Faschisten lieben?!

Diesen Text habe ich für das heutige von unserem Jugendkreis gestaltete Friedensgebet im Rahmen der Friedensdekade: „Es ist Krieg. Entrüstet euch.“ geschrieben.

Die Verse, die wir ausgewählt haben, sind:

 

Wenn möglich, soviel an euch ist, lebt mit allen Menschen in Frieden! Rächt euch nicht selbst, Geliebte, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes! Denn es steht geschrieben: „Mein ist die Rache; ich will vergelten, spricht der Herr.“
Wenn nun deinen Feind hungert, so speise ihn; wenn ihn dürstet, so gib ihm zu trinken! Denn wenn du das tust, wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln.“
Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit dem Guten! Röm 12,18,21
Als die Zeit näherrückte, in der Jesus die Erde verlassen und in den Himmel zurückkehren sollte, machte er sich entschlossen auf den Weg nach Jerusalem.
Er schickte Boten voraus; diese kamen in ein Dorf in Samarien und wollten dort eine Unterkunft für ihn besorgen.
Aber weil er auf dem Weg nach Jerusalem war, wollte man ihn nicht aufnehmen.
Als seine Jünger Jakobus und Johannes das hörten, sagten sie: »Herr, sollen wir befehlen, dass Feuer vom Himmel fällt und sie vernichtet?«
Da wandte sich Jesus zu ihnen um und wies sie streng zurecht.
Sie übernachteten dann in einem anderen Dorf. Lk 9,51-56

Als ich an dem Haus vorbei lief, konnte ich meinen Augen kaum trauen, direkt aus dem Geschichtsunterricht trat der Faschismus direkt vor mich und forderte mich durch die gehisste Reichskriegsflagge in einem Bammentaler Garten heraus.
Allzu oft hatte ich solche Flaggen schon bei Naziaufmärschen gesehen, als dass ich sie als Symbol erzkonservativer Kaisertreue hätte deuten können – das war eindeutig ein Nazisymbol.
Was tun, als überzeugter Antifaschist? Wie die Jünger wünschte ich Feuer vom Himmel und überlegte dem himmlischen Treiben auch ein wenig nachzuhelfen. Eine brennende Flagge als Zeichen gegen brennende Bücher, Reichspogromnacht und Todeslager.
Symbolische Gewalt gegen Dinge ist für mich keine richtige Gewalt. Sie sendet ein Zeichen – aber was für eins ist die Frage.

Wahrscheinlich eins der Ablehnung und des Hasses. Zurecht, schließlich reden wir hier vom Faschismus, den ich auf jeden Fall ablehne und auch hasse. Aber was ist mit dem Flaggenhisser? Lehne ich den auch ab und hasse ihn?
Ich muss zugegeben, dass ich es tue. All die Liebe, die Christus mir gezeigt hat, in seinem Tod für uns und die Auferstehung durch den Vater, Christi Vorbild und eindeutige Mahnung, all das fasziniert mich und zieht mich an, aber es hat mich nicht so erfüllt, dass ich diesen Menschen lieben kann.

Aber ich wollte mein bestes tun und so ging ich betend zu ihm hin, mein Vater stand mir im Gebet bei, und zitternd klingelte ich.

Die Tür öffnet sich und wir reden. Ich frage was er mit der Flagge bewirken will, er wird aggressiv, ich solle sein Grundstück verlassen, ich versuche auf meine Worte zu achten, sage ihm aber auch, dass die Flagge ein Nazisymbol ist – nein, ist sie nicht, dass sei die Reichskriegsflagge des Kaiserreichs – ich stimme ihm zu, aber mittlerweile benutzen sie Neonazis, und das Kaiserreich habe auch einen Weltkrieg zu verantworten.  Ich werde gepackt und durch seinen Glasvorbau gedrückt, ich rede weiter, davon, dass er sich bewusst sein müsse mit Neonazis in Verbindung gebracht zu werden, und bitte ihn die Flagge zu entfernen. Ich habe drei Sekunden sein Grundstück zu verlassen, sonst schießt er auf mich.
Ich stolpere die Treppe herunter und werde von ihm unter als Beleidigungen gemeinten Schreien, wie Anarchist  über das Gartentor geworfen. Draußen rede ich weiter, er zielt auf mich und ich fange bewusst an ihn zu provozieren: Ich bin doch draußen. hier herrsche immer noch Redefreiheit. Seine Partnerin fleht mich an zu gehen und will die Polizei rufen, er geht rein, um zu sehen, ob der Weg nicht auch noch zu seinem Grundstück gehört.

Als beide weg sind, nutze ich die Gelegenheit, zu verschwinden. Den ganzen Heimweg zittere ich und entdecke, dass ich vom Glas einen kleinen Kratzer davongetragen habe.

Ich bete für den Mann und bin nicht mehr wütend, eher traurig. Mein Vater ist auch noch mal hingegangen, wurde aber nicht bedroht. Die Flagge hängt immer noch. Ich laufe immer noch an ihr vorbei.

Was hat mein Einsatz nun gebracht?
Ich rede mir gerne ein, ich hätte brennende Kohlen auf sein Haupt gestreut, aber es scheint mir, dass ich ihn nicht in Gewissensnöte gebracht habe und er seine rechte Gesinnung nicht überdacht hat.
Wahrscheinlich hat das ganze vor allem mir etwas gebracht. Ich musste mich mit dem Mann auseinandersetzen, war physischer und verbaler Gewalt ausgeliefert und lernte, was es heißt für seine Feinde zu beten.
Ich versuche mein Bestes, aber bis jetzt kann ich den Mann nicht lieben. Ich räche mich nicht, sondern vertraue auf Gottes Gerechtigkeit und versuche dem Gutes zu tun, oder ihm aus dem Weg zu gehen.

2 Gedanken zu „Faschisten lieben?!

  1. Ich will mich mit diesem Kommentar nicht zum Artikel äußern, sondern zu deinem Blog als gesamtes.
    Mir gefällt es sehr sehr gut, dass du über Frieden aus christlicher Sicht berichtest, denn dies geschieht sehr selten.
    Ich wünsche dir weiterhin viel Erfolg
    der Freiheitsliebende

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