Bloß zwei Fälle von rassistisch motivierter Gewalt gegen Palästinenser an einem Tag

Kaum bin ich wieder zurück, passieren einige schlimme Dinge an den Orten, die ich regelmäßig passierte.

Am Freitag hat ein Mob jüdischer Jugendlicher in Westjerusalem drei palästinensische Jugendliche zusammengeschlagen. Hier die Worte einer Augenzeugin:

Es ist spät am Abend und ich kann nicht schlafen. Meine Augen sind seit einigen Stunden voller Tränen und mein Magen dreht sich während ich denke, dass wir die Menschlichkeit verloren haben, das Angesicht Gottes in der Menschheit, und ich kann diesen Verlust nicht akzeptieren. Aber heute habe ich mit meinen eigenen Augen eine Lynchung gesehen, auf dem Zionplatz, im Zentrum Jerusalems. Ich kam mit den anderen Leuten von „Elem“ (Einer NGO die mit Risikokindern arbeitet) zum Zionsplatz, wie wir es immer zu dieser Uhrzeit tun, und knapp eine halbe Stunde später hörte ich wie Leute riefen „Ein Jude ist eine gute Seele, und ein Araber ist ein Hurensohn.“ und dutzende (!!) Jugendliche auf drei arabische Jugendliche, die ruhig auf der Ben Yehuda Straße liefen,  zurannten und sie anfingen zu Tode zu prügeln.

Als einer der Palästinenser zu Boden fiel, prügelten die Jugendlichen weiter auf seinen Kopf ein, er verlor das Bewusstsein, seine Augen rollten, sein Kopf lag schräg und begann zu zucken, und dann flohen die, die ihn gekickt hatten und die anderen bildeten einen Kreis [um die Palästinenser], und einige schrien immer noch mit Hass in ihren Augen…

 

Als zwei unserer Freiwilligen in den Kreis gingen und versuchten, ihn wiederzubeleben, sagten die Jugendlichen aufgebracht, dass wir einen Araber wiederbeleben würden, und als sie in unsere Nähe kamen und sahen, dass die anderen Freiwilligen alle geschockt waren, fragten sie warum wir so geschockt wären, „Er ist ein Araber“.

 

Als wir später wieder an die Stelle zurückkamen, war sie als Mordschauplatz markiert, und die Polizei war vor Ort mit einem Cousin des Opfers, der versuchte das Vorgefallene nachzuspielen, es standen auch zwei Jugendliche da, die nicht verstanden, warum wir dem Cousin des Opfers eine Flasche Wasser geben wollte, „Er ist ein Araber, die müssen doch nicht hier im Stadtzentrum rumlaufen, und sie verdienen das, so werden sie endlich Angst vor uns haben.“

15-18 jährige Kinder bringen ein Kind ihres eigenen Alters mit ihren eigenen Händen um. Mit ihren eigenen Händen. Kinder, deren Herzen unbewegt waren, als sie einen Jungen ihres eigenen Alters erschlugen, der sich auf dem Boden krümmte. Das Bild steht mir noch vor den Augen und ich kann ihre Stimmen immer noch hören und das Gefühl der Hilflosigkeit spüren, und die Frage: Was ist mit uns geschehen und was geschieht mit unseren Kindern? Und das Wichtigste: Können wir es noch ändern und wie?

 

Der junge Palästinenser ist immer noch in kritischem Zustand, während mittlerweile ein Jugendlicher im Zusammenhang mit dem Lynchmob verhaftet wurde. Nachdem es Spekulationen gab, die Palästinenser hätten die Jugendlichen in irgendeiner Form provoziert, oder angefangen hätten, lies die Zeugen verlauten:

“Ich sah mit meinen eigenen Augen, dass sie niemanden angriffen und hörte mit meinen eigenen Ohren, wie die Jugendlichen sagten sie suchten einen Araber zum Verprügeln”

 

Außerdem wurde ein palästinensisches Taxi auf dem Weg von Hebron nach Bethlehem ganz in der Nähe unserer Kreuzung von Siedler mit Molotovcocktails beworfen. Die Insassen, eine Familie aus Nahalin, dem Dorf neben Zelt der Völker, erlitt Brandwunden ersten bis dritten Grades. Sie wird in einem israelischen Krankenhaus behandelt.

