Die heiligen Unschuldigen

Heute ist nach dem orthodoxen Kirchenjahr der Gedenktag an die „Heiligen Unschuldigen“, die Kinder, die König Herodes laut Matthäus 2,16-18 aus Furcht vor dem neugeborenen König der Juden umbringen lies. Das es für diese schreckliche Tat keine historischen Belege gibt, ändert nichts an ihrer Bedeutung für die Geschichte die Matthäus erzählt.

Kaum ist Jesus ein paar Tage alt, da hat der römisch eingesetzte Marionettenkönig Herodes schon so viel Angst vor ihm, dass er einfach alle Kinder in Bethlehem unter zwei Jahren umbringen lässt. Er will sichergehen, dass sein Rivale auch wirklich ausgeschaltet wird. Ein Engel warnt Josef und er und seine Familie fliehen ausgerechnet nach Ägypten, woher Gott einst ihre Vorfahren aus der Sklaverei befreit. Der Sohn Gottes wird ein Flüchtling. Doch ich will bei den Heiligen Unschuldigen verweilen. Bei diesen Kindern, die nichts verbrochen hatten. Die der Machtgier eines Despoten im Wege standen. Es ist wie damals der Pharao, der Angst vor dem demographischen Wachstum seiner Sklaven hatte, nur damals leisteten die Hebammen zivilen Ungehorsam. Hier griff niemand ein. Matthäus berichtet uns nicht davon, dass die Soldaten Gewissensbisse hatten und die Kinder nur scheinbar umbrachten, Tyrannenmord begingen, oder den Befehl einfach verweigerten und die Strafe dafür in Kauf nahmen.

Die Welt, in die Jesus kommt, ist düster und gewalttätig.

Aber auch Gott greift nicht ein. Der Engel kommt nur zu Josef, nicht zu all den Eltern der anderen Kinder. Nur das liebe Jesuskind wird gerettet, dabei hätten doch auch die anderen Eltern nach Ägypten fliehen können! Gott hätte nur Gabriel sagen müssen, dass er auf dem Weg auch noch den anderen Familien Bescheid sagen soll! Ist das die Rache, dafür, dass kein Platz in der Herberge war? Was ist mit dem Hirtenkind, der Sohn eines der Hirten, dem die Engel erschienen waren und der Jesus an Weihnachten anbetete? Hätte nicht dieses Kind es verdient, zu leben?

All diese Fragen bleibt der Text uns schuldig und so ist der Tag der Heiligen Unschuldigen ein Tag der Erinnerung an all die Massaker, die an unschuldigen Kindern im Namen von Sicherheit und Macht verübt werden. Ob in Gaza, Norwegen, oder sonstwo auf der Welt.

Manna, internationale „Hilfe“ und die ewige Besatzung

Vor einigen Tagen habe ich eine Dokumentation gesehen, die mich daran erinnert hat, dass ich schon länger einen Artikel über internationale Entwicklungshilfe in Palästina schreiben wollte.

Wer sich all die Schilder an neuen Gebäuden in der Westbank anschaut, könnte den Eindruck gewinnen, die gesamte Welt wäre einseitig auf der Seite der Palästinenser. Von den zu erwartenden arabischen Ländern über Deutschland und andere EU-Länder finanziert sogar die USA Infrastrukturprojekte und NGOs in den von Israel besetzten palästinensischen Gebieten.

Zum Beispiel die Straße von Bethlehem nach Nahalin. Da die Israelis mit Felsen den Weg von Nahalin zur Route 60, die Hauptverbindung zwischen Jerusalem, Bethlehem und Hebron, blockiert haben, konnte man Nahalin (und Dahers Weinberg) nur noch zu Fuß erreichen, oder man arrangierte, dass auf der anderen Seite des Roadblocks ein zweites Auto stand, das einen mitnahm.

