Das Gefährliche an der CPT-Arbeit

Bevor ich nach Griechenland geflogen bin, haben mir verschiedene Leute gesagt, dass sie sich „sowas nie trauen würden“, „ich ganz schön mutig sei“, oder „ein Held“.

Diese Reaktion fand ich immer sehr seltsam und sie wollte eine sehr gute Antwort schreiben, damit ich nicht am Ende wieder als Held und auch noch demütig da stehen würde.

Ich hatte ein paar Punkte warum die Arbeit mit Christian Peacemaker Teams nichts für Helden sei (besonders in Griechenland):

  • Wir setzen uns hier gegen unmenschliche Gesetze und Praktiken, unter anderem auch Polizeigewalt ein, aber deswegen werde ich nicht von der Polizei verprügelt. Die ganze Idee ist ja, als internationale Präsenz Gewalt zu reduzieren.
    (In Palästina haben Siedler und Soldaten auch schon internationale Menschenrechtsbeobachter angegriffen und natürlich könnte das auch hier passieren, aber wir begeben uns hier gar nicht in solche Situationen hinein.)
  • Ich gehe in einer Woche wieder und kann diese Situation dann hinter mir lassen. Natürlich nehme ich Erfahrungen mit und will mich auch zuhause engagieren, aber wenn es hier HeldInnen gibt, dann sind es z.B. die Leute vom Dorf Aller Gemeinsam,  oder die Flüchtlinge, die alle nicht aus dieser Situation herauskommen und trotzdem weitermachen.
  • Das Wetter hier ist großartig.
    Wenn es Helden bei CPT gibt, dann die, die in Kanada arbeiten.

Das waren meine Punkte und ich dachte, dass ich damit gut zeigen könnte, dass ich hier in dieser Arbeit kein Held bin, auch wenn es wichtige Arbeit ist.

Aber ich lag falsch, es ist sehr gefährlich hier zu arbeiten und ich bin wohl doch ein Held.
Gestern Abend habe ich mir auf dem Heimweg von einer Kneipe den Knöchel verstaucht, war heute im Krankenhaus und jetzt habe ich einen dicken Gips am Fuß.

Zum Glück kann man auch am Laptop für den Frieden arbeiten

Offensichtlich ist es sehr gefährlich ein CPTer zu sein, besonders die Heimwege von der Kneipe.

 

 

 

 

Nachtrag: Was mich neben der Tatsache, dass ich kein Held bin an der Aussage stört, ist der Eindruck, dass eine solche Aussage versucht, Engagement zu etwas Besonderem und damit nicht für alle möglichen zu machen. Frei nach Dorothy Day: „Don’t call me a saint“.
Ich meine nicht, dass alle bei CPT arbeiten müssen.
Aber tätige Nächstenliebe und ja, auch politischer Aktivismus, sollten etwas für alle sein.

Selbst in der Krise ist Pikpa effizienter als das Migrationsregime

Nachdem der letzte Artikel die Überlastung zu Beginn der Woche dargestellt hat, sollte ich euch auf den neuesten Stand bringen.

Flüchtlinge warten darauf, photographiert und dann nach Moria gebracht zu werden.Nach dem Treffen mit dem Bürgermeister brachte die Küstenwache tatsächlich niemand mehr und die Polizei kam mehrmals täglich (und tagsüber statt mitten in der Nacht), um Leute nach Moria zu bringen. Sie überlegten sich sogar, wie sie den Prozess effektiver gestalten können und fingen an, Leute schon in Pikpa zu photographieren, um dann in Moria Ein Polizist photographiert einen Flüchtling, bevor er nach Moria gebracht wird.schneller das „white paper“ ausstellen zu können.
Wenn die Leute dann in den Bus steigen mussten, kannten die Polizisten sie schon und das ganze Rumschreien war unnötig.
(Unnötig war es natürlich vorher schon, aber diesmal brauchten nicht einmal die Polizisten es.)

 

 

Und Tee haben sie auch noch mitgebracht!

Ein Flüchtling besteigt einen Bus der Küstenwache, um nach Moria gebracht zu werden. Diese Busse werden meist total überladen.

Natürlich haben sie damit versucht sich bei den Flüchtlingen und dem Dorf Aller Zusammen gut darzustellen.
Aber sollen sie nur. Was mich wirklich stört ist, dass sie nicht vorher auf die Idee gekommen sind, ein solches Prozedere einzuführen und dass sie wahrscheinlich in ein paar Tagen wieder zur alten Methode, mitten in der Nacht zu kommen und rumzuschreien, zurückkehren werden.

Volleyball am SonntagMittlerweile sind nur noch ungefähr hundert Leute in Pikpa untergebracht, die eigentliche Maximalkapazität. Es ist deutlich ruhiger, akustisch und atmosphärisch. Heute war ich kurz da und habe Volleyball gespielt.

Wie zu erwarten, war ich der schlechteste in der Runde.

 

Politisch hat der Bürgermeister anscheinend zurückgerudert. Nach vielen Artikeln von Mitgliedern des „Dorfs Aller Gemeinsam“ und wahrscheinlich auch Gesprächen mit Beamten, die verstehen, dass Pikpa notwendig ist, hat er versichert, dass er die Flüchtlinge unterstützen will. Aber genaueres gibt es noch nicht.
Jedenfalls wird Pikpa wohl nicht geschlossen.

Vorbereitungen für die PressekonferenzAm Freitag war ich bei einer Pressekonferenz, die die Mitglieder des „Dorfs Aller Gemeinsam“ in Pikpa abhielten. Ich gab ein kurzes Statement für CPT ab, warum wir Pikpa unterstützen und versuchte ansonsten mein Gesicht unter Kontrolle zu halten.
Es ist mir nicht immer gelungen.

 

Ich möchte diesen Moment nutzen, um Bilanz zu ziehen, wie Pikpa als offenes Lager mit dieser Krise umgegangen ist:

Zur Hochzeit waren circa sechshundert Menschen in Pikpa untergebracht, aber auch schon in den Tagen davor waren es ungefähr vierhundert. Damit waren 4-6mal soviel Menschen dort, wie vorgesehen.

