José de San Martin und sein Patron

In Argentinien findet man in jeder Stadt Denkmal fuer den Unabhaengigkeitskaempfer (oder aus spanischer Perspektive Terrorist) José de San Martin, oder zumindest eine nach ihm benannte Strasse.

Seinen Namenspatron kennt aber niemand: Sankt Martin, roemischer Offizier und dann Kriegsdienstverweigerer, weil er nicht „miles Caesaris“ – „Soldat des Kaisers“, sondern „miles Christi“ – „Soldat Christi“ sein wollte; derselbe, der den Mantel mit dem Obdachlosen teilte und mit dem Kreuz bewaffnet den Germanen entgegenzog, derselbe, dessen wir alljaehrlich mit dem Martinsumzug und den leckeren Martinsmaennchen gedenken, – ihn kennt hier niemand.

Und ihn Deutschland kennen die wenigsten mehr als die Mantelteilungsgeschichte – wenn sie nicht nur kamen, um Laternen zu tragen, Lieder zu singen und Hefemaennchen zu essen.

Gastfreundlichkeit und tanzende Indianer

Freitag mittag fuhren wir schlieslich (bloede nicht deutsche Tastatur!) los und gegen Abend trafen wir unsere Gastgeber in Formosa: Ana und Quito, die sich als alte, lebensfrohe US-Amerikanische Missionare herausstellten, die eigentlich Gretchen (!) und Keith hiesen und uns Unbekannte wie alte Bekannte empfingen.

Beim Abendessen fanden wir heraus, dass wir beide in Gemeinschaften gelebt hatten und, dass ihre Tochter kurz vor Micky einen Freiwilligendienst in der Herberge in Asunción  gemacht hatte – zusammen mit der unseren Neugier ueber ihre Arbeit mit den Indianern (ich bleibe bei der falschen Bezeichnung, denn indigene Bevoelkerung ist einfach umstaendlich und Indio ist wirklich verletzend) hatten wir genug Gespraechsstoff.

Als die anderen – und ich eigentlich auch – schlafen gehen wollten entdeckte ich, dass sie Shane Claibornes Buch „The Irresistible Revolution“ (auf deutsch: Ich muss verrueckt sein so zu leben) hatten und da wir nur zwei Tage dort bleiben wollten hatte ich auch eine Beschaeftigung fuer die Nacht…

Irgendwann ging ich dann doch schlafen und als Micky mich wachruettelte war es Samstag. Wir fruehstueckten und gingen dann auf einen Stadtspaziergang.

Argentinien ist viel sauberer als Paraguay, oder lag es an den Wahlen, die am Sonntag stattfinden sollten?

Am Abend gingen wir zu einem Indianergottesdienst – eine ganz andere Art des Lobpreises: Die ganze Gemeinde tanzte zu den Liedern, die – nicht so indianermaesig – auf Keyboards gespielt wurde. Wenn sie zum Gebet stillstanden dampften ihre Koerper vom Schweiss, waehrend die Temperatur bei 15°C lag.

Es gab noch einen Geburtstag und Micky gruesste die Gemeinde von unsere Gemeinde in Bammental (Gruesse zurueck!) und um Mitternacht, vier Stunden nachdem der Gottesdienst begonnen hatte, beeilten sich die Leute in ihre Haeuser zu kommen.

In Formosa redeten wir noch bis halb zwei und ich las bis halb vier.

Am Sonntagmorgen gibt es in den Wintermonaten keinen Gottesdienst in den Indianergemeinden und weill war Wahl war nirgends sonst; so war wieder Zeit zu reden, ich konnte Shanes Buch fertig lesen und Ana & Quito bei der Wahl einer Digitalkamera beraten.

Zum Mittagessen waren wir bei dem Ehepaar eingeladen, das die Bibeluebersetzung in die Sprache der Toba  ueberwacht – auch wenn sie selbst nur wenige Brocken Toba sprechen. Auch sie hatten in einer Gemeinschaft gelebt und wir hatten wieder einige interessante Fragen zu klaeren: Wie kam man auf den Gottesnamen in Toba? (In der alten Uebersetzung war es einfach „Dios“ – also der „spanische“ Gott; in der Neuauflage wollten sie kein einziges spanisches Wort und nach einigem Hin- und Her entschied man sich fuer „Macher von Allem“) Wie geht das Maerchen vom Dauemling? Wieso haben wir von der Hausgemeinschaft keinen Namen?

Unser Bus ging um fuenf Uhr zehn und so machten wir uns auf zu packen und wurden mit einer herrlichen Imitaiton des indischen Englisch von dem Bibeluebersetzungskoordinator verabschiedet, der seine ersten paar Jahre in Indien gelebt hatte.