Die italienische und US-amerikanische Regierung haben nun in all ihrer Güte beschlossen, eine neue Straße von Bethlehem über Al Khader und Hussan (zwei andere palästinensische Dörfer) zu bauen. Diese führt an einer Stelle in einem Tunnel unter der Route 60 hindurch, ist bis jetzt nur eine Erdstraße und nimmt einen gewaltigen Umweg, sodass man nun viel länger nach Bethlehem braucht, als vorher. Die Straße wurde von palästinensischen Bauarbeitern unter Anleitung italienischer und amerikanischer Ingenieure gebaut, wodurch ein Teil des Geldes wieder in die Ursprungsländer geflossen ist. Der wichtigste Punkt ist allerdings dieser: Statt ihren Einfluss auf Israel auszunutzen und zu verlangen, dass der Roadblock entfernt und die alte Straße wieder freigegeben wird, haben sie sich zu Komplizen der Besatzung gemacht, indem sie ein Apartheidssystem von getrennten Straßen propagierten. Die neue Straße wird als Rechtfertigung seitens Israels benutzt, dass Palästinenser in Zukunft vielleicht gar nicht mehr auf der Route 60 fahren dürfen. Gleichzeitig können sich Italien und USA damit rühmen, nicht einseitig auf der Seite Israels zu stehen, da sie ja auch Projekte innerhalb der besetzten Gebiete finanzieren, die für eine etwaige Staatsgründung wichtig sind.

Tatsächlich machen sie die Zweistaatenlösung unmöglich, weil so die Apartheidspolitik ungehemmt weitergehen kann. (Außerdem sind die Gelder an die Palästiner lächerlich im Vergleich zu der Unterstützung der USA an Israel)

Ein zweites Beispiel aus meiner eigenen Erfahrung: Zu Beginn meiner Zeit auf Dahers Weinberg gab mir Daher kleine verschweißte Packungen mit Reis und komischen braunen Brocken, die ich den Tauben verfüttern sollte. Auf den Packungen war ein Etikett: Manna Pack von der Organisation Feed my Starving Children. Diese wohltätige christliche Organisation hat es sich zur Aufgabe gemacht, „Gottes Kinder die körperlich und geistlich hungrig sind, mit Nahrung zu versorgen. Zunächst einmal grenzt der Name „Manna Pack“ meiner Meinung nach an Blasphemie, da das Manna den Israeliten in der Wüste von Gott gegeben wurde und nicht von wohlmeinenden Christen, die von der Situation der verhungernden Kinder, denen sie helfen wollen, profitieren. Desweiteren denke ich, dass, auch wenn ich Tauben im Sinne Franz von Assisis als Geschwister und daher als Kinder Gottes bezeichnen würde, die Verfütterung von Manna Packs an Tauben den Zweck verfehlt. Das ich die Manna Packs den Tauben verfüttern sollte, sagt mir weiterhin, dass sie im Westjordanland von Menschen nicht benötigt werden, und billiger sind als Körner, die ich den Tauben sonst füttere. Es ist die ökonomisch sinnvollste Option.

So wird die palästinensische Wirtschaft zerstört, da es sich lohnt, internationale Hilfsgüter als Tierfutter zu nutzen, statt lokale Produkte. Ich möchte betonen, dass dies nicht die Schuld der Palästinenser ist, es ist die Schuld wohlmeinender Organisationen, die Notfallhilfe in Gebieten betreiben, wo diese nicht benötigt wird.

Solche Hilfe ist nicht Hilfe zur Selbsthilfe, sondern zerstört lokale Märkte, macht abhängig und ist damit Teil des Systems, dass die Besatzung aufrecht erhält. Würde die Besatzung enden, würde auch die internationale Hilfe enden, womit viele Menschen ihrer Einkommen, z.B. als NGO-Mitarbeiter, beraubt wären.

Ein weiterer Aspekt dieser Gelder ist auch, dass sie den Widerstand kontrollieren. Entscheiden sich die Palästinenser für einen Weg, der den Spendern nicht passt, so wird der Geldhahn zugedreht. Das beste Beispiel hierfür sind die demokratischen Wahlen im Gazastreifen, die die Hamas an die Macht brachten. Obwohl diese Wahlen von unabhängigen Beobachtern für zulässig erklärt wurden, stoppte die internationale  Gemeinschaft die Gelder und bestrafte die Bewohner des Gazastreifens für das Ausüben ihrer demokratischen Grundrechte.