Die Essensausgabe dauert bis zu zwei Stunden, weil garantiert werden musste, dass niemand zweimal nimmt. Es gab zu wenig Bettzeug und die Freiwilligen mussten nachts Menschen Decken wegnehmen, um sie denen zu geben, die auf dem Boden schliefen. Irgendwann brachte UNHCR 200 Schlafsäcke, aber selbst das war nicht genug (abgesehen davon, dass auch das eine Aufgabe der Behörden ist).

Hygiene wurde zu einem Riesenproblem. Seife ist rationiert, aber auch diese Ration muss ausgegeben werden. Die Toiletten und Duschen waren schon vorher ein Problem, aber jetzt mussten 600 Menschen die sechs Toiletten benutzen, von denen zwei verstopft und die übrigen auch nicht einwandfrei funktionierten. Außerdem war der Abwassertank eigentlich schon vor der Krise voll. Er floss also über – zum Glück nur in einem bestimmten Gebiet. Das vom Caterer gelieferte Essen kommt in Einweggeschirr. Die Mülltonnen waren sofort voll und irgendwann kümmern sich Menschen, die meinen morgen weiterzureisen einfach nicht mehr um den Müll, den sie hinterlassen.

Spannungen zwischen Volksgruppen entstanden, weil sich die Afghanen gegenüber den Syrern benachteiligt fühlten und die Somalis schon seit zwei Wochen da waren und nicht klar war, ob die Polizei sie überhaupt noch abholen würde.

Kein Mangel an Problemen also. Und nur eine Handvoll Freiwilliger, und einige Langzeitbewohner von denen nur drei fließend arabisch und zwei fließend persisch können, um sich um all diese Probleme zu kümmern.

Und dennoch gab es in dieser Zeit zwei kleine Schlägereien (wurde mir erzählt, ich war bei keiner dabei), niemand wurde ernsthaft verletzt oder gar getötet. Es brach keine Epidemie aus, und die Leute lächelten immer, wenn sie uns sahen.
Der Witz der Woche war „Sie [die Küstenwache] haben noch mehr gebracht“ und jedes Mal wenn sie tatsächlich kam, applaudierten die Leute.
Abgesehen von ein paar Ausnahmen teilten die Menschen, wenn man sie daran erinnerte und halfen auch sofort mit, wenn sie nur sahen, dass ich Müll sammelte.

Im First Reception Center Moria sind rund um die Uhr fünf bewaffnete PolizistInnen, die wenn nötig Verstärkung rufen können, ein Sozialarbeiter, mehrere ÄrztInnen und Rechtsanwälte und eine Kapazität von 150 Insassen, die nicht überschritten wird, weil man Leute lieber im Hafen schlafen lässt.
Trotzdem hören wir, dass es dort und in anderen offiziellen Einrichtungen regelmäßig zu Schlägereien unter Flüchtlingen und auch zu Aufständen gegen die Wachen kommt.

Klingt fast so, als ob Leute sich besser benehmen, wenn man sie sich frei bewegen lässt und menschlich mit ihnen umgeht, als wenn man sie einsperrt und anschreit. Ohne dass sie irgendjemanden verletzt hätten, oder etwas schlechtes getan hätten, außer eine imaginäre Linie zu übertreten ohne Erlaubnis, weil es für sie keine Möglichkeit gab, die Erlaubnis zu erhalten und sie vor Krieg und Folter fliehen.

Griechenland und die gesamte EU könnte eine Menge Geld sparen, wenn man wenigstens an den Ankunftsorten in der EU, Lesbos, Lampedusa, Ceuta und Melilla, wo sowieso kaum eine/r bleiben will, offene Lager einrichtet.

Und nebenbei wäre es auch sehr viel menschlicher.

Pikpa kollabiert an der Verantwortungslosigkeit der Behörden

Die letzten Tage war ich sehr beschäftigt und kam leider nicht zum Bloggen.
Ab und zu war es möglich die neuesten Entwicklungen auf der Facebookseite von Christian Peacemaker Teams Europe festzuhalten, aber für viele Dinge ist es schwer überhaupt Worte zu finden. Ich versuche hier die Entwicklungen der letzten Tage zu skizzieren.

In der ersten Woche schrieb ich einen Artikel über Pikpa, zu dem Zeitpunkt waren dort vielleicht 150 Menschen untergebracht, was bereits eine Überlastung darstellte, da das Willkommenszentrum für 80-100 Leute ausgerichtet ist. Aber durch die unermüdliche Arbeit der Freiwilligen vom „Dorf Aller Zusammen“ konnten alle Menschen mehr oder weniger gut versorgt werden.
Dann gab es ein technisches Problem mit der Machine, die die Fingerabdrücke macht, und die Polizei nahm keine Leute mehr mit nach Moria, da es mit 150 Leuten voll sei. Gleichzeitig brachte die Küstenwache weiterhin alle Neuankömmlinge nach Pikpa, das bereits überladen war. Weil die Polizei einfach niemanden aufnahm, musste Pikpa einspringen, weil die Menschen sonst auf den Straßen oder im Hafen geschlafen hätten.
Fast eine Woche lang nahm die Polizei niemand mit und als sie dann wieder anfingen, fuhren sie im alten Tempo fort und brachten sogar noch Leute nach Pikpa, die die Fähre verpasst hatten.

Am Montag kamen zweihundert neue Flüchtlinge an und es waren auf einmal sechshundert Flüchtlinge in Pikpa – sechsmal so viel, wie sie maximal aufnehmen konnten.
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Die Küstenwache organisierte Essen für alle, aber sonst nichts. Keine Decken, keine medizinische Versorgung, nicht einmal die Müllabfuhr kam öfter vorbei.

Es entstanden Konflikte unter den verschiedenen Flüchtlingsgruppen, da manche sich benachteiligt fühlten, weil z.B. SyrerInnen schneller abgeholt wurden, während einige somalische Flüchtlinge schon seit Wochen warteten.