Premierminister Netanyahu hat diesen Anschlag persönlich in einem Brief an Abbas verurteilt, wo er bei früheren Vorfällen von rassistisch motivierten Siedlerangriffen auf Palästinensische Leben und Besitz nur eine verurteilende Stellungnahme veröffentlichte, oder sie gar nicht kommentierte. Der Vizepremierminister nannte es immerhin einen „Terroranschlag“ Die Polizei ist auch zu der Siedlung aus der die Täter mutmaßlich kamen gefahren und hat den Jugendlichen gesagt, dass sie „beobachtet werden“. Wirklich harte Konsequenzen, die da gezogen werden für einen potentiell tödlichen Angriff, der sechs Menschen immerhin ins Krankenhaus gebracht hat.

Nur mal zum Vergleich, will ich darstellen, was mit einem palästinensischen Kind (Person unter 18 Jahren) passieren würde, die dasselbe getan hätte:

Innerhalb weniger Stunden wäre die Armee in das Dorf gekommen, und hätte zahllose Häuser umstellt und gestürmt. Durch ein Netzwerk an Informanten wüsste die Armee sofort, wer verantwortlich ist. Alle Personen, die auch nur irgendwie mit dem Verbrechen in Verbindung stünden, würden verhaftet, auf dem Weg ins Gefängnis höchstwahrscheinlich misshandelt, und im Gefängnis Praktiken wie Schlafentzug und Lärmbeschallung ausgesetzt, die international als Folter klassifiziert sind. Das Wohnhaus der Täter würde abgerissen, kein Mitglied der Familie erhielte mehr Arbeitsgenehmigungen für Israel, oder illegale Siedlungen, die die Haupteinkommensquelle der palästinensischen Bevölkerung darstellen.

Israelische Jugendliche werden verwarnt.

Und ich werde als Antisemit bezeichnet, wenn ich sage, dass ist Apartheid, zwei verschiedene Rechtssysteme und Anwendung für verschiedene Personengruppen im selben Territorium.

Was das wirkliche gruselige an diesen Ereignissen ist, ist dass sie weder Einzelfälle sind, noch von (nur verrückten) Einzelgängern begangen werden. Die Siedlerbewegung hat seit einigen Jahren die Praxis der „Preiszettel“ (price tag) entwickelt, was bedeutet, dass für jede vom israelischen Militär durchgeführte Räumung einer illegalen Siedlung, oder die Androhung einer solchen Operation, palästinensischer Besitz zerstört wird. Dies reichte bis jetzt von der Zerstörung von Olivenhainen bis zur Brandstiftung einer Moschee.

Wie auch in anderen Gesellschaften werden solche extremen Fälle von rassistisch motivierter Gewalt öffentlich verurteilt und es wird schnell versucht, die Täter als „extrem“, „geisteskrank“, oder „Einzeltäter“ darzustellen. Eine andere Taktik ist es, den Vorfällen keine große Presse zu geben. Während die meisten israelischen Zeitungen beispielsweise über den Lynchmob berichteten, setzte es nur die linksgerichtete Haaretz auf die Titelseite, während die Jerusalem Post auch noch die klar einseitige Gewalt als „Schlägerei zwischen arabischen und jüdischen Jugendlichen“ bezeichnet.

Meine persönliche Erfahrung ist, dass es in Israel in vielen Kreisen erlaubt ist, sehr rassistische Dinge über Palästinenser zu sagen. Rassistisch motivierte Gewalt ist kein Einzelfall in Israel und in den besetzten Gebieten ist sie komplett institutionalisiert, was der wahre Grund ist, warum nur „extreme“ Siedlergruppen selbst zu Gewalt greifen. Die Menschen, die sich gegen Rassismus und für ein friedliches Zusammenleben mit gleichen Rechten einsetzen sind leider sehr wenige.

Natürlich ist auch unter Palästinensern offener Rassismus gegenüber Juden nicht selten, und die Stimmen, die ihn verdammen sind viel zu wenige, der Punkt auf den ich aber hinaus will, ist dieser:

Durch die vollendete Institutionalisierung des Rassismus in Israel und das groteske Machtungleichgewicht zwischen dem Staat Israel, mit seinen Militärsubventionen aus den USA und den Palästinensern, die dank des Friedensprozess nun auch noch einen von westlichen Geldern finanzierten „Polizei-Nichtstaat“ in Form der palästinensischen Autonomiebehörde gegen sich haben, täglich unter Besatzung leben und mehr und mehr Land an Siedlungen und junge Männer an die israelischen Gefängnisse verlieren, haben israelische Rassisten kaum etwas zu befürchten, wenn sie ihre Ansichten in die Tat umsetzen, während ein palästinensisches Kind ins Gefängnis kommt für die Anschuldigung einen Stein zu schmeißen.

