„Das Lager macht uns wahnsinnig“

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Wir haben Fachkräftemangel, mehr Auswanderung als Zuwanderung und niedrige Geburtenraten. Aber wir klammern uns lieber an Träume von weißen Eliten, die plötzlich gerne in Deutschland arbeiten wollen, oder Untergangsvisionen von einem sich abschaffenden Deutschland, als dass wir mit den Menschen, die wegen Krieg, Hunger, Verfolgung und Armut hierher kommen zusammen arbeiten.

Flüchtlinge haben Fußmärsche, Schlepper und deutsche Behörden überlebt und wollen immer noch eine Ausbildung kriegen und arbeiten!
Aber statt in sie zu investieren grenzen wir sie aus und hoffen, dass nicht mehr kommen.

Bei dem Vorbereitungsseminar für meinen Freiwilligendienst haben wir ein Asylheim besucht. Ich war auf vieles vorbereitet, aber nicht darauf, dort Menschen zu treffen, die seit vier Jahren in einem Lager wohnen, nicht darauf alleinstehende Männer zu treffen, die noch nie selbst gekocht haben, die Essenspakete mit fremden, teils schimmeligen Gemüsen aber irgendwie verwenden wollen, und deswegen die Küche ihres Trakts nach wenigen Tagen ruiniert haben. Die sich aus lauter Frustration verprügeln, auch weil dort Männer aus verfeindeten Nationen zusammenwohnen müssen und weil sei außer ihrem gebrochenen bis teils beeindruckend guten Deutsch keine gemeinsame Sprache haben.

Der Satz, der mir immer wieder gesagt wurde, war: „Das Asylheim macht uns wahnsinnig.“

Flüchtlinge und Völkerwanderungen gab es seit Menschengedenken. Wieso glauben wir, wir könnten dieses natürliche Verhalten aufhalten? Und warum erkennen wir das gewaltige Potential dieser Leute nicht an?

Hier gibt es eine Petition, um wenigstens Kindern, die in Asylheimen wohnen müssen, ein besseres Leben zu verschaffen.

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Einfach schreiben.

Das steht seit der neuen WordPress Version am rechten unteren Rand der Vollbildmodus.

Abgesehen von dem insgesamt sehr eleganten Design der neuen Version 3.2.1 motiviert mich gerade diese Kleinigkeit dazu, wieder mehr zu schreiben.

Nicht zu lange über Formulierungen und mögliche Missverständnisse nachdenken (oder Verständnisse, die mich in Erklärungsnöte bringen..), sondern einfach schreiben.

Warum streiten sich Linke und (evangelikale) Christen eigentlich immer?

Zwischen der politischen Linken (nicht der Partei, die den Namen übernommen hat, als stünde sie für alle Linken, dazu später mehr) und vielen Christen, besonders in evangelikalen Kreisen herrscht tiefe Feindschaft. Sind die einen für die Wahlfreiheit zur Abtreibung, dann sind die anderen für das Leben (also gegen Abtreibung, warum ist eigentlich nie jemand dagegen, dazu später was). Mehr christliche Werte in der Politik, oder mehr Trennung von Staat und Kirche. Die Beispiele sind mannigfaltig.

Worauf ich aber hinaus wollte, ist: Eigentlich sind sich beide ziemlich ähnlich. Bis in die kleinsten Details.