EssenschlangeSchließlich bat das „Dorf Aller Gemeinsam“ den neuen Bürgermeister Spyros Galenos um ein Treffen, um die Lage zu schildern und zu verlangen, dass die Behörden mehr Verantwortung übernehmen.
Sie hatten nicht viel Hoffnung, denn obwohl die Politik auf Pikpa und die Freiwilligen vom „Dorf Aller Gemeinsam“ angewiesen ist, haben sie deren Arbeit nie anerkannt, geschweige denn unterstützt. Der neue Bürgermeister hatte im Vorfeld gesagt, er werde das Willkommenszentrum in Pikpa schließen und es wieder als Sommerfreizeitlager eröffnen lassen. Der Chef der Küstenwache hatte sie sogar als „Hausbesetzer“ bezeichnet und behauptet, Flüchtlinge kämen nach Lesbos, weil sie hier so gut aufgenommen würden. Gleichzeitig haben die Autoritäten all ihre Probleme auf Pikpa abgewälzt, da es weit ab von den Augen der Öffentlichkeit ist und sie wussten, dass die Freiwilligen sich um die Flüchtlinge kümmern.

Das Treffen, an dem wir als CPT teilnahmen, machte dann aber einen ganz anderen Eindruck. Bürgermeister Galenos hörte sich an, was die Freiwilligen vom Dorf aller gemeinsam zu sagen hatten und versprach Unterstützung. Man einigte sich, dass Pikpa vorübergehend keine Flüchtlinge mehr aufnehmen würde, bis es geleert sei und dass die Küstenwache die Menschen direkt nach Moria bringen solle, um Druck aufzubauen.
Nach dem Treffen besuchte er Pikpa und äußerte sich erstaunt darüber, dass die Flüchtlinge so „ruhig und fröhlich“ seien, trotz der überfüllten Lage.

DSC00999Er posierte in vielen Fotos und schüttelte Hände, wie man es von Politikern kennt.

Jemand bat mich als Teil von CPT um ein Statement und ich sagte Herrn Galenos, dass Pikpa ein großartiger Ort der Gastfreundschaft sei, der seine Unterstützung verdiene. Ich sagte, dass eine solche Unterstützung durchaus auch den Ruf Mytilenes und Lesbos verbessern könnte, was sich eventuell auch auf den Tourismus auswirken könnte.

Er sagte mir:

Bitte erzähle deinen Freunden und den Medien, wie ich Pikpa unterstütze.

Ich wünschte ich könnte es.

Bei sechshundert Leuten sammelt sich schnell Müll an. Die Flüchtlinge sammeln den Müll selbst ein.Aber leider sieht die Sache anders aus. Zwar begann die Polizei noch am selben Tag sehr viel schneller zu arbeiten und Menschen zu registrieren, aber Bürgermeister Galenos veröffentlichte auch einen Brief an die Küstenwache, in dem er ankündigte, seinen ursprünglichen Plan durchzuführen und das Willkommenszentrum bis Ende September zu schließen und Pikpa wieder in ein Jugendsommerlager zu verwandeln.

Er verdrehte alle unsere Aussagen und verglich Pikpa mit dem berüchtigten Flüchtlingslager Pagani, das vor ein paar Jahren wegen der schrecklichen Bedingungen und des massiven Protest dagegen (u.a. vom Dorf Aller Gemeinsam) geschlossen wurde. Er verschwieg, dass es die Verantwortung der Behörden ist, für die Grundbedürfnisse der Flüchtlinge zu sorgen und erwähnte mit keinem Wort die aufopfernde Arbeit der Freiwilligen vom Dorf Aller Gemeinsam.

Meine Aussage verdrehte er dahingehend, dass er sagte, dass solche Bedingungen Mytilene international blamieren würden.

Diese schamlose Verdrehung der Vereinbarung schockierte uns alle sehr. Ein paar Leute vom Dorf Aller Gemeinsam hatten schon Zweifel an seiner Ehrlichkeit geäußert, aber letztlich waren alle überrascht. Das war natürlich die Taktik des Bürgermeisters, der einfach behauptete im Einverständnis mit den Beteiligten und sogar im Sinne der Flüchtlinge zu handeln, während die AktivistInnen erst einmal Zeit brauchten ihre Reaktion zu formulieren.

Mittlerweile haben einige Mitglieder der Initiative Antworten in den Lokalzeitungen veröffentlicht und am Samstag soll es eine Pressekonferenz in Pikpa geben. Aber einen Tag lang konnte der Bürgermeister seine Version der Geschichte verbreiten.

Ich wünschte, ich könnte euch allen sagen, dass Bürgermeister Galenos sich für die Gastfreundschaft in Pikpa und für die Flüchtlinge einsetzt. Aber leider sieht es so aus, als habe er sich gegen diese pragmatische und menschliche Initiative entschieden, und halte an der utopischen Idee fest, Migration könne durch Lager und Legalismus gestoppt werden.

Aus meinen bisherigen Gesprächen mit den EinwohnerInnen Mytilenes unterstützen sie Pikpa und waren entsetzt über die Bedingungen in Pagani. Als Pikpa begann kamen viele Leute und brachten Essen, Kleidung und andere Bedarfsgegenstände. Es bleibt zu hoffen, dass sie sich jetzt wieder mit Pikpa solidarisieren und Bürgermeister Galenos zeigen, dass er nicht seine Stadt repräsentiert.

Strandgedanken


Besagter Strand ist im Hintergrund zu sehen

Gestern lag ich auf einer Pritsche am Strand und badete in der Sonne. Es war Sonntag und obwohl natürlich immer noch ungefähr vierhundert Leute in Pikpa sind (viermal so viel, wie geplant) mussten wir einfach mal entspannen.

Das ist ein Luxus, den Flüchtlinge nicht haben; sie können zwar an den Strand gehen, oder Karten spielen, aber ihre Situation ändert sich dadurch nicht. Sie sind immer noch dem System ausgeliefert und können nur warten, bis die Polizei sie abholt. Sie müssen Geld auftreiben für den nächsten Teil der Reise, und sich in die Hände von Schleppern begeben, die teilweise horrende Summen von ihnen verlangen und sich kaum um sie kümmern. Vielleicht haben sie Freunde und Familie auf der Reise verloren und haben selbst Gewalt von den „Grenzschützern“ erlebt, und diese Ereignisse verfolgen sie immer noch.
Zurück können sie auch nicht, so sehr viele Menschen in der EU sich das auch einbilden. Zurück, dass heißt zurück in den Krieg, zurück zur Folter oder zurück zu Familien, die nichts mehr haben, weil sie ihr gesamtes Vermögen dem jungen Mann anvertraut haben, in der Hoffnung, dass er Arbeit in Europa findet und die Familie so unterstützen kann.

