitonen von mir eine Facebookseite „Project Gaza“, auf der sie sich zum Ziel setzten:

„Diese Plattform soll beim heiklen Thema Nahost einen Beitrag zu gelingender Diskurskultur leisten. Nur gemeinschaftlich können wir in einer mit Information überfluteter Gesellschaft noch Urteilskraft entwickeln. Nur im Verbund einer wahrheitssuchenden Gemeinschaft können wir noch einen „Common Sense“, einen gemeinsamen politischen Sinn entwickeln, der zur gemeinschaftlichen Lösung von Konflikten befähigt.“

Zu diesem Zweck posten sie jeden Tag null bis zwei Artikel, die eine neuen Perspektive auf den aktuellen Konflikt liefern. Dabei wechseln sich klassische Artikel mit Videos, Graphiken und Photos ab. Durch die geringe Anzahl an Artikeln bleibt es möglich, diese wirklich intensiv zu lesen.

Es geht den Redakteuren anscheinend nicht darum, möglichst umfassend über den Konfliktverlauf zu berichten, sondern ungewöhnliche Blickwinkel und journalistische Glanzleistungen herauszustellen. Dadurch kann eine Subversion des Diskurs erreicht werden, in der Frontstellungen aufbrechen und Positionen neu verhandelt werden müssen.

Besonders gelungen ist die Besprechung von Artikeln, in denen Medienkritik exemplarisch wird. Leider sind bis jetzt erst zwei Artikel besprochen worden, was wohl auch an der Auslastung der Redaktion liegt. Eine dieser Rezensionen wurde dann auch gleich von der Zeitung in ihrer Onlineversion als Gastbeitrag veröffentlicht.

Leider finden bis jetzt kaum Diskussionen auf der Seite selbst statt, was vielleicht auch daran liegt, dass diejenigen, denen die Seite zur Zeit „gefällt“, der Diskussionen müde sind.
So kann ich meine These vom subvertierten Diskurs nicht bestätigen, in Gesprächen wurde mir dies aber bestätigt.

Bei aller Vielfalt an Perspektiven und AutorInnen fehlt jedoch eine Stimme, eigentlich mehrere Stimmen, gänzlich – die von PalästinenserInnen.
Deutsche, US-Amerikaner, Israelis (und ein pakistanischer Kanadier mit kruden Thesen) sind zu Wort gekommen, aber in den knapp drei Wochen, die es die Seite gibt wurde kein einziger Beitrag von einem/r PalästinenserIn gepostet.

Dabei mangelt es nicht an guten palästinensischen JournalistInnen:
Samer Badawi, Omar H. Rahman, Aziz Abu Sarah schreiben alle drei für 972mag.com, manche auch für Al Jazeera, Al Monitor oder auch westliche Zeitungen wie den Guardian oder VICE.
Um im Stil von Project Gaza eine ungewöhnliche Perspektive einzubringen wäre hier Daoud Kuttabs sehr persönlicher Text über die Hochzeit seiner Tochter in Ramallah und das Zusammenstoßen verschiedener Narrativen in der Begegnung der Hochzeitsgäste.

Auch wenn die Rhetorik oft zu hart wird, ist Electronic Intifada ein guter Einblick in die Diskurse innerhalb der palästinensischen AktivistInnenszene und liefert manchmal Nachrichten, die großen Zeitungen keine Meldung wert sind (Z.B. bei der Zerstörung der Bäume bei Zelt der Völker).
Zusammen mit Mondoweiss, das eher die Diasporajüdische-Szene in den USA reflektiert und 972-mag, das vor allem israelische und einige palästinensische Stimmen ein Forum gibt bildet Electronic Intifada quasi die Trinität der jungen FriedensaktivistInnenszene.
Dazu kommen natürlich noch zahllose Blogs und spontane Beiträge, wie z.B. der Twitter-Account der 16-jährigen Palästinenserin Farah Baker, die während des Bombardements live aus Gaza twitterte und im Internet berühmt wurde.
Solche Beiträge sind natürlich kein Journalismus, aber bieten doch einen ungewohnten Blick auf den scheinbar bekannten Konflikt.

Warum also keine palästinensischen Stimmen auf Project Gaza?

Ich vermute einen taktischen Grund:
Wer palästinensische Stimmen, die ihre Situation erklären, Raum gibt, muss sich der Kritik aussetzen, einseitig zu sein. Israelisch-jüdische Stimmen, die Israel kritisieren, dagegen können zwar als „Strohmänner“ oder „selbsthassend“ bezeichnet werden, aber es wirkt einfach besser.
Ich selbst habe in letzter Zeit eigentlich nur Artikel von israelischen Juden auf Facebook geteilt, aus eben diesem Grund (neben der Tatsache, dass ich diese Perspektive wichtig finde).
Gerade wenn man sich gegen Antisemitismus stellen will, liegt es nahe, jüdische Stimmen zu betonen.

Dabei gehen palästinensische Stimmen und was sie zu sagen haben unter. Palästinensische Stimmen werden beschuldigt, einseitig zu sein und nicht differenziert genug. Sie sind „radikal“ und „traumarisiert“ müssen natürlich immer in ihrem Kontext verstanden werden, während jüdische Stimmen, dissidentisch oder nicht, nicht so angezweifelt werden, genauso wenig wie die von westlichen ReporterInnen, oder „Nahostexperten“. Diese schaffen es sogar einen „ausgewogenen“ Blick auf die „Tragödie im Heiligen Land zu haben“.

Es ist ja auch ästhetischer, einen israelischen Autor zu Wort kommen zu lassen, als ein palästinensisches Mädchen, das am Ende Hamas unterstützt.

Wie die postkoloniale Theoretikerin Gayatri Chakravorti Spivak fragte: „Can the Subaltern Speak?“
Auf Project Gaza anscheinend genauso wenig, wie in den deutschen Medien insgesamt.
Symptomatisch dafür ist auch das Gaza-Tagebuch der Süddeutschen war von Peter Münch aus den Telefonaten mit seinem Kontakt entstanden, während das mehrteilige Tel Aviv-Tagebuch von einer deutschen Autorin war.

Immerhin haben sie auf das Photographiekollektiv „ActiveStills“ hingewiesen, in dem israelische, palästinensische und internationale PhotographInnen Demonstrationen und direkte Aktionen verschiedenster Akteure in Israel und Palästina dokumentieren.

Trotz dieser Kritik leistet Project Gaza seinen bescheidenen Beitrag zu einem sachlicheren und dabei auch menschlicheren Diskurs, der für langfristigen Frieden notwendig ist.

 

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