  1. Beide haben Erlöserfiguren (Marx und Jesus) und Endzeits- („Apokalypse“ und „Weltrevolution“), sowie Erlösungsvorstellungen („klassenlose Gesellschaft“ und „neuer Himmel und neue Erde“, „das neue Jerusalem“)
  2. Beide haben diesen Anspruch die Welt zu verbessern, denken aber auch, dass die Welt in den Abgrund geht.
  3. Beide haben einen gewissen Hang zum Fatalismus. (dialektischer Materialismus und Gott als Herr der Geschichte)
  4. Beide meinen, dass eigentlich alle anderen Leute besser täten, ihre Wahrheit anzunehmen.
  5. Beide spalten sich über Lehrmeinungen dauernd auf und benutzen ihre Macht größtenteils dazu die anderen Splittergruppen zu diskreditieren.
    (Stalinisten, Leninisten, Maoisten, Trotzkisten, Anarchisten, darunter: rote Anarchisten, grüne Anarchisten, rosa Anarchisten in der Kirche vor allem seit der Reformation: Lutheraner, Calvinisten, Reformierte, Mennoniten, Amish, Mennoniten-Brüder, Baptisten, Southern Baptists, … heutzutage heißt fast jede Gemeinde unterschiedlich!)
  6. In beiden wählen die Splittergruppen Namen, die implizieren, sie verträten alle aus der Gesamtgruppe (DIE Linke, katholisch (allumfassende), orthodox (rechtlehrend), evangelisch (glauben die anderen nicht an die Gute Nachricht?) Baptisten (taufen nicht alle Christen?) )
  7. Beide definieren sich stark über Abgrenzung: anti-faschistisch, -kapitalistisch, -klerikal, -sexistisch und Absprechung des Heils anderer Christen z.B.: „Der Papst ist der Antichrist“, weitverbreiteter anti-Kommunismus.
  8.  Beide wollen zwar die Massen erreichen, haben aber Berührungsängste mit allen, die nicht ihrer Lehrmeinung sind und treten mit diesen nur in Beziehung, um sie zu verändern, ja nicht, um selbst verändert zu werden.

Wahrscheinlich ist der letzte Punkt der, der dafür gesorgt hat, dass beide ihr Ziel immer noch nicht erreicht haben.

Warum ich?

Für eine Zeltfreizeit in ein paar Tagen muss ich zwei Themeneinheiten vorbereiten: „Nachfolge Christi“ und „Vorbilder des Glaubens“ nach tagelangem Ringen bin ich jetzt mit „Vorbilder des Glaubens“ fertig geworden, wobei mir einiges über mich selbst klar werden musste und ich mich immer wieder fragte, ob das außer mir irgendjemand hören will. Vielleicht haben andere Leute ja gar nicht so große Schwierigkeiten mit sich selbst und brauchen keine Vorbilder. Vielleicht ist sind meine Vorbilder (Dorothy Day und St. Martin von Tours) eine zu starke Fokusierung auf den sozial-diakonischen Teil des Christentums?

Nach einigen Gesprächen mit Freunden habe ich jedenfalls dieses Thema heute beendet.

Nur um in noch größere Konflikte zu kommen.

Will ich wirklich 12-14 Jährigen davon erzählen, wie es ist Jesus nachzufolgen? Wovor habe ich mehr Angst? Das sie mir nicht zuhören und das alles blöd finden, oder dass sie mir zuhören und ihre Eltern das blöd finden? Überhöhe ich dabei nicht vielleicht die Nachfolge Christi in etwas unglaublich Radikales, dass man nicht tun kann, ohne alles andere hinter sich zu lassen?

Tatsächlich glaube ich, dass Nachfolge radikal sein muss, aber dass kann ich doch keiner Jugendlichen erzählen, die noch 4-6 in die Schule gehen soll. Soll sie radikal sein? Ich denke schon.

Ich erinnere mich an die Momente, in denen mir klarer wurde, dass Nachfolge mein ganzes Leben erfordern wird. Auf Freizeiten. Als ich „Ich muss verrückt sein, so zu leben“ las. In verschiedenen Predigten. Als ich kochen lernte und merkte, wie befreiend es ist. Beim CPT-Treffen in Berlin. Auf Freakstock.