Ana und Quito ueberhaeuften uns mit Essen fuer die Busfahrt und schmuggelten sogar noch einige Brote in unsere Taschen,  von denen wir immer noch zehren. Am Busbahnhof verabschiedeten wir uns herzlich von unseren neugewonnen grosselterlichen Freunden, die sich gefuehlt hatten, als waeren ihre Kinder zu Besuch gewesen – wie kann man in zwei Tage eine solche Beziehung aufbauen? Es ist mir unbegreiflich.

Die naechsten sechzehn Stunden fuhren wir durch weite Ebenen nach Salta, La Linda genannt…

Reisevorbereitungen und Spontanietät

Wie mein alter Herr schon richtig bemerkt hat, ist Micky vorgestern um 10:10 Uhr sicher angekommen.

Dieser Eintrag kommt reichlich spät, sie ist schon über den Jetlag (Düsenverzögerung) hinwegkommen und gestern haben wir unter anderem die Herberge „El abrigo“ (Der Mantel) besucht, wo vor zehn Jahren als Freiwillige gearbeitet hat – die anderen haben dort auch freiwillig gearbeitet, wurden aber besser bezahlt.

Heute frönten wir mit Wiensens der Völlerrei: „rennende Pizza“ (also so viel Pizza wie man essen kann), bis zum Umfallen, Robert und ich sehnten uns schon lange danach…

Jetzt sind es noch knapp fünf Stunden bis wir zum Busbahnhof fahren, um den Nachtbus nach Encarnación (Fleischwerdung) zu nehmen: sechs Stunden Busfahrt – ich hoffe wir können einigermaßen schlafen.

In Encarnación werden wir die Jesuitenreduktionen besichtigen, wo die „Gesellschaft Jesu“ zwischen 1610 und 1767 einen frühsozialistischen Staat führten, in dem es keinen Privatbesitz noch Geld gab und die Guaraniindianer vor den Spaniern geschützt waren: kein Spanier durfte „das Reich Gottes in Paraguay“ betreten. Diese Utopie hielt, bis der spanische König ihnen die Gunst entzog und die Guarani waren wieder Beute für die Sklavenjäger.

Danach geht es weiter in die Nähe von Formosa, wo wir eine Indigena-gemeinde (fälschlicherweise Indianer genannt – Unterscheidung: Sie mögen kein scharfes Essen!) besuchen werden.

Dann fahren wir 17 Stunden bis an den Fuß der Anden nach Salta, wo wir frierend die Schönheit der Anden bewundern werden.

Dann wieder ewig zurück fahren und zu den Sümpfen von Ibera – hoffentlich regnet es nicht, damit wir überhaupt hinkommen…

und schließlich wieder nach Asunción.

alte strecke

so alle Pläne sind über den Haufen geschmissen, wir fahren erst morgen, die verlorenene Zeit holen wir dadurch auf, dass wir direkt nach Formosa, dann nach Salta, dann zu den Sümpfen und dann nach Encarnación fahren – ungefähr ein Tag weniger im Bus und eine Nacht länger in einem richtigen Bett – oder bei mir Matratze (Micky hat mein Zimmer um sich von der Düsenverzögerung zu erholen).

neue Strecke

Sollte ich Zeit und Muße haben, werdet ihr hier auch auf der Reise auf dem Laufenden gehalten – und wenn nicht… eben nicht.

Vermisste Gelegenheiten

Heute hatte ich eine Verabredung mit einigen Leuten von Jugend mit einer Mission, die ich bei ihrem Theaterstück in Ñandejara kennengelernt hatte. Gut, es war eigentlich für Kinder, aber ich ließ mich davon nicht beirren. Hier zwei Bilder von ihrem Programm:

christliche Muppets

Bibelverse auswendiglernen

Sie besuchen alle Schulen im Umkreis von Limpio (mehr als 60!) und machen Anspiele, um den Kindern Jesus näherzubringen. Dieses Mal ging es um Worte, und die Kraft, die sie über uns haben.

Die Kinder lachten sich kaputt und auch ich kam auf meine Kosten.

Nach dem Theaterstück unterhielt ich mich ein wenig mit den Missionaren und Benjamin (ja, er heißt genau wie ich!) lud mich ein heute mit ihnen rumzufahren.

So holte mein Namensvetter mich dann heute Mittag bei strömendem Regen von meinem vorherigen Termin ab und erklärte mir als erstes, dass Programm falle bei Regen aus.