Dieses Ungleichgewicht wird durch das desinteressierte Schweigen der westlichen Medien und die fortlaufende finanzielle und moralische Unterstützung Israels durch westliche Staaten, trotz leiser Proteste, nur befördert.

In diesem Klima des institutionalisierten Rassismus, Bewaffnung und weitgehender Straffreiheit der Siedler, zusammen mit täglicher scharfer Repression des legitimen palästinensischen Widerstands, sind solche widerlichen Akte rassistischer Gewalt kein Wunder und das eigentliche Wunder ist die weitgehende Friedfertigkeit der palästinensischen Bevölkerung.

Nachtrag: Sarah Thompson, die während meiner Zeit ein Jahr bei Sabeel arbeitete und im „Verwaltungsrat“ von Christian Peacemaker Teams sitzt hat eine Email rumgeschickt in der sie schreibt:

Nachdem ich ein Jahr in Ostjerusalem gelebt habe, glaube ich, dass in der zur Zeit derart politisch angespannten Situation und den Dynamiken in den jugendlichen Subkulturen in Israel/Palästina, Vorfälle wie die „Jerusalem Lynchung“ die in dem [Haaretz] Artikel [der in der Mail verlinkt war] beschrieben werden, öfter passieren würden, wenn die Christlichen Friedensstifter Teams (CPT) und andere Beobachtungsgruppen nicht in der Region wären. Eine Spende für CPTs Arbeit ist eine wertvolle und sinnvolle Reaktion auf dieses schreckliche Ereignis. CPTs unbewaffnete Präsenz verringt die tödliche Gewalt, sodass Friedensorganisationen und Gemeinschaften, die sich für gewaltfreien gesellschaftlichen Wandel einsetzen, mehr Zeit und Raum haben an den Graswurzeln hin zu einer gemeinsamen, und gesunden Zukunft zu arbeiten.

Außerhalb des Kleiderschranks

In meinen Gesprächen mit alten Freunden und wenn ich zu all den alten Orten gehe fühle ich mich, als sei hier keine Zeit vergangen. Viele meiner früheren Klassenkameraden studieren jetzt, oder arbeiten, und doch mir kommt es so vor als hätten sie sich nicht verändert.

 

Ich bin aus Narnia durch den Wandschrank wieder in die echte Welt getreten und während dort ein Jahr verging, ich zahllose Abenteuer erlebte und in der Zeit gealtert bin, sind hier nur ein paar Augenblicke vergangen. Die Erinnerungen bleiben bei mir, aber wie Lucy, die in Narnia zur Frau wurde, bin ich hier doch nur ein Kind und falle sofort in alte Verhaltensmuster zurück, weil die Menschen um mich herum sich exakt wie früher verhalten.

Wenn Palästina mein Narnia war und hier alles gleich geblieben ist, waren meine Erfahrungen überhaupt wirklich? Wenn ich von dem erzähle, was ich gesehen und getan habe, habe ich das Gefühl, dass die Leute zögern mir zu glauben. Sie vertrauen mir, aber meine Worte scheinen einfach zu unglaublich. Wird meine Geschichte dadurch nicht in gewisser Weise zum Märchen? Ist das nicht das, was ein Märchen zum Märchen macht? Geschichten, die wir nicht wagen, zu glauben? Wir würden es nicht aushalten, in einer Welt zu leben, in der es Hexen gibt und sprechende Wölfe, die unsere Großmütter fressen. Aber es gibt Eltern in unserer Welt, die ihre Kinder in den Wald schicken und hoffen, dass sie niemals wieder kommen, sei es, weil sie sie nicht versorgen können, oder weil sie die Liebe für sie nicht aufbringen können.

Und ist es nicht schlimmer in einer Welt zu leben, in der es zwar keine Hexen gibt, dafür aber immer noch Apartheid, Atombomben und Bulldozer, die Häuser zerstören?

Vielleicht fragen mich die Menschen deshalb nicht, und vielleicht will ich deshalb nicht erzählen, wenn sie fragen. Frag nichts und erzähl nicht. Don’t ask, don’t tell. Was in der US-Armee funktioniert hat, funktioniert auch für mich. Ich möchte deine Feier nicht zerstören, wenn ich dir von all den schrecklichen Dingen erzähle, die ich gesehen habe. Und noch weniger möchte ich sehen, wie du weiter lächelst, wenn ich dir davon erzähle.