Und ich erinnere mich, wie ungesund ich fast jedes Mal damit umgegangen bin. Ohne Freunde, die sich für dasselbe interessierten, und mit gigantischen, unpraktischen Ideen im Kopf war ich von dem Wissen um die Notwendigkeit radikaler Nachfolge nur gelähmt. Ich träumte von großen Experimenten und tat gar nichts und fühlte mich deswegen schlecht. Ich merkte, dass ich alleine nichts tun könnte, aber anstatt mich auszustrecken und Gleichgesinnte zu suchen, isolierte ich mich und lehnte Leute ab, weil sie „nicht radikal genug“ waren.

Will ich, dass es den Jugendlichen auch so geht?

Erst seit kurzem fühle ich mich von großen Visionen befreit und habe das Gefühl in kleinen Schritten in die Nachfolge zu treten. Das hat aber auch damit zu tun, dass ich jetzt nicht mehr zur Schule geh und mir aussuchen kann, was ich als nächstes mache. Aber was erzähl ich denen jetzt? „Wartet 4 Jahre, dann könnt ihr Jesus nachfolgen? Das kanns ja nicht sein.

Der nächste Punkt ist noch schlimmer:

Kann ich diesen Kindern überhaupt von Nachfolge erzählen?

Ich weiß nur, dass Jesus Nachfolge dauernd einfordert, aber was das jetzt genau heißt, darüber hab ich viel gelesen, aber gelebt?!

Ich habe jetzt mit einem anderen Mitarbeiter geredet, der mich bestärkt hat, auch meine Schwächen zuzugeben und mit dem ich das Thema wohl zusammenhalten werde.

Gnade gegen Spende

Freakstock 2011_PC-81

Letzte Woche war ich auf Freakstock, dem jährlichen Festival der Jesus Freaks. Es war eine großartige Erfahrung und ich frage mich, warum mich niemand vorher dahin geschleppt hat… Genau diese Gemeinschaft an alternativen, fröhlichen Christ_innen habe ich lange gesucht und nun vielleicht endlich ein paar davon getroffen.

Es gab dort viel Schönes und Inspirierendes, aber das spannendste waren die Volksküche und die Band Psalters. Bei der Volxküche wurde tagsüber gekocht, sodass abends zusammen gegessen werden konnte. Eingeladen waren alle, zum Essen, wie auch zum Schnibbeln, Würzen und Spülen. Außerdem war das Vokü-Zelt ein Ort der Begegnung, am dem ich einen großen Teil der Zeit während des Festivals verbrachte und spannende Menschen kennenlernte.

Die Psalters sind eine Band aus Philadelphia, USA Turtle Island, die liturgische Texte mit Punk-Folkmusik mischen und sich als Nomaden verstehen. Ich kannte sie vor Freakstock nicht und bin immer noch sehr begeistert von dieser Musik, den Musiker_innen und ihren Konzerten (sie haben von vier Tagen 3(!) mal gespielt).

Was mich aber an diesen zweien am meisten überzeugt hat, war, dass beide einzig und allein auf Spendenbasis funktionierten. Bei der Vokü stand eine Kasse und man warf hinein, was man wollte. Der Stand der Psalters war immer besetzt und man konnte sich an Alben und Patches nehmen, was man wollte, gegen eine Spende beliebiger Größe. Es gab keine festen Preise und man gab so viel, wie man konnte und das Projekt unterstützen wollte. Man konnte auch gar nichts geben.

Diese Praxis hat mich zum Nachdenken gebracht und schließlich kam ich im Gespräch mit Freunden auf diese These: „Gnade gegen Spenden“ (Der Satz ist ein leider Anglizismus, „grace for donations“ und ich freue mich über bessere Übersetzungsvorschläge).

Was bringt mich zu diesem Gedanken? Gnade ist ein Wort mit dem viele Leute etwas vollkommen Unverdientes verstehen und auch zu recht. Die Gnade, die Gott uns anbietet können wir durch nichts verdienen. Egal, wie fromm unsere Lebensführung wäre, oder wie viel Frieden wir stiften würden; nichts kann die Gnade erkaufen – abgesehen davon, dass wir diese Dinge wohl kaum ohne Gott tun könnten. Das Konzept von der unverdienten Gnade erlöst uns aus dem Zwang „Gutes“ zu tun, der allzu schnell für einen höheren Zweck die Mittel heiligt. Es erlöst uns von Schuldgefühlen und zeigt uns, dass wir so angenommen sind, wie wir sind. Das ist die Predigt, die Rev. Vince Anderson uns in seinem Konzert über Gottes all-inklusive Liebe hielt.

