Erste Gedanken zu bewegten Bildern

Wenn die Arbeit des Tages getan ist, die Sonne hinter den Hügeln im Mittelmeer versunken ist, schauen wir Freiwilligen meistens zusammen einen Film. Aufgrund eines vor kurzem verabschiedeten Abkommen zwischen Medienkartellen und unseren sogenannten „Volksvertretern“ darf ich über die Herkunft dieser Filme nichts genaueres sagen – jedenfalls haben wir keinen Mangel an Auswahl.

Schwieriger ist es jedoch, auf einen Geschmack zu kommen, aber nach längeren Diskussionen entscheiden wir uns normalerweise aufzuhören zu streiten und einfach den Film zu wählen, den die Person am Laptop schauen will. Ausschlaggebend für diese Entscheidung ist immer so etwas wie: „Ihr kennt DEN Film nicht? Den MÜSST ihr gesehen haben, das ist ’ne Bildungslücke.“

Die Erfahrung zeigt, dass dieses Argument sich für jede Art von Genre, ob Action, Drama, Liebesfilm, oder Zombiemassaker benutzen lässt. In der Tat haben wir auch schon alle diese Kategorien, sowie jegliche Überschneidungen abgedeckt. (Vielleicht wird es Zeit für eine andere Freizeitbeschäftigung..)

Jedenfalls habe ich in den letzten sechs Monaten sehr viele Filme gesehen. Gute – und weniger gute. Einige Beobachtungen drängten sich in der Zeit auf (die unter anderem durch ein Buch über Filme gucken geprägt wurden, dass ich mal gelesen hab):

  • erstaunlich wenige Filme schaffen es, die aristotelische Dramentheorie, zu überwinden: entweder,
    • der Held (meist der Held) findet eine Frau, verliebt sich in sie, kommt aber damit verbunden in einen Konflikt, dieser wird verdrängt, und nach anfänglichen Schwierigkeiten funktioniert alles, aber der Konflikt taucht unheilschwanger wieder auf, alles scheint zu Scheitern. Aber dann kommt der Deus ex Machina und löst die Probleme auf. Held darf die Heldin endlich küssen, und mit dem minutenlangen Herauszoomen aus der Nahaufnahme des Kusses in die Totale endet der Film. Jetzt wissen wir, der Film ist eine Komödie, es gibt noch Hoffnung und wir können fröhlich das Kino verlassen.
    • Der Held (immer noch meist der Held) steht in einem unauflösbaren Konflikt, der ihn einholt, gerade, weil er versucht – ihm zu entkommen, oder zu überwinden. Die Katastrophe geschieht, wie in der Komödie, aber kein Gott erscheint, um ihn zu erlösen, höchstens zu verdammen. Der Held stirbt (oder kommt an einen tabuisierten Ort, zum Beispiel ins Gefängnis). Wir trauern und befinden uns in einer Tragödie.
    • Ohne jede Katastrophe finden sich Held (immer noch) und seine Geliebte und dürfen sich behalten – wir sind in der Romanze, die sich fast nur noch bei Rosamunde Pilcher finden.
    • Die Form der Romanze wird als inhaltsleer entlarvt und karikiert. Die ersehnte Liebe vergeht, Langweile bleibt. Wir sind in der Farce, der ultimativen Dekonstruktion.

Fast jeder Film nimmt eines dieser Themen auf, Ausnahmen sind selten und meist nur Vermischungen verschiedener Kategorien durch die Verwendung mehrerer Protagonisten.

  • Wenn Filme sich nicht in privatistische Idealwelten ohne Gewalt und Ungerechtigkeit zurückziehen, so ist Gewalt die einzige effektive Lösung. Der Mythos der erlösenden Gewalt wird bestätigt und bestärkt. Mittlerweile zeigen zwar sogar ausgesprochene Actionfilme einige negative Konsequenzen von Gewalt. Das Leiden der Opfer, die Trauer der Hinterbliebenen und sogar die Probleme der Täter werden erstaunlich oft zumindest am Rande in neueren Actionfilmen gezeigt. Gleichzeitig wird verstärkt eine klare Unterscheidung zwischen illegitimer Gewalt der Bösen und der tragischen, aber legitimen und notwendigen Gewalt der Guten gemacht. Das bedeutet auch, dass Leiden und Tod der Bösen nicht hinterfragt wird, während der Tod eines Guten emotionalisiert und tragisch dargestellt wird und mehr Blutvergießen fordert. (Eine bemerkenswerte Ausnahme ist diese Szene aus Herr der Ringe: Die Zwei Türme).YouTube Preview Image
  • Der Erzbösewicht (ja, der) muss am Ende des Filmes immer sterben, oder zumindest hinter Gitter. Aus seiner Perspektive wäre der Kuss des Paares wohl eine Tragödie. Seine Existenz ist unvereinbar mit der Lösung des Konflikts. Versöhnung ist ausgeschlossen.
  • Ein winziger Bruchteil aller Spielfilme besteht den Becchel-Test. Dieser Test einer Feministin besteht aus drei Fragen: 1. Enthält der Film mindestens zwei Frauen mit Namen? 2. Reden diese zwei Frauen miteinander? 3. Über etwas anderes als einen Mann?Diese Fragen helfen uns, darüber nachzudenken, ob Frauen wirklich gleichberechtigt in diesen Filmen auftauchen (Die Antwort ist nein. Und es ist noch nicht mal irgendwo in der Nähe von einer Frauenquote von 40%). Der einzige Film der letzten Zeit, der den Test besteht ist Sister Act. Peinlich. (Dasselbe kann man mit anderen Randgruppen machen und auf noch deprimierendere Ergebnisse kommen. Wie viel Schwarze, Schwule, Alte, oder Kinder kommen in den meisten Filmen vor?)