Aus dieser Situation gibt es kein Entkommen, sie bleibt bei den Menschen und kommt auch immer dann, wenn niemand sonst bei ihnen ist. Vor der Verzweiflung gibt es nur eine weitere Flucht – ins Leben. Viele Menschen, die wir treffen, wollen nicht zur Ruhe kommen, sie wollen ja immer weiter um dann irgendwann anzukommen.
Ich kenne einen, der hier bleiben muss, weil er kein Geld mehr hat. Er rennt jeden Tag nach Mytilene oder noch weiter und schwimmt und dann muss in Bewegung bleiben.

Wenn ich in Pikpa bin freue ich mich, mit neuen Freunden zu reden und zu sehen, wo es etwas zum Helfen gibt, auch wenn wir wenig tun können. Obwohl mittlerweile viel zu viele Leute da sind, ist die Stimmung meist immer noch ruhig und Streit wird schnell geschlichtet. Ich mache die Erfahrung, dass diese Menschen mich aufmuntern und mir Mut machen, dabei hatte ich mir vorgestellt, es wäre anders herum. Aber sie bedanken sich bei uns, dass wir auftauchen. Anscheinend gibt es eine Art von Gegenseitigkeit, in der sich Menschen, die nichts zu geben haben, gegenseitig aufbauen können. Entgegen aller Gesetze der Physik.

Aber wenn wir nach Hause fahren, falle ich in ein Loch und merke, dass mich die Geschichten und die vielen Stimmen erschöpft haben. Es ist vieles, was mir Hoffnung gibt, oder mich einfach wütend macht, was ja auch eine Art von Energie ist, aber letztlich muss ich diese Energie wieder sammeln, um konstruktiv weiter zu arbeiten.

Ruhe ist ein Teil des Lebens und ist eine Bedingung für sinnvolles Arbeiten. Das Sabbatgebot wird in der Tora doppelt begründet: mit der Schöpfung und als Erinnerung an die Befreiung aus der Sklaverei. Wir brauchen die Ruhe also von Natur aus, sie ist aber auch ein Fest unserer Würde.

Das Problem mit der Ruhe entsteht für mich dort, wo ich sehe, dass diese Ruhe, diese Grundbedingung des Lebens anderen Menschen unmöglich wird, entweder weil sie zur Untätigkeit gezwungen werden – Untätigkeit ist nicht dasselbe wie Ruhe – oder weil ihnen die Entspannung unmöglich gemacht wird. Wie soll ich damit umgehen? Ich bin hier um solidarisch mit diesen Menschen zu sein, wie kann ich da einfach am Strand liegen?

Es bleibt eine schwierige Frage, und gestern am Strand brauchte ich eine Weile, um wirklich zur Ruhe zu kommen und dabei keine Schuldgefühle zu kriegen. Ich will meine Freunde nicht verdrängen müssen, um entspannen zu können.

Wie mit dem Ruhegebot denke ich, dass es zwei Aspekte sind, die mir helfen soviel Ruhe zu finden, wie ich brauche.

  1. Ich brauche sie.
    Ich muss mich entspannen, mich aus diesem Chaos herausziehen, weil ich sonst zusammenbreche und gar nichts mehr tun kann. Mir meiner Schwächen bewusst zu werden ist ein wichtiger Aspekt, um besser zu arbeiten, aber auch aus dem Mythos aufzuwachen, als weißer Mann könnte ich alle Probleme lösen. Das kann ich nicht. Ich brauche vielmehr die Unterstützung von anderen und ich brauche eben auch Ruhe. Stärke ist das Eingestehen der Schwäche, nicht das Weiterkämpfen, wenn man nur noch humpelt.
  2. Es ist ein Fest meiner und letztlich der Freiheit aller.
    Ja, Flüchtlinge haben nicht dieselben Freiheiten wie ich. Das große Ziel aller dieser Arbeit hier ist darauf hin zu arbeiten, dass sie ebenfalls Bewegungsfreiheit bekommen und genauso hier am Strand liegen dürfen.
    Dass sie diese Freiheiten im Moment nicht haben, ist ein Grund zur Klage, aber nicht dazu, meine eigenen Freiheiten zu verachten. Denn wenn die wahnwitzige Idee, man könne Migration stoppen und beenden endlich von allen als Lüge entlarvt wird, werden alle diese Freiheiten haben.
  3. Privilegien müssen erkannt werden, und wir müssen darüber reden. 
    Dieses Ungleichgewicht bewusst zu machen und darüber zu reden, kann helfen mehr Menschen die Situation von Flüchtlingen, denen selbst grundlegende Freiheiten, wie das Recht auf Bewegungsfreiheit (in die EU, aber auch innerhalb der EU und selbst innerhalb eines Bundeslands), das Recht die Landessprache zu lernen oder eben das Recht auf Entspannung verwehrt werden.

Es geht nicht darum, mir meinen Strandtag madig zu machen, es geht darum, durch den Strandtag mir klarzumachen, dass andere diese Freiheiten nicht haben und neue Kraft zu schöpfen, für ihre Freiheit zu arbeiten. Mit Dr. Martin Luther King jr. glaube ich, dass wir gewiss sein können, dass der Tag kommen wird, an dem die Festung Europa ihre Mauern einreisst und alle Menschen, Flüchtlinge und Einheimische sagen können „Free at last, free at last, thank God Almighty, we’re free at last“

Einige der Migranten aus Pikpa am dortigen StrandUnd manchmal sehen wir schon kleine Teile dieses großen Tages, wenn wir zusammen Karten spielen, wenn sich ein Footballteam engagiert, um ihren senegalesischen Defensespieler entgegen der Residenzpflicht auf Auswärtsspiele mitzunehmen, oder wir zusammen das Brot brechen an einem Tisch, an dem alle willkommen sind.

 

Pikpa – ein echtes Willkommenszentrum

Wie soll man mit den Menschen umgehen, die aus ihrer Heimat geflohen sind und nach oft monatelangen Reisen auf Lesbos und anderswo ankommen, um in Europa ein sicheres und freies Leben zu finden?
Auf Lesbos gibt es zwei Lager, die wir regelmäßig besuchen und die archetypisch für zwei Weisen stehen, mit „den Anderen“ umzugehen: Moria und Pikpa.