Aber. Es gibt immer ein aber. Die Stärken eines Konzepts werden zu Schwächen, wenn sie ihr subversives Element verlieren, Allgemeinplätze werden und andere Wahrheiten verdrängen.

So ist es auch hier. Ich bin kirchenhistorisch nicht bewandert genug, um die genauen Ursachen für diesen Umschwung zu sehen, aber sagen wir einfach, die Tradition der Gnade hat die Tradition der Werkgerechtigkeit besiegt, und mit ihr auch alles verdächtig gemacht, was nach Werken aussieht. Wer auf die Notwendigkeit christlicher Werke hinweist und Zweifel daran hegt, dass alles, was Christ_innen nach ihrer Bekehrung tun sollen, lobpreisen und anbeten und keinen Sex vor der Ehe haben ist,  gilt bei manchen schon fast als Ketzer.

Da so aber auch schon die Propheten genannt wurde, lasse ich mich nicht stören.

Ich denke, Werke sind wichtig, vielleicht sogar essentiell – gleichzeitig kann man sich die Gnade nicht verdienen. Wie also soll man diese Dialektik auflösen?

Hier kommen die Spenden ins Spiel.

„Gnade gegen Spenden“ heißt, jede nimmt sich was sie braucht und gibt was sie kann. Manche brauchen mehr und geben scheinbar nichts, manche können wenig annehmen, meinen aber viel geben zu müssen. Manche geben anders, so wie bei der Vokü manche Essensspenden mitbrachten, oder Gemüse schnibbelten, während andere „nur“ einen 5€-Schein in die Kasse legten. Durch das Annehmen der Gnade kann man diese weitergeben und auch so etwas zurückgeben, wie manche begeistert von den Psalters erzählten und so Leute zu ihrem Konzert brachten, die später viel Geld für CDs gaben.

Diejenige(n), die die Kosten tragen und sich auf ein solches Konzept einlassen (sei es die Vokü auf einem bescheidenen Niveau, oder die Psalters, die tatsächlich mehr oder weniger von Spenden für ihre Musik leben, oder letztlich Gott, der sich und den Kosmos der Menschheit komplett ausgeliefert hat) brauchen ein gewaltiges Maß an Vertrauen gegenüber den zunächst bloßen Konsumenten.

Aber gerade durch dieses Vertrauen fühlen sich die Konsumierenden wahrgenommen und haben die Möglichkeit dieses Vertrauen zu bestätigen und Teil der Bewegung zu werden, die durch die Gnade ausgelöst wurde. Manchmal wird das Vertrauen auch enttäuscht, so wie als die Vokü 100€ im Minus war (ich hoffe es hat sich noch ausgeglichen), aber dadurch werden sich die Begnadigten erst ihrer Verantwortung bewusst und können sie wahrnehmen.

Eine letzte und spannende Gemeinsamkeit zwischen Gnade und dem Konzept der Schenkökonomie (zu der man das „gegen Spenden“ Prinzip zählen kann) ist, dass es vielen Menschen unglaublich schwer fällt, beides anzunehmen. Wir sind so gewohnt, dass alles einen festen Austauschpreis hat, dass man alles messen kann, dass Pflichten erfüllt werden können und müssen, dass es uns unmöglich und unerträglich erscheint, dass es etwas anderes gibt. Die Gnade erschreckt den gefallenen Menschen, weil er alles einteilen will, genau messen und ordnen will.

Ein solches Maß an Reich Gottes ist für das System höchst erschreckend. Zu Recht.