Die vorhin erwähnte Dokumentation hat meine Bedenken gegen internationale Hilfe bestätigt und noch vergrößert. Sie geht in mehreren eindrücklichen Beispielen mit Aussagen palästinensischer WissenschaftlerInnen und Unternehmer auf die Rolle von internationalen Geldern in der Besatzung ein.
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Was heißt das für meinen Dienst hier? Ich nehme im Grunde genommen ebenfalls einem Palästinenser Arbeit weg. Meine unbezahlte Arbeit hier ermöglicht es, dass Zelt der Völker nicht rentabler werden muss, sondern weiterhin die Arbeitskraft abenteuerlustiger Deutscher ausbeuten kann. Das hört sich sehr hart an, und ich kriege hier ja auch einiges zurück an Atmosphäre und so, aber wirtschaftlich gesehen sind all diese Faktoren uninteressant. Was zählt ist Arbeitskraft und Bezahlung und das Verhältnis ist bei Freiwilligenarbeit einfach traumhaft. Fast so gut, wie Sklavenarbeit.

Andererseits denke ich, dass diese Analyse eher auf andere Projekte zutrifft, die tatsächlich die finanziellen Möglichkeiten hätte, jemanden anzustellen und zu bezahlen. Aber bei all den Freiwilligen, die es hier gibt, im Vergleich zu den Arbeitslosenzahlen, wundere ich mich, dass die Palästinenser uns immer noch so freundlich empfangen.

Morgen ungeduscht auf RTL

Mein Kollege Jonas führt einen öffentlichen Blog, weshalb man diesen auch über google finden kann. Eine Journalistin des Fernsehsenders RTL hat das dann auch gemacht und anscheinend hat ihr gefallen, was sie da gelesen hat. Jedenfalls hat sie ihn kontaktiert und gefragt, ob sie einen Bericht über uns deutsche Freiwillige, die in Palästina Weihnachten feiern, machen darf.

Auch wenn ich es ein wenig seltsam fand, bei der spannenden Geschichte des Ortes und des Projekts einen Bericht über uns zu machen, haben wir in Absprache mit Daoud zugestimmt.

Gestern war dann der große Tag, zufällig war das auch der Tag unserer Weihnachtsfeier, weil an Heiligabend nicht alle da sind.

Das hieß also, dass wir den Vormittag über so tun durften, als würden wir arbeiten, und alle Aufgaben zehnmal machen mussten, da es aus verschiedenen Winkeln gefilmt werden musste. So bekamen die Hühner zum Beispiel dreimal so viel wie sonst, weil ich ihnen dauernd eine handvoll Körner hinschmeißen musste. Außerdem mussten wir dauernd irgendwohin laufen, weil das Fernsehauge anscheinend laufende Menschen liebt. Jonas musste auch an allem beteiligt sein, obwohl er normalerweise nie die Hühner füttert, aber was tut man nicht fürs Fernsehen.

Später wurden uns auch noch ein paar Fragen gestellt, aber wie das so ist bei Interviews, am Ende fallen einem dann doch die besten Antworten ein.

Der Sender RTL ist ja nicht gerade bekannt für seine großartigen und detailgetreuen Reportagen, aber ich muss doch sagen, dass ich von der Journalistin, die unseren Bericht gemacht hat, positiv überrascht war. Auch wenn ich natürlich noch nicht weiß, was sie aus dem Material gemacht hat. Für den Fall, das ein Modell sich über unser Erscheinungsbild und unsere Körperhygiene beschwert, möchte ich verlauten lassen: Sie hat recht.

Gesendet wird der maximal 2-minütige Bericht morgen, am 24.12. um 18.45 Uhr in RTL Aktuell. Das ist genau die Zeit, bei der RTL anscheinend gerade am Heiligen Abend gute Einschaltquoten hat.

Die Journalistin stimmte mir zu, dass das ein ziemlich trauriger Fakt ist.

Ich werde einen Link zur Sendung erhalten und hier posten, wenn ihr es anders sehen wollt, nehmt es bitte auf, ich hoffe, dass alle meine Leserinnen und Leser morgen etwas besseres zu tun haben, als RTL zu schauen.