Im letzten Artikel beschrieb ich die Lage in Moria, nun ist Pikpa dran.

Im oberen Stockwerk sind Frauen und Kinder untergebracht. Zur Zeit sind aber so viele in Pikpa, das einige andere Hütten auch für sie da sind und die Männer dafür im Freien schlafen.An Orten wie dem First Reception Center“ (FRC) Moria ist die Abschottungspolitik der „Festung Europa“ in Zement gegossen und demonstriert die Perspektivlosigkeit unserer Regierungen im den Umgang mit den Menschen, die auf der Suche nach Frieden und Sicherheit nach Europa kommen.

Unsere Partner vom „Village of All Together“ – „Das Dorf aller gemeinsam“ (VoAT) haben in Pikpa ein offenes „Willkommenszentrum“ gegründet, das zeigt, wie eine menschliche Politik aussehen kann.

In einem verlassenen Kinderfreizeitlager, das ihnen die Stadt nach einiger Überzeugungsarbeit überlassen hat, haben sie einen Ort geschaffen, an dem Flüchtlinge kommen und gehen können wie sie wollen.
Untergebracht sind sie in Holzhütten und es gibt ein großes Haus, dessen Obergeschoss für Frauen und Kinder reserviert ist. Bei der Ankunft erhalten die Flüchtlinge eine Broschüre mit Informationen zu ihren Rechten in Europa und es gibt AnsprechpartnerInnen, die juristische Beratung leisten können. Ein Flüchtling, der mittlerweile einen permanenten Aufenthaltsstatus hat, übersetzt und manche der Freiwilligen können ebenfalls Persisch oder Arabisch.

Die dritte Lektion des Griechischunterrichts: Die Verb „sein“ und „haben“. Ich lerne auch noch einiges, da Neugriechisch nur wenig mit dem antiken Griechisch zu tun hat.

Es gibt regelmäßig Griechischunterricht und die Freiwilligen von VoAT kümmern sich darum, dass Kinder, die länger bleiben die Schule vor Ort besuchen können.

Mittlerweile gibt es einen Deal mit der Polizei, dass sie für jeden Flüchtling Essen bereitstellen müssen, aber als Pikpa eröffnet wurde brachten viele Leute aus der Nachbarschaft Essen vorbei.
Insgesamt hat Pikpa einen sehr guten Ruf und die Menschen in Mytilene mit denen ich geredet habe, unterstützen es weiterhin. Die Leute von VoAT wohnen selbst auf Lesbos und achten sehr darauf, viele Einheimische zu involvieren.

Die Küstenwache bringt mittlerweile selbst die Flüchtlinge, die sie aufgreifen nach Pikpa und die Polizei holt sie von dort ab, um sie nach Moria zu bringen. Leider müssen sie immer noch dorthin, da die Polizei sich weigert den Leuten in Pikpa direkt das „white paper“ zu geben, dass sie brauchen, um die Fähre nach Athen zu nehmen und in Griechenland weiter reisen zu können.

Bei dieser Zusammenarbeit achten die KoordinatorInnen darauf, nicht kooptiert zu werden und den Druck aufrecht zu erhalten, der Pikpa möglich gemacht hat. Sie sind davon überzeugt, dass Migration normal und die Militarisierung der Grenzen kontraproduktiv ist.

So haben sie es geschafft, dass es in Pikpa weiterhin offene Tore und keine Wächter gibt. Die grundlegenden Regeln des Zusammenlebens werden von den Freiwilligen und den Flüchtlingen erfolgreich selbst durchgesetzt.

Eines der Häuser in PikpaLeider müssen die Behörden immer wieder an ihre Pflichten erinnert werden, z.B. die Versorgung mit Essen, oder das Abpumpen des Toilettentanks, der für die aktuelle Menge an Gästen einfach zu klein ist. Gleichzeitig versuchen sie Pikpa als „Besetzung“ zu delegitimieren
In Wirklichkeit sind sie aber auf das Erfolgsmodell Pikpa angewiesen, da Moria niemals die Menge an Flüchtlingen aufnehmen könnte. Selbst bei logistischen Fragen werden oft die KoordinatorInnen von VoAT gefragt, da Polizei und Küstenwache untereinander schlecht abgestimmt sind.

So wird Pikpa als offenes Lager weiterhin toleriert, auch wenn es in den Augen der Politik das „falsche Signal sendet“ – das Flüchtlinge in Europa willkommen sind.

Wir vom Mittelmeerprojekt der Christian Peacemaker Teams  finden sie senden genau das richtige Signal, und leisten wesentlich bessere Arbeit als die zuständigen Behörden1.
Das „Dorf aller gemeinsam“ ist unser Hauptpartner auf Lesbos und wir sind mehrmals die Woche dort, um Kontakt mit den Freiwilligen und den Flüchtlingen aufzubauen. Viele der Flüchtlinge treffen wir später in Moria oder an der Fähre wieder, wenn sie nach Athen fahren.
Besonders beeindruckend an Pikpa ist, dass es aus der Zivilgesellschaft entstand, um auf die konkreten Nöte einzugehen.
Nachdem die Hauptroute von der Türkei nach Griechenland über den Grenzfluss Evros durch eine Mauer und den massiven Einsatz von Überwachungstechnologien und Polizisten effektiv geschlossen wurde, machten sich 2012 immer mehr Flüchtlinge auf den wesentlich gefährlicheren Weg auf Booten nach Lesbos. Niemand war darauf vorbereitet und hunderte Flüchtlinge, darunter viele schwangere Frauen und Kinder, schliefen am Hafen und keine der zuständigen Autoritäten kümmerte sich darum.
Die Leute vom „Dorf aller gemeinsam“ schufen diesen Ort und bewahren ihn gegen die immer noch unwillige Politik.
Dabei wird hier deutlich, wie eine effektive und humane Asylpolitik aussehen könnte.