Ich wollte schon nach Hause gehen, aber er lud mich in sein Haus ein und so verbrachte ich einen schönen Nachmittag mit den YWAMlern (Youth with a mission – Jugend mit einer Mission). Es war ein wenig wie zu Hause: er ist Spanier, seine Frau Engländerin, die Freiwillige, die bei ihnen lebt, ist US-Amerikanerin und dann lebt noch ein paraguayischer Freiwilliger dort. Wir sprachen English, ich fand heraus, dass er der Neffe vom Pastor der Mennonitengemeinde in Barcelona ist, wo ich vor drei Jahren bei der MERK (Mennonitische Europäische Regionalkonferenz) war, und die Amerikanerin hat auch Mennoverwandte – kleine Mennowelt. Zum Glück waren sie und ich zu schlecht in Familiengeschichte, um unsere Verwandschaft irgendwo in Holland vor 400 Jahren festzustellen.

Nach ungefähr einer Stunde Unterhaltung musste die Engländerin wieder in Ñandejara ihre Muttersprache unterrichten und wir anderen machten uns auf den Weg zu ihrem „Hauptquartier“, einer schäbigen Lagerraum, fünfzig Meter weiter.

Dort türmte ich mit der Amerikanerin Erin Aufgabenblätter für ihr Missionsprogramm zu Zwanzigerstapeln und erfuhr mehr über ihre Arbeit und Leben, virtuell gesagt, die Adresse ihres Blogs.

Dann richtete ich Benjamin einen Facebookaccount ein, seine Unkenntnis von Technik war niedlich, und er brachte mich zur Bushaltestelle, damit ich nicht im Schiffen laufen musste.

Es war ein toller Tag und ich freue mich die Bekanntschaft dieser Leute gemacht zu haben, aber warum erst jetzt? Ich hätte sie schon vor langem kennen lernen können und viele Abenteuer mit ihnen erleben können!

Aber ich war zu schüchtern und naiv genug zu glauben, die Leute kämen auf mich zu, weil ich so unglaublich interessant bin.

Kritik der reinen Langeweile

Heute ging ich ein letztes Mal zu dem Ort, an dem ich in den letzten Monaten, die meiste meiner wachen – und ein wenig schlafende – Zeit verbracht habe: Centro Educativo Ñandejara.

Ich wollte einen Beweis für die dort verschwendete verbrachte Zeit in Form eines Dokumentes mit Unterschrift, Stempeln und wer weiß wenn ich Glück hätte auch wächsernen Siegeln.

Leider war sie noch damit beschäftigt, als ich kam, und so konnte ich ihr nur mein Abschiedsgeschenk geben: Die Kritik der reinen Langeweile. Lächelnd nahm sie diese entgegen und ich erklärte ihr die Anspielung auf Kant, um nicht von vornherein die Gunst zu verlieren.

Wir unterhielten uns dann noch ein bisschen über die Probleme an der Schule, was ich hier gelernt habe, meine Haare, und einen Streit, der in meiner Ex-Klasse tobt.

Meinen Beweis bekam ich aber nicht und so muss ich in der nächsten Zeit dann nochmal kommen, um das Kapitel Ñandejara zu schließen.

christlicher Busfahrer Eine Stellenanzeige für Busfahrer – natürlich im Bus. Voraussetzungen: 25-35Jahre alt sein, Führerschein, Geburtsurkunde, etc besitzen, Fahrerfahrung und ein guter Christ sein.

So viel zu Religionsfreiheit im Berufsleben.

Auf der anderen Seite sind hier alle „Christen“: Sie leben zwar nicht danach, aber sie sind „Christen“, von daher hat nur der ehrliche Atheist, Muslim, Buddhist, Jude, oder was man auch sonst sein mag ein Problem.

Haltet einfach den Mund!

Das dachte ich mir mehrmals als ich am Samstag auf dem Jubliäumskonzert von Teocracia war. Die Bands spielten nämlich ganz gut, nur die Sänger waren schrecklich.

Meine Theorie ist, dass eine Gruppe, wenn sie keinen guten Sänger findet und nicht kreativ genug ist gute Texte zu schreiben, einfach beschließt so hart wie möglich zu spielen und nur zu schreien – dann versteht niemand die Texte und (fast) alle sind zufrieden.

Aber es ist auch schwer Death oder Black Metal zu christlichen Themen zu machen; irgendwann wird es langweilig, wenn man das zehnte Lied über spirituelle Kriegsführung hört und es eigentlich mehr um die Dämonen geht als um Jesus…

Aber was soll man von einer Band namens „Demonodecapitologia“ – „Lehre vom Dämonenköpfen“ schon erwarten?

Haarneid! stolzer Metalvater Amen ja, das ist ein Mann Sword Halt den Mund!

Ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben Mt 25:35

CPT Reservisten haben zusammen mit Aktivisten von „No more deads, no mas muertos“ an der Grenze zwischen Mexiko und USA für Einwanderer Wasserbehälter aufgestellt – und wurden jetzt wegen „bewusstem Müll hinterlassens“ angeklagt.

Unglaublich, wie das Gesetz von den Mächtigen verdreht wird.