Hinweis: Es könnte so wirken, als ob ich mich über das Niveau des Senders RTL lustig mache. Diese Einschätzung entspricht den Tatsachen. Ich muss aber eingestehen, dass ich nicht über die nötigen empirischen Daten verfüge – beispielsweise hinreichend viele gesehene Sendungen auf RTL – um mich begründet über RTL lustig zu machen. Ich schätze, da bin ich ungefähr auf dem Niveau des Senders. Ich möchte aber festhalten, dass ich glaube, dass unsere Journalistin nicht repräsentativ für mein Bild des Senders ist.

 

Phönix aus der Asche

Als ich im September die Verantwortung für die Animal Farm übernahm, sahen die Hühner ziemlich gerupft aus, hatten im Stall zu wenig Platz und standen Tag für Tag in ihrem eigenen, mittlerweile pappmascheeartigen Kot, weil ihr Gehege schon ewig nicht mehr sauber gemacht wurde.

In meiner Zeit hier habe ich

  • ihnen die Möglichkeit gegeben in einem sehr viel größeren Gebiet sich frei zu bewegen,
  • mehrere neue Stangen in dem Stall für sie installiert,
  • den Boden des Geheges herausgerissen und mit Erde erneuert
  • und eine Staubbox gebaut, die sie zum Reinigen des Gefieders verwenden sollen.

Auch wenn sie die Staubbox, so wie das Heu für ihre Nester noch nicht angenommen haben, und nur einige das größere Gehege erkunden, so benutzen sie doch die Stangen und scharren wieder in der Erde. Das Gefieder hat sich nach der Mauser wieder erneuert und wir haben nun farbenfrohe Hühner zwischen weiß und knallrot.

Nur Eier legten sie die ganze Zeit noch nicht.

Bis diese Woche. Am Dienstag hörte ich ein seltsames Gackern aus ihrem Stall und als ich nach sah, lag im Futtertrog der Ziegen ein kleines, gelbliches Ei!

Heute habe ich schon das zweite gefunden, diesmal im Futtertrog der Pferde.

Hoffentlich fängt damit die Eierproduktion erst an und wir können noch mehr haben – wer weiß vielleicht kann ich ihnen ja auch beibringen, nicht in die Futtertröge, sondern in die für sie präparierten Nester zu legen?

Nachtrag: Ich stelle gerade fest, dass ich bis jetzt überhaupt keine Bilder von den Hühner gemacht habe. Wahrscheinlich, weil ich sie zu deprimierend fand. Ich werde dann morgen ein paar Bilder machen und hier hochladen.

O Heiland, reiß die Himmel auf

Dieses Adventslied habe ich die letzten Wochen öfters während der Arbeit gesungen. Es hat zwar nicht geholfen adventliche Gefühle in mir zu wecken, aber es fasziniert mich trotzdem:

O Heiland, reiß die Himmel auf,
herab, herab vom Himmel lauf.
Reiß ab vom Himmel Tor und Tür,
reiß ab, wo Schloß und Riegel für!

 

O Gott, ein’ Tau vom Himmel gieß,
im Tau herab, o Heiland, fließ!
Ihr Wolken, brecht und regnet aus
den König über Jakobs Haus.

 

O Erd’, schlag aus, schlag aus, o Erd’,
daß Berg und Tal grün alles werd’!
O Erd’, herfür dies Blümlein bring,
o Heiland, aus der Erden spring!

 

Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt,
darauf sie all’ ihr’ Hoffnung stellt?
O komm, ach komm vom höchsten Saal,
komm, tröst uns hier im Jammertal!

 

O klare Sonn’, du schöner Stern,
dich wollten wir anschauen gern.
O Sonn’, geh auf, ohn’ deinen Schein
in Finsternis wir alle sein!

 

Hier leiden wir die größte Not,
vor Augen steht der ewig’ Tod:
Ach komm, führ uns mit starker Hand
vom Elend zu dem Vaterland!

 

Da wollen wir all’ danken dir,
unserem Erlöser, für und für.
Da wollen wir all’ loben dich
je allzeit immer und ewiglich!

 

Die tiefe Sehnsucht nach der Ankunft des Messias, die aus dem Text spricht, drückt aus, wie ich mich fühle. Bei all der Abwesenheit des Reiches Gottes, die ich hier erlebe, bete ich oft einfach nur dafür, dass Jesus wiederkommt und das ewige Hochzeitmahl beginnen kann.