Wenn die Polizei kommt, um Menschen nach Moria zu bringen, beobachten wir die Situation und versuchen, diese Prozedur so menschlich wie möglich zu gestalten.
Es ist schon vorgekommen, dass Flüchtlinge stundenlang in der brütenden Hitze in einem Polizeivan sitzen mussten bei geschlossenen Türen.
Auf den Hinweis meines Kollegen doch die Tür zu öffnen, reagierten die Polizisten schnell und öffneten die Tür.

Ob sie es auf Bitten der Flüchtlinge getan hätten, bezweifle ich.

1Und das bei einem lächerlich niedrigen Budget. Während die EU das FRC Moria zu 75% finanziert hat, funktioniert Pikpa ausschließlich auf ehrenamtlicher Arbeit und Spenden.

Moria – organisierte Ungastlichkeit

Wie soll man mit den Menschen umgehen, die aus ihrer Heimat geflohen sind und nach oft monatelangen Reisen auf Lesbos und anderswo ankommen, um in Europa ein sicheres und freies Leben zu finden?
Auf Lesbos gibt es zwei Lager, die wir regelmäßig besuchen und die archetypisch für zwei Weisen stehen, mit „den Anderen“ umzugehen: Moria und Pikpa.

In diesem Artikel beschreibe ich die Lage in Moria, im nächsten dann Pikpa.

FRC Moria

Moria ist das offizielle „first reception center“ – „erstes Empfangszentrum“, in dem Flüchtlinge für einige Tage festgehalten werden, in denen sie  in eine europäische Datenbank eingetragen werden, bis sie mit einem sogenannten „white paper“ weiter geschickt werden. Das „white paper“ ist eine Anordnung der Polizei, Griechenland binnen eines Monats in Richtung ihres Heimatlandes zu verlassen, es dient Flüchtlingen aber de facto als Reisedokument und schützt sie innerhalb dieses Monats davor, von der Polizei aufgegriffen und dann für bis zu 18 Monate eingesperrt zu werden.

Das „First Reception Center“ (FRC) liegt ein paar Kilometer außerhalb des Dorfes Moria von dem es seinen Namen hat (eigentlich eine Schande, denn das Dorf ist wirklich schön).
Weit draußen werden die Einwohner des Dorfes Moria selten mit denen konfrontiert, die im Lager Moria festgehalten werden.

„Bewegungsfreiheit – Keine Grenzen“ hat jemand in die Mauer eingeritzt.

FRC Moria hat drei Zäune, jeweils mit Natodraht bestückt, durch die man muss, um zu den Flüchtlingen zu kommen. An jedem Tor gibt es Schlösser und Wachposten, aber als wir gestern dort waren, war niemand am ersten und am zweiten Wachposten.
Das dritte Tor schließlich ist verschlossen. Hier sind wir bis jetzt noch nie weiter gekommen, auch wenn wir immer einige Bedarfsgegenstände wie Windeln oder Damenbinden mitbringen und die Wachen jedes Mal ein bisschen entspannter sind.
Dennoch dürfen wir nicht bis zu den Flüchtlingen und dürfen auch keine Fotos machen.

Die Flüchtlinge haben sogar noch ein weiteres Tor weiter erst „freie“ Bewegung und so können wir nicht wirklich mit ihnen sprechen.
Dafür sprechen wir mit den „Doctors of the World“ einer NGO, die sich um die medizinische Versorgung der Flüchtlinge kümmert. Ihre Anwesenheit hier ist vertraglich geregelt und
sie befinden sich in der schwierigen Situation, Teil des Migrationsregimes zu sein, und es anzuklagen.
Ihre Berichte und durch die von MigrantInnen und Flüchtlingen, die Zeit im FRC Moria verbracht haben, zeichnen ein dunkles Bild von mangelnden hygienischen Bedingungen, willkürlichen Bestrafungen und der Entwürdigung von Flüchtlingen, die das Recht auf Asyl haben, aber wie Kriminelle behandelt werden.

Um zusammenzufassen: Das  „First Reception Center“ in Moria ist abseits und getrennt von der lokalen Bevölkerung, es ist architektonisch kaum von einem Gefängnis zu unterscheiden und auch die Behandlung derjenigen, die dort festgehalten werden zeigt, ist nicht angemessen. Man muss sich nur vor Augen führen, dass viele Flüchtlinge Folteropfer sind, oder ihnen in ihren Heimatländern das Gefängnis drohte und sie davor flohen.

Diese Art von Empfang erwartet Flüchtlinge, die ins FRC Moria kommen und sie müssen alle dorthin, da alle das white paper brauchen. Dies ist auch die Art von Empfang, die die EU-Politik unterstützt, die 75% der Kosten für das FRC übernommen hat.

Über eine andere Art, diese Menschen zu empfangen geht es im nächsten Artikel.

Das Sommerloch fehlt

In den letzten Monaten waren die Nachrichten noch ein wenig deprimierender als sonst. Normalerweise bringt die Tagesschau in ihrer Viertelstunde eine große Krise, um dann kurz etwas zur Innenpolitik zu machen und sich dann dem Sport und den wirklich wichtigen Dingen, wie Schumachers Comeback zu widmen.
Diesmal gab es vor lauter Blutvergießen in Gaza, Ukraine, Syrien und dem Irak manchmal gar keine Zeit mehr für Innenpolitik. Und Ebola musste auch noch Platz finden.
Man fragt sich, was aus dem Sommerloch geworden ist, dass im Sommer für lustige und unschuldige Beiträge über Zootiere und so was geführt hat.
Vielleicht gibt es das in Zeiten des Klimawandels nicht mehr, wie auch der Sommer unberechenbarer wird.

Mir jedenfalls fehlt das Sommerloch.

Außer Nachrichten über süße Tiergeburten und Promihochzeiten haben wir so auch nichts darüber erfahren, was nicht mehr in die Sendezeiten passt. Vor allem wenn es keine neue, große Katastrophe gibt, sondern die Zahl der Toten einfach stetig weiter steigt.
Bei einer Viertelstunde Sendezeit muss einfach abgewogen werden, und eine neue Terrorgruppe , oder vielleicht gar ein Comeback des Kalten Kriegs ist natürlich sexyer als die Abschottungspolitik der Europäischen Union, die auch nach Lampedusa mit einigen kosmetischen Änderungen einfach weitergeht.
Da geht es ja auch um die bösen Anderen, gegenüber denen „wir“ die Menschenrechte verteidigen.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Jede Situation, wo Menschen entwurzelt, vertrieben und getötet werden ist schlimm. Ich würde auch zustimmen, dass bestimmte Konflikte größere Auswirkungen auf andere Gebiete haben, als andere.
Der Krieg in der Ukraine, die Gräueltaten des Islamischen Staates und alle anderen bewaffneten Konflikte, aber auch die Ebolaepidemie in Afrika, die letztlich auch wegen der Unterentwicklungspolitik der „entwickelten Staaten“ so verheerend ist, das alles will ich nicht kleinreden.

Aber auch Festung Europa tötet.

Durch unterlassene Hilfeleistung, aber auch durch „Pushback-Operationen“, in denen Boote voller Migranten einfach wieder aus EU-Wässern herausgeschleppt wird und dann zurückgelassen wird. Teilweise waren diese Boote schon seeuntauglich, teilweise werden sie es von der Küstenwache noch gemacht.

Aber auch in den „Willkommenszentren“ sterben Menschen, oder durch Polizeigewalt, oder einfach durch rechte Schläger, die von der Polizei nicht aufgehalten werden.

Und oft sind es gerade die, die vor den Konflikten, in die die Politik „um der Verantwortung willen“ fliehen, die in der EU wie Kriminelle behandelt werden. Für deren Asylanträge aber kein in dubio pro reo gilt.

Für dieses Sterben – um nicht zu sagen Morden – hat unsere Politik viel direkter Verantwortung und  sie könnte auch sehr viel direkter eingreifen, ohne militärische Gewalt anwenden zu müssen und auch die Folgen eines Politikwandels sind um einiges vorhersagbarer als die Frage in wessen Händen deutsche Waffen letztlich wofür benutzt werden.

In letzter Zeit musste ich mir so oft erklären lassen, wie naiv ich bin und wurde gefragt, was ein Pazifist denn in dieser Situation tun sollte. Natürlich waren meine Antworten unbefriedigend, selbst wenn mir meine Gesprächspartner wirklich zugehört hätten.

Das liegt daran, dass ich eben nicht in dieser Situation bin, und es auch noch nie war.
Was ich hier in Lesbos tue, wie auch vor drei Jahren in Palästina, ist der Versuch, diesen Menschen zuzuhören und ihre Antworten zu hören. Dadurch komme ich nicht in ihre Situation, was ich ehrlich gesagt auch gar nicht will. Niemand will Gewalt erleben, vertrieben werden, fliehen müssen.

Aber wir können mit ihnen stehen, ihnen zeigen, dass sie uns nicht egal sind, und wir können uns wehrlos dem entgegenstellen, was ihnen jetzt droht.

Aber vielleicht rechtfertige ich ja auch nur vor mir selbst, warum ich nicht im Irak bin und trotzdem sage, dass Waffen dort auch nichts besser machen werden.

Übrigens gibt es auch ein Christian Peacemaker Team im Nordirak, das dort kurdische Menschenrechtsorganisationen begleitet und sich z.B. für von IS verschleppte jesidische Frauen einsetzt.

Erste Gedanken aus Lesbos

Heute bin ich auf Lesbos angekommen.
Die nächsten drei Wochen arbeite ich dort im Mittelmeerprojekt der christlichen Friedensstifter Teams mit. Auf Lesbos kommen zur Zeit viele Menschen v.a. aus Syrien und Afghanistan an, die sich auf den Weg gemacht haben, weil dort Krieg herrscht und sie sich in Europa ein besseres Leben erhoffen.
Nach EU-Recht haben sie das Recht einen Asylantrag zu stellen, und haben kein Verbrechen begangen. Trotzdem werden sie in Lagern eingesperrt und wie Kriminelle behandelt.
Das „Willkommenszentrum“ in Moria koennen wir nicht einfach so betreten, aber die Geschichten, die wir von dort hoeren sind schrecklich.
Aber es geht auch anders. Unser Team arbeitet mit der griechischen NGO „Village of all Together“ (Das Dorf aller gemeinsam) zusammen, die in einem verlassenen Freizeitheim ein offenes WIllkommenszentrum gegruendet haben, das seinen Namen auch verdient.
Heute abend gehen wir dort hin, danach kann ich mehr erzaehlen.

Das CPT-Team ist aus mehreren europäischen Treffen von CPTerInnen und SympathisantInnen und dem dem Wunsch heraus entstanden, CPT nicht nur in Europa bekannter zu machen, sondern auch in den Konflikten in Europa lokale FriedensstifterInnen zu begleiten und für eine Welt, in der alle willkommen sind, zu arbeiten.
Im Fruehjahr gab es zwei erkundende Reisen und schliesslich begann im Juli unsere Praesenz hier, die mit wechselnder Besetzung noch bis Mitte Oktober andauert.

Ich werde die Zeit ueber hier und auf http://cptmediterranean.wordpress.com/ (englisch).
Ueber unsere Arbeit hier, einzelne Aspekte des Migrationsregimes so weit ich sie hier kennenlerne, aber auch ein paar schoene Bilder – immerhin ist die Insel Lesbos UNESCO Weltnaturerbe.

Schon komisch: Manche fliegen hierher um Urlaub zu machen und andere fliehen hierher vor Krieg und Terror. Aber weil sie nicht den richtigen Pass haben, koennen sie nicht einfach fliegen und muessen in seeuntauglichen Booten kommen.
Nicht alle schaffen es und die, die es schaffen werden nicht in schoenen Hotels versorgt, sondern kommen in Lager und sollen so schnell wie moeglich zurueck oder wenigstens weiter..
Zwei Arten von Gaesten, zwei Arten des Umgangs.

Schaut ab und zu hier vorbei, ich versuche regelmaessig zu schreiben, weil sich die Eindruecke ja auch schnell zum Alltag entwickeln.