Und das wahre Nachfolge Jesu auch in „freien“, „demokratischen“ und „christlichen“ Nationen wie den USA immer noch verfolgt wird.

Hier findet sich der Bericht auf der Webseite von CPT, die sich nun auch in meiner Linkleiste befindet.

CPT steht für Christian Peacemaker Teams und ist eine Nichtregierungsorganisation, die durch eine Rede von Ron Sider vor 25 Jahren auf der Mennonitischen Weltkonferenz in Straßbourg ausgelöst wurde. In dieser stellte Ron die Frage: „Was würde geschehen, wenn Christen sich mit derselben Disziplin und Aufopferung für gewaltloses Friedensstiften hingeben würden, wie Armeen sich dem Töten hingeben?“

Sie machen es sich zur Aufgabe sich zwischen Unterdrücker und Unterdrückten zu stellen – „Getting in the way“.

Heutzutage sendet CPT ständige Aktivisten nach USA, Kolumbien, Irak und Palästina und hat zeitweise Einsätze in anderen Gefahrenzonen, wie der Demokratischen Republik Kongo.

Ein guter Freund von mir macht diesen Sommer einen CPT-Einsatz in Palästina – ich bin gespannt was er berichten wird, vor allem, weil ich selbst überlege mal bei CPT einzusteigen.

Jetzt werden mich meine Eltern nie mehr aus dem Haus lassen, wenn ich erst wieder zu Hause bin. 😀

Schule aus!

Nach fast viermonatiger Tortur war gestern mein letzter Schultag.

Frisch geduscht und mit Kamera bewaffnet kam ich in Ñandejara an. Wie jeden Freitag versammelten sich die oberen Klassen zum Flaggen hissen und während wir warteten, bemerkte ich, dass ich die Batterien für die Kamera vergessen hatte. Während ich noch versuchte von Klassenkameraden einen Ersatz auszuleihen, bemerkte ich eine Klassenkameradin, die auf der Tribüne verschwörerisch mit einer Lehrerin tuschelte und dabei immer wieder zu mir schaute.

Wenig später wusste ich, was sie getuschelt hatten: Ich wurde nach vorne gerufen, sollte ein paar Worte sagen, was ich nutzte, um meinen Mitschülern die Schuld daran zu geben, dass ich nicht wie erwartet fröhlich über das Ende meiner Zeit in Ñandejara war, und schließlich beteten sie noch für mich und meine Reise.

Dann ging es in den fast normalen Unterrichtsalltag, aber jeder Lehrer wollte noch einige letzte Worte an mich richten. Den ganzen Tag über signierten Schüler und Lehrer meine Schuluniform, bis man keinen freien Platz mehr finden konnte, weshalb mein vierjähriger Gastbruder kurzer Hand in zehn Zentimeter großen Lettern über die anderen Unterschriften schrieb. Die Lösung eines Mitschülers sah dagegen so aus, einfach auf meinen Nacken und meine Arme auszuweichen…

Meine Klasse hatte eine Torte organisiert; aber bevor wir sie anschneiden durften, musste ich ein Bonbon, das hineingesteckt war, mit dem Hand herausfischen – angeblich eine paraguayische Tradition. Naiv, wie ich nun mal bin, tat ich wie mir geheißen und gerade als ich es versuchte drückte man meinen Kopf hinein, die ganze Nase versank in Tortenschaum.

Zum Glück hatte ich morgens noch die Nase gewaschen und so konnten wir denn Rest dann noch essen, wobei der massenhaft vorhandene Schaum viele Gesichter verzierte.

Um halb sechs war der Schultag schließlich zu Ende, wir machten ein Klassenfoto und nach einem kleinen Abenteuer war ich stolzer Besitzer von 140 an diesem Tag geschossenen Fotos.

Ich verabschiedete mich von allen und ließ mir Emailadressen geben, um wenigstens virtuell Kontakt halten zu können.

Es ist schon seltsam, da gehe ich jeden Tag zur Schule und werde vor Langeweile fast verrückt und doch bin ich ein wenig traurig nicht mehr dort hinzugehen.

Aber am Montag muss ich nochmal hin, wenn auch nicht in den Unterricht – ich muss meine Bescheinigung abholen, dass ich all die Zeit „regelmäßig die Schule besucht habe“.

Und jetzt habe ich 11 Wochen frei, unterbrochen nur vom ersten und letzten Schultag in der Klasse 11c.

Noch ein Wort an alle Neider: Selbst mit dieser langen freien Zeit hole ich nicht all die Ferienzeit und Feiertagszeit von euch ein, ganz zu schweigen von der Zeit, die ich mehr Unterricht hatte als ihr.

Und wozu geht man denn ins Ausland, wenn nicht um frei zu haben?!