Warum mache ich mir eigentlich so viele Gedanken über Spielfilme, die größtenteils flache und vorhersagbare Geschichten erzählen? Können wir uns nicht einfach den Film ansehen und entspannen? Muss man immer alles kritisieren und überinterpretieren?

Ich denke, Filme sind mehr als bloße Freizeitbeschäftigung. Seit Menschengedenken erzählen sich Menschen gegenseitig Geschichten. Und diese Geschichten sind nicht nur Freizeitbeschäftigung. Sie thematisieren die Fragen unserer Existenz, geben uns Bedeutung und Halt. Sie prägen und bestätigen unser Weltbild.

Als unsere Vorfahren sich um das Feuer versammelten und die Alten Geschichten erzählten, dann erklärten sie damit den Lauf der Welt, das Wesen der Dinge und den Sinn unseres Lebens. Manche dieser Geschichten sind uns erhalten, und die Bibliotheken, die mit ihren Interpretationen gefüllt sind, sind Zeugnis für ihre Wirkungsmacht. Durch Aufnahme, Auslegung, Weitergabe und Anpassung dieser Geschichten gewinnen sie an Bedeutung und werden Teil unserer Kultur.

Mit der Erfindung der Schrift wurde es möglich Geschichten zu kodifizieren und sie als endgültig zu erklären. Der Buchdruck machte es möglich diese Geschichten zu verbreiten und so die „Wahrheit“ vielen mitzuteilen, die ihre eigenen Geschichten dann aufhörten zu erzählen und die „wahre“ Geschichte erzählten. Massenkommunikationsmittel wie das Fernsehen ermöglichen es nun, allen vernetzten Personen die gleiche Geschichte zu erzählen. Diese zentralisierten Kommunikationsformen geben denjenigen, die sie kontrollieren, die Möglichkeit „die Wahrheit“ zu gestalten – wie wir zum Beispiel im Vorlauf des Irakkriegs sahen und jetzt wieder mit Iran.

Außerdem verwandeln wir uns mit fortschreitender Zentralisierung der Kommunikation immer mehr in Konsumenten. Wir hören auf uns gegenseitig Geschichten zu erzählen und setzen uns im Wohnzimmer vor den Fernseher (oder in der Höhle vor den Laptop).

Oft wird die Freiheit des Internets beschworen, indem jede/r Kultur schaffen kann und weitergeben kann. Zum einen ist diese Freiheit doch eher mau, zum Beispiel schränkt mich das Format dieses Blogs ein und um es zu ändern muss ich mich einer Kunstsprache unterwerfen. Noch größer ist Uniformität der Individualität auf Facebook, wo ich meine Persönlichkeit in gleichgroßen Bildern und Statusmeldungen, die ich am besten mit Markennamen und ähnlichem spicke, darstellen darf. Gleichzeitig arbeiten die Kräfte der Zentralisierung mit aller Kraft daran, diese Freiheit zu zerstören. SOPA (Stop Online Piracy Act) und ACTA (Anti Counterfeit Trade Agreement) sind nur die letzten in einer Reihe von Versuchen das Internet einzuschränken und in seinem Wesen endgültig zu einem Mittel der Propaganda zu machen (Erinnert sich noch jemand an den Bundestrojaner?).

Zurück zu den Filmen. Wenn Geschichten wirklich unser Weltbild prägen und bestätigen, können sie es dann auch infrage stellen? Und was ist mit Bewusstmachung?

Ich denke, wir sollten Filme ernster nehmen, und sie kritisieren. Wenn wir Gewalt ablehnen, aber kritiklos jubeln, wenn der Bösewicht am Ende des Films erschossen wird, glauben wir dann nicht immer noch an die erlösende Kraft der Gewalt? Wenn wir für Gleichberechtigung sind und doch nicht bemerken, dass immer nur weiße 30-Jährige Männer in den Filmen auftauchen, was heißt das für unseren eigenen Rassismus, Sexismus, Ageismus?

Gleichzeitig sollten wir ernst nehmen, wie wichtig vielen Menschen Filme sind und, dass diese sie unbewusst internalisieren. Oft werden diese Menschen Kritiker als Korinthenkacker und Spaßverderber wahrnehmen. Ich denke, es ist wichtig anzuerkennen, dass Filme die Weltsicht stark prägen und eine Erschütterung dieses Glaubens in die Verteidigung zwingt. Man sollte also behutsam vorgehen und zuerst den Balken im eigenen Auge sehen.

Außerdem lohnt es sich nach ungewöhnlichen Geschichten Ausschau zu halten – ein Ratgeber dazu kann Vic Thiessens englischsprachiger Filmblog sein. Und zu guter letzt sollte man sich auch nicht die Laune ganz von der Kritik verderben lassen, einfach nur im Hinterkopf behalten.

Ich werde in Zukunft ab und zu Analysen von Filmen oder Szenen hier veröffentlichen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*