Ihr koennt unsere Arbeit durch eure Gebete unterstuetzen und durch Spenden an das Deutsche Mennonitische Friedenskomitee:
http://www.dmfk.de/spenden.html

„Es geht darum, die Mächte selbst zu verwandeln“

(Dieser Artikel ist auch in aktuellen „Die Brücke“ (Nr. 5/2014) erschienen)

Mit der Finanzkrise ist die Systemkritik wieder populär geworden und so wird in Zeitungen, Stammtischen und auch in vielen Gemeinden wieder über das Weltwirtschaftssystem und andere überindividuelle Zusammenhänge, in denen Menschen stecken, geredet.
Im Gespräch über Wirtschaft, Gesellschaft und Politik kommt man schnell in ein Dilemma. Unsere Theologie ist oft auf Personen fixiert, die Zusammenhänge aber sind systemisch. Dabei gibt es zwei Auswege, entweder werden gesellschaftliche Konflikte naiv personalisiert und Schuld tragen nur die Politiker und Firmenbosse, oder man übernimmt die säkulare Sicht der Soziologie, ohne diese einer theologischen Prüfung zu unterziehen.

Dabei hat die biblische Tradition Einiges über „Mächte und Gewalten“ zu sagen.
Das Problem ist, dass diese mythologische Sprache für viele Menschen heutzutage, die von der Aufklärung geprägt sind, keine Wirklichkeit mehr beschreibt. Statt herauszufinden, was mit solchen Begriffen gemeint sein könnte, haben manche Theologinnen und Theologen sie für obsolet erklärt und behauptet, nur das „existentielle Daseinsverhältnis“, das in den Texten zum Ausdruck kommt, sei entscheidend. Diese Sichtweise spielt dem Individualismus in die Hände.
Richtig verstanden kann die biblische Rede von Engeln, Dämonen und Mächten und Gewalten dagegen zu einer tieferen Analyse gesellschaftlicher Kräfte führen als es die materialistische Soziologie vermag. Diese redet z.B. von einer „Firmenkultur“, in der die Werte einer Firma zum Ausdruck kommen und in Ritualen eingeübt werden, sodass sich auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit dieser identifizieren. Sie zeigt sich schon in der Architektur des Gebäudes und schließlich auch in den Entscheidungen, die vom Vorstand getroffen werden.
Diese Firmenkultur ist dabei nicht nur eine Erfindung, um die Angestellten zu motivieren, sie ist real und eine spirituelle Herausforderung.

Dies ist eine der Hauptthesen Walter Winks, der zunächst am Union und dann am Auburn Theological Seminary in New York Professor für Biblische Exegese war. Außerdem war er als Aktivist in verschieden gewaltfreien Bewegungen von der Bürgerrechtsbewegung in den USA zur Antiapartheidskampagne in Südafrika beteiligt. Sein Engagement kam aus dem Glauben und die Erfahrungen im gewaltfreien Kampf gegen Unterdrückung und Unrecht inspirierten sein theologisches Denken immer wieder. In Nordamerika (und der englischsprachigen Welt) ist Walter Wink mit seiner „Powers-Trilogie“ „Naming the Powers“, „Unmasking the Powers“ und „Engaging the Powers“ in der christlichen Friedensbewegung und darüber hinaus bekannt.
2014 ist nun endlich die kurze Zusammenfassung dieser Trilogie unter dem Titel „Verwandlung der Mächte“ in deutscher Übersetzung erschienen.
Dabei haben die Übersetzer gute Arbeit geleistet und das nicht nur im Text selbst.
So informiert das Vorwort über Winks Leben und theologisches Werk und zeigt ihr Interesse an einer breiten Rezeption in Deutschland.
Sehr hilfreich sind die zahlreichen Fußnoten, die die Übersetzer zusätzlich zu Winks spärlichen Fußnoten gesetzt haben, in denen sie kulturell schwierige Anspielungen erklären, oder Winks mittlerweile immerhin 15 Jahre alten Text in Bezug zu neuerer Forschung stellen.

Wink entwirft in zehn dicht geschriebenen, aber gut lesbaren Kapiteln eine Einführung ins biblische Verständnis der „Mächte“, das für moderne Menschen annehmbar ist ohne intellektuelle Opfer.
Im Handeln Jesu, der sich den Mächten mit kreativer Gewaltfreiheit entgegenstellt, sieht Wink ein Modell für die Kirche, das „Herrschaftssystem“, den Zusammenschluss aller Mächte, zu brechen und sie zu ihrer eigentlichen Aufgabe zurückzurufen.
Die Mächte sind nämlich zum Wohl der Menschheit geschaffen. Wie die Menschen jedoch sind sie gefallen und sollen auch, wie die Menschen erlöst werden.
Gewaltfreies Handeln ist die einzige Möglichkeit, das Herrschaftssystem zu brechen, da dessen eigene Spiritualität der „Mythos erlösender Gewalt“ ist. Obwohl er am Kreuz als Lüge entlarvt wurde, ist der Glaube an die Gewalt immer noch die populärste Religion unserer Welt – auch unter vielen, die das Herrschaftssystem abschaffen wollen.
Nur gewaltfreies Handeln in der Nachfolge Jesu kann den Mythos die Glaubhaftigkeit entziehen und damit das Herrschaftssystem destabilisieren.
Die neue Sicht auf Mächte und Gewalten führt auch zu einer neuen Betonung der Spiritualität und besonders des Gebets, da wir darin direkt mit der spirituellen Seite der Mächte ringen und uns der Macht Christi versichern können.

Als Exeget entfaltet Wink seine Quellen anhand biblischer Texte, in kritischer Auseinandersetzung mit theologischen Klassikern, aber auch mit Psychologie und Soziologie. Dabei argumentiert er überzeugend, aber nicht verbissen. Für einen Theologen zeigt er an manchen Punkten – z.B. in der Frage, ob die Mächte unabhängig von menschlichem Handeln existieren – erstaunliche Offenheit. Diese Offenheit ermöglicht Winks breite Rezeption; ich selbst kannte ihn zunächst von Aktivisten der christlichen Friedensstifterteams (CPT), und stieß dann bei einer Tagung des Emergent Forum Deutschland, einem Netzwerk an neuen Gemeindeformen interessierter Menschen, wieder auf ihn. Auch im Gespräch mit charismatisch geprägten Geschwistern sollte Winks Theologie der Mächte einen hilfreichen Beitrag zu einem für alle Seiten herausfordernden Gespräch leisten.
Dieses Buch verdient es, intensiv gelesen zu werden.