Kulturschöcke

Hier ist eine Liste an Kulturschöcken, die ich bis jetzt auf Facebook veröffentlicht hatte. Das ganze ist eher zur Erheiterung gedacht und keine gute Beschreibung palästinensischer Kultur (noch der deutschen):

Rückkehrkulturschock #1: alles ist hier so grün, es scheint, ganz Deutschland ist eine einzige Siedlung.

Rückkehrkulturschock #2: Nachdem ich den Frankfurter Flughafen verlassen habe, sah ich keine einzige bewaffnete oder uniformierte Person. Und wo ist eigentlich der Checkpoint, der die Bewegungsfreiheit der deutschen Bevölkerung unter dem Vorwand der „Sicherheit“ einschränkt?

Rückkehrkulturschock #3: In Deutschland essen die Menschen mehr Gerichte als Reis mit einer unspezifischen roten Sauce.

Rückkehrkulturschock #4: Ich kenne nicht alle Weißen.

Rückkehrkulturschock #5: Ich kann nach Einbruch der Dunkelheit nach Hause gehen und die Chancen sind sehr gering auf dem Weg von israelischen Soldaten gestoppt zu werden. (Bei deutschen Soldaten liegt die Sache ja vielleicht bald anders…)

Rückkehrkulturschock #6: Das große Schwimmbecken im Bammentaler Schwimmbad hat mehr Volumen als alle Zisternen im Zelt der Völker zusammen.

Rückkehrkulturschock #7: Deutsche Pommes sind knusprig und lecker, keine wabbelige Masse, die man nur in einem Falafelsandwich essen kann.

Rückkehrkulturschock #8: In Deutschland muss ich fegen und abspülen und wenn ich herausstelle, dass das Frauenarbeit ist, werde ich als „Sexist“ beschimpft.

Rückkehrkulturschock #9: In Deutschland nennt man mich einen Antisemiten, wenn ich sage, was ich von der Situation in Palästina /Israel halte, wofür ich in Palästina als Zionist beschimpft wurde.

In den weiteren Tagen wird diese Liste sicherlich noch fortgeführt…

wieder „zu Hause“

Nach einer zum Glück ereignislosen Reise bin ich am Mittwoch wieder in Deutschland angekommen. Um mir die unangenehmen Fragen, die Untersuchung meiner Koffer und die mögliche Leibesvisitation zu ersparen, bin ich über Jordanien ausgereist, wo sich die Beamten herzlich wenig für den Inhalt meines Gepäcks interessiert haben und mich auch nichts fragten. Nur der Mann, der mir den israelischen Ausreisestempel in den Pass drückte, ich solle bloß nicht glauben, ich könnte dieses Jahr nochmal ein Dreimonatsvisum kriegen, sondern ich müsse jetzt mal zur Botschaft gehen.

Mittwoch mittags landete meine Maschine und im Flughafen bekam ich gleich einen Geschmack der deutschen post-elfter-September Sicherheitskultur: Ich musste einen Riesenumweg laufen, weil jemand seine Tasche liegen gelassen hatte, und die als Sicherheitsrisiko eingestuft wurde. Das war ich auch aus Israel gewöhnt, wo ich erst den Bus zur Grenze verpasst hatte, weil ich mein Gepäck durchleuchten lassen musste.

Danach endeten aber auch schon die Ähnlichkeiten, kaum war ich aus dem Flughafen draußen, wurde ich erschlagen von all dem Grün um mich herum. Auf Dahers Weinberg ist seit mehreren Monaten kein Tropfen Regen gefallen und alles ist braun, gelb, bis auf die Bäume. Und dann all das Wasser! Überall Flüsse, Bäche und Seen.

Langsam taste ich mich vor in dieses Land, dass ich eigentlich kennen sollte. Ich denke, dass ist es, warum viele sagen, das Rückkehren ist schwerer als das Ankommen im fremden Land. Man kommt nämlich beide Male in einem fremden Land an – beim Rückkehren weiß man es bloß nicht.

 

unerzählte Geschichten

Ich habe lange nichts mehr geschrieben.

Mal wollte ich nicht über etwas schreiben, mal wusste ich nicht wie, mal gab es kein Internet, dann keine Zeit.

All diese unerzählten Geschichten bleiben bei mir und viele werden erzählt werden. Vielleicht nicht hier, vielleicht nicht allen, aber ich tue mein Bestes, sie nicht dem Vergessen anheim fallen zu lassen.

Denn wenn im Wald ein Baum umfällt, und niemand davon erzählt, ist der Baum zwar gefallen, aber niemand wird sich an ihn erinnern.