Die Ankunft des Messias wird im Lied mit dem Wirken der Natur beschrieben: Regen, das Wachstum der Pflanzen. Hier auf Dahers Weinberg erlebe ich die Natur direkter, als jemals zuvor. Seit ein paar Wochen hat es schon nicht mehr geregnet und all die Bäume, die wir gepflanzt haben müssen von uns per Hand bewässert werden. Die Bitte um Regen ergänzt mein Gebet.

Spee schrieb dieses Lied während der Hexenverbrennungen, einer schrecklichen Zeit, in der Christen Frauen verbrannten, weil sie selbstbestimmt leben wollten. Eine Zeit, wo das Reich Gottes unendlich weit weg schien. Das gibt uns eine Idee, worum es im Advent geht: Nicht um Plätzchen, Krippen, Tannenbäume, oder Geschenke kaufen (Schock!)

Es ist eine Zeit des Sehnen um das Kommen des Reiches Gottes. Ein Flehen, das Gott Gerechtigkeit schafft. Das die Engel auf ewiglich singen: „Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden“.

Und es ist eine Zeit, Gott den Weg zu bereiten. Ebnen wir Gott die Bahn, reißen wir die Mauern der Trennung und Ausbeutung ein, machen wir Platz für die Ausgestoßenen in unseren Häusern. Machen wir dem Friedensreich Platz in unseren Herzen und Häusern.

Vor zweieinhalb Wochen war noch alles ruhig…

Noch vor zweieinhalb Wochen war ich auf dem Tahrirplatz und in der besetzten Straße vor dem Kabinett. Die Stimmung war ruhig und fröhlich, Menschen saßen, sangen, und diskutierten. Kunst wurde erstellt, der Platz quillt über vor Graffiti, die von der lebendigen Subkultur Kairos zeugen.

Ein Freund, den ich aus Deutschland kenne, stellte mich einigen Aktivisten vor und sie erzählten mir davon, wie sie anfingen zum Tahrirplatz zu gehen, wie das erste Mal Tränengas und Gummigeschosse geschossen wurden, wie erleichtert sie waren, als das Militär sich auf ihre Seite schlug und von der Enttäuschung, als es das Feuer auf sie eröffnete.
Ein Aktivist erzählte mir, dass er schon lange vor der Revolution involviert war und einige Tage vor den ersten Massendemos den Glauben an den Wandel verloren hatte. Er erwartete nichts mehr von Demos und Aktionen.
Jetzt ist er wieder erfüllt von Hoffnung, ohne die Probleme außer Acht zu lassen. Er sah drei Feinde der Revolution:
Das Militär zusammen mit der alten Elite, die Islamisten und die neue bürgerliche Elite der liberalen Aktivisten.
Während ich in Kairo war, wurde die erste Runde der Parlamentswahlen abgehalten. Die vorläufigen Ergebnisse brachten die Moslembrüder, die für einen konservativen Islam mit fundamentalistischem Einschlag stehen, auf den ersten Platz, zweite waren die wirklich schaurigen Salafis und die liberalen waren auf dem dritten Platz.

 

 

Jetzt schießt das Militär wieder auf Demonstranten vor dem Kabinett und auf dem Tahrirplatz. Zehn Menschen sind bis jetzt anscheinend gestorben und zahlreiche verletzt. Das Militär hat sogar Doktoren verhaftet und Arzneien in einem der mobilen Krankenhäuser nahe des Platzes verbrannt.

Meinen Freunden geht es anscheinend gut.

Viel ist noch unklar in Ägypten, Mubarak ist weg, aber ob das Volk sich wieder versklaven, oder zwischen Christen und Moslems, reichen und armen, Männern und Frauen spalten lässt, das lässt sich noch nicht mit Sicherheit sagen.
Die Menschen, denen ich in Kairo begegnet bin, lassen mich hoffen, auf ein Ägypten, in dem kein Pharao mehr über ein Land von Sklaven herrscht.

nächtlicher Begleitspaziergang

Auch in Deutschland musste ich in der Dunkelheit schon manche Dame zum nächsten öffentlichen Verkehrsmittel eskortieren, weil das eben höflich ist und man ja nicht weiß, was auf dem Weg alles lauern könnte.

Aber eigentlich weiß man schon, was da lauern könnte. Oder zumindest, was nicht da lauern könnte. Es wäre zum Beispiel höchst unwahrscheinlich, einem vollgepanzerten Armeejeep zu begegnen, mit schwer bewaffneten Soldaten drin, die sich die ganze Nacht da einen abfrieren, weil sie keine Möglichkeit hatten, legal den Kriegsdienst zu verweigern und ihr Staat es zulässt und fördert, dass seine Staatsbürger Kolonien in besetztem Gebiet errichten, die sie als Soldaten jetzt schützen müssen – was bedeutet, dass sie in diesem Jeep sitzen und Leuten Angst einjagen müssen.

Zurück zur Geschichte: Heute hatten wir zum ersten Mal eine Arabischstunde mit unserer palästinensischen Lehrerin Ann (Name geändert). Nach der Stunde wollte sie das Service nach Bethlehem erwischen um dann nach Jerusalem zu fahren. Es war schon dunkel. Das war ein Problem, weil ich mich schon gar nicht mehr erinnern kann, wie oft mir die Geschichte erzählt wurde, wie ein Volontär mal nachts auf dem Weg zur Straße fast von den Soldaten über den Haufen geschossen wurde, weil sie ihn nicht als Ausländer erkannt hatten.

Aber die Dame musste nach Hause und es gab wohl keinen anderen Weg, als dass wir drei Jungs mit hellen Taschenlampen sie zur Bushaltestelle zu begleiten.

Wird schon nichts passieren, nicht jeden Tag ist da ein Jeep.

Nicht jeden Tag – aber heute. Und ich hab keinen Ausweis dabei.

Einfach ruhig weiterlaufen. Ann ist sich nicht ganz sicher, ob sie zur Haltestelle will, entscheidet sich dann aber doch, dass wir weiterlaufen sollen. Wir diskutieren, ob helle Taschenlampen schlecht (sie sehen uns) oder gut (aber sie sehen, dass wir keine Waffen haben, oder palästinensische Jugendlichen sind) sind. Entscheiden uns, dass sie gut sind und lassen sie an. Mittlerweile haben die Soldaten die Leuchtsirene ihres Wagens ausgeschaltet und auf einmal auch die Lichter.

Wir passieren den Steinhaufen, den das Militär „aus Sicherheitsgründen“ aufgeschüttet hat und wegen dem hier keine Autos mehr fahren. Der Jeep kommt langsam auf uns zu. Das Fenster wird runter gelassen.

Soldat: Was macht ihr hier?
Ich: Wir kommen von Zelt der Völker da oben und bringen diese Frau zur Haltestelle.
Ann: Ich bin aus Jerusalem und die anderen aus Deutschland.
Soldat: Was macht ihr da auf dem Berg.
Ich: Wir arbeiten da.
Soldat (verwirrt): Ok.
Ich: Bis dann, wir gehen weiter.

Wir gehen tatsächlich weiter, und sie haben noch nicht mal unsere Ausweise sehen wollen! Wir bringen Ann zur Haltestelle, es gibt noch Services, sogar noch eins als sie das erste verpasst, weil sie sich so herzlich von uns verabschiedet. Sie scheint echt erleichtert zu sein, dass wir sie begleitet haben.

Der Rückweg ist ohne Probleme. Ich drehe mich noch einmal zu den Soldaten um und habe Mitleid. Mir ist auch kalt, aber ich gehe gleich in meine Höhle und mach den Ofen an. Die müssen noch weiter da sitzen und frieren, und wenn ein Palästinenser vorbeikommt, wer weiß, ob sie dann auch so freundlich sind, wie zu uns Ausländern.

Grüne Linie

Bei den Verhandlungen um einen Staat Palästina hört man immer wieder den Begriff der „Grünen Linie“. Gemeint ist dabei die Waffenstillstandslinie von 1949 zwischen Israel und dem damals von Jordanien besetzten Westjordanland.

Die völkerrechtliche Bedeutung dieser Linie wird debattiert, diejenigen, manche sagen, sie sollten die Grenzen zwischen Israel und dem zukünftigen Palästina sein. Israel ist die Grüne Linie ziemlich egal, da es seit 1967 über die Grüne Linie hinaus Ostjerusalem annektiert hat und den Rest des Westjordanlands und Gaza besetzt hat.

Was auch immer ihr rechtlicher Status, grün ist an der Grünen Linie nichts – außer den Olivenhainen, die durch den Bau der Apartheidsmauer von ihren Besitzern abgeschnitten sind, oder teilweise sogar umgepflanzt wurden. An anderen Stellen ist sie betongrau von Israels Apartheidsmauer, die manchmal tatsächlich auf der Demarkationslinie steht und nicht kilometerweit in palästinensisches Gebiet hinein.

Vielleicht sollten wir sie also graue Linie nennen? Oder rote Linie, vom Blut, dass über diese Grenze und das Recht zu bleiben, oder zu kommen schon vergossen wurde?

Im Zelt der Völker arbeiten wir die letzten Tage an unserer eigenen Grünen Linie, wir pflanzen Pinien entlang des Zauns, der Dahers Weinberg begrenzt. Diese Bäume brauchen wenig Wasser und wachsen auch in steinigem Gelände. Ihre Wurzeln werden Erosion verhindern und die Zweige den Wind abmindern. Sie betreiben Photosynthese und bekämpfen damit den Klimawandel. Genug Bäume können sogar das Mikroklima verändern und Regen anziehen! Wo Bäume gepflanzt werden, wird das Land bearbeitet, wodurch Israel das Land nicht einfach enteignen kann, da es nicht bearbeitet wird.

Außerdem ist es natürlich ein Symbol für die Entschlossenheit der Familie Nassar, das Land ihres Großvaters nicht aufzugeben. Dies ist unsere Grüne Linie.

Eine, die diesen Namen verdient.

Nachtrag: Wir pflanzen auch noch einen Wald aus Pinien, Johannisbrotbäumen und anderen Bäumen, deren Namen ich nicht kenne. Insgesamt haben wir bis jetzt 850 Bäume gepflanzt.

Im Schildkrötengarten

Gestern besuchte ich zum dritten Mal Bustan Qaraaqa, eine Permakulturfarm in Beit Sahour. Bustan Qaraaqa heißt Schildkrötengarten, was sich auf die wilden Schildkröten, die dort leben, bezieht. Es ist ein vier Jahre altes Projekt von englischen Ökologen, die auf ihrem Gelände mehrere Modellprojekte haben und mit einheimischen Bauern verschiedene Projekte durchführen, wie Bäume pflanzen.

Permakultur ist der Versuch, ökologische Systeme so nachzuahmen, dass sie bei minimaler Arbeit den maximalen Nutzen für Umwelt, Mensch und Gemeinschaft bringen, dabei wird ein systemischer Denkansatz benutzt, um alle Beteiligten zu berücksichtigen – das ist zumindest meine Definition.

Die Modellprojekte in Bustan Qaraaqa sind sehr kreativ; ich bin jedes Mal inspiriert, wenn ich vorbei komme. Seit Mai war ihr Hauptprojekt Beit Igzaaz (das Glashaus) ein Gewächshaus aus Glasflaschen und Erde. Hier wurde auch die Idee für die Toilettenwand geboren.

Die drei Male, die ich da war, haben wir an dem Dach für das Haus gearbeitet, das aus halben Plastikflaschen besteht.

Gestern haben wir zum ersten Mal versucht, es tatsächlich auf das Haus zu kriegen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Und scheiterten.

Andere Projekte auf ihrem Land sind Komposttoiletten, Aquaponicssysteme und Recycling. Alles, was Bustan Qaraaqa konsumiert, wird recycled. Organisches wird Kompost, Flaschen werden für das Haus benutzt, Dosen werden an den Schrotthändler verkauft, und viele Dinge werden einfach sortiert und warten darauf, dass jemand eine Idee hat, was man damit machen könnte.

Eine australische Freiwillige in dem Projekt hat eine sehr viel schönere und ausführlichere Beschreibung der Recyclingbemühungen in Bustan Qaraaqa auf ihrem Blog.

Ich hoffe, dass Bustan und Zelt der Völker einige Projekte zusammen durchführen können, aber selbst wenn nicht, habe ich bei den drei Besuchen schon vieles gelernt, was ich irgendwann mal